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von KathysSong    erstellt: 21.06.2009    letztes Update: 03.09.2010    Geschichte, Romanze / P12    (fertiggestellt)
A/N: Von langer langer Zeit trug eine gewisse Ilmare den Wunsch nach einem PWP an mich heran, Ich kann einfach keine PWP schreiben, sie entwickeln immer ein fürchterliches Eigenleben. Wie diese Geschichte hier. Was als PWP begann, wuchs sich schnell zu einer kompletten Geschichte aus. Einer Geschichte, die mir ziemlich ans Herz gewachsen ist. Es brauchte dann noch eine gewisse Storm{X}Padmé, die mir den endgültigen Schubs zur Veröffentlichung gegeben hat. An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön!!

Natürlich gibt es viele Aussagen über Craigs Privatleben, aber er hat es letztlich doch immer geschafft, sein Privatleben für sich zu behalten. Aber logischerweise gilt: Dies ist Fiktion und keine Realität. Um es mit den Worten Geoffrey Chaucers zu sagen: I'm a writer, I give the truth scope!

Warnings: Das Sue-O-Meter wird ausschlagen, da jede Menge Self-Insertion auftauchen wird.

Disclaimer: Alle Personen gehören nur sich selbst, ich borge sie mir nur und möchte mit dieser Story kein Geld verdienen (auch wenn ich es eigentlich gut gebrauchen könnte).




Müde klammerte sich Dana an ihre Kaffeetasse und öffnete das Outlook. Dienstagmorgen, eine neue Arbeitswoche hatte soeben definitiv zu früh begonnen. Warum mussten die Wochenenden vor einer vollgepackten Woche eigentlich immer so anstrengend sein? Wie immer hatte sie nicht widerstehen können und war am Samstag im Bermuda-Dreieck verloren gegangen; mit der Konsequenz, dass ihr Schlafrhythmus durcheinander geraten war und sie ein kleines Defizit davon getragen hatte. Noch nicht einmal der Tag der deutschen Einheit, der in diesem Jahr auf einen Montag fiel und somit die Arbeitswoche verkürzte, hatte helfen können.

Mechanisch überflog sie ihren Posteingang, sortierte im Kopf die Wichtigkeit der e-Mails und wechselte dann in den Posteingang ihres Chefs. „Müll... kann warten... ah, sehr gut“, murmelte sie vor sich hin, als das Telefonklingeln sie störte. Felix Mobil erschien auf dem Display. Richtig, er musste auf dem Weg zum Flughafen sein und hatte bestimmt Langeweile ihm Auto, die sie ihm als pflichtbewusste Assistentin nun zu vertreiben hatte.

„Krematorium Ofen 4“, meldete sie sich.

„Einen wunderschönen guten Morgen“, trällerte es in ihr Ohr.

„Was ist an diesem Morgen wunderschön?“ Es war das übliche Geplänkel zwischen ihnen, das sie – wenn sie ehrlich sich selbst gegenüber war – heiß und innig liebte. Felix wusste, dass sie zu Wochenbeginn in der Regel eine ganze Kompanie an Schlümpfen gefrühstückt hatte und machte sich gerne einen Scherz daraus, den Morgenmuffel, der sich als seine Assistentin entpuppte, damit aufzuziehen.

„Die Tatsache, dass ich heute erst um zehn Uhr im Flieger sitzen muss, weil das Meeting in München erst um ein Uhr anfängt, ist wunderschön“, konterte er in Anspielung auf ihre Gewohnheit, ihn liebend gerne mit unchristlichen Abflugzeiten zu konfrontieren.

„Herr Doktor...“ fauchte sie in den Hörer.

„...ich hab Hysterese, kann man da was gegen tun?“, nahm er ein weiteres Spielchen von ihnen auf. Müde stützte sie den Kopf auf ihre Hand und lauschte den Fahrgeräuschen aus dem Auto. Es verwunderte sie, dass er so sonnige Laune hatte, denn sie hatten in der vergangenen Woche eine Menge harter Arbeit in das bevorstehende Meeting gesetzt; ein wichtiger Auftrag stand ins Haus und da durfte nichts schief gehen.

„Hast du denn alles dabei?“, gähnte sie schließlich.

„Ich hab die Präsentation, ich hab den Laptop und ich habe...“ Er unterbrach sich fluchend.

Sofort war sie hellwach. „Was hast du nicht?“ Wenn er auf diesem Niveau fluchte, war die Lage ernst... sehr ernst.

„Ich hab die Prototypen nicht dabei, die liegen noch in meinem Büro.“ Ein dumpfes Geräusch war zu hören. Entweder hämmerte er gerade seinen Kopf gegen das Lenkrad oder er hatte sich besonnen und nur mit der flachen Hand darauf geschlagen – was bei seinen üblichen Tempo 180 auch wesentlich klüger gewesen wäre.

„Felix Jürgen Westphal!“, entfuhr es ihr. Das konnte nicht sein! Sie hatten nicht lange Abende im Mechanik-Labor gesessen, sich die Finger wund gewickelt und Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit die Prototypen noch vergossen werden konnten, nur damit er sich vergessen würde.

„Du musst zum Flughafen und sie mir bringen“, überging er die vollständige Erwähnung seines Namens und somit die Tatsache, dass sie sauer auf ihn war.

„Bleibt mir etwas anderes übrig?“ Ein Königreich für eine Zigarette. Ihr Blick fiel auf die Uhr. Wunderbar, es war gerade mal 8:12 Uhr und die Woche begann schon mit einem Paukenschlag.

„Schwing die Hufe... bitte“, meinte er nur und legte auf.

Dana schnappte sich ihre Handtasche, hastete ins Büro eine Tür weiter, raffte die Prototypen zusammen und rannte aus dem Büro. Sie konnte nur hoffen, dass die Autobahn frei war...

~*~



Es war doch schön, wenn der pure Automatismus die Kontrolle über den eigenen Körper übernommen hatte. Beine, die einen dahin trugen, wo man hinwollte und Augen, die sich gerade noch so offen hielten, damit man nicht irgendwo gegen lief  – Craig war dankbar. Irgendwann in einem anderen Leben war er in Neuseeland ein Flugzeug gestiegen, um zur Ring*Con nach Deutschland zu fliegen. Eigentlich lebte er zur Zeit in England, aber er hatte im Theater unerwartet zwei Wochen probenfrei gehabt – eine fiese Grippe hatte die eine Hälfte des Casts erwischt und an weitere Proben für ein Stück namens „Serial Killers“ war nicht zu denken gewesen. Er hatte die freie Zeit genutzt und war dem europäischen Herbst entflohen. Ein paar Tage Sonne und Erholung in Auckland waren genau das gewesen, was er gebraucht hatte.

Die zwei Wochen Ausspannen waren aber mittlerweile komplett verflogen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Flieger hatte gewaltige Verspätung gehabt und schnell war ihm klar geworden, dass er seinen Anschlussflug, wenn überhaupt, nur mit der Aufstellung eines neuen Sprintrekords würde erreichen können. Vorsichtshalber hatte er alle Glücksgötter, die es gab und die er kannte, angefleht, ihm wohlgesonnen zu sein, aber offensichtlich hatten sie seine Bitten nicht erhört. Vielmehr schienen sie aus irgendeinem Grund wütend auf ihn zu sein, denn sie hatten beschlossen, einem Passagier, der zwei Reihen vor Craig saß, einen Herzanfall zu bescheren. Man hatte in München landen müssen, um den Mann schnellstens adäquat medizinisch versorgen zu können. In München... Craig knirschte jetzt noch mit den Zähnen, da seine Reiseplanung damit komplett über den Haufen geworfen worden war.

Irgendwie hatte er es geschafft, eine alternative Flugroute zu ergattern, nachdem er der Flugbegleiterin sein Leid geklagt hatte. Er würde von München nach Düsseldorf fliegen und von dort aus weiter nach London, um am Dienstag wieder bereit für die Proben zu sein. Stress war Craig nicht fremd, aber er verzichtete gerne darauf, wenn er sich vermeiden ließ. Allein der Gedanke, am kommenden Wochenende wieder auf Mark zu treffen, hielt ihn aufrecht.

Er hatte sich sogar dazu durchgerungen, Fortuna eine Zigarette zu opfern. Immerhin war sie eine weibliche Göttin und würde seinem Charme schlecht widerstehen können, so dachte er. Nun... sie konnte es, denn sie bescherte auch dem Flieger aus München eine deftige Verspätung und verschaffte Craig den nächsten heftigen Adrenalinschub des Tages. Vielleicht meinte sie auch nur, dass ihm etwas mehr Sport gut tun würde, denn auch den Anschlussflug in Düsseldorf würde er nur noch erwischen, wenn er an der Grenze zur Lichtgeschwindigkeit zum Gate hetzen würde.

Endlich ruckelte das Kofferband an. Müde starrte Craig es an und hielt Ausschau nach seinen Koffern. Irgendwann hatte er mal etwas über „Murphys Gesetz“ gelesen, es aber als Mythos abgestempelt. Als ausgerechnet seine Koffer dann jedoch als eine der letzten auftauchten, beschloss er, dass Herr Murphy nicht ganz unrecht gehabt hatte, was ihn Craig nicht gerade sympathischer machte. Mit einem grimmigen Lächeln wuchtete er die Koffer auf einen Trolley und startete durch. Zeit war etwas, das er im Moment nicht hatte. Genau genommen war es an der Grenze des Machbaren, dass er sein Flugzeug erwischen würde. Aber er wollte sich nicht noch vorwerfen, dass er es nicht wenigstens versucht hätte...

~*~


Mit dem Handy am Ohr rannte Dana quer über den Flughafen. Noch war Felix nicht durch den Sicherheitscheck, die Zeit drängte aber.

„Felix, könntest du dich etwas präziser ausdrücken?“, flehte sie gerade. Seine Wegbeschreibung war nicht gerade hilfreich und die Geräuschkulisse des Flughafens erforderte ihre ganze Konzentration, um die Satzfetzen, die ihr Ohr erreichten, zu verstehen. Ihre Absätze klackerten über den Boden, ausgerechnet heute hatte sie unbequemes Schuhwerk erwischt. Sneakers wären hilfreicher gewesen, elegantes Joggen sah jedenfalls anders aus.

Ihre Augen glitten beim Rennen über die Hinweisschilder und sie konnte nur hoffen, dass der Flughafen logisch ausgeschildert war. Immerhin hatte sich Felix nun zu einer konkreten Wegbeschreibung durchringen können, vielleicht würde sie es noch schaffen.

Flughäfen entwickelten sich zu einem natürlichen Feind von Craig. Die Durchsagen klangen verzerrt an sein Ohr, sodass er sich nur noch zusammenreimen konnte, welche Informationen gerade angesagt wurden. Er bremste kurz vor einer Abflugtafel ab und suchte schnell das Gate heraus, von dem er abfliegen würde. Seine Koffer würde er durch den Check direkt bis zum Flieger bringen, das war bereits besprochen. Immerhin etwas, nickte er. Seine Augen weiteten sich jedoch, als er sah, dass sein Flug bereits aufgerufen worden war.

Hektisch suchten seine Augen den Sicherheitscheck für sein Gate. Am gegenüberliegenden Ende der Halle sah er ihn endlich. Den Blick fest darauf gerichtet rannte er wieder los. Er konnte es noch schaffen, wenn nicht...

Danas Sprint wurde abrupt gestoppt, als sie heftig zu Boden gestoßen wurde.  Ein scharfer Schmerz schoss durch ihr rechtes Fußgelenk und raubte ihr für einen Moment den Atem. Verwirrt sah sie, was sie gerade zu Fall gebracht hatte – sie war mit einem Trolley kollidiert. Der Trolley gehörte zu einem dunkelhaarigen Mann, der sie entsetzt anstarrte.

Craig hatte erst im letzten Moment bemerkt, dass etwas von der linken Seite auf ihn zugeschossen kam. Er hatte einen Zusammenprall noch vermeiden wollen, aber es war zu spät gewesen. Mit voller Wucht knallte sein Trolley gegen eine Frau, die durch den Aufprall unsanft auf dem Boden landete. In einem reinen Reflex griff sie sich an ihren Fuß und sah ihn ungläubig an.

„Verfluchte Scheiße, kannst du nicht aufpassen?“, machte Dana ihrem Ärger Luft. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände, er schien kein Wort verstanden zu haben. Hilflos zuckte er mit den Schultern. Sie seufzte, auf ein munteres Ratespielchen, welcher Sprache er mächtig war, hatte sie nun wirklich keine Lust. Englisch schien ihr eine gute Wahl zu sein, und so fauchte sie ihn umgehend in dieser Sprache an.

Gegen seinen Willen war Craig beeindruckt. Der Fluch, den sie ihm da um die Ohren haute, war nicht von schlechten Eltern und zeugte von einer vertieften Kenntnis der englischen Sprache. Er hielt ihr die Hand hin und zog sie hoch.

„Danke“, knurrte Dana, setzte vorsichtig ihren Fuß auf und zuckte mit schmerzverzogenem Gesicht zusammen.

„Hast du dich verletzt?“, fragte Craig besorgt.

„Ich glaub, ich hab mir den Knöchel verknackst.“ Sie atmete tief durch und stützte sich auf den Trolley. In ihrer Hand hielt sie immer noch ihr Handy, das noch die Verbindung zu Felix aufgebaut hatte. Stimmt, da war ja noch was, fiel ihr wieder ein. „Felix? Wir haben ein Problem“, seufzte sie in den Hörer.

Craig blinzelte verwirrt, die Frau sah ziemlich mitgenommen aus. Das Wort „Problem“ hatte er auch so verstanden; er focht einen Kampf mit sich aus. Sie schien Hilfe zu brauchen, ihre Miene verriet puren Stress, aber sein Flug... Offensichtlich diskutierte sie mit ihrem Gesprächspartner und ihre Stimme wurde zusehends hitziger.

„Ich weiß nicht genau, wo ich stehe, aber es wäre hilfreich, wenn du mir entgegen kommst, ich kann nicht mehr laufen“, argumentierte Dana gerade gereizt. Aus dem Augenwinkel war nahm sie wahr, dass der Mann neben ihr gestikulierte. „Warte mal, Felix.“ Fragend sah sie Mr. Unachtsam an.

Er war Beobachten gewöhnt und was er sah, gefiel ihm nicht. „Kann ich dir helfen?“ Craig konnte einfach nicht aus seiner Haut, sein Kollisionsopfer war wohl in Schwierigkeiten. Sie war sich mehrmals nervös mit der Hand über die Stirn gefahren und sie hatte begonnen, an ihrer Unterlippe zu knabbern.

„Ich muss zum Sicherheitscheck, mein Chef wartet dort auf mich und sein Flieger geht gleich. Wie willst du mir da helfen?“ Ihre Stimme troff vor Ironie.

Ein breites Lächeln überzog sein Gesicht. „Da muss ich doch auch hin.“ Ehe Dana sich versah, hatte er sie auf seinen Trolley gezogen. „Ich bringe dich!“, meinte er nur und spurtete wieder los.

Dana wollte sich lieber nicht vorstellen, was für ein Bild sie da boten, als der Trolley mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf den Sicherheitscheck zuhielt. Felix schien es innerlich zu zerreißen, aber das scherte sie jetzt nicht wirklich. Hektisch machte sie ihrem Chauffeur ein Zeichen, dass sie an ihrem Ziel angekommen waren.

Felix kniff die Augen zusammen und rechnete damit, dass der Trolley jeden Moment gegen sein Schienbein krachen würde. Es gab nur wenige Momente, in denen ihn Dana noch wirklich überraschen konnte; aber warum in aller Welt sie auf einem Trolley hockte und von einem ihm völlig unbekannten Kerl auf Kollisionskurs mit ihm durch die Gegend geschoben wurde, erschloss sich ihm nicht sofort.

Im letzten Moment brachte Craig seine Fracht zum Halten und musterte den Mann vor sich. Er war nur ein bisschen kleiner als er selbst, ein Sakko lag über seinem Arm und über der Schulter, die in einem leicht zerknittertem Hemd steckte, hing eine abgewetzte, schwarze Ledertasche. Sein Blick wanderte zwischen seinem Kollisionsopfer und dem Mann hin und her. In welcher Beziehung standen die beiden zueinander? Sein Blick fiel auf die linke Hand des Mannes; ein breiter silberner Ring steckte am linken Ringfinger. Automatisch glitt Craigs Blick auf die Hände der Frau. Auch sie trug einen silbernen Ring am linken Ringfinger. Er war zwar etwas schmaler, aber für Craig war die Sachlage damit klar. Sie konnten nur verheiratet sein.

Felix war der Blickwechsel nicht entgangen und ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Der Chauffeur seiner Assistentin war so einfach zu lesen wie ein offenes Buch. Nachdenklich musterte er denn Mann. Endlich mal einer, der nicht bedeutend größer war als er selbst, er konnte ihm problemlos in die Augen schauen. Er kniff die Augen zusammen und musterte dann Dana. Insgeheim war er immer auf Männerjagd für sie, sie war die Einzige des Teams, die nicht in festen Händen war; und wenn Felix ehrlich war, hätte er sich gefreut, wenn sie auch mal wieder jemanden hätte, der auf sie wartete, wenn sie abends nach Hause käme. Dieser Kerl käme für Felix jedenfalls in die engere Wahl.

Dana kramte unterdessen ihre Umwelt ignorierend in ihrer Handtasche nach den Prototypen. Erst Felix riss sie aus ihrer Sucherei. „Du bist wirklich dekadent geworden!“, grinste er. Fragende Augen blickten ihn über ihren Handtaschenrand an. „Du lässt dich durch die Gegend schieben?“

Sie atmete tief durch und schluckte eine grob unhöfliche Bemerkung herunter. Stattdessen überging sie diese Bemerkung und reichte Felix wortlos die Prototypen. „Wunderbar, du hast dran gedacht!“, lobte er sich überschwänglich.

„Nein, ich fahre morgens gerne zum Flughafen, hetze über selbigen und lasse mich dann über den Haufen fahren, damit die Zeitplanung für heute so richtig ins Wanken gerät!“, fauchte sie los.

Craigs Augenbraue war mittlerweile fast in seinem Haaransatz verschwunden. Seine Vermutung wurde gerade bestätigt. So, wie die Beiden miteinander umgingen, konnten sie nur verheiratet sein. Jedenfalls fauchte die Frau ihren Gegenüber in einem Tonfall an, der nur unter Eheleuten üblich sein konnte. Zudem hatte sie ihm noch etwas Merkwürdiges in die Hand gedrückt, das Craig nicht identifizieren konnte. Er konnte lediglich hoffen, dass sie mit diesen Gegenständen keinen Anschlag planten.

Dana fiel auf, dass ihr Trolleyschieber ziemlich verwirrt aussah. Natürlich, er verstand kein Wort von dem, was sie da gerade mit Felix sprach. Schnell wechselte ins Englische und erklärte Felix ihr Missgeschick. „Er versteht kein Deutsch“, fügte sie noch hinzu.

Schnell hatte auch Felix in eine halbwegs verständliche Sprache gewechselt – auch, wenn sein Englisch beinah an Vergewaltigung grenzte. Er erklärte ihm, was Dana ihm da gerade ausgehändigt hatte und wozu es gut war.

Craig hörte nur Lambdawerte, Oszilloskop und verstand die Welt nicht mehr... irgendwie ging es um Teile für Autos, aber der Rest der Ausführungen blieb ihm verborgen. Okay, er würde nicht sterben, wenn er es nicht verstand und nickte so mit einem neutralen Lächeln.

Abrupt beendete Dana das Gespräch, als ihr Blick auf die Uhr fiel. Felix war definitiv viel zu spät dran und auch ihr Doktor wurde nun extrem sportlich werden müssen, wenn er seinen Flieger noch erreichen wollte. „Du musst los! Toi Toi Toi und viel Erfolg! Melde dich zwischendurch mal, bitte“, forderte sie ihn auf.

Felix konnte nicht widerstehen. Er ging zum Trolley und umarmte Dana zum Abschied. Über ihre Schulter hinweg warf er dem Mann einen eindeutigen Blick zu, bevor er sich umdrehte und durch den Sicherheitscheck ging.


Dana schüttelte den Kopf,  hopste von dem Trolley runter und verkniff sich ein schmerzliches Aufstöhnen. Klasse, ihr Fuß war definitiv verstaucht, das hatte ihr heute noch gefehlt. Wie sollte sie jetzt wieder zurück ins Büro kommen, ohne dabei auf illegale Schmerzkiller zurückzugreifen?

Schnell war Craig an ihrer Seite und zog sie auf den Gepäckwagen zurück. Seinen Flug hatte er gerade verpasst, wie ihm ein Blick auf die Anzeigentafel offenbarte. Über seinen weiteren Weg nach London konnte er sich nun ausgiebig Gedanken machen. "Wir sollten die Rolltreppe da vorne nehmen", deutete er.

„Autowalk", korrigierte sie automatisch.

„Bitte wie?" Fragend hob er eine Augenbraue.

„Das ist keine Rolltreppe, sondern ein Autowalk", erklärte sie aus reiner Routine. Wer seine kaufmännische Ausbildung in einem Betrieb absolviert hatte, der Rolltreppen produzierte, sah die Welt diesbezüglich mit anderen Augen.

Er musterte sie nachdenklich von der Seite; irgendwie faszinierte sie ihn. Sie kannten – und von kennen war eigentlich nicht wirklich die Rede – sich gerade erst einmal geschätzte zwanzig Minuten und sie hatte ihn schon mehr als einmal überrascht.

Gottergeben seufzte sie und ließ sich von ihm auf dem Gepäckwagen erneut durch die Gegend schieben. Gab es morgens um 10 Uhr etwas Besseres? Abgesehen von selig im Bett liegen und vielleicht sogar noch eine Runde zu schlafen? Grimmig sah sie den Kerl an. Glückwunsch, die Arbeitswoche war erst zwei Stunden alt und er hatte es geschafft, ihr diese zu versauen.

Craig hing seinen Gedanken nach, als er den Trolley auf den Autowalk wuchtete und erst einmal nicht mehr Gefahr lief, irgendwelche Leute zu verletzen. Müde stützte er sich auf den Griff des Trolleys auf. Was für ein Tag, mittlerweile war er seit knapp dreißig Stunden unterwegs, weil er aufgrund der Verspätung des Fliegers aus Neuseeland seine Anschlussflüge in Deutschland verpasst hatte – und dann fuhr er auch noch Menschen über den Haufen. Schlafen wäre eine verdammt gute Idee.
Aber Moment einmal, war er wirklich allein an ihrer Lage schuld? Sie war ihm doch völlig kopflos vor den Trolley gerannt. Bei dem Gedanken wurde er wütend. Sein Blick verfinsterte sich, als er sich aufrichtete und sie fixierte. Endlich hatte er einen Schuldigen für all das gefunden, das schief gelaufen war, seit das Flugzeug neuseeländischen Boden verlassen hatte.

„Ist es in Deutschland eigentlich üblich, dass man nicht schaut, wo man hinrennt?“ fragte er spitz.

„Wie bitte?“ Dana traute ihren Ohren nicht und richtete sich auf dem Trolley zu ihrer vollen Größe auf.

„Wer hat denn nicht nach links und rechts gesehen und ist kopflos zum Gate gerannt? Ich war es nicht!“ Seine Augen schossen Blitze in ihre Richtung.

Für einen kurzen Moment war Dana verwirrt, als sie in seine Augen blickte, selten hatte sie in ein so klares Blau gesehen. Rasch schob sie ihre Reaktion auf den Adrenalincocktail, der noch in ihrer Blutbahn tobte. Der Kerl konnte sich eigentlich glücklich schätzen, dass sie nicht nach seiner beeindruckenden Nase griff, nur um sie dann genüsslich unter den Kammträger des Autowalks zu schieben und sie zerquetschen zu lassen.
„Und wer hatte einen Tunnelblick und ist wie ein Idiot über den Flughafen gerannt?“ zischte sie. „Offensichtlich kennt man da, wo du herkommst, Höflichkeit nicht, ich warte immer noch auf eine Entschuldigung.“

Etwas in Craig machte ‚ping’. Wenn es eins gab, was er abgrundtief verabscheute, waren es Momente, in denen Menschen die grundlegende Höflichkeit vergaßen – und diesen Punkt hatte sie gerade erreicht. Sie kannte ihn nicht und unterstellte ihm einfach irgendwelche Sachen. Ohne besondere Vorsicht ruckelte er den Trolley vom Autowalk und schob ihn zielstrebig zu einer nahegelegenen Bank.

Was war das eigentlich für ein Vollpfosten, an den sie da geraten war? Ein britischer Gentleman war er jedenfalls nicht; dazu passte sein Akzent auch gar nicht, fiel ihr auf. Die Aufforderung mit der Bank war unmissverständlich und wenn sie ehrlich war, war das seine zweite gute Idee an diesem Tag. Sie ließ sich vom Trolley gleiten und humpelte ohne sich umzudrehen zu der Bank. Seufzend ließ sie sich darauf nieder und kramte das Handy aus ihrer Handtasche, um im Büro anzurufen. Autofahren ging mit dem Fuß nicht, einer der Jungs würde sie abholen müssen.
„Akku leer“ blinkte sie ihr Handy an, bevor es sich verabschiedete. Großartig, gab es noch so etwas wie Münztelefone? Der perfekte Tagesbeginn.

Wutentbrannt hatte Craig seinen Trolley weitergeschoben. Kein Dank, kein Blick zurück, willkommen in Deutschland, dem Land der ewig Nörgelnden.
Ein paar Schritte weiter war seine Wut allerdings so schnell verraucht, wie sie in ihm hochgelodert war. Er war einfach nicht der Typ, sich lange mit negativen Gefühlen herumzuschlagen, das widersprach einfach seiner Art. Bestimmt würde es ihn nicht töten, wenn er sich für seine Unachtsamkeit entschuldigte. Denn sie hatte recht gehabt: Craig neigte zum Tunnelblick, wenn er unter Stress stand.
Er drehte sich um und sah zur Bank. Mit schief gelegtem Kopf beobachtete er, wie die Frau ihr Handy wütend in ihre Tasche schleuderte und dann darin etwas suchte. Frauen und ihre Handtaschen... unwillkürlich fragte sich Craig, wie sie sich darin zurechtfanden. Endlich war sie fündig geworden und zauberte eine Zigarettenschachtel aus der Tasche hervor. Sie öffnete sie und sah stirnrunzelnd hinein, bevor sie ihren Kopf wieder in die Tasche steckte und sie erneut durchwühlte.

Hatte sie etwa ihr Feuerzeug nicht wie üblich in die Schachtel gesteckt? Was soll’s, in den Untiefen ihrer Handtasche hatte sie bestimmt noch das eine oder andere Ersatzfeuerzeug. Sie suchte... und suchte... und suchte... bis ihr der Faktor X an diesem Morgen wieder einfiel: Wochenbeginn. Frustriert wollte sie gerade die Schachtel zurück in ihre Tasche pfeffern, als ihr jemand von der Seite galant Feuer anbot. Dankend nahm sie an und verschluckte sich beinah am ersten Zug, als sie sah, wer ihr da Feuer gegeben hatte.

„Ich tausche Feuer gegen eine Zigarette?“, fragte er mit einem schiefen Grinsen. Seine letzte Zigarette hatte er Fortuna geopfert. Wortlos hielt sie ihm die Schachtel hin und konnte sich nicht verkneifen, den Rauch in seine Richtung zu pusten. Er überging diese kleine Provokation, fischte nach einer Zigarette und ließ sich dann neben ihr auf der Bank nieder. Schweigend rauchten sie sich an.

„Also, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber alles in mir schreit nach einem Kaffee“, brach er schließlich das Schweigen. Sie beugte sich über ihn zum Aschenbecher hinüber, der neben der Bank stand. Ihr Parfüm stieg ihm in die Nase; unbewusst hatte sie sich mit einer Hand auf seinem Oberschenkel abgestützt, um nicht noch von der Bank zu rutschen.

Zu spät fiel Dana auf, dass sie viel engen Kontakt zu seinem Körper hatte. Hastig zog sie ihre Hand zurück und sah ihn betont beiläufig an. „Das klingt doch mal nach einem vernünftigen Vorschlag.“ Sie deutete auf einen Starbucks in der Nähe. „Was hältst du von einem doppelten Koffeinkick?“

Er lächelte sie an. „Ich hätte nichts dagegen“, meinte er und hielt ihr dann seine Hand hin. „Craig, übrigens.“

Automatisch ergriff sie seine Hand. „Dana.“ Um sich lange Erklärungen zu ersparen, sprach sie ihren Vornamen auf die englische Weise aus.

„Dana? Das erklärst du mir bitte beim Kaffee.“ Craig war von Natur aus neugierig und es interessierte ihn, warum eine Deutsche einen englischen Vornamen trug.
 
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