Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
«
»
von StormXPadme    erstellt: 21.06.2009    letztes Update: 09.10.2009    Geschichte, Abenteuer / P18    (fertiggestellt)
2



Verabschiede dich.

Wusste sie es? Vermutlich. Jene Mutanten ohne telepathische Fähigkeiten in Westchester hatten meistens die nervige Angewohnheit, einen am besten zu durchschauen.
Verabschieden. Sich Lösen. Hinter sich Lassen.
Vielleicht das Einzige, was er nicht tun konnte. Er konnte weitermachen. Er konnte ganz gut leben, auch ohne das, was ihm mehr fehlte als er das je erwartet hätte. Aber dieses Kapitel abschließen, mit dem Herzen, nicht nur dem Verstand… Das war zuviel verlangt. Vielleicht darum die Träume, selbst nach Monaten noch. Immer wieder dieser eine Moment, in dem er alles hätte anders machen sollen und nichts hatte anders machen können. Die Wellen, die über Jeans hilflosem Körper zusammenschlugen, der Aufschrei der Angst in seinem Geist, der Schmerz, dieses letzte kurze Aufbäumen der Wut in ihrer Seele, bevor es dort dunkel geworden war… Es war ein kurzer Kampf gewesen, aber sie hatte ihn jede einzelne Sekunde davon spüren lassen, und er wusste bis heute nicht, ob es nur ein Unfall gewesen war, mit ihren neuen Fähigkeiten, die sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unter Kontrolle gehabt hatte… Oder ob es Absicht gewesen war. Ob sie ihn hatte bestrafen wollen… Wofür? Dass sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte? Jedenfalls hatte sie ihm ein bleibendes Andenken hinterlassen. Und vielleicht war das nur gerecht. Er hatte damals versagt, er tat gut daran, das nicht zu vergessen. Als er nur sporadisch geträumt hatte, war es in Ordnung gewesen. Mit dem ersten Schritt unter die Dusche waren solche surrealen Bilder meist verschwunden gewesen.
Wenn sie allerdings anfingen, einen an jedem einzelnen Tag zu verfolgen, war es Zeit, etwas zu ändern. Er musste diese Sache endlich hinter sich lassen. Jean würde nicht zurückkommen, egal wie oft er sich jeden Augenblick mit ihr, jede einzelne kostbare Sekunde der Zuneigung in Erinnerung rief. Ihre Gefühle für ihn… Und das, was da in ihm für sie da gewesen war. Er gab Dingen nicht gerne Namen. Aber es war wichtig gewesen. Wichtig genug, um es nicht aus den Augen verlieren zu wollen, obwohl es längst jegliches Leben verloren hatte. Sah er sie darum am Ende von jedem dieser Träume mit diesem Leuchten, das auch ihre letzten Sekunden begleitet hatte? Nur dass dieses nichts mehr Faszinierendes an sich hatte. Es war grell, blendend. Ihre Haut glitzerte gräulich, ihre Augen schwarz und tot. Ihre Arme waren in einer Geste der Zerstörung zum Himmel gerichtet, während die Dinge um sie herum zu Staub zerfielen. Eine Dämonin, ein Schatten ihrer selbst- ein Leichengesicht. Das, was sein Festhalten an der Vergangenheit aus ihr machte. Er sollte sich lieber an die guten Zeiten erinnern. Was wollte er überhaupt bei Alkali Lake? Das war auch nur ein Grab, genau wie dieses hier. Er war nie der Typ für dramatische Auftritte gewesen. Erinnern konnte er sich an anderen Orten. Bei anderen Gelegenheiten. Er musste hier weg, das schon, aber er brauchte im Grunde einfach nur eine Auszeit, eine Zeit für sich, in der Jean zu einer Erinnerung werden würde. Zu einer schöneren als kreischende Dämonen in seinem Schlaf, die mit wahnsinnigem Gelächter ganze Planeten in Flammen aufgehen ließen.
„Tut mir leid, Rotschopf.“ Hatte er gerade laut gesprochen? Es musste wohl so sein, denn dieses verdammte Federvieh drüben auf dem Baum stob kreischend auf. Er war sich selten so dumm vorgekommen wie jetzt, als er in seiner Übermüdung schon mit Steinen zu sprechen begann, aber auf eine gewisse Weise… hinterließ es eine Ruhe in ihm, die er lange nicht verspürt hatte. Mit den verklärten Vorstellungen irgendwelcher Glaubensrichtungen konnte er nichts anfangen, aber in diesen Sekunden, als eine monatelange Verkrampfung in ihm sich löste… Da fühlte er, genauso instinktiv, wie er atmete, witterte, jagte, lebte… Dass ihm zugehört wurde. So still war es auf einmal, nicht einmal mehr der Vogel gab sein nerviges Tschirpen von sich, selbst der Wind hatte aufgehört, der seit Wochen ununterbrochen über dem Anwesen tobte. Irgendwo, ein paar hundert Meter entfernt im Wald hielt ein junges, unerfahrenes Reh auf seiner morgendlichen Flucht vor seinem Schatten inne. Sie hörte ihn. Auf irgendeine abgehobene Weise, die er nicht verstehen musste. Er musste es nicht hinterfragen. Es reichte ihm, es zu wissen.
Er ließ seine Hand kurz über den Grabstein gleiten, dort, wo der durch die Blätter an den knorrigen Ästen gefilterte Sonnenschein ein abstraktes Muster auf diese acht einfachen Buchstaben malte, bis diese vor seinen Augen zu einem ganz anderen Namen verschwammen. Einem Vornamen ohne Nachnamen, der vielleicht nie auf einem Grabstein stehen mochte, je nachdem, wie sich seine Mutation noch entwickeln mochte. Angesichts der fühlbaren Kälte des Marmors zuckte er auf der Stelle zurück. Das hier war… nichts. Es war leer und tot wie das gestaute Wasser im See von Alkali Lake. Die Zeit mit Jean würde auf andere Weise in ihm präsent bleiben. „Ich glaube nicht, dass ich noch einmal herkomme. Lass uns…“ Er zog scharf die Luft ein, als hätte ihm etwas die Haut verätzt, als irgendetwas in seinem Bart kitzelte, etwas Kleines, Feuchtes. Und nicht einmal auf den Wind konnte er es gerade schieben. Auch das war wohl in Ordnung. Jean hatte sich immer auf seine Stärke verlassen, aber sie hätte auch nicht gewollt, dass er überhaupt nicht in Trauer an sie dachte. „Lass uns einfach nicht vergessen, wo wir aufgehört haben.“
Er konnte sehen, als würde er neben sich stehen, wie seine Haltung in sich zusammenfiel. Wie eine Spannung wegging, die ihn seit Monaten beherrschte und noch ein paar von diesen störenden Gästen seinen Bart durchtränkten… Und es war okay. Er hatte nicht gewusst, wie sehr er es vermisst hatte, durchzuatmen. Eine Zigarre wäre jetzt wirklich großartig gewesen. Mit einem kurzen, tiefen Aufseufzen schloss er die Augen.

Die hasserfüllte Fratze seines Dämons lächelte ihn verzerrt an. Leere Augen durchbohrten ihn, hinterließen wunde Brandmale auf seiner Seele, eine eisige Hand der Angst schloss sich um seine Kehle.
Du…‘

Mit einem erschrockenen Aufkeuchen riss Logen die Augen wieder auf, aber die Stimme in seinen Ohren wollte nicht verstummen. Der anklagende Schrei wurde lauter, begann seinen Namen zu rufen, in dieser schrillen, viel zu hohen Tonlage, die seine Trommelfelle zum Platzen bringen wollte. Ein Schmerz, der mit jeder Sekunde realer wurde. Der ihn verteufelt an Alkali Lake erinnerte, als er dem Tod näher als je zuvor gewesen war. Auch jetzt zwang ihn dieser unerträgliche Druck eines psychischen Einflusses in die Knie, bevor er noch begriff, was los war. Bevor er endlich begriff, in wachsendem, ungläubigem Entsetzen, dass das Ganze verdammt noch mal nicht nur ein Traum gewesen war.
Jean
Dröhnendes Gelächter wurde zu einem weiteren langgezogenem mentalen Schrei, so intensiv, so gellend, dass er hart seine Hände gegen seinen Kopf presste, sich hilflos nach vorne krümmte, bis seine Beine schließlich unter ihm nachgaben. Auch seine Wahrnehmung versagte. Nichts als dieses eine, verschwommene Bild tanzte vor seinen Augen, in seinen Ohren dröhnte nur dieser unmenschliche Laut. Er spürte nicht den feuchten Untergrund, auf dem sich sein Körper unkontrolliert wand und würde erst später entdecken, dass er sich den Kopf so hart an der scharfen Kante des Grabsteins angestoßen hatte, dass Blutflecken dort zurückblieben. Erst, als ihm selbst ein unbeherrschter Schrei über die Lippen kam, als er sie anfuhr, aufzuhören, zu verschwinden… Da wurde es still. Viel zu still.
So sehr, dass er sich erfolgreich hätte vormachen können, sein Unterbewusstsein hätte ihm nur einen Streich gespielt. Wenn er es nicht besser gewusst hätte. Wenn er sie nicht verdammt noch mal gerade gefühlt hätte. Jean… Ihre Stimme… Und diese andere, völlig wahnsinnige… Nachdem er kurzzeitig der festen Überzeugung war, er wäre aus seinem letzten Albtraum gar nicht erst aufgewacht, musste er sich eingestehen, als er sich langsam aufrichtete, dass sich das nasse Gras unter seiner Jeans doch verdammt real anfühlte. Es war auch niemand in der Nähe, der ihm diesem grausamen Streich hätte spielen können. Mystique wäre die erste gewesen, die ihm eingefallen wäre. Aber es war kein Fremder da, jedenfalls niemand, den seine Sinne ertasten konnten. Was passiert war… war nur in seinem Kopf gewesen. Das dafür umso realer. Egal wie sehr er sich einzureden versuchte, dass er es sich eingebildet haben musste. Natürlich, das musste er… Er hatte sie verdammt noch mal sterben gefühlt. Es konnte nicht sein…

‚Logan…‘

„Jean?“ Seine eigene Stimme zitterte, als endlich dieses eine Wort seine tauben Lippen verließ, nicht mehr als ein kraftloses Flüstern. Eine Tonlage, die er hasste. Ein heiseres, unsicheres Lachen entfuhr ihm. Schnell erhob er sich, mit zitternden Knien. Was machte er da? Versuchte er wirklich gerade mit einer Toten zu sprechen? Dieses ganze Friedhofsgetue musste ihn angesteckt haben. Himmel, er brauchte wirklich dringend Urlaub.

‚Logan… Hilf mir…‘ Diesmal rief die Stimme in seinem Kopf nicht nur. Sie schluchzte, atemlos und unkontrolliert. Und sie war da. ‚Hilf mir…
Nein! Geh! Hau ab!‘

Jean!“ Jetzt war erneut er es, der schrie, fassungslos- unfähig zu begreifen, was hier vor sich ging. Nur ein mühsames Festhalten am Grabstein verhinderte, dass er wieder zusammenbrach, als dieses höhnische Lachen zurückkam, diese andere Stimme, die so gar nicht nach Jean klang… Und die doch ihre war. In Sekundenschnelle steigerte sich der Schmerz in seinem Kopf wieder zu diesem Ausmaß, bis kein klarer Gedanke mehr möglich war und nur noch dieser Sturm aus Verwunderung, Angst und auch Wut übrig blieb. Wut auf den, der dafür verantwortlich war, was immer hier geschah. Jean lebte… Sie musste ihn seit Monaten schon rufen- in seinen Träumen... Und er hatte sie nicht gesehen. Genau das, wovor sie immer am meisten Angst gehabt hatte… In einem verzweifelten Versuch, den Schmerz mit roher Gewalt zu bekämpfen, riss er die Augen erneut auf, sah sich im viel zu grellen Sonnenlicht um, im Wald, in der trüben Luft über dem Anwesen… Nichts. Wo immer die Stimme herkam… Die Stimmen… Sie waren nicht in der Nähe. „Jean! Wo bist du?“

Geh! Lass mich in Ruhe…’ Sie wurde leiser, mit jedem Wort. Er verlor sie. Schon wieder.

Diesmal würde er es nicht zulassen. Was auch immer mit ihr geschah, wovor auch immer sie solche Angst hatte… Er würde sie finden. Und er hatte schon eine ziemlich gute Idee, wo er zu suchen anfangen musste.





Nach der beeindruckenden Vorführung, die man ihm im Garten geboten hatte, war Logan nur wenig überrascht, Xavier zum ersten Mal, seit er hier lebte, völlig aufgelöst vorzufinden, als er in dessen Büro stürmte. Der alte Mann klammerte sich regelrecht an den Armstützen seines Rollstuhls fest, fuhr eilig durchs Zimmer, suchte Unterlagen zusammen und tippte immer wieder eilig auf die Tastatur auf seinem Schreibtisch ein. Logan war sich sicher, dass ihn Xavier bereits bemerkt haben musste, aber erst, als er auf ihn zutrat, mit einem leisen Knurren, das er unmöglich unterdrücken konnte, sah er von seiner Arbeit auf. Hektische Flecken zeichneten seine ungesund blassen Wangen.

„Was geht hier vor?“

Xavier schüttelte sofort den Kopf, zu schnell, zu abgehakt, er konnte Logans Blick keine Sekunde standhalten. Ein vergilbtes Buch lag auf seinem Schoß, das Spuren von jahrelang angesetztem Staub auf seiner dunklen Hose hinterließ. Er blätterte so schnell darin, dass die brüchigen gelblichen Seiten verknitterten. „Ich weiß es nicht.“

„Ich glaube Ihnen nicht.” Obwohl Logan nicht viel Sinn darin sah, laut zu sprechen, wo er vollkommen überzeugt davon war, dass Xavier sowieso die Hälfte der Zeit ungefragt seine Gedanken las, tat er es jetzt, und wenn es nur war, um die deutliche Drohung in seiner Stimme mitschwingen lassen. Die Drohung, dass er sich diesmal nicht mit irgendwelchen Phrasen abspeisen lassen würde. Xavier hatte es genauso gespürt wie er. Und nicht zum ersten Mal, er brauchte keine telepathischen Fähigkeiten, um das zu wissen. „Sie haben davon gewusst. Was ist es?“

Mit einem lauten Knall wurde der tausende von Seiten dicke Wälzer zu Boden gestoßen. Xaviers Hand knallte mindestens so unbeherrscht auf seinen Schreibtisch. Nicht herrisch genug, um Logan auch nur anhalten zu lassen, aber immerhin mit mehr Energie, als der alte Weltverbesserer die ganzen letzten Monate gezeigt hatte. „Schalte einmal deinen Verstand ein, bevor du handelst, Wolverine. Ich wäre längst nicht mehr hier, wenn ich das wüsste.“

Logan biss die Zähne zusammen, stützte sich mit beiden Händen schwer auf der Tischplatte auf, das einzige, was ihn noch davon abhielt, den Kerl einfach solange zu schütteln und notfalls auch zu schlagen, bis er endlich aufhörte, Halbwahrheiten zu erzählen. „Was… zur Hölle… ist da oben… bei Alkali Lake… passiert?“ Nur die mühsam zwischen seine Wörter gepressten Pausen hielten ihn davon ab, seinem Zorn in lautem Gebrüll Luft zu machen. Dieses aufgesetzt elegante Zimmer mit den polierten Holzverkleidungen war ihm noch nie so zuwider gewesen. Jedes Bild der Schüler an den Wänden, jeder einzelne dieser Klassiker im Bücherregal, sogar die frisch geschnittenen Rosen in der hüfthohen Blumenvase mit ihrem betäubenden Gestank, alles hier ekelte ihm plötzlich an. Alles war aufgesetzt, falsch, nur eine Dekoration- eine Fassade, der er damals, bei seinem ersten Eintreffen hier, selbst noch erlegen war. Eingelullt von einer freundlichen, wissenden Stimme in seinem Kopf, die seitdem alles, was in ihm vorging, gegen ihn verwendete, wenn er nicht aufpasste. Er hatte lange nicht mehr so sehr das Bedürfnis gehabt, etwas aus jemandem heraus zu prügeln. Jean lebte. Die Frau, die ihm soviel bedeutete, die er verloren geglaubt hatte… Sie lebte. Sie brauchte Hilfe. Und dieser Mistkerl von Xavier hatte die ganze Zeit über Bescheid gewusst… Und geschwiegen…

Und er schien auch jetzt nicht bereit, mehr als unbedingt notwendig preiszugeben. Er fuhr sich wiederholt über seine Glatze, hinterließ tiefe rote Striemen seiner unbeherrscht bebenden Hände auf der dünnen Haut. Immer wieder war sein Blick auf den Monitor gerichtet, wo ein hektisch blinkendes weißes Licht auf dem ansonsten schwarzen Bildschirm verriet, dass der Computer etwas suchte, aber nicht fand. „Finde es heraus, Logan. Und sei vorsichtig dabei. Wir haben beide keine Ahnung, was da oben gerade passiert.“

„Ach, jetzt auf einmal doch wir?“ Er verschwendete Zeit. Ganz gleich, ob er gerade wieder angelogen wurde, Logan hätte längst auf dem Weg sein sollen. Mit aller Kraft unterdrückte er sein Verlangen, sich Xavier noch weiter zu nähern- es wäre eine unschöne Begegnung geworden. Er stieß sich so hart von dem Tisch ab, dass dieser zurückrutschte. Die Kante hinterließ hoffentlich mehr als nur einen blauen Fleck auf Xaviers darüber gelehntem Oberkörper, sodass Charles mit einem leisen, überraschten Aufstöhnen zurückrollte. „Vergessen Sie es. Ich finde sie auch allein.
Sie haben übrigens Post. Vielleicht sollten Sie drangehen.“ Mit einem bitteren Schnauben nickte er auf den Monitor, wo neben dem immer noch hektisch blinkenden Cursor ein einzelnes Wort erschienen war. Da schien wohl doch endlich jemand geantwortet zu haben.

Charles?

Xavier wurde einen ganzen Ton blasser, das sah er noch, bevor er sich abwandte, aber gerade hätte ihm nur wenig gleichgültgier sein können. Sollte der Kerl weiter seinen so unglaublich bedeutsamen Aufgaben außerhalb seiner Villa nachgehen, wenn er das wichtiger als seine eigenen Schützlinge fand. Logan hatte anderes zu tun.

„Hättest du es geglaubt?“, rief Xavier ihm nach, als er sich von dem erholt hatte, was immer ihn da gerade so erschreckt hatte, mit einer Mischung aus Müdigkeit und einem milden Spott in der Stimme, den Logan nur zu gut von Magneto kannte, wenn dieser sich wieder einmal über primitive Tiere ausgelassen hatte. Und viel mehr Unterschied als dass er für Xavier eine Zeitlang ganz nützlich gewesen war, gab es zwischen den beiden alten Kerlen vermutlich auch gar nicht. Das hatte Logan immer irgendwie gespürt – es hatte Gründe gegeben, warum er lange keiner Seite in diesem Krieg hatte beitreten wollen – aber an diesem Tag traf ihn die bittere Erkenntnis einmal mehr wie ein kräftiger Schlag auf eine von seinem Adamantium nicht geschützte Körperstelle. Xavier benutzte seine Leute für seine Sache, genau wie es Magneto tat. Und der tattrige Terrorist da unten in der Kanalisation war dabei sogar noch eine Spur ehrlicher. Er machte wenigstens keinen Hehl daraus.

Logan hatte gute Lust darauf, das alles auf dem Weg zu seinem Motorrad lautstark der ganzen Schule zu verkünden, aber er wusste bereits, dass er vermutlich nicht einmal mit Ororo darüber reden würde. Gerade mit ihr nicht, die sich an diesen letzten Halt in ihrem Leben verzweifelt klammerte, so manipulativ und falsch er sein mochte. Sie brauchte das, und die Kleinen in dieser Schule genauso. Es würde nur noch mehr Panik und Schmerz geben, wenn er jetzt redete, und davon hatten diese Leute in den letzten Monaten genug gesehen. Die X-Men konnten nichts für ihren Mentor, und was sie taten, war meistens immerhin doch ganz sinnvoll. Am Ende war es auch nicht seine Sache.
Jean hingegen war seine Sache. Und Xavier tat gut daran, das nie wieder zu vergessen. Sonst würde er reden. „Hören Sie endlich auf, wissen zu wollen, was andere denken. Lesen Sie ihre verfluchten Gedanken oder lassen Sie es verdammt noch mal einfach bleiben.“ Aber Logan wusste bereits, bevor er die schwere Tür hinter sich zuknallte, so hart, dass einige Holzsplitter davon wegspritzten, dass es für diese Aufforderung zu spät war.

„Logan?“ Eine dünne, erschrockene Stimme ließ ihn innehalten, bevor er zu seinem Apartment stürmen konnte. Es war nicht die von Marie, aber auf gewisse Weise war das noch schlimmer.

Vor allem, weil er ausgerechnet Katja unter normalen Umständen nicht einfach stehen gelassen hätte. Noch weniger konnte er ihr oder einem der anderen allerdings sagen, was los war, da musste er Xavier zur Abwechslung beipflichten. Zuerst musste er selbst wissen, was bei allen Sternen vor sich ging. Die X-Men und vor allem sein Kätzchen hier hatten genug Sorgen, ohne dass er sie auch noch mit auf Geisterjagd nahm. „Nicht jetzt, Cat. Ich muss los.“

„Wohin?” So teilnahmslos und zurückgezogen wie er sie in den letzten Wochen erlebt hatte, wenn er sie überhaupt mal außerhalb ihres Apartments gesehen hatte, hatte er nicht mit einer Nachfrage gerechnet und knirschte hörbar mit den Zähnen, als sich ihm diese viel zu schmale, blasse Gestalt mehr oder weniger gewollt in den Weg stellte.

Er hätte vermutlich nur einmal kräftig pusten müssen, um sie beiseite zu schubsen, aber das brachte er dann doch nicht übers Herz. Etwas zu verschweigen war eine Sache. Für offene Lügen war er gerade definitiv nicht gefasst genug. Zu sehr war da die Erinnerung an dieses kranke Lachen in seinem Kopf- und das Schluchzen. Der Hilferuf… Die Dunkelheit der Fluten, der Schmerz, dieser unerträgliche Druck in der Brust, das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen… Und dieses Lachen, immer wieder… Wenn nun… Nein. Dieser Mistkerl von Stryker war tot, das wusste er, ohne je eine Leiche gesehen zu haben. Und die Anlage da oben beim Stausee war lange verlassen. Trotzdem hatte es irgendetwas damit zu tun, und jetzt hätte er sich schwarz darüber ärgern können, dass er nicht früher auf die Idee gekommen war, da hin zu fahren. Er hätte zumindest nachsehen sollen anstatt sich hier wie ein verletzter Hund in einer Ecke zusammenzurollen und vor sich hin zu winseln. Vielleicht hätte er es dann früher bemerkt… „Irgendetwas stimmt nicht bei Alkali Lake. Der Professor hat es gefühlt.“ Das stimmte immerhin, und über alles andere konnte man reden, wenn er zurück war. Wenn er selbst schlauer war als jetzt.

Allein die Erwähnung dieses Orts, der soviel Schmerz und Trauer für die X-Men barg, reichte, um Katja sofort scharf die Luft einziehen, die Arme verschränken zu lassen, im schwachen Versuch einer Beherrschung, die sie seit Monaten nicht hatte. Nur für einen Moment schloss sie die Augen, als könnte sie so verbergen, wie sofort vereinzelte Tränen über ihre Wangen liefen, riss sie aber sofort wieder auf, mit einem weiteren deutlichen Schaudern. Mit einer Geste, die man für zufällig halten konnte, wenn man es nicht besser wusste, stieß sie mit ihrem Ellbogen gegen den Zeitschalter an der dunkel vertäfelten Wand, um das Zwielicht des schlecht beleuchteten Gangs in eine wärmere Atmosphäre zu verwandeln. Nur dass Logan jetzt nur noch deutlicher das verräterische Glitzern in ihren hellen Augen sah. Die alte Trauer, die er ihr in diesem Augenblick so gern erspart hätte, und wenn es nur war, um ein wenig von dieser sowieso schon viel zu schweren Last von ihren schmalen Schultern zu nehmen.

Er ließ es bleiben. Es hätte alles nur noch schlimmer gemacht, wenn sich am Ende die ganze Sache als Missverständnis herausstellen würde. Er wartete keine Erwiderung ab und hielt nur widerwillig noch einmal inne, als sie sich endlich zu fragen traute. Trotz der Angst davor, dass seine Antwort bejahend ausfallen würde. Er hätte sie nicht einmal mitgenommen, wenn da oben die ganz verdammte Bruderschaft auf ihn gewartet hätte.

„Sollen wir nicht mitkommen?“

„Das ist meine Sache, Kätzchen.” Logan überwand sich zu einem kurzen, schiefen Lächeln, das ebenso halbherzig erwidert wurde, und klemmte seine immer noch nicht angezündete Zigarre zwischen seine Lippen, um Katja kurz an sich heranzuziehen. Er war zu aufgewühlt und zu verdammt nervös, was ihn erwarten würde, um sich daran zu erinnern, dass er sie irgendwann, vor ewigen Zeiten, wie es schien, davor gewarnt hatte, ihn noch einmal anzufassen. Über diese Zeiten waren sie inzwischen auch lange hinweg. Und inzwischen zitterte sie auch nicht mehr, weil sie Angst haben musste, er würde ihr im nächsten Moment seine Krallen in den Hals rammen. „Pass auf dich auf.“

„Immer.“ So eilig sie es hatte, sich wieder von ihm loszumachen, ihr Lächeln wirkte gleich um einiges echter. „Du weißt doch, ich bin aus Stahl.“ Eine liebevolle kleine Neckerei, über die sie heute beide nicht mehr lachen konnten. Aber wenigstens konnte er sich so einigermaßen beruhigt auf den Weg machen.
Der Zeitschalter schien seine bescheidene Laune unterstreichen und den Geist aufgeben zu wollen und ließ es bereits wieder dunkel im Gang werden, bevor er noch die Tür seines Apartments hinter sich geschlossen hatte.





Er hätte die beiden stören, er hätte auch Logan ein paar Takte zu unerlaubten Alleingängen mitgeben können, aber welchen Sinn hätte das gemacht außer vernichtende Blicken von allen nach allen Seiten und peinlich berührtes Schweigen? Als Katja vor drei Monaten seiner Unvorsichtigkeit und seiner dunklen Vergangenheit zum Opfer gefallen war, hatte er beschlossen, diese Sache mit Logan ruhen zu lassen. Damals bei Alkali Lake war einiges nicht so richtig gut gelaufen zwischen ihnen, und dass sich Katjas Gefühle trotz dieses kleinen Ausrutschers ausschließlich auf ihn konzentrierten, daran brauchte er inzwischen nicht mehr zu zweifeln. Das war am Ende sowieso das einzige, was zählte. Deswegen riss er sich aber trotzdem nicht darum, sie gemeinsam mit Logan zu beobachten- gewisse Bilder hatten sich einfach für immer in seiner Fantasie eingeprägt, egal, wie hartnäckig er sie versuchte zu bekämpfen.
Also wartete er, bis Logan sich zurückgezogen hatte, mit mühsam unterdrückter Ungeduld, bis zur Schmerzgrenze gereizt, bevor er überhaupt erfahren hatte, was hier gespielt würde. Er würde mit Charles reden müssen- das war nicht das erste Mal, dass er in Sachen nicht eingeweiht wurde, die sein Team betrafen. Die Jean betrafen. Auch wenn Logan das gern manchmal vergaß, er hatte Jean nie aus seinem Leben gestrichen, nur weil sie nicht mehr zusammen gewesen waren. Wenn es Schwierigkeiten bei Alkali Lake gab, hatte er genauso ein Recht, davon zu erfahren wie Logan.

Aber das konnte solange warten, bis Katja nicht mehr völlig verloren im Gang herumstand, mit geschlossenen Augen, regelrecht in die Wand hineinkriechend, verloren in Erinnerungen, die eine starke Gewitterfront draußen hatten aufziehen lassen. Die dichten Wolken nahmen dem schmalen, ohnehin schon schlecht ausgeleuchteten Gang noch mehr Helligkeit. Logan hatte einmal mehr das Taktgefühl eines Mammuts bewiesen.

„Hey.“ Scott wurde erst klar, dass Katja ihn nicht kommen gehört hatte, als sie heftig zusammenfuhr, regelrecht zurücksprang, als er nur ihre Arme berührte. „Katja, hey! Schau mich an.“ Nach Monaten immer noch erschrocken darüber, wie oft das passiert, egal, wie vorsichtig er war, nahm er sie fest an der Hand, bis sie sich heftig atmend an ihn schmiegte, so verspannt, dass ihre Umarmung regelrecht schmerzte. „Ich bin hier. Alles okay.“

„Nein, ist es nicht.“ Abrupt machte sie sich wieder los, fuhr sich hektisch übers Gesicht. Dieses erzwungene falsche Grinsen tat ihm jedes Mal wieder weh. Sie verstand einfach nicht, dass er genauso wenig wie sie weiter machen konnte, als wäre alles wie früher. Als hätte es diese Schweinerei mit Avery nie gegeben. Und dass er im Gegensatz zu ihr auch keinerlei Interesse daran hatte, so zu tun, als ginge das. „Ich muss ein paar Minuten an die frische Luft.“ Sie zeigte abwesend auf ihre Reitstiefel. Immerhin wollte sie zur Abwechslung mal nicht den ganzen Tag im Schlafzimmer mit einem Buch in der Hand verbringen, das sollte er wohl positiv sehen. Wenn er nicht genau gewusst hätte, dass auch der Gang zum Stall nur wieder ein Davonlaufen vor ihrem eigentlichen Leben in diesem Haus war, an dem sie längst nicht mehr teilnahm. Wenn er nicht Angst hätte haben müssen, dass sie vom Motorrad fiel, hätte er am liebsten auf seine Pflichten hier gepfiffen und sie mit auf Logans Mission genommen. Vielleicht wäre sie dabei endlich aufgewacht.

„Willst du jedes Mal flüchten, wenn das passiert?“ Er wollte sie nicht einfach festhalten, das wäre gerade das Dümmste gewesen, was er hätte tun können, aber er konnte auch nicht schon wieder nur schweigen.

Sie zuckte trotzdem erneut zusammen, als hätte er sie geschlagen. Ihre Schultern zogen sich zusammen, als würden im nächsten Moment ihre Schlüsselbeine durchbrechen. Und es war nicht etwa Wut auf ihn, weil er das Thema nicht ruhen ließ. Es waren Schuld und Angst. Und auf eine gewisse Weise war das noch schlimmer. Es traf ihn genau an dieser einen Stelle in seinem Herzen wie ein Messerstich, genau wie damals, als er sie in der Kanalisation liegen sehen hatte, wie leise und eingeschüchtert sie in solchen Momenten klang. Als würde er ihr etwas vorwerfen anstatt ihr helfen zu wollen. „Es wird nicht mehr passieren, okay? Ich war nur kurz… Es geht mir gut. Ich bin im Stall, falls mich jemand sucht. Adora wartet schon viel zu lange auf mich. Bis später.“ Das klang endgültig, und das war es.

Scott ließ sie gehen. Er hätte nicht gewusst, wie er sie aufhalten sollte, ohne es noch schlimmer zu machen. Er war für so etwas verdammt noch mal nicht ausgebildet. Und wenn man Charles in diesen Tagen danach fragte, vor dessen Tür sich solche Szenen abspielten, ohne dass er auch nur nach ihnen beiden rief, um mit ihnen zu reden… Dann bekam man meistens etwas von Geduld und baldiger Besserung zu hören. Optimismus war nicht gerade eine Eigenschaft, die Scott in letzter Zeit zu seinen auszeichnenden zählen konnte. Abwesend ließ er seinen Blick über die Spuren von Logans Unbeherrschung auf der edel geschnitzten Tür zu Charles Büro wandern. Wie schön. Es waren ja schon so lange keine Handwerker mehr hier gewesen. Kopfschüttelnd kniete er sich hin, um die Splitter von dem hellen Teppich aufzusammeln, bevor womöglich noch eins der Kinder hineintrat, die gern barfuß durchs Anwesen liefen. Die einzelnen dreieckigen Teile waren in einer Form zu liegen gekommen, die ihn verflixt an Flügel erinnerten.


######################################

Wieder da *schüchtern in die Runde schaut*. Und ich glaub, ich muss mich mal entschuldigen, dass euch allen die düstere Stimmung im Moment so an die Nieren geht… Ich verspreche ein paar kleine Lächler zwischendurch und noch nen ganz großen in absehbarer Zukunft… Und hoffe, ihr könnt auch mit so was Düsterem ne Zeitlang leben… Ich verspreche hoch und heilig, es wird wieder besser *Hand heb*. Ich möchte euch übrigens mal sagen, dass ihr wirklich Wahnsinn seid… Wenn ich mir anschau, was ich hier für Review-Antworten schreiben darf… Es haut mich immer wieder um, wieviel Arbeit ihr in eure Rückmeldungen steckt, das is einfach das Schönste, was man sich wünschen kann. *diskret nach nem Taschentuch sucht*
«
»
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.9-7097