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von StormXPadme    erstellt: 21.06.2009    letztes Update: 09.10.2009    Geschichte, Abenteuer / P18    (fertiggestellt)
bisherige und Nachfolgeteile dieser Serie:
- Pilot: http://www.fanfiktion.de/s/4943da490000161f069003e8
- Teil 1: http://www.fanfiktion.de/s/4947fa690000161f069003e8
- Teil 2: http://www.fanfiktion.de/s/495680680000161f069003e8
- Teil 3: http://www.fanfiktion.de/s/495bb4ff0000161f069003e8
- Teil 4: http://www.fanfiktion.de/s/49734e760000161f069003e8
- Teil 5: http://www.fanfiktion.de/s/4992100f0000161f069003e8
- Teil 6: http://www.fanfiktion.de/s/49a5a7210000161f069003e8
- Teil 7: http://www.fanfiktion.de/s/49dd016a0000161f069003e8
- Teil 9: http://www.fanfiktion.de/s/4ae1a8930000161f069003e8
- Teil 10: http://www.fanfiktion.de/s/4b757c0b0000161f069003e8

Outtake:
- 'Snow angel (Storm)': http://www.fanfiktion.de/s/4bffe7450000161f069003e8


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Serie: X-Men: Weathered I
Titel: FROM THE ASHES (#8)
Titelbild: http://i296.photobucket.com/albums/mm194/stormxpadme/art/fta2.jpg
Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=oGh7dmgKlhw
Autor: Storm{X}Padmé
Disclaimer: Alle originalen Charaktere und Elemente gehören Marvel, den Rechteinhabern und allen, die dafür bezahlen. Ich geb sie ja wieder zurück, ich leih sie mir doch nur... Ich tu ihnen auch nicht weh… Jedenfalls nicht sehr *G*.
Universum: Realfilme Teil 1 und 2; Teil 3 schließe ich aus meinem persönlichen Canon aus.
Zeitlinie: ein halbes Jahr nach dem Film ‚X2‘
Zensur: Nc 17 (Gewalt)
Zusammenfassung: Ein halbes Jahr nach Jeans Tod erhebt sich aus den Fluten von Alkali Lake eine fremde Macht. Was als unfassbares Wunder beginnt, entwickelt sich rasch zu einer schrecklichen Bedrohung für die Erde... Der Kampf der X-Men wird zu einer grausamen Entscheidung zwischen Freundschaft und Pflicht...
formale Bemerkungen:
- kursive Sätze = Erinnerungen, Träume oder zur Betonung
- Sätze in ‚ ‚-Zeichen = eigene Gedanken, Telepathie oder indirekte Rede
Feedback: Ist nicht nur erwünscht sondern wird auch geknuddelt, abgeschmust, gestreichelt und George genannt :D









X-Men: Weathered I
FROM THE ASHES
(#8)




1



Seine Kleine hatte dazu gelernt.

Schon im Halbschlaf hatten Logans feine Sinne wahrgenommen, dass er nicht allein im Zimmer war. Ein fremder Geruch, jung, unberührt, das kaum hörbare Rascheln von leichtem, fließendem Stoff… Eine Präsenz, vor der er nichts zu befürchten hatte, aber im Dämmerzustand seiner Albträume gefangen vergaß sein betäubter Geist auf solche Kleinigkeiten bekanntlich schon mal. Nach fast einem Jahr, das er inzwischen schon in diesem Haus lebte, hatte zum Glück auch sein träges Unterbewusstsein irgendwann abgespeichert, dass er eben nicht mehr die meiste Zeit seines Alltags allein war. So hatte er sich meistens auch beim Aufwachen unter Kontrolle, trotzdem war er froh, dass Marie in sicherem Abstand zu ihm bei der Tür gelehnt stand, nicht neben seinem Bett. Die Erinnerung, wie er einmal in einem dieser hübschen langen Kapuzennachthemden ein paar ungewollte Krallenspuren hinterlassen hatte, reichte ihm vollkommen. Jemand anderer hätte nicht soviel Glück gehabt wie Marie damals…
Seitdem war einiges passiert in dieser Freakshow hier in Westchester, aber an dem Verhältnis zwischen ihnen beiden hatte sich im Grunde nichts groß geändert. Marie hatte in ihm eine Figur gefunden, die er nie hatte sein wollen, und sie war eine von seinen liebsten Schützlingen geworden, ebenfalls ohne dass das irgendwie geplant gewesen wäre, genau wie die junge quirlige Jubilation Lee und sein Kätzchen ein paar Zimmer weiter. Er war nie gut mit anderen Menschen gewesen, aber dieses junge Mädchen mit den runden Rehaugen, dieser unendlichen Stärke, von der er nicht sicher war, dass er sie an ihrer Stelle gehabt hätte… Dieses Mädchen hatte irgendwann angefangen, einfach zu ihm zu gehören. Etwas fehlte, wenn sie nicht in der Nähe war, schlicht und ergreifend. Es war vermutlich einer der Gründe, warum er sich das alles hier auch nach Jeans Tod weiterhin antat.

Das ist also der Traumprinz, ja?

Vertraust du mir?


Gewisse Dinge hinterfragte man irgendwann nicht mehr. Und wann immer ihn zwischendurch doch Zynismus überrollen wollte und er mit dem Gedanken spielte, dem allen hier endlich den Rücken zu kehren… Dann war es jedes Mal Maries trauriger, fragender Blick durch die Glasscheibe einer Klassenzimmertür, der ihn zurück in sein Zimmer trieb, um seine Tasche wieder auszupacken.
Und sie war auch heute da, als hätte sie gespürt, dass sich die zusammenhanglosen Traumbilder der letzten Wochen diesmal zu einem neuen Höhepunkt gesteigert hatten. Es war ihr bestürzter Gesichtsausdruck, der ihn zurück in die Realität holte, und das war eine gute Sache. Sonst wäre vielleicht noch mehr draufgegangen wäre als ein zerrissenes Bettlaken und Fetzen der Matratze zwischen seinen Krallen.
Mit einem benommenen Kopfschütteln zog Logan selbige ein und nickte Marie kurz, abgehakt zu, froh, dass sie nicht über seinen guten Geruchssinn verfügte. Der Gestank seines eigenen Angstschweißes widerte ihn an. Sein rasendes Herz wollte auch dem wiederholten Befehl nicht gehorchen, einen Gang zurückzuschalten. Weniger Whiskey zum Einschlafen, definitiv. Er musste endlich diesem wirren Mist in seinem Kopf ein Ende setzen. Wenn dieser alte Spinner Xavier morgen wieder nicht einmal fünf Minuten Zeit für ihn haben würde, damit er einen gottverdammten Urlaubsantrag stellen konnte, würde er sich einfach so verpissen, solange es ihm passte. Er konnte sich sowieso nicht erinnern, hier drin je einen Arbeitsvertrag unterschrieben zu haben.

„Was hast du gesehen?“ Erst als Marie ganz sicher sein konnte, dass Logan vollständig orientiert war, ließ sie sich neben ihm nieder, mit angezogenen Knien, ihren Kopf seitlich darauf gelegt. Diesen bestechenden Hundeblick musste sie sich bei Jubilee abgeschaut haben. Wenn es darum ging, sich in einer Holo-Simulation abzureagieren anstatt dem Lehrplan zu folgen und Konditionstraining abzustottern, ließ er sich davon nur zu gern einwickeln. Immerhin brauchte er bei seiner Kleinen nicht wie etwa bei Jubilee zu fürchten, dass sie sich im nächsten Moment mit einem verträumten Seufzen an den Hals werfen würde. Über die Zeiten waren sie beide hinaus. Vielleicht das einzige Positive, was aus ihrer Liaison mit diesem kleinen Hosenscheißer von Eiswürfel resultiert war.

In diesem Fall musste Logan sie trotzdem enttäuschen. Es gab Dinge, die besprach man nicht mit Halbwüchsigen. „Kranke Scheiße.“ Er winkte müde ab und ließ sich zurück auf die Matratze fallen, wodurch die Risse darin noch weiter auseinanderklafften. Vielleicht sollte er besser auf dem Boden schlafen. „Geh wieder ins Bett, Kleines.“

„Ich bin nicht mehr klein.“ Bei jemandem wie Jubilation oder der noch sehr unreifen Kitty Pryde hätte sich so eine Antwort nach einem trotzigen Teenager angehört, der sich einen Splatter-Film im Kino ansehen wollte. Marie brauchte keine Leinwand für solche Szenarien. Genug Blut, und viel zuviel für ihr Alter, spiegelte sich in ihren großen, trüben Pupillen wieder. In solchen Momenten wie jetzt jedenfalls, wo sie für niemanden fröhlich und optimistisch sein musste. Sie beide hatten zuviel hinter sich, um sich gegenseitig etwas vorspielen zu müssen, da hatte sie schon Recht.

„Kaum.“ Logan schnippte ihr flüchtig eine ihrer weißen Stirnfransen aus dem Gesicht. „Egal, okay? Lass einen alten Mann mit seinen Erinnerungen hadern und leg dich wieder hin. Hier schläft ohnehin schon jeder viel zu wenig. Wenn es mit der Bruderschaft irgendwann wieder richtig ernst wird, können wir uns das nicht leisten.“

„Ach, heißt das, wenn es wieder Ärger gibt, bin ich dann wieder alt genug?“, fragte Marie sarkastisch.

Darauf fiel Logan nichts mehr zu sagen ein, also zog er es vor, nach einer Zigarre zu suchen.

„Auch eine Antwort.“ Marie presste verletzt die Lippen zusammen und beeilte sich, zur Tür zu kommen. Erst als Logan abwesend durch den Raum zu laufen begann, im Versuch, sich zu erinnern, wo er seinen Rucksack abgestellt hatte, hielt sie an. „Unter deinem Bett. Da hast du ihn letztes Mal hingeworfen, als du wieder einen Rückzieher gemacht hast.“ Bei Logans völlig verdattertem Blick warf sie ihm etwas zu, das er in seinem Erstaunen nur knapp noch auffangen konnte. Sein Feuerzeug. Silbern, mit einem stilisierten ‚W‘ darauf. Ein Geschenk von Jean. „Du warst letzte Woche so zu, dass du nicht einmal gemerkt hast, dass ich da war, oder?“ Sie hob abrupt die Hand, als er etwas sagen wollte. „Schon okay. Es geht mich nichts an. Ich bin nicht sie. Aber was immer du machen willst, tu es endlich. Ich vermisse dich, Logan. Du bist seit Alkali Lake nichts mehr als ein Geist. Am meisten höre ich dich noch in deinen Träumen reden. Das macht mir Angst. Bitte… komm zurück ins Leben. Wir brauchen dich alle.“

„Das glaube ich nicht, Kleines.“ Logan schüttelte müde den Kopf. „Hier würden ganz andere Leute gebraucht werden. Aber das ist nicht meine Sache. Ich muss mich jetzt erstmal um mich selbst kümmern.“

„Ja. Das musst du wohl.“ Marie biss hörbar die Zähne zusammen. Fahrig wischte sie sie mit dem Ärmel ihres Nachthemds über ihr Gesicht, lehnte sich müde erneut gegen die Tür, als Logan zögerlich auf sie zukam, wie meist viel zu rasch aus seinem sonst so verlässlichen Konzept gebracht, nur von dem salzigen Geruch ihrer Tränen in der Luft.
„Du gehörst jetzt zu uns, du kannst dich nicht mehr heraushalten. Und auch mich nicht. Ich mache mir Sorgen um dich, geht das in deinen Kopf hinein? Ich kenne diesen Ausdruck in deinen Augen. So hast du damals ausgesehen, bevor du nach Alkali Lake gefahren bist. Beide Male.“

„Und ich bin beide Male zurückgekommen.“ Es hätte ihm egal sein können. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn es das gewesen wäre. Dann hätte er jedenfalls nicht befürchten müssen, dass es ihm irgendwann noch einmal so wie bei Alkali Lake gehen würde. Aber wie dieses Mädchen da stand, dieses viel zu ernste junge Ding, das so stark schon in einem regelrechten Krieg kämpfte… Das war in der Tat in gewissem Maße seine Verantwortung. Er hatte sich nach Jeans Tod für dieses Dasein mit Bindungen entschieden. Mit seiner Lebensdauer konnte das nur in einer endlosen Zeit des Verlustes enden. So würde er wenigstens nichts vergessen. Nicht, was er verloren hatte und nicht, was ihn für eine genauso kurze wie unvergessliche Spanne in seinem viel zu langen Dahinvegetieren glücklich gemacht hatte. „Ich bin bald zurück, okay?“ Auch wenn seine Entscheidung für dieses Haus die meiste Zeit über nur Schmerz bergen würde… Da war eben auch dieser warme, kleine Funken Zuneigung, als Marie kurz, erleichtert die Arme um ihn legte, wie immer sehr bemüht darum, ihn nur mit den Körperstellen zu berühren, die von ihrem Nachthemd verdeckt waren. Ein Funken, tief eingebettet in der kalten Gewissheit, dass auch dieses Mädchen irgendwann nichts als ein Name auf einem Grabstein sein würde, vor dem er stehen würde, aber trotzdem da. Und auch das war irgendwie Jeans Erbe.

Marie schenkte ihm noch eins ihrer schönsten schüchternen Lächeln, schon nicht mehr ganz so energisch wie eben, als sie sicher sein konnte, dass sie ihr Ziel erreicht hatte, und kam dann seinem Wunsch nach, öffnete die Tür, um ihn allein zu lassen. Als hätte sie selbst von hinten gesehen, wie sich wieder dieser gehetzte Blick über sein Gesicht legte, kaum, dass sie ihm den Rücken zuwandte, blieb sie wieder stehen. Sie musste es wissen. Und wenn es nur war, weil sie genau wie er spürte, irgendwie, ohne, dass sie es hätten betiteln können, dass die nächste Katastrophe nicht weit weg war. Man sah es an den bedrückten Gesichtern von früher so fröhlichen Schülern der Mutant High. Man roch es in der abgestanden Luft von Xaviers Büro. Es sprang einen flimmernd an, wenn man einen viel zu lange nicht benutzten Computer im Danger Room anschaltete. Es hing wie Giftgas über dem totenstillen Frühstückstisch. Es würde geschehen, und Marie würde sich dann einmal mehr für eine Sache einsetzen, für die sie zu jung war. Das Schicksal scherte sich nicht darum, was fair war. Es hatte sie auch niemand vorher gefragt, ob sie alt genug war, fast durch die Hand eines alternden Terroristen zu sterben. Reif genug, um zu entscheiden, wann es angemessen war, Leuten ihre Lebensenergie zu entziehen und mit deren Schmerzschreien in ihrer Erinnerung zu leben. Stark genug, um zuzusehen, wie sich eine ihrer besten Freundinnen vor ihren Augen umbrachte oder eine andere in ihrem eigenen Blut und dem ihres ungeborenen Kindes in einem dreckigen Kanalisationsgang liegend, fast ihr Leben aushauchte. „Von was hast du geträumt, Logan?“
Du kannst mich nicht heraushalten.

„Vom Tod.“ Logans Hände zitterten, als er das Feuerzeug zu seiner Zigarre hob. Es klemmte. Das dumme Ding musste ihm in dieser Nacht, von der Marie eben gesprochen hatte, an die er sich ums Verrecken nicht erinnern konnte, heruntergefallen sein. Abwesend ließ er es in der Seitentasche seines Rucksacks verschwinden und ging zum Schrank, um die wenigen Sachen herauszusuchen, die er für seinen Ausflug brauchen würde. Er musste hier raus, dringender denn je. Bevor ihn diese Untergangsstimmung hier noch völlig verrückt machte.

„Wer stirbt?“ Ihre Stimme blieb klar, aber ihre Hand schloss sich fester als nötig um den Türrahmen. Als würde sie sich vorstellen, gerade jemanden anzufassen, dem sie sich sicher nur zu gern mit ihren Kräften einmal ausgiebig gewidmet hätte. Creed. Anderson. Magneto. Vielleicht auch ihren geliebten, verflossenen Bobby. Marie hatte zuviel Zeit mit Logan verbracht, um das Konzept von Rache nicht bestens zu verstehen. Auch das war schmerzhaft mit anzusehen, aber wenigstens hielt es ihre Sinne wach und klar. Es mochte sie am Leben erhalten, länger als andere.

Für so ein Gespräch über Hirngespinste war es trotzdem nicht die richtige Uhrzeit. Marie hatte genug Geister zu bekämpfen, ohne dass er ihr auch noch seine nicht existenten auflud. „Kleines, das sind nur…“

Wer?“ Die lahme Beschwichtigung machte sie nur noch aufgebrachter. Träume hatten in diesem Anwesen so eine unangenehme Eigenart, einen in gewisser Weise auch am Tage zu verfolgen, auch das war jemandem wie ihr, die schon seine verdammten Krallen in der Brust stecken gehabt hatte, nichts Neues. Und so wie sie immer stärker zu zittern begann, die fahrigen Bewegungen über ihre Wangen, immer wieder… Das hieß wohl, sie wusste die Antwort auf ihre Frage bereits. Er sollte wirklich weniger im Schlaf reden.

Logan hatte endlich ein funktionierendes Feuerzeug aufgetrieben. Beim vierten Versuch brannte die Zigarre dann sogar. Der bittere Geschmack auf nüchternem Magen war ihm so zuwider, dass er die Zigarre mit Schwung in das Wasserglas neben auf dem Nachttisch warf. Oh ja, es war dringend Zeit für einen Ausflug in die Wildnis. Marie war anscheinend fest entschlossen, hier inzwischen die Stellung zu halten, dann sollte sie es so haben. „Wir alle.“





Lange Minuten hatte Ororo mit sich gekämpft, ob sie Logan in seiner Nachdenklichkeit stören sollte. Sie hatte es noch nie erlebt, dass er zum Friedhof im abgelegensten Teil des Xavier-Anwesens, gleich an der Mauer zum angrenzenden Wald, kam. Diesen Bereich, abgetrennt vom restlichen Hinterhof mit hohen Büschen und einem breiten weißen Kieselweg, hatte sie von ihrer kleinen Terrasse aus jeden Morgen gut im Blick. Sie wusste, welche Schüler auch nach Monaten immer noch regelmäßig zu dem – zum Glück bis jetzt einzigen – Grabstein dort gingen, um ihren traurigen Erinnerungen nachzuhängen. Auch Scott war manchmal dort, Kurt, Hank… Sie selbst, nachts, wenn sie sich allein fühlte. Sie wurde nicht gern auf Reisen in die Vergangenheit begleitet.

Logan offensichtlich auch nicht, aber an diesem Morgen wirkte er so verloren, so ratlos, wie er da mit hängenden Schultern stand, die Hände in seinen Jackentaschen vergraben… Vielleicht wusste er selbst nicht ganz, was er eigentlich hier sollte. Ein Schritt in die richtige Richtung mochte es trotzdem sein. Darauf hatte Ororo schon länger gehofft, aber sie war ehrlich genug, zuzugeben, dass keiner im Team sich darum gerissen hatte, Logan aktiv beizustehen. Jemandem, der sich soviel Mühe damit gab, zu zeigen, dass sein Leben seine eigene Sache war, stellte man sich nicht gern in den Weg. Sie hatten auch weiß Gott alle mit sich selbst genug zu tun gehabt, zuviel, um sich auch noch um jemanden zu kümmern, der einem lieber eine Kralle durch die Schulter jagte als zuzugeben, dass er in Depressionen versank. Aber seit ein paar Tagen wurde es schlimmer mit Logan, fast jede Nacht konnte sie ihn bis zu ihrem Zimmer am Ende des Gangs hin schmerzlich stöhnen hören. Er wirkte ungewohnt verletzlich, wie er da stand und seiner Umgebung nicht die leiseste Beachtung schenkte, wo seine Sinne sonst immer so scharf auf jegliche Veränderung reagierten… Sie hätte gewettet, er hatte sie nicht einmal kommen gehört oder gerochen.
Und dieser starre Blick auf den schlichten grauen Grabstein, nur das Symbol des Anwesens und Jeans Name… Ororo hätte Logan damals gern gefragt, ob er sich etwas anderes gewünscht hätte, aber in diesen Tagen nach Alkali Lake hatte er mit niemandem gesprochen. Er hatte seine Umgebung noch mehr ausgeblendet als er es jetzt tat, und nach diesem ersten Schock war übergangslos die Verdrängung gekommen. An diesem Morgen glaubte Ororo zum ersten Mal seit damals echte, tiefe Trauer in Logans Augen zu sehen. Schmerz, der wie ein reinigendes Gewitter die Maske der Unnahbarkeit wegwusch und einen Blick voller Müdigkeit und Ratlosigkeit enthüllte. Er wirkte alt in diesem Moment, als würde selbst seine Mutation für lange Minuten des Stillstands bedeutungslos werden und die wenigen aber umso tieferen Furchen auf seinem Gesicht enthüllen. Das Antlitz eines Mannes, der mehr als ein Jahrzehnt gesehen hatte, der sicher nicht zum ersten Mal am Grab von jemandem stand, der ihm wichtig gewesen war und trotzdem nie gelernt hatte damit umzugehen. Oder es vergessen hatte, wie sovieles andere. Logan war das ganze letzte halbe Jahr stark gewesen, und Ororo war ihm sehr dankbar dafür- sie wusste nicht, ob es ihr Team jetzt sonst noch gegeben hätte. Aber jetzt war es an der Zeit für den Fels in der Brandung, sich den Wellen zu ergeben, die um ihn herum hochschlugen und immer höhere Gischt aufwirbelten.

„Das ist das erste Mal, dass ich dich hier sehe.” Sie blieb vorerst in gebührendem Abstand zu ihm stehen, ihm signalisierend, dass sie wieder gehen würde, wenn er das wollte.

Sein kurzes Lächeln in ihre Richtung überraschte sie… und irgendwie auch wieder nicht. Es lag zuviel Ironie darin, um es als beruhigend zu empfinden, und sie kannte diesen Kerl zu gut, um nicht zu wissen, dass sie beide ähnliche Verteidigungsstrategien hatten. Gar nicht erst zuviel Ernsthaftigkeit aufkommen lassen. Nur nicht zu tief in Wunden graben, die ohnehin längst begonnen hatten zu heilen, egal wie dünn und krustig die Narbe darüber noch war. „Ich bin niemand, der ständig in Erinnerungen schwelgt.“

„Wohl nicht.“ Ororo kommentierte die kleine Anspielung auf seine vergessene Vergangenheit ebenfalls mit einem kurzen Lächeln und stellte sich neben ihn, zögernd noch. Sie fühlte sich nie richtig wohl, wenn sie vor diesem einsamen, totenstillen Grab stand, das in Wirklichkeit nicht mehr als ein leeres Mahnmal war, ohne Sarg, ohne Leiche. Nur eine etwas lieblose Erinnerung- für mehr Kreativität hatte sie damals wirklich nicht die Kraft gehabt. Heute noch bewunderte sie Charles für seine ebenso schlichten aber umso ergreifenderen Worte bei der kleinen Bestattungsfeier, die sie alle hier abgehalten hatten. Sie wusste nicht, ob ihr irgendetwas eingefallen wäre, was sie hätte sagen können. Sie war auch zu beschäftigt damit gewesen, mit den Tränen zu kämpfen. Und hin und wieder einen Blick auf die unauffällige Rauchwolke zu werfen, die den breiten, knorrigen Stamm einer halb verwitterten Eiche bei der Mauer umspielt hatte. Damals hatte dieser Anblick noch Beruhigung und Trost geborgen.
Eine Erinnerung, die ebenso rasch dort zurück verstaut wurde, wo sie hingehörte, bevor sich verräterische Gewitterwolken am Himmel bilden konnten. In die Ecke ihrer Seele, die für Dummheit und Schuld reserviert war. Für solche Trauer war an anderen Tagen Zeit. Hier, an diesem Ort ging es um Jean. Und um Logan.

Damals war er schon nicht dabei gewesen. Der Professor hatte nur ein paar Minuten gewartet, bevor er ohne ihn angefangen hatte. Irgendwie hatte keiner so wirklich erwartet, dass sich Logan als Außenseiter mit Anzug und Krawatte in einer Reihe trauernder Schüler setzen und womöglich noch einen der Kleinen trösten würde.
Und trotzdem hatte er am nächsten Tag die Schüler zum Sport gescheucht, als die X-Men allesamt noch in ihren Zimmern gesessen waren, jeder für sich noch in den Bildern des Abschieds vom Vortag gefangen, und sogar der Gang zum Klassenzimmer eine unüberwindliche Aufgabe dargestellt hatte. Ororo konnte sich nicht erinnern, dass Logan sich seitdem auch nur einen Tag Ruhe gegönnt hatte. Er stürzte sich in seine Aufgabe, wie das nie jemand von ihm verlangt hätte. Außer vielleicht sein eigenes schlechtes Gewissen. Es war sein Weg, etwas gutzumachen.

Jean hätte gewollt, dass die Dinge nach ihrem Tod ihren gewohnten Lauf nahmen, dass sie alle weitermachten, das wusste eben auch Logan. Das war ihre Entscheidung gewesen, die sie für sie alle getroffen hatte.

Heute war Ororo nicht mehr wütend deswegen. Sie hätte an Jeans Stelle genau gleich gehandelt. Ihre Freundin war diesen Weg gegangen, damit sie alle weiter ihr Leben hatten, und so sehr Ororo sie immer noch vermisste, so tief da immer noch dieser vergiftete Stachel der Trauer in ihrem Herzen saß, der es oft schwer machte, auch nur richtig zu atmen… So sehr sie sich gerade in dieser Situation im Moment Jeans Beistand gewünscht hätte, ihren Rat, ihre Ruhe und Rationalität... Sie war ihr dankbar. Dankbar, dass das alles hier weiter existieren konnte. Und wenn an manchen Tagen die Wut auf sich selbst wegen der letzten Ereignisse zu groß werden wollte und sie sich geradezu wünschte, es wäre damals sie selbst gewesen, die sich in die Fluten des Staudamms gestürzt hatte… Dann reichten nur ein paar Minuten an diesem Grab, einen Blick auf die einfache schwarze Feuerschale, die jeden Morgen ein anderer von ihnen mit neuer Glut versorgte, um sich für solche feigen Wünsche zu schämen. Egal wie viel sie falsch gemacht hatte, ihr Platz war immer noch hier, und die Schüler brauchten sie. Ihr Team brauchte sie. Es war der Grund, warum Ororo immer wieder hierher kam. Um nie zu vergessen, dass es nicht nur Logan war, dem Jean die Last auferlegt hatte, weiter zu machen. Wenn man nichts hatte außer dem Kampf, nahm man so eine Bürde nur zu gerne auf sich.
Ororo bedankte sich wie jedes Mal für dieses Geschenk, für diese nötige Ermahnung mit einer von den roten Rosen von ihren Sträuchern, die Jean immer so bewundert hatte. Der intensive Duft der frisch aufgegangen Blüte mischte sich unter den würzigen des noch taunassen Grases, als sie die Blume gleich neben die Feuerschale legte. Sie ließ ihre Fingerspitzen kurz auf dem eingemeißelten X-Symbol auf dem Grabmal ruhen, bevor sie sich wieder erhob, einen nachdenklichen Blick zurück auf Logan warf, dessen Haltung sich kaum verändert hatte. Vielleicht konnte sie noch etwas mehr tun, um sich zu revanchieren. „Dafür bewahrst du. So wie wir alle.“

„Mehr als mir lieb ist.“ Logan erwiderte ihren fragenden Blick mit einem kurzen Schulterzucken, murmelte dann aber doch noch etwas von Träumen, von denen Ororo ohnehin längst wusste. Ihr Auftauchen hatte ihm ein wenig von seiner Ruhe zurückgegeben, sie hörte es schon an seinem Tonfall. Er war immer noch bedrückt, aber es war der übliche, monotone Zustand des Verlusts, den er abends üblicherweise in zwei Flaschen Hochprozentigem ertränkte. Die offene Trauer von eben hatte er bereits wieder verdrängt. Vielleicht hatte sie zulange gezögert. „Dieser verfluchte Damm. Ich sehe sie, als wäre ich neben ihr gestanden. Sie sieht immer aus…“ Er brach ab, schüttelte sich ein wenig, als könnte er so diese seltsamen Bilder in seinem Kopf loswerden. „So wie im Jet, als sie die Rakete zerstört hat. Ich hab hier schon einiges an Freakshows gesehen, Windreiterin, aber das damals… Sie leuchtet, als würde sie in Flammen stehen.“

„In Träumen wirkt oft vieles anders als man es in Erinnerung hat.“ Ororo ging ein paar Schritte rückwärts, um sich wieder neben ihn zu stellen, ohne ihren Blick vom Grab zu nehmen, im Stillen ein Stoßgebet in Richtung desselbigen schickend, dass sie jetzt nicht das Falsche sagen würde. Wie hatte Jean mit jemandem zusammenleben können, bei dem man ständig das Gefühl hatte, jedes Wort könnte einen ungewollten Ausbruch provozieren? Nicht dass sie Angst hatte, Logan könnte auf irgendjemanden hier losgehen… Aber sie hatte ihn zu oft im Kampf erlebt um nicht zu wissen, wie schnell es passieren konnte, dass seine Instinkte überhand nahmen. Und wenn diese ihn nicht zum kämpfen verleiteten, folgte er eben seinem Fluchtinstinkt. Sie wollte ihn nicht fliehen sehen. Sie brauchte ihn hier, nicht nur als Lehrer und mächtigen Mitstreiter im Team sondern vor allem als den Freund, zu dem er ihr geworden war.

Ihre Antwort war nicht das, was Logan hören wollte, sie sah es wieder an diesem unerträglich zynischen Lächeln. So gut er sich auch ins Team eingefügt hatte und sich hier nützlich machte, an manchen Tagen ließ er immer noch keine Gelegenheit aus, ihr zu vermitteln, dass sie in seinen Augen eine gute Portion Blindheit mit sich herumschleppte. Womit er wiederum gar nicht so Unrecht hatte, wenn man die letzten Katastrophen betrachtete. Für einen Moment war es unangenehm ruhig, so still, wie es eben an einem Grab sein konnte. Nur eine einzelne Wanderdrossel schrie hin und wieder leise auf, die sich in einem der vielen hohlen Löcher in der immer mehr vergehenden Eiche gerade ihr Nest baute. „Hast du dich nie gewundert, wo ihre Kräfte damals hergekommen sind?“, fragte Logan unvermittelt, als einem das hohe Gekreische schließlich auf die Nerven zu fallen begann.

Ororo zuckte unbehaglich mit den Achseln. Darüber hatte sie nie nachgedacht, wenn sie ehrlich war. Sie hatte genug damit zu kämpfen gehabt, dass sie jemanden verloren hatte, der wie eine Schwester für sie gewesen war. Dass Mutationen sich oft auch im Alter noch veränderten und verstärkten, war schließlich nicht Ungewöhnlich. „Der Professor hat früher immer gesagt, sie hat das alles immer schon in sich getragen. Sie hat sich nur nie getraut, es herauszufinden. Sie hatte Angst davor.”

Hatte Ororo auch nur ein paar Minuten lang mit Dankbarkeit und Bewunderung zu diesem Mann aufgesehen und erfolgreich verdrängt, wie gern dieser auch Unruhe stiften konnte, belehrte Logan sie rechtzeitig genug eines Besseren. Einen Moment lang richtete sich das Feuer einer nur mühsam unterdrückten Wut in seiner verkniffenen Miene in ihre Richtung, bevor er sich schnaubend dem Hauptgebäude zuwandte. Der Terrasse, wo ein älterer Mann im Rollstuhl ihr Gespräch aus der Ferne verfolgte. Und mental vielleicht auch von nahem. „Ich verlasse mich ungern auf Worte, die immer nur so glaubwürdig sind, wie es ihrem Schöpfer gerade am besten passt.“

„Du hast nie mit ihm über Stryker geredet, oder?“ Wie so oft seit Alkali Lake fühlte sich Ororo auch heute zu müde, zu mitgenommen, um Charles so zu verteidigen, wie sie es früher getan hätte- mit weit ausgefahrenen Krallen. Sie hasste sich dafür, aber sie hatte leider nun mal auch selbst schon erlebt, dass der Professor nicht immer ganz ehrlich mit ihnen allen war. Und auch wenn sie nicht bezweifelte, dass er dafür gute Gründe hatte… Manchmal tat es weh.

„Wann denn?” Logan schnaubte nur bitter und machte Anstalten, sie stehen zu lassen. Der Besuch beim Grab war offensichtlich für ihn abgehakt. „In den fünf Minuten zwischen seinen Phasen, wenn er entweder darüber nachdenkt, wie er uns fast alle um die Ecke gebracht hat oder wie er Jean hat sterben lassen?”

Ororo stellte sich ihm in den Weg, bevor er sie nach diesem erneuten verbalen Schlag in die Magengrube einfach stehen lassen konnte, ihr Mitgefühl in einer schwarzen, schnell wachsenden Wolke verschwunden, die sich in ihrer beiden Augen widerspiegelte. „Wir haben sie alle sterben lassen.“ Pädagogisch sicher nicht gerade eine Meisterleistung, wo sie gerade die Hoffnung gehabt hatte, Logan ein wenig den Kopf geraderücken zu können, aber jetzt war er zu weit gegangen. Viel zu weit. Keiner von ihnen hatte das Recht, die Schuld auf irgendjemanden anderen abzuwälzen. Wenn Logan nur so damit klarkam, dass er Jeans Entscheidung genauso tatenlos akzeptiert hatte, sollte er vielleicht einmal selbst ein paar Lehrstunden darin nehmen, was er Charles so gern vorwarf, nicht zu schaffen. Einen Moment lang fühlte sie sich von diesem intensiv stechenden Blick regelrecht durchbohrt, sie sah die Aggression darin aufleuchten wie die Blitze ihrer eigenen Fähigkeiten, aber sie wich nicht zurück. Logan mochte ein paar Zentimeter größer und zweimal so breit wie sie sein, aber wenn er es auf einen Kampf ankommen lassen wollte, sollte er wissen, dass sie die schmerzhafteren Mittel zur Hand hatte, um ihn zur Räson zu bringen.

Logan überraschte sie ein weiteres Mal an diesem Tag. Er musterte sie kurz von oben bis unten, ihre unwillkürlich geballten Fäuste, wie schnell sich ihr Brustkorb hob und senkte- die unbeherrschte Wolke über ihnen beiden, ein Kontrollverlust, den man eher von jemandem wie Katja erwartet hätte. Dann schob er sie energisch an der Schulter zur Seite und ging weiter. „Richtig.“ Das war alles. Keine scharfe Erwiderung, kein Wutausbruch, er bestand nicht einmal darauf, Recht zu haben. Nur diese endlose Dunkelheit von eben hatte Ororo in seine müden Augen zurückkehren sehen. Sie waren alle Schuld, und trotzdem er irgendwie am meisten. Denn auch wenn Jean in diesem Moment nicht daran gedacht hatte… Logan hätte sie vielleicht retten können. Er hätte es zumindest als einziger versuchen können, ohne dabei zwangsläufig zu sterben. Die Entscheidung dieses Risikos hatte sie ihm abgenommen. Und vielleicht warf er zumindest das Charles doch zurecht vor. Charles war der einzige gewesen, der Jean zu diesem Zeitpunkt vielleicht wenigstens kurzzeitig noch unter Kontrolle hätte haben können.

Aber auch Charles hatte seine Entscheidung getroffen, und es war eine, um die Ororo im Nachhinein froh war. Die Wahrscheinlichkeit war eben doch um einiges größer, dass sie sonst mit noch einem Verlust zu kämpfen gehabt hätten. Ororo hoffte, dass Logan das irgendwann wenn schon nicht gutheißen zumindest verstehen würde. Sonst würde bald nicht einmal sein verdammter Wunsch nach Selbstgeißelung mehr genug Grund für ihn sein, sein Leben mit der Sinnhaftigkeit seiner Aufgabe hier zu erfüllen. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass sie gar nicht wissen wollte, was dann aus ihm werden würde. Es war nicht unwahrscheinlich, dass sie ihm dann bei der nächsten Begegnung als Feind gegenüber stehen würde. Eine Begegnung, die keiner der X-Men überleben mochte. Davor hatte Charles immer Angst gehabt, auch das wusste Ororo, ohne ihn jemals gefragt zu haben. Ihr war viel in den letzten Monaten klar geworden, und nicht alles davon gefiel ihr. Sie wusste nur, dass sie alle sich am Ende immer wieder in Sicherheit und Frieden hier zusammengefunden hatten. Mehr konnte man vom Leben wohl nicht erwarten. „Der Professor meint es gut, Logan. Und es gibt nicht viele Leute da draußen, auf die das zutrifft, wenn es um uns Mutanten geht.“

„Mit wem meint er es gut?“ Es war keine Frage, nur eine rhetorische Feststellung, die Logan schon lange für sich gewonnen hatte, und auf gewisse Weise konnte Ororo es ihm nicht verdenken. Charles hatte sein Vertrauen schon lange verspielt, die beiden hatten seit Alkali Lake aus gutem Grund kaum ein Wort miteinander gewechselt. Charles war Logans Ansicht nach kein Teil seiner Arbeit hier mehr, was es nur zu einer Frage der Zeit machte, bis die Situation eskalieren würde. Wahrscheinlich eher früher als später.

Ororo fluchte lautlos. Wenn ihr Team eins im Moment nicht brauchte, dann waren das noch mehr Unstimmigkeiten. Sie wünschte sich, Logan hätte begreifen können, wieviel Charles für die Mutantenwelt tat, und nicht nur mit diesem Asyl hier. Aber einem verletzten Tier, das bei jeder Gelegenheit um sich biss, musste man erstmal Zeit geben, seine Wunden zu lecken, bevor man mit einer anderen Reaktion als Widerstand rechnen konnte. „Mit der Welt.“ Ein unsicheres Lachen kam über ihre Lippen, nicht halb so verwundert darüber, dass eine Selbstverständlichkeit in Frage gestellt wurde, wie sie es geplant hatte. Nein, so ganz selbstverständlich war das eben gar nicht mehr. Warum musste Charles nur soviele Geheimnisse vor ihr haben? „Und mit uns.“

„Ich glaube nicht, dass mir die Reihenfolge gefällt, Windreiterin.“ Logan klang immer mehr müde, sie wunderte sich, dass er nicht schon längst gegangen war, wie er es vorgehabt hatte. Vermutlich, weil es ihn im Grunde noch gar nicht von hier wegzog. Nur von ihr. Er war nicht hierhergekommen, um zu diskutieren.

Ororo ging mit einem resignierten Seufzen an ihm vorbei. Für den Moment hatte sie genug angerichtet. Sie sollte es einfach bleiben lassen, es klappte sowieso nichts mehr, das sie anpackte. Und schon gar nicht war sie nicht Charles‘ Sprachrohr. Zumindest in einem musste sie Logan Recht geben: Der Professor versteckte sich schon viel zu lange in seinem kleinen Reich da oben. Das was er mit Logan zu klären hatte, sollte er gefälligst selbst tun. Sie hatte die Kraft dazu im Moment einfach nicht. „Du hast immer die Wahl gehabt, zu gehen, Logan.“

Er schien einen Moment zu überlegen, ob er seine Bühne trotz ihres Rückzugs verlassen sollte, blieb dann aber doch stehen und klopfte abwesend seine Jackentaschen ab, erfolglos. Da war wohl wieder mal Nachschub fällig. Ororo fragte sich dumpf, ob die kanadische Zigarrenindustrie ohne einen gewissen Importeur aus Westchester eigentlich noch existieren würde. „Nein… Nein, nicht wirklich. Und so langsam bereut er das wohl. Ich stelle ihn zu den unangenehmsten Zeitpunkten in Frage.“ Der bissige Unterton schnitt plötzlich gar nicht mehr so kraftvoll durch seine Stimme. Auch wenn er es abstritt… Logan wusste eben doch, dass es genau so war: dass ihn nie jemand gezwungen hatte, zu bleiben, nicht einmal Jean. Darin, sich Dinge einzugestehen, war er noch nie groß gewesen. Jeans Tod und seine Rolle dabei, das war die große Ausnahme gewesen, und Ororo spürte in diesem Moment mehr denn je, dass noch Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte vergehen mochten, bis er dieses Ereignis auch nur ansatzweise verarbeitet haben würde. Helfen konnte dabei wohl niemand so richtig.

„Du bist nicht der einzige, der trauert, Logan.“ Mit den Gedanken war Ororo eigentlich schon längst wieder im Haus, zuerst bei den Schülern, um die längst begonnene Biologiestunde zu beenden... Und dann vermutlich auf dieser Terrasse, die sie jetzt nur aus der Ferne sah, um eine Tasse Tee zu trinken, mit Charles den Lehrplan für die nächsten Wochen durchzugehen und vielleicht sogar ein paar Fragen zu stellen, die Logan längst aufgegeben hatte. Nicht, dass sie eine Antwort erwartete. Es überraschte sie weniger als er sicher erwartet hatte, was er ihr nachrief, trotzdem schmerzte es sie, tiefer als erwartet. Nach all dieser Zeit hatte sie nicht mehr damit gerechnet.

„Ich reise gleich ab. Nehme mir ein paar Tage für mich.“

„Wenn es das ist, was du brauchst, hättest du das schon lange tun sollen.“ Sie hatte nicht vor, es ihm einfach zu machen, zeigte ihm mit hart verschränkten Armen und hochgezogener Augenbraue, was sie davon hielt, dass sie mit noch einer Lehrkraft weniger auskommen musste. Im Sommer wäre genug Zeit für so einen Ausflug gewesen.

„Kommst du klar?“ Logan schien sich in den Kopf gesetzt zu haben, sie von einem emotionalen Extrem ins nächste zu stürzen. Gerade hätte sie ihm am liebsten noch mit Freuden den Hals umgedreht, und jetzt schaffte er es schon wieder, dass sie ihm zulächelte, wenn dieses Lächeln auch nicht mehr Freude enthielt als sein Zynismus eben. Er meinte nicht nur die Schule mit seiner Frage, aber er erwähnte es mit keinem Wort. Logan war einer der wenigen, vielleicht der einzige in diesem Anwesen, der wusste, dass man mit gewisser Schuld einfach zu leben hatte. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie sich jederzeit eine unterstützende Umarmung bei ihm hätte abholen können, wenn sie das brauchte, aber er drängte sich nicht auf. Er war einfach da.

Inzwischen konnte sie sich gar nicht mehr vorstellen, wie das sein sollte, wenn er das irgendwann vielleicht nicht mehr sein würde, und auch die Zeit ohne ihn jetzt würde schwierig sein. Aber wenn Logan zumindest ein wenig ausgeglichener wiederkommen würde, sollte es ihr Recht sein. Vielleicht konnten diese Tage fernab der Schule das ausrichten, wozu sie selbst nicht fähig war. Vielleicht lernte er endlich loszulassen. Wenn das womöglich dann bedeuten würde, dass er nicht zurückkommen würde… Dann würde sie auch mit diesem Schmerz leben lernen. Wenn sie ihm das verdeutlichen wollte, was er so hermetisch abstritt, dass er hier drin ein freier Mann war, durfte sie ihn nicht aufhalten. „Verabschiede dich, Logan, so wie du es brauchst. Lass dir bitte nur nicht zuviel Zeit damit.” Nach seinem kurzen, knappen Nicken ließ sie ihn wieder mit seiner Melancholie allein.
 
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