■
Geschichte: Fanfiktion
/ Kinofilme
/ Alexander
/ Nacht aus Tränen
||||
10px|12px|15px|17px|19px
Times|Arial|Helvetica
25%|50%|75%|100%
Linksbündig|Blocksatz
gering|normal|groß|sehr groß
von Sikander
erstellt: 15.06.2009
letztes Update: 15.06.2009
Geschichte, Drama / P16 Slash
(fertiggestellt)
So, die kleine FF über die Anfänge von Alexanders Gefühlen ist endlich fertig :D Betaleserin war Zerase, sie hat auch einzelne Teile der Story verfasst; die Geschichte wird allerdings im Großen und Ganzen aus Alexanders Sicht geschildert.
Ich habe Robin Lane Fox’ Vermutung aufgegriffen, dass Hephaistion wahrscheinlich der Ältere der beiden war [ „Hephaistions Alter ist nicht bekannt. Könnten wir es entdecken, so erscheine Hephaistions Verhältnis zu Alexander möglicherweise in einem unerwarteten Licht. Vielleicht war er sogar der Ältere der beiden: wie der homerische Held, mit dem seine Zeitgenossen ihn verglichen, ein älterer Patroklos für den Achilles Alexander.“ (Robin Lane Fox „Alexander der Große“, Eroberer der Welt, Klett-Cotta Verlag 2oo5, S. 61 f.)], er ist hier also 2 Jahre früher geboren worden.
Die FF ist in 3 Akte unterteilt; die Liedtexte zu Anfang stammen aus dem Musicals König der Löwen, Aida und Wicked.
Genug der langen Vorrede :D Viel Spaß beim Lesen.
Nacht aus Tränen
Akt I
Ich will ihm alles sagen
Doch wie soll er’s versteh’n?
Ihm sagen was geschah – ich kann’s nicht
Ich weiß, dann wird er geh’n…
Doch wie soll er’s versteh’n?
Ihm sagen was geschah – ich kann’s nicht
Ich weiß, dann wird er geh’n…
„… mit Perdikkas. Ptolemaios und Seleukos. Und – ah, Alexander und Hephaistion. Und diesmal keine Mätzchen!“
Kleitos’ Stimme war scharf und eindringlich. Er musterte die Jungen kritisch und schlug dabei mit einem kleinen Stock auf seine Handfläche.
Das Gymnasion war erfüllt vom Ächzen und Stöhnen der Fürstensöhne, vom Geruch nach Schweiß und nassem Sand. Ptolemaios verzog das Gesicht vor Schmerz, gab allerdings keinen Ton von sich, packte Seleukos, der ihn über die Schulter auf den Boden geworfen hatte, am Genick und zog ihn von sich herunter.
„Gut so, Ptolemaios – fester. Seleukos ist kein hübsches Mädchen, das man zart anpacken muss“, wies ihn Kleitos zurecht. Ptolemaios grinste leicht und schielte Seleukos an. „Ach nein? Aber schöne Augen hat er.“
Kleitos ignorierte den Kommentar und schritt weiter. „Genau, Hephaistion – jetzt über die Schulter!“
Bevor Alexander so recht wusste, wie ihm geschah, landete er auch schon mit einem unterdrückten Stöhnen hart auf dem Rücken; er hustete und verzog dabei leicht das Gesicht.
„Alexander, jetzt pack doch endlich richtig zu! Hephaistion ist hier nicht dein Freund sondern dein Gegner!“ Kleitos fluchte grummelnd vor sich hin, ging dann allerdings zu Perdikkas und Leonnatos weiter, wusste er doch, dass es nicht viel brachte Alexander in dieser Hinsicht zu belehren.
Der junge Prinz war ohnehin der Ansicht, dass Kleitos ihn nicht verstünde – dass es keiner tat. Wie sollte er sich gegen Hephaistion wehren wenn der halbnackt über ihm kniete und ihm mit jeder Berührung der bloßen Haut Schauer über den Rücken kriechen ließ?
Ihm war seltsam zu Mute, wenn er Hephaistion so nah bei sich wusste; sein Magen kribbelte immer verschwörerisch und irgendwie schien ihm alles peinlich zu sein und er hatte den starken Drang sich erwachsener geben zu wollen.
Sein kläglicher Versuch, sich aus Hephaistions Griff zu befreien scheiterte natürlich prompt, indem sein Gegenüber sich ohne weiteres zwischen seine Beine drängte und ihn so zu Boden drückte. Alexander spürte Hephaistions Körpergewicht unvorteilhaft auf seinem Becken und musste die Lippen aufeinander pressen, um keinen Ton von sich zu geben.
Energisch pumpte sein Körper das Blut aus seinen rosarot angelaufenen Wangen in untere Körperregionen.
Alexander starrte Hephaistions nackte Brust an, die sich in tiefen Atemzügen hob und senkte; feine Schweißperlen durchzogen hier und da den Staub, der sich auf seiner Haut festgeklebt hatte.
„Alles in Ordnung?“
Alexander hob rasch den Blick; ihm war nicht bewusst gewesen, dass er fasziniert Hephaistions Brust gemustert hatte. „Oh – ja“, murmelte er rasch, sich räuspernd. „Ich muss nur – mich kurz erleichtern.“
Hephaistion hob lediglich leicht die Brauen, dann stand er auf und half auch Alexander auf die Füße. Der lächelte schwach bevor er sich rasch nach draußen verzog; er war tatsächlich auf den Weg zum Abtritt, allerdings mehr, um sich mit kühlem Wasser von seinen Gedanken zu befreien…
~ ~ ~ ~
*
*
„Bist du sicher, dass er fertig ist?“
Philipps Stimme klang kritisch; sein Blick klebte skeptisch an seinem Sohn, der gerade hinter dem Schlafsaal der jüngeren Fürstensöhne verschwand. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und lehnte am Fenster.
„Fertig ist man nie. Man lernt immer dazu. Das müsstest du wissen, mein Freund. Für das, was du mit ihm vorhast, ist er allerdings bereit. Auch wenn er äußerlich nicht wirklich den Anschein haben mag.“
Philipp drehte sich zu Aristoteles um und hob fragend die Brauen. „Und warum kämpft er nicht wie die anderen und verschwindet?“
Der Philosoph neigte leicht das Haupt und deutete auf eine Karaffe Wein, die auf dem Tisch stand. Philipp nahm einen Becher, goss sich ein und trank den Wein unverdünnt.
„Ich nehme an, Hephaistion war heute sein Gegner.“
Der König verzog leicht das Gesicht und wiegte den Tonbecher in seiner rechten Hand. „Amyntors Sohn – ist er so gut?“
Aristoteles neigte das Haupt kurz und sah dann aus dem Fenster. „Es geht nicht um seine Fähigkeiten. Es geht schlicht und einfach darum, dass er Hephaistion ist.“
Philipp grunzte irgendetwas unverständliches, dann trank er den letzten Schluck Wein. „Genug mit diesem philosophischen Geschwätz – ein andermal vielleicht, doch ich habe viel zu tun. Und ich habe zu wenig Zeit. Ich will Alexander sprechen.“
Aristoteles nickte, stand auf und ging zur Tür; halblaut rief einen Sklaven zu sich und befahl ihm, Alexander herzuholen, dann schloss er die Tür wieder hinter sich und nahm in einem Scherensessel nahe des kleinen Feuers Platz.
Das Frühjahr war sehr verregnet und kühl; Philipp, der erst vor knapp einer Stunde eingetroffen war, trug noch seine Schlammbespritzte Rüstung und hatte keine Zeit gehabt, sich zu säubern. Nach ein paar Minuten klopfte es kurz an der Tür, dann schob sich Alexander in den Raum; er hatte sich einen kurzen Chiton übergeworfen, war ansonsten allerdings noch vom Ringen mit Hephaistion mit Staub bedeckt und schmutzig.
„Vater!“, sagte er überrascht.
Philipp lächelte leicht, was angesichts der vielen Narben allerdings eher wie eine Grimasse wirkte und drückte seinen Sohn dann kurz an sich.
„Ich wusste nicht, dass du kommst.“
Philipp bedeutete seinem Sohn, Platz zu nehmen, dann trat er an den Kamin um sich noch ein wenig aufzuwärmen; der Schnee war zwar bereits geschmolzen, doch der Frost hielt alles noch unerbittlich in seinen Händen. „Solltest du auch nicht. Wie dem auch sei. Alexander, in welcher Lage befinden wir uns?“
Sein Sohn blinzelte ob der Frage reichlich irritiert, sah aus den Augenwinkeln kurz zu Aristoteles und hob dann die Schultern.
„Athen hat Euboia wieder eingenommen, doch sie rücken nicht weiter gegen uns vor. Was schlecht ist, denn das sollen sie ja.“
Philipp neigte leicht den Kopf. „Richtig – was würdest du tun?“
Alexander legte den Kopf auf die linke Seite und kaute kurz auf seine Unterlippe herum bevor er antwortete: „Eine Kriegserklärung gegen Athen können wir nicht wagen. Athen ist immer noch das Herzstück Hellas – sämtliche andere Städte würden sich auf Athens Seite schlagen und genau das Gegenteil bewirken von dem, was wir vorhaben. Athen muss also die Kriegserklärung abgeben.“
Philipp nickte überzeugt. „Ja – und wie könnte ich das bewerkstelligen?“
Alexander lächelte schief und musterte seinen Vater. „Ich denke, du unternimmst… einen kleinen bewaffneten Spaziergang, nicht wahr?“
Philipp bleckte die Zähne und lachte dann kurz. „Richtig. Wir werden bald Byzantion und Perinthos angreifen.“
Alexander hob die Brauen. „Den Bosporus und die Propontis… mit welcher Begründung?“
Sein Vater neigte den Kopf und starrte auf die Flammen im Kamin. „Sag du es mir, Sohn.“ Alexander, der allmählich begriff, dass es sich hier um eine Prüfung handelte, versank kurz in Gedanken.
„Mit der besten Begründung: Verteidigung. Byzantion und Perinthos… sie stören den Frieden, den du aufrechterhalten willst.“
Philipp wandte sich vom Feuer ab und sah zu Aristoteles, auf dessen Miene ein Ausdruck lag der wohl soviel bedeuten sollte wie ‚Habe ich es nicht gesagt?’ Philipp hatte sich vom noch recht unerwachsenen Äußeren seines Sohnes täuschen lassen; was Kriegsangelegenheiten und Taktiken anging, so schien er schon sein ganzes Talent entwickelt zu haben.
„Aber was betrifft mich das?“
Alexanders fragende Stimme holte Philipp aus seinen Gedankengängen.
Er musterte das junge, makellose Gesicht seines Sohnes und lächelte dann rau. „Du bist 16 geworden letztes Jahr“, sagte er – dabei wohlweißlich übergehend, dass er den Geburtstag seines Sohnes vergessen hatte – und klopfte dabei mit den Knöcheln auf die raue Tischplatte.
„Und wie ich soeben feststellen konnte bist du nicht auf den Kopf gefallen. Jung, natürlich, aber schon erwachsen genug um mir ein wenig… helfen zu können.“
Alexander legte die Stirn in Falten und musterte seinen Vater eindringlich, bevor sich ein Lächeln auf seine Züge legte. „Ich kann mit dir mit? Mit in den Krieg?“, fragte er aufgeregt.
Philipp schüttelte leicht den Kopf. „Nein – noch nicht. Noch ist es zu früh. Aber du bekommst eine genauso wichtige Aufgabe. Die Verwaltung Pellas. Nachschub sichern, Vorräte anlegen – all das.“
Als er den enttäuschten Gesichtsausdruck seines Sohnes sah lächelte Philipp mild. „Krieg ist nicht nur durch Schlachten zu gewinnen, Alexander. Man brauch auch eine gute Versorgung; das lernst du nicht aus Büchern, das kannst du auch nicht von Aristoteles lernen. Praktische Erfahrung ist immer am nützlichsten – und die sollst du bekommen.
Nächste Woche wird Antipatros eintreffen und dich und deine Freunde mit nach Pella nehmen. Eure Schulzeit hier ist zu Ende.“
Alexander nickte leicht, dann sah er Gedankenversunken auf die Tischplatte bis ihn aufgeregtes Stimmengewirr aufblicken ließ. Draußen liefen die Fürstensöhne, darunter auch Alexanders Freunde, erregt miteinander redend in Richtung des Hofes, wie Mücken, die vom hellen Licht angezogen wurden.
„Ah, ja – richtig. Dein etwas verspätetes Geburtstagsgeschenk“, meinte Philipp mit einem Seitenblick zu Alexander. Der blinzelte zu seinem Vater empor bevor er aufsprang, die Tür aufriss und seinen Freunden nachstürzte.
Schon von weitem sah er das prächtige, kräftige Ross, dass von vier Männern gehalten werden musste. Sich immer wieder aufbäumend und ausschlagend bereitete es ihnen Mühe, es im Zaum zu halten.
„Seht euch das an…“
Alexander, der neben dem sprachlosen Seleukos zum Stehen gekommen war, musterte das prachtvolle Tier. Das Fell, schwärzer als die Nacht, schimmerte wie flüssige Seide im blassen Licht der Sonne; die kräftigen Hufe ließen ein Donnergrollen los, berührten sie die Erde und das wilde Schnauben glich mehr einem Kampfschrei denn einem Laut der Angst.
„So müssen Balios und Xanthos ausgesehen haben“, murmelte Alexander mit vor Ehrfurcht belegter Stimme. Als er eine raue Hand auf seiner Schulter spürte hob er den Blick zu Philipp empor. „Mein Freund Demeratos hat ihn entdeckt. Er soll dein Schlachtpferd werden, später einmal – zunächst müssen wir seinen sturen Willen brechen.“
Alexander sah wieder zu dem stolzen Rappen, der sich abermals aufbäumte und danach mit den Hinterläufen ausschlug. Dann glitt sein Blick zur Sonne.
„Nein!“, sagte er entschieden und schüttelte die Hand seines Vaters ab um sich weiter vor zu drängeln.
„Lasst ihn los – loslassen!“, befahlt er mit fester Stimme den Knechten, die das Pferd zu bändigen versuchten.
Sie warfen dem Königssohn einen scheelen Blick zu und sahen dann zu Philipp, der überrascht die Braue gehoben hatte, ihnen dann allerdings befahl, zu tun, was Alexander wünschte.
Vorsichtig lockerten sie die Seile und ließen schließlich ganz los. Der Hengst bäumte sich noch einmal auf und stob dann vom Hof in Richtung des Waldes; Alexander, der das schon geahnt haben musste, setzte ihm hinterher.
Seine Rufe waren nur undeutlich zu vernehmen und was er sagte blieb wohl jedem ein Rätsel; Fakt war jedenfalls, dass der Rappe irgendwann langsamer wurde und schließlich stehen blieb, die ersten, zarten Blätter von ein paar nahen Büschen knabbernd.
Alexander sah noch einmal zur Sonne empor, dann ging er in einem großen Kreis um das Tier herum und näherte sich so mit der Sonne im Gesicht.
Philipp schob einen Jungen bei Seite und kniff das ihm verbliebene Auge zusammen, seinen Sohn und dessen Tun kritisch musternd.
Alexander näherte sich dem Rappen Stück für Stück, streckte schließlich langsam die Hand aus und schaffte es sogar, dem Hengst den anmutigen Kopf zu streichelnd. Dann nahm er die Zügel in die Hand, drehte das Tier mit dem Gesicht zur Sonne und redete noch einmal beruhigend auf es ein.
Im Hof war es still geworden; jeder starrte wie gebannt zu Alexander und dem Rappen, noch nicht einmal der Wind schien flüstern zu wollen.
Dann, als die Stille fast unerträglich wurde, schwang sich Alexander mit einem mühelosen Satz auf den Rücken des Rappen. Das Tier schnaubte kurz unruhig und tänzelte auf der Stelle, fand dann allerdings zu seiner alten Gelassenheit zurück, als Alexander ihm beruhigend die Schenkel gegen den Körper drückte.
Danach beugte sich der junge Prinz ein wenig nach vorn und schien dem Rappen etwas ins Ohr zu flüstern; der Hengst warf daraufhin den Kopf in den Nacken und stob mit kräftigen, sehnigen Bewegungen über die Wiese.
Alexander ließ ihn eine Weile so galoppieren, dann zügelte er ihn ein wenig und lenkte das schöne Tier zurück in den Hof.
Als die erste Pferdehufe den steinernen Untergrund betrat war der Bann gebrochen; aufgeregt liefen ihm die Jungen entgegen – seine Freunde allen voran, die die Jüngeren notfalls mit Ellenbogen bei Seite schoben – und wollten das stolze Tier aus der Nähe sehen. Alexander tätschelte dem Rappen den Hals und sah strahlend zu seinem Vater.
„Es ist, als würde man Balios oder Xanthos reiten!“, rief er begeistert.
Philipp starrte seinen Sohn lange an, dann musterte er das auf einmal friedfertige Pferd. „Geh, mein Junge – such dir ein eigenes Königreich, das deiner würdig ist. Makedonien wird nicht groß genug für dich sein!“
~ ~ ~ ~
*
*
Alexander stützte den Kopf auf die Handfläche und starrte auf das Schreiben vor sich; er wusste, wie wichtig die Verwaltung war und das sein Vater, der Byzantion und Perinthos im Süden belagerte, auf ihn und seine Versorgung angewiesen war, doch er langweilte sich schrecklich.
Die Verwaltungsangelegenheiten stellten keine große Herausforderung für ihn dar; der persönliche Sekretär seines Vaters, Eumenes, der hier geblieben war um ihm zu helfen, hatte ihm alles erklärt und Alexander hatte sofort begriffen, sogar ab und an ein paar Verbesserungsvorschläge eingebracht.
Doch Philipp hatte nun mal Recht: man brauchte eine gut funktionierende Verwaltung, damit der Heereszug nicht ins stocken kam; immerhin braute sich im Nordwesten ein interessanter Aufstand der Maider in Thrakien an; es war seine Chance, endlich selbst in den Kampf zu ziehen, doch vorerst müsste er sich mit Antipatros absprechen.
Alexander ließ den Blick über die unzähligen Papiere auf seinem Schreibtisch schweifen und sah dann aus dem Fenster.
Von draußen hörte er Stimmen und kurzes Lachen.
Neugierig geworden schob er die Gedanken an die Arbeit kurz bei Seite, erhob sich und trat auf den kleinen Balkon hinaus. Sich über die Brüstung lehnend blinzelte er in den hell beschienenen Hof hinunter und lächelte erfreut, als er Hephaistion und Ptolemaios ausmachen konnte, die spielerisch miteinander balgten; wobei wohl Letzterer angefangen hatte, Hephaistion ließ sich schließlich für gewöhnlich nicht zu solchen Tätigkeiten herab.
Perdikkas saß auf einer nahen Steinbank in der Sonne und beobachtete die beiden, ab und an etwas rufend, dass Alexander aus der Entfernung allerdings nicht verstand.
Um nicht entdeckt zu werden rutschte er an der Brüstung des Balkons hinab und spähte durch die schmalen Steinsäulen hindurch hinab zu den beiden.
Sie hatten ihre Kleidung abgelegt um diese nicht unnötig schmutzig zu machen und versuchten nun, sich gegenseitig zu Fall zu bringen.
Wie gebannt starrte Alexander auf Hephaistions nackte Haut, musterte den muskulösen, reifen Körper; sein Herz schlug schneller und pumpte energisch das Blut durch seinen Körper und das wohlvertraute, kribbelnde Gefühl im Magen setzte wieder ein. Alexander fuhr sich mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen.
Fühlte Hephaistion das, was er fühlte?
Hatte er auch das dringende Bedürfnis sich reifer zu geben, wenn er ihn sah?
Nicht, dass er es nötig hatte…
Alexander presste die Lippen aufeinander; seine Gedanken fuhren Achterbahn und sein Herz legte noch einen Takt zu, als er sich vorstellte, Hephaistion würde genauso empfinden…
Doch was dann?
Könnten sie so etwas wie Geliebte werden?
Es würde nicht so sein wie bei Frau und Mann, aber bestand nicht Thebens Heilige Schar aus Männern, die sich liebten? Und wenn das in Theben funktionierte… warum nicht hier?
Alexander seufzte leise; anfänglich hatte er natürlich geglaubt, das ganze wäre nur eine ‚Phase’, eine seltsame Reaktion seines Körpers die dem Erwachsenenwerden zuzuschreiben war und die wieder vergehen würde.
Allmählich hatte er dann allerdings einsehen müssen, dass das Gefühl nicht einfach so verschwand sondern im Gegenteil noch stärker und heftiger wurde, dass Hephaistions bloßer Blick manchmal ungeahnte Reaktionen seines Körpers auslösen konnte.
Bisher war es Alexander immer erfolgreich gelungen, alles zu verbergen; doch Tag für Tag gab er sich mehr denn je der Vorstellung hin, er müsste sie nicht mehr verstecken, sondern könnte sie offen zeigen – dass Hephaistion verstehen und vielleicht genauso empfinden würde.
„Wem spionierst du denn hinterher?“
Alexander zuckte zusammen und wollte sich rasch erheben, stieß sich dabei allerdings unsanft an der Brüstung des Balkons. Fluchend presste er die Hände auf den schmerzenden Kopf und blinzelte zu der älteren Frau empor, die ihn mit schief gelegtem Kopf und einem leichten Lächeln musterte.
Lanike, die Schwester von Kleitos und Alexanders ehemalige Amme, warf einen Blick über die Brüstung zu Hephaistion und Ptolemaios, dann tätschelte sie Alexanders Kopf sanft.
„Vielleicht war das ja die gerechte Strafe“, meinte sie und dirigierte ihren Schützling ins Zimmer. „Soweit ich sehen kann bist du noch nicht fertig?“, fragte sie mit dem Kopf in Richtung Schreibtisch deutend.
„Nein“, erwiderte Alexander mit schmerzerfüllter Stimme, die Hände immer noch auf den Kopf gepresst.
„Das wird eine Beule geben“, meinte Lanike sanft, zog Alexanders Hände weg und begutachtete die Stelle, bevor sie sanft gegen seine Kopfhaut blies. „Was hast du dort auch gemacht?“
Alexander errötete leicht, murmelte irgendwas von ‚Nur mal schau’n…’ und widmete sich dann eilig wieder dem Papierkram auf seinem Schreibtisch. Lanike legte die Stirn in Falten, dann zuckte sie mit den Schultern und nahm das Tablett mit Mittagessen. „Hier – iss was. Sonst wächst du ja nie.“
Alexander tunkte das frische Brot in die Bratensoße und biss lustlos ab. Ihm brummte fürchterlich der Schädel und es war ihm peinlich, von Lanike bei seiner Bespitzelungsaktion erwischt worden zu sein; natürlich, sie würde nichts weiter dazu sagen, das wusste er, dennoch…
Sich räuspernd griff er nach dem Becher mit Honigwasser und trank einen Schluck. „Ein Bote kam vor gut einer halben Stunde. Antipatros wird morgen gegen Mittag kurz in die Stadt kommen und sich mit dir bereden“, erklärte Lanike, die derweil damit beschäftigt war, im Zimmer aufzuräumen.
„Ach und – Eumenes wird die Kalkulationen, um die du ihn gebeten hast, heute Abend vorbeibringen“, setzte sie hinzu und schüttelte die Kissen auf dem Bett auf.
Alexander nickte abwesend und vertiefte sich wieder in seine Schreibarbeit; ihm schien das alles eigentlich eher nebensächlich, viel mehr beschäftigte er sich mit der Frage, was er tun könnte, um sich über Hephaistions Gefühle im klaren zu werden.
Alexander hatte keinerlei Erfahrung; weder mit Mädchen noch mit Jungen. In Mieza hatte er sich vornehmlich um seine Ausbildung gekümmert und war glücklich, wenn er mit Hephaistion ungestört allein sein konnte; einen derarten Drang nach weiblicher Gesellschaft wie Ptolemaios hatte er nie besessen, weswegen er auch nur sehr selten ins nahe gelegene Beroia gegangen war.
Nun bereute er es; Ptolemaios hätte ihm sicher den ein oder anderen Tipp gegeben, wie man das mit dem ‚Flirten’ machen konnte und Alexander hätte schon Erfahrung sammeln können statt nun wie ein völliger Amateur dazustehen und vermutlich wieder in irgendein Fettnäpfchen zu treten.
„Ptolemaios“, entschlüpfte es ihm, als er an den Freund dachte. Er könnte doch immer noch zu ihm gehen und ihn um Rat fragen, nicht wahr? Er würde ihm sicherlich gern helfen.
„Was?“
Alexander hob den Blick und sah irritiert zu Lanike, die ihn fragend musterte. „Du hast Ptolemaios gesagt“, half sie ihm auf die Sprünge.
„Oh, eh – ja. Nichts weiter“, murmelte er rasch, musste ein leichtes Lächeln unterdrücken und widmete sich dann wieder den Schreiben vor sich.
~ ~ ~ ~
*
*
Alexander biss sich auf die Unterlippe und starrte auf die Tür. Ein sanfter Rotschimmer hatte sich auf seine Wangen gelegt und er verfluchte sich dafür, doch er konnte nichts dagegen tun. Er wollte das eigentlich nicht wirklich tun – es würde nur peinlich enden, das hatte er im Gefühl. Doch andererseits brauchte er nun mal Hilfe, weil er keine Ahnung von solchen Dingen hatte und wen könnte er sonst fragen wenn nicht Ptolemaios?
Sich noch ein wenig fester auf die Unterlippe beißend nahm er schließlich all seinen Mut zusammen, klopfte kurz an und öffnete dann auch schon rasch die Tür, bevor er es sich noch anders überlegen konnte.
„Ptolemaios, ich wollte fragen, ob du mir vielleicht helfen könntest und –“, setzte er an, verharrte allerdings mitten im Satz als er Perdikkas in einem Scherensessel sitzend vorfand. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Ptolemaios Besuch hatte, obwohl er sich das wohl denken hätte können – schließlich waren er und Perdikkas seit jeher beste Freunde. Die beiden saßen an einem niedrigen Tisch und spielten irgendetwas, wobei der gefüllte Weinkrug zwischen ihnen eindeutig besagte, dass sie wohl mehr mit dem Trinken beschäftigt waren.
„Na, für was braucht denn der junge Stadthalter meine Hilfe?“, hakte Ptolemaios angeheitert nach und winkte etwas unkoordiniert mit der Hand, um Alexander, der stocksteif im Türrahmen stand, hereinzubitten.
„Oh – ich kann… später wiederkommen“, warf dieser schnell ein, aus den Augenwinkeln zu Perdikkas schielend.
„Ach quatsch – als ob Perdikkas etwas verpetzen würde“, erwiderte Ptolemaios lachend, der den Blick bemerkt hatte.
Zögernd trat Alexander schließlich ein und ließ dabei die Tür ins Schloss fallen. „Es geht um etwas – etwas persönliches“, murmelte er nervös.
„Persönlich? In Ordnung. Konkreter?“
Alexander verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und suchte fieberhaft nach Worten. Es passte ihm nicht, dass Perdikkas da war – allein hätte Ptolemaios vielleicht noch den Mund gehalten, doch die beiden würden sicherlich nachdem Alexander verschwunden war neuen Gesprächsstoff haben, den sie die ganze Nacht lang ausschmücken konnten, um ihn an nächsten Tag jedem auf die Nase zu binden.
„Also es – gibt da ein… ein Mädchen“, dichtete Alexander gerade heraus zusammen.
„Oha!“, unterbrach ihn Ptolemaios, der sich fast an seinem Wein verschluckte. Hustend stellte er seinen Becher ab, sprang auf und kam mit großen Schritten auf Alexander zu, um ihm anerkennend auf die Schulter zu klopfen.
„Unser Küken wird flügge, Perdikkas!“, seufzte er theatralisch.
Der Angesprochene nickte grinsend und reckte den Daumen in die Höhe, um Alexander zu beglückwünschen.
„Lass mich raten – du wolltest dir Rat beim Frauenhelden und –versteher Ptolemaios holen, nicht wahr?“, fragte Ptolemaios nun an Alexander gewandt und spannte dabei die Muskeln an, um seine Worte zu unterstreichen.
„Übertreibs nicht – gestern erst hat dich eine abblitzen lassen!“, warf Perdikkas lachend ein, erntete allerdings nur einen miesepetrigen Blick.
„Die war sowieso nur zweite Wahl – ich war froh, dass sie nicht wollte!“, entgegnete er ausweichend und winkte ab. „Nun aber zu unserem wilden Hengst hier.“
Alexander wurde mit sanfter Gewalt in einen Scherensessel gedrückt und bekam einen gefüllten Becher Wein in die Hand.
„Erzähl – ist sie hübsch?“, hakte Ptolemaios nun nach, der seinen Stuhl näher heranzog und sich wissbegierig vorbeugte.
„J-ja. Aber darum gehts mir nicht“, erwiderte Alexander ausweichend, darauf bedacht, sich nicht zu verplappern.
„Du traust dich nicht, sie anzusprechen? Soll ich sie für dich klarmachen?“, fragte Ptolemaios grinsend nach und tauschte dann zweideutige Blicke mit Perdikkas aus.
Die beiden schienen sich auch ohne Worte miteinander unterhalten zu können; jedenfalls wurde Alexander oftmals nicht schlau aus ihren plötzlichen Lachanfällen und feixenden Gesichtern.
„Nein – ich will ih- sie selbst … fragen. Aber ich weiß nicht – also … wie“, stotterte er holprig zusammen. „Wie machst du das denn immer?“
Ptolemaios lehnte sich in seinem Sessel zurück und trank einen Schluck Wein, dann zuckte er lässig mit den Schultern. „Weißt du – ich hab da diesen besonderen Blick“, erwiderte er stolz.
„Blick?“, fragte Alexander irritiert.
„Ja – Blick.“
Ptolemaios setzte seinen Becher ab, beugte sich vor und fixierte sein Gegenüber dann.
Alexander hob die Brauen und erwiderte den Blick, bis er nach einigen Sekunden in Gelächter ob der Grimasse wegen ausbrechen musste. Ptolemaios fuhr unwirsch mit der Hand durch die Luft.
„Der Blick funktioniert eben nicht bei Männern – jedenfalls: Du brauchst einen Anmachspruch. Irgendetwas, um ins Gespräch zu kommen. Flirten eben“, meinte er um die peinliche Situation zu überspielen.
„Zum Beispiel?“, fragte Alexander, nachdem er sich halbwegs wieder gefangen hatte – Perdikkas im Hintergrund hingegen hatte immer noch Mühe, sich unter Kontrolle zu bringen.
„Keine Ahnung – sag ihr, wie schön ihre Augen sind oder so was. Geplänkel eben. Das mögen Frauen.“
Alexander fuhr sich unwohl durchs Haar. Das Dumme war ja, dass es eben nicht für eine Frau gedacht war, aber das konnte er Ptolemaios schlecht auf die Nase binden.
„In Ordnung – ich werde das … so versuchen“, murmelte er schließlich, stellte den unangetasteten Becher Wein bei Seite und stand auf. Er bereute es, zu Ptolemaios gegangen zu sein – schlussendlich hatte es ihm nichts außer Peinlichkeiten eingebracht.
„Warum hast du eigentlich nicht Kleopatra gefragt?“, hakte Ptolemaios nach, als Alexander bereits die Tür erreicht hatte.
„Was?“, fragte der junge Prinz blinzelnd.
Sein Freund zuckte leicht mit den Schultern. „Sie ist deine Schwester – sie hättest du ja fragen können. Und als Frau wird sie ja wohl wissen, was Mädchen gefällt, oder nicht?“
Alexander schwieg kurz, dann zuckte er mit den Achseln.
„Ich habe einfach grenzenloses Vertrauen in deine Erfahrungen und in dein beispielloses Können.“
~ ~ ~ ~
*
*
Nervös fuhr sich Alexander noch einmal mit dem feinzackigen Kamm durchs Haar, verwuschelte es im nächsten Moment allerdings auch schon wieder, als er einen Blick in den Spiegel warf.
Er konnte sich einfach nicht entscheiden: mit gekämmtem Haar sah er eindeutig gepflegter aus, aber die zerzauste goldblonde Mähne verlieh ihm einen Hauch Männlichkeit, den er in diesem kindlichen Körper durchaus gebrauchen könnte.
Frustriert seufzend schmiss er den Kamm in einem Anfall von Ungeduld quer durchs Zimmer. Er segelte durch die Luft und klatschte dann neben der Tür auf den Boden.
Lanike, die soeben eingetreten war, hob die Brauen in die Höhe und musterte Alexander kurz. „Was hat denn unser Prinz heute für Laune?“, fragte sie offen heraus und legte die frisch gewaschenen Tücher auf Alexanders Bett ab, um sie dann in eine der Kleidertruhen zu ordnen.
Der Angesprochene ließ die Frage unbeantwortet im Raum stehen und wandte sich der kleinen Essnische neben dem Balkon zu. „Ist alles vorbereitet? Warum ist das Essen noch nicht da? Hast du auch für alles gesorgt?“, fragte er nervös und strich sich aus Gewohnheit noch einmal durchs Haar.
Lanike hob die Brauen in die Höhe und legte das letzte Tuch in die Truhe, dann schloss sie sie leise.
„Es ist doch nur ein kleines Abendessen mit Hephaistion – was machst du dir solche Gedanken?“, fragte sie, als sie auf ihren Schützling zuging. Sie überging geflissentlich den leichten Rotschimmer, der sich auf Alexanders Wangen gebildet hatte und zupfte an seinem Haar herum.
„Du solltest es ordentlicher tragen. Das sieht gepflegter aus“, meinte sie dann.
Alexander entwandt sich ihrer Händen und zerzauste sein Haar wieder.
„Aber so sieht es erwachsener aus“, entgegnete er fast ein wenig trotzig.
Lanike lächelte mild; für seine 16 Jahre war Alexander noch ziemlich kindlich und naiv, allerdings zeigte er eine erstaunliche Wandlung, wenn es um die Verwaltung Makedoniens ging.
Lanike konnte sehr gut nachfühlen, dass er sich nicht nur geistig sondern auch körperlich erwachsen sehen mochte, damit seine Anweisungen nicht immer als Spielereien eines unmündigen Kindes abgetan werden konnten.
„Gut – dann kämme ich sie dir so, dass du erwachsener aussiehst, in Ordnung?“, fragte sie, hob den Kamm vom Boden auf, drückte Alexander auf das Bett und widmete sich dann seinen goldenen Locken.
Am Ende schien der junge Prinz recht zufrieden zu sein, auch wenn er es nicht lassen konnte, sich die eine Haarsträhne noch in die Stirn zu ziehen.
„Und der Chiton?“, fragte er und zupfte kritisch an seinen Kleidern herum. Lanike legte den Kamm auf die Kommode zurück und musterte Alexander, dann ging sie zu einer der Kleidertruhen und zog einen mit feinen Goldfäden bestickten Ledergürtel hervor.
„Der bringt dein Haar besser zur Geltung“, sagte sie lächelnd, schlang Alexander den Gürtel um die Taille und zog die Falten des Chitons noch ein wenig zurecht, bevor sie zufrieden nickte.
„Höchst erwachsen“, setzte sie hinzu und bemerkte an Alexanders sich augenblicklich erhellender Miene, dass ihm diese Worte wohl passend kamen.
Sie räumte noch ein wenig auf – dabei Alexanders nervöses Auf- und Abschreiten ignorierend – und schickte nach zwei Dienern, die das Abendessen holen sollten. Dann überwachte sie die Sklaven, die alles bereitstellten und ordnete die kleinen Schüsselchen und Teller schließlich noch einmal selbst neu an.
Mittlerweile war die Dämmerung hereingebrochen und hüllte den Palast in fahles Licht. Alexander, der irgendetwas tun wollte, entzündete von selbst die Kohlepfannen und Öllampen.
„Bleibt Hephaistion auch für die Nacht?“, fragte Lanike schließlich, als sie soweit alles für fertig befand.
Alexander zuckte leicht zusammen und errötete wieder ein wenig. „W-warum sollte er?“, entgegnete er und wandte seiner früheren Amme dabei rasch den Rücken zu, um eine weitere Öllampe zu entzünden, obwohl es bereits ausreichend hell im Zimmer war.
Lanike musterte Alexanders Rücken eingehend, dann zuckte sie mit den Schultern. „Ich weiß nicht – ihr seid doch wie Pech und Schwefel. Und soweit ich mich erinnern kann, habt ihr euch damals immer in das Bett des jeweils anderen geschlichen, damit ihr nicht allein schlafen musstet. Hat sich das in Mieza denn geändert?“
Alexander zuckte als Antwort nur die Achseln und legte den glühenden Span bei Seite, weil er keine weiteren Lampen mehr fand. „Ich denke nicht, dass er hier schläft“, murmelte er nur etwas abwesend. Dass er sich das innerlich mehr als alles andere wünschte, verschwieg er lieber. Lanike hatte sowieso die lästige Angewohnheit, aus seinem Verhalten herauslesen zu können wie aus einem offenen Buch.
„Nun gut. Dann lasse ich dich jetzt allein. Er wird wohl bald kommen und bei der trauten Männerrunde wäre eine Frau fehl am Platze“, sagte sie schließlich mit einem milden Lächeln.
„Danke“, murmelte Alexander, als sie an der Tür war, und wandte sich um.
Nach ein paar Sekunden schließlich griff er sich eine Schriftrolle auf dem niedrigen Tisch neben seinem Bett und ließ sich in einem nahe gelegenen Scherensessel nieder. Er würde sich jetzt ohnehin nicht auf das Schriftstück konzentrieren können, doch er wollte nicht untätig dastehen, wenn Hephaistion hereinkommen würde – das sähe dann ja so aus, als hätte er die ganze Zeit nur auf ihn gewartet (was der Realität ja sehr nahe kam).
Als es an der Tür klopfte zuckte Alexander erschrocken zusammen.
Ein etwas unsicheres Lächeln umspiele seine Lippen, als Hephaistion kurz darauf eintrat. Rasch die Schriftrolle bei Seite legend – die er zu allem Überfluss auch noch verkehrt herum gehalten hatte – erhob sich Alexander, um auf die zwei bereitgestellten Klinen zu deuten, die um einen niedrigen, breiten Tisch gestellt worden waren.
„Wie war dein Tag?“, hakte er nach, um ein Gespräch zu beginnen und ließ sich nervös auf eine der Klinen fallen.
Ihm wurde schon schlecht beim Anblick der reichlichen Mahlzeiten, die Lanike bereiten lassen hatte; man hätte damit eine ganze Kompanie sättigen können.
Da gab es jede Menge Fisch, gebraten, geräuchert und eingelegt, Ziegenkäse in allen erdenklichen Variationen, mal als Verfeinerung für die Salate, mal als dünne Schicht über dem gebratenen Schweinefleisch oder als Bestandteil der gefüllten Oliven.
Da Lanike Alexander von klein auf kannte wusste sie um seine Vorliebe für Süßigkeiten und hatte dementsprechend zahlreiche glasierte Kuchen und mit Honig überzogene Früchte bereiten lassen.
Neben Milch und Honigwasser hatte sie auch eine Karaffe Wein bereitstellen lassen, allerdings war der Krug deutlich kleiner als die anderen beiden, immerhin war Alexander noch nie ein großer Trinker gewesen.
Jetzt aber war sein erster Griff der zur Karaffe; Männer tranken nun mal Wein und wenn er von Hephaistion nicht nur als Jugendfreund und Kind gesehen werden wollte, dann musste er ihm irgendwie beweisen, dass er sehr wohl Mann und Objekt der Begierde sein konnte.
Er nahm einen großzügigen Schluck, musste sich allerdings stark zusammennehmen, um nicht das Gesicht zu verziehen; er konnte sich einfach an die bittere Note nicht gewöhnen. Um wenigstens so zu tun als hätte er Hunger griff er nach einem Stück Brot und tunkte es in die Soße des gebratenen Schweinefleisches. Sein Magen drehte sich um als er ein Stück davon abbiss, doch er schluckte es tapfer herunter.
Während Hephaistion munter über irgendetwas sprach, dass Alexander in seiner Nervosität sowieso nicht begriff, sann er darüber nach, wann er denn nun anfangen sollte mit der ‚Flirterei’.
Ein passender Moment würde sowieso nicht kommen, wie das bei solchen Situationen stets der Fall war.
Sollte er denn überhaupt irgendetwas in dieser Richtung sagen?
Was, wenn Hephaistion nicht darauf eingehen würde?
Andererseits, wenn er es nicht einmal versuchte, dann konnte er sich sowieso nicht sicher sein.
Er trank noch einen weiteren großen Schluck Wein – Ptolemaios meinte ja immer, man könne sich so Mut antrinken – und stellte den Becher dann bei Seite.
Als Hephaistion schließlich schwieg platzte es aus Alexander heraus: „Du hast wirklich schöne Augen. Also… ehrm.“
Er biss sich auf die Unterlippe als er den irritierten Blick seines Gegenübers bemerkte.
„Ich gl-glaub, ich hab’ dir das noch nie gesagt und – nun ja, du hast … wirklich tolle Augen. Dieses Blau und eh…“
Auf den Lippen herumkauend widmete sich Alexander wieder seinem Weinkelch. Er war sich der sanften Röte bewusst, die sich auf seine Wangen schlich und am liebten hätte er sich unter den Decken seines Bettes verkrochen, damit man ihn nicht mehr sah.
Warum nur hatte er das gesagt?
Es war doch offensichtlich, dass Hephaistion nicht das für ihn empfand, was Alexander in seiner Gegenwart fühlte.
Er machte sich nur lächerlich.
Und dieses Lächeln, dass jetzt auf seinen Lippen lag und Alexander einen heißen Schauer nach dem anderen über den Rücken kriechen ließ – das war sicherlich auch nur ein nachsichtiges Lächeln seiner Jugend und Unerfahrenheit wegen.
„Themawechsel, Themawechsel“, dachte er fiebrig.
Aber mit was könnte er jetzt spontan anfangen?
„Wir werden wohl in einigen Wochen nach Thrakien aufbrechen. Die Maider rebellieren und ich denke, es ist das Beste, wenn wir diesen Aufstand gleich zu Beginn unterbinden. Ich muss mich noch mit Antipatros morgen absprechen, aber … ich halte es für das Beste. Als Beispiel, dass mein Vater auch einschreiten kann, wenn er nicht in Pella weilt. Das wird unser allererster Feldzug“, fuhr er dann fort; er hatte ein glückliches Thema herausgegriffen, denn hier ging er voll und ganz auf und konnte wie von selbst seinen misslungenen ‚Flirtversuch’ vergessen.
Der Himmel verdunkelte sich zusehends und das Öl der Lampen schwand rasch bis Alexander Hephaistion schließlich zur Tür geleitet.
Von den Speisen war über die Hälfte noch übrig, doch Alexander hatte Lanike bereits befohlen, dass alle nicht verwendeten Nahrungsmittel der Armenspeisung dienen sollten, damit man nichts unnötig wegschmeißen musste; heute konnten sich Bettler und Bedürftige über massenhaft Fleisch freuen, ein Privileg, dass sonst nur den Reichen vorbehalten war.
„Schlaf gut“, verabschiedete sich Alexander mit einem leichten Lächeln von Hephaistion, dann sah er ihm kurz hinterher bevor er rasch die Tür schloss und an der Wand zu Boden sank.
„Du hast schöne Augen“, murmelte er und schüttelte dann heftig den Kopf.
„Bescheuerter hätte man wirklich nicht anfangen können…“ Er strich sich durch das Haar und rappelte sich mühsam wieder auf; am Besten, er ließ einfach alles beim Alten und unterdrückte die Gefühle, die er für seinen Freund hegte.
So könnte er ihm trotzdem nahe sein und in der Stille seines Gemachs von ihm schwärmen und musste sich nicht vor Abneigung oder Ablehnung fürchten…
Dennoch konnte er ein verräterisches Zucken der Unterlippe nicht unterdrücken.
Er war wirklich töricht gewesen, sich auszumalen, Hephaistion könne auch so für ihn empfinden – er war älter, erfahrener, reifer; was sollte er mit einem, schlicht gesagt, Kind?
Alexander fuhr sich durch die Haare und ordnete sie wieder, immerhin würde es ihm jetzt sowieso nichts mehr nützen.
Dann löschte er ein paar Öllampen und Kohlepfannen, öffnete die Balkontür, damit frische Luft hereinkam und entledigte sich seines Chitons, den er ordentlich über eine der Truhen legte.
Dabei fiel sein Blick auf den mannshohen Spiegel, der neben der Kommode angebracht worden war. Sich auch noch des kurzen Schurzes entledigend musterte sich Alexander schließlich kritisch in der spiegelnden Oberfläche.
Seine Fingerspitzen strichen über sein, seiner Meinung nach noch viel zu rundes, weiches Kinn, dass er sich herber und männlicher wünschte.
Vielleicht sollte er sich einen Bart stehen lassen… obwohl ihm ja bisher kaum mehr als ein sanfter Flaum wuchs, den er allerdings alle zwei Tage stolz abrasierte.
Sein Blick glitt über seinen Hals zu seiner Brust und seinen Bauch; natürlich, durch das anhaltende Training war er muskulöser geworden, doch im Vergleich zu den anderen Jungen wie nun mal Hephaistion oder Ptolemaios – oder gar Leonnatos! – wirkte er immer noch ziemlich schmächtig, weil er trotz der ungeheuren Mengen Süßigkeiten, die er in sich hineinstopfte, kein Gramm Fett zu viel am Leibe trug.
Sein immer kritischer werdender Blick glitt noch ein Stückchen tiefer, bevor er frustriert seufzte.
Rein gar nichts an seinem Körper schien auch nur im Entferntesten seinen eigenen Wünschen zu entsprechen oder zeigte Anzeichen dafür, dass es sich in nächster Zeit noch gemäß diesen entwickeln würde.
Als die Tür plötzlich geöffnet wurde zuckte Alexander erschrocken zusammen; er verschränkte die Finger vor seiner Blöße und lief – wie (zu) oft in letzter Zeit – rosarot an.
Lanike blinzelte irritiert und musterte den nackten Prinzen für ein paar Sekunden, dann wandte sie den Blick ab.
„Ich habe dich schon in den Windeln liegen sehen, glaubst du wirklich, du müsstest etwas vor mir verstecken?“, hakte sie nach, als sie zum Esstisch ging und anfing, die Schüsselchen und Teller zusammenzuräumen.
Alexander wandte sich rasch um und suchte fieberhaft nach seinem Schurz, den er auf die Schnelle allerdings nicht finden konnte.
„Aber in der Zwischenzeit ist ja auch alles… gewachsen“, redete er sich heraus, beim etwas spöttischen „Natürlich“ seiner Amme noch dunkler anlaufend.
Sich schnell den Schurz um die Hüfte schlingend verknotete er ihn sicherheitshalber zweimal, bevor er sich auf den Balkon verzog und Lanike ihre Arbeit machen ließ.
Der Himmel war Sternenübersät und leuchtete blass und kalt in der Dunkelheit.
Ihn fröstelte schon nach geraumer Zeit, doch er verharrte regungslos, bis er aus den Augenwinkeln sehen konnte, dass Lanike fertig abgeräumt hatte und die letzten Öllampen löschte.
„Schlaf gut“, wünschte sie ihm noch, bevor sie leise die Tür hinter sich schloss.
Alexander schlüpfte zurück in sein Gemach, zog die Tür hinter sich zu und verkroch sich unter die wärmenden Decken seines Bettes. Ihm war kalt und er wusste nicht, wie er den morgigen Tag geschweigedenn die nächsten Wochen überstehen sollte.
Er könnte Hephaistion doch nie wieder ins Gesicht sehen – warum hatte er sich nur an Ptolemaios’ Rat gehalten und ihm dieses dämliche Kompliment gemacht?!
Sich auf die Unterlippe beißend starrte er auf die gegenüberliegende Wand. Am liebsten hätte er den gesamten Tag noch einmal zurückgespult und wäre am Morgen einfach nicht aufgestanden…
Akt II
Was hab ich falsch gemacht?
Wie kam’s mit mir so weit?
Warum hab ich meinen Träumen vertraut
Als wären sie Wirklichkeit?
Was meine Zukunft war –
Vorüber, bevor es begann.
Ich schloss die Augen, nur um nicht zu seh’n,
was ich nicht ändern kann.
Wie kam’s mit mir so weit?
Warum hab ich meinen Träumen vertraut
Als wären sie Wirklichkeit?
Was meine Zukunft war –
Vorüber, bevor es begann.
Ich schloss die Augen, nur um nicht zu seh’n,
was ich nicht ändern kann.
„Was führt dich denn zu solch später Stunde noch her?”
Die Stimme zu seiner Linken ließ Hephaistion überrascht den Kopf heben. Er hatte nicht bemerkt, dass sich ihm jemand näherte und dementsprechend fragend fiel auch der Blick aus, mit welchem er Ptolemaios entgegensah, bis dieser neben ihm zum Stehen kam.
Alles was folgte, war eine abwinkende Geste in Richtung des Jüngeren. Da Hephaistion jedoch wusste, dass er sich damit ganz gewiss nicht zufrieden geben würde, setzte er seinerseits noch eine indirekte Frage hinterher.
„Dasselbe könnte ich dich auch fragen, Ptolemaios.”
Jetzt war es an dem Angesprochenen in einer theatralischen Geste die Arme auszubreiten. „Aaaach, Hephaistion!”, begann er dann mit vom Wein benebelter Stimme, ohne einen gewissen amüsierten Unterton aus ihr verbannen zu können. „Perdikkas und ich hatten was zu feiern, weißt du.”
Ptolemaios setzte eine wichtige Miene auf, um den Wert seiner Worte zu unterstreichen; beinah rechnete der Ältere sogar damit, dass er gleich noch wichtigtuerisch mit dem Zeigefinger vor seiner Nase herumwedeln würde. Aber das kam vermutlich erst später.
Hephaistion wartete einige Sekunden schweigend ab; sein Gegenüber hingegen wollte offenbar nicht weitersprechen, ehe er sein Interesse bekundet und nachgehakt hatte. Nun ja, was tat man nicht alles...
Aller Müdigkeit zum Trotze, die den Dunkelhaarigen eigentlich schnurstracks ins eigene Bett hatte führen wollen, ließ er sich zu einem leisen Seufzen hinreißen und stemmte die Arme in die Seiten.
„Was denn?”, stellte er also die beabsichtigte Frage; auch wenn sie Ptolemaios’ Geschmack nach ein wenig zu ungeduldig ausfiel.
Kein Wunder also, dass er aus seiner Antwort eine Sensation machen wollte und eine verschwörerische Stille folgen ließ, begleitet von einem verschmitzten Grinsen. Erst Hephaistions typisch abfälliger Blick, der sich langsam aber sicher auf seine Miene schlich, verriet, dass sich seine Geduld dem Ende zuneigte und selbst Ptolemaios den Freundschafts-Privileg, den er in gewissen Teilen ebenfalls genießen durfte, aufbrauchte.
„Alexander”, begann der Jüngere nun also mit wichtigem Tonfall und legte Hephaistion einen Arm um die Schultern, was dieser mit einem weiteren, herzlich wenig begeisterten Blick quittierte, aber nichts dazu sagte.
„Unser Alexander, Hephaistion!”
Ptolemaios kicherte leise, offenbar die Nachwirkung des Weins, den er sich zusammen mit Perdikkas eingeflößt haben musste, um was auch immer es war, zu feiern.
„Es geht also um Alexander, gut, das hätten wir. Und weiter?”, drängte Hephaistion nun, mittlerweile sichtlich neugierig geworden. Immerhin war er gerade erst bei dem Prinzen gewesen und je nachdem, um was es sich handelte, hatte er sich vielleicht Schwierigkeiten eingehandelt, indem er das ein oder andere Thema unwissend nicht beachtet hatte.
Ptolemaios grinste erneut und stieß dem Älteren einen Ellbogen in die Seite. „Er hat sich verliebt. - Ja, guck nicht so! Ich hab’ zuerst genauso reagiert, oh ja, das hab’ ich!” Erneut kicherte er und schüttelte leicht den Kopf.
„Du hättest mal sehen müssen, wie entsetzt Perdikkas war - ich dachte, der Gute erstickt mir gleich am Wein”, schmückte er seine vorangegangene Unterhaltung mit Alexander dann mit gewissen Übertreibungen aus und seufzte erneut gedehnt.
Hephaistion sagte nichts dazu; seine Miene war undurchdringlich wie immer, doch darum kümmerte sich Ptolemaios jetzt sowieso nicht. Dafür war der Jüngere viel zu sehr damit beschäftigt, ein weiteres Lachen zu unterdrücken.
„Er kam vorhin in mein Zimmer, musst du wissen”, erläuterte er nach einigen Augenblicken, in denen er sich mit unterdrückt bebenden Schultern an Hephaistion gelehnt hatte, die weiteren Details, nach denen der Dunkelhaarige unausgesprochen verlangte.
„Ich meine, ist ja auch verständlich, dass er bei solchen Fragen zu mir kommt, oder nicht?”
Ptolemaios war offenbar auf Bestätigung aus und verzog leicht das Gesicht, als Hephaistion nichts erwiderte.
„Nun ja, wie auch immer. Es ist ja irgendwo schon erstaunlich, wie naiv er noch ist. Findest du nicht auch? Jeder in seinem Alter würde doch auf die Idee kommen, einer Frau zu sagen, dass sie schöne Augen hat, oder irre ich?”
Nun war es an Hephaistion ein wenig irritiert die Brauen zu heben; nicht etwa wegen der Feststellung die der Andere so eben getroffen hatte, sondern wegen eines gewissen, winzigen Details...
„Was hast du gesagt?”, hakte er dementsprechend verwirrt nach.
Der Jüngere warf ihm aus den Augenwinkeln einen abschätzigen Blick zu. „Jetzt sag nicht, dass du auch noch so denkst ... Meine Güte, Hephaistion, das ist ja noch schlimmer als ich da-!”
„Darum geht es doch gar nicht”, unterbrach er Ptolemaios unwirsch und schüttelte verärgert den Kopf. „Was meinst du eben, als du das mit den Augen gesagt hast?”
Erneut musste Hephaistion einen prüfenden Blick über sich ergehen lassen und der Miene seines Gegenübers nach zu urteilen wollte er definitiv nicht wissen, was dieser gerade dachte.
„Also gut, Hephaistion”, lenkte Ptolemaios schließlich ein. „Wir fangen jetzt noch mal ganz von vorne an. Kleine Unterrichtsstunde mit Ptolemaios - du kannst mich aber auch Meister nennen, wenn du willst.”
Leise lachend zog er Hephaistion am Chiton mit sich hinunter auf eine kleine Steinbank, die in ihrer Nähe stand und ignorierte das genervte Augenrollen des Älteren.
„Dir ist schon klar, dass Frauen Komplimente hören wollen, oder? Frag mich nicht wieso, die brauchen das einfach. Und damit Mann kriegt, was Mann haben will, geht er auf diese kleinen Extras ein - in der Hinsicht sind wir einfach Egoisten.”
Ptolemaios hob eine Hand als der Andere ihn unterbrechen wollte - eigentlich nur um ihm klar zu machen, dass es Hephaistion darum überhaupt nicht ging und etwas anderes jetzt viel wichtiger war, aber das konnte er ja nicht wissen - und schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, versuch nicht, mir zu widersprechen. Auch wenn du es vielleicht selbst nicht weißt - aber auch du bist nicht anders. Vertrau mir.” Eine kleine Pause von wenigen Sekunden entstand, ehe Ptolemaios sich zu Hephaistion umwandte und eine gewichtige Miene aufsetzte.
„Jedenfalls. Diese Komplimente dürfen natürlich nicht zu plump klingen - Frauen wollen ja auch was geboten kriegen und so. Und da habe ich Alexander, der diese ganzen Erklärungen offenbar nicht hören wollte, -”
„Ich auch nicht”, warf Hephaistion leise ein, wurde aber wieder gnadenlos ignoriert.
„- habe ich ihm das erspart und ihm stattdessen geraten, seiner Angebeteten doch zu sagen, was sie für schöne Augen habe. Das zieht immer, glaub mir. Kannst du dir übrigens auch merken, falls du mal - ach nein, was rede ich da. Unser Frauenheld hier ist ja auch kein Unschuldslamm mehr, was?” Kichernd stieß Ptolemaios ihn in die Seite und neigte dabei den Kopf. „Und das sogar ganz ohne meine Hilfe, ich bin wirklich beeindruckt!”
„Ptolemaios.”
Die Stimme des Älteren klang zwar ruhig, aber Menschen, die ihn länger kannten - und Ptolemaios gehörte definitiv dazu - wussten, dass das gar nichts zu bedeuten hatte. Und wenn sich dann auch noch so ein gewisser zorneszittriger Unterton in Hephaistions Tonlage mischte, war wirklich Vorsicht geboten.
Ein Wutausbruch von Alexander war nicht angenehm, ganz gewiss nicht - aber sein Jugendfreund stand ihm in der Hinsicht in nichts nach, wenn er einmal in wirkliche Rage geriet.
„Schon gut, schon gut!”, hob Ptolemaios also abwehrend die Hände. „Ich hab’ nie was gesagt.”
„Was macht dich so sicher, dass es um ein Mädchen ging?”, hakte Hephaistion nun nach, ohne auf seine Worte einzugehen und bemühte sich dabei seinerseits, einen unverfänglichen Tonfall anzuschlagen.
Ptolemaios antwortete mit einem amüsierten Lachen. „Weil er es mir gesagt hat. Also, dass es um ein Mädchen ginge. Um wen denn auch sonst?”
„Ich weiß nicht, ich dachte nur ...” Schulterzuckend winkte der Ältere ab und erhob sich nach einigen Sekunden des Zögerns. Man sah ihm an, dass seine Gedanken im Inneren seines Kopfes Purzelbäume schlugen, Achterbahn fuhren und sich in jeglicher Art vergnügten, die sie mehr und mehr verknotete und verwirrte.
„Soll ich dich zu deinem Zimmer begleiten, oder findest du den Weg alleine?”, unterbrach Hephaistion den Anderen in dem Moment auch schon wieder, als dieser die Lippen geöffnet hatte, um etwas zu sagen. Angesichts seiner verwirrten Miene, entschied Hephaistion sich dazu, noch eine Erklärung folgen zu lassen. „Ich denke, du sollest dich langsam hinlegen. Es ist keine so gute Idee, den halben Tag zu verschlafen und wer weiß, wofür du gebraucht wirst.”
„Sagt ja der Richtige”, murrte Ptolemaios leise, streckte Hephaistion auf dessen missbilligenden Blick hin die Zunge heraus und erhob sich dann ebenfalls gedehnt seufzend. „Danke für das Angebot, aber ich denke, ich komme zurecht.”
Hephaistion nickte leicht und verbarg erfolgreich, dass ihm dieser Umstand sowieso lieber war. Er hatte jetzt andere Probleme - und anderes zu erledigen.
Die Unterhaltung, so entnervend sie in manchen Punkten auch gewesen sein mochte, hatte sich immerhin als sehr aufschlussreich entpuppt und so dankte er Ptolemaios auch im Stillen dafür, ihn durch Zufall aufgegabelt und angesprochen zu haben.
Was er Hephaistion nicht erleichtern konnte, waren die Zweifel, die ihn überkamen.
Eigentlich eine offensichtliche Lage, in der er sich befand - auch wenn Alexander sicherlich niemals geplant hatte, dass der Dunkelhaarige es so, oder überhaupt, erfuhr.
Doch manchmal sahen die Götter eben andere Wege vor, als die, die man selbst geplant hatte und jetzt war es wieder der Fall.
Ptolemaios noch eine angenehme Nacht wünschend blieb Hephaistion stehen, wo er war, und sah dem Jüngeren hinterher, wie er mit erstaunlich zielsicheren Schritten in Richtung seines eigenen Zimmers davon wanderte.
Erst als er um eine Ecke gebogen war, kam wieder Leben in den jungen Mann.
Weshalb hatte er nur nichts gesagt?!
Jetzt, im Nachhinein, waren die Selbstvorwürfe nur umso schlimmer - auch wenn eine leise Stimme in seinem Hinterkopf beständig versuchte, Hephaistion einzuflüstern, dass es so besser war.
Alexander hätte sich Hoffnungen gemacht, wäre er auf diesen Kommentar eingegangen. Im Prinzip war er das ja auch, hatte sich schließlich zu einem - in seinen Augen verräterischen - Lächeln hinreißen lassen, das deutlich machte, wie sehr er sich über das Kompliment gefreut hatte.
Aber ob Alexander es ebenfalls so aufgefasst hatte, war eine andere Frage.
Und wie Hephaistion seinen Freund, der in diesen Punkten oftmals viel zu kindlich dachte, kannte, war das ganz sicher nicht so. Er machte jetzt ein Drama aus der Sache, fühlte sich vermutlich so schlecht, wie selten und würde sich am morgigen Tag kaum aus seinem Gemach trauen, weil es ihm peinlich war, so etwas überhaupt gesagt zu haben.
Vielleicht ein wenig übertrieben dargestellt, aber so in etwa malte Hephaistion sich Alexanders Reaktion aus - und genau das war sein Fehler.
Denn das weckte ein gewisses Mitleid, auch wenn man nicht behaupten konnte, dass seine folgende Handlung nur auf dieser Emotion basierte. Nein, es war viel mehr so, dass der Ältere ebenfalls etwas für den Prinzen empfand: Liebe - aber vermutlich nicht die Art von Liebe, die dieser ihm entgegenbrachte.
Sie erstreckte sich mehr auf geistiger Ebene. Hephaistion fühlte sich wohl, wenn Alexander in der Nähe war. Er fühlte sich von dem Jüngeren verstanden; dem er alles erzählen konnte und der nie nach eigenen Belangen über ihn urteilte, ihn verurteilte.
Und er wollte, dass Alexander glücklich war, wollte nicht, dass ihn jemand verletzte und verteidigte ihn stets als Erstes am vehementesten, wenn es zu Auseinandersetzungen kam.
Aber das war nicht die Art von Liebe, nach der der Prinz sich zu sehnen schien. Es war eine Liebe, die Hephaistion ihm nicht geben konnte. Vielleicht würde die Zeit anderes mit sich bringen, aber noch nicht.
Ein leises Seufzen von sich gebend, fuhr Hephaistion mit der flachen Hand durch die langen, dunkelbraunen Haare und schielte dabei aus den Augenwinkeln in Richtung des Gangs, aus dem er vor einigen Minuten gekommen war.
Alexander ...
Die Sehnsucht die von seinem Bewusstsein Besitz ergriff, ließ ihn ohne ein weiteres Mal zu zögern einen Fuß vor den anderen setzen und langsamen, aber festen Schrittes zurückgehen, bis Hephaistion schließlich vor der Tür seines Gemachs stehen blieb.
Was sollte er sagen? Unter welcher Begründung sollte er - gerade jetzt! - noch einmal zurückkehren, wenn Alexander vermutlich nichts weiter wollte, als seine Ruhe?
Die Wahrheit war zu hart und gleichzeitig zu ... Hephaistion konnte es nicht sagen, aber es fühlte sich falsch an.
Gleichzeitig war er jemand, der den Prinzen nie anlog - und so sollte es auch bleiben. Eine Ausrede kam im Grunde genommen also ebenfalls nicht in Frage.
Blieb nur noch die Möglichkeit der Halbwahrheiten.
Hephaistion nickte leicht, dann hob er eine Hand und öffnete lautlos die Tür; ebenso leise in das mittlerweile verdunkelte Gemach schlüpfend.
Deutlich sichtbar präsentierte sich ihm Alexanders Silhouette - der Jüngere hatte sich unter den Decken verkrochen und zusammengerollt; ein weiterer Beweis dafür, dass seine innere Gefühlslage alles andere als angenehm sein musste.
Hatte er Hephaistion bereits bemerkt? Schlief er?
Der Ältere konnte es nicht sagen, wusste aber auch, dass er nicht bis in alle Ewigkeiten hier stehen durfte, ohne diesen Moment merkwürdig erscheinen zu lassen. Oder besser gesagt noch mehrwürdiger als er ohnehin schon war.
„Entschuldige, ich ...”
Als seine leise Stimme die Stille des Gemachs durchschnitt, sah er deutlich, dass Alexander überrascht zusammenzuckte. Hephaistion hielt für einen Moment inne, aber der Jüngere machte keine Anstalten, sich zu ihm umzudrehen, oder etwas zu erwidern.
Vielleicht hielt er ja auch alles nur für einen Traum. Noch.
„Es mag anmaßend erscheinen, aber ... Nachdem du dich früher oftmals ungefragt in mein Zimmer geschlichen hast, dachte ich, ich frage dich lieber. Auch wenn ich nichts dagegen hatte oder habe, aber es ist angemessener.”
Hephaistion hielt kurz inne und schloss die Augen. Meine Güte, was redete er hier eigentlich?!
Das kam davon, wenn man sich keinen genauen Plan zurecht gelegt hatte. Es war, als würde man in einen See voll eiskaltem Wasser springen und sich erst dann erinnern, dass man nie gelernt hatte, zu schwimmen. In diesen Fällen gab es meist jemanden, der einen in letzter Sekunde rettete, aber Hephaistion wusste, dass er jetzt nicht darauf hoffen konnte.
Wollte er also nicht ertrinken, musste er die Zähne zusammenbeißen und da alleine durch.
„Ich wollte fragen, ob ich die Nacht hier bei dir verbringen kann. Der Abend hat mich sehr an unsere Zeit in Mieza erinnert und ich muss zugeben, dass ich dich in solchen Momenten oft vermisse. Weil ich dann merke, dass die Zeiten, in denen wir ganz allein sind und uns ungestört unterhalten können, viel zu selten geworden sind. So wie eben, als ich alleine in meinem Zimmer war. Und deshalb ...”
Hephaistion seufzte und öffnete die Augen wieder, froh über die Dunkelheit die den verzweifelten Ausdruck auf seiner Miene vor Alexander verbarg. Aber da der Jüngere sich immer noch nicht umgedreht hatte, wurde dies sowieso überflüssig.
Angespannt wartete der Dunkelhaarige nun auf eine Antwort, innerlich mit jeder Sekunde die schweigend verstrich mehr und mehr in Panik geratend. Was, wenn es längst zu spät war?
Wenn Alexander, wie so oft, überstürzt reagiert und sich jetzt von Hephaistion losgesagt hatte, weil dieser seine Gefühle nicht erwiderte? Damit es so ‚besser für beide’ war?
Kein Wunder also, dass ein erleichtertes Lächeln über seine Lippen huschte, als er endlich das leise, etwas unsichere „In Ordnung ...” des Prinzen vernahm, das ihn aus seiner Lage erlöste. Alexander rutschte nun auch ein Stückchen beiseite, damit Hephaistion ausreichend Platz neben ihm hatte, wandte sich aber immer noch nicht um.
Aber der erste Schritt war immerhin geschafft und so beließ der Ältere es dabei, sich neben ihm auf dem Bett niederzulassen.
Einen Moment zögerte er noch, dann setzte er ein leises, aber dafür umso aufrichtigeres „Danke” in die wieder eingetretene Stille und beugte sich ein wenig über den Anderen. Bevor dieser Hephaistions Handeln überhaupt realisieren konnte, hatte er seine Lippen schon auf Alexanders Wange gesenkt und einen sanften Kuss auf diese gehaucht.
„Gute Nacht ...”
Der warme Atem strich über die Haut des Jüngeren, doch dabei blieb es auch. Hephaistion zog sich bereits wieder zurück und ließ sich nun endgültig neben Alexander auf der weichen Matratze nieder.
Man mochte seine Aktion im Nachhinein als töricht und ganz gewiss dumm bezeichnen, aber in diesem Augenblick dachte Hephaistion einfach nicht an die bevorstehenden Konsequenzen.
Kein Mensch war perfekt und selbst er beging ab und an mal Fehler. Und dies hier sollte sich wohl oder übel als ein solcher herausstellen.
Alexander neben ihm lag zutiefst verwirrt da und wusste nicht so wirklich, was er denken sollte. Einerseits freute er sich natürlich über die von Hephaistion selbst gewollte Nähe, andererseits war er sich allerdings auch dieser unsicher: warum kam er gerade jetzt?
Vielleicht… ja, vielleicht hatte er ja begriffen, was Alexander mit seinem unglücklichen Flirtversuch hatte ausdrücken wollen; und Hephaistion war nun mal Hephaistion – er würde nicht herkommen und ihm eine Liebeserklärung machen, die sich mit denen Sophokles’ oder Aischylos’ messen ließe – die Art, wie er sich an ihn drückte käme einem Hephaistion schon näher.
Sich auf die Unterlippe beißend musste Alexander ein Lächeln unterdrücken. So musste es sein… Er drehte sich auf die andere Seite, drückte sich noch ein wenig näher an seinen Freund und legte dann zögerlich eine Hand auf dessen Taille, bevor er zufrieden die Augen schloss.
Hephaistions Duft kroch ihm in die Nase und betörte seine Sinne; am liebsten würde er ewig so liegen bleiben. Die Haut, die Hephaistion mit seinen Lippen berührt hatte, kribbelte beschwörend und trieb Alexander wieder ein Lächeln auf die Lippen.
Ja, so ließe es sich doch für immer leben…
~ ~ ~ ~
*
*
Alexander grummelte unterdrückt und drehte den Kopf auf die andere Seite, doch die Sonnenstrahlen kitzelten ihn unnachgiebig aus seinem tiefen Schlaf, bis er schließlich die Augen aufschlug und sich ergab.
Irritiert wanderte sein Blick über Hephaistion, der unmittelbar neben ihm lag. Er setzte schon an, ihn zu fragen, was er hier tue, als ihm der gestrige Abend einfiel. Sofort schlich sich wieder ein strahlendes Lächeln auf seine Züge. In seiner noch recht naiven Vorstellung von Liebe und Zärtlichkeit hatte Hephaistion mit seinem gestrigen Tun bewiesen, dass er Alexanders Gefühle erwiderte.
Sonst wäre er doch auch nie zurückgekommen, geschweigedenn hätte ihm einen Kuss auf die Wange gegeben, nicht wahr?
Alexander musterte Hephaistions Gesicht eingehend, dann ließ er seinen Blick über dessen Körper schweifend. Erst jetzt schien er zu bemerken, dass Hephaistion nackt war – nun gut, halbnackt, doch das Stückchen Stoff, dass sich Schurz nannte, konnte man ja außen vor lassen.
Und auch jetzt erst schien Alexander zu registrieren, dass seine Hand die ganze Zeit über auf der Brust seines Freundes geruht hatte. Hart schluckend ließ Alexander seinen Blick über die weiche, narbenlose Haut schweifen.
Er spürte deutlich die harten Muskeln unter seinen Fingerspitzen und das gleichmäßige, kräftige Schlagen des Herzens. Ein heißer Schauer kroch ihm über den Rücken und sammelte sich wie von selbst in unteren Körperregionen an. Einerseits wollte Alexander die Hand schnell wieder wegziehen, andererseits war es einfach zu betörend, Hephaistion zu spüren.
Bevor der junge Prinz überhaupt wusste, wie ihm geschah, zog sich sein Körper für einen kurzen Augenblick zusammen und entlud seine angestaute Erregung.
Alexander biss sich erschrocken auf die Unterlippe und zog rasch die Hand von Hephaistions Brust, dann hob er die Hüften leicht an und sah an sich hinab. „Verdammt“, fluchte er lautlos, rasch noch einmal zu Hephaistion blickend, damit dieser in der Zwischenzeit nicht erwacht war und Alexanders Malheur bemerkte.
Die Decke war ihnen in der Nacht irgendwie abhanden gekommen, doch bevor Alexander sie suchen konnte hörte er schon Geräusche von der Tür. Rasch zog er sich ein Kissen über den Kopf und tat so, als würde er noch schlafen.
Wenn Lanike irritiert war, Hephaistion trotz Alexander vorabendlicher Verneinung im Bett des Prinzen zu finden, so ließ sie es sich nicht anmerken. Sie zog die schweren Vorhänge bei Seite und öffnete die Balkontür, um frische Luft hereinzulassen.
Dabei konnte sie es natürlich nicht bleiben lassen, extra viele, laute Geräusche zu machen, damit die beiden Herrschaften auch ja aufwachten. Alexander hörte neben sich Hephaistions leises Gebrumme, offenbar war auch er nicht besonders erfreut über diese Weckaktion.
„Guten Morgen, Hephaistion“, flötete Lanike fröhlich und kramte dann in den Kleidertruhen an der Wand herum, um Alexander einen passenden Chiton herauszusuchen. Der mochte gar nicht wirklich unter dem Kissen hervorkommen, innerlich betend, dass keiner sein kleines Missgeschick bemerken würde.
Auch wenn das Lächeln etwas unsicher wirkte, so konnte man dennoch sehen, dass es echt war und sich noch verbreiterte, als Hephaistion Alexander durch die Haare wuschelte.
„Ich geh dann mal und überlasse dich den Pflichten eines Statthalters“, sagte dieser mit einem angedeuteten Schmunzeln, zog sich den Chiton, den er gestern Abend neben dem Bett fallen gelassen hatte, über den Kopf und stand auf.
„Ja – bis dann“, erwiderte Alexander, vorerst froh, dass Hephaistion ging; jetzt müsste er nur noch Lanike loswerden. Diese schien allerdings gar nicht daran zu denken, zu verschwinden. Sie verabschiedete Hephaistion, dann nahm sie das Zimmer kritisch unter die Lupe und begann hier und da ein paar Dinge aufzuräumen, die ihrer Meinung nach im Weg herumstanden.
Alexander unterdrückte ein Grummeln und blieb wohlweißlich auf dem Bauch liegen. „Willst du nicht langsam einmal aufstehen?“, hakte Lanike nach kurzer Zeit nach und legte ihm den Chiton auf das Bett. „Du weißt, dass Antipatros nicht gern wartet, außerdem ist er in Eile. Und du musst vorher noch frühstücken, sonst fällst du mir ja noch vom Fleisch.“
„Ja – ja. Gleich. Kannst du nicht rausgehen – oder so?“, fragte Alexander schließlich halblaut. Lanike legte die Stirn in Falten, dann seufzte sie. „Hast du schon wieder die Laken dreckig gemacht?“, erwiderte sie lediglich ungerührt und der blasse rosa Schimmer auf Alexanders Wangen war ihr Antwort genug.
Irgendetwas von wegen „Jungs“ murmelnd verschwand Lanike schließlich ohne weiter zu fragen ins angrenzende Zimmer, sodass Alexander Zeit hatte, sich rasch des beschmutzten Schurzes zu entledigen und sich anzuziehen. Dann zupfte er das Laken vom Bett und knüllte es zusammen.
„Lass das, ich mach das. Iss du jetzt lieber rasch“, unterbrach ihn Lanike in seinem Tun, als sie wieder das Zimmer betrat und wies dabei auf das kleine Tablett, dass sie auf den niedrigen Tisch zwischen den beiden Klinen in der Ecke gestellt hatte.
Nachdem Alexander aufgegessen hatte wusch er sich das Gesicht und reichte Lanike etwas zögerlich den Kamm. „Könntest du sie so – so wie gestern machen?“, fragte er schließlich.
Hephaistion schien es gefallen zu haben und wenn er auch nur ein paar Monate dadurch älter wirkte war er seinem Ziel, endlich wie ein richtiger Mann auszusehen, doch schon einen kleinen Schritt näher gekommen.
Lanike lächelte verstohlen, nickte kurz und nahm dann den Kamm, um Alexanders Haare zu ordnen. Als sie fertig war schob sie ihn vom Spiegel, in den er natürlich prompt gesehen hatte, weg zur Tür. „Beeil dich, sonst kommst du zu spät.“
~ ~ ~ ~
*
*
Alexander streckte sich leicht und sog dann tief die klare Luft ein. Er hatte die letzten Stunden damit zugebracht, mit Antipatros und Kleitos, der ihn begleitet hatte, die Gefahr des Aufstandes in Thrakien zu diskutieren und was sie dagegen unternehmen sollten.
Natürlich legte Alexander Wert auf die Erfahrung der beiden Älteren, doch deswegen hatte er sich noch lange nicht zu irgendetwas überreden lassen. Was das anbelangte konnte er sehr stur sein.
Er müsste am Nachmittag noch einige Schreiben beantworten, doch ansonsten war er für heute fertig mit den wichtigsten Regierungsangelegenheiten. Er schritt gemächlich die Treppe zum Hof hinab und ließ seinen Blick dabei schweifen, bis er Hephaistions Gestalt erkannte.
Das strahlende Lächeln vom Morgen schlich wieder auf seine Lippen und beschwingt schritt er auf seinen Freund zu, der sich, wie er eben erst bemerkte, mit Ptolemaios und Perdikkas zu unterhalten schien.
„Hey“, begrüßte er die Drei, stellte sich automatisch auf die Zehenspitzen und gab Hephaistion spontan einen Kuss auf die Wange. Das machte man unter ‚Liebespaaren’ doch so, oder? Jedenfalls hatte er das gesehen.
Als er die irritierten Blicke seitens Ptolemaios’ und Perdikkas’ sah hob er eine Braue in die Höhe; er hätte ja nicht erwarten können, dass es Hephaistion jedem erzählte – dann musste er das eben tun.
„Was? Hephaistion und ich sind doch…“
Alexander hielt inne als er den ebenfalls irritierten Blick seitens des Angesprochenen bemerkte. Hephaistion hatte die Stirn leicht in Falten gelegt, die linke Braue gehoben und sah ihn fragend von der Seite her an.
„…Fr-Freunde…“, schloss Alexander schließlich seinen Satz ab.
Hatte er etwas falsch verstanden?
Hegte Hephaistion gar keine Gefühle für ihn?
Doch warum war er dann wieder gestern Abend zurückgekommen?
Oder wollte er einfach nicht vor Ptolemaios und Perdikkas zeigen, was zwischen ihnen war?
Alexander wusste nicht wirklich, was er glauben sollte.
Ptolemaios sah von Alexander zu Hephaistion und wieder zurück. „Ja – und? Wir sind auch deine Freunde und uns küsst du nicht“, erwiderte er.
Alexander zuckte leicht mit den Schultern: „Willst du etwa auch einen Kuss?“
Ptolemaios verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.
„Andererseits – wenn du solche Brüste hättest“, fuhr Perdikkas dazwischen und deutete mit den Händen an, welche Vorstellung er hatte, „dann würde sich Ptolemaios das sicher gefallen lassen, oder nicht?“
„Du reduzierst mich immer nur auf mein Können Frauen gegenüber! Ist da jemand neidisch?“, stichelte der Angesprochene zurück.
Alexander hörte nur mit halbem Ohr zu; er sah Hephaistion nicht an sondern musterte angestrengt seine beiden Freunde, um so zu tun, als würde er ihnen bei ihrem kleinen Geplänkel lauschen.
War Hephaistion nur zurückgekommen, weil er Mitleid bekommen hatte?
Oder aber brauchte er einfach ein wenig ‚Zeit’, um sich an diese neue… Situation zu gewöhnen?
Alexander sah unsicher aus den Augenwinkeln zu seinem Freund, wurde in seinen weiteren Gedankengängen allerdings von Lanike unterbrochen, die soeben zu ihnen stieß.
„Deine Mutter erwartet dich, Alexander. Du solltest sie nicht warten lassen, schließlich habt ihr euch seid 3 Tagen nicht mehr gesehen.“
Alexander, der froh war, der peinlichen Situation, in der er sich befand, zu entkommen, nickte rasch, verabschiedete sich von seinen Freunden und folgte Lanike zurück in den Palast.
Während der quälenden Minuten durch die kühlen Korridore fragte er sich immer wieder, ob er etwas falsch verstanden hatte.
„Hephaistion ist wirklich ein bildhübscher, junger Mann geworden“, meinte Lanike nach kurzer Zeit unvermittelt.
Alexander blinzelte verwirrt und sah sie von der Seite an. „J-ja“, sagte er schließlich. Worauf seine frühere Amme hinauswollte konnte er nicht sagen, doch bevor sie noch etwas hinzufügen konnte hatten sie schon die Gemächer Olympias’ erreicht.
Alexander klopfte kurz, wartete auf das „Herein“ und betrat anschließend die Räumlichkeiten seiner Mutter. Olympias saß, ihre Lieblingsschlange Nyx auf den Schultern, am Fenster und sah hinaus. In den Händen hielt sie einen von Alexanders Chitons, den sie mit purpurnen Mustern bestickte.
„Wie freundlich, dass du mich einmal besuchst“, sagte sie spitz, sah dabei allerdings nicht von ihrer Tätigkeit auf.
Alexander räusperte sich dezent. „Nun – ich hatte viel zu tun und… wie geht es dir, Mama?“
Wie immer, wenn er Olympias ablenken oder beruhigen wollte nannte er sie ‚Mama’ – das schien manchmal Wunder zu wirken.
Auch diesmal legte sich bei diesem Wort ein sanftes, allzu selten auftauchendes Lächeln auf ihre Züge. „Es ist sehr ruhig. Kleopatra schaut auch nicht mehr so häufig vorbei. Sie beschäftigt sich jetzt mit Jungen… auch sehr häufig mit deinem Freund Perdikkas. Weißt du etwas?“
Alexander zuckte lediglich kurz mit den Schultern. Er wusste, dass Kleopatra Perdikkas und seine ganze Art sehr mochte, dass er sie häufig zum lachen bringen konnte und sie im Gegenzug auch lieb gewonnen hatte.
Mehr war ihm auch egal.
„Nun gut… möchtest du zum Mittagessen bleiben?“, fragte Olympias schließlich, legte ihre Handarbeit weg und stand auf. Alexander nickte automatisch, auch wenn er keinen Hunger verspürte und ließ sich auf die dargebotene Kline nieder.
Eine nachtschwarze Schlange schlängelte sich an deren Fuß empor und kringelte sich über Alexanders Arm; er fuhr ihr abwesend mit den Fingern über den glänzenden, kühlen Körper.
„Was hast du denn mit deinen Haaren gemacht?“
Bevor Alexander reagieren konnte hatte Olympias ihm auch schon mit mütterlicher Fürsorge die Haare wieder geordnet und Lanikes Arbeit zunichte gemacht.
Alexander kniff die Lippen zusammen; wahrscheinlich war es besser so. Er hatte sich sicherlich in seinem Denken über Hephaistion getäuscht und brauchte dementsprechend auch nicht mehr älter aussehen.
„Wie sieht es überhaupt mit den Mädchen aus?“
Alexander hob verwirrt blinzelnd den Blick zu Olympias. „Was? Wieso?“
Seine Mutter zuckte nur leicht mit den Schultern und ließ sich ihm gegenüber auf eine Kline nieder. Diener kamen derweil herbei und trugen das Essen auf.
„Kleopatra widmet sich schon Jungen – und ist fast 2 Jahre jünger als du. Müsstest du dich nicht allmählich auch für Mädchen interessieren?“
Alexander wandte den Kopf zur Seite und sah aus dem Fenster.
Er wollte kein Mädchen.
Er wollte Hephaistion.
Doch das konnte er seiner Mutter nicht sagen, dessen war er sich bewusst.
Da Thema im folgenden Gespräch geschickt umgehend verbrachte er die nächsten 2 Stunden bei Olympias, bevor er sich der Ausrede bediente, noch wichtige Korrespondenzen abhalten zu müssen.
Als sich die Tür hinter ihm schloss seufzte er niedergeschlagen.
Er sollte sich jetzt wohl wirklich besser dem Papierkram widmen, bevor die trübsinnigen Gedanken Überhand gewannen.
~ ~ ~ ~
*
*
Alexander massierte sich die Schläfen und legte das Schreibried dann beiseite. Der Brief an seinen Vater, in dem er ihn über alles unterrichtete, was am makedonischen Hof passierte, war noch hier und da etwas unvollständig, doch er würde den Rest auch morgen beenden können.
Die Sonne war noch nicht untergegangen, dennoch war Alexander müde und erschöpft.
Das Abendessen, dass Lanike ihm gebracht hatte, hatte er kaum angerührt.
Er strich sich matt durchs Haar, löschte die Kerze auf seinem Schreibtisch und stand auf, um ins angrenzende Zimmer zu gehen.
Lanike überzog gerade sein Bett mit frischen Laken und sah überrascht auf, als er eintrat. „Willst du schon ins Bett?“
Er nickte lediglich, entledigte sich seines Chitons und wartete dann ab, bis Lanike mit ihrem Tun fertig war und er unter die Decken verschwinden konnte.
Seine Amme nahm die alten Laken auf den Arm und musterte ihren Schützling kurz.
„Schläft Hephaistion heute nicht hier?“, fragte sie schließlich.
Alexander rollte sich auf die andere Seite und blinzelte zu ihr empor. „Warum sollte er?“, entgegnete er.
Lanike zuckte leicht mit den Schultern. „Nun – er hat diese Nacht doch auch hier geschlafen und … heute Nachmittag schient ihr sehr vertraut zu sein“, umschrieb sie schließlich das, was sie dachte.
Alexander sah peinlich berührt zur Seite. Sie spielte wohl auf die Sache mit dem Kuss an, den er Hephaistion heute gegeben hatte…
„Ich habe da wohl… etwas – miss…verstanden“, murmelte er schließlich leise.
„Oh…“ Lanike räusperte sich kurz, dann versuchte sie Alexander aufmunternd zuzulächeln, löschte die Lampen und verschwand aus dem Zimmer.
Sie kannte Alexander schon seit seiner Geburt, sie hatte natürlich von Anfang an bemerkt, was los war.
Dass Hephaistion diese Art von Gefühlen nicht erwiderte war einerseits verständlich, andererseits hätte sich Lanike über das jugendliche Glück der beiden gefreut.
Seufzend sah sie noch einmal zur Tür zurück, dann nahm sie die Wäsche und schritt langsam durch den Gang.
~ ~ ~ ~
*
*
Alexander erwachte, als ihm der Duft von Granatapfel in die Nase stieg und sanftes Plätschern von Wasser die nächtliche Ruhe störte. Blinzelnd öffnete er die Augen, brauchte allerdings ein paar Sekunden, bevor er sich an das matte Licht gewöhnt hatte.
Aus dem angrenzenden, kleinen Badezimmer drang etwas Helligkeit zu ihm.
Er hob verwirrt den Kopf und starrte auf die leicht geöffnete Tür. Soweit er wusste, war Lanike gegangen und sie störte für gewöhnlich nicht den Schlaf des Prinzen.
Wer konnte es also sonst sein?
Sich langsam aus den Decken schälend tappte Alexander barfuß zur Tür und lugte vorsichtig ins Badezimmer.
„Ist mein Prinz endlich aufgewacht?“
Ihm blieb der Mund offen stehen, als er die hellhäutige Schönheit sah, die sich auf einem Purpurtuch neben der in den Boden eingelassenen Wanne räkelte und zu ihm empor sah.
Sie hatte langes, nussbraunes Haar, das ihr in Locken auf die makellose Haut fiel und ihr sanftes, weibliches Gesicht umrahmte wie ein weicher Schleier.
Kein einziges Kleidungsstück bedeckte ihren wohlgeformten Leib; die flackernden Schatten der Öllampen, die sie auf der Kommode aufgestellt hatte, betonten ihre üppigen, weiblichen Rundungen und jagten Alexander einen Schauer über den Rücken.
Ihre hellroten Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln, als sie sich mühelos erhob und auf ihn zukam. Das intensive Grün ihrer Augen wanderte über Alexanders Leib und ließ ihn etwas verschämt einen Schritt zurück machen.
„Ich bin Kampaspe“, erklärte sie, streckte den Arm aus und umfasste Alexanders Handgelenk mit ihren schlanken Fingern. Dann deutete sie auf die gefüllte Wanne neben sich, aus der der betörende Duft nach Granatapfel kam.
„Komm mit.“
Alexander entzog sich ihrer Hand und legte die Stirn in Falten. „Was willst du hier?“, hakte er nach.
Kampaspe lächelte abermals leicht und wiegte dabei ihren Körper etwas zurück, wodurch sie – ob bewusst oder unbewusst sei einmal dahingestellt - ihre wohlgeformten Brüste ins rechte Licht rückte.
„Ich möchte dir zeigen, was es heißt, ein Mann zu sein“, erwiderte sie.
Alexander kniff die Brauen zusammen. Natürlich, seine Mutter. Oder sein Vater. Im Grunde war es gleich, doch dass er einen von beiden – oder gar beiden zusammen – den Besuch dieser Hetaire (denn nichts anderes war sie, wie Alexander bemerkte) zu verdanken hatte, stand fest.
Das würde auch die Anspielung seiner Mutter beim Mittagessen erklären.
Als Kampaspe eine Hand auf seine Schulter legte zuckte er leicht zusammen.
„Ich hab dir ein Bad bereitet“, hauchte sie und wollte ihn mit diesen Worten in Richtung des Wassers ziehen, doch Alexander bewegte sich nicht.
Leicht die Brauen in die Höhe ziehend kam sie nun ein wenig näher und fuhr dabei mit den Fingerspitzen sacht über Alexanders Brust, während ihre Lippen über seine Schläfen wanderten.
„Nur ein kleines Bad“, flüsterte sie halblaut mit verführerischer Stimme und näherte sich nun immer weiter Alexanders Mund.
Bevor sie ihm allerdings einen Kuss aufhauchen konnte hatte er sich auch schon abgewandt. „Wenn mir der Sinn nach solch einer Art von… Gesellschaft stehen würde, hätte ich danach verlangt“, erwiderte er dumpf, machte sich von ihr los und verließ das Bad.
Damit sie ihm nicht folgen konnte eilte er aus seinen Gemächern und blieb unweit im nächsten Gang mit zusammengepressten Lippen stehen.
Was sollte er jetzt tun?
Zurückgehen ging schlecht, sie war schließlich noch da.
Doch wohin dann?
Er war immerhin halbnackt und könnte nicht die ganze Nacht im Palast herumschleichen.
Sich durch die blonden Locken streichend sah er etwas unsicher den Gang entlang.
Wenn er ihm folgen würde käme er unweigerlich irgendwann zu Hephaistion. Er hatte seine Freunde, die ihn begleitet hatten (Perdikkas, Ptolemaios, Hephaistion, Leonnatos, Lysimachos und Seleukos) insgesamt nachdem er zum Statthalter ernannt worden war, in den Palast beordert, damit sie ihm zur Seite stehen konnten.
Doch was sollte er Hephaistion sagen?
Nun, die Wahrheit war am bequemsten, doch irgendwie musste er ja dann auch ‚rechtfertigen’, warum er nicht bei Kampaspe geblieben war.
Ptolemaios hätte es getan. Perdikkas sicher auch.
Nur er wieder nicht.
Warum eigentlich?
Sich auf die Unterlippe beißend sah Alexander über die Schulter zu seinen Gemächern zurück. Er wollte nicht die Wärme einer Frau. Er wollte Hephaistion bei sich haben.
Aber Hephaistion wollte ihn offenbar nicht. Jedenfalls nicht so.
Oder doch?
Alexander schluckte hart, dann ging er unsicher weiter. Er könnte es so vielleicht herausfinden… um diese Uhrzeit schlief Hephaistion für gewöhnlich noch nicht, dafür blieb er am nächsten Morgen oft bis zur Mittagsstunde im Bett.
Er würde also noch wach sein, wenn Alexander einträfe.
Tief Luft holend klopfte Alexander leise an und schlüpfte dann, ohne auf das „Herein“ zu warten, ins Zimmer.
Hephaistion hatte es sich auf dem Bett bequem gemacht und hielt eine Schriftrolle in den Händen, blinzelte nun allerdings etwas verwirrt zu Alexander; offenbar hatte er nicht mit dieser späten Störung seitens des Prinzen gerechnet.
Alexander schloss die Tür hinter sich und musterte ihn dann etwas scheu. Hephaistion trug lediglich einen kurzen Exomis, also eine Tunika, die nur eine Schulter bedeckte und die Hälfte des Oberkörpers frei ließ.
Sehr zu seinem Leidwesen erkannte Alexander schon von weitem die frei liegenden Muskeln und das Lichtspiel der Lampen auf Hephaistions bloßer Haut trugen nicht gerade zu seinem Wohlbefinden bei. Er hoffte nur, dass er jetzt von einem Malheur wie heute Morgen verschont blieb.
„Was liest du?“, fragte er schließlich, um die Stille zu überbrücken und trat etwas näher. Dass es ungewöhnlich für ihn war, nur im Schurz herumzurennen, wusste er selbst, doch er hoffte, Hephaistion würde nicht näher darauf eingehen.
„Homer“, erwiderte sein Freund nun und zeigte ihm die geliebte Schriftrolle der Ilias. Ein leichtes Lächeln umspielte Alexanders Lippen als er die vertraute Schrift sah.
Der immer noch fragende Blick Hephaistions nötigte Alexander schließlich dazu, sich zu erklären.
„Oh, ich ehm… bin auf der Flucht“, gab er zu und sah wie zur Bestätigung seiner Worte kurz über die Schulter zur Tür.
„Meine Mutter hat mir eine Hetaire geschickt – und die war ziemlich aufdringlich“, ergänzte er und verzog dabei kurz das Gesicht.
Ein leichtes Schmunzeln huschte über Hephaistions Gesicht, sonst sagte er allerdings nichts weiter.
„Hast du schon mal geküsst?“, platzte es schließlich aus Alexander heraus; eigentlich hatte er die Frage nicht stellen wollen, doch irgendwie war sie ihm in den Sinn gekommen als er Kampaspes Lippen noch einmal nah vor sich gesehen hatte und er wollte unbedingt wissen, ob sich sein Freund schon einmal einem Mädchen hingegeben hatte. Oder ob er vielleicht wie Alexander selbst immer noch… unschuldig war.
„Also … ein – ein Mädchen“, fügte er an, „auf den Mund.“
Hephaistions Lippen zierte wieder ein leichtes Schmunzeln; das hätte Alexander ihm wirklich nicht noch erklären müssen, er wusste schon, was der Jüngere damit meinte.
„Ja“, erwiderte er schließlich, bevor er noch ein „Warum fragst du?“ hinzufügte.
Wie erwartet bildete sich ein feiner, rosa Schimmer auf Alexanders Wangen.
Er zuckte etwas unschlüssig mit den Schultern und verschränkte dann, um irgendetwas mit den Händen zu machen, die Arme vor der Brust.
„Nur so… ich habe auch schon einige… geküsst.“
Warum er das jetzt sagte wusste er auch nicht so wirklich.
Fakt war wahrscheinlich, dass er nicht hinter Hephaistion zurückstehen und ihm irgendwie zeigen wollte, dass er eben doch ein richtiger Mann war und dementsprechend schon Mädchen geküsst hatte.
Vielleicht musste er Hephaistion wirklich nur beweisen, wie erwachsen er schon war – vielleicht würde er sich dann in ihn verlieben.
„Deine Mutter und deine Schwester zählen nicht, Alexander.“
Das Rot auf seinen Wangen wurde noch etwas intensiver. Er biss sich auf die Unterlippe und hob unsicher den Kopf, begegnete aber nur Hephaistions Blick, der ein – unterdrücktes, aber für Alexander sichtbares – amüsiertes Funkeln angenommen hatte.
„Zeigst… zeigst du’s mir? Also… das Küssen? Ich will beim ersten Mal nichts falsch machen und…“
Seine Stimme verlor sich und er schwieg sicherheitshalber wieder.
Welche Erinnyen waren in ihn gefahren, dass er so etwas fragte?!
Sicherlich, es war sein Herzenswunsch gewesen, Hephaistions verlockende Lippen auf seinen zu spüren, doch was würde er jetzt tun, wenn er Nein sagte?
Alexander sah nicht, wie Hephaistion mit sich rang. Einerseits wollte er ihm natürlich keine Hoffnungen in dieser Art machen, andererseits würde es seinen Freund gewiss verletzen, wenn er ablehnte. Und er wusste nicht, was von beidem schlimmer war.
„In Ordnung“, meinte er schließlich, bevor er weiter darüber nachdenken konnte.
Überrascht hob Alexander den Blick und blinzelte Hephaistion an.
Dieser legte die Schriftrolle behutsam bei Seite und rutschte zum Rand des Bettes, neben sich klopfend. „Komm her.“
Zögerlich gehorchte Alexander und ließ sich angespannt neben seinem Freund nieder, die Hände im Schoß verschränkend.
Er sah ihm nicht in die Augen, konzentrierte sich vielmehr auf seine Nasenspitze und wartete ab. Dass er nicht den ersten Schritt wagen würde, schien Hephaistion nach wenigen Sekunden klar, weswegen er dann vorsichtig und immer noch mit sich ringend die Hand hob und ihn sanft am Nacken etwas näher zu sich zog.
Alexander spitzte in Erwartung des Kusses bereits leicht die Lippen, als er Hephaistions kaum sichtbares Schmunzeln bemerkte.
„Entspann dich – du brauchst die Lippen nicht zu spitzen.“
Der sanfte Rosaschimmer auf Alexanders Wangen frischte wieder auf und sein verschämter Blick glitt noch etwas tiefer. So viel zum Thema, Hephaistion zeigen, was für ein Mann er war…
Alexander konzentrierte sich auf die fein geschwungenen Lippen seines Gegenübers, und je näher sie seinen eigenen kamen, desto mehr wuchs seine Erregung.
Als sich beide Lippen schließlich sanft berührten und Hephaistion vorsichtig kurz mit den seinen Alexanders massierte verschwamm alles vor seinem Blick.
Ein warmes Kribbeln erfasste seinen gesamten Körper und jagte ihm einen heißen Schauer nach dem nächsten über den Körper, ließ ihn alles andere um sich herum vergessen.
Der Kuss war Alexanders Meinung nach schon viel zu schneller wieder vorbei.
Er räusperte sich verlegen und sah auf den Boden, den Impuls, sich über die Lippen zu lecken um Hephaistion auf ihnen zu schmecken, unterdrückend.
Unter seinen Fingern spürte er derweil deutlich einen kleinen Hügel, der ihm unnötigerweise zeigte, wie sehr ihm die sanfte Berührung gefallen hatte.
„Gut, ich sollte… jetzt wieder gehen. Sie ist wahrscheinlich schon wieder verschwunden und ich muss Morgen früh raus weil Antipatros noch etwas be-besprechen will und…“
Er räusperte sich und erhob sich dann hastig.
„Gute Nacht – schlaf schön“, murmelte er, huschte eilig zur Tür und verschwand, bevor Hephaistion Gelegenheit hatte, etwas zu erwidern.
~ ~ ~ ~
*
*
Wie hatte er so töricht sein können?
Mit immer noch hochrotem Kopf stand Alexander da und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Er hatte ihn tatsächlich gefragt.
Er hatte ihn geküsst.
Er hatte Hephaistions Lippen auf den seinen gespürt.
Hart schluckend fuhr sich Alexander mit den Fingerspitzen über den Mund; er spürte immer noch das leichte Prickeln, das Hephaistions Liebkosung dort hinterlassen hatte.
Mit weichen Knien drehte er sich um und starrte auf die Tür.
Hieß das jetzt, sie wären doch so etwas wie ein Paar?
Ansonsten hätte er doch sicherlich Nein gesagt, oder nicht?
Andererseits hatte er sich schon einmal geirrt.
Alexander war hin- und hergerissen.
Etwas in ihm würde am liebsten zurück ins Zimmer rennen und sich Hephaistion an den Hals werfen, doch der andere Teil haderte noch immer, hatte Angst, scheute die etwaige Ablehnung.
Die Lippen zusammenpressend wandte sich Alexander unschlüssig um. Wo sollte er nun hin? Zurück konnte er nicht; er bezweifelte, dass Kampaspe schon gegangen war. Ihr wollte er auf keinen Fall begegnen. Doch wo sollte er schlafen?
Er konnte schließlich schlecht die restliche Nacht im Palast herumgeistern.
Sich auf die Unterlippe beißend schielte er aus den Augenwinkeln zu Hephaistions Zimmertür. Zu ihm hätte er gehen können, doch jetzt stand ihm diese Möglichkeit durch seine unbedachte Frage außer Frage.
Zu Ptolemaios?
Der würde ihn solang mit Fragen bedrängen bis Alexander mit der Wahrheit herausrückte – und nichts würde Ptolemaios weniger gut heißen als dass Alexander eine offensichtlich willige Frau unbefriedigt zurückließ.
„Kleopatra“, murmelte Alexander halblaut als ihm seine Schwester in den Sinn kam. Sie würde keine großen Fragen stellen und ihn sicherlich gern bei sich schlafen lassen, immerhin waren sie schon als kleine Kinder heimlich unter die Decke des jeweils anderen gekrochen, hatte sie ein schlimmer Albtraum heimgesucht.
Ohne also weiter darüber nachzudenken ging Alexander durch den Korridor in Richtung des Ostflügels, verlangsamte seine Schritte allerdings und blieb schließlich ganz stehen, als er leise Stimmen hörte. Neugierig geworden lugte er um die Ecke in den schwach beleuchteten Korridor und sah dort Kleopatras Silhouette.
Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und stand eng umschlungen mit jemanden, den Alexander nicht erkennen konnte.
„Ich muss gehen“, flüsterte dieser jemand halblaut und löste sich scheinbar widerwillig von Kleopatra, die sich vergeblich auf die Zehenspitzen stellte um dem groß gewachsenen Mann einen weiteren Kuss aufzuhauchen.
„Jetzt schon?“, fragte sie leise seufzend.
Ihr Gegenüber nickte zaghaft und lugte über die Schulter zurück; jetzt erkannte Alexander Perdikkas im blassen Schein einer nahen Öllampe. Verdutzt starrte er seinen Freund an, dann Kleopatras Profil.
Dass die beiden sich so nahe standen hatte er nicht gewusst, doch offenbar versuchten auch beide, ihre Beziehung geheim zu halten.
„Schlaf gut, kleine Aphrodite“, hauchte Perdikkas zum Abschied, senkte seine Lippen noch einmal auf die Kleopatras und wandte sich dann rasch um; nach einem kurzen Blick in den nächsten Korridor war er leise verschwunden.
Kleopatra sah ihm wehmütig hinterher, dann öffnete sie leise die Tür zu ihrem Gemach und verschwand.
Alexander legte den Kopf leicht schief und starrte ein paar Sekunden auf die Stelle, auf den beide zuvor noch gestanden hatten, dann bildete sich ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen. Warum nicht? Er mochte Perdikkas und fand, er würde Kleopatra gut behandeln, würde er ihr Ehegatte sein. Dass das allerdings leider unmöglich war wussten wohl beide.
Kleopatra war die Tochter eines Königs; nicht nur irgendeines Königs sondern die von Philipp. Sie würde, so, wie Alexander seinen Vater kannte, mit jemanden verheiratet werden, der auch den politischen Zielen Philipps diente.
Sie hatte als Frau und Prinzessin im Besonderen keine besonderen Rechte was die Wahl ihres Mannes anging.
Doch solang sie noch nicht verheiratet war sollte sie ihren Spaß haben und ihre Fantasien ausleben, Alexander hatte damit kein Problem.
Er löste sich von seinem Platz und ging leise zum Gemach seiner Schwester, klopfte kurz und schlüpfte dann ohne auf eine Antwort zu warten hinein. Kleopatra hatte die Spangen in ihrem Haar bereits gelöst und bürstete die langen, schwarzen Locken an ihrer kleinen Frisierkommode.
Irritiert sah sie über die Schulter zu Alexander, dann bildete sich ein überraschtes Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Alexander!“
Sie legte die Bürste bei Seite, stand auf und schlang die Arme um ihren Bruder. Der drückte sie kurz an sich, dann gab er ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Ist etwas passiert?“, fragte Kleopatra sofort besorgt; immerhin tauchte Alexander sonst nie mitten in der Nacht auf und dazu lediglich mit einem Schurz bekleidet.
„Ja – Mutter hat mir wieder irgendwelche Frauen ins Zimmer geschickt“, erwiderte Alexander, verzog das Gesicht zu einer Grimassen und ließ sich auf dem breiten, weichen Bett nieder; die Laken waren zerwühlt.
Kleopatra neigte kurz das Haupt und lächelte schief. „Asyl ist dir gewährt, Bruder“, sagte sie mit einem unterdrückten Kichern. Sie streifte sich den bodenlangen Chiton ab bis sie nur noch in einem dünnen Unterleibchen dastand und kletterte neben ihren Bruder ins Bett.
Alexander zupfte die Decke über sich und seine Schwester und lehnte sich dann seufzend zurück in die Kissen. „Deine Lippen sind rot“, meinte Kleopatra plötzlich leise und fuhr mit den Fingerspitzen Alexanders Mundpartie nach. „Hat sie dich geküsst?“
Alexander räusperte sich kurz und nickte dann rasch, froh, dass Kleopatra ihm schon eine Ausrede vorgegeben hatte. „Ja“, erwiderte er und gab ein abfälliges Geräusch von sich. Kleopatra legte ihre Hand auf die Brust ihres Bruders und lächelte verschmitzt. „Küssen ist schön – wenn du es mit der richtigen Person machst“, meinte sie.
„Hrm . . .“
Alexander mochte dieses Thema nicht weiter ausschmücken und schwieg deshalb beharrlich. Kleopatra schien allerdings nicht so zu denken wie er. „Hat denn mein Brüderchen schon jemanden in Aussicht?“, hakte sie kichernd nach.
Alexander versteifte sich merklich und räusperte sich mehrere Male. „Es gibt viele hübsche Mädchen am Hof – und deine Freunde haben auch attraktive Schwestern“, redete Kleopatra munter weiter, musterte dabei ihren Bruder allerdings genau. „Oder… oder aber magst du einen deiner Freunde besonders?“
Alexander schluckte hart und starrte an die Decke. Hätte er gewusst, dass das hier so enden würde, er hätte wohl einen nächtlichen Spaziergang durch den Palast allen Schlafgelegenheiten vorgezogen.
„Hephaistion ist süß“, kicherte Kleopatra plötzlich und stützte den Kopf auf die Handfläche. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie die anderen Mädchen immer über ihn schwärmen. Diese reservierte Art… sie beneiden mich immer, weil du mein Bruder bist und weil Hephaistion dementsprechend immer in deiner Nähe ist. Hat er eigentlich jemanden?“
Alexander kniff die Augen zusammen; ja, hatte Hephaistion eigentlich jemanden in Aussicht? Irgendein hübsches Mädchen?
Verbrachte er die Nächte vielleicht sogar ab und an im Bett einer Frau?
Bislang hatte sich Alexanders nur von Ptolemaios und einen seiner anderen Freunde vorstellen können; doch warum sollte gerade Hephaistion eine Ausnahme machen?
„Ich – weiß nicht“, murmelte er schließlich wahrheitsgemäß.
„Sprecht ihr nicht über so etwas?“, hakte Kleopatra prompt nach.
Alexander biss sich auf die Unterlippe; nein, sie redeten nicht von solchen Dingen. Sie hatten eigentlich noch nie wirklich über so etwas gesprochen. Wahrscheinlich, weil Alexander sich nie sonderlich dafür interessiert und dementsprechend das Thema nicht angeschnitten hatte.
„Willst du über etwas anderes reden?“, fragte Kleopatra, als Alexander keine Antwort gab. Der lächelte leicht, rollte sich auf die Seite und strich seiner Schwester kurz durch das dicke schwarze Haar. Sie gab ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die Nasenspitze, dann schloss sie lächelnd die Augen.
Alexander musterte ihr feines Gesicht mit den zarten Konturen und musste unwillkürlich schmunzeln; kein Wunder, dass Perdikkas ihren Reizen verfallen war. „Schlaf schön“, flüsterte er halblaut, zog die Decke höher und schloss dann ebenfalls die Augen.
Akt III
Blick lockt – Mund lacht
Sie ist wie für ihn gemacht.
Goldhaar und ein Feengesicht;
Seine Art von Frau.
Ich weiß genau:
Ich bin es nicht…
Sie ist wie für ihn gemacht.
Goldhaar und ein Feengesicht;
Seine Art von Frau.
Ich weiß genau:
Ich bin es nicht…
Alexander sah unschlüssig drein und kaute sich unablässig auf der Unterlippe herum. Vor wenigen Minuten noch war er voller Zuversicht gewesen, jetzt allerdings zögerte er. Diese Frage war doch einfach bescheuert! Es müsste doch offensichtlich sein. Doch das war es eben nicht – nicht für ihn.
Alexander war sich nicht sicher, was Hephaistion mit dem gestrigen Kuss hatte zeigen wollen. Sollte er es wirklich wagen und ihn fragen? Was aber, wenn ihm die Antwort nicht gefiel? Wenn Hephaistion es wirklich nur auf seinen Wunsch hin gemacht hatte?
Fast schien es Alexander, als könne er wieder die weichen Lippen auf den seinen fühlen, die zarte, fast flüchtige Bewegung, die ein flammendes Inferno in seinem Inneren ausgelöst hatte.
Das konnte doch nur echt gewesen sein…
„Alexander?“
Der Angesprochene zuckte zusammen und wandte sich hastig um; Hephaistion musterte ihn und sah dann den ausgestorbenen Gang hinab zu der Tür, hinter der sein Zimmer lag. „Warst du auf dem Weg zu mir?“
Alexander, der vor Schreck nicht wusste, was er sagen sollte, schüttelte den Kopf. „Nein – ich komme gerade von Olympias“, erwiderte er einer Eingebung folgend; sich auf die Unterlippe beißend musterte er den Boden zu Hephaistions Füßen. Wie sollte er beginnen? Sollte er überhaupt was sagen? Bevor er allerdings weiter darüber nachsinnen konnte und sich am Ende doch nicht trauen würde, hatten sich seine Lippen bereits selbstständig gemacht.
„War – war das ein Freundschaftsdienst?“
Seine Stimme war mehr ein zaghaftes Flüstern, fast nicht zu verstehen; als er den Blick allerdings zögerlich hob und Hephaistion ansah wusste er, dass der Freund ihn verstanden hatte.
Hephaistions Augenbraue zuckte, sonst zeigte er keinerlei Regung. „Was war ein Freundschaftsdienst?“, hakte er schließlich nach. Entweder, weil er wirklich nicht wusste, was Alexander meinte oder weil er sich Gewissheit verschaffen wollte.
Der junge Prinz presste die Lippen aufeinander und fing wieder an, den Boden zu mustern. „Der… der Kuss“, murmelte er schließlich genauso leise wie zuvor. Er hatte Angst vor der Antwort. Er fürchtete sie mehr als alles andere. Irgendwo tief in seinem Inneren wusste er, dass Hephaistion bejahen würde, dennoch wollte der schwache Funken Hoffnung, der in seiner Brust glomm, nicht verlöschen.
„Ja…“
Hatte er die Antwort wirklich gehört oder sie sich nur eingebildet? Vorsichtig hob Alexander den Blick und bemerkte an Hephaistions sich schließenden Mund, dass er wohl tatsächlich gesprochen hatte.
Ein schlichtes, einfaches Ja. Ein zu erwartendes Ja. Die Antwort, mit der er gerechnet hatte. Und dennoch schmerzte sie mehr als alles andere; wie ein scharfer Dolch schnitten die Worte in Alexanders Herz und raubten ihm das letzte bisschen Hoffnung, dass er gehegt hatte.
„Alexander-“
„Ich muss los – Olympias hat mich zum Abendessen eingeladen und du weißt ja, wie ungehalten sie wird, wenn man zu spät kommt. Bis dann.“
Alexander schob sich an Hephaistion vorbei und ging raschen Schrittes und ohne über die Schulter zurück zu blicken durch den Korridor; es war ihm gleichgültig, dass er doch angeblich erst von seiner Mutter gekommen war und zu allem Überfluss jetzt auch noch in die völlig entgegengesetzte Richtung ging.
Er hatte es einfach nicht mehr in Hephaistions Nähe ausgehalten; zu schmerzlich war es gewesen, zu tief hatte sich das eine Wort in seine Seele gefressen, als dass er weiterhin in seiner Nähe hätte sein können.
Ohne es wirklich zu bemerken ging er immer schneller, bis er schließlich fast rannte und orientierungslos den langen Säulengang entlang eilte. Wohin er unterwegs war wusste er nicht; erst, als er den großen Stall vor sich erblickte hielt er inne. Der vertraute Geruch nach Heu und unzähligen Pferdeleibern drang ihm in die Nase.
Er sah kurz zu dem kleinen Häuschen, das direkt an den Stall gebaut worden war und die Pferdeknechte beherbergte und huschte dann ins muffige Innere.
Es war dunkel, nur weiter hinten brannte eine einsame Öllampe. Alexander ging mit zittrigen Beinen durch die Reihen der Boxen; unter seinen Füßen raschelte das Stroh, ab und an piepste eine Maus und floh vor seinen rasch ausholenden Füßen.
Bukephalos, der seinen Herrn wahrscheinlich schon von weitem erkannt hatte, trat an den Rand seiner Box und blies Alexander seinen warmen Atem ins Gesicht. Dann schnaubte er leise und presste seine weichen Nüstern gegen die Wange seines Gegenübers. Alexander zog die Nase hoch, dann tätschelte er dem Rappen, der im Dunkel des Stalls fast unsichtbar war, den breiten Kopf.
Noch einmal über die Schulter zurücksehend kletterte er schließlich über die Absperrung und sprang ins weiche, duftende Stroh. Bukephalos tänzelte kurz erschrocken, dann schnaubte er abermals und suchte mit den Nüstern nach etwaigen Leckereien, die Alexander sonst mithatte. „Tut mir Leid – heute nicht“, murmelte der junge Prinz entschuldigend und strich dem Hengst dabei mit den Fingerspitzen durch die Mähne.
Bukephalos schnaubte kurz, dann knabberte er an Alexanders Haar herum und strich dabei mit den weichen Nüstern über seine Wange. Als er das Kichern vernahm wieherte er kurz und fuhr mit seinem Tun fort, als wüsste er genau, dass Alexander kitzlig war. Der schob Bukephalos Kopf nach einiger Zeit schließlich bei Seite, schob mit dem Fuß das Stroh in eine Ecke und ließ sich schließlich seufzend darauf nieder.
„Du lässt mich doch hier schlafen, oder?“, fragte er rhetorisch, zupfte den kurzen Chiton über die Knie und rollte sich dann leicht zusammen, um sich möglichst viel Wärme zu spenden. Bukephalos schien kurz den übrigen Stall zu mustern, als würde er über Alexander wachen, dann schnupperte er kurz an dem duftenden Stroh, strich seinem Herrn mit den weichen Nüster noch einmal über die Wange und blies ihm schlussendlich als Gutenachtkuss noch seinen warmen Atem ins Gesicht.
„Ich hab dich auch lieb“, erwiderte Alexander mit einem müden Lächeln, tätschelte seinem treuen Rappen noch einmal den Kopf und wandte sich dann um. Es war ihm gleichgültig, dass man ihn am nächsten Morgen vermissen könnte; er dachte noch nicht einmal daran, dass Lanike ihn suchen würde.
Er war froh, in Bukephalos einen stummen Freund gefunden zu haben, der zu begreifen schien, was mit ihm los war, allerdings nicht weiter nachhakte und einfach nur da war. Mit den Fingerspitzen einen Strohhalm zerrupfend starrte Alexander an die Holzwand der Pferdebox.
Es war für Hephaistion lediglich ein Freundschaftsdienst gewesen; er hatte Alexander einen Gefallen getan, nicht mehr und nicht weniger. Wirklich? Hatte er es so gemeint? Oder hatte er einfach nur „Ja“ gesagt, um nicht wahre Gefühle offenbaren zu müssen? Was er, Hephaistion, nun mal nicht konnte. Das hatte er noch nie.
Alexander biss sich auf die Unterlippe; er wusste, dass er sich gern Dinge einredete, dass er fast immer das Gute und Schöne sah und auch mal das weniger Positive bei Seite schob; dass er zunächst immer jedermann zum Freund haben wollte, bevor er ihn näher kennen lernte und bemerkte, dass er mit ihm doch nicht so wirklich klarkam.
Redete er sich etwas ein, das nicht stimmte?
In der verzweifelten Hoffnung, sein Wunsch nach gegenseitiger Liebe würde erhört werden?
Wahrscheinlich war es schon, dennoch bestand doch die klitzekleine Möglichkeit, dass er sich nicht irrte, sich nichts einredete sondern einfach nur die unterschwelligen Zeichen, die Hephaistion sandte, verstand.
Die Lippen zusammenpressend ließ Alexander schließlich von dem zerrupften Strohhalm ab.
Würde er es denn je erfahren?
~ ~ ~ ~
*
*
Alexander konnte es nicht unterlassen, noch einmal stehen zu bleiben und in den mannshohen, polierten Spiegel zu sehen, der zur Zierde an der Wand angebracht worden war. Kritisch betrachtet er sich, dann zupfte er ein wenig an den Haaren herum, bevor er schließlich, einen frustrierten Laut unterdrückend, weiterging.
Wieso machte er sich überhaupt noch die Mühe? Hephaistion schien es doch sowieso gleich zu sein; dennoch war es ihm weiterhin ein Bedürfnis, ihm zu gefallen, älter und reiferer zu wirken, als er tatsächlich war.
War es wirklich erst zwei Tage her, seitdem er ihm die verhängnisvolle Frage gestellt hatte? Während dieser Zeit waren sie sich nicht begegnet; Alexander hatte es auch nicht darauf angelegt und war deswegen froh gewesen, die Wichtigkeit seiner täglichen Aufgaben vorschieben zu können. Gestern hatte er Perdikkas und Krateros verabschiedet, die jeweils mit einem kleinen Kontingent von Philipp nach Byzantion berufen worden waren. Der König wollte dadurch erreichen, dass Alexanders Freunde bereits erste Erfahrungen sammelten, dabei aber stets einen erfahrenen Offizier an der Seite hatten.
Ptolemaios, nun seines besten Freundes beraubt, widmete sich vornehmlich den kleinen Aufgaben, die Alexander ihm übertrug und in seiner Freizeit den Hetairen des Hofes; Kleopatra war seit Perdikkas’ Abreise seltsam bedrückt und stand oft stundenlang auf dem Balkon um mit dem Blick den Horizont abzusuchen.
Alexander sprach sie nicht auf ihr Verhältnis zu Perdikkas an; er hätte ihr erzählen müssen, dass er beide beobachtet hatte und das wäre ihr unangenehm gewesen; zumal war es ihm völlig gleich, mit wem Kleopatra ihre Zeit verbrachte oder wem sie ihre Liebe schenkte. Sie sollte so lange ihren Spaß haben, wie es ihr möglich war, schließlich würde sie in den kommenden Jahren zur Frau erblühen und wäre dann für Philipp ein passendes politisches Instrument, wenn er sie mit einem Nachbarkönig vermählen wollte.
Alexander schob die Gedanken bei Seite und konzentrierte sich wieder auf seinen Weg; er wollte zu Hephaistion – nein, eigentlich musste er zu ihm, denn er war zum Abendessen eingeladen worden. Schon letzte Woche, aber Alexander traute sich nicht, abzusagen. Welchen Grund hätte er denn auch angeben können? Er fühle sich nicht wohl? Dann wäre Hephaistion zu ihm gekommen um nach seinem Befinden zu sehen, dessen war er sich sicher. Und wenn Alexander dann putzmunter im Zimmer herum gesprungen wäre…
Mit einem unterdrückten Seufzer hielt Alexander schließlich vor der Tür inne und sah an sich hinab. Ein wenig an seinem knielangen, schwarzen Chiton herumzupfend musterte er das Bild des Mosaiks zu seinen Füßen, als sähe er es zum ersten Mal. Ihm war völlig bewusst, dass er Zeit herausschinden wollte.
Als er plötzlich eine Frauenstimme aus dem Inneren des Gemachs vernahm hob er irritiert den Kopf und starrte die Tür an. Hatte Hephaistion Damenbesuch? Er wusste doch, dass Alexander kam. Vielleicht seine Mutter, die ihn nur allzu selten besuchte, da sie zu weit weg von Pella wohnte? Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Alexander Gesicht. Er hatte Hephaistions Mutter schon immer kennen lernen wollen; seinem Freund waren nie irgendwelche Einzelheiten über die Lippen gekommen, doch Alexander stellte sie sich immer als fröhliche, aufgeweckte und vor allem liebevolle Frau vor: völliger Gegensatz zu Hephaistion, aber auch völliger Gegensatz zu seiner eigenen Mutter.
Die Stirn in Falten legend ging er einen Schritt näher zur Tür und spitzte die Ohren, konnte allerdings keine klaren Worte vernehmen. Die Schultern straffend räusperte er sich schließlich, klopfte kurz und öffnete die Tür dann beherzt, um einzutreten. „Tut mir Leid, dass ich mich verspäte“, meinte er, sah allerdings nicht zu Hephaistion, der auf dem Bett saß, sondern gleich zu der Frau, die neben seinem Freund Platz genommen und fast schon Besitzergreifend einen Arm um ihn geschlungen hatte.
Wie eine Mutter wirkte sie nicht; und dem Alter nach könnte sie auch eher Hephaistions große Schwester sein. Dafür allerdings saß sie ein paar Zentimeter zu dicht neben ihm, hatte ein zu zweideutiges Lächeln aufgesetzt und einen zu kurzen Chiton angelegt. Das Haar fiel ihr in kräftigen, rotblonden Locken auf die Schultern, die dunklen Augen blickten Alexander neugierig an, bevor sie respektvoll den Kopf neigte. Alexander presste die Lippen zusammen; er kannte sie.
Euthalia machte ihrem Namen, der übersetzt ‚Blume’ hieß, alle Ehre: die sanft geschwungenen Lippen waren verführerisch mit einem dunklen Rotton bemalt, die hohen Wangenknochen verliehen ihrem Gesicht eine kindliche Fraulichkeit und die großen Augen waren von einem dichten Kranz schwarzer Wimpern umrahmt. Der Körper war bereits der einer Frau, weich und rund und nicht mehr so knabenhaft, wie noch vor 2 oder 3 Jahren, als Alexander sie das letzte Mal gesehen hatte.
Euthalia war die Tochter eines adligen Fürsten, dessen Namen Alexander entfallen war; sie stammte aus der Gegend um Pella und war eng mit Kleopatra befreundet, hatte früher oft mit ihr zusammen gespielt.
„Alexander.“ Erst jetzt schien Hephaistion seine Sprache wieder zu finden, die ihm wohl kurz abhanden gekommen war. Sich auf die Innenseite der Unterlippe beißend sah er zu dem jungen Prinzen, der stocksteif an der immer noch geöffneten Tür stand und Euthalia ansah als handle sich bei der Frau um eine Erscheinung.
Hephaistion hatte das gemeinsame Abendessen völlig vergessen; er war zu beschäftigt mit dem Gedanken gewesen, wie er Alexander schonend und ohne ihm wehzutun beibringen konnte, dass er selbst (noch) nicht so fühlte, wie der Prinz. Irgendwann war ihm dann die Idee gekommen, dass Alexander wahrscheinlich aufhören würde, sich Hoffnungen zu machen, wenn Hephaistion Interesse an einer Frau zeigte – und so war er schließlich zu Euthalia gekommen. Er hatte sie ab und an mit Kleopatra zusammen gesehen und konnte auch nicht verhehlen, dass sie sehr hübsch war, doch sie schien sich zu viel herauszunehmen.
Sie rückte ihm die ganze Zeit bedrohlich nah auf die Pelle und benahm sich bereits so, als wären sie schon verheiratet. Zudem schien ihre Lieblingsbeschäftigung in Reden zu bestehen; sie quasselte ohne Punkt und Komma, über die unwichtigsten, völlig banalsten Dinge.
„Tut mir Leid – ich habe das Abendessen völlig vergessen“, entschuldigte er sich, um irgendetwas zu sagen und die drückende Stille zu überbrücken; bevor er allerdings fortfahren konnte fuhr ihm Alexander über den Mund: „Kein Problem – ist nicht so wichtig. Ich bin ohnehin müde… war ein ziemlich langer Tag heute.“
Dass er log konnte Hephaistion genau erkennen; Alexanders Blick ruhte irgendwo auf einem Punkt hinter Euthalia an der Wand und seine Hände waren zu Fäusten geballt, außerdem wurde seine Nasenspitze gefährlich weiß. „Jedenfalls – viel Spaß noch“, meinte er schließlich, brachte sogar ein halbwegs fröhliches Lächeln zustande, verabschiedete sich dann höflich von Euthalia, die wieder respektvoll den Kopf neigte und verschwand dann aus dem Zimmer – eine Spur zu hastig, als dass Hephaistion ihm seine Worte hätte abnehmen können.
Euthalias Frage ignorierend fuhr er sich mit der flachend Hand durch die Haare und starrte weiterhin auf die Tür, als ob er glaubte, Alexander würde gleich wieder hereinplatzen; doch das tat er nicht. Die Tür blieb verschlossen.
Hephaistion hatte nicht gewollt, dass Alexander es so erfuhr – er hatte vorgehabt, es ihm so schonend wie möglich beizubringen, doch der Prinz hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Lippen aufeinander pressend schwang er die Beine über die Bettkante und stand auf. Euthalia schürzte die Lippen und starrte ihn fast ein wenig vorwurfsvoll an, doch auch das ignorierte er gekonnt. Er musste sich jetzt mit der Frage beschäftigen, wie er das ganze wieder geradebiegen konnte.
~ ~ ~ ~
*
*
Alexander schloss rasch die Tür hinter sich, froh, endlich in seinem Gemach angelangt zu sein. Er presste verzweifelt die Lippen aufeinander und rang die Hände als wolle er so etwas Beherrschung aus der Luft greifen, doch es gelang ihm nicht. Die erste Träne stahl sich aus seinen Augenwinkeln, rollte über seine blasse Wange und tropfte dann von seinem Kinn auf seine Brust. Kaum war der Tropfen in den Stoff seines Chitons eingesickert folgten auch schon die nächsten Tränen.
Erstickt Luft holend fuhr sich Alexander immer wieder mit dem Handrücken über die Augen, doch er konnte sie nicht aufhalten. Ohne Unterlass perlten sie über seine feuchte Wange und durchnässten seinen Chiton.
Hephaistion war jetzt mit einer Frau zusammen!
Einer Frau… einer bildhübschen, jungen Frau.
Nicht mit ihm; Alexander war und blieb der platonische Freund für ihn.
Doch warum? Was hatte Euthalia, was Alexander nicht hatte, sah man einmal vom Umstand ab, dass sie eine Frau war? Mochte Hephaistion denn nur Frauen? Aber es war doch gar nicht so ungewöhnlich, auch Männer zu lieben…
Alexander zog geräuschvoll die Nase hoch, verschluckte sich und hustete kurz, dann stieß er sich von der Tür ab und presste sich in die weichen Kissen auf seinem Bett. Sein ganzer Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt und sein Kiefer schmerzte bereits, so energisch presste er die Zähne zusammen, um nicht laut vor sich hinzuschluchzen.
Warum konnte Hephaistion ihm keine Liebe schenken?
Die Hände zu Fäusten ballend drückte Alexander das Gesicht gegen eines der Kissen. Lag es daran, dass er kein Mann war? Dass er immer noch in diesem kindlichen Körper steckte, den Hephaistion einfach nicht anziehend fand? Dass Alexanders gesamtes Denken manchmal noch zu unreif war?
Gleichzeitig fragte er sich, warum gerade er sich in Hephaistion verliebt hatte. Sie waren die besten Freunde gewesen, konnten ohne Mühe vom anderen ablesen, was in ihm vorging – warum hatte sich denn alles vertiefen müssen?
Spielten die Götter aus Spaß mit seinen Gefühlen? Wollten sie ihn absichtlich so verwirren, bloßstellen und ihm wehtun? Hatte er vielleicht etwas getan, was sie erzürnte?
Er wusste es nicht.
Schluchzend presste er sich gegen die Kissen, als ob sie ihm als einziges Halt in dieser verwirrenden Zeit spenden würden. Er wollte Hephaistion doch gar nicht lieben – er wollte, dass alles so wie früher war. Oder dass er nicht allein dastehen würde mit dem Gefühlschaos in ihm, mit der Unsicherheit und der Schüchternheit.
Anvertrauen konnte er sich ebenso niemanden, geschweigedenn Rat suchen – seine Mutter war ohnehin der Meinung, er solle sich mit Mädchen abgeben und Interesse an ihnen zeigen, seine Schwester war momentan mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und sein Vater war weit weg und sowieso zu gefühlskalt für solche Dinge. Aristoteles wäre wohl der Einzige gewesen, dem sich Alexander anvertraut hätte, doch auch der war nicht hier – und Hephaistion, dem Alexander sonst alles erzählte, war diesmal ja die Ursache allen Übels.
Sich so klein wenig möglich machend rollte sich Alexander auf dem Bett zusammen und gab sich schließlich vollends den Tränen hin, nicht fähig, sie noch weiter zurückzuhalten. Das Kissen war bereits durchnässt und sein Körper bebte ununterbrochen von Schluchzern, das Atmen fiel ihm schwer.
„Warum ich?“, fragte er sich immer wieder lautlos, die Lippen aufeinander pressend. Warum musste ausgerechnet er sich in Hephaistion verlieben und zu allem Überfluss die Schmerzen des Abgewiesenwerdens ertragen? Seine Brust zog sich immer wieder zusammen, bis er sich zwingen musste, ruhiger zu atmen, damit der dumpfe Schmerz aufhörte.
Wie lang es im Endeffekt dauerte, bis die letzten Schluchzer verebbten wusste Alexander nicht. Er lag still da und starrte in die Dunkelheit, unfähig, an irgendetwas anderes zu denken als an Hephaistion und Euthalia, die zu dicht neben ihm saß – so dicht, dass Alexander sie am liebsten an den Haaren wegzerren würde.
Er hörte nicht, wie sich die Tür leise aufschob und anschließend wieder schloss. Erst als er die Hand auf seiner Schulter spürte zuckte er heftig zusammen und fuhr herum, hörte vor Schreck sogar auf zu weinen.
Kampaspe legte den Kopf leicht schief, überging das verräterische Glitzern in Alexanders Augen allerdings, sondern strich ihm nur sanft, fast liebevoll mit den Fingerspitzen über die nassen Wangen. „Ich werde dir niemals wehtun“, flüsterte sie leise, mit dem Daumen über seine Lippen fahrend. „Das verspreche ich dir.“
Alexander schluckte hart, dann drehte er den Kopf leicht zur Seite um sie nicht mehr ansehen zu müssen. Es war ihm peinlich, von ihr beim Weinen erwischt zu werden, doch gleichzeitig war es tröstlich ihre Worte zu hören. Kampaspe verharrte noch kurz neben dem Bett, dann setzte sie sich langsam neben Alexander und strich ihm beruhigend mit der Hand über den Rücken, sagte allerdings nichts mehr.
Alexander biss sich auf die Innenseite der Unterlippe und starrte auf den Bettpfosten. Ihre Berührungen beruhigten ihn und lösten die innere Anspannung, auch wenn es ihm immer noch unangenehm war, sie so dicht neben sich zu wissen.
Nach einiger Zeit zog Kampaspe schließlich wieder ihre Hand zurück. „Ich werde dir niemals wehtun“, wiederholte sie sich leise, bevor sie sich vorbeugte und Alexander einen sanften Kuss auf die Lippen hauchte. Der Prinz musterte sie unsicher, ließ sich von ihr dann allerdings auf das Bett zurückdrücken. In seinem verzweifelten Wunsch nach Nähe, Zärtlichkeit und Liebe war er momentan bereit, sie von jedem zu akzeptieren.
Kampaspe zog mit ihren schlanken Fingern Kreise auf seiner Brust und küsste ihm dann die restlichen Tränen von der Wange, bevor sie sich wieder sanft seinen Lippen widmete. Alexander erwiderte ihre Küsse nicht, lag nur stocksteif da und versuchte sich auf ihre Berührungen zu konzentrieren, die sie geschickt dort platzierte, wo es ihm gefiel.
Bevor er wusste, wie ihm geschah, hatte sie bereits die kleinen, goldenen Spangen gelöst, die seinen Chiton an der Schultern zusammenhielten und streifte ihm den Stoff über die Brust. Alexander biss sich auf die Unterlippe. Vielleicht wäre es angebracht, ihr Einhalt zu gebieten, vielleicht sollte er Stopp sagen…
Doch er tat es nicht.
Kampaspe öffnete nun auch geschickt den Ledergürtel, den er um die Hüften trug und ließ ihn auf den Boden fallen, bevor sie Alexander den Chiton gänzlich auszog. Er sah unsicher an sich hinab und dann zu ihr empor. War er ihr nicht zu unmännlich? War sie nicht reifere Körper gewöhnt?
Doch warum machte er sich überhaupt darüber Gedanken… sie war Hetaire, sie musste ihre Kunden so nehmen, wie sie waren.
Kampaspe lächelte aufmunternd, dann hauchte sie ihm zarte Küsse auf die Brust, glitt immer tiefer und machte erst bei seinem Bauchnabel Halt. Alexanders Herz begann schneller zu schlagen, ein heißer Schauer rann ihm über den Rücken und ließ seine Nackenhärchen in die Höhe stehen.
Kampaspe, die mit Wohlwollen die Reaktion seines Körpers registrierte, ließ kurzzeitig von ihm ab und schlüpfte rasch aus ihrem dünnen, fast durchsichtigen Gewand; darunter trug sie nichts. Alexander, der beim Anblick ihrer nackten Rundungen, die silbrig vom gerade hinter den Wolken auftauchenden Mond beschienen wurden, wandte hastig errötend den Blick ab.
Sie lächelte leicht, legte die Finger an sein Kinn und zwang ihn durch sanften Druck, sie anzusehen. Dann beugte sie sich wieder über ihn und küsste erst seine Lippen, dann sein Kinn, seinen Hals und schließlich seine Brust. Alexander schloss die Augen und atmete tief durch. Es war ungewohnt, seinen Körper derartig reagieren zu sehen – sein Leib vibrierte förmlich vor Erregung, Blutschwall um Blutschwall wurde in untere Körperregionen gepumpt und das Atmen schien ihm von Sekunde zu Sekunde schwieriger zu fallen.
Kampaspe zog ihm nun auch noch das letzte Stück Stoff vom Leib.
Alexander errötete noch ein wenig mehr und sah dann peinlich berührt an die Decke über sich, doch sie sagte nichts sondern schien seinen Körper mit ihrem Blick zu liebkosen, bevor sie mit den Händen geschickt über seine Taille hinab zu seiner Hüfte fuhr. „Lass mich dir zeigen was es heißt, ein Mann zu sein“, hauchte sie mit einem leichten Lächeln, sah ihm dabei tief in die Augen und rutschte dann ganz langsam mit den Fingerspitzen zu ihrem eigentlichen Ziel.
~ ~ ~ ~
*
*
Alexander starrte blicklos zur Decke empor. Sein Herz schlug schon seit geraumer Zeit nicht mehr allzu heftig, doch das verräterische Kribbeln seiner Haut hatte noch nicht nachgelassen. Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen und konnte auf ihnen noch immer Kampaspe schmecken. Sie hatte sich dicht neben ihm in die weichen Kissen gekuschelt und schlief seelenruhig; lediglich das dünne Betttuch bedeckte ihre wohlgeformten Rundungen.
Alexander warf ihr einen kurzen Seitenblick zu, dann starrte er wieder zur Decke. Was sie mit seinem Körper angestellt hatte hätte er nie für möglich gehalten. Ihm schwindelte immer noch bei dem Gedanken daran. Er war erschöpft und ausgelaugt, doch Schlaf konnte er keinen finden.
War er denn jetzt wirklich zum Mann geworden? Eine Veränderung an sich selbst konnte äußerlich nicht feststellen. Was war jetzt anders als zuvor? Natürlich, er wusste jetzt, was für Freuden das weibliche Fleisch bereithielt, dennoch… hätte er dies nicht alles auch mit Hephaistion erleben können?
Als er eine Bewegung zu seiner rechten wahrnahm hob er den Kopf leicht an und blinzelte zur Tür, durch die sich gerade eine Gestalt schob. Sie hielt inne, als sie Alexander dicht neben Kampaspe liegend vorfand.
Alexander kniff leicht die Augen zusammen, dann bedeutete er Hephaistion mit einer Handbewegung zu warten, bevor er Kampaspes Arm, den sie um seinen Oberkörper geschlungen hatte, sanft auf ein Kissen bettete und sich dann erhob. Er angelte sich seinen Schurz vom Boden und schlang ihn sich um die Hüften, bevor er Hephaistion, der stumm an der Tür gestanden hatte, nach draußen schob – er wollte nicht, dass Kampaspe erwachte.
„Was ist?“, fragte Alexander etwas tonlos, einen kurzen Blick durch den Türspalt zum Bett werfend.
Hephaistion folgte seinem Blick, dann räusperte er sich. „Ich wollte – mich nur entschuldigen. Ich wollte dir Euthalia vorstellen und-“
„Schon in Ordnung“, unterbrach Alexander ihn, der kein weiteres Wort und schon gar nicht den Namen derjenigen hören wollte, die ihm in seinen Augen Hephaistion geraubt hatte. Sich leicht frierend über die nackten Arme fahrend sah er schweigend auf seine Füße hinab.
Wenn er schon nicht Hephaistions Liebe haben konnte, so wollte er doch sein Vertrauen und seine unverbrüchliche Freundschaft. War das nicht das Mindeste?
Alexander würde nie mehr für ihn sein als ein Freund. Ein sehr guter, vielleicht sogar der Beste, doch das war es. Alexander konnte daran nichts ändern; er konnte es weder erzwingen noch erkaufen. Die Lippen zusammenpressend holte er tief Luft, um sich zu beherrschen und nicht den Tränen wieder freie Bahn zu gewähren.
„Ich liebe dich“ – warum konnte er es nicht einfach sagen? Ihm nicht darlegen, wie sehr er sich nach seiner Nähe verzehrte, wie sehr er sich wünschte, jede Sekunde seines Lebens nur an Hephaistions Seite zu verbringen?
Doch er traute sich nicht. Hephaistion erwiderte seine Liebe nicht – wozu sich also selbst blamieren mit dieser kindischen Gefühlsduselei? Vielleicht waren die Götter ihm im Laufe der Zeit ja gewogen und würden ihn anders denken lassen, doch jetzt… jetzt würde Alexander nur vergeblich hoffen.
Hart schluckend hob er schließlich den Blick, sah Hephaistion jedoch nicht direkt an. Er würde seine Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe in Kampaspes Armen stillen müssen, wohlwissend, dass sie es nur tat, weil es ihr Beruf war.
„Verschieben wir das Essen auf morgen?“
Alexander blinzelte, verstand nicht recht, was Hephaistion ihm sagen wollte. Der hob eine Braue in die Höhe, musterte sein verwirrtes Gesicht und erklärte sich dann näher. „Das Essen – das ich heute vergessen hatte. Verschieben wir es auf morgen?“
„Oh – ja, klar“, erwiderte Alexander als er endlich begriff. Ein schmales, ebenso falsches Lächeln wie die aufgesetzte Fröhlichkeit, umspielte seine Lippen.
Hephaistion durchschaute ihn, das wusste er. Doch er sagte nichts. „In Ordnung… dann… schlaf gut“, verabschiedete er sich schließlich zögerlich, zuckte kurz mit den Mundwinkeln und drehte sich dann um.
Alexander rang mit den Händen und starrte Hephaistion hinterher. „Bleib hier – geh nicht“, bettelte er still, doch der Freund hörte ihn nicht. Eine einzelne Träne stahl sich aus Alexanders Augenwinkeln und rollte über seine Wange.
„Ich liebe dich“, flüsterte er leise, doch es war zu spät – Hephaistion war bereits verschwunden.
Ende.
||||
10px|12px|15px|17px|19px
Times|Arial|Helvetica
25%|50%|75%|100%
Linksbündig|Blocksatz
gering|normal|groß|sehr groß
