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Geschichte: Fanfiktion
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von phazonshark
erstellt: 12.06.2009
letztes Update: 28.04.2012
Geschichte, Mystery, Drama / P16
(in Arbeit)
Ursprünglich hieß dieser Dreiteiler hier "Nachtfeuer", ich hab aber vor ein paar Tagen beschlossen, ihn stattdessen nach einer von mir hochverehrten Buchserie zu benennen, Song of Ice and Fire. Es sind ähnliche Thematiken, das ein oder andere übersetzte Zitat hat sich dann auch hineingestohlen... Passt. ;-) 2x09 hat ansonsten ein paar ganz nette Charakter-Momente, für die bisher viel zu selten Zeit war. Allen, die das nicht so interessiert, kann ich eine recht heitere Entwicklung in Minas Tirith anbieten. Also denn: Sucht euch was passendes raus, in jedem Fall viel Spaß! :-)
Was bisher geschah ...
In einer Truhe liegt der abgeschlagene Kopf der Namenlosen. Die Augen weit geöffnet. Der Hals ist verschlossen mit getrocknetem Blut. »Sie ist immer noch so, wie ich sie vor einem Jahr verlassen habe«, sagt Pallando. »Und ich verstehe nicht, warum.«
Maeting reißt die rechte Hand nach oben, Imrahil sinkt zusammen, und in der Hand hat Maeting einen blutenden Dolch. »Es tut mir Leid«, flüstert er. »Ich … Ich musste das … Für meinen Vater, damit … Wir sind alle nur die Kinder von jemandem …« Imrahil packt Maetings Handgelenk und dreht den Dolch heraus. Mit der rechten Hand schneidet er ihm die Kehle auf.
Gelíefed und Cathal betreten die Höhle, in der Pallando bewusstlos auf einem Feldbett liegt. »Ihr wollt seine Gedanken lesen«, stellt Cathal leise fest. »Sehen, was er träumt.«
»Wir haben hier draußen Leichen gefunden, mit Botschaften und Befehlen, aber… Edoras hat uns noch nie einen Boten geschickt.« Maersian verneigt sich vor Līeg. »Wie lauten unsere Befehle, Abgesandter?«
»Verstehst du nicht?« Pilindiel sieht Līeg an, traurig und hoffnungsvoll zugleich. »Aragorn ist gefangen, aber er steht unter deinem Schutz. Ganz Rohan steht unter deinem Schutz, unter dem Schutz und Befehl des vielleicht einzigen Mannes, der noch an den Frieden glaubt. Das ist kein Zufall, Līeg.«
Dunharg
Hinter der schweren Tür lag eine verwinkelte Höhle aus schwarzem Fels. Im Licht einiger Fackeln waren große Vorratskisten und Getreidesäcke zu erkennen. Dem Eingang gegenüber war ein großer Mann an die Höhlenwand gekettet. Die linke Hälfte seines Gesichts war blutverschmiert, Teile seiner Waldläuferkleidung zerrissen und die silbrig-grauen Haare waren schmutzig. Doch trotz seiner Erscheinung und trotz der Eisenkette an seiner rechten Hand stand der Mann aufrecht und gelassen im Halbdunkel.
Das hier war nicht mehr Elessar, der ferne König Gondors. Nicht mehr Streicher, der zerbrochene Gefangene der Hasharin, mit dem Līeg aus Noelani geflohen war. Nicht mehr der furchtsame Mann, mit dem Līeg nach dessen Familie gesucht hatte. Nein, das hier war jemand anderes.
»Aragorn«, sagte Maersian und schloss die Tür hinter sich und Līeg. »Es tut mir Leid, wie Ihr empfangen wurdet.«
»Ich glaube«, sagte Aragorn und grinste blutig, »Eure Männer sind ehrlicher als Ihr.« Er sah zu Līeg herüber, ließ sich aber nicht anmerken, dass er ihn kannte.
Līeg nickte vorsichtig. Es war das Beste, wenn sie sich wie Fremde verhielten. Bevor sie die Situation einschätzen konnten, musste Maersian nicht erfahren, dass sein verehrter Abgesandter ein Freund von Gondors König war.
Maersian trat näher an Aragorn heran. »Wisst Ihr«, begann er, »ich mochte Euch nie. Euch und Eure kleine Verschwörung mit Théoden und Éomer, Eure Versessenheit darauf, Rohan einem Zauberer zu Füßen zu legen …« Er machte eine Pause. »Aber Ihr habt diesen Krieg gewonnen, Aragorn, und Ihr seid ein Mann der Ehre. Ich muss Euch nicht mögen, um beides respektieren zu können.«
Līeg kam sich auf einmal sehr klein vor. Diese Männer hatten einen Krieg zusammen geführt, ein Jahrzehnt vor seiner Geburt.
»Ehre, ja …« Aragorn nickte langsam. »Ja, ich dachte immer, zumindest diese eine Sache hätten wir gemeinsam.« Er hob seine rechte Hand und ließ die Kette daran klackern. »Zeiten ändern sich, nicht wahr?«
»Hört zu«, erwiderte Maersian und sein Ton ließ keine Zweifel daran, dass der Angriff ihn getroffen hatte. »Euren Kindern wird nichts geschehen, ich verschaffe Euch eine bessere Bleibe, und wer immer Euch so zugerichtet hat, wird von mir persönlich ausgepeitscht. Aber ich kann Euch nicht freilassen.«
Līeg wagte es nicht, zu sprechen. Das hier war ganz und gar nicht das Gespräch, das er erwartet hatte. Er hatte sich darauf eingestellt, Aragorn vor Maersians besessenem Zorn schützen zu müssen. Aber offenbar hatte Aragorn gewusst, was er tat, als er sich Maersian auslieferte und nicht Fórseon. Hoffentlich, fügte Līeg hinzu. Hoffentlich hat Aragorn sich nicht getäuscht.
»Warum bin ich hier?«, fragte Aragorn ruhig.
Maersian wandte sich ab und schnaubte. »Wir wissen beide, warum«, sagte er. »Euer Land steht kurz davor, meines zu niederzubrennen. Ich brauche Euch als Geisel und …«
»Vor einem Jahr«, fiel ihm Aragorn mühelos ins Wort, »war ich der Gefangene eines Volkes, das sich selbst 'die Hasharin' nennt. Sie standen unter dem Befehl einer namenlosen Elbin … Und diese Elbin hat versucht, alle zu töten, die mir etwas bedeuten. Mich hat sie leben lassen. 'Warum?', habe ich gefragt. 'Weil Euer Volk sich an die Königslinie klammert', hat sie geantwortet. 'Und ich Geisel brauche, um es hinzurichten.'«
»Ich bin nicht die Namenlose!«, brüllte Maersian.
»Das war meine Hoffnung, ja …« Aragorn schüttelte langsam den Kopf. »Was meinte ich wirklich, Maersian, als ich fragte, warum ich hier bin?«
Der Hauptmann funkelte ihn an.
»Warum bin ich hergekommen, obwohl ich wusste, wie wertvoll ich als Geisel sein würde?«
Līeg hielt den Atem an.
Maersian antwortete nicht.
»Weil Ich Euch vertraut habe«, sagte Aragorn. »Weil ich glauben wollte, dass der junge Kerl von damals zu einem großen Mann geworden ist.«
Eisiges Schweigen.
»Lasst mich frei.«
»Nein.«
»Wir können das hier beenden.«
»Nein. Nicht mehr.«
Maersian wandte sich zur Tür. »Wir gehen«, brummte er leise in Līegs Richtung, und dann ließen sie Aragorns Gefängnis hinter sich zurück.
Sie passierten einen jungen Wachposten am Eingang der anliegenden Höhle. Er salutierte vor Maersian und nickte Līeg respektvoll zu. An der rechten Hand des Jungen klebten die Reste von königlichem Blut.
Līeg sagte nichts.
»Wir brauchen ihn nicht«, begann Maersian plötzlich, kaum dass sie außer Hörweite waren. »Er hat's selbst gesagt, Gondor würde auch für Eldarion die Waffen wegschmeißen. Vielleicht haben wir …« Maersian warf Līeg einen flüchtigen Blick zu. »Vielleicht haben wir ihn niemals gefunden.«
War das sein Ernst? Līeg wollte weitergehen, um endlich wieder an die Luft zu kommen, aber der Hauptmann rührte sich nicht. Er schien auf Līegs Meinung zu warten.
Maersians Hand hatte bereits nach der Klinke gegriffen, da nahm er sie wieder zurück und versicherte sich, dass sie allein im Tunnel waren. Er fuhr sich müde über das faltige Gesicht, strich sich die grauen Haare zurück und blinzelte heftig, nachdenkend.
»Sire …«, hörte Līeg sich sagen.
»Ein König ist keine Geisel.« Maersian straffte seine Haltung. »Keine Geisel, nicht … Nicht in meinem Land. In Gondor ist es üblich, die Kinder besiegter Feinde bei sich aufzunehmen und großzuziehen, als Pfand für den Frieden, aber … Nicht einmal dort, würde man einen König in einen Kerker sperren. Oder sonstwo hin.«
»Ihr wollt ihn töten lassen.«
»Nein«, zischte Maersian und packte Līeg ruckartig an der Schulter, um dann wieder zurückzuweichen, vielleicht aus Furcht vor dem Wald. Oder sich selbst. »Nein«, sagte er. »Die Hand, die urteilt, führt das Schwert. Wenn Aragorn stirbt, dann durch mich.«
Līeg musste schnell sein. Maersian stand an der Schwelle und wenn er sich erst entschieden hatte, gab es vielleicht kein Zurück mehr. Līeg riskierte es: »Ich glaube, das hier ist ein Plan. Edoras hat einen bestimmten Weg für uns geplant. Wenn wir Aragorn umbringen und uns irren …«
»Ja.« Maersian nickte angespannt. »Ich weiß.«
Gut. Es war also noch nicht zu spät. »Wir sollten abwarten«, bearbeitete Līeg den Hauptmann weiter. »Wir halten Aragorn hier und sorgen dafür, dass es ein Geheimnis bleibt. Wir schauen, was als nächstes passiert. Solange, bis wir verstehen, was der Wald vorhat.«
Maersian sagte nichts. Er öffnete gedankenverloren die Tür und trat hinaus in die Mittagssonne. Ein paar Meter entfernt kam ein Mann den Pfad herab geeilt und kam vor Maersian zum Stehen.
»Was ist?«, fragte dieser nur.
»Legolas und Dyre«, sagte der Mann atemlos. »Sie sind aus dem Wald entkommen.«
»Wo sind sie jetzt?«
»Hier.«
2.09
Das Lied von Eis und Feuer, Teil 1
Es kam ihm noch immer vor wie ein Traum.
Fast jeder Einwohner Hēahflōds stand am Dorfrand und winkte ihm nach. Sein Vater stand etwas abseits und lächelte ihm zu, der Blick ruhig und stolz. Seine Mutter dagegen schien kurz davor zu stehen, ihm einfach nachzulaufen, und Tréowð musste ihr die Hand halten.
Tréowð …
Als der Brief des Zweiten Marschalls gekommen war, hatte Līeg sich schuldig gefühlt. Er war der jüngere Bruder, die Ehre hätte Tréowð zugestanden. Aber Tréowð akzeptierte das, »Ich pass' auf das Dorf auf«, hatte er im Scherz gesagt, »Bewach' du mal deinen Holzhaufen.« Tréowð konnte sich für ihn freuen und deshalb, nur deshalb, konnte Līeg gehen.
»Ich komme wieder!«, rief er benommen, dann drehte er sich um und wusste, er durfte jetzt nicht mehr zurücksehen. Die Entscheidung war getroffen und er zog in die Welt hinaus. Es gab nur noch eine Sache, die er tun musste.
Līeg verließ den Weg, der ihn direkt zum Heereslager geführt hätte, und machte sich auf zum Alten Bach. Er war früh genug aufgebrochen – die Sonne war erst vor einer Stunde aufgegangen – er hatte also Zeit. Mit einem seltsamen Gefühl im Bauch näherte er sich der großen Weide, die sich über den Bach beugte, und ihre Blätter wie einen Vorhang über Ufer und Wasser ausbreitete.
Behutsam schlug er den Vorhang beiseite.
Dyre blickte ihn aus stillen Augen an. Sie war wütend, aber ruhig. Traurig, aber nicht überrascht. Sie bedeutete ihm, sich zu setzen.
Līeg sank auf den Boden und war ihr dabei so nahe, dass er immer tiefer in den Traum gesogen wurde. Er hatte diesen Moment durchgespielt, aber das kam ihm nun lächerlich vor. Er hatte sich dramatische Szenen ausgemalt, vielleicht würde Dyre weinen, vielleicht würde er weinen, vielleicht würden Dyres Haare im Wind wehen und sie würde …
Aber es war alles anders. Sie waren anders.
Eine kleine Ewigkeit lang saßen sie einfach nur da, unter der Weide.
»Es tut mir Leid«, sagte Līeg.
Dyre sah ihn an. In ihrem Blick war wieder das Mädchen von einst, das Mädchen, das nicht mehr sprach, seit sie aus diesem Wald zurückgekehrt war. Das Mädchen, das Bilder von überwucherten Häusern und großen Schlangen malte, und von einem Mond, der auf die Welt herabstürzte. Ich brauche dich, schien sie zu sagen. Lass mich nicht allein damit kämpfen.
Līeg stand auf. »Es tut mir Leid«, murmelte er. »Ich … Ich besuche dich, ich versprech's, aber es wird dauern und …«
Dyre beugte sich vor, zum Bach hin, und malte mit ihren Zeigefinger einige Schriftzeichen vor sich in den Sand. Zünde dein verdammtes Feuer an, sagte sie.
Līeg wich zurück, glitt durch den Vorhang nach draußen und ging los. Er wurde schneller, begann zu rennen. Er flüchtete aufwärts, einen schmalen Pfad hinauf, rechts von ihm erschien tief unten das Harg-Tal, vor ihm lief Hauptmann Maersian, sie erreichten das Ende des Pfades und mit einem Mal waren sie zurück der Zufluchtsstadt von Dunharg.
Glēd hatte ihm manchmal von diesem Ort erzählt, im Ringkrieg hatte es hier kaum mehr gegeben, als ein paar Zelte. Aber das neue, verängstigte Rohan hatte Dunharg zu einer kleineren Feste ausgebaut, der härteste Kern eines ohnehin schon aufwändig gesicherten Tals. Die Hälfte der Zuflucht lag in Höhlen im Gebirge und viele der Stein- und Holzhäuser, die Līeg und Maersian nun passierten, warum kaum mehr als Eingänge zu unterirdischen Behausungen.
Aus Richtung der großen Treppe kam ein Zug von Soldaten. Legolas war sofort zu erkennen, größer als die Rohirrim und mit einem weißen Band über dem linken Auge. Zwei der Soldaten brachten eine Trage, auf der eine zierliche Gestalt lag, in einem schmutzigen weißen Kleid: Dyre.
Līeg eilte auf die Neuankömmlinge zu, überholte dabei fast den Hauptmann. War Dyre noch am Leben? Hatte sie es geschafft? Warum rührte sie sich nicht?
Der Anführer der Soldaten nickte ihm flüchtig zu und schien Līegs Interesse an Dyre zu ignorieren. Er salutierte vor Maersian. »Prinz Legolas aus dem Waldlandreich«, erklärte er. »Und … Das Mädchen.«
»Dyre«, fügte Līeg hinzu, ohne sich selbst wirklich zu hören.
Sie atmete, das konnte er nun sehen, aber sie sah noch kränklicher aus als zuvor im Wald.
»Prinz Legolas«, hörte er Maersian nun sagen und blickte auf. Der Hauptmann bedeutete den Rohirrim mit einer flüchtigen Geste, von Legolas zurückzutreten. »Bei jemandem mit dem Ruf eines Massenmörders hatte ich erwartet, dass Ihr ein wenig älter aussehen würdet.«
Legolas trat bis auf eine halbe Armlänge an sein verdutztes Gegenüber heran und blickte auf ihn herab. »Hauptmann Maersian«, sagte er leise. »Ihr seid kleiner, als ich erwartet hatte.«
Maersian machte sichtlich verärgert einen Schritt zurück, um die Distanz wieder herzustellen. »Ihr reitet mordend durch mein Land, Ihr macht gemeinsame Sache mit einer Schlächterin …« Maersian schnaubte. »Und Ihr wagt es, mich in meiner eigenen Festung zu beleidigen?«
Legolas hielt seinem Blick unbeeindruckt stand. »Wohin ich auch komme«, sagte er, »glaubt man, über mich richten zu dürfen.« Er sah kurz zu Līeg hin und dieser wandte seinen Kopf schuldbewusst ab. »Ich bin nicht wegen Eurem Urteil hier.«
»Gewiss nicht.« Maersian gab einen verächtlichen Laut von sich. »Ihr seid hier, weil Ihr mein Gefangener seid.«
Einer der Soldaten meldete sich unsicher zu Wort. »Sire, der Prinz … Nun ja, er kam zu uns und bat, nach Dunharg gebracht zu werden. Er ist kein Gefangener.«
Maersian funkelte den Mann mit einer Mischung aus Wut und Fassungslosigkeit an. »So«, fauchte er. »Ist er nicht, hm? Kein Gefangener, hm?«
Līeg verfolgte die Begegnung angespannt. Mit jedem Neuankömmling, mit jeder neuen Entwicklung, entglitt ihm langsam aber sicher die Situation – falls er sie jemals unter Kontrolle gehabt hatte. Aragorn war geschickt genug gewesen, zu Maersian durchzudringen. Legolas dagegen schien den Hauptmann lediglich provozieren zu wollen.
Das hier musste schnellstmöglich enden, so viel wusste Līeg. Aber wie konnte er sich zwischen seinen Hauptmann und einen Elbenprinz zu stellen? Er war schon in Aragorns Kerker gefährlich weit gegangen.
»Also.« Maersian verschränkte die Arme. »Warum seid Ihr hier?«
»Ihr habt eine Elbin aus meinem Volk gefangen«, sagte Legolas. »Ich bin hier, um sie zurückzuholen.« Er deutete auf die leblose Dyre. »Dieses Mädchen hier gegen Pilindiel. Das ist kein schlechter Tausch, denke ich.«
Schweigen.
Maersian schüttelte den Kopf. »Ihr seid nicht in der Position für ein solches Angebot«, er schnaubte verächtlich, »Gefangener.«
Legolas die Braue über seinem verbliebenen Auge. »Ich kam her, um zu verhandeln«, sagte er ruhig. »Ihr könnt mein Angebot ablehnen, aber dann werdet Ihr mir und Dyre freies Geleit nach draußen verschaffen.« Legolas trat wieder einen Schritt vor. »Ich kenne Euch, Maersian. Aus dem Krieg. Ihr habt viel zu viel Ehre im Leib, um mich gefangen zu nehmen.«
Maersian schwieg. Er sah zum Anführer des Rohirrim-Trupps. »Bringt die beiden zur Elbin. Kettet sie an. Vor allem das Mädchen.«
Legolas lächelte. »Ihr macht einen Fehler.«
»Bringt sie fort«, wiederholte Maersian leise.
Līeg stand neben ihm und sah schweigend zu, wie die Rohirrim Legolas und Dyre fortbrachten.
»Die Ehre«, murmelte Maersian. »Die Ehre war vor dem Krieg. Hört Ihr?«, fügte er drängend hinzu, als Līeg nicht reagierte. »Gondor hat sehr viel schlimmere Verbrechen begangen, ich … Ich bin zu nichts mehr verpflichtet.«
»Ja«, sagte Līeg tonlos. »Ich weiß.«
Es griff ihn an, das war spätestens jetzt offensichtlich. An einem einzigen Vormittag hatten zwei Könige an Maersians Ehre appelliert und er hatte beide Male verneint. Das hier setzte ihm genau so zu wie der Krieg.
Līeg räusperte sich. »Ich will mit Dyre sprechen.«
Der Hauptmann blinzelte. »Dieses Mädchen ist gefährlich. Wir können von Glück reden, dass sie die Männer, die wir als Wache beim Wald gelassen haben, nicht getötet hat.«
»Wir …« Līeg zögerte. »Wir sind aus dem selben Dorf. Die letzten, die noch leben, und … Wir sind Freunde gewesen. Damals. Möchte ich jedenfalls glauben.«
»Gut«, sagte Maersian, schien mit den Gedanken aber bereits woanders zu sein. »Geht zu Ihr, dann macht wenigstens einer von uns heute etwas richtig.« Er atmete tief durch. »Līeg, alles was Ihr von Legolas und Dyre über den Wald erfahren könnt … Wir brauchen es. Und wir brauchen es schnell.«
Līeg hatte schon die ersten Schritte gebracht, als er unwillkürlich stehen blieb und sich noch einem umdrehte. »Euer Sohn«, hörte er sich sagen. »Ihr macht Euch Sorgen um ihn …«
Maersian nickte kraftlos. »Wir haben noch keine Nachricht von Cair Andros.«
»Cair …?«
»Maeting ist an der Frontlinie stationiert. Die ganze Insel liegt auf dem Trockenen, also haben wir einen Angriff angesetzt, vor zwei Tagen müsste das jetzt gewesen sein und … Noch nichts.« Maersian straffte seine Haltung und verfiel wieder in die Rolle des unnahbaren Anführers. »Wir werden sehen«, brummte er. »Und nun geht schon. Macht Euch um Maeting mal keine Gedanken …«
Minas Tirith
Gelíefed schreckte hoch, die Augen weit aufgerissen.
Cathal saß vor ihm auf einem kleinen Hocker und hinter dem jungen Stadthalter stand dessen Bruder Ithal, argwöhnisch die Arme verschränkt. Die kleine Höhle flackerte im Licht der einzigen Fackel.
Wie spät war es? Wie lange hatte er geschlafen? Gelíefed atmete tief durch und richtete sich auf, zog dabei die Beine an den Körper und schlang die Arme darum. Was war geschehen?
Pallando lag reglos auf dem Feldbett. Gelíefed konnte nicht sagen, ob der Zauberer noch lebte.
Langsam beruhigte sich sein Atem. Er spürte, dass die Flut von Jishin, der er sich ausgesetzt hatte, inzwischen auf ein normales Niveau herabgestiegen war. Er musste eine ganze Weile lang weg gewesen sein. Und sehr weit weg.
»Alles in Ordnung?«, fragte Cathal.
Gelíefed nickte stumm. Beim Klang von Cathals Stimme fielen ihm all die Dinge ein, die er ihm vorenthalten hatte. Die er niemals erfahren durfte. Zusammen mit den Bildern der Nacht zogen weitere Gedanken herauf, Erinnerungen, die nicht Gelíefeds eigene waren. »Verzeiht«, zwang er heraus. »Ich brauche eine Weile, um … Es ist sehr viel.«
»Ja.« Ithal nickte. »Wir hatten letztens ein ähnliches Vergnügen.«
Ah? Gelíefed verstand nicht, was gemeint war, aber es gab wichtigeres zu tun. Wichtigeres zu begreifen. Er ging in sich und grub sich durch die Lawine aus Erinnerungen, versuchte die Teile zusammenzufügen … Er hatte das Jishin-Lesen schon bei vielen durchgeführt, im Laufe der Jahre, aber noch nie bei einem Zauberer. In Pallandos Verstand gab es eine Art von Wissen, wie Gelíefed sie noch nie gesehen hatte.
»Wisst Ihr«, begann Cathal vorsichtig, »wo der Schwurstein ist?«
»Nein.« Gelíefed antwortete, noch bevor er wirklich darüber nachgedacht hatte. Aber da war nichts, glaubte er. Noch nicht. »Pallando ist nicht tot«, sagte er laut. »Er konnte sich verteidigen. Mich abwehren. Ich weiß nicht, ob ich den Schwurstein gesehen habe oder nicht.«
»Gut.« Ithal lehnte sich gegen eine Wand. »Was habt Ihr dann gesehen?«
»Dass Pallando kein Verräter ist. Er hat sehr viel getan und gesagt, um die Macht über die Orks zu gewinnen, aber das waren Täuschungen. Pallando ist nicht der Feind.«
Cathal deutete auf den leblosen Zauberer. »Diese Wunden hat er von mir. Er wollte ein Kind töten, das von einem Nazgûl besessen ist, und ich …« Er sah schuldbewusst zu Boden.
Ithal legte ihm die Hand auf die Schulter. »Konntest du kaum wissen. Nicht jedem sieht man den Schwarzen Atem an.«
Gelíefed nickte. Pallandos Erinnerung daran, von Cathal angeschossen zu werden, war noch sehr frisch und er sah es lebhaft vor sich – beinahe spürte er das Echo des Schmerzes. Doch da war noch etwas. Ein panisches Begreifen, unmittelbar, bevor er das Bewusstsein verloren hatte.
Cathal blinzelte. »Was ist?«
»Es ist sehr schwer, einen Zauberer zu töten«, begann Gelíefed, noch während er seine Gedanken ordnete. »Es gibt eine sehr alte Magie, die jeden der Istari beschützt.« Gelíefed wies auf Pallando. »Er ist nicht tot. Aber seine Verteidigung wurde umgangen. Ihr hättet ihn töten können.«
»Ich …« Cathal räusperte sich. »Ich wusste, was ich tun musste. Ich weiß nicht, wie oder warum. Ich weiß nur, dass alles irrsinnig klar gewesen ist, als ich den Pfeil abgeschossen habe.«
Ja. Ja, das passte.
»Schön und gut.« Ithal trat vor, wie zur Verteidigung seines Bruders. »Worauf wollt Ihr hinaus, Gelíefed?«
»Auf die Palantíri.«
Ithal hielt inne. Cathal sog schuldbewusst Luft ein.
Das also hat Ithal eben gemeint. Gelíefed stand auf. Langsam kam er wieder zu Kräften. »Die Zauberer nennen sie die 'Wächter'«, erklärte er. »Die Wächter sind die einzigen, die einen Istar töten können. Und es gibt einen für jeden Zauberer. In jedem Moment.«
Ithal hatte die Stirn in Falten gelegt. »Hm«, brummte er und zog sein Messer. »Also nur Cathal hat die Chance? Ich nicht?« Er kniete sich neben das Feldbett und drückte die Klinge beiläufig an Pallandos Hals.
Gelíefed stellte fest, dass sein Respekt für Ithal seit gestern morgen gestiegen war. Viele Dinge machte sich der Mensch zwar etwas einfacher als sie waren, doch manchmal war gegen ein pragmatisches Ausprobieren kaum etwas einzuwenden. »Nur zu«, sagte er. »Versucht es.«
Ithal musterte ihn aufmerksam, das Messer unbewegt. »Brauchen wir den Alten noch?«
»Vielleicht nicht. In jedem Fall kam er nach Minas Tirith, um zu helfen.«
»Also gut.« Ithal nahm das Messer wieder zurück. »Es ist zu riskant. Aber ich könnte ihn töten. Ich könnte ihm die Kehle aufschneiden.«
»Du könntest. Aber du tust es nicht. Und das ist die Verteidigung.« Er begann, in der Höhle auf- und abzugehen, um wieder in Bewegung zu kommen. »Wir sprechen hier über sehr alte Magie. Jishin ist das Blut von Mittelerde, aber die Wächter … Die Wächter sind ein Teil ihrer Essenz. Teil der obersten Gesetze.« Er blieb stehen und sah die zwei Brüder ernst an, um ihre volle Aufmerksamkeit zu bekommen. »Für jede Macht dieser Welt, gibt es eine Gegenkraft. Eine, die sie ausbalanciert. Hinterfragt.«
Keiner der beiden erwiderte etwas.
»Das alles sind Vermutungen«, ergänzte Gelíefed und ließ seinen Blick auf Cathal ruhen, den es immerhin am meisten betraf. »Pallando ist sich nicht sicher, was es heißt, ein Wächter zu sein. Aber er glaubt, der Palantír bringt einem Wächter nur das Wissen. Er zeigt den Weg. Saruman ist nicht etwa gestorben, weil ein Palantír es befohlen hat, sondern weil sein Wächter über ihn geurteilt hat. Saruman war Grímas Entscheidung, Pallando ist deine.«
»Was, wenn ich sterbe?«
»Dann geht die Bürde auf jemand anderen über.«
Alle drei schwiegen. Cathal setzte sich neben Pallando und schien in tiefes Grübel zu verfallen, Ithal dagegen wanderte langsam in der kleinen Höhle umher, unruhig und skeptisch.
Gelíefed ließ sich wieder auf den Boden sinken und suchte nach weiteren Erinnerungen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass keiner der Brüder ihm Fragen über sein Treffen mit Kauko und dem Nazgûl gestellt hatte. Das war gut. Je weniger Lügen er ihnen erzählen musste, desto besser.
»Gelíefed?« Cathal blickte über den bewusstlosen Zauberer hinweg zu ihm hin. »Da ist noch etwas.«
»Ja?«
»Ihr sagtet, Pallando hat Eure Suche abwehren können, weil er noch lebt.«
Kaum hatte Cathal ausgesprochen, hielt sein Bruder inne und starrte Gelíefed entgeistert an. »Das …« Ithal schüttelte den Kopf. »Das ist nicht Euer Ernst! Ihr könnt Leichen lesen!?«
Worauf lief das hier hinaus? Gelíefed nickte langsam. »Es ist möglich, ja. Aber sechs oder sieben Stunden nach dem Tod ist das Gehirn nicht mehr … Nun ja, es ist dann alles zu stark verfallen, glauben wir.«
Cathal hatte sich erhoben und wirkte nun furchtsam und aufgeregt zugleich. »Gut«, sagte er. »Aber was, wenn es nicht zerfällt? Wenn es auch nach über einem Jahr immer noch … Unverändert ist?«
Gelíefed runzelte die Stirn. »Sollte es so etwas tatsächlich geben, dann sollte man die Erinnerungen noch immer bergen können.« Er blinzelte verwirrt. »Es wird vielleicht schwieriger, aber … Solange es noch einen Kopf gibt?«
Es war als ein seltener Scherz gemeint gewesen.
Keiner der Brüder lachte.
Der Berg bereitete ihnen einen eisigen Empfang.
Die ganze Luft war voller Schnee, der Līeg in die Augen wirbelte, und der Hauptmann vor ihm war nur noch eine schemenhafte Gestalt, die unerbittlich den bitterkalten Winden trotzte. Līegs Stiefel sanken bei jedem Schritt knöcheltief in den Neuschnee ein, der den Nachmittag über gefallen war. Ein Luftstoß riss ihm die Kapuze vom Kopf.
Leise fluchend setzte Līeg sie wieder auf, gleichzeitig warf er einen Blick nach links, zu den Ebenen hinab, die inzwischen tief unter ihnen lagen.
Jetzt, wo die frühe Nacht hereingebrochen war, drangen die Lichter von Edoras durch die wolkenartigen Schneefälle hindurch, wie Feuer durch das Eis. Die hellsten Flecken zogen sich in einem Ring um die Stadt, die Wachtürme des Äußeren Walls, wusste Līeg, und auf dem Platz vor Meduseld hatte man ein noch größeres Feuer entfacht.
»Tut mir Leid!«, rief Līeg und sah wieder nach vorne. »Wegen mir entgeht Euch das Fest!«
»Redet keinen Unsinn!«, hörte Līeg den Hauptmann zurückrufen. »Ich hab' mich seit Monaten nicht mehr so lebendig gefühlt!«
»Aber das alles …« Līeg wischte sich den Schnee aus dem Gesicht. »Das alles nur wegen mir?«
Maersian hielt an und drehte sich um, der Bart weiß vor lauter Flocken. »Hört mir mal zu«, sagte er. »Wir haben seit über dreißig Jahren Frieden. Dieses Fest da unten findet jeden Tag statt, auf die eine oder andere Art. Heute morgen taucht Ihr bei mir mit einem Brief vom Zweiten Marschall auf. Ihr seid der erste in einer ganzen Weile, den er für würdig befunden hat, und ihr seit der erste in meiner Zeit als Hauptmann, der den Posten tatsächlich antreten möchte. Der sein Land über sich selbst stellt.«
Līeg war froh, dass seine Wangen ohnehin schon rot von der Kälte sein mussten.
Maersian legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ihr seid ein Mann der Pflicht, Līeg, und ich werde Euch nicht entehren, indem ich Euch allein hier herauf schicke. Der Schwur wird abgelegt, wie es sich gehört, und wenn die Welt untergeht.«
Mit diesen Worten setzten sie ihren Weg fort. Nach einer Stunde gerieten sie in den Schutz einer großen Klippe, was sie ein wenig verschnaufen ließ. Wieder eine Stunde später kam die steinerne Hütte in Sicht und ihr gegenwärtig einziger Bewohner, der alte Glēd, kam ihnen bereits entgegen.
»Hauptmann!«, rief er, ein breites Grinsen über das faltige Gesicht. »Hätte ich gewusst, dass Ihr vorbeischaut, ich hätte die Signalfeuer entzündet!«
Maersian antwortete mit einem donnernden Lachen.
Līeg kam vor Glēd zum Stehen und salutierte. »Mein Name ist Līeg, Sire, ich melde mich zur Wacht. Es ist mir eine Ehre, mit Euch …«
Glēd winkte mit einem Grinsen ab. »Spar' dir das für später, Līeg, wir sind hier eine Weile.« Er reichte ihm die Hand. »Schön, endlich wieder Gesellschaft zu haben.«
Sie brachten den restlichen Weg zum Haus hinter sich, wo Līeg seinen Rucksack ablegte. Dann stapften einen kurzen Pfad hinauf, bis sie endlich den großen Holzstapel erreichten, die erste der zehn Signalfeuerstellen. Maersian stellte richtete sich zu seiner vollen Größe auf und zog sein Schwert.
All die Kälte und die Müdigkeit war vergessen, als Līeg vor dem Hauptmann und dem Signalfeuer auf die Knie sank. Er wollte schon mit dem Eid beginnen, als er Maersians ersten Blick bemerkte. »Sire?«
»Bist du sicher?«, fragte Maersian so leise, dass Glēd es im pfeifenden Wind nicht hören konnte. »Bist du sicher, dass du das willst?«
»Nein«, sagte Dyre und starrte Līeg aus verwundeten Augen an, aber er schob die Erinnerungen beiseite. Er würde Wache halten, für Dyre und für ganz Rohan. Das hier war sein Schicksal, seine Aufgabe im großen Gefüge der Welt. »Ja«, sagte er und schloss die Augen. »Ich bin sicher.«
»Dann sprich.«
»Hört meine Worte und bezeugt meinen Eid. Die Nacht sinkt herab, und meine Wacht beginnt. Sie soll nicht enden vor meinem Tod.«
Edoras ging in Flammen auf, genau um Mitternacht. Līeg entfachte das Feuer, mit zitternden Händen. Der nächste Berg antwortete nicht. Die Hasharin hatten die Posten erschlagen und dann töteten sie auch Glēd.
»Ich will mir keine Frau nehmen, kein Land besitzen, keine Kinder zeugen.«
Dyre erhob sich aus ihrem Bett und begann zu töten. Einige flüchteten, andere flehten um Gnade oder beschworen sie, die Waffen niederzulegen … Aber in Hēahflōd gab es jetzt niemanden mehr, der Dyre noch aufhalten konnte.
»Ich will keine Kronen tragen und auch keinen Ruhm begehren. Ich will auf meinem Posten leben und sterben. Ich bin das Schwert in der Dunkelheit.«
Tréowðs Leiche fiel zu Boden. Wie in einem dunklen Traum kletterte Līeg aus der Palantír-Luke. Aragorn hielt sie offen. Līeg nahm sein Schwert und sagte etwas, das er selbst kaum hörte, über Tréowð, und über Rache und über Schmerz, und dann erstach er Lehm. Die Luke würde sich schließen, für immer, und die Hasharin würden ohne das Jishin zugrunde gehen.
»Ich bin der Wächter auf den Mauern. Ich bin das Feuer, das gegen die Kälte brennt, das Licht, das den Morgen bringt, das Horn, das die Schläfer weckt, der Schild, der die Reiche der Menschen schützt.«
Līeg winkte Aragorn und Eldarion ein letztes Mal nach, dann kehrte er in sein sterbendes Land zurück. Maersian erkannte ihn wieder. Er gab ihm Soldaten und Pferde und dunkle Befehle.
»Ich widme mein Leben und meine Ehre den Feuerwächtern Rohans«, sagte Līeg und öffnete die Augen, »in dieser Nacht und in allen Nächten, die noch kommen werden.«
Er suchte sich seinen Weg durch die Zufluchtsstadt von Dunharg, bis er am Rande die kleine Hütte fand. Für einen Moment glaubte er, es würde schneien und er würde Maersians Schwert auf seiner Schulter spüren, aber das war lange her, ein Bild aus einer anderen Welt.
Der Wachposten stieß die Tür auf und trat beiseite. Im Innern war die Luft stickig und der gesamte Raum war von einem Lichtmuster überzogen, das sich aus den Ritzen zwischen den Brettern ergab, durch die sich die Mittagssonne einen Weg hinein suchte. Fenster gab es keine.
Līeg trat ein und schloss die Tür hinter sich.
Dyre lag auf dem einzigen Bett der Hütte, dort, wo kein Licht hinfiel. Die schmutzigen Reste ihres weißen Kleides, das sie jeden Sommer getragen hatte, umgaben sie nun fast wie eine Blutlache, mit den Umrissen eines zierlichen Körpers in der Mitte.
Was haben die Nazgûl mit dir gemacht …
»Līeg?«
Er drehte sich um.
In der anderen Hälfte der Hütte standen Legolas und Pilindiel, die beide mit ihren Händen an die niedrigen Querverstrebungen der Dachbalken gebunden worden waren. »Hör zu, Junge«, sagte Legolas. »Das Mädchen, das du gekannt hast, ist nicht mehr hier. Sie konnte nicht gewinnen, sie konnte nicht verlieren, jetzt ist sie … Das.«
»Ja«, sagte Līeg leise. »Ich weiß.«
Pilindiel verschaffte ihm Zeit zum Durchatmen: »Maersian sieht Līeg als Boten des Waldes«, erklärte sie Legolas im halben Flüsterton. »Er weiß nichts von dem Nazgûl, also hört er auf alles, was Līeg sagt.«
Līeg wollte einwerfen, dass er die Dinge nicht ganz so optimistisch sah, aber er kam nicht dazu.
»Maersian lässt sich von niemandem befehlen«, sagte Legolas mit einem Kopfschütteln. »Der Kerl war im Ringkrieg schon ein harter Brocken.
»Mag sein«, erwiderte Pilindiel. »Aber mit etwas Glück kann Līeg ihn beeinflussen, und uns freibekommen.«
Legolas schnaubte. »Das letzte Mal, dass Līeg den Befehl hatte, hat etliche Leben gekostet. Also wenn er jetzt der neue König Rohan ist, dann sollte er sich besser im Klaren darüber sein, dass ein König die Verantwortung hat. Für alles, was geschieht und nicht geschieht.«
»Ja«, sagte Pilindiel leise. »Es ist ein schweres Amt. Ich kenne jemanden, der hat halb Mittelerde durchquert und dort einen Feldzug entfacht, nur um vor dem Thron davonzulaufen.« Sie biss sich auf die Lippen. »Schön, dass er wenigstens noch weiß, wovor er solche Angst hat.«
Eine unbehagliche Stille trat ein.
Schließlich war es Pilindiel, die das Schweigen brach. »Wie wurdet Ihr gefangen genommen?«, fragte sie Legolas.
Legolas sagte nichts.
Līeg antwortete für ihn: »Er hat Maersian vertraut.«
»Ganz so kann man das nicht sagen«, erwiderte Legolas schnell, aber Pilindiel starrte ihn bereits an.
Wieder schwiegen sie. Von draußen waren eilige Schritte zu hören.
»Danke«, flüsterte Pilindiel.
Legolas wandte den Blick ab.
»Ihr seid hier, weil Ihr mich retten wolltet.« Pilindiel lächelte. »Ich war wohl eine bessere Lehrerin, als ich dachte.«
»Du siehst das falsch«, murmelte Legolas. »Ich kann das hier nicht allein, das ist alles.«
»Sprecht weiter. Nicht aufhören.«
Die Tür wurde aufgestoßen und zwei Soldaten trat hindurch. »Wir bringen die Gefangenen zum Verhör durch den Hauptmann«, sagte der eine, während der andere die beiden Elben losband. Legolas und Pilindiel leisteten keinen Widerstand, als sie aus der Hütte geführt wurden.
Līeg blieb allein zurück. Allein mit Dyre.
Er setzte sich neben das Bett. Ich bin ein Wächter, hatte er sich früher immer wieder gesagt. Er war nicht so stark wie die anderen, aber er konnte aushalten. Er konnte da sein. Sich vor ihr Bett setzen und die Geister vertreiben.
Er hatte das geglaubt, bis Maersians Brief gekommen war.
Dyre öffnete die Augen. Vielleicht war sie die ganze Zeit wach gewesen. »Hallo, Līeg«, sagte sie leise. »Hat dich der Wald wieder ausgespuckt …«
Er blickte sie an. »Mit wem … Mit wem spreche ich jetzt gerade?« Er spürte, wie ihm die Stimme zu versagen drohte.
Die Fremde vor ihm rührte sich nicht, lag noch immer reglos da, und nur den Kopf hatte sie in seine Richtung gedreht.
»Spreche ich mit … Dyre?«
»Dyre konnte nicht sprechen.«
Das war die Antwort, die er bekam, und mehr brauchte es nicht, um alle Fragen zu beantworten: Er war zu spät. Er hatte sie nicht vor den Geistern beschützt. Er hatte sie genau so wenig verteidigt wie die Leuchtfeuer. Er war der Wächter, der seinen Posten verlassen hatte.
»Weißt du noch«, flüsterte sie, »wie mein Großvater die alten Geschichten erzählt hat?« Sie lächelte und es war allein Dyres Lächeln. »Der Ringkrieg, die Reise der Gefährten, oder lange davor, das letzte Bündnis … All die großen Helden, von denen er erzählt hat.«
»Ja«, hörte sich Līeg mit zitternder Stimme sagen. »Ich weiß das noch.«
»Ich habe sie alle getötet.« Eine Träne lief über Dyres bleiche Wange und verschmolz mit dem weißen Laken. »Ich war da, Līeg. In den alten Geschichten. Ich bin über eine brennende Welt geflogen und habe geschrien, lange bevor dieser Körper geboren wurde. Ich habe Großvaters Helden getötet. Und dann ihn.«
Līeg schloss die Augen. Nein. Nein, nein …
»Und weißt du, Līeg, warum es wehtut? Warum es wirklich wehtut? Weil sie es verdient hatten.« Dyre gab einen klagenden Laut von sich und krümmte sich auf dem Bett, zitternd. »Weil Hēahflōd es verdient hatte. Weil es mir nicht einmal Leid tut, obwohl es das sollte.«
»Nein.« Līegs Finger krallten sich um den Teil des Laken, den er zu fassen bekam. »Nein, sie hatten es ganz bestimmt nicht verdient.«
»Aragorn war dort. Er wollte mir helfen. Aber Hēahflōd hat ihn geopfert. Sie haben mich geopfert!« Dyre verbarg ihr Gesicht in den Händen, grub die Fingernägel in ihre Haut. »Und sie wollten es vertuschen. Sie wollten lügen.«
»Was … Was meinst du?«
Dyre richtete ihren Oberkörper auf. Langsam, ganz langsam, nahm sie die Hände vom Gesicht und die Augen, die dahinter erschienen, starrten Līeg voller Entsetzen an. »Du weißt es nicht … Oh, du weißt es nicht.«
Līeg konnte sich nicht rühren.
»Tréowð wollte sie verraten. Tréowð wollte nach Gondor reiten und die Wahrheit hinausschreien …« Dyres Gesicht verzerrte sich und plötzlich griff sie nach Līeg, packte seinen Kopf mit beiden Händen, durchdrang ihn mit ihrem Blick. »Sie haben ihn vergiftet. Sie haben ihn gejagt, bis an die gondorianische Grenze, und wenn sie gekonnt hätten, sie hätten ihn getötet … Nur für eine einzige Lüge …«
»Nein.« Līeg fühlte, wie Tränen über seine Wange liefen. »Nein, das haben sie nicht.« Er packte ihre Hände, aber er hatte nicht die Kraft, ihren Griff zu lösen.
»Das ist die Welt, die du beschützen willst«, kreischte Dyre. »Das ist die Welt, für die du mich verlassen hast, um dein verfluchtes Feuer anzuzünden!« Sie ließ von ihm ab. »Du warst nicht da, als ich gestorben bin«, sagte sie leise. » Du kannst jetzt da sein. Du kannst mir helfen und nicht der verdammten Welt … Du bist der Gesandte, hat die Elbin gesagt. Maersian macht, was du willst, hat sie gesagt …«
»Ich …«
Dyre schloss die Augen. »Lass mich hinrichten.«
Līeg sprang auf. Vor lauter Tränen sah er die Welt nicht mehr. »Nein!«, brüllte er und stieß gegen etwas gegen, irgendetwas ging zu Bruch, er wusste und sah nichts mehr. »Du bist zu feige, ja? Ich binde dich los, geb dir ein verdammtes Messer und dann schlag's dir doch in den Hals!«
»Ich kann nicht!« Dyres Worte gingen in Schluchzen unter. »Der Nazgûl wird es niemals erlauben, Līeg …«
»Also seid ihr doch noch zwei? Noch zwei in einem Körper?«
»Ich weiß es nicht!«
Līegs Hände fanden den Griff der Tür. Er warf sich dagegen, stolperte nach draußen, ins blendend helle Licht.
»Sie richten euch alle hin!«, brüllte Dyre. »Die Götter schicken eine Flut, um uns zu vernichten und ihr werdet genau so jämmerlich ertrinken wie wir!«
Līeg schmetterte die Tür zu, machte ein paar Schritte ins Licht und dann sank er zu Boden, rollte sich auf dem schwarzen Felsen zusammen und verlor sich in der Dunkelheit.
Minas Tirith
Wie in einem bösen Traum folgte Gelíefed den zwei Brüdern durch die Tunnel des Blauen Hauptquartiers. Immer wieder passierten sie Mitglieder der Stadtwache oder Soldaten anderer Einheiten, die Gelíefed im Vorbeigehen kritisch musterten. Die meisten jedoch schienen Cathal und Ithal genug zu vertrauen, um den Gefangenen zu akzeptieren.
Zum Glück, dachte Gelíefed. Über ihren Köpfen baute Kauko das gondorianische Imperium. Wenn die beiden überleben wollten, brauchten sie loyale Soldaten.
Cathal bog in einen Seitengang ein und führte sie dann durch einen sich verengenden Tunnel, bis vor eine Holztür.
»Weiß auch niemand davon?«, drängte Gelíefed.
Ithal schüttelte den Kopf. »Außer uns? Nur noch Pallando. Er hat Stunden da drin gesessen. Was die Frage aufwirft, warum Ihr …«
»Ich weiß«, sagte Gelíefed. »Aber da ist nichts. Keine Erinnerung. Ebenso wenig wie über den Schwurstein. Er hat dieses Wissen besser versteckt als das über die Wächter.«
»Spätestens jetzt«, murmelte Cathal und öffnete die Tür, »habe ich ein schlechtes Gefühl bei der Sache.«
Gelíefed trat ein.
Die Höhle war noch kleiner als Pallandos Unterbringung und eine große Eisentruhe war alles, was sich in ihr befand. »Sie ist nicht verschlossen«, hörte er Cathal sagen.
Nachdem er ein letztes Mal durchgeatmet hatte, kniete Gelíefed sich vor die Truhe und stemmte den Deckel hoch.
Die Namenlose begrüßte ihn mit weit aufgerissenen Augen. Der Kopf von Gelíefeds einstiger Herrin lag wie ein weggeworfene Stück Dreck im Schmutz der Truhe, eine blutige Trophäe, die niemand mehr haben wollte. Doch Cathal hatte Recht gehabt, es gab keine Spuren von Verfall. Nicht mehr jedenfalls, als die Namenlose bereits vor ihrem Tod gezeigt hatte.
Gelíefed klappte den Truhendeckel wieder herunter.
Keiner der Anwesenden sagte ein Wort.
Schließlich traten auch die beiden Brüder in den Raum und Cathal schloss die Tür hinter sich. »Also«, begann er tonlos. »Was sagt Ihr?«
Die Wucht der Erkenntnis betäubte Gelíefed und ließ ihn weder Wut noch Angst fühlen. Langsam stand er auf und sah die zwei Brüder traurig an.
»Gelíefed, was …?«
»Sie wusste es«, sagte er leise. »Sie hat von Anfang an gewusst, was passieren würde. Und sie hat dafür geplant.«
Fortsetzung folgt …
A/N: Hm... Der Feuerwächter-Schwur ist der absolut epische Eid der Nightwatch aus der namensgebenden Romanreihe dieses Kapitels, das sei als Mini-Disclaimer nachgereicht. Generell ist diese Feuerwächter-Sache natürlich nicht Canon, "Hüter des Lichts" schlug mir die Ardapedia damals vor, ohne weitere Hinweise, und ich hab mich dann im Laufe der Zeit langsam an dieses Wächter-Konzept herangetastet, also die Idee, dass es eine dieser fragwürdigen Ehren ist, da oben zu hocken... Übrigens ist es Zufall, dass A-Plot und B-Plot beide von Wächtern handeln. Manchmal leg ich's drauf an, aber das hier ist mir erst beim Schreiben aufgefallen. Okay, das nächste Kapitel wird sehr lang und ausufernd, es ist aber recht genau geplant, daher... Zwei Wochen? Mal schauen. Danke fürs Lesen soweit! :-)
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