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von phazonshark    erstellt: 12.06.2009    letztes Update: 28.04.2012    Geschichte, Mystery, Drama / P16    (in Arbeit)
"Westernis, Teil 2" auf dem Blog lesen
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A/N: Hm… Hey allerseits! Und stark nachträglich ein frohes 2012! Hier ist das neue Kapitel, die andere Hälfte von „Westernis“, das ich übrigens für eine Weile als Istaris „Weihnachtsspecial“ gedachte hatte. Ächem. Nunja, etwas verkalkuliert.
Ebenfalls unerwartet, aber sehr viel erfreulicher: Die Story hat jetzt mit Stef erstmals eine Beta-Leserin. Ich muss euch aber schonmal vorwarnen, dass ich bei meinen finalen Überarbeitungen vermutlich wieder neue Fehler einbaue und an einigen stilistischen Eigenheiten mehr oder weniger festhalte. Das heißt: Jeglicher Murks, der immer noch in den Kapiteln ist, wird auf meine Kappe gehen. Aber Stef wird mich vermutlich davor gewarnt haben, und dafür auch hier nochmal vielen Dank!
Allen anderen: Viel Spaß beim Januar-Kapitel! :-)






2.15
Westernis, Teil 2


Faramir





Der Jäger glitt durch das Wasser, den Körper zu einem Pfeil gespannt, die Augen geschlossen. Das Gewand floss schwerelos an seiner Haut entlang. Mit den Händen zog er sich über den Boden und folgte den Rillen und Mustern darin, um seinen Weg zu finden.

Das Kreischen seiner Beute sickerte ins Wasser.

Der Jäger lächelte, stieß sich vom Boden ab und brach durch die Oberfläche hindurch.

Die Hofdame kreischte noch lauter, halb aus Furcht, halb vor Aufregung. Sie raffte ihr weißes Kleid, das durchnässt an ihrer Haut hing, und stolperte über den Rand des Brunnens hinweg. Sie drehte sich um. Lachend. Mit blitzenden Augen. Ihrem Jäger auf ewig verfallen.

Er wusste, was sie sah: Einen großen Krieger. Einen edlen Herrscher. Mit mit mehr Kraft und Leben als in allen Greisen Númenors zusammen. Er war der geheimnisvolle Fremde aus dem fernen Mittelerde, der Barbarenprinz aus den Wüsten der Wunder. Er war der Jäger.

Sie lachte, begeistert zuerst, und dann schrill, als Fürst Hazael aus Harad seine Jagd von neuem begann.




Faramir tauchte den Schwamm ins Wasser und ließ ihn sich vollsaugen, dann wrang er ihn über der Schüssel aus und berührte vorsichtig Éowyns Stirn, so sanft, dass er sie nicht wecken würde. Ein Teil von ihm wünschte sich trotzdem, ein weiteres Mal ihre Augen zu sehen. Vielleicht um sich zu vergewissern, dass sie noch immer kämpfte. Oder vielleicht einfach … Einfach so. Sie hatte keine schlechten Augen. Alles in allem. Ganz hübsch eigentlich, im großen Gefüge der Dinge betrachtet.

Was hatte sie noch gesagt, damals, als sie beide in den Häusern der Heilung gelegen hatten? Das schlechteste Kompliment, das ihr je untergekommen sei.

Das Fieber, hatte Faramir sich entschuldigt. Er sei in diesem Zustand eine Gefahr für sich und andere.

Er legte den Schwamm wieder in die Schüssel und schob sie unter das Krankenbett. An an dessen anderen Ende schaute einer von Éowyns Füßen hervor. Faramir stand auf, zog behutsam die Decke darüber und ließ sich dann wieder neben dem Kopfende nieder.

Radagast räusperte sich.

Faramir schrak auf und presste den Zeigefinger vor die Lippen. »Was ist es jetzt wieder?«, flüsterte er. »Und bitte keine… Waldgeräusche mehr. Ich bin sicher, meine Frau wird auch ohne die beruhigenden Rufe des Flusskehlchens schlafen können.«

Aber Radagast hatte die Haut des kauzigen alten Waldbewohners schon wieder abgelegt und war nun ganz der Zauber - nicht hilfreicher, nur fordernder. »Éowyn braucht Euch nicht mehr als das Flusskehlchen. Sie wird es Euch verzeihen, wenn Ihr den Verwalter nach Fán fragt. Ob sie hier in diesen Hallen liegt.«

»Sie ist nicht verwundet«, sagte Faramir, lauter und fester als beabsichtigt.

»Aber Fán ist krank«, raunte der Zauberer. »Auf eine Art, die niemand hier verstehen wird. Nur ich kann ihr helfen.«

»Dann fragt nach ihr.«

»Das habe ich soeben getan - aber mir antwortet man nicht. Ihr seid der Einzige, den sie respektieren.« Er ließ sich säuerlich auf seinem Sessel nieder. »Kein Wunder, dass diese Welt untergegangen ist, wenn dem Wort eines Weisen kein Gehör mehr …«

»Schhht«, machte Faramir - aber es war schon zu spät.

Éowyn blinzelte. »Ihr seid immer noch hier«, murmelte sie, halb im Schlaf. »Die Heiler sagten, es ginge Euch längst wieder besser…«

»Ich gehe nach Euch, Herrin«, antwortete Faramir, genau wie damals, vor all diesen Jahren. »Alles andere wäre unhöflich.«

Erst jetzt schien Éowyn aufzuwachen. »Ich hab geträumt«, flüsterte sie. »Von früher. Ich hab wieder gekämpft. Gegen ihn und … Warum grinst du?«

»Deine Augen. Ganz hübsch eigentlich. Muss mir früher noch nie aufgefallen sein.«

»Falls ja, dann warst du wohl nicht kindisch genug, um es jeden einzelnen Tag zu erwähnen. Fünfundreißig Jahre lang.«

Faramir setzte eine unschuldige Miene auf, griff nach dem nassen Schwamm und tupfte sich über die eigene Stirn.

Das Fieber.

Wird und wird nicht besser.





Aearon ertrank in Stille.

Schweigen, damit hatte er leben können. Als die Soldaten Aearon durch den Wald geschleift hatten, getrennt von Faramir und Radagast, hatten sie kein einziges Wort mit ihm gewechselt. Untereinander hatten sie gesprochen, in ihrer fremden Sprache. Manchmal hatten sie ihm boshafte Blicke zugeworfen. Aber Carcaran hatte nicht einmal das getan. Carcaran hatte geschwiegen, selbst als er Aearon die Stufen hinaufgeführt hatte, und das Schweigen dieses Mannes war schärfer gewesen als jedes Schwert.

Er weiß es, hatte Aearon im ersten Moment gedacht, als die stillen, grauen Augen ihn am Strand durchbohrt hatten. Er weiß, dass ich den Pfeil losgelassen habe. Aber natürlich war das Unsinn. Sie hassten ihn, weil er ein Elb war. Und nicht, weil sie vom Pfeil gewusst hätten.

Auf den letzten Stufen, kurz vor der Tür, hatte er es Carcaran schließlich gesagt. Als er gespürt hatte, wie nahe er Fán war, und dass er einfach nur würde hindurchgehen müssen, um sie wiederzusehen - da hatte er sich zu Carcaran umgedreht und gesagt: »Ich habe auf Éowyn geschossen. Ich habe den Pfeil losgelassen. Ich bin ein Mörder.«

Hätte er Westron gesprochen, hätte Carcaran zwar die Worte begriffen, ihn aber dennoch nur fragend angeblickt. Also hatte er die Sprache gewählt, die Carcaran nicht verstand, und einfach nur hasste: Elbisch.

Carcarans Schlag hatte ihn gegen die Wand geworfen. Und als er sich über die blutige Lippe gewischt hatte, war es ihm ein klein wenig besser gegangen. Es hätte von Faramir kommen sollen. Oder Éowyn selbst. Es hätte von jemandem kommen sollen, der verstanden hatte. Der den Pfeil hatte fliegen sehen und über Aearon urteilen würde.

Bevor Fán es tat.

Die Männer Númenors hatten nur Schweigen für ihn übrig gehabt, Fán dagegen die schlimmsten Stille seines Lebens.

Als er neben ihr saß, auf dem zerrissenen Bett, füllte die Stille jeden Winkel des Raumes. Sie war in den zerfetzten Vorhängen und in den Gitterstäben dahinter. Sie war in Fáns Augen und auf Aearons Lippen. Sie war in der Luft, sie sie atmeten. Die Stille war tiefer als der Abgrund von Minas Morgul, das große Nichts, das sie getrennt hatte, bevor der Pfeil geflogen war.

Fán schloss die Augen und ließ die Hände über die Decke wandern, zitterte und zuckte dabei. Schien zu suchen. Zu lauschen, aber Aearon wusste, dass dieser Ort nicht antworten würde. Die Flüsse schwiegen, und die Pflanzen, und sogar die Wolken.

Fán ertrank in Stille, mehr noch als er selbst.

Den Blick noch immer ins Leere gerichtet, fand er ihre Hand und hielt sie fest.

Fáns Atem ging ein wenig ruhiger.

Aber es gab keine Worte mehr. Nachdem Aearon durch Wildnis und Krieg gereist war, vom höchsten Turm zum tiefsten Abgrund, nachdem er alles getan hatte, um Fán zu finden…

War er noch nie so weit von ihr entfernt gewesen.





Vor ihm stolperte die Hofdame um eine Ecke und floh in das Halblicht der Gartengalerie. Im nächsten Moment verließ auch Hazael die Wärme des späten Nachmittags, hinein in die kühlen Schatten am Rande des Innenhofs.

Die Hofdame lief nach rechts weiter, fand jedoch keinen weiteren Durchgang. Schwer atmend drehte sie sich um, schmiegte sich mit dem Rücken an die weiße Mauer, und erwartete ihren Jäger mit leuchtenden Augen.

Yara hatte ihn nie so angesehen. Nicht auf ihrem langen Ritt durch den Dschungel von Kalaban, auf dem prächtigsten Mûmak, den Hazael besessen hatte. Nicht auf ihrer Hochzeit, im Wasserpalast von Umbar. Und bestimmt nicht danach. Könnte sie ihm in diesen Momenten zuschauen, sie würde ihn nie wieder auf irgendeine Art ansehen.

Aber sie war nicht hier. Hazael vertrieb alle Gedanken an sie, während er sich seiner Beute näherte. »Euch muss klar sein«, flüsterte er, und bleckte die weißen Zähne bei seinem strahlendsten Grinsen, »dass Ihr verloren seid.«

Die Hofdame kicherte. Strich sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht. Fuhr mit der Hand  ihr durchnässtes Kleid entlang. Und hatte sich irgendwie verändert. Schien nicht mehr ganz so eroberungswert, nicht mehr ganz so interessant. Was hatte er in ihr gesehen, als er sie entdeckt hatte? Und warum war es verschwunden?

Yara. Weiter musste er nicht nach einer Antwort suchen. Die Hofdame, deren Name ihm längst entfallen war, verblasste im Vergleich zu ihr.

Egal. Er würde nicht mit leerem Magen von der Jagd zurückkehren.

Gerade wollte er seinen letzten Schritt machen, als die Stimme einer alten Frau ihn innehalten ließ. Im Augenwinkel sah er drei Gestalten in blauen Kleidern: ein hageres altes Weib, begleitet von zwei Mädchen im Alter seiner Eroberung. »Zephta«, sagte die Alte scharf. »Da du deine Zeit offenbar nicht zu nutzen weißt, wirst du von nun an in den Häusern der Heilung erwartet werden. Und dafür Sorge tragen, dass es dem Sohn unseres Fürsten an nichts fehlt.«

Hazael musterte die Neuankömmlinge verärgert.

Zephta eilte auf die alte Frau zu und schüttelte den Kopf. »Bitte, ich… Der junge Herr Azrubêl macht mir Angst, so sehr mir seine Gesundheit auch am Herzen liegt, vielleicht gibt es einen anderen Weg, wie ich…«

Die Alte brachte Zephta mit einem einzigen Blick zum Schweigen. Dann wandte sie sich Hazael zu. »Und Ihr, Fürst, wenn Ihr es tatsächlich wagt, Euch so zu nennen, Ihr werdet nie wieder Eure schmutzigen Hände an eine Frau Númenors legen. Es ist schlimm genug, dass man es Euch erlaubt hat, unseren Boden zu betreten.« Sie drohte mit einem Finger, der nur aus Knochen zu bestehen schien. »Der einzige Weg, auf dem Euer Volk von Sandfressern diese Insel erreichen sollte, ist in Käfigen und Ketten. Wie Sklaven. Wilden Tieren ähnlicher als den Menschen des Westens.« Die Mädchen hinter ihr kicherten.

Hazael sah sich schon, wie er sie am Hals packte und ihr das Genick brach, wie er ihr diese vertrocknete Giftzunge herausriss und dem ganzen Palast präsentierte, denn so erging es allen, die es wagten, Fürst Hazael von Harad…

Glockenschläge ließen ihn innehalten.

Die Alte verzerrte ihr faltiges Gesicht zu einem Lächeln. »Die Audienz des Fürsten hat begonnen«, zischte sie. »Den Besuchern meines Herrn wurde eine Bestie aus der Wüste versprochen. Nicht, dass Ihr Eure eigene Vorstellung verpasst?«





Der letzte der Glockenschläge war noch nicht ganz verklungen, als Faramir schon aus dem Raum gestürmt war. So sehr er es hasste, Éowyn zurückzulassen - er durfte sich nicht zur Audienz verspäten. Allein der gute Wille des Fürsten konnte sie retten. Sie und die zwei Elben. Wobei Faramir vorsichtig sein würde, nicht zu viel zu fordern, um den Fürsten ja nicht zu verärgern. Jetzt bereute er es, die Stunde seit seiner Ankunft im Palast nicht dafür genutzt zu haben, sich eine Strategie zu überlegen.

Radagast war ihm gefolgt und verließ hinter ihm die Häuser der Heilung.

»Was soll ich da drinnen sagen?«, fragte Faramir, während sie den Weg zum inneren Palast einschlugen. »Falls dieser Aglarân mich verhört. Ein paar Dinge kann ich erfinden, ein paar Wahrheiten sind vielleicht ungefährlich, aber am Ende…« Faramir schüttelte den Kopf. »Was, wenn ich die Geschichte zerstöre?« Er stutzte. »Oder sie korrigiere.«

Radagast war bereits außer Atem. »Wie?«

»Ihr wisst genau, was ich meine. Angenommen, ich erzähle ihm, dass der König nach Westen aufbrechen wird, verbotenen Boden betritt und diese Insel ins Verderben stürzt - dann wird alles einen anderen Lauf nehmen!«

»Nein.« Radagast lachte trocken. »Ihr versteht nicht.«

»Erleuchtet mich.«

Der Zauberer rang nach Luft. »Númenor ist versunken. Das ist passiert. Und es wird immer passiert sein.«

»Vielleicht können wir es verhindern.«

»Ihr könnt nichts verhindern, das bereits geschehen ist.«

Sie schwiegen, als sie zwei Soldaten passierten, obwohl es unwahrscheinlich war, dass jeder am Hof Westron sprach.

»Es ist noch nicht geschehen!«, sagte Faramir dann. »Wir sind hier, Radagast. In Númenor, vor dem Untergang. Ich könnte jetzt zu Aglarân gehen und ihm alles erklären.« Faramir schwirrte der Kopf. »Und Saurons Täuschungen? Ich könnte den König vor dem Dunklen Herrscher warnen. Ich kann alles verhindern.«

Radagast kam zum Stehen und atmete durch. »Nein«, brachte er heraus. »Könnt Ihr nicht.«

Widerwillig hielt Faramir ebenfalls an. »Warum nicht?«

»Weil es jeden Moment nur ein einziges Mal gibt. Ihr glaubt, es hat diesen Tag auch ohne uns gegeben, nicht wahr? Ihr glaubt, wenn Ihr in Minas Tirith in Euren Schriften suchen würdet, Ihr würdet einen Bericht von Fürst Aglarân finden, über den ereignislosesten Tag seit langem. Denn die Reiter kamen ohne Gefangene vom Strand zurück. Richtig?«

Faramir zögerte.

»Falsch. Es gibt diesen Tag nur mit uns. Unser Gespräch in diesem Augenblick? Hat vor Eurer Geburt stattgefunden. Ihr seid aufgewachsen, ohne zu wissen, dass Ihr eines Tages nach Númenor reisen würdet - aber es stand Euch immer schon bevor. Es ist längst passiert.«

Die Träume. Oh, die Träume.

»Aber ich kann… Ich kann jetzt in diesem Moment eine Entscheidung treffen. Oder?«

»Natürlich. Es ist Eure Gegenwart. Aber es ist die Vergangenheit dieser Welt. Ihr könnt frei entscheiden, was Ihr tut. Aber Eure ach so freie Entscheidung wird zur Vergangenheit beitragen.« Radagast zuckte mit den Schultern. »Es ist möglich, dass Ihr in Eurem Versuch, den Untergang von Númenor zu verhindern, eben diesen auslöst.« Langsam setzte er sich wieder in Bewegung, vermisste dabei sichtlich seinen Stab. »Und wie ist Aglarân damals gestorben? Durch die Große Welle? Oder schon vorher, vielleicht durch Eure Hand, vielleicht steht Ihr in Euren eigenen Geschichtsbüchern. Als Ukallabar oder einfach ein namenloser Mörder…«

Faramir schloss die Augen. Ihm schmerzte der Kopf. »Was soll ich jetzt also tun?«

»Was Ihr für richtig haltet. Wie immer. Versucht zu vergessen, dass Ihr es aus einer gewissen Perspektive betrachtet längst getan habt.«

Sie erreichten den gepflasterten Vorhof des Palastgebäudes.

»Aber macht Euch bewusst, Faramir, dass alles hier wirklich ist. Jeder von uns kann sterben. Isildur kann nichts geschehen, Elendil wird bis zum Letzten Bündnis leben - aber wir? Wir müssen sehr, sehr wachsam sein.«

»Woher… Woher wisst Ihr all das?«

Radagast lächelte erschöpft. »Ich war nicht untätig in den letzten zweitausend Jahren. Die anderen meines Ordens mögen mehr Interesse an euch Menschen gezeigt haben, oder an den Hobbits, aber ich? Ich habe andere Dinge gesehen. Ich war in Lorien, lange nachdem die Elben es verlassen haben. Ich habe gesehen, wie Galadriels Brunnen über seine Grenzen getreten ist. Wie das Gefüge der Zeit sich verändert hat. Und eine Wahrheit ist mir wieder und wieder begegnet: Die Geschichte verabscheut ein Paradox. Sie wird nicht zulassen, dass wir unsere eigene Vergangenheit verändern. Weil wir immer schon ein Teil von ihr waren.«

»Ich bin nicht sicher, ob ich all das verstehe.«

Als sie die Reihen der Wachen betraten, versperrte man ihnen mit zwei gekreuzten Speeren den Weg. Einer der Soldaten sagte etwas auf Adunaisch, »Der Greis hat draußen zu bleiben«, vermutete Faramir.

Radagast benötigte keine Übersetzung. »Ihr müsst nur zwei Dinge verstehen«, rief er Faramir nach, als dieser durch das Tor hindurch in die Schatten trat. »Was passiert ist, ist passiert. Und wer tot ist, ist tot. Es gibt keine zweiten Chancen.«




Die Flügel der großen Tür wurden aufgeschoben und herein marschierten drei dunkelhäutige Männer, gekleidet in Rüstungen aus Bronze und rotem Tuch. Als sie den Teppich heraufkamen, harte Ledersohlen auf königlichem Blau, ging ein Raunen durch die númenorischen Adligen. »Der Gesandte aus Umbar«, hallte es im Saal. »Die Stimme unserer treuen Diener im Land Harad, Fürst Hazael!«

Der alte Mann neben Faramir spuckte einen verächtlichen Laut aus. »… von weit her gekommen, um uns kostbaren Dreck darzubieten«, sagte er und zupfte an seinem langen grauen Haar. »Ein Fürst? Ein Fürst von Sand und Sklaven, und fast noch ein Kind…«

Faramir schob sich an einigen Besuchern vorbei, um besser sehen zu können.

Hazael war jünger als jeder andere Würdenträger, den Fürst Aglarân an diesem Abend empfangen hatte. Hochgewachsen zwar, wie alle Haradrim, aber nicht viel älter als zwanzig. Und damit tatsächlich nur ein Kind, in der Gegenwart von Männern, die verbissen nach ihrem zweihundertsten Jahr griffen. Hazael hatte den Gang der Jugend, nicht den eines Herrschers, und auch nicht den eines Kriegers, wie ihn seine Leibwächter besaßen.

Während diese in gebührendem Abstand niederknieten, verneigte sich Hazael vor der Gestalt im Marmorthron. Weiße Zähne blitzten in seinem dunklen Gesicht auf, gemeinsam mit den Goldflechten im langen Haar. »Mein Gebieter, es ist mir eine Ehre, hier zu Euch sprechen zu dürfen. Auf dem gesegneten Boden von Númenor, in der Gegenwart von so edlen Männern wie Euch und Euren Gästen.«

Hazael sprach Westron, mit dem starken Akzent der Südländer. Das war erbaulich, denn auch Faramirs eigene Audienz würde auf das Adunaische verzichten müssen. Auf eine weniger glückliche Art allerdings erinnerte ihn Hazaels Akzent an die Attentäterin, die Éowyn angegriffen und verwundet hatte, an dem Abend, an dem alles begonnen hatte.

Oder beginnen würde. In dreitausend Jahren.

»Erhebt Euch«, sagte Fürst Aglarân. Der alte Mann war für Faramir kaum mehr als ein dunkler Umriss auf einem bleichen Thron, an drei Seiten von schweren Vorhängen umgeben. Offenbar fürchtete Aglarân sogar das Abendlicht.

»Mein nobler Herr schickt mich«, sagte Hazael. »Imazan, Statthalter von Umbar, sendet Euch seine untertänigsten Grüße.«

»Jah«, krächzte Aglarân, seine ersten Worte in langer Zeit. »Und er sendet Euch, mein fürstlicher Freund, um an seiner Stelle die hässlichen Nachrichten zu überbringen…«

Hazael zögerte einen Moment. »Es ist wahr, mein Fürst, dass die Kolonien gewisse, nun ja, Wachstumsschmerzen erfahren. Vorübergehende Ärgernisse, von denen mein Gebieter hofft, dass ich sie mit meinem Wissen und meinen Einsichten in die Natur meines Volkes… erhellen und beseitigen kann.«

»Dann erhellt uns, Hazael.« Aglarâns Schatten machte eine unwirsche Bewegung. »Wo sind die Tribute, die längst hätten entrichtet werden sollen? Und das Holz, das Euer Gebieter uns und unseren Schiffsbauern versprochen hat?«

Faramir konnte Hazaels Blick aus diesem Winkel nicht erkennen, aber es war nicht zu übersehen, dass der Haradrimfürst seine anfängliche Selbstsicherheit eingebüßt hatte.

»Viele der Stämme und Königreiche meines Landes leisten Euch weiterhin Tribut und Gehorsam. Eure Herrschaftsgebiete entlang der Küste sind weiterhin unangefochten, und Umbar herrscht mit starker Hand über die umliegenden Stämme…«

Hazael schien etwas in Aglarâns Gesicht zu sehen, das ihn verstummen ließ, ehe er eilig fortfuhr: »Ein paar kleinere Stämme haben allerdings begonnen, Widerstand zu leisten. Es ist keine neue Erscheinung und wir halten sie nicht für sonderlich bedrohlich; wir Haradrim sind wild und die Geringeren unter uns sind unzivilisiert, unbeugsam, leider…«

»Wie viele Stämme? Wie viele rebellieren?«

Hazael senkte den Kopf. »Sechs, mein Fürst.«

»Darunter auch Euer eigener.«

Hazael zuckte zusammen, sah jedoch nicht wieder auf. »Ich versichere Euch, dass ich alle Schnüre zu ihnen gekappt habe und unermüdlich daran arbeite, sie wieder in das Licht Númenors zurück zu führen. Jegliche Verbindung zu Mordor und dem Dunklen Herrscher halte ich für mehr als unwahrscheinlich - sie sind sehr stolz, sehr zurückgezogen und eigen… Ich bezweifle, dass sie jemals…«

Er verstummte. Und der Saal ruhte in unheilvollem Schweigen.

Aglarâns Silhouette hatte das knochige Kinn gehoben und schien der Stille zu lauschen.

Auch Faramir horchte angestrengt. Für einen Moment glaubte er, Aglarâns Stimme zu hören, aber im nächsten Atemzug war er überzeugt, es sich nur eingebildet zu haben. Und doch: Irgendetwas geschah hier.

»Númenor«, sagte Aglarân irgendwann, »könnte ganz Harad mit der linken Hand zerquetschten. Aber wie sagtet Ihr doch? Euer Volk ist stolz. Eigenständig. Unbeugsam. Und mir ist danach, das zu respektieren.« Der alte Mann lachte heiser. »Wir haben Euch, Hazael, zum Ersten aller Haradrim gemacht, zum Fürst Eures Volkes. Und ganz gleich, ob die zersplitterten Stämme Euch nun anerkennen oder für einen Verräter halten - Ihr seid, was Ihr seid. Jegliche Maßnahmen im Kampf gegen diese Rebellen… sollten von Eurer Hand ausgeführt werden.«

Hazael stand wie versteinert vor dem Marmorthron und erwachte erst aus seiner Starre, als ein Diener ihm ein Pergament überreichte. Ein zweiter brachte ihm eine schwarze Feder.

»Die Welt muss verrückt geworden sein«, Aglarân lachte krächzend, »wenn ein Haradrim befiehlt… und Númenors Soldaten gehorchen.«

Feder und Papier zitterten in Hazaels Händen.

Aglarân schnaubte ungeduldig. »Ihr könnt doch schreiben, oder?«

Im Saal erklang höfliches Lachen. Die meisten allerdings schienen von der Audienz des Haradrim eher gelangweilt, und allein Aglarâns durchdringendes Schweigen hatten sie wirklich wahrgenommen.

»Ihr seid kein Krieger, Hazael«, sagte der Fürst. »Ich könnte Euch befehlen, mit dem Schwert in der Hand von Zelt zu Zelt zu gehen, von Lehmhütte zu Erdhöhle, um jeden zu töten, der mit den Aufständischen zu tun hat… Oder Ihr könntet Euer Volk von hier aus heilen. Durch Euer Wort allein. Während Ihr für eine Weile die Wunder von Númenor genießt. Und das ist es doch, warum Ihr eigentlich hier seid, nicht wahr? Warum Ihr Imazan angeboten habt, an seiner Stelle zu gehen?«

Hazael nickte langsam.

Er unterschrieb. Der Diener riss ihm Feder und Pergament aus der Hand.

»Bittet also«, krächzte Aglarân. »Was ist es, das Ihr Euch wünscht, vom mächtigsten Fürsten Númenors?«

Hazael senkte den Kopf. »Allein Fuß auf diese Insel zu setzen, diese Luft zu atmen«, er räusperte sich, um seine Stimme nicht zu verlieren, »das allein ist mehr, als ich je…«

»Wünscht«, befahl Aglarân.

Hazael beugte sich noch tiefer. »Mein Fürst, ich… Da ist nichts, das…«

Der greise Fürst sprang auf. »Wünscht!«

Hazael stolperte einen Schritt zurück. Der junge Mann starrte auf seine Hände, an denen die Tinte klebte wie Blut. Er schüttelte hilflos den Kopf. »Ich wünsche… Ich wünsche, zu bleiben. Für so lange, wie Ihr es mir erlauben mögt. In der Hoffnung, dass die Lebenskraft Eures Volkes auf mich übergeht und… Mir auf diese Art noch ein wenig länger bleibt. Bis ich meinen Göttern gegenübertreten muss.«

Stille. Nicht so tief wie die vorangegangene, aber bedrohlicher, und unvorhersehbar.

Bis Aglarân lachte. Und seine Gäste einstimmten. Das böse Lachen alter Männer, die zum Schwert gegriffen hätten, wenn ihr Opfer nur höher über dem schmutzigen Erdboden aufragte.

Fürst Hazael von Harad floh aus dem Saal.

Und Faramir war der nächste.




Er trat bis zum Ende des Teppichs und kniete dort, den Blick auf den matt spiegelnden Boden gerichtet. »Mein Fürst. Ich bin Ukallabar, Kalebs Sohn, aus Pelargir.«

»Erhebt Euch.«

Faramir stand auf und musterte Aglarân zum ersten Mal wirklich.

Der Fürst war ein Mann im gehobenen Alter. Wie alt genau, das ließ sich nicht sagen, weil Aglarân aus einer königsnahen Blutlinie stammen würde, und weitaus älter werden konnte als die Menschen zu Faramirs Zeiten. Der Großteil dieses Lebens lag jedoch hinter ihm, hatte seinen Bart weiß werden lassen, das Haar weit zurückgedrängt und Falten um die Augen gezeichnet. Und diese Augen… Fürst Aglarâns Pupillen waren zwei silberne Scheiben, schimmernde Monde im ausgezehrten Gesicht eines Gespenstes.

Der Fürst machte eine Bewegung mit der linken Hand. Augenblicklich leerte sich der Saal, ohne dass jemand auch nur ein einziges Wort sagte. Faramir und der Fürst blieben allein zurück, vielleicht mit Ausnahme der Wachen am gegenüberliegenden Ende des Saals, aber Faramir wagte es nicht, sich nach ihnen umzudrehen.

»Ukallabar«, sagte der Fürst. »Ich möchte Euch die Herrin Saptheth vorstellen.«

Hinter dem Thron erschien eine schmale Frau in einem blauen Kleid. Erschien war vielleicht das falsche Wort: Saptheth hatte sich nicht bewegt. Es war mehr, als hätte sie sich bemerken lassen. Denn ihr Gesicht war keines, das man übersehen könnte: Mit einem flüchtigen Blick betrachtet, war sie die schönste Frau Mittelerdes. Aber wenn Faramir sie wirklich ansah…

War alles an ihr so kalt wie die Augen des Fürsten.

»Meine Herrin«, sagte Faramir leise und verneigte sich.

»Ihr wart bei Eurer Frau«, sagte Aglarân. »Wie geht es ihr?«

»Sie… Bekämpft die Wunde.« Faramir suchte nach Worten. »Aber da ist eine Krankheit. An der sie schon gelitten hat, ehe sie verwundet wurde, und… Es ist eine Krankheit, die ich nicht verstehe.« Zu großen Teilen entsprach das der Wahrheit.

»Meine Heiler haben das Gleiche festgestellt. Man sagte mir, die Wunde hat bereits begonnen, sich zu schließen. Aber diese Krankheit, diese… Schwärze. Sie ist stärker geworden, seit Eure Frau hier eingetroffen ist. Saptheth«, er wies neben sich, »hat sich ihr Blut angesehen und erzählt mir, die Dunkelheit darin sei nahezu sichtbar.«

Faramir war nicht sicher, was er sagen sollte. Er wusste, es stand schlimm. Aber welchen Zweck hatte es, mit diesem Mann über den Schwarzen Anhauch zu diskutieren, wo die Nazgûl vielleicht noch gar nicht existierten. Was wusste Aglarân schon über die Macht der Ringgeister?

»Blut«, sagte der Fürst und sein Blick glitt ins Leere, »am Ende ist es immer das Blut… Man braucht mich nur anzusehen, um zu wissen, dass ich alt bin, aber mein Blut… Mein Blut hat es schon gewusst, als ich geboren wurde.«

Stille.

»Aber«, sagte er dann und ein kaltes Lächeln huschte über seinen faltigen Mund, »ich habe Tar Palantir überlebt, obwohl unser Blut andere Pläne hatte. Obwohl er ein König ist, und ich nicht. Obwohl er sich…«, wieder dieses Lächeln, »an die Elben klammern wollte. Als ob ein verstaubter Irrglauben ihn hätte retten können. Vielleicht hätte er ihr Elbenblut trinken müssen, hah?« Aglarân faltete die Hände. »Das wäre doch ein Anblick gewesen…«

Faramir fühlte die Kälte, die von diesem Mann ausging. »Tar Palantir ist tot«, entfuhr es ihm.

»Oh, seine Leiche ist inzwischen kalt. Und verrottet im Tal der Toten, am Fuß seines Heiligen Berges… Aber ja, Tar Palantir ist tot, und das bringt uns zu dem Grund, aus dem Ihr hier seid. Ich weiß nicht, welche Nachrichten es nach Mittelerde geschafft haben, aber vielleicht hat Euer Vater Euch vom Unglück der Shakalzagar erzählt, die damals vor Euren Küsten gesunken ist, nicht unweit von Tolfalas, wenn ich nicht irre. Mit dem Schiff ist der Sohn des Königs verloren gegangen, eine heitere Geschichte, nimmt man an, dass die Valar tatsächlich existieren und der Königsfamilie mit einem todbringenden Sturm für ihre Treue gedankt haben, und doch…« Sein Mund wurde dünn. »Glaubt nicht, dass es mich freut, das Blut Númenors in Frage stellen zu müssen. Wir sind die größten Seefahrer unser Zeit und das Missgeschick des Prinzen hat uns allen Schande bereitet. Ihr versteht.«

Nur die Hälfte. Aber das war mehr als genug. Halte dich zurück, ermahnte sich Faramir. Du kannst dir kein falsches Wort erlauben.

»Tar Palantirs Herrschaft war ohnehin voll davon, voll von Schande, meine ich. Voller Schwäche. Ein weicher Mann, Tar Palantir, aber das Zepter gibt auch solchen Männern eine gewisse Macht. Und leider«, Aglarân schüttelte den Kopf, »leider verleiht es diese Macht nach númenorischem Gesetz auch weiblichen Thronerben.« Er hob eine knochige Hand. »Und das ist die Gestalt zukünftigen Unheils, Ukallabar: Tar Miriel, die letzte lebende Nachfahrin des Königs. Und bald die rechtmäßige Königin Númenors - weil das Blut es so will.«

Das Blut wollte es so. Die Geschichte wollte es anders.

»Aber das Blut«, sagte Aglarân, »fließt in wunderlichen Bahnen. Und wie es aussieht, ist es bis nach Mittelerde geflossen.« Er blickte Faramir an, als erwartete er eine Reaktion.

»Mein Fürst?«

»Spielt nicht den Unwissenden. Frau Saptheth? Erklärt es ihm.«

Die kalte Schönheit trat hinter dem Thron hervor. »Euer Gesicht«, sagte sie zu Faramir. »Eure Züge ähneln denen des verstorbenen Königs.«

Faramir hätte fast gelacht. Gerade noch rechtzeitig sah er den eisigen Ernst in den Augen des Fürsten. »Mein Herr, ich… Ich bin aus einer gewöhnlichen Familie, und mein Vater…« Hat nichts besseres an mir gefunden als das Blut Númenors. Wenigstens das, dachte er. Wenigstens das.

»Oh, Euer Vater wird ein königlicher Bastard gewesen sein, oder vielleicht Euer Großvater. Auf welchem Weg auch Númenors Blut nach Mittelerde gefunden hat, nichts davon macht mich glücklich, das solltet Ihr wissen. Aber Ihr habt dieses Gesicht und das gedenke ich zu nutzen.«

»Also… Soll ich den Thron von Númenor besteigen?« Er zwang ein Lachen hinzu, um den Scherz deutlich zu machen.

»Nein«, fauchte Aglarân. »Nein, sollt Ihr nicht. Habt Ihr nicht zugehört? Ihr seid niedriger als ein númenorischer Viehhirte, ihr habt nicht einmal ein Recht auf dieser Insel zu sein, aber…« Er beruhigte sich wieder. »Aber Ihr habt dieses Gesicht. Miriel kommt eher nach ihrer Mutter, man wird Euch nicht an ihr messen. Nur an dem zerfallenen Greis, den sie inzwischen vergraben haben. Und an der verblichenen Erinnerung an einen jungen Prinzen, der vor Jahrzehnten aufgebrochen ist. Nicht wahr?« Die Frage schien an Saptheth gerichtet.

Die Frau nickte. »Sogar Silber sieht wie Mithril aus, wenn man kein echtes Mithril daneben hält. Und nicht zu viel Licht darauf fallen lässt.«

Faramir hielt den Atem an. Mithril, ein elbisches Wort. Wie hatte Saptheth so einen Fehler machen können?

Aglarân starrte missmutig auf seine knochigen Hände, aber dann machte er eine wegscheuchende Bewegung. »Von mir aus, ja. Da habt Ihr‘s, Ukallabar. Seht Ihr nun, worum es hier geht?«

»Ich… Bin nicht sicher, mein Fürst.«

»Ja, Ihr scheint mir etwas schwer von Begriff - vielleicht fließt das Blut des toten Tattergreises noch dicker in Euren Adern als angenommen.« Er hustete. »Schaut, worum…« Er hustete wieder. Fluchte. »Worum es hier geht, ist die Lüge vom Blut. Das Blut soll bestimmen, wer das Zepter von Númenor hält? Das Blut soll bestimmen, wie lange ich leben darf? Das Blut soll bestimmen, wer wir sind und wer wir nicht sind?« Er schüttelte heftig den Kopf. »Ich lehne diese Frechheiten ab.«

Faramir versuchte, zu folgen. Aglarân wollte abstreiten, dass es königliches Blut zum Herrschen brauchte - bestand aber andererseits darauf, dass das Blut Númenors jedem anderen überlegen war. Ein Widerspruch, geboren aus Wut und Altersschwachsinn - aber Faramir dachte nicht daran, es zu erwähnen. Stattdessen spielte er die Rolle des Dieners. Er nickte und schwieg.

»Es gibt einen Mann, der unser Volk zu neuer Stärke führen könnte. Er war in Mittelerde, also erzählt mir nicht, dass Ihr nie von ihm gehört habt. Ar Pharazon. Der größte Seefahrer, der größte Feldherr dieses Zeitalters. Er ist nach Númenor zurückgekehrt, in den letzten Tagen des alten Greises. Und er ist hier, um uns unsere Kraft zurückzugeben.«

Aber er ist kein König. Genau so wenig, wie mein Vater einer war. »Mein Fürst. Welche Rolle spiele ich in all dem?«

»Wartet es gefälligst ab. Glaubt Ihr, Ihr hört das wirre Sinnieren eines Greises?« Aglarân hustete. »Ar Pharazon muss herrschen, aber er ist nur der Neffe des Königs. Damit steht Miriel vor ihm. Aber vor Miriel… steht Ihr. Ich werde Euch dem Volk als den verlorenen Prinzen präsentieren, totgeglaubt, doch in der Stunde der Not zurückgekehrt.« Er wies mit einer beiläufigen Bewegung auf Saptheth. »Silber und Wahrsilber, sagte sie. Wer würde widersprechen, wenn ein Zwerg auf die Echtheit schwört? Mein Ansehen, Euer Gesicht… Das Volk wird die Lüge glauben.«

»Aber wie helfe ich damit Ar Pharazon auf den Thron?« Bei den Säulen, was rede ich hier?

»Ich versuche Euch begreiflich zu machen, wie stark Euer Anspruch wirken wird.« Aglarân hob einen Finger. »Ihr seid älter.« Ein zweiter Finger. »Ihr seid der männliche Erbe.« Ein dritter Finger. »Ihr habt das Gesicht des Königs.« Ein vierter Finger. »Und Ihr habt den Fürsten Aglarân hinter Euch. Seid Ihr echtes Mithril? Nein. Ihr seid nicht einmal Kupfer. Aber bei all diesen Beweisen, warum sollte Euch jemand von nahem betrachten?«

Faramir schwieg. Der Gedanke schien absurd, aber das Letzte, was man ihm erklärt hatte, waren Zeitreisen und eine Geschichte, die sich selbst korrigierte. Nun sollte er also den Thronerben Númenors spielen. Nur zu welchem Zweck?

»Miriel wird Angst bekommen. Sie kennt Euch nicht, wurde lange nach ihrem Bruder geboren - aber sie kennt mich. Und Ihr werdet dem Volk all die Wahrheiten erzählen, die das Volk hören will, und die Miriel verneint. Ihr werdet Euch gegen die Elben aussprechen, ihr werdet Eroberungen in Mittelerde ankündigen. Ihr werdet die Unterstützung des Volkes besitzen. Miriel dagegen wird mit ihren Ansichten noch einsamer dastehen als ihr Vater, und noch dazu als zweites Kind. Sie wird Euch ansehen, diesen schrecklichen Mann, der alle Elben verbrennen will… Und sie wird einen Weg suchen, das Volk wieder für sich zu gewinnen, obwohl sie nicht mehr die rechtmäßige Königin wäre. Sie wird etwas suchen, das sie dem Volk anbieten kann, etwas, das Euch aussticht. Ein kleineres Übel, aus ihrer Perspektive, das sie in Kauf nehmen wird, damit Ihr auf keinen Fall das Zepter bekommt.«

Faramir stieß einen erschrockenen Laut aus. »Ar Pharazon. Sie wird ihn heiraten und zum König machen.« Und die Geschichte wird ihren Lauf nehmen. Was passiert ist, ist passiert.

Fürst Aglarân faltete die Hände. »Hier ist mein Angebot: Ihr spielt Eure Rolle. Einige Wochen werden genügen. In dieser Zeit werden meine Gelehrten das Wissen und die Künste von Númenor aufbieten, um Eure Frau zu heilen. Ich verspreche Euch, wir können Dinge vollbringen, die völlig jenseits der primitiven Bemühungen Mittelerdes liegen.« Er machte eine Pause. »Miriel wird Ar Pharazon heiraten und Pharazon wird König, mit mir als seinem mächtigsten Fürsten. Als der solche gebe ich Euch und Eurer Frau ein Schiff, oder von mir aus auch drei, und ihr könnt gehen, wohin Ihr wollt. Das Wissen, dass Ihr noch immer da draußen und am Leben seid, wird Miriel an Pharazon binden. Während Ihr in einem Haus an den Küsten Mittelerdes glücklich bis ans Ende Eurer Tage lebt.«

Stille.

»Nun?« Aglarân wusste, er hatte gewonnen. »Was sagt Ihr?«

Faramir fühlte sich überwältigt. Die Dinge wiederholten sich: Wie lange war es her, dass er auf das Angebot des Hexenkönigs eingegangen war, um nach Minas Morgul zu gelangen und Éowyn zu retten? Und wohin hatte es sie geführt?

Andererseits: Welche Wahl blieb ihm schon? Die einzige Hoffnung auf Heilung, fernab von Númenor, wären die Elben. Und bis sie in Lindon ankamen, war es vielleicht zu spät. Éowyn brauchte die Hilfe des Fürsten. Dazu kam, dass Aglarân gewiss nicht vorhatte, einen Mann mit dem Gesicht der Königsfamilie freizulassen, ehe der Thron nicht gesichert war. Faramir war ein Gefangener, auch wenn niemand es laut ausgesprochen hatte. Wenn er ablehnte, verlor er alles - wenn er dagegen einwilligte, konnte er vielleicht sogar die Freilassung der beiden Elben erwirken.

War es richtig, Miriel in eine solche Situation zu drängen? Natürlich nicht. Aber diese Ehe stand ihr nun einmal bevor: Die Geschichte war in Stein gemeißelt, und das bedeutete, wenn Faramir nicht mitspielte, würde Pharazon einen anderen Weg finden. Denn was passiert war, würde wieder passieren.

Die Dunkelheit ließ sich nicht abwenden. Nicht für Númenor.

Aber vielleicht für Éowyn und ihn.

»Ich tue es«, sagte er und Augenblicke später ging er den blauen Teppich entlang, mit Schwindelgefühlen im Kopf, und der Herrin Saptheth an seiner Seite.

Das ist Wahnsinn, dachte er. Was tue ich hier?

Als sie an der Tür ankamen, waren die Soldaten fort. Ohne jegliche Mühe drückte die zierliche Saptheth beide Türflügel auf und ließ Faramir hindurchtreten.

Er wollte sich schon mit einer Verbeugung verabschieden, als ein anderer Gedanke ihn überfiel und ihm fast den Atem raubte. »Einen… Einen Augenblick, noch.«

Saptheth stand lächelnd auf der anderen Seite der Schwelle.

»Niemand wusste, dass ich kommen würde. Niemand wusste, dass jemand kommen würde, der Ähnlichkeiten mit dem König hat, und… Ich war kaum im Palast angekommen, als Aglarân bereits…« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Soll ich das wirklich glauben? Soll ich wirklich glauben, dass Aglarân in weniger als einer Stunde einen Plan erfinden kann, um den Thron von Númenor zu ergreifen?«

Die fremde Schönheit hob die Arme, um die beiden Türflügel zu schließen. Dabei rutschten die langen Stofftücher an den Ärmeln herunter und entblößten zwei Hände, denen jeweils der Ringfinger fehlte.

»Er glaubt es«, hauchte sie.

Und ließ die Tür vor Faramirs Augen zufallen.




Fortsetzung folgt ...







A/N: Hm… Ja. Es hat mich etwas geärgert, „Westernis“ teilen zu müssen, weil das Kapitel natürlich nur ein Ende hat, und zwar das hier. Ich hatte die Sorge, dass es nach Teil 1 so wirken könnte, als würde die Zeitreise keinem wirklichen Zweck dienen. Und auch jetzt könnten einige Szenen noch seltsam unwichtig wirken, aber… In Aglarâns Palast werden (bzw. wurden damals) viele Entscheidungen getroffen, die für große Teile von Istaris „Gegenwartshandlung“ verantwortlich sind. Wir sind nicht zum Spaß hier, sondern geschäftlich. ;-)
Das nächste Kapitel ist eine Sant-Geschichte. Keine große Überraschung, wir nehmen weiter die Fäden auf, die seit dem Ende von Istari 1 auf dem Boden liegen und bauen die Brücke zur „Gegenwart“ von Istari 2.
Also denn, vielen Dank fürs Lesen! :-)
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