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von phazonshark    erstellt: 12.06.2009    letztes Update: 21.01.2012    Geschichte, Mystery / P16    (in Arbeit)
Disclaimer
=> Diese Geschichte ist in J.R.R. Tolkiens Welt Arda angesiedelt und verwendet Charaktere, Ereignisse und Orte aus Tolkiens Büchern. Die Rechte an diesen bleiben somit bei ihm bzw. seinen Erben. Geld will ich hiermit selbstverständlich nicht verdienen.

Fanfiction General Award 2010
Istari 2 wurde unter den WIP-Geschichten nominiert für "Beste erfundene Charaktere", "Beste Action", Bester Erzählstil" und "Beste Fanfiction". Einmal mehr vielen Dank an alle, die abgestimmt haben!

Trailer zur Trilogie

Das Gift der grünen Unsterblichen (Istari 1)
=> Ich bilde mir ein, dass Istari 2 irgendwo eine eigene Geschichte ist, dass die besseren seiner Kapitel für sich selbst sprechen und dass meine "Was bisher geschah"-Texte die jeweils wichtigsten Hintergründe aufzeigen, aber... Machen wir uns nichts vor, man wird hier ohne Kenntnis des Vorgängers nicht durchsteigen. Ich könnte die allergröbste Handlung von Istari 1 vielleicht in ein paar tausend Wörtern umreißen, aber dann würdet ihr denken, "Was zur Hölle!?", und irritiert das Weite suchen. Also: Ihr braucht hierfür den Vorgänger nicht auswendig zu kennen, aber ihr solltet ihn gelesen haben und zumindest grob erinnern. Den Rest erledigen die Rückblicke, denke ich.



Was bisher geschah …

Legolas und ein Junge stehen sich auf einem Segelfloß gegenüber. »Die Botschaft!«, brüllt der Junge den Elben an und hält den Zettel in seiner blutigen Hand. »Minas Tirith steht in Flammen! Hunderte sind tot! Ganze Stadtviertel liegen in Trümmern! Rohan und Gondor stehen seit drei Tagen im offenen Krieg miteinander!«

Ein anderer Ort, eine andere Zeit. Ein dunkles Meer von Elben umfließt das Grab des toten Königs Thranduil. Es regnet und im Himmel wütet ein Gewitter. Prinz Legolas spricht zu den Trauernden: »Die Nazgûl sind zurückgekehrt«, sagt er, »als Schemen, als beherrschende Schatten, und sie bemächtigen sich der Kinder der Menschen, um die lange Nacht über diese verlorene Welt zu bringen. Wir haben jetzt die Wahl.« Seine Stimme wird lauter. »Wir haben die Wahl, ob wir hier verweilen und auf den Untergang Mittelerdes warten.« Seine Augen leuchten auf. »Oder wir können noch ein letztes Mal nach Süden ziehen. Und ein Zeichen setzen, ehe das Ende kommt.«

Gelíefed sinkt auf die Knie. »Ich bin euer Gefangener, Cathal. Foltert mich. Liefert mich an Rohan aus, damit sie die Wahrheit aus mir herauspressen. Jagt mein Volk, spürt uns auf, tötet uns. Weil es das ist, was passieren muss.« In seinen Augen sammeln sich Tränen. »Weil das der Krieg ist, den ihr braucht und den wir verdient haben.«

Cathal steht inmitten der Leichen. »Tut, was er gesagt hat«, befiehlt er mit zitternder Stimme. »Nehmt Gelíefed gefangen. Macht euch auf die Suche nach den Städten der Hasharin. Stellt ein Heer gegen Mordor auf. Schickt Boten nach Rohan. Sagt Ihnen, wir können beweisen, wer für Edoras und all das hier verantwortlich ist. Sagt ihnen auch, dass wir gegen Harad marschieren und wir jedem Verbündeten Teile des eroberten Landes anbieten.«

Die Namenlose schließt die Augen. »Denn wenn wir nicht zusammen leben können, werden wir allein sterben.«  – Aragorn holt mit dem Schwert aus. »Sterben müssen wir alle allein«, sagt er und schlägt ihr den Kopf ab.









19. Oktober 34 V. Z.
Ein Jahr später







Ein Blitz verbrannte die Wolken.

Pallando schloss die Augen, um sich nicht im Weiß zu verlieren. Seine Hände klammerten sich an den Eisenring, der im Nacken der Flügelechse steckte und dort mit ihrem Fleisch verwachsen war. Er biss die Zähne zusammen.

Das Donnern kam noch lauter als befürchtet. Wütend und grollend zerfetzte es den Abendhimmel. Die Echse verfiel in Panik, wand sich kreischend im Regen. Einen Moment lang setzten die Flügelschläge aus.

Nicht loslassen, war Pallandos einziger Gedanke. Er wusste nicht, wo er war. Irgendwo über Gondor. Verloren im Sturm.

Die Echse brach durch eine Wolkenwand. Dann durch eine weitere. Es ging abwärts. Dem Boden entgegen. Mit rauschender Geschwindigkeit. Wieder flammte ein Blitz auf.

Schrecklich nah.

Näher.

Hier.

Pallando schrie. Er nahm die Hand vom Ring. Riss seinen Zauberstab vom Rücken. Stieß ihn in die Luft und …

Ein Strom tödlicher Energie wurde genau über seinem Kopf zerspalten. Der Strahl fächerte sich auf in kleinere Blitze und Funken, die sternförmig in die Schwärze entflohen. Einige wenige durchlöcherten die Schuppenhaut der Echse, andere versengten Pallandos blaues Gewand.

Er keuchte. Hastig schob er den Zauberstab durch den Griffring hindurch und klemmte ihn fest. Er spürte, wie die Kraft ihn verließ. Bald würden er und sein Reittier den Kampf gegen die Naturgewalten verlieren.

Vor ihm teilten sich die Regenwolken und eine riesige Stadt erschien. Verschwommen und neblig zuerst, als läge sie unter der Oberfläche eines Meeres. Doch je näher sie kam, desto schärfer wurden die Umrisse tausender Häuser und hunderter Straßen. Anfangs nur ein Flimmern, waren bald auch Menschen zu erkennen: Kauernd auf den Dächern, kämpfend in den Höfen, leblos im Wasser.

Pallando bereitete sich auf eine Welle von Leid vor. Einen Sturm aus Furcht. Die Summe aller Ängste.

Doch stattdessen spürte er etwas anderes: den Hunger seines Reittieres. Nach all dem verrotteten Fleisch, das es in Minas Morgul bekommen hatte, gierte es nach Menschen. Je weiter es sich vom Sturm im Himmel entfernte und je näher es jenem am Boden kam, desto kräftiger und wilder wurden die Schläge seiner federlosen Flügel. Es kreischte. Und es stank plötzlich nach Mord und Tod.

Pallando scholt sich für seine eigene Dummheit. Warum hatte er das nicht vorausgesehen? Jetzt musste er die Konsequenzen seiner Unachtsamkeit tragen. Er löste seinen Stab wieder aus dem Ring, hielt ihn in die Luft und ließ das gebundene Jishin erwachen. Dann bohrte er den Stab ins Genick der Echse.

Der Schrei übertraf alle bisherigen. Der gewaltige graue Leib krümmte sich und ließ den langen Hals nach hinten zucken, direkt auf den Zauberer zu.

Pallando duckte sich. Dann schnellte er am umgeknickten Hals vorbei wieder hoch. Er riss den Stab heraus. Sammelte seine Kraft. Schloss die Augen. Öffnete sie. Und sprang.

Die sterbende Echse fiel schneller als er. Ihr verrenkter Leib überschlug sich. Gelenke spannten sich so weit, dass die Häute zwischen den Flügelknochen zerrissen. Während die Kreatur kleiner wurde, gewann der Stadtteppich hinter ihr an Größe. Mit einem satten Knall brach sie durch eines der größeren Häuser. Rauch peitschte auf, dem Zauberer entgegen.

Ich bin zu schnell!, fluchte Pallando.

Noch fünfhundert Fuß.

Seine Hände krallten sich um den Stab.

Vierhundert Fuß.

Mittels Magie konnte er seinen Sturz ein wenig bremsen. Lenken. Verhindern, dass er sich drehte.

Dreihundert Fuß.

Aber er war zu früh abgesprungen. Viel zu früh.

Zweihundert.

Ein Fluss. Dort unten war Wasser! Wenn er seine Richtung noch ein wenig korrigieren konnte, nur ein wenig …

Hundert.

Er würde treffen. Aber war der Fluss tief genug? Was waren das das für Schatten im Wasser? Leichen?

Fünfzig.

Er drückte den Rücken durch. Spannte die Schenkel an.

Zehn.

Pumpte die Lungen voller Luft.

Aufprall.

Mit dem Stab zerteilte Pallando die Oberfläche. Er glitt hinein. Wasser peitschte ihm mit aller Härte entgegen. Umfing ihn. Gemeinsam mit dem Rauschen und dem Schmerz. Es wurde Nacht. Oben und unten verloren an Bedeutung.

Einen Moment lang war alles fort.

Dann fing er sich wieder. Er fand das Licht und schwamm ihm entgegen. Heftig tretend und ohne den Stab loszulassen. Die Luft wurde knapp. Er musste ausgeatmet haben. Seine Kraft ließ nach. Er wurde müde.

Um ihn herum trieben Leichen. Die Körper waren aufgedunsen und blutiger Nebel strömte aus etlichen Wunden. Obwohl Farbe und Gestalt des Blutes ganz gewöhnlich waren, sah Pallando noch etwas anderes darin. Etwas Dunkles. Etwas, das einen Körper nicht am Leben erhielt, sondern es ihm aussaugte.

Der Zauberer rang die Übelkeit nieder, strebte verzweifelt nach der glitzernden Oberfläche. Dann endlich brach er durch. Nach Luft ringend strampelte er im Wasser, suchte sich seinen Weg zum Ufer, vorbei an weiteren Leichen. Erst als seine Füße wieder Land berührten, zum ersten Mal seit Stunden, atmete er tief durch.

Um ihn herum ragten die jungen Häuser der Außenstadt auf. Die Zeit hatte noch nicht an ihnen genagt, der Krieg jedoch umso mehr. Dächer waren eingefallen, Fenster zerschlagen. Risse zogen sich von einem Haus zum nächsten. Manche Bauten hielten sich noch immer aufrecht; andere waren vor Jahren so schnell hochgezogen worden, dass sie in dieser neuen Art von Sturm keine paar Stunden überlebt hatten. Eines der größeren Gebäude musste sich das letzte Jahr hindurch wacker geschlagen haben, doch im kunstvoll gefertigten Dach klaffte nun ein riesiges Loch - an den Rändern die tropfenden Gedärme einer Flügelechse.

Pallando bereute es fast, hergekommen zu sein. Minas Tirith war in weit schlimmerem Zustand, als er erwartet hatte. Und so wie die Stadt äußerlich aussah, würde es innerlich in jedem Menschen aussehen. Was war nur geschehen? Vor 13 Monaten war er das letzte Mal hier gewesen - kurz nach dem Angriff der Rohirrim. Damals hatte es schlimm ausgesehen, aber er war fest davon ausgegangen, dass die Weiße Stadt sich erholen würde.

Statt der Heilung war der Sturm gekommen.

Langsam stand Pallando auf und ließ das Flussufer zurück. Auf seinen Stab gestützt schleppte er sich zur nahegelegenen Straße. Er war noch immer etwas befangen vom Sturz und dessen Ende, aber mit jedem Schritt gewann er wieder an Kraft und Wahrnehmung.

Ich muss einen Soldaten finden, dachte er, als er die nächste Straßenecke erreicht hatte. Ich muss herausbekommen, wer den Befehl über Minas Tirith hat. Wenn es so jemanden noch gibt.

Er schloss die Augen und griff mit allen anderen Sinnen hinaus. Geräusche, Stimmen, Gerüche, Gefühle ... Auch wenn es unangenehm werden würde, vom Sturm zu kosten, blieb ihm kaum eine andere Wahl.

»Stoßt zu den Truppen bei der Ostpassage!«, brüllte jemand. Ganz in der Nähe starben zwei Kinder. »Wir schaffen es nie«, rief eine Frauenstimme, »bis zum Wall ist es noch eine ganze Meile!« Eine Leiche wurde ins Wasser geworfen. Jemand sang. Ein anderer grub ein Loch. »Cathal ist irgendwo da draußen«, kam es aus Richtung des Stadtkerns. »Schickt sämtliche Überlebenden auf die Suche!« Ein Hund fiel über eine lachende Frau her. Blut tropfte ins Wasser. Blauer Stoff verbrannte zu grauschwarzer Asche. Tränen verloren sich im Wind.

Pallando sank auf die Knie. Er atmete schwer.

Der junge Cathal war also noch immer am Leben. Und offenbar Kommandant der Armee. Das bedeutet einerseits, dass Cathal nicht ganz so unfähig war, wie er vor einem Jahr auf Pallando gewirkt hatte. Andererseits hieß es aber auch, dass aus den Reihen der Gondorianer kein stärkerer und schlauerer Feldherr aufgetaucht war. Und auf den hatte Pallando gezählt.

Als er aus seinen Gedanken aufwachte, sah er, dass am anderen Ende der Straße ein Dutzend Gestalten erschienen waren. Einige von ihnen trugen die Reste gondorianischer Rüstungen, andere dagegen nur ein paar Fetzen. Sie kamen näher, schlendernd zuerst, dann verfielen sie in wildes Rennen.

Unwillkürlich wich Pallando zurück, die Augen nicht von den Neuankömmlingen ablassend. Er sah Dunkelheit. Verzerrtes Leben. In jedem Augenpaar stand nichts als Leere. Er richtete seinen Stab auf die anstürmenden Gondorianer und sammelte seine Kräfte.

Eine zierliche Frau erreichte ihn zuerst. Ein Messer blitzte in ihren weißen Händen auf und schnellte auf den Zauberer zu.

Pallando keuchte vor Überraschung. Er packte die Frau am Handgelenk, drehte das Messer aus ihrem Griff heraus und stieß sie beiseite.

Zwei Männer brüllten. Sie schlängelten sich geschickt an der taumelnden Frau vorbei und wollten sich auf Pallando werfen, die Fäuste erhoben.

Blitzschnell wich der Zauberer zurück, um dann einem der Angreifer den Stab gegen die Schläfe zu rammen. Dem zweiten schlug er mit der freien Faust ins Gesicht und warf ihn mit einem Schulterstoß zu Boden.

Ein großer Mann in Rüstungen holte mit dem Schwert aus, ging dann in eine Schwungbewegung über.

Pallando tauchte unter der Klinge hinweg. Er stach mit dem Stab nach vorne, entfesselte gleichzeitig einen Luftstoß.

Der schreiende Soldat wurde gegen die nachrückenden Angreifer geworfen und brachte mehrere von ihnen zu Fall. An ihre Stelle rückten weitere. Inzwischen war die gesamte Straße von Feinden gesäumt. Sie zwängten sich aus Gassen und kletterten von Dächern herab.

Das hier war kein Hinterhalt. Dazu war keine Zeit gewesen und dazu war auch Pallandos Weg durch die Stadt zu unvorhersehbar. Nein, jeder dieser Menschen schien genau gewusst zu haben, wo der Zauberer sich befand. Als hätte sein Aufprall im Fluss riesige Wellen durch ganz Minas Tirith getrieben.  Als wäre er nicht in einen Sturm gefallen sondern in einen spiegelglatten Ozean.

Er vertrieb die Unsicherheit und kämpfte sich weiter vor.

Ein alter Mann schoss heran wie ein Wirbelwind und bewegte sein Schwert derart schnell, dass es kaum zu sehen war.

Pallando parierte sämtliche Angriffe, nutzte die Pausen dabei, um die übrigen Gegner davon abzuhalten, hinter ihn zu kommen. Immer wieder schlug er den Stab senkrecht auf den Boden und schickte Wellen durch die Luft. Noch konnte er sich behaupten. Aber würden seine Kräfte  noch lange reichen? Nicht, wenn er sich weiterhin zu allen Seiten verteidigen musste.

Er ging zum Angriff über. Mit einem gewichtigen Schwung des Zauberstabs schlug er eine freie Passage hin zum nächsten Haus. Er jagte über Leichen und bewusstlose Gondorianer hinweg, durchbrach dann die halb zersplitterte Tür.

Seine Feinde folgten auf dem Fuß. Ein Mann in Soldatenrüstung trat als erster über die Schwelle und führte einen gezielten Stich in Richtung von Pallandos Bauch aus.

Der Zauberer wich zur Seite, prallte dabei gegen die Wand. Den Schmerz ignorierend schlug er von oben auf das ausgestreckte Schwert und entwaffnete den Mann. Anschließend schmetterte er ihm die Spitze seines Stabes mitten ins Gesicht.

Während der Mann fiel, erklang von draußen ein vertrautes Geräusch: Zischend surrten Dutzende Pfeile auf die gefüllte Straße herab und bohrten sich mit einem saftigen Trommelgeräusch in die ungeschützten Körper der Gondorianer. Mehr konnte Pallando nicht sehen, denn nun sprang ein besonders großer Mann in die Tür und attackierte den Zauberer mit einer Art Keule.

Pallando schlug die schwere Waffe aus ihrer Bahn, verpasste dem Mann einen Haken gegen das Kinn und wirbelte dann herum, um tiefer ins Innere des Hauses zu flüchten.

Direkt hinter ihm stand eine alte Frau. Die Augen weit aufgerissen hielt sie zwei Messer in die Luft, an ihnen Schmutz und getrocknetes Blut. Sie schlug los.

Pallando wollte unter dem Angriff hinwegtauchen, aber er es gelang ihm nur halb. Ein stechender Schmerz fuhr in seinen rechten Arm, so stark, dass er den Stab fallen ließ. Er kam wieder hoch, sah einen weiteren Hieb kommen und dann …

Dann löste sich der Kopf der Frau von den Schultern, prallte gegen ein nahes Regal und kam auf dem Boden auf. Der enthauptete Leib sank in sich zusammen. Dahinter stand ein Mann in silbergrauer, blutbespritzter Rüstung. Hauptmann Cathal.

Pallando ließ den Stab wieder in seine Hand schnellen. Er drehte sich um und sah zur Tür.

Der gesamte einsichtige Teil der Straße war voller Leichen. Über ihnen standen gondorianische Soldaten, erschöpft und schmutzig, aber ihrem Blick und ihrer Haltung nach bei klarem Bewusstsein. Und damit auf der Seite der Guten.

Er wandte sich wieder Cathal zu.

»Willkommen in Minas Tirith«, sagte Gondors junger Hauptmann mit einem traurigen Lächeln. »Und dabei heißt es, ein Zauberer käme nie zu spät.«




Istari 2
Die Stadt der himmelblauen Schatten




2.01
Ernte den Sturm, Teil 1





Der Anblick Pallandos ließ in Cathal eine seltsame Mischung aus Wut und Hoffnung aufkommen. Der Zauberer war erschöpft, gebeugt, blutverschmiert ... Aber er war hier. Nach all den düsteren Monaten hatte Pallando sein Versprechen endlich eingelöst und war zurückgekehrt. Spät leider. Viel zu spät.

»Wie lange ist es her, dass Ihr uns Hilfe versprochen habt?«, fragte er. »Das hier begann vor über einem Jahr!«

Der Zauberer seufzte und trat nach draußen auf die Straße. »Ich habe größere Sorgen als eine einzige Stadt«, sagte er atemlos.

»Gandalf hatte sie nicht.«

Pallando schnaubte. »Erzähl mir nichts von Gandalf! Dein Volk, Cathal, hat das gesamte letzte Zeitalter damit verbracht, auf irgendwelche Könige oder Zauberer zu warten, die ihnen in ihrem ach so grässlichen Schicksal beistehen. Anstatt selbst etwas zu tun. Selbst etwas zu unternehmen.«

Das traf. Etwas in Cathal verkrampfte sich und vertrieb die Freude über den Sieg und die Rückkehr des Zauberers. Er kehrte zu seinen Männern zurück und nickte ihnen anerkennend zu, wusste jedoch nicht, wie er mit dem Zauberer umzugehen hatte.

»Ich möchte sie sehen«, erklärte Pallando schließlich.

Natürlich, ja. Etwas in der Art hatte Cathal erwartet. »Gut«, brummte er nur und gab den Soldaten das Zeichen, den Weg in Richtung Altstadt zu sichern.

Ein paar von ihnen trugen Verwundete auf improvisierten Tragen, alle anderen schwärmten nach vorne und nach hinten aus. Die Sonne war in den letzten Minuten untergegangen und das Silber der Rüstungen war zu einem matten Grau geworden.

»Rohan ist fort«, sagte Pallando. »Der Krieg gegen die Haradrim und Rohan tobt etliche Meilen entfernt von hier. Gegen wen kämpft Ihr? Ist das eine Art Aufstand?«

Cathal schüttelte enttäuscht den Kopf. Wie wollte der Zauberer ihnen helfen, wenn er nicht einmal wusste, womit sie es zu tun hatten? »Das hier ist mehr als ein Aufstand«, sagte er. »Es ist eine Krankheit. Der Schwarze Atem.«

Der Zauberer nickte verstehend. »Nazgûl. Diese Menschen waren von den Nazgûl befallen, richtig?«

Sie bogen um eine Straßenecke.

»Einer«, entgegnete Cathal. »Es ist ein einziger Ringgeist. Wir hören ihn im Traum und wir sehen in in den Augen jedes einzelnen Kranken. Und wir können ihn nicht aufhalten.«

Die nächste halbe Stunde lang fasste Cathal die Ereignisse des letzten Jahres in aller Kürze zusammen. Nach dem Angriff der Rohirrim im Oktober 33 und dem letzten Besuch des Zauberers hatten sie sich an die Reparatur der Stadt gemacht. Zur Jahreswende hin hatten sie die Bewohner zerstörter Stadtteile erfolgreich umgesiedelt und die wichtigsten Gebäude - Wassertürme, Kornspeicher, Kasernen und ähnliche - weitgehend wieder aufgebaut.

Im letzten Sommer jedoch war das Wetter mit jedem Tag sonderbarer geworden. Die großen Gewitterwolken über der Stadt lösten sich seit Ende August nicht mehr auf, stattdessen entleerten sie sich ein oder zweimal am Tag in kurzen, giftigen Regenfällen. Blitze hatten inzwischen die höchsten Gebäude von Alt- und Neustadt weitgehend zerstört; vor zwei Wochen hatte es auch das Dach der Zitadelle getroffen.

Und mit dem Sturm war die Krankheit gekommen.

Cathal konnte dem Zauberer nicht erklären, was der Schwarze Atem genau war. Alles, was er wusste, war: Sobald die Krankheit einen Menschen befiel, hörte er auf, eigenständig zu denken. Er wurde dann zu einem Sprachrohr und zu einer Hand des Ringgeistes. Von seinem Bruder Ithal hatte Cathal damals erfahren, dass die Krankheit durch die Morgulklingen der Hasharin unter die Menschen gebracht wurde. In Rohan wütete sie schon seit über einem Jahr. Auch wenn das Morgulgift der Auslöser war, wusste niemand, wie sie sich inzwischen verbreitete. Man nannte sie den ‚Schwarzen Atem‘ - nach dem Atem der Nazgûl.

Obwohl auch Menschen der Altstadt zu Opfern der Krankheit wurden, war es Cathal und Ithal bisher gelungen, die Festung vor einer Ausbreitung zu schützen. Das alte Minas Tirith umfasste ein verhältnismäßig kleines Gebiet und ließ sich einfacher verteidigen als das weite Häuser- und Ruinenmeer der Außenstadt. Dort nämlich, das hatte Pallando ja nun aus erster Nähe erfahren dürfen, entflammten immer wieder Kämpfe an den Grenzen der letzten freien Gebiete. Die Armee behauptete sich, doch sie verlor. Jeden Tag ein Stück.

»Daher könnt Ihr euch vorstellen«, schloss Cathal seine Ausführungen, »dass ich größere Probleme habe als Rohan, die Orks und die Haradrim.«

Sie hatten den alten Stadtwall erreicht. In einer Seitengasse befand sich eine gut versteckte Luke, die hinab in die Welt der Kanäle und Tunnel führte. Cathal teilte seine Soldaten hier auf; die eine Hälfte schickte er zur Verteidigung der Ostpassage, die andere stieg mit ihm und dem Zauberer hinab.

»Ich hatte gehofft«, sagte Pallando unten angekommen, »dass Ihr dieses Problem in den Griff bekommen würdet.«

Cathal schnaubte. Er wollte sofort etwas erwidern, wurde sich dann aber bewusst, dass dies nicht für die Ohren der Soldaten bestimmt war. Er sandte sie voraus, um den Weg zum unterirdischen Hauptquartier zu sichern.

»Dieses Problem«, er wandte sich wieder an Pallando, »ist größer als ich. Dieser Krieg wird gelenkt von Zauberern, Ringgeistern, vielleicht noch Königen ... Aber nicht von gewöhnlichen Menschen. Nicht von Soldaten wie mir. Wir können ihn austragen. Aber wir können ihn nicht beenden.«

Pallando schüttelte den Kopf. »Wisst Ihr ... Der einzige Unterschied zwischen Euch und mir ist mein Wissen. Ich bin ein Istar. Ein Wissender. Die Istari sind jene, die wissen. Die Geschichte der Istari ist eine Geschichte vom Wissen.« Er deutete auf die notdürftig verbunde Wunde am Arm. »Das hier ist Blut. Ich bin ein Mensch. Aber mein Verständnis von Blut ... Geht über das der Menschen hinaus. Es ist für mich eine Welt leuchtender Geheimnisse. Nur einen Bruchteil dessen, was ich über Blut weiß, kann ich in Worte fassen.«

Cathal sagte nichts.

»Sammelt Wissen«, fuhr Pallando fort. »Lernt. Dann müsst Ihr und Euer Volk nicht mehr auf Könige und Zauberer warten. Sondern werdet selbst zu welchen.«

Große Worte, dachte Cathal nur, entgegnete aber nichts mehr. Er hatte sich die ganze Zeit daran geklammert, dass jemand kommen und ihnen helfen würde. Doch Aragorn war noch immer verschwunden und jetzt, wo der Zauberer endlich zurück war, bekamen sie von ihm nicht mehr Unterstützung als ein paar hohle Weisheiten.

»Ihr seid nicht hier«, sagte er vorsichtig, »um zu helfen. Oder?«

Pallando biss sich auf die Lippen. »Diese Stadt zu retten, ist nicht wirklich ... Mein oberstes Ziel, nein. Nicht im Moment.«

Cathal spürte, wie die Kraft ihn verließ. »Und was ist ...?«

Der Zauberer nahm seinen Stab und erschuf an dessen Spitze einen Lichtpunkt, um die Kanäle zu erhellen. »Wir alle müssen nach Wissen suchen. Selbst ich. Und deshalb ist es wichtig, dass du mich zu ihr bringst. Jetzt.«






Cathal schob den Riegel hoch, legte seine Hände um die zwei großen Metallgriffe und stemmte die Tür auf.

Das unterirdische Hauptquartier der Stadtwache war vielleicht der sicherste Ort in Minas Tirith, jetzt wo ein Blitz in die Zitadelle eingeschlagen war. Sie waren tief unter der Erde, umgeben von einem Labyrinth aus Kanälen. Obwohl der Großteil der Einrichtungen und Sicherheitsvorkehrungen von Cathal und Ithals Soldaten stammten, waren sie nicht die ersten, die sich hier versteckten. Manche der Truhen oder Waffen stammten noch aus der Gründungszeit von Minas Tirith. Und die Anordnung der Korridore, Tunnel und Schächte war nach einem ungewöhnlichen System geschehen. Cathal bezweifelte, dass sie mehr als die Hälfte des Verstecks erschlossen hatten.

Er führte Pallando durch die große Eingangshalle.

Dieser Teil des Hauptquartiers war in Blau gehalten: blaue Vorhänge, blaue Teppiche, blaue Schriftzüge an den Wänden. Ithal hatte all das für Sentimentalität gehalten, aber Cathal hatte darauf bestanden. »Das Blau erinnert mich daran, warum ich kämpfe«, hatte er erklärt. »Blau ist Vertrauen und Loyalität. Die Heilung der Kranken.« Ithal hatte mit den Augen gerollt; nur um am nächsten Tag mit einem Stapel alter Turmwachen-Umhänge zu erscheinen.

Auch des Gewand des Zauberers war Blau, stellte Cathal nun fest. Ein blauer Ozean mit roten Blutflecken darauf. Er war nicht sicher, was die Götter ihm damit sagen wollten.

Etwas anderes dagegen wusste er: Pallando brauchte in diesem Labyrinth seine Hilfe, um sie zu finden. Damit war dies nun Cathals letzte Chance, die Unterstützung des Zauberers zu gewinnen.
Er hielt an und drehte sich um. »Wir«, begann er vorsichtig, »haben Zugang zu zweien der Palantíri. Sie sind oben in der Zitadelle, sicher verwahrt, nicht einmal der Zwölferrat weiß von ihnen.«

Pallando nickte und verstand offensichtlich worauf Cathal hinaus wollte. Dann jedoch schenkte er ihm ein mitleidiges Lächeln. »Mittelerde liegt im Sterben. Und den Wert von Wissen in allen Ehren, aber ... Manchmal ist es ein Segen, dass unsere Augen immer nur einen Teil der Welt wahrnehmen. Und nicht die Summe aller Ängste.«

»Ihr könntet Aragorn suchen.«

»Nein.« Pallando wurde sichtlich ungeduldig. »Es war bereits schwierig, Euch im Sturm ausfindig zu machen. Und falls Ihr es noch nicht wisst: Was hier drinnen im Kleinen geschieht, geschieht in der Welt draußen ... In sehr, sehr groß.«

Cathal vergaß, dass er einem Halbgott gegenüberstand. Seine Verzweiflung wurde zu Wut - und er genoss es, dass die Angst hinter ihr verblasste. »Ich kann das hier nicht!«, sagte er und wurde mit jedem Wort lauter. »Ich brauche Euch! Aragorn! Irgendjemanden! Ich bin so weit gegangen, wie ich konnte, habe alles versucht, was mir einfiel ... Und es hat nicht gereicht. Ich bin nicht genug für diese Stadt!«

Pallando sah ihn aus kalten Augen an. »Und wisst Ihr, warum das so ist?«

»Sagt es mir«, zischte Cathal.

»Weil Ihr Eure kleine Welt hier ... Weil Ihr jeden Schmutzfleck, den Ihr hier unten finden konntet ... Hinter königlichem Blau versteckt habt. Weil Ihr jeden Tag darauf wartet, dass der König zurückkehrt.«

Cathal wusste keine Antwort.

»Ich fordere Euch nun ein letztes Mal auf«, sagte Pallando. »Bringt mich zu ihr. Dann werdet Ihr an diesem Tag wenigstens eine gute Sache getan haben.«

Langsam drehte Cathal sich wieder weg und atmete tief durch. Er ging los.

Soldaten hielten inne, wenn sie ihn passierten, und salutierten hastig. Verwundete wurden auf Tragen an ihm vorbeigebracht. Aus einem der Gänge erklang das Klirren von Schwertern; einer von Ithals Männern bildete dort neue Rekruten aus. Mit jedem Schritt wurde der Korridor schmutziger und enger, die Wände waren erst aus behauenen Steinen, dann nur noch aus nacktem Fels.

Sie erreichten eine schäbige Holztür.

»Ihr lasst sie nicht bewachen?«, fragte Pallando.

Cathal schnaubte. »Natürlich nicht«, murmelte er. War das möglich? Über ihnen starb eine Stadt und der Zauberer kümmerte sich darum, ob sie bewacht wurde? Er stieß die Holztür auf und trat ein.

Alles war so, wie er es zurückgelassen hatte. Die Höhle war leer bis auf eine eiserne Truhe, die an der gegenüberliegenden Wand abgestellt worden war. Der Zauberer schob sich an Cathal vorbei und ging zur Truhe. Einen Moment lang schien Pallando zu zögern, dann sank er auf die Knie und stemmte den Deckel hoch.

Cathal kam näher. Gegen seinen Willen sah er dem Zauberer über die Schulter, hinein in die Truhe.

Darin lag der abgeschlagene Kopf der Namenlosen. Die Augen weit geöffnet. Der Hals war verschlossen mit getrocknetem Blut. Die Haut war schmutzig, davon abgesehen aber nicht viel anders als die einer Lebenden.

»Einen Tag nach dem Tod«, sagte Pallando leise, »färbt sich das Gesicht in schwachem Blau. Die Leiche beginnt nach verfaultem Fleisch zu stinken. Nach drei Tagen ist sie so stark angeschwollen, dass die Züge kaum noch zu erkennen sind. Die Haut bricht auf und ... In einer solchen Umgebung ist nach spätestens zwei Monaten nur noch ein Skelett übrig.«

Er sah zu Cathal auf. »Nichts davon«, flüsterte er, »ist geschehen. Sie ist immer noch so, wie ich sie vor einem Jahr verlassen habe. Und ich verstehe nicht, warum.«

»Vielleicht«, Cathal wandte sich zum Gehen, »wisst Ihr zwar alles über Blut ... Aber nichts über den Tod.«






Als er die Höhle verließ, kam ihm sein Bruder entgegen. Ithal humpelte ein wenig, seit er am Anfang der Woche einen Zweikampf mit einem der Kranken ausgetragen hatte. Mit dieser einen Ausnahme waren er und Cathal jedoch bislang unverletzt geblieben - ein kleines Wunder.

Ithal warf einen Blick an ihm vorbei und verzog das Gesicht, als er Pallando vor der Truhe knien sah.

Cathal schloss die Tür und zuckte hilflos mit den Schultern. Die zwei Brüder brachen in Richtung des Kartenraumes auf, der sich ganz in der Nähe befand.

»Ich hoffe, er nimmt sie mit«, brummte Ithal.

»Ich hoffe es auch«, erwiderte Cathal. »Aber das wird er nicht tun. Sonst hätte er es damals schon getan. Als er sie zum ersten Mal besucht hat.«

»Warum lässt er sie hier? Wenn dieser tote Kopf ein Geheimnis hat, warum ...?« Ithal sprach nicht weiter.

Cathal hatte noch nicht alle Eindrücke und Konsequenzen seines Gespräches mit dem Zauberer verarbeitet. Er konnte nur mutmaßen. »Pallando ist daran gewöhnt, zu sehen und zu wissen.«
»Und deshalb nimmt er sie nicht mit?«

»Er sagte, wenn er Blut sieht, dann sieht er eine ganze Welt aus leuchtenden Geheimnissen. Ich glaube, wenn er diesen Kopf ansieht ... Dann sieht er gar nichts. Weniger als nichts. Vielleicht weniger als wir sehen würden. Das macht ihm Angst. Und deshalb lässt er sie hier.«

Sie erreichten den Kartenraum.

»Möchtest du wissen«, begann Ithal beim Eintreten, »was mir Angst macht, Bruder? Mehr als dieser Kopf?« Er wies auf die Karte, die über die ganze Fläche des zentralen Tisches ausgebreitet war.

Cathal trat näher und beugte sich über das große Pergament. Die Karte zeigte eine Draufsicht des Stadtgebietes. Sie war kaum eine Woche alt und trotzdem bereits mit Änderungen und Ergänzungen überzogen. Manche der Häuserviertel malten die Kartographen inzwischen gar nicht mehr, weil sie schon vor Monaten verloren gegangen waren. Cathals und Ithals Elternhaus tauchte seit Mitte September nicht mehr auf.

Besondere Aufmerksamkeit wurde dagegen der ‚Ostpassage‘ eingeräumt. Dieser Name bezeichnete den Fluss Vitus, sowie dessen Ufergebiet. Der Vitus war der größte Nebenfluss des Anduin und floss durch die Neustadt, um dann unterirdisch den dritten Ring der alten Festung zu erreichen. Damit stellte er einen der wenigen Wege dar, die aus der Stadt herausführten - und war die einzige Quelle trinkbaren Wassers. Dank des Regens schmeckte es ein wenig faul, aber sämtliche anderen Flüsse waren gestaut oder ungenießbar. Nur ihre Größe schützte den Vitus und den Anduin davor, das gleiche Schicksal zu ereilen.

Die Kranken hatten vor zwei Wochen allerdings begonnen, Blockaden aufzubauen, um die Gondorianer vom Anduin abzuschneiden. Auf Flößen und ehemaligen Fischerbooten lieferten sich die Soldaten und die Kranken erbitterte Gefechte. Und wenn Cathal die Karte richtig deutete, dann hatten die Gondorianer einen weiteren Tag standgehalten.

»Die Ostpassage ist noch da«, sagte er und fuhr sich nachdenklich übers Kinn.

Ithal machte mit einer Feder ein paar Änderungen, um die angegebene Truppenstärke der tatsächlichen anzugleichen. »Sie wird nicht halten«, sagte er abwesend. »Wir stehen kurz davor, die Außenstadt aufgeben zu müssen. Es ist ein Wunder, dass der Weg zum Wasser noch immer unter unserer Kontrolle steht.«

Das wusste Cathal. Aber er wollte es nicht hören. »Wir dürfen den Anduin nicht verlieren. Auf keinen Fall.«

Ithal legte die Feder beiseite. Er sah Cathal ernst und eindringlich an. »Aber wir werden«, erklärte er langsam. »Wir werden ihn verlieren.«

Cathal schüttelte den Kopf. »Das ist der Fluss, an den unsere Eltern übergeben wurden. Das ist der Fluss, der uns gegen Mordor geschützt hat. Uns am Leben erhalten hat. Er verbindet uns mit dem Rest Mittelerdes.«

»Ganz genau. Und wenn wir ihn nicht loslassen, wenn wir die Truppen nicht von der Ostpassage abziehen... Dann verlieren wir die Altstadt. Die Festung.«

Cathal löste sich vom Tisch. Er wollte weg. An die Oberfläche, frische Luft atmen, irgendetwas anderes sehen als militärische Karten. Er ließ seinen Bruder zurück und floh zurück in den Tunnel.

Hinter der nächsten Ecke blieb er stehen. Der Weg war versperrt; ein Hauseinsturz an der Oberfläche musste hier unten einen Erdrutsch ausgelöst haben. Dabei war auch eine Wasserader aufgebrochen und so sammelte sich nun schmutzige Brühe in einer Pfütze. Das Wasser hatte einen hässlichen Grünstich.

Ithal hatte Cathal erreicht und trat neben ihn.

»Der Regen ist der Tod«, sagte Cathal. »Und inzwischen ist das Tiefenwasser auch nicht besser. Nur der Anduin hält uns am Leben.«

»Wir haben Reserven.«

»Nicht für sehr lange Zeit.«

Ithal packte Cathal an der Schulter. »Bruder, was ... Was glaubst du denn, wie viel Zeit wir noch haben? Wie lange wir den Schwarzen Atem noch abwehren können? Wenn uns das Wasser ausgeht, könnten wir schon lange tot sein!«






Cathal trat durch große Tür in den Thronsaal und gab den Wachen ein Zeichen, sie hinter ihm zu schließen. Er war zu spät, das wusste er, aber er war zu stolz gewesen, um den Weg bis hinauf in die Zitadelle zu rennen.

Der Zwölferrat hatte sich bereits versammelt. Die mächtigsten Fürsten Gondors und Arnors saßen um einen großen Steintisch, der im Zentrum des Saals aufgestellt worden war und ein beachtliches Abendessen trug. Die Knappheit an Wasser und Nahrung, die unten in der überfüllten Altstadt herrschte, wurde hier oben offenbar totgeschwiegen.

Fürst Kauko, ein arroganter junger Mann aus Arnor, bemerkte Cathal als erster. »Ihr seid spät, Hauptmann.«

Cathal dachte nicht daran, seinen Schritt nun doch noch zu beschleunigen. »Ich führe dort draußen einen Krieg«, gab er zurück und bemühte sich, unbeeindruckt zu klingen. »Wenn Ihr nicht warten mögt, dann geht meinen Soldaten doch mit dem Brotmesser ein wenig zur Hand.«

Kauko rümpfte die Nase und sah zu den anderen Ratsmitgliedern. »Hört Ihr das? Die Weiße Stadt wird von niederen Männern regiert!«

Cathal setzte sich direkt neben den Fürsten. »Der König wählt, wen der König wählt. Er hat mir diese Stadt gegeben und Euch einen malerischen Flecken Gras im Norden anvertraut.« Mit diesen Worten schob er den Fleischteller, den die Diener ihm angerichtet hatten, gönnerhaft zu Kauko hinüber.

Vier oder fünf Ratsmitglieder lachten herzlich. Alle übrigen waren auf Kaukos Seite, weil sie noch immer glaubten, der mächtige Nord-Fürst würde auch nur einen Finger für die Rettung Gondors krumm machen. Der Sturm hatte Arnor bisher nicht erreicht, dachte Cathal, und Kauko wusste es besser, als freiwillig mitten hineinzumarschieren.

Ein älterer Fürst aus dem Süden ergrifft das Wort. »Ich schlage vor, dass wir uns nun wichtigeren Dingen zuwenden.« Er schaute in die Runde. »Der Krieg in Harad verläuft schlecht. Wir brauchen mehr Männer.«

Der Fürst, der an Faramirs Stelle über Ithilien herrschte, schüttelte den Kopf. »Es ist kein Geheimnis, dass ich diesen Krieg für falsch halte. Harad hat uns nicht angegriffen.«

»Ja«, sagte Cathal mit fester Stimme. »Aber wir müssen davon ausgehen, dass der Schattenbund der Hasharin dort seine Stützpunkte hat.«

Das was Kaukos Stichwort.  »Welchen Beweis«, höhnte er, »haben wir für die Schuld dieser ... Hasharin an den Bränden in Ithilien? Oder an der Verwüstung von Minas Tirith?«

Die Antwort hatte Cathal schon so oft gegeben, dass er sie fast so sehr hasste wie die Frage. »Wir haben das Wort eines Gefangenen.«

»Das ist nicht viel«, sagte ein Mann, der am anderen Tischende saß.

Der Fürst von Ithilien nickte und sah Cathal vorwurfsvoll an. »Es war jedenfalls nicht genug, um Rohan von der Unschuld Gondors am Edoras-Unglück zu überzeugen.«

Cathal seufzte. Nein, das war es nicht. Es war nicht genug gewesen. »Aber wir werden sie überzeugen«, sagte er laut. »Der Hasharin-Gefangene hat dem Abgesandten Rohans die Wahrheit über Edoras und Theodens Triumph erzählt. Noch dazu führen wir diesen Krieg gegen die Rohirrim so defensiv, wie es uns möglich ist. Sie werden uns glauben, sie müssen einfach.«

Während er sprach, hatte sich der Fürst von Cair Andros erhoben. Der ehemalige Hauptmann der Stadtwache hatte den Oberbefehl im Krieg mit Rohan. Cathal wusste nicht, ob er ihn mochte, aber er hatte mehr Respekt für ihn übrig als für alle anderen zusammen.

»Über ein Jahr lang haben wir uns fast ausschließlich verteidigt«, sagte der Fürst. »Wir wollten eine Botschaft senden. Wir sind nicht eure Feinde, wollten wir sagen. Aber vielleicht ... Vielleicht müssen wir uns damit anfreunden, dass Rohan die Botschaft nicht hören will.«

Das Gesicht des Mannes verdunkelte sich. »Noch ... Noch können wir diesen Krieg gewinnen. Wir könnten Rohan entwaffnen und unsere Kräfte dann auf die Suche nach den Hasharin konzentrieren. Und die Wachen an den Grenzen zu Mordor erhöhen.«

Er sah eindringlich in die Runde. »Aber wenn wir noch länger darauf warten, dass Rohan einsichtig wird ... Dann verlieren wir.« Er ließ das Gesagte einen Augenblick lang im Raum schweben, dann setzte er sich wieder.

Ehe Cathal entschieden hatte, ob er etwas erwidern sollte, stand neben ihm Kauko auf. »Gut«, sagte der Fürst. »Wir haben nun gehört, welcher Gefahr wir gegenüberstehen. Ich möchte eine Lösung anbieten.«

Stille.

»Wir müssen wieder stark werden«, fuhr Kauko fort. »Nach innen und nach außen. Wir brauchen eine Einheit zwischen Gondor und Arnor, einen Herrscher über jeden von uns ... Einen König.«

Cathal atmete erleichtert auf. Er hatte einen durchdachteren Vorschlag befürchtet. »Prinz Eldarion ist verschwunden«, erinnerte er Kauko im Plauderton. »Falls Ihr an ihn dachtet.«

»Eigentlich nicht, nein. Ich dachte daran, einen neuen König zu ernennen.«

Cathal traute seinen Ohren nicht. Kauko wollte was?

Um ihn herum dagegen wurde zustimmend auf den Tisch geklopft. Und es waren nicht nur Kaukos Anhänger. Es waren auch Gondorianer. Auch solche, die durch Aragorn an ihre Position gekommen waren. Diesen Vorschlag, realisierte Cathal erst jetzt, hörte nur er selbst zum ersten Mal. Kauko musste vor der Versammlung mit jedem unter zwei Augen geredet haben - und jedem einzelnen genau das gesagt und versprochen haben, was dieser hatte hören wollen.

Kauko ließ dem Beifall ein wenig Raum, dann sprach er weiter: »Ich fordere einen neuen Herrscher über das Wiedervereinigte Königreich. Einen, der Minas Tirith vom Schmutz befreit und wieder aufbaut.«

Erneute Zustimmung.

Cathal konnte sich das nicht länger anhören. Zum ersten Mal, seit er diesem Rat beiwohnte, stand er auf. Hastig sammelte er seine Gedanken, zwang sich zur Ruhe und sagte dann langsam und bestimmt: »Die Königslinie ist uralt. Wir werden sie nicht aufgeben, nur weil ...«

Kauko fiel ihm ins Wort. »Ein König ist auch nur ein Mensch! Ein Mensch mit besonderem Wissen, ja, aber ein Mensch!«

Cathal stieß seinen Stuhl bei Seite und mit einem Satz stand er direkt vor Kauko. »Ihr könnt Aragorn sein Land nehmen«, zischte er und funkelte den Fürsten an. »Aber nicht. Diese. Stadt. Solange ich diese Stadt für ihn am Leben halte, werden wir hier niemals einen geringeren Mann krönen!«

Er riss mehrere Teller herunter. Klirrend zersprangen sie auf dem Boden und das Echo wütete mehrere Momente lang im gesamten Thronsaal.

»Lieber Hauptmann«, Kauko hob beschwichtigend die Hände. »Beruhigt Euch, wir sind doch alle ...«

»Minas Tirith wird Aragorns Stadt bleiben!«, brüllte Cathal. »Bis zu dem Tag, an dem ich seine Leiche zu Grabe trage!«





Die Emyn Muil

Während ein aufgebrachter Cathal den Zwölferrat zurückließ, erhob sich 200 Meilen nördlich ein Elb namens Legolas Grünblatt von seinem Nachtlager. Eine der Wunden, die er sich zugezogen hatte, musste ihn geweckt haben. Schwer war das nicht. Seit über einem Jahr, seit der Schlacht um Henneth Annûn, hatte Legolas keinen tiefen Schlaf mehr gefunden.

Um ihn herum war es still. Mehrere Dutzend Elben schliefen in kleinen Zelten oder auf dünnen Matten. Ein Wachposten saß oben in den Zweigen einer Buche und nickte Legolas mitfühlend zu. Etwas im Gesicht des Mannes erinnerte Legolas an seinen gefallenen Freund Aearon.

Er schluckte. In seinem Kopf erwachte ein Sturm düsterer Gedanken. Langsam entfernte er sich vom Lager. Ein Windstoß glitt durch den nächtlichen Wald und ließ Legolas frösteln. Es wurde wieder kälter. Die Arme vor dem Oberkörper verschränkt, lief er hinab zum Anduin.

Der Große Strom sah aus wie in jeder Nacht. Weder Regen noch Sturm veränderten die Farbe des Wassers oder beschleunigten dessen Lauf. Der Anduin blieb, wie er war. Er war viel zu alt und zu groß, als dass die Kriege und Leiden der Sterblichen ihn beeindruckt hätten.

Über dem Anduin wachten die Argonath.

Die riesigen Statuen waren Abbilder der Könige. Rechts stand Isildur und auf der anderen Seite des Flusses sein Vater Elendil, in den Händen das Schwert Narsil. Die echte, neu geschmiedete Klinge befand sich in Legolas‘ Besitz, seit Aragorn, Isildurs Erbe, sie in einem Dorf in Rohan zurückgelassen hatte - ehe er vom Angesicht der Welt verschwunden war.

Legolas hatte Anduril das ganze Jahr über niemals benutzt. Es war bereits eine Schande, dass Dyre das Heahflod-Massaker mit dieser Klinge verübt hatte. Aus den Dingen, die Legolas nun tat, wollte er Anduril heraushalten. Wenn er das schon tun musste, wenn er schon mordend durch Rohans Bevölkerung zog, um die Nazgûl zu besiegen, dann würde es nicht mit der Waffe seines Freundes geschehen.

Er ließ sich am Ufer nieder. Und gerade, als er den Beschluss gefasst hatte, ein nächtliches Bad zu nehmen …

... zerriss ein Hammerschlag die Luft.

Hinter den Schultern der Statue Elendils war eine Welle aus Feuer emporgeschlagen, begleitet von riesigen Felstrümmern. Der Kopf neigte sich nach vorne und auf dem gesamten Oberkörper bildeten sich Risse. Ein zweiter Knall. Wie eine Blutfontäne schossen Flammen aus dem Bauch Elendils, vorbei an Narsil. Die Statue brach an immer neuen Stellen, kippte vornüber, und schlug in vier oder fünf riesigen Fragmenten im Wasser auf.

Ein Regen aus winzigen Steinen ging um Legolas herum nieder. Große Wellen schoben sich ihm entgegen, widersetzten sich mühelos dem Flusslauf. Eine Gesteinslawine donnerte von der aufgerissenen Felswand herab und ergoss sich über die aus dem Wasser ragenden Überreste des toten Königs.

Legolas saß regungslos da, das verbliebenene Auge vor Schreck weit geöffnet. »Was habt Ihr getan«, flüsterte er leise. »Bei den Säulen, was habt Ihr getan ...«








Minas Tirith

Cathal und Ithal standen auf der Mauer des Zweiten Rings, von wo sie hinaus auf die Außenstadt starrten. Die Ostpassage, markiert durch den nachtblauen Flusslauf des Vitus, war von hier sehr gut einzusehen, wenn auch nicht in ihrer ganzen Länge. Auf Höhe des alten Rohan-Viertels trieben zwei kleinere Boote. Cathal glaubte, auf ihnen Soldaten in der Rüstung Dol Amroths zu erkennen. Diese Art von Unterstützung erhielten sie nicht oft, aber wenn sie den Vitus und damit den Anduin verloren, waren sie vollkommen auf sich gestellt.

»Ich muss dich etwas fragen«, brach Ithal das Schweigen. »Damit ich weiß, an wessen Seite ich kämpfe.«

Cathal nahm die rechte Hand von den Zinnen. »Gut.«

»Wie lange?«

Cathal sah seinen Bruder an. »Bis der König zurückkehrt.« Sein Blick begann wieder, über die Stadt zu schweifen. »Denn das ist der Unterschied zwischen mir und Denethor. Ich halte diese Stadt. Ich bin besser.« Er presste die Lippen einen Moment zusammen. »Ich halte sie und gebe sie zurück.«

Schweigen.

Ithal atmete hörbar durch. »Denethor ...«, sagte er leise. »Denethor konnte niemals loslassen. Nicht den Thron. Nicht die Stadt. Und nicht einmal Osgiliath. Wir waren da, Cathal. Wir waren noch Kinder«, er berührte die Zinnen, »aber wir standen genau hier auf den Mauern, als Faramir in den scheinbar sicheren Tod geritten ist.«

Nach einer Weile fügte er hinzu: »Wir waren hier, als Denethor seinen Sohn geopfert hat, weil er den Anduin einfach nicht verlieren konnte.«

Cathal verstand, worauf sein Bruder hinauswollte. Er verstand es immer. »Ich bin nicht Denethor«, hielt er dagegen. Innerlich wankte er.

»Dann lass los«, beschwor ihn Ithal. »Lass den Anduin gehen.«

»Nein.«

Wieder schwiegen sie.

Dann schließlich wandte Cathal sich zum Gehen. »Ich werde Minas Tirith heilen«, sagte er und spürte, wie seine Stimme brach. »Ich werde lernen. Ich werde mir das Wissen verschaffen, das ich brauche. Das Wissen, das Aragorn an meiner Stelle hätte.«

Ithal schüttelte langsam den Kopf. Der Ausdruck in seinem Gesicht wurde leidend. »Du willst ... Nein. Tu das nicht.«

Cathal drehte sich nicht um. »Ich werde in die Palantíri sehen.«





... smash cut to black.












Anmerkung
Hm … Hatte ich nicht mal gesagt, dass Istari 2 weniger Geheimnisse haben wird? Nun, der Plan ist grandios schiefgegangen. Aber ich denke, dass die Geheimnisse dieses Mal etwas leichter zu handhaben sind, weil die Geschichte konventioneller erzählt wird. Klar, es gibt noch immer Flashbacks, aber … Unterm Strich ist das hier alles sehr viel linearer als Istari 1.
Gut … Der Dienst ruft. Ich bin gegen Abend wieder da und behebe die Veröffentlichungsfehler, die ihr bis dahin hoffentlich wohlwollend überseht. *hust*
»Ernte den Sturm, Teil 2« geht online am 18. Juni.
 
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