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von angel-on-the-moon    erstellt: 11.06.2009    letztes Update: 15.11.2011    Geschichte, Romanze, Drama / P16    (fertiggestellt)
Danke an Katharina72 für meine erste Review überhaupt. Ich habe bis jetzt noch nie etwas von mir öffentlich gemacht und freue mich sehr über den ersten Kommentar und das erste Lob.
Das hat mich dann auch so ansgespornt,dass ich das zweite Kapitel überarbeitet habe und jetzt schon online stelle.

Hier dann auch der passende Song zum Kapitel:
http://www.youtube.com/watch?v=TibVR4GoBpM
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Kapitel 2  - Kiss The Rain

Knapp 2 Stunden später stand ich mit einem riesigen Gepäckwagen, den ich mühsam hinter mir her gezerrte hatte, vor dem London Heathrow Airport und hielt mein Gesicht in den Regen. Es war kein starker Regen- nur ein paar leichte Tropfen, die ich kaum auf meinem Gesicht spürte.
Ich wusste nicht warum, aber der Regen fühlte sich gut an. Erst als die ersten Passanten mich von der Seite verstohlen anschauten, raffte ich meinen Rucksack auf meinen Rücken und winkte ein Taxi herbei. Der Taxifahrer war so nett und half mir meine Koffer und irgendwie auch mein Leben in das Taxi zu wuchten.
Als ich auf der Rückbank Platz genommen hatte, zog ich hastig einen zerknitterten Zettel aus der Tasche und nannte dem Taxifahrer die Adresse der Wohnung ,in der ich die nächsten 12 Monate verbringen würde. Er nickte und fuhr los.

Die Wohnung hatte ich noch nie gesehen, ich hatte mir nur Bilder im Internet angeschaut. Insgeheim betete ich dafür, dass sie den Bildern wenigstens etwas ähnlich sah. Meine Mutter hatte mich mit Horrorszenarien von retuschierten Fotos genervt, die nur dazu dienten unwissenden Ausländern teure und heruntergekommene Wohnungen zu vermieten.
Eigentlich hatte ich aber ein gutes Gefühl. Der Makler klang am Telefon sehr nett und die Lage der Wohnung war auch in Ordnung.Ich hatte mich vorher schlau gemacht und wusste ungefähr in welchen Vierteln man besser nicht wohnen sollte.

Ich sank zurück in meinen Sitz und beobachtete die fremde Stadt, die an meinem Fenster vorbeizog.
Es gefiel mir hier. Ich mochte den Gegensatz von modernen Geschäften in alten,  traditionellen Gebäuden. Ich mochte auch die Menschen. In der Vergangenheit war ich mehrmals in London gewesen, zuletzt vor vier Monaten zu meinem Vorstellungsgespräch. Die englische Art zu leben gefiel mir. Es war alles nicht so hektisch wie in Deutschland.
Zum Glück war mein Englisch gut genug um hier zurecht zu kommen. Nachdem ich die Zusage für mein Praktikum bekommen hatte, hatte ich nochmal die Schulbank gedrückt und meine Sprachkenntnisse etwas aufpoliert, aber im Grunde sprach ich gut Englisch und musste mir darüber keine Sorgen machen.

Nach einer halbstündigen Fahrt hielt das Taxi plötzlich und ich wusste, dass ich an meiner neuen Wohnung angekommen war. Ich drückte dem Taxifahrer den Fahrpreis plus ein kleines Trinkgeld in die Hand und er half mir auch noch die Koffer aus dem Auto zu heben.
Jetzt stand ich da. Mit meinen riesigen Koffern stand ich mitten in London vor meiner neuen Wohnung. Das Haus war alt, aber nicht baufällig. Es schienen sich sechs oder 8 Wohnungen in dem Haus zu befinden, ganz genau konnte ich das von außen nicht erkennen. Die Straße war belebt, ein paar Häuser weiter sah ich ein kleines Lebensmittelgeschäft und einen Kiosk, aber es fuhr nicht zu viel Verkehr. Etwa hundert Meter weiter spielten ein paar Kinder Fußball. Nein, nicht Fußball, ab heute sollte ich „football“ sagen. Ich grinste über mich selbst und angelte den Haustürschlüssel aus meinem Rucksack- natürlich lag er ganz unten,versteckt unter all dem Krimskrams, den man so mit sich schleppt.
Als ich ihn endlich in Händen hielt sperrte ich die Tür auf und schleppte die Koffer einen nach dem anderen die fünf Stufen von der Straße hoch in den Hausflur.
Ja, der Hausflur gefiel mir ebenfalls. Nicht modern, aber sauber und irgendwie gemütlich.
Ich sah mich suchend um. Einen Aufzug schien es nicht zu geben. Ich seufzte in mich hinein, packte mir zwei Koffer und stapfte die Treppe hinauf. Natürlich lag meine Wohnung im dritten Stock direkt unter dem Dach.
Als ich leicht keuchend endlich auch den letzten Koffer nach oben verfrachtet hatte öffnete ich die Wohnungstür und betrat mein neues Reich.
Wow, was ich sah gefiel mir. Einen Flur schien es nicht zu geben, ich stand direkt in meinem neuen Wohnzimmer. Aber dieses war groß, die Sonne fiel durch mehrere schräge Dachfenster und durchflutete den gesamten Raum.
Ich hatte die Wohnung möbliert gemietet, ich konnte ja meine Möbel nicht für diese zwölf Monate mitnehmen. Mitten Wohnzimmer stand ein riesiges hellgraues Sofa und davor ein kleiner Tisch aus dunklem Holz. Die Wände waren mit geblümter Tapete verziert, die nicht ganz meinem Geschmack entsprach, aber hässlich war sie nicht. In einer Ecke stand ein großer Schreibtisch aus hellem Holz, der mir sofort gefiel- er sah alt aus und ich mochte alte Möbel. Alte Möbel sind wie alte Autos, sie haben Seele. Dem Schreibtisch gegenüber stand ein kleiner Tisch mit zwei gemütlich aussehenden Rattanstühlen -das sollte also meine neue Essecke sein.
Einen Fernseher gab es nicht, aber ich hatte ja mein Laptop mitgebracht und konnte mich so auf dem Laufenden halten was dort draußen in der Welt passierte.
Im Moment interessierte mich aber mehr wie wohl der Rest der Wohnung aussehen würde.
Ich durchquerte das Wohnzimmer und öffnete eine weitere Tür,die zum Schlafzimmer führte.
Hier verschlug es mir den Atem. Das Schlafzimmer war auf den Fotos nicht abgebildet gewesen und ich hatte schon das Schlimmste befürchtet, aber dieses Schlafzimmer war einfach nur... mir fehlten die richtigen Worte... es war …..wunderschön.
Der Raum wurde von einem riesigen Bett dominiert über das sich ein Himmel aus cremefarbenen Stoff wölbte. Das Bett schien ebenfalls alt zu sein- ich verliebte mich sofort darin.
Gegenüber dem Bett stand eine Kommode, die zwar nicht so schön wie das Bett war aber durchaus so aussah, als könnte ich einen großen Teil meiner Kleidung darin verstauen.
Es gab eine schmale Glastür,die auf einen winzigen Balkon führte.
Ich hatte einen Balkon! Davon hatte nichts in der Anzeige gestanden. Ich lächelte in mich hinein und sah mir noch schnell das Bad und die Küche an. Beides war klein, aber für mich würde es reichen.

Nachdem ich meine Koffer so weit ausgepackt hatte, dass die Wohnung bewohnt aussah, schnappte ich mir mein Handy und drückte auf die Kurzwahltaste.
Nach dem ersten Klingeln war meine Mutter auch schon am Telefon.
„Alles in Ordnung bei dir? Wie war der Flug? Wie ist die Wohnung?“, rief sie aufgeregt.
„Alles in Ordnung,Mom. Der Flug war prima und die Wohnung ist phantastisch.Viel schöner als auf den Fotos“.
Ich hörte meine Mutter erleichtert ausatmen.
„Erzähl mir alles. Nein, schick mir Fotos, du hast ja dein Laptop dabei“, sagte sie aufgeregt.
„Nicht heute, Mom. Ich muss jetzt erstmal auspacken“, schwindelte ich. Ich würde ihr nicht unter die Nase reiben, dass ich schon seit einer Stunde hier war. Sie würde sich nur darüber beschweren, dass ich sie nicht sofort angerufen hatte.
„Na gut, aber morgen dann“, hörte ich sie leicht verstimmt sagen.
„Ja, morgen.Versprochen. Ich werde mir jetzt erstmal die Gegend anschauen und ein wenig einkaufen, sonst verhungere ich noch“, erwiderte ich scherzhaft.
„Mach das, ich will nicht, dass du noch dünner wirst“.
Das war eine typische Antwort meiner Mutter. Ich sah wirklich nicht so aus, als würde ich innerhalb von ein paar Stunden verhungern, aber sie war halt meine Mutter und machte sich immer Sorgen um mich. Dafür liebte ich sie, obwohl sie nie wirklich bemerkt hatte, dass ich längst erwachsen war.
„Alles klar, Mom .Ich melde mich dann morgen bei dir“, sagte ich schnell um weitere gute Ratschläge von ihr zu vermeiden.
„Bis morgen mein Schatz“, sagte sie und legte auf.

Wollte ich mir jetzt wirklich die Gegend anschauen? Ich war etwas unschlüssig und beschloss erstmal Anna anzurufen.
Das Gespräch mit Anna dauerte länger als das mit meiner Mutter und als wir uns verabschiedeten sah ich , dass sich die Abenddämmerung schon durch die großen Fenster in mein neues Wohnzimmer geschlichen hatte.
Spätestens jetzt sollte ich doch die Wohnung verlassen, wenn ich heute noch einkaufen wollte. Ich hatte keine Ahnung wann die Geschäfte in London schlossen und hatte doch ein wenig Panik, dass ich mich heute von den Keksen ernähren musste, die Anna mir am Flughafen in die Tasche gesteckt hatte.
„Ein wenig Proviant mit ganz viel Schokolade. Du weißt ja, Schokolade vertreibt düstere Gedanken“, hatte sie gesagt und dabei gelächelt.
Meine Gedanken waren gar nicht so düster- bis jetzt gefiel es mir hier. Aber vielleicht würden noch düstere Tage kommen, daher wollte ich mir die Kekse wirklich lieber aufheben und jetzt den nächsten Supermarkt ansteuern.

Als ich aus der Haustür trat regnete es noch immer. Ich widerstand dem Drang mein Gesicht wieder in den feinen Regen zu halten und zog mir meine Strickjacke enger um den Körper. Es war kälter als in Hamburg und ich hätte doch meine Jacke anziehen sollen. Dafür war es jetzt allerdings zu spät und ich hatte auch keine Lust die drei Stockwerke hoch zu laufen und sie zu holen.
Ich steuerte den Supermarkt an, den ich schon bei meiner Ankunft bemerkt hatte und deckte mich mit dem Notwendigsten ein: Brot, Milch, Kaffee, Käse, Wasser, ein paar Äpfel und ein Sixpack von meinem Lieblingsbier. Ich hatte nicht viele Laster, aber „Brown Ale“  hatte es mir angetan. Ich hatte dieses süßliche Bier vor ein paar Jahren zum ersten Mal getrunken und war seitdem süchtig danach. Allerdings trank ich es nicht, wie es für die Engländer üblich war, warm.
Ich wollte zwar auch die englische Lebensart kennenlernen, aber warmes Bier war zu viel für meinen deutschen Gaumen.
Mit meinen Einkäufen unter dem Arm betrat ich wieder meine kleine Wohnung.
Schnell packte ich das Bier in den Kühlschrank, machte mir ein Sandwich und setze mich an den Schreibtisch, auf dem ich meinen Laptop platziert hatte.
Nachdem ich meine Mails abgerufen und festgestellt hatte, dass es außer Werbung für diverse Potenzmittel nichts Neues gab, steuerte ich zielgerichtet das Verzeichnis mit meiner Lieblingsmusik an. Kurz darauf ertönten bekannte Klänge aus den blechernen Lautsprechern des Laptops und ich fühlte mich fast wie zu Hause.
Die Sonne war jetzt vollkommen untergegangen und ich ließ mich seufzend auf das große Sofa fallen. Ich hatte keine Ahnung wie spät es war, aber dieser Tag hatte mich müde gemacht und ich fiel schnell in einen tiefen Schlaf, während aus den Lautsprechern die verträumten Klänge von Billy Joel's „Lullaby“ drangen.
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