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von Grisu    erstellt: 12.05.2009    letztes Update: 23.03.2010    Geschichte, Abenteuer, Mystery / P16    (fertiggestellt)
Titel: Mission impossible
Autor: Kelly Anderson
Altersfreigabe: P 16
Spoiler: Ja
Pairings: Sawyer wird jemanden finden
Inhalt: Siehe Inhaltskurzangabe
Disclaimer: "Alle Charaktere aus der Serie Lost gehören ABC. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse geschrieben und veröffentlicht worden. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor. Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt."

Achtung: Die Story enthält Informationen aus der aktuellen fünften Staffel!

1) Der Angriff


Erleichtert atmete ich auf.  Für heute hatte ich es geschafft. Ich wollte nur noch nach Hause und die Beine lang machen. In der Praxis war die Hölle losgewesen. Die Erkältungs-welle hatte uns noch immer fest im Griff. Vor drei Tagen hatte sich auch mein Chef, Dr. Ja-mes Emerson, mit Fieber ins Bett gelegt. Er hatte einen befreundeten Kollegen, der in einer Gemeinschaftspraxis in Skelton tätig war, gebeten, ihn für ein paar Tage zu vertreten. So mussten meine Kollegin Carrie Archer und ich uns für eine kurze Phase an einen anderen Chef gewöhnen. Die Vertretung, ein Dr. Mark Brewster, war ein fähiger Allgemeinmediziner, aber ein Frauenheld, wie er im Buche stand. Kaum eine halbe Stunde in der Praxis, baggerte er bereits erst Carrie, kurze Zeit später mich an. Ich hatte mich vor 5 Monaten erst von mei-nem Freund getrennt, eine sehr hässliche Trennung, und das Letzte, was ich jetzt brauchen konnte, war männliche Gesellschaft! So ließ ich Brewster klar abblitzen und auch bei Carrie biss er auf Granit. Das hielt ihn nicht im Geringsten ab, seinen fragwürdigen Charme an allen weiblichen Wesen in Wright, die älter als 15 und jünger als 70 waren, zu versprühen. Carrie und ich beobachteten sein Tun amüsiert und kümmerten uns ansonsten um unsere Patienten.

Scheinbar hatte es aus jeder Familie in Wright und Umgebung mindestens ein Famili-enmitglied erwischt und so konnten wir uns über Zulauf an Patienten nicht beklagen. Dass ich die einzige Person war, die nicht nieste, hustete oder Halsschmerzen hatte, erfüllte all die Er-kältungsopfer mit stiller Wut. Ich lebte jetzt vier Jahre in Wright, hatte noch nie eine Erkäl-tung gehabt und das, obwohl im Frühjahr und Herbst wirklich fast alle sich große Mühe ga-ben, mich anzustecken. Wie es aussah überstand ich auch das diesjährige Frühlingsbombar-dement mit Bazillen unbeschadet und war darüber keineswegs böse. Für heute jedenfalls hat-ten wir es geschafft. Wir hatten aufgeräumt, dann war Carrie gegangen und ich hatte noch ein paar Patientenakten weg sortiert. Nun war ich auch fertig und schloss die Praxis ab. Als ich nach draußen trat, verzog ich angewidert das Gesicht. Das Wetter war absolut grässlich, selbst für April. Genervt hetzte ich im Laufschritt zum kleinen Drugstore hinüber. Bridget hatte meine Sachen bereits zusammen gepackt, ich hatte sie ihr am frühen Nachmittag telefonisch durchgegeben. Hustend meinte sie „Hier hast du alles. Ich leg mich jetzt hin, dass sage ich dir aber!“ Ich nickte mitleidig. „Ja, mach das, du siehst schlecht aus.“ „Du nicht, wie immer.“ giftete Bridget verschnupft. Ich schnappte mir lachend die Tüte mit den Lebensmitteln und verließ den Laden. Ich war nun besser gelaunt, wenn auch etwas müde. Hastig machte ich mich auf den Weg zu meinem Wagen. Die schwere Einkaufstüte in der Hand, stiefelte ich durch Pfützen und Matsch zu meinem dunkelblauen Jeep Commander. Als ich nur noch we-nige Meter entfernt war, kam plötzlich aus dem Gebüsch hinter der Praxis ein Mann getau-melt. Er wankte orientierungslos auf den kleinen Praxisparkplatz und ich grinste. - Auch eine Möglichkeit, Bazillen zu bekämpfen! - dachte ich. Mit der Fernbedienung öffnete ich den Jepp und wollte die letzten Schritte hinter mich bringen, als plötzlich an der anderen Seite des Ge-büsches, vielleicht 30 m entfernt, fünf Männer auf den Parkplatz hasteten. Der Mann, der tau-melnd auf mich zu kam, sah sich erschrocken um und keuchte entsetzt auf. Dann drehte er sich in meine Richtung und taumelte jetzt schneller auf mich zu. Und erst jetzt sah ich sein Gesicht und erkannte, dass ich mich gründlich geirrt hatte! Sein Gesicht war blutverschmiert, auf seiner linken Seite zeichnete sich auf seiner hellen Lederjacke ein dunkler Fleck ab, auf den er seine linke Hand presste. Auch an der Jeans auf beiden Oberschenkeln waren dunkle Flecken zu sehen. Der Mann war keineswegs Betrunken, er war schwer verletzt!

Ich stand einige Sekunden da wie gelähmt und sah ihn auf mich zu wanken. Dann er-kannte ich, dass sie Männer, die auf uns zuhasteten, Waffen zogen. Sie richteten sie auf uns und fingen an zu schießen! Der junge Mann hatte mich erreicht und wimmerte schmerzerfüllt „Helfen Sie mir, bitte ...“ Wieder wurde geschossen und ich sah, wie der Mann zusammen zuckte und wie von einer Faust getroffen auf mich zu stolperte! Ich ließ ohne nachzudenken die Tüte fallen, fing den jungen Mann auf und riss die hintere Tür des Wagens auf. Ihn hin-einzuschubsen und selber hinter das Steuer gleiten war eins! Der Wagen sprang sofort an und ich gab Gas! Es knackte und knirschte, als ich rücksichtslos durch das Gebüsch vor meinem Wagen brach, für Rückwärtsfahren war keine Zeit mehr, und mit einem Hopser des Wagens, der empört aufzuschreien schien, nach wenigen Metern auf die Hauptstraße gelangte. Die Typen schossen noch kurz hinter uns her, dann drehten sie ab und hetzten durch das Gebüsch zurück. Ich saß mit zitternden Händen und schwer atmend am Steuer und überlegte blitz-schnell. Irgendetwas sagte mir, dass es sich bei den Typen, die geschossen hatten, nicht um Polizisten handelte. Wir hatten in Wright nur einen Dorfsheriff, der sein Büro im Postoffice hatte. Sollte ich dort hinfahren, würde es vermutlich zu einer Eskalation kommen, denn die Typen würde wohl auch dort keine Rücksicht nehmen und sofort schießen. Ihnen musste sehr wichtig sein, den jungen Mann auf meinem Rücksitz zum Schweigen zu bringen. Langsam fuhr ich die Straße entlang und überlegte. Als jedoch hinter mir in einiger Entfernung ein Ford Explorer auf die Straße schoss, schenkte ich mir weitere Überlegungen und gab Vollgas!

Hektisch bog ich in eine Seitenstraße vor uns ab, raste weiter und bog nach wenigen Metern erneut ab, in die Orwell Lane. Auch diese war kurz und ich riss das Steuer nach links, kurz darauf bereits wieder nach rechts. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte mir, dass ich den Ford erst einmal abgeschüttelt hatte. Ich gab Gas und bog Minuten später scharf nach rechts in den Roseville Drive ab. Hier konnte ich wieder erheblich schneller fahren und erreichte schließlich wieder die Stonewall Road, die Verbindungsstraße nach Lanark. Erst jetzt wagte ich es, mich nach meinem Passagier umzusehen. Er lag besinnungslos auf der Rückbank und ich war nicht einmal sicher, ob er noch atmete. „Verdammte Scheiße, elende!“ fluchte ich verzweifelt. Was sollte ich tun? Die Typen, die ihm auf den Fersen gewesen waren, schienen äußerst brutal und rücksichtslos zu sein. Sie hatten ohne Rücksicht auf mich das Feuer eröff-net und irgendwie weckte das meinen Widerstandswillen! Plötzlich wusste ich, was ich ma-chen konnte, ohne noch jemanden zu gefährden! Ich warf noch einen prüfenden Blick in den Rückspiegel, sah den Explorer aber nicht und nickte zufrieden. Vor mir tauchte auf der rech-ten Seite die Norwoodlane auf und ich riss das Steuer herum. Dann gab ich wieder Vollgas und erreichte schnell das Ende der Straße. Hier begann ein schlecht befahrbarer Waldweg. Und ohne zu Zögern fuhr ich in diesen ein. Erneut gab ich Gas und fuhr gute fünf Meilen im Zickzack durch das riesige Waldgebiet, das uns umgab.

Die Appalachen waren ein dünn besiedeltes Gebiet und die Gegend um uns herum bil-dete da keine Ausnahme. Ich fuhr jetzt nach Nordosten und erreichte endlich die kleine Brü-cke, die über den Mill Creek führte. Gute 10 Minuten später hatte ich mein Ziel erreicht! Vor Jahren hatte mein inzwischen leider verstorbener Großvater hier eine Jagdhütte errichten las-sen. Wobei das Wort Hütte stark untertrieben war. Es war ein richtiges Haus, mit Küche, Schlafzimmer, Bad und Wohnraum. Strom gab es nicht, aber das hatte uns nie gestört. Nie-mand hier wusste von dem Haus, Grandpa hatte Bauarbeiter aus Washington geholt, was ich nicht verstanden hatte. Aber er hatte gelacht und geantwortete, dass das Haus etwas war, das wirklich absolut niemanden etwas anging. Eigenartigerweise war es bisher auch nicht ent-deckt worden. Allerdings führte auch nur ein sehr schlecht befahrbarer Weg hierher und die Umgebung gehörte nicht zum Wander-, oder Jagdgebiet. Hinter dem Haus war eine große Garage und in diese fuhr ich jetzt den Jeep. Ich sprang aus dem Wagen, schloss das Garagen-tor und hetzte zur Tür, die durch die Garage ins Haus führte. Ich schloss auf, machte einige Gaslampen an, schlüpfte im Schlafzimmer aus meiner dicken Winterjacke und eilte dann, ein Stoßgebet zum Himmel sendend, wieder zum Jeep zurück. Ich riss die hintere Tür auf und holte erst einmal tief Luft. Dann griff ich nach dem jungen Mann und versuchte, ihn in eine sitzende Position zu ziehen.

Als ich das geschafft hatte, legte ich ihm zwei Finger an die Halsschlagader und atme-te erleichtert auf, als ich schwachen Puls fühlte. Jetzt kam ein hartes Stück Arbeit. Der Junge war groß, mindestens 1,90 m und wog dementsprechend, obwohl er schlank und durchtrai-niert war. „Okay, dann wollen wir mal! Kraftsport soll ja gut sein ...“ flüsterte ich leise. Ich packte den jungen Mann unter den Achseln und war dankbar, dass er ohne Besinnung war. So spürte er wenigstens keine Schmerzen. Es kostete mich fast 10 Minuten, bis ich ihn aus dem Wagen ins Haus, durch den Flur ins Schlafzimmer und dort aufs Bett gehievt hatte. Mir zitter-ten vor Anstrengung die Knie und ich war schweißgebadet. Aber er lag jetzt auf dem Bett. Als ich wieder zu Atem gekommen war, rannte ich ins Badezimmer und raffte dort Handtücher, Waschlappen, und einen erstklassig ausgestatteten Erste Hilfe Kasten an mich und schleppte alles ins Schlafzimmer. Ich hatte meine dicke Winterjacke vorhin achtlos auf den Boden ge-worfen und stieß sie jetzt mit dem Fuß noch ein wenig weiter aus dem Weg. Dann zog ich mir einen kleinen Tisch ans Bett, der im Schlafzimmer stand. Dort stellte ich alles ab und eilte dann in die Küche. Hier griff ich mir einen Eimer, der unter der kleinen Spüle im Schrank stand und füllte ihn mit Wasser. Auch diesen schleppte ich ins Schlafzimmer und jetzt kam Teil zwei der Kraftanstrengung: Ich musste meinem Patienten irgendwie die Kleidungsstücke ausziehen. Wer schon einmal einen besinnungslosen Menschen bewegt hat, weiß, wie schwer ein solcher Mensch ist! Ich kämpfte minutenlang, dann war ich erneut klatschnass geschwitzt, aber der junge Mann lag jetzt nur noch in Boxershorts vor mir. Und nun endlich konnte ich mich seinen Verletzungen widmen.

Die Wunde an seiner Seite, sowie die an den Oberschenkeln waren offensichtlich Ein-stiche, aber zu klein für ein Messer. Es wirkte eher, als hätte ihm jemand einen kleinen Schraubendreher in den Körper gerammt. Die Wunden waren nicht wirklich gefährlich, aber geschickt an sehr schmerzempfindlichen Stellen platziert. Ich reinigte sie gründlich, dann leg-te ich hier Pflasterverbände an. Jetzt musste ich mich um die Schusswunde kümmern und ich rollte den jungen Mann auf den Bauch. Der Rücken war voller Blut und ich spülte den Waschlappen aus. Dann begann ich, das Blut fort zu wischen. Und konnte jetzt endlich sehen, dass die Kugel etwa in Höhe des dritten Brustwirbels und ziemlich mittig, ganz leicht nach rechts versetzt, in seinen Rücken gedrungen war. Ich eilte in den kleinen Flur und suchte hek-tisch nach der leistungsstarken Taschenlampe, die im Flurschrank lag. Damit hetzte ich ins Schlafzimmer zurück. Mit Hilfe einer Pinzette erweiterte ich das Einschussloch und konnte die Kugel schließlich sehen. „Verdammt!“ Ich fluchte ungehalten. Sie stecke im Querfortsatz des Brustwirbels! „Oh, Gott!“ Ich überlegte hektisch. Raus musste sie. Wenn der junge Mann zu sich kommen sollte, während ich an seiner Wirbelsäule herum stocherte, und sich bewegte, konnte das eine Querschnittslähmung oder sogar seinen Tod bedeuten. „Es tut mir Leid!“ sag-te ich leise. Dann eilte ich in die Garage und raffte alles zusammen, was ich an Stricken fin-den konnte. Damit kehrte ich ins Schlafzimmer zurück. Dann begann ich, dem Jungen Hand und Fußgelenke so stramm es ging an die Bettpfosten zu fixieren. Das war mir jedoch noch nicht sicher genug. Ich schob zwei Stricke unter ihm hindurch, schlang sie einmal um seinen Körper und zog sie dann nach rechts und links stramm. Die Enden verknotete ich fest am Bettgestell. Ein Strick lag nun um seine Hüfte, der andere so hoch es ging um seinen Brust-korb. Einen letzten Strick warf ich über einen der Trägerbalken über dem Bett und band die Taschenlampe daran fest. Sie hing nun ziemlich genau über dem Einschussloch.

Ich legte mir Watte, ein Skalpell, zwei Pinzetten und Verbandsmaterial bereit. Überle-gend sah ich alles noch einmal an, dann schüttelte ich den Kopf. Was, wenn ich die Kugel mit der Pinzette nicht aus dem Knochen bekam? Okay, also noch einmal in die Garage und nach einer möglichst kleinen Zange suchen! Zum Glück war mein Großvater ein echter Handwer-ker und pedantisch ordentlich mit seinem Werkzeug gewesen und so fand ich auf der aufge-räumten Werkbank eine kleine, spitz zulaufende, erstaunlich saubere Zange. Ich nickte zu-frieden. Damit müsste es gehen! Zum Glück hatte ich genug antiseptische Reinigungslösung da, und in diese legte ich die Zange für einige Sekunden. Dann desinfizierte ich das Ein-schussloch, sagte leise „Es tut mir so Leid!“ und erweiterte dann das Einschussloch mit einem kleinen Schnitt. Mein Patient stöhnte auf, kam aber nicht wirklich zu sich. Erst, als ich das Loch mit einer Pinzette auseinander drückte, wachte er keuchend vor Schmerzen auf. Ich konnte darauf jetzt keine Rücksicht nehmen und war dankbar für die Eingebung, ihn fixiert zu haben. Er konnte sich wirklich kaum einen Zentimeter bewegen und das war auch gut so! Ich sondierte jetzt mit der Zange vorsichtig die Wunde, bis ich auf Widerstand stieß. Mitleidig sagte ich „Das wird jetzt sehr weh tun!“ Dann versuchte ich entschlossen, die Kugel zu fassen zu bekommen. Zwei mal rutschte ich ab, dann spürte ich, dass die kleinen Greifbacken sich fest um die Kugel schlossen. Ich atmete tief durch und betete, dass ich jetzt keinen Fehler machte! Dann begann ich, die Kugel langsam, und so gerade wie möglich, aus dem Knochen zu lösen. Der wehrlose junge Mann quittierte meine Behandlung mit gequälten Schmerzens-schreien und versuchte verzweifelt, sich loszureißen, um den Schmerzen ein Ende zu machen. Endlich hatte ich die verdammte Kugel heraus! Und jetzt verlor mein Patient zum Glück auch wieder die Besinnung.

Ich reinigte die Wunde noch einmal gründlich, dann legte ich auch hier einen festen Druckverband an. Erst dann wusch ich das restliche Blut von seinem Rücken, so gut es ging. Nun war nur noch sein zerschlagenes Gesicht an der Reihe. Ich löste die Fesseln und warf die Sticke auf den Boden. Vorsichtig drehte ich den Jungen dann wieder auf den Rücken und beugte mich über ihn. Ich begann sanft, das Blut von seinem Gesicht zu waschen. Und natür-lich musste er nun wieder aufwachen. Als er sah, dass sich jemand über ihn beugte, keuchte er angstvoll auf und versuchte, nach mir zu schlagen. „Haut ab ... Lasst mich ... Bitte ...“ keuchte er panisch. Ich hatte keine Schwierigkeiten, seine Hände zu greifen und diese festzuhalten. Der junge Mann war viel zu geschwächt, um ernsthaft Widerstand leisten zu können. Leise und beruhigend redete ich auf ihn ein. „Ganz ruhig. Pssst. Ich will Ihnen nichts tun. Beruhigen Sie sich. Sie sind in Sicherheit, okay. Ich helfe Ihnen.“ Minutenlang redete ich so mit Engels-zungen auf ihn ein und ganz langsam entspannte er sich ein wenig. Er tat mir unendlich Leid. So zugeschwollen seine Augen auch waren, strahlten sie dennoch panische Angst aus. Ich wartete noch eine Weile, dann fragte ich leise „Alles klar? Ich muss Ihr Gesicht reinigen, o-kay? Ich versuche, Ihnen nicht unnütz weh zu tun, aber die Wunden müssen gereinigt wer-den.“ Hatte ich vorher seine Hände fest gehalten, war es jetzt der junge Mann, der sich an meine Hände klammerte. Sein Zittern, das ich bis eben gespürt hatte, ließ langsam nach und sein Kopf sank ins Kissen zurück. „Okay ...“ quetschte er mühsam hervor.

Angstvoll wartete er auf die Behandlung und ich begann, das Blut so sanft und vor-sichtig wie möglich abzuwaschen. Er hielt jetzt still, zuckte nur an besonders tiefen Platzwun-den aufzischend vor Schmerzen zusammen. Endlich hatte ich alles Blut abgewaschen und verarztete die vielen kleinen Wunden. Einige Minuten später zierten diverse Pflaster sein Ge-sicht. Aber das Blut war weg und er sah nicht mehr wie ein Monster aus. Vollkommen er-schöpft lag er still. Ich hob sanft seinen Kopf etwas an, zog das Blut-, und Wasser verschmier-te Kissen unter ihm hervor und ersetzte es gegen das sauber zweite Kissen vom anderen Bett. Dann zog ich das Zudeck unter ihm heraus und deckte ihn damit zu. Er reagierte nicht mehr und ich dachte, er sei wieder besinnungslos, aber plötzlich sagte er leise und schwach „Kann ... Kann ich Wasser ... bekommen?“ Ich griff den Eimer und erwiderte „Natürlich, ich hole Ihnen etwas.“ In der Küche schüttete ich das Wasser in die Spüle und griff dann aus der Spei-sekammer eine Flasche Perrier. Damit kehrte ich ins Schlafzimmer zurück. Ich setzte mich neben den jungen Mann auf das Bett, drehte die Flasche auf und hob erneut sanft seinen Kopf an. Vorsichtig ließ ich ihn Trinken. Dankbar murmelte er irgendwas und ich ließ seinen Kopf zurück sinken. Und eine Minute später war ich sicher, dass er tief und fest eingeschlafen war!

Ich räumte im Schlafzimmer auf, dann ging ich erneut in die Küche. Ich machte im Herd Feuer und kurze Zeit später stand ein Topf mit Dosensuppe über den Flammen, und ein zweiter Topf mit Wasser. Ich schnappte mir eine Kaffeekanne, Filter und Kaffee und brühte mir die ganze Kanne voll auf. Während der Kaffee durchlief, feuerte ich den großen Kamin, der das ganze Haus beheizte, an. Als das Feuer schließlich vernünftig brannte, nahm ich mir meine Suppe, die Thermoskanne mit dem Kaffee, eine Tasse und marschierte dann ins Schlaf-zimmer zurück. Während ich die heiße Suppe aß, hatte ich erstmals Zeit, über das nachzuden-ken, was in den letzten drei Stunden geschehen war. Und plötzlich überkam mich das große Zittern. Ich griff mir eine Decke aus dem Schrank, wickelte mich darin ein und setzte mich dann wieder ans Bett des Verletzten. Ich konnte es nicht fassen! Um 17 Uhr war meine Welt noch in Ordnung gewesen. Und jetzt saß ich hier bei einem mir vollkommen unbekannten jungen, schwer verletzten Mann am Bett. Man hatte auf mich geschossen. Irgendjemand hatte versucht, den Jungen umzubringen! Und sicherheitshalber mich gleich mit, vermutlich als unliebsame Zeugin. Das gab es doch alles nicht! Ich wusste ja nicht einmal, ob ich hier einen Verbrecher gerettet hatte!

Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte. Dann begann ich rational darüber nachzudenken, wie es weiter gehen sollte. Wenn ich mir mit dem jungen Mann eine Laus in den Pelz gesetzt hatte, war ich ganz schön angeschissen. In den nächsten Tagen würde keine Gefahr von ihm ausgehen, die Verletzungen waren zu schwerwiegend und er hatte zu-viel Blut verloren. Sollte ich das Gefühl haben, er wäre eine Gefahr, würde ich Gegenmaß-nahmen ergreifen. Ich würde auf jedem Fall auf Nummer sicher gehen. Sobald ich merken würde, dass es ihm besser ging und er zu Kräften kam, würde ich ihm die Hände zu meiner eigenen Sicherheit ans Bett fesseln, bis ich sicher sein konnte, was und wer er war. Erst ein-mal war er für mich nur ein junger Mann, der verzweifelt Hilfe benötigt hatte. Alles andere würde sich in den nächsten Tagen zeigen. Ich griff nach seinem linken Handgelenk und taste-te nach dem Puls. Ein Blick auf meine Armbanduhr zeigte mir, dass dieser zwar langsam, aber kräftig schlug. Eine Haarsträhne war dem Verletzten in die Stirn gerutscht und meine Finger reagierten von selber: Ich strich sie ihm sanft aus der Stirn. Ich war ziemlich fertig, und so überlegte ich nicht mehr lange. Ich warf den Kamin noch einmal randvoll und schütte-te Kohle oben auf das gestapelte Holz. Dann kehrte ich ins Schlafzimmer zurück, legte mich neben meinen Patienten auf das Bett und war Minuten später eingeschlafen, sicher, mitzube-kommen, falls der Verletzte unruhig werden würde.


TRAILER

So saß ich am Morgen des dritten Tages neben ihm auf dem Bett und wartete, dass er endlich aufwachen würde. Und er tat mir den Gefallen. Noch bevor er richtig bei sich war, merkte er, dass er gefesselt war. Er riss die Augen auf, in denen nackte Panik flackerte, und keuchte entsetzt „Lasst mich in Frieden, ihr Schweine!“ Er zerrte an den Fesseln, in der verzweifelten Hoffnung, frei zu kommen, aber meine Knoten hielten.
 
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