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von Stoffpferd
erstellt: 07.05.2009
letztes Update: 17.06.2010
Geschichte, Thriller / P18
(abgebrochen)
Blutiges Handwerk
3
Zu Risiken und Nebenwirkungen...
„Der Tod ist heute furchtbar launisch.“
[Léon – der Profi]
Als ich vor vier Jahren bei Nacht in eine Triage bei einer gigantischen Massenkarambolage auf dem Gotham Highway eingeteilt worden war und im Dunkeln versuchen musste, Patienten nach dem Schweregrad ihrer Verletzungen einzustufen, hatte ich geglaubt, unter widrigen Bedingungen arbeiten zu müssen. Doch rückblickend war die Verletztenversorgung bei Nacht und Nebel in klammer Kleidung und dürftiger Sicht ein Kinderspiel gewesen im Vergleich zu dem, was mir jetzt blühte. Obwohl ich seit Beginn meines Medizinstudiums in Gotham lebte, hatte mir noch niemand eine Waffe an den Kopf gehalten. Erstrecht nicht, wenn ich dabei operieren sollte.
Ich vermied es, in den Lauf der Pistole zu schauen, der kreisrund wie ein schwarzes Auge auf mich gerichtet war. Es waren nur wenige Minuten vergangen, seit ich begonnen hatte, die Wunde mühselig freizulegen und doch kam es mir vor, als flösse die Zeit wie zäher Sirup dahin. Ich drehte das Messer in meiner Hand, festigte meinen Griff und führte die Klinge trotzdem noch nicht in den Wundkanal ein. Hätte ich ein Skalpell zur Hand gehabt, eine filigrane Schneide, die sich ganz und gar der Form meiner dirigierenden Hand fügte, wäre es mir leichter gefallen. So aber blieb mir nur das verhältnismäßig klobige Messer des Jokers, das beidseitig scharfkantig war und mittig von einer Lücke durchzogen war, die an einen Gemüseschäler erinnerte. Wie sollte ich mit so einem Ding einen chirurgischen Eingriff durchführen, ohne mehr Schaden anzurichten als zu beheben? Ich versuchte erneut das Messer anzusetzen, aber zögerte erneut. Schuld daran war auch das beunruhigende Summen, das der Joker die ganze Zeit über auf seinen zerklüfteten Lippen trug, so als könnte ihn kein Wässerchen trüben, ganz zu schweigen von einer schwerwiegenden Verletzung, die ihm das Leben kosten konnte.
„Worauf wartest du noch, mein Täubchen, hm? Dass...äh...die Kugel aus lauter Langeweile von selbst herauskommt, um sich ein spannenderes Örtchen zu suchen?“ Ich schaute zu ihm auf, sah, dass er mich durch den großen Rückspiegel bestens im Blick hatte, und sagte nach kurzem Zögern: „Ich kann so nicht...nicht arbeiten...“ Ich heftete meinen Blick auf sein blutdurchtränktes Hemd, das an seiner Haut kleben musste und sich in dunkles Lila verfärbt hatte.
„Ah, warum sagst du das denn nicht gleich, hm? Musst...erst in...äh...Stimmung kommen, wie? Geht mir auch immer so...“ Er beugte sich vor und drehte das Autoradio an, das irgendeinen scheußlichen Song einer Möchtegernsängerin plärrend wiedergab. Ich starrte ihn perplex an, irritiert von dieser sonderbaren Handlung, während er fortfuhr: „Weißt du, ich würde mich ja auch selbst um dieses...Malheurchen kümmern, aber in Ermangelung eines dritten Armes bedarf ich deiner bezaubernden Assistenz.“ Seine sehr gewählte Form, sich auszudrücken, überraschte mich. Es wollte nicht so recht zu seinem ungepflegten Äußeren, dem wirren Haarschopf, der überschminkten entstellten Visage und der paradiesvogelähnlichen Kleidung passen, lehrte mich aber, ihn nicht zu unterschätzen. Er mochte herumlaufen wie ein heruntergekommener Zirkusclown, aber das machte ihn nicht automatisch zu einem Dummkopf.
„Das...das meinte ich nicht...“, ich blinzelte und schüttelte mich leicht, versuchte, mich nicht von der Dudelei aus dem Radio ablenken zu lassen, die fernab jeglicher musikalischer Zumutbarkeit lag. Ich war nervös, mein Herz überschlug sich beinahe, angetrieben von zu viel Adrenalin, das allein durch die Anwesenheit des Jokers in Unmengen ausgeschüttet wurde, und gleichzeitig war ich auch hundemüde, geschlaucht von zu vielen Stunden ohne Schlaf.
„Ich kann hier unmöglich...unmöglich operieren. Das Licht reicht nicht aus, ich habe nichts, um zu desinfizieren und mit diesem Messer...“ Ich verstummte, wartete ab. Der Joker betrachtete mich über den Rückspiegel, Ungeduld und die Lust, mit mir kurzen Prozess für meine Aufmüpfigkeit zu machen, spiegelte sich in seinen dunkelbraunen Augen. Doch dann beugte er sich wieder vor und kramte im Handschuhfach des Transporters herum, leises Rascheln von Papier und Folie drang an mein Ohr. Letztlich zog er etwas Längliches daraus hervor und drückte es mir in die Hand. Es war eine noch verschlossene Flasche billigen Fusels. Ich konnte die abgegriffene, verblichene Schrift auf dem blauen Etikett nicht mehr lesen. Wenn der Schnaps noch nicht hochprozentig gewesen war, als man ihn in diesem Fach abgelegt hatte, so schien er genügend Jahre auf dem Buckel zu haben, um mittlerweile ausreichend gegoren zu sein.
„Was...?“, begann ich, doch der Joker unterbrach mich brüsk, schien dem Klang meiner fragenden Stimme nicht viel abgewinnen zu können. „Zum Desinfizieren. Jetzt hast du ja was.“ Ich blinzelte verdutzt und drehte die Flasche in meiner Hand. Sie fühlte sich angenehm kühl an meinem überhitzten, schwitzigen Körper an.
„Ich...“, hob ich an, aber beschloss, dass es besser war, zu schweigen, wenn ich mir keine Kugel im Gesicht fangen wollte. Ich schraubte die Flasche auf. Kaum war der Deckel zu Boden gefallen und mit einem hohlen Klappern gelandet, stach mir der unangenehme Geruch gegorenen Alkohols entgegen. Es war weißer Rum, ein für mich sehr bekannter Duft, hatte er sich schließlich während meiner Teenagerzeit wie eine Dunstglocke um meine Mutter gelegt. So auch an dem Tag, als sie meinem Schulabschluss beiwohnte und zu betrunken gewesen war, um Fotos zu schießen.
Ich verdrängte diese Assoziation und beträufelte meine Hände mit dem scharf riechenden Rum, der sich wie Wasser über meine Hände ergoss. Ich wusste nicht, ob die Desinfektion ausreichend sein würde, aber dass Alkohol Keime abtötete, war weithin bekannt und zumindest ein verwertbarer Ansatz für einen Eingriff. Ich riss an meinem Ärmel, der nur widerwillig nachgab und mir einen kleinen Fetzen Stoff bot. Diesen tunkte ich dann in den Alkohol und wischte das Messer sorgfältig damit ab, bis es wie poliert schimmerte. Mit der anderen Seite versuchte ich die Wunde zu säubern. Jeden normalen Menschen hätte die brennende Schärfe, die der Alkohol in der blutenden, offen liegenden frischen Wunde verursachte, zumindest zusammenzucken lassen, doch der Joker schien es völlig unbeteiligt hinzunehmen. Einzig an seinem etwas stockendem Atem merkte ich, dass er den Schmerz überhaupt wahrnahm. Entweder verfügte er über eine ungeheuerliche Selbstbeherrschung oder er hatte sich auf eine mir nicht erkenntliche Art und Weise betäubt. Ich lotste die Stofffetzen seines zerrissenen Hemdes beiseite, um den Wundkanal gänzlich freizulegen, aber immer wieder bedeckten Fasern des Kleidungsstücks die zu versorgende Stelle. Ich seufzte frustriert und murmelte: „Würden Sie...würden Sie sich bitte freimachen?“
Ich war mir wohl bewusst, dass er meine Aufforderung zweideutig auffassen würde und reagierte entsprechend gefasst, als er so lasziv grinste, wie es sein verstümmelter Mund zuließ, und seine Zunge befeuchtend über seine roten Lippen fahren ließ. „Für dich doch immer...meine Süße.“
Ich erwiderte nichts, behielt meine Abscheu, die er zweifelsohne auch ohne jedwede Äußerung meinerseits wahrgenommen hatte, für mich und wartete, bis er sich seines Hemdes entledigt hatte. Der Stoff klebte wegen Blut und Schweiß widerspenstig an seinem linken Rippenbogen. Gut möglich, dass die Kugel seine Lunge verletzt hatte. In dem Fall konnte ich aber nicht viel für ihn tun, außer das Projektil entfernen und die Wunde desinfizieren. Ich hatte noch nicht einmal Garn hier, um die Wunde wieder zu schließen, geschweige denn sterile Verbände. Er löste den Knoten seiner Krawatte und warf diese samt Hemd und Weste beiseite. Sein Oberkörper war hager und bleich, hob sich deutlich sichtbar von den Schatten ab, die von dem Innenraum des Lieferwagens Besitz ergriffen hatten. Der Einschuss befand sich im mittleren Drittel seiner Rückenpartie. Es war bereits so viel Blut aus der Wunde ausgetreten, dass dessen unterste Schicht bereits geronnen war. Ich gab mehr Rum auf den Stofffetzen und betupfte zaghaft die Wunde damit, reinigte sie von den zerschlissenen Fasern seines Hemdes und unsichtbaren Keimen. Ich legte die linke Hand auf sein Schulterblatt, spürte seine warme und feucht geschwitzte Haut und konzentrierte mich auf die Wunde, blendete die Waffe aus, die er wieder auf mich richtete.
„Das wird jetzt wehtun“, kündigte ich leise an, doch er beantwortete meine Warnung nur mit kehligem Gelächter. Als ich den ersten Schnitt machte, um den Wundkanal zu erweitern, schwoll sein Gelächter zu immer lauterem und unkontrollierterem Prusten an. Es war, als kitzelte ihn die Klinge, anstatt ihm Schmerzen zuzufügen, die er zweifellos empfinden musste ohne jegliche Anästhesie. Es war verstörend, ihn lachen, fast keifen zu hören, während ich mit dem blutdurchtränkten Stoffrest das Blut wegtupfte, um bessere Sicht zu erhalten. Ich schwitzte, wischte mir mit dem Handrücken eine Strähne aus der Stirn und zog den Schnitt weiter nach rechts, spreizte das blutige Fleisch leicht auseinander, und sah das Projektil. Es steckte etwa sechs Zentimeter tief in ihm, hatte seine Rippen gestreift, die wiederum Schlimmeres verhindert hatten, und war in eine diagonale Richtung abgelenkt worden. Ich verzog den Mund, hätte ein Königreich für einen Sauger gegeben, der die Unmengen an sauerstoffarmem Blut beseitigt und mir somit freie Sicht gewährt hätte. Der Oberkörper des Jokers, ein einziges Minenfeld aus Narben und alten Wunden, bebte unter seinen Lachsalven, sodass ich Mühe hatte, ihn nicht noch schlimmer und unnötig zu verletzen.
Ich hätte es in der Hand gehabt, ihn zu töten, keine Frage. Ein präziser Schnitt hätte genügt, um seine Lunge kollabieren oder ihn verbluten zu lassen. Aber zu töten war nicht mein Handwerk. Mein Handwerk war es, Leben zu retten und ich hatte lange genug eingebläut bekommen, dass es nicht Aufgabe des Chirurgen war, die Wertigkeit eines Menschen zu beurteilen. Ich hatte einem Kinderschänder das Leben gerettet, hatte Insassen Arkhams behandelt, den so genannten Abschaum der Gesellschaft, den ebenjene zu gern tot gesehen hätte. Aber ich blendete Emotionen aus, wenn es um die Arbeit ging. Wenn ich anfing, zu werten und zu urteilen, wurde ich meiner Gilde nicht mehr gerecht. Über einen Menschen zu richten lag in den Händen der Justiz; in meinen lag lediglich die Aufgabe, den Wettlauf gegen den Tod zu gewinnen.
„Bitte...halten Sie still so gut es geht.“ Warum ich so förmlich mit ihm sprach, wusste ich genauso wenig. Vielleicht eine meiner bescheuerten Angewohnheiten, meine Marotte, zu allem Neuen erst einmal Distanz zu wahren. Und der Joker, so viel war sicher, war der Letzte, zu dem ich mir aus freien Stücken Nähe wünschte.
„Ich soll still halten? Frau Doktor, vielleicht solltest du...deine Nervosität besser im Zaume halten.“ Er sprach klar und deutlich, so als würde ich ihn nur massieren und nicht in seinem Innersten zu Werke gehen. Ich wollte etwas entgegen setzen, doch dann merkte ich, dass ich wirklich heftig zitterte. Ich litt nicht unter einem Tremor, denn der hätte das vorzeitige Karriere-Aus für mich bedeutet; es gelang mir nur nicht, meine Angst vollends auszublenden.
„Wenn Sie keine Waffe auf mich richten würden, hätte ich auch keinen Grund, unruhig zu sein“, argumentierte ich und kniff die Augen zusammen.
Die Kugel hatte eine Kerbe in die vierte Rippe geschlagen. Die abgesplitterten Knochenpartikel bohrten sich in seine Lunge. „Oh, du musst dich nicht schämen“, meinte er in seinem fröhlichen Singsang, der nichts Gutes zu verheißen hatte, „Frauen tendieren dazu, in meiner Gegenwart...äh...nervös zu werden. Muss an meinem...bestechenden Charme liegen.“ Ich verzog den Mund zu einer ungläubigen Grimasse. Wohl eher an dem Bataillon Messer, das er mit sich führte. Die Pistole richtete er nach wie vor auf mich.
„Ich...brauche eine Pinzette oder so etwas...damit ich das Projektil entfernen kann.“ ‚Und die Knochensplitter’, fügte ich gedanklich hinzu, doch die würden noch ein echtes Problem darstellen. Ich wusste nicht, wie tief sie das Lungengewebe perforiert hatten und ob eine Selbstheilung möglich sein würde. Mit besserem Operationsmaterial oder einem Ultraschallgerät hätte der Blutung Abhilfe verschafft werden können, so aber musste ich darauf hoffen, dass dieser allem Anschein nach hartgesottene Bursche nicht an den Folgen des Eingriffs sterben würde.
Er kramte mit der freien Hand in einer der Manteltaschen herum und holte ein Schweizer Taschenmesser heraus, drehte sich zu mir um und griente hässlich: „Du bekommst alles, was du dir wünschst, Frau Doktor...vielleicht...äh...ist auch der Korkenzieher recht nützlich.“ Dass er in seiner Situation noch makabere Scherze reißen konnte, war bezeichnend. Auf den Korkenzieher verzichtete ich zwar, aber die integrierte Pinzette erwies sich als äußerst nützlich. Ich biss die Zähne zusammen und führte die schmalen, ebenfalls mit Rum desinfizierten Blätter der Pinzette in die Wunde ein. Wenn er sich keine Schmerzen anmerken ließ, dann tat ich das für ihn. Jeder normale Mensch hätte vor Schmerzen und Angst geschrieen oder wäre durch Schutzreaktionen des eigenen Körpers in Ohnmacht gefallen. Aber er saß da, so als würde ich nur an ihm Maß nehmen, um ihm einen neuen Anzug zu schneidern. Irgendwann würde selbst die größte Selbstbeherrschung einbrechen und dann...war es nicht unmöglich, dass er mehr aus Reflex als aus Absicht den Abzug seiner Waffe betätigen würde. Ich hatte also durchaus Grund, mich um ihn zu sorgen.
Ich bekam das Projektil zu fassen und zog es heraus, Millimeter für Millimeter, bewegte meine Hand sehr langsam, um die Kugel nicht wieder zu verlieren. Als ich sie draußen hatte, erlaubte ich mir zum ersten Mal, wieder Luft zu holen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich den Atem angehalten hatte. Ich ließ die Kugel in die Brusttasche meines Hemdes gleiten und schraubte erneut die Flasche auf, deren Inhalt ich bis zur Hälfte geleert hatte.
„Durstig, oh my darling Clementine?“, wollte er mit einem keuchenden Lachen wissen und in seinem Spiegelbild sah ich, dass er stark genug schwitzte, dass sein Make-up deutlich sichtbar verlief. Sein Geist mochte stark und frei sein, aber sein Körper gehorchte immer noch naturwissenschaftlichen Gesetzen. Ein leichtes Zittern ging durch seine Rückenmuskulatur, es war, als flösse ein leichter Strom durch seine Venen. Die Pistole bebte unstet, ich wartete fast schon darauf, einen scheppernden Knall zu hören, das letzte Geräusch meines Lebens, doch es blieb aus. Es bestand die Möglichkeit, dass er bluffte und die Waffe nicht geladen oder gesichert war, aber das wagte ich nicht wirklich zu hoffen. Darauf zu setzen, dass jemand wie der Joker bluffte, glich mit vollem Einsatz an einer Runde russischen Roulettes teilzunehmen, nur dass nicht eine Patrone in der Pistole steckte, sondern fünf.
Meine Hände stanken nach Fusel und Blut, einer eigenwilligen Mischung.
„Die Kugel hat Ihre Rippe gestreift. Teile des Knochens haben die Lungenwand durchstoßen...ich weiß nicht, ob ich alles entfernen kann...endoskopisch wäre es möglich, so aber...“, murmelte ich nervös und befeuchtete meine trockenen Lippen. Auf ihnen schmeckte ich das Salz von Schweiß und Tränen sowie den eigenwillig metallischen Geschmack meines Blutes. „...aber es wäre das Beste, wenn Sie sich in einem Krankenhaus versorgen ließen...“
Das brachte ihn zum Lachen, woran er sich verschluckte und ins Husten geriet. „Oh, ich...war heute schon einmal in einem Krankenhaus...im Gotham General...hat mir nicht sonderlich gut gefallen. Hab es in die Luft gejagt.“ Der geschäftsmäßige Ton, in dem er dies verlauten ließ, bereitete mir Unbehagen. Es hätte genauso gut das Metropolitan gewesen sein können. Dann hätte ich zwar meinen Job verloren, aber mir wäre vermutlich eine Begegnung mit diesem Wahnsinnigen erspart geblieben.
„Ich meine es ernst...“, begann ich und versuchte mich nicht von seinen Worten ablenken zu lassen, während ich mit der Pinzette und dem spärlichen Licht meiner kleinen Leuchte, die ich zur Untersuchung von Pupillenreaktion in meiner Brusttasche herumtrug, nach den winzigen Knochensplittern fischte. Es war, als versuchte man mikroskopische Gräten aus einem riesigen Fischfilet zu entfernen. „Wenn Sie nicht die nötige medizinische Nachsorge bekommen...“
„Ja, du meinst es ernst, so ernst, liebe Dr. Clementine...das Leben ist zu kurz, um alles ernst zu nehmen...insbesondere sich selbst. Weißt du...so viele Menschen verschwenden ihre befristete Zeit damit, sich zu plagen und sich Sorgen zu machen. Du bist da nicht anders, hab ich Recht, hm? Vor lauter...Ernst vergessen Menschen wie du, wie...unterhaltsam das Leben eigentlich ist.“ Ich schaute auf und war beunruhigt von seinem durchdringenden Blick, der mich nur über die Reflexion des Spiegels erreichte.
„Ich vergesse Spaß nicht“, reagierte ich auf seinen unterschwelligen Vorwurf, „aber genauso wenig vergesse ich, dass Verantwortung für das eigene Leben und das Leben meiner Mitmenschen das Grundgerüst unserer Gesellschaft ist.“ Ich wusste nicht, warum ich überhaupt auf seine Bemerkung einging, lenkte er meinen Ratschlag schließlich auf völlig andere Bahnen. Vielleicht war es mir ein innerstes Bedürfnis, die verkorkste Weltanschauung dieses Terroristen zu korrigieren. Genauso gut hätte ich versuchen können, gegen den Wind zu pinkeln und mich dabei nicht selbst nass zu machen.
Der Joker gluckste und grinste dann grimmig. Seine Augen funkelten belustigt, während er murmelte: „Oh, Clementine, oh Clementine...das Grundgerüst deiner Gesellschaft steht auf wackeligen Pfeilern, und ich werde ihnen den letzten Schubser geben, der nötig ist, um sie umzustoßen...es liegt in der Natur des Menschen, sich um sich selbst zu scheren. Mit...ehrenhafter...Verantwortung hat das nicht viel zu tun. Wenn es hart auf hart kommt...ist jeder nur sich selbst der nächste. Oder...hältst du dich für die große Ausnahme? Hm?“ Er hob selbstgerecht die Augenbrauen und folgte mit der Zunge der schrägen Kerbe auf seiner Unterlippe, nur um sie schmatzend wieder einzufahren.
„Sie sollen nicht von sich auf andere schließen, Mr…Joker.“ Ich widmete mich wieder seiner Verletzung, bereute meine vorlaute Äußerung sofort. Ich hätte überhaupt nicht auf seine Worte eingehen sollen, hätte ihn ignorieren und meine Arbeit machen sollen. Aber es war schwierig, ihn zu übergehen. Genauso gut hätte man versuchen können, es auszublenden, wie ein Hammer kontinuierlich auf ein und dieselbe Stelle des eigenen Daumens niedersauste. Ich hatte mich provozieren lassen, und wenn das bedeutete, dass ich mir dafür eine Kugel in den Kopf einhandelte, hatte ich mir das selbst zuzuschreiben.
„Du bist nicht anders, Frau Doktor...nein, das bist du nicht“, hörte ich ihn leise murmeln und wusste auch ohne aufzusehen, dass er mich mit seinem Blick taxierte. Ich presste die Lippen aufeinander und konzentrierte mich auf meine Arbeit. Es konnte mir doch egal sein, für was für einen verlogenen und egozentrischen Menschen er mich hielt. Ich dachte an Jamie und hielt an ihm fest. Für ihn musste ich das hier durchstehen, allein damit ich alles nachholen konnte, was ich ihm versprochen, aber nie erfüllt hatte. Zum Beispiel zu einem Spiel der Gotham Goliaths zu gehen. Ich hasste Baseball, aber ich liebte mein Kind und für meinen Sohn lohnte es sich, durchzuhalten und das Gerede des Jokers über mich ergehen zu lassen.
Ich bekam einen der größeren Splitter zu fassen und entfernte ihn aus der Wunde, tupfte mit dem in Alkohol getränkten Tuch die stärker blutende Wunde ab. Die Perforationen des Lungengewebes waren, soweit ich es beurteilen konnte, nur geringen Ausmaßes, allerdings konnte das verletzte Gewebe jederzeit weiter einreißen und das Organ dauerhaft schädigen. Die Splitter hatten als Art Pfropf fungiert, der die Blutung im Zaum gehalten hatte. Hätte ich sie jedoch in der Wunde belassen, wäre es gut möglich gewesen, dass die Rippenpartikel gänzlich in die Lunge eingedrungen wären. Und dort hätten sie weitaus größeren Schaden verursacht.
„Ich brauche Garn“, sagte ich, „sonst kann ich die Wunde nicht schließen und dann...verbluten Sie.“ Mir wurde immer wärmer und die Hitze trug dazu bei, dass sich meine Glieder mit bleierner Müdigkeit füllten. Meine Konzentrationsspanne verringerte sich zusehends, ich ließ mich zu leicht ablenken. Von Schweißtropfen, die gemächlich über meine Schläfen rollten oder dem Geplänkel aus dem Autoradio.
„Bist du verheiratet, Clementine?“
Ich schaute irritiert zu ihm auf und stellte fest, dass er den Ring an meinem linken Ringfinger entdeckt haben musste, als ich meine Hand auf seiner Schulter platziert hatte.
„Was?“, brachte ich verwirrt hervor. Wenn es sein dringendstes Bedürfnis war, dass ich seine Verwundung verarztete, verstand ich nicht, warum er ständig über völlig andere Dinge sprach. Das hier war keine gemütliche Kaffeerunde, das war eine Entführung. Es war mir unklar, warum mein Beziehungsstatus für ihn von Interesse sein sollte.
„Verheiratet. Bist du...äh...jemandem versprochen bis dass der Tod euch scheidet?“ Er schien ein Anhänger besonders makaberer Wortwitze zu sein, aber das Lachen wollte mir im Halse stecken bleiben. Ich begegnete seinem verstörenden, seltsam wissenden Blick ein wenig zu lang, schlug dann die Augen nieder und schluckte. Der Griff um mein notdürftiges Werkzeug verfestigte sich. „Garn. Ich brauche Garn“, erwiderte ich nur, noch immer ohne ihn anzusehen.
Er wartete einen Moment ab und als ich schon befürchtete, er würde nicht reagieren, bis ich seine Frage beantwortet hatte, regte er sich plötzlich, beugte sich vor und warf einen seiner Schuhe über seine Schulter. „Was anderes hab ich nicht“, meinte er leichthin und ich blinzelte auf den braunen Halbschuh, der neben mir gelandet war. Meinte er etwa die Schnürsenkel? Obgleich sie nicht sonderlich dick waren, hätte ich sie unmöglich im Ganzen durch seine Haut fädeln können. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie aufzudröseln und darauf zu hoffen, dass sie ihren ungewöhnlichen Zweck erfüllten. Ich zog sie aus den Schuhen heraus und zerteilte sie mithilfe des Messers. Ein weiterer Schwall des weißen Rums ergoss sich auf meine Hände und die Fäden. Mittlerweile musste ich wie eine Alkoholleiche stinken.
„Weißt du, oh my darling...ich war auch mal verheiratet.“
Hatte ich zuvor noch beschlossen, ihn bestmöglich links liegen zu lassen, brachte mich diese neuerliche Aussage abermals aus dem Konzept. Ich sah ihn an und versuchte anhand seines Blickes abzulesen, ob er mich nur zum Narren hielt. Er und verheiratet? Etwas Absurderes konnte ich mir kaum vorstellen. Es war surreal, sich vorzustellen, dass er früher einmal kein entstellter und karikierend geschminkter Terrorist gewesen war; dass unter dieser chaotischen Hülle wirklich ein Mensch steckte. Meine Ungläubigkeit musste sich in meinem Blick widergespiegelt haben, denn er nickte bestätigend und sah mir dabei fest in die Augen. Dann, mit tiefstem Bedauern in der Stimme, das mir durch Mark und Bein ging, fuhr er fort: „Ja, sie war...wunderschön...und noch sehr jung...und manchmal...war sie launisch. Schnitt sich einfach die langen, seidigweichen Haare ab oder verschwand tagelang ohne ein Lebenszeichen...“, erzählte er leise.
Ich senkte den Blick, betrachtete die Wunde und drehte den Faden des zerschlissenen Schnürsenkels zwischen meinen Fingern. Seine Stimme drang dennoch zu mir vor, erreichte mich, egal wie gut ich mich von ihr abzuschirmen versuchte.
„...sie war ein bisschen...verrückt“, er unterbrach seine Erzählung mit einem kurzen Auflachen. Eine Gänsehaut breitete sich auf meiner verschwitzten Haut aus. „...aber ich hab sie geliebt...“ Fast schon hörte er sich schwärmerisch an. Ich merkte, wie meine Finger eiskalt wurden. „...ich hab alles für sie gemacht...alles.“ Er betonte das letzte Wort mit Nachdruck, es war, als artikulierte er jeden Buchstaben gesondert, so als intonierte er jede Silbe wie den Vers eines Gedichts. „...aber sie...sie hat sich nur um sich selbst gekümmert, um sich selbst und ihre Launen, ihre Neurosen...hat sie gehegt und gepflegt. Eines Tages...komme ich nach Hause und sie ist wieder einmal weg...“
Ich ertappte mich dabei, wie ich ihm schon wieder zuhörte, anstatt mich auf die nächsten Schritte zu konzentrieren. Selbst die Pistole, die immer noch wie ein Damoklesschwert über mir baumelte, war in Vergessenheit geraten.
„Ich...hatte Schlafprobleme, weil ich...mir so viele Sorgen...um sie gemacht habe...und habe deshalb Schlaftabletten genommen. Vielleicht...eine oder zwei zu viel...gegen die Alpträume...“ Seine Art zu erzählen zeichnete ein konträres Bild zu dem, was sich mir seinerseits darbot. So, wie er in seinen vermeintlichen Erinnerungen schwelgte, konnte man annehmen, er sei wirklich ein gewöhnlicher Mensch gewesen. Vielleicht ein Mensch in einem sehr unvorteilhaften Umfeld, aber immer noch ein Mensch. Psychosen waren nicht immer angeboren. Manchmal gab es auch Ereignisse, die sie auslösten. „Als ich...dann aufwachte...spürte ich unmenschliche...Schmerzen in meinem Gesicht. Ich wusste nicht, was geschehen war...“, sein Tonfall hatte an Emotionalität gewonnen. Er hörte sich fast verzweifelt an, während mir die Kälte noch eisiger in die Glieder fuhr und mich innerlich gänzlich auszufüllen drohte. Meine Bemühungen, die Wunde zu schließen, hatte ich völlig eingestellt. „Ich sah meine Frau neben mir im Bett liegen...sie hatte sich selbst die Kehle mit einem Tranchiermesser aufgeschlitzt...aber nicht ohne mir...zuvor diese...Wunden hier...“, er streifte seine Narben mit der Zungenspitze, „...zu verpassen. Sie...hat gedacht, ich würde daran sterben...so wie sie gestorben ist.“
Ich schluckte. Es war mir unmöglich geworden, seinem Blick auszuweichen. Wie ein geschickter Geschichtenweber spann er die Ursprungsgeschichte seiner Narben so weit, dass ich gar nicht merkte, wie er mich findig wie eine Spinne in sein Netz wickelte.
„Sie hat einmal zu mir gesagt, dass das Leben nichts weiter als ein...Kreislauf wiederkehrender Qualen ist...und dass sich wahre Liebe erst im Tod beweist, weil...einer ohne den anderen nicht überleben kann. Ich bin aber nicht gestorben...ich...war wohl doch nicht ihre wahre Liebe...“ Er schenkte mir ein hässliches Grinsen, das mich dazu veranlasste, mich zu räuspern und meine Aufmerksamkeit auf das improvisierte Garn zu lenken. Es war gut möglich, dass er mir nur eine Lüge aufgetischt hatte, aber allein dafür, dass er sich so eine Geschichte ausdenken konnte, verdiente er, dass ich ihn fürchtete.
„Glaubst du an die wahre Liebe, Clementine? An die...ehrliche, unzerstörbare Liebe? Die selbst über den Tod hinaus fortbesteht?“ Ich war schon immer pragmatisch, nicht romantisch oder illusorisch veranlagt gewesen, aber als ich Michael geheiratet hatte, hatte ich gerade in der Anfangszeit unserer Ehe geglaubt, dass dieser Bund mein Leben lang halten würde. Aber ich war herb enttäuscht worden.
„Ich glaube nur an das, was ich sehe“, erwiderte ich brüsk, meine Stimme war nicht mehr als ein Echo ihrer selbst, schwach und klein.
„Oh, das ist...aber eine sehr...bedrückende Haltung, Frau Doktor...“, spöttelte er und schenkte mir einen gestellt mitleidigen Blick.
„Ich...will nur meine Arbeit machen, ok? Ich...lassen Sie das einfach...“, murmelte ich verwirrt und stach mit dem Korkenzieher, dessen Unterstützung ich mich doch noch bemächtigen musste, in den Wundrand, um den improvisierten Faden hindurch zu ziehen.
„Was soll ich denn lassen?“, fragte er in fast kindlich neugierigem Tonfall, „Ich...möchte mich doch nur ein wenig mit dir unterhalten.“
Wieder wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und vermisste eine Schwester, die diese leidige Aufgabe für mich übernahm. Ich musste darauf achten, dass meine Hände, die an der Schusswunde herumfuhrwerkten, nicht meine verschwitzte Stirn streiften. Zwei Drittel der Rumflasche hatte ich bereits geleert und verschwenderisch zu sein, lag nicht in meiner Natur.
„Ich möchte mich aber nicht mit Ihnen unterhalten“, entgegnete ich und fügte schnell hinzu, „weil es mich ablenkt. Ich muss mich konzentrieren.“ Ich wollte nicht, dass er meine Äußerungen in den falschen Hals bekam und die Strafe dafür auf Fuße folgen lassen würde. Er mochte kontrolliert und gefasst wirken, aber sein animalisches Temperament, das sich in den überdrehten Videobotschaften, die er an die lokalen Nachrichtensender geschickt hatte, überdeutlich gezeigt hatte, konnte in jedem unbedachten Moment hervorbrechen. Und wenn das geschah, wollte ich wenn möglich nicht mehr in seiner Reichweite sein.
„Ich dachte, Ablenkung wäre...dein Spezialgebiet...die Menschen...lenken sich permanent ab, musst du wissen...indem sie zur Arbeit gehen und ihre...Pflichten erfüllen...nur um sich vor der Tatsache zu flüchten, wie armselig, inhalts- und sinnlos ihr Leben eigentlich ist.“
Ich räusperte mich, auch um seine Stimme zu übertönen. Seine Worte beunruhigten mich. Nein, nicht seine Worte. Vielmehr die tiefe Wahrheit, die in ihnen verborgen lag.
Er bemerkte mein Zögern und bedachte es mit einem zufriedenen Grinsen. Ich wich seinem Blick aus und widmete mich der Naht. Es funktionierte nur schleppend, der Schnürsenkel zerfiel in immer feinere Fasern, je weiter ich die Naht zu ziehen versuchte.
„Du hast...übrigens sehr schöne Hände, Frau Doktor“, hörte ich ihn dann weiter plappern. Er wusste, dass er damit meine Nerven zum Zerreißen spannte, doch genau das amüsierte ihn offensichtlich so sehr. Er schien dem Moment entgegenzufiebern, in dem mein Nervenkostüm vollends kollabieren würde, in dem ich das letzte Bisschen Geduld aufgebraucht haben würde.
„Man...könnte glauben, sie wären rau durch deine Arbeit, aber...das sind sie nicht...sie sind...geschmeidig und zart...sie...“, er leckte sich hörbar mit der Zunge die Lefzen, ein hungriges Raubtier, das im Begriff war, seine Beute zu reißen, „...sind wie Seide.“ Ich fuhr unbeirrt mit meiner Arbeit fort. Obwohl er mit mir sprach und scheinbar besonnenen Gemütszustands war, hielt er die Waffe immer noch auf mich gerichtet. Nur weil er offenbar weniger gereizt war, war mein Leben noch lange nicht gerettet. Er konnte jederzeit abdrücken, vielleicht gerade dann, wenn ich es am wenigsten erwartete.
„Willst du...mal meine Hände anfassen, oh my darling Clementine?“
Der bloße Gedanke ließ mich frösteln.
Ich reagierte nicht, richtete meinen Blick auf den umfunktionierten Schnürsenkel. Mich wollte der Gedanke nicht loslassen, dass mein Verstand an keinem viel dickeren Faden hing, und dünner zu werden schien, je länger ich diesem Psychopathen ausgesetzt war.
„Weißt du, wir haben viel gemeinsam, du und ich...“, fuhr er nahtlos fort.
Ich sah aus dem Fenster, sah nach wie vor keine Regung außerhalb des Wagens. Wo waren diese verdammten Cops, wenn man sie einmal brauchte? Mein Blick begegnete dem des Jokers. Er kniff die dunklen Augen zusammen und schien durch mich hindurch zu sehen, vielleicht aber nur in mich hinein. Letzteres war irgendwie noch erschreckender. Ich ahnte, dass es ihm nicht gefiel, dass ich ihn zu ignorieren versuchte. Er war jemand, der sprach, um gehört zu werden.
„Das wage ich zu bezweifeln“, erwiderte ich auf seine fragwürdige These. Ich musste mehrere Stiche setzen, um die Naht möglichst eng zu setzen und damit zu garantieren, dass sich die Wunde wieder schloss. Die feine Muskulatur meiner Hände flatterte, drohte zu krampfen. Zu lange hatte ich sie heute beansprucht.
„Oh doch...doch, doch, doch, doch, doch...“, säuselte er vor sich hin, als versuchte er zwanghaft, sich dieses Wort einzuprägen. „Sieh mal...du arbeitest mit Messern und iiiich...arbeite mit Messern.“ Ich rümpfte die Nase und sah ihn an, ehe aus mir ungehalten herausplatzte: „Sie töten, während ich Leben rette!“ Er grinste und ich ärgerte mich über meine emotionale Reaktion. Ich hatte genau das getan, was er gewollt hatte.
„Hast du schon einmal daran gedacht, dass du die Menschen genau dadurch...auch tötest?“
Ich erstarrte. Das konnte er doch nicht ernst meinen?! Seine brutalen, herzlosen Massenmorde konnte er unmöglich mit meinem Beruf gleichsetzen!
„Oh, Clementine...du glaubst, du wärst etwas Besonderes, weil du dich...in das Werk des Teufels einmischst...weil du...das Unvermeidliche nur herauszögerst. Du rettest keine Leben, Täubchen...du verlängerst nur menschliches Elend.“ Ich presste die Lippen aufeinander. Das ließ ich mir nicht bieten, Waffe hin oder her. „Dann habe ich also auch Ihr ‚Elend’ verlängert, wie?“
Seine dunklen Augen funkelten, dann grinste er so diabolisch, dass mir das Blut in den Adern gefror, und entgegnete: „Nein, Frau Doktor...ich sprach...von menschlichem Elend. Dem habe ich längst eigenhändig ein Ende gesetzt.“
Ein Kloß formte sich in meiner Kehle, groß genug, um mich zu ersticken. Ich musste den Blick abwenden, weil ich befürchtete, andernfalls wahnsinnig zu werden. Ich hatte gelesen, dass die Mehrzahl von Psychopathen manipulative Genies waren, aber hier schien ich es mit einem Exemplar der Sonderklasse zu tun bekommen zu haben. Er drang mit allem, was er sagte, mit jedem Blick durch meinen aufgerichteten emotionalen Widerstand, so mühelos wie eine Messerklinge durch weiche Butter. Über Jahre hinweg hatte ich es mir angewöhnt, auf Durchzug zu stellen, um emotionale Distanz zu meiner Arbeit zu wahren, mir menschliche Schicksale nicht zu nahe gehen zu lassen. Es war ein eigenständiger Mechanismus geworden, so natürlich wie der Beugereflex des Knies. Und er brachte ihn scheinbar mühelos durcheinander, legte meine Psyche systematisch frei. Alles, was ich dabei tun konnte, war hilflos dabei zuzuschauen, wie er Erfolg mit dieser Methode hatte. Vielleicht lag es auch an meiner Erschöpfung, dass es ihm so leicht fiel, mich zu provozieren und zu beunruhigen, aber das glaubte ich nicht. Ich machte nicht zum ersten Mal Doppelschichten durch und arbeitete am Limit meiner Kräfte.
Mit wachsendem Schrecken sah ich dabei zu, wie ich die Naht immer weiter vollendete. War ich zuvor besorgt gewesen, überhaupt Hand an die Wunde zu legen, so fürchtete ich mich nun vor dem, was folgen würde. Er würde mich nicht einfach so gehen lassen, oder?
‚Nein, Elena, bescheiß dich nicht selbst!’, durchfuhr meine innere Stimme meinen Kopf, sodass ich unwillkürlich zusammenzuckte. Wozu tat ich mir diesen Psychotrip überhaupt an? Wieso ließ ich das alles über mich ergehen, wenn er mich sowieso töten würde?
Ich versuchte Zeit zu schinden, indem ich von meinem anderen Hemdärmel einen Fetzen Stoff abriss, ihn in den restlichen Alkohol tunkte und an den schrägen Schnitt auf meiner Wange presste. Das Brennen war mörderisch, viel schlimmer als das Gefühl von Salz in der frischen Wunde. Es war, als loderte ein Feuer in meinem Gesicht. Der intensive Geruch des Alkohols reizte mein Auge. Es tränte ungehalten und verschlimmerte nur meine Tortur. Ich hatte nur eine oberflächliche Verletzung davongetragen, welche Höllenqualen musste ihm dann die Behandlung mit dem improvisierten Desinfektionsmittel bereitet haben? Er hatte gerade einmal gezittert, und auch nur, weil das die natürliche Reaktion seines Muskelgewebes und Immunsystems auf extreme Hautreizung gewesen war. Er schien erfahren im Umgang mit Schmerzen zu sein, allein seine wulstigen Narben ließen dies erahnen. Ich atmete keuchend aus, weil meine Lungen Sauerstoff einforderten. Der Zenit dieses unglaublichen Schmerzes schien überwunden, flaute aber nur gemächlich ab. Ich wischte die Tränen mit dem Handgelenk weg, meine Hände waren über und über mit dem Blut des Jokers besudelt und ich wollte es vermeiden, es mir ins Gesicht zu schmieren.
Ich tat den letzten Stich und verknotete dann den Schnürsenkel an der Wunde. Unwillig, daran zu denken, was mir nun blühen würde, da er jeden Nutzen an mir verloren hatte, klarte ich meine Kehle mit einem Räuspern auf und sagte: „Das ist alles, was ich hier und jetzt für Sie tun kann. Ich...kann Ihnen noch nicht verschreibungspflichtige Schmerzmittel und Antibiotika aufschreiben...auf jeden Fall sollten Sie den Heilungsprozess medikamentös begleiten, um einer Entzündung vorzubeugen...“
Herrgott, was redete ich da? Ich war nicht im Metropolitan und er trug nicht das weiße, schwarz gepunktete Hemd eines Patienten. Ich würde ihm nicht die Hand schütteln, die Entlassungspapiere unterzeichnen und den Behandlungsraum verlassen, ich war immer noch seine verdammte Geisel. Der gewohnte Jargon, die Distanz und die darin enthaltene Professionalität, die ich mir über Jahre angeeignet hatte, half mir dabei, Ruhe zu bewahren und die Panik zurückzudrängen, die in meinem Hinterkopf wie ein wildes Tier hinter porösen Gittern wütete und jeden Moment auszubrechen drohte. Es half mir außerdem, dieser Situation wenigstens etwas Absurdität zu nehmen.
Der Joker antwortete nicht darauf. Er sah mich durch den Spiegel hindurch an, sein weiß geschminktes Gesicht stach aus der Dunkelheit hervor wie eine gespenstische Silhouette, wie ein Monster, von dem ich als Kind immer geglaubt hatte, es würde in meinem Schrank lauern und nur darauf warten, dass ich einschlief. Sekunden zerrannen mit schleichender Langsamkeit zwischen meinen blutbesudelten Händen, zerstoben wie Seifenblasen im rauen Wind. Die Stille nahm ohrenbetäubende Ausmaße an. Ich glaubte, ein Funkenschlag würde genügen, um bei der vorherrschenden, nahezu greifbaren Spannung ein Feuer zu entzünden. Ich musste sie durchbrechen, um die Panikratte nicht aus dem Käfig zu lassen und zu verhindern, dass sie meinen Verstand restlos auffraß.
„Ich habe sämtliche Fremdkörper entfernt und die Blutung so gut es ging gestillt. Die Wunde ist vernäht...sollte aber einer regelmäßigen Kontrolle unterzogen werden und...“, er legte den Kopf schief, was mich kurzzeitig aus dem Konzept brachte, dann aber mit unsteter Stimme fortfahren ließ: „...und eigentlich müssten die Nähte binnen einer Woche gezogen werden, aber...ich rate Ihnen von Selbstexperimenten ab...“ Ich schüttelte den Kopf. Einzelne schwarze Haare drängten sich in mein Gesicht. „Ohne medizinische Nachsorge gehen Sie ein großes Risiko ein...ich...hab getan, was ich konnte, aber die inneren Blutungen könnten jederzeit wieder einsetzen...es wäre immer noch das Beste, wenn Sie sich in einem Krankenhaus durchchecken ließen.“
Der Joker formte einen Schmollmund und ließ diesen mit dem schmatzenden Geräusch eines Luftkusses wieder auflösen. „Oh, na klar...ich...gehe in ein Krankenhaus und lass mich...äh...behandeln...meinst du, ich krieg ein Einzelzimmer? Ah, nein halt, streich das Einzelzimmer, ich finde es viel...interessanter, mich mit anderen...Leuten zu unterhalten.“ Er verspottete mich, sein unverhohlen stichelnder Tonfall ließ keine andere Vermutung zu.
Ich seufzte zittrig, die Panikratte hatte ihre Zähne in einen besonders angegriffenen Gitterstab gegraben. „Hören Sie, ich meine es ernst...Sie riskieren Ihr Leben auf einer Flucht...das Letzte, was Sie sich in Ihrem Zustand zumuten können, ist eine Hetzjagd mit der Polizei!“ Ich wusste nicht, warum ich an seine Vernunft appellierte, augenscheinlich war diese genauso wenig vorhanden wie sein Empathievermögen.
„Flucht?“, wiederholte er und setzte sich ein wenig auf. Beunruhigt beobachtete ich, wie sich die Schnüre, die seine Wunde zusammenhielten, anspannten. Ich hoffte, sie würden nicht reißen. „Wer sagt denn, dass ich fliehe?“, fragte er mich und sah mich mit solch einer Überraschung in den grotesken Zügen an, dass ich mir nicht sicher war, ob er das nur spielte oder ob ihn meine Worte ernsthaft verwunderten.
„Die Nachrichten...“, hörte ich mich gegen meinen Willen antworten, „...haben Gerüchte über Ihre Festnahme am Prewitt Building gemeldet...aber Sie sind nicht in Gewahrsam, also schließe ich daraus, dass Sie auf der Flucht sind.“ Es war lächerlich, dass ich mich ihm erklärte, aber ich hoffte immer noch, Zeit schinden zu können.
„Iiiich...würde nie fliehen...“, stellte er klar, sein Tonfall wirkte genauso gekränkt wie sein Gesichtsausdruck. „So schnell wird man mich nicht los, wenn ich mich einmal...festgebissen hab...“, er unterstrich seine Worte, indem er die Zähne bleckte und mich somit schaudern ließ.
„Aus rein medizinischer Sicht sind Sie dazu aber nicht in der Lage“, wagte ich ihm forsch entgegen zu setzen. Seine Züge versteinerten sich und in seinen Augen lag wieder dieses unheilvolle Funkeln, das einer Katze zueigen war, deren Jagdinstinkt geweckt worden war.
„Gut, dass mich die rein medizinische Sicht nicht interessiert...“ Es war, als spräche er den ausklingenden Laut separat und gedehnt aus, und ich ertappte mich dabei, wie ich zusammenzuckte.
Dann tat er etwas, von dem ich nicht wusste, ob es mich erleichtern oder nur noch mehr beunruhigen sollte: er nahm die Waffe und richtete deren Lauf nicht länger auf mich. Trotzdem saß ich immer noch da wie das Kaninchen vor der Schlange, unfähig, mich zu rühren, ohne jeglichen Fluchtweg. Wenn ich die Türen hätte benutzen wollen, hätte ich mich erst an ihm vorbei mogeln müssen, aber ich bezweifelte, dass er einfach dabei zusehen würde, wie ich mich aus dem Staub machte.
Der Joker drehte sich vor mir und ich erhielt einen unfreiwilligen Ausblick auf die Vorderseite seines nackten Oberkörpers. Das mangelhafte Licht hüllte ihn weitgehend in Schatten, aber all das, was ich erkennen konnte, erfüllte mich mit Unbehagen. Unzählige dunkle Stellen deuteten verheilte Wunden an, deren Narben so ungleichmäßig aussahen, dass sich mein Verdacht verdichtete, dass er sich all die Zeit zuvor selbst zusammengeflickt haben musste. Seine Rippenbögen traten sichtbar unter der hellen Haut hervor, so mager erschien er mir. Er legte die Schusswaffe beiseite und summte leise vor sich hin, während er sein blut- und schweißdurchtränktes Hemd ordentlich auseinander faltete, um es sich scheinbar wieder überzuziehen. Mit wachen Augen versuchte ich den Abstand zwischen seiner Hand und der Pistole abzuschätzen, versuchte, auszurechnen, wie lange er brauchen würde, um sie wieder zu ergreifen und auf mich zu schießen. Denn das, wenn nicht gar Schlimmeres, würde er mit mir tun, wenn ich weiterhin brav hier sitzen blieb.
Dennoch murmelte ich, während er einige Knöpfe löste, um das Hemd wieder über seinen Kopf streifen zu können: „Sie haben gesagt, Sie lassen mich gehen, wenn ich fertig bin...“ Ich sah ihn nicht direkt an, nur aus den Augenwinkeln, aber das genügte schon, um mir das Herz bis zum Halse schlagen zu lassen.
„Nein, nein, nein, nein...“, tastete er absteigend, aber seelenruhig die Tonleiter ab. „Ich hab gesagt, du kannst gehen, wenn du schnell genug bist, oh my darling Clementine...“, korrigierte er meine Äußerung und ich hasste es, wie er meinen Namen ständig in Zusammenhang zu diesem schrecklichen Lied stellte. Er sah es mir an und genau deshalb tat er es offenbar auch weiterhin. Er zupfte das Hemd, das in seinem Schoß lag, übertrieben penibel zurecht, wie um es zu glätten, und sah mich dann mit einem eiskalten Blick an, der mein rasend schlagendes Herz kurz aussetzen ließ. „Bist du schnell genug, Frau Doktor?“ Er zog die Unterlippe zwischen die Zähne und neigte den Kopf zu einem neckischen, herausfordernden Seitenblick.
Mein Herzschlag schien plötzlich jede Fiber meines Körpers auszufüllen; er ertönte in meinem Hals, in meinem Kopf, pulsierte sogar in meinen Fingerspitzen. Ich wusste nicht genau, wie ich seine Frage auszulegen hatte, hatte geglaubt, er hätte mit dem Appell an meine Schnelligkeit den Operationsvorgang gemeint. Aber er schien diesbezüglich keinesfalls in Eile zu sein. Das unangenehme Kribbeln ins Übermaß gesteigerter Nervosität pflanzte sich durch meine Venen fort, der bleierne, kalte Geschmack von Panik breitete sich auf meiner Zunge aus, langsam, aber bestimmt. Der Käfig der Panikratte war im Begriff, jederzeit aufzuspringen.
Er steckte die Hände in die Ärmel seines Hemdes, hob das Kleidungsstück an und musterte mich amüsiert. In seinem Blick lag eine stumme Aufforderung verborgen. Was wollte er? Dass ich wegrannte und meine Schnelligkeit entschied, ob ich überlebte? Viel Zeit, darüber nachzudenken, blieb mir nicht, als er plötzlich und in einer sehr hektischen Bewegung das Hemd über seinen Kopf stülpte. Er wollte wirklich einen Wettlauf entscheiden lassen, ob ich mit dem Leben davonkäme oder nicht. Und ich hatte seine Schnelligkeit auch aufgrund der Schwere seiner Verletzung unterschätzt.
Die Panikratte brach aus und gab meinen Beinen den notwendigen Impuls, sich in Bewegung zu setzen. Ich rappelte mich auf, meine Knie protestierten ob des abrupten Belastungswechsels, drohten einzuknicken, noch ehe ich an ihm vorüber preschen und die Tür erreichen konnte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er beinahe vollständig in sein Hemd hineingeschlüpft war, es waren bestenfalls Sekunden, die mir zur Verfügung standen, ehe er seine Pistole wieder ergriffen haben würde, nur wenige Atemzüge, in denen sich entschied, wie viele ihnen noch folgen würden.
Meine blutverschmierte Hand rutschte an dem Griff der Schiebetür ab. Es knackte kurz, so als ob ich mir dabei einen Finger ausgerenkt hätte, aber kein Schmerzsignal erreichte mein Gehirn. In blinder Agonie versuchte ich es erneut, bekam den Griff zu fassen, zog ihn mit aller Kraft auf, die mir geblieben war, und hatte die schwüle, drückende Luft einer Sommernacht noch nie als so willkommen empfunden wie jetzt. Kaum hatte ich mit einem Atemzug von wieder gewonnener Freiheit gekostet, erklang hinter mir ein kurzer, aber krachend lauter Knall, dicht gefolgt vom hysterisch anmutenden Gelächter des Jokers. Er hatte auf mich geschossen und nur knapp verfehlt, knapp genug, dass mich ein heißer Luftzug dicht neben meinem rechten Ohr zusammenfahren ließ. Das Projektil hatte ein beunruhigend großes Loch in die Karosserie des Lieferwagens geschlagen. Hätte es meinen Kopf getroffen, wäre von ihm nicht mehr viel übrig geblieben außer einem Brei aus Knochensplittern, Blut und Hirnmasse.
Es trug sich alles nur binnen weniger Augenblicke zu und doch konnte ich mich auch nachher noch bewusst an jene Sekunden und die tausend Gedanken erinnern, die wirr durch meinen nur knapp einer Exekution entgangenen Kopf gerast waren. Es war, als hätte jemand eine Momentaufnahme mit einer gestochen scharfen Kamera gemacht, die sich wie ein Polaroid nach und nach belichten und mich mit aller Klarheit ermahnen würde, wie knapp ich dem sicheren Tod entronnen war.
Ich sprang nach draußen, meine Füße drohten trotz des nur geringen Höhenunterschiedes auf dem blanken Asphalt wegzuknicken. Er war in eine so schmale Gasse gefahren, dass ein Wagen mit gewöhnlichen Türen eine wahre Todesfalle für mich dargestellt hätte. Ich prallte auf wackeligen Beinen gegen eine raue Hauswand, schürfte mir den Arm noch schlimmer auf, aber ich hieß den Schmerz willkommen. Er erinnerte mich daran, dass ich noch am Leben war. Ein weiterer prägnanter Schuss ertönte, ließ die nächtliche, hitzeschwangere Stille in unzählige Scherben zerbrechen. Ein Reißen ging durch meinen rechten Oberarm, als ihn die neuerlich abgefeuerte Kugel streifte und meinen Bizeps einer ordentlichen Portion Fleisch beraubte. Ich schrie weniger aus Schmerz, vielmehr aus Überraschung. Die Panik und der Schock über diese Nahtoderfahrung betäubten mich, wirkten besser als jedes Anästhetikum. Gleichzeitig aber mobilisierten sich meine letzten Kräfte. Ich rannte wie noch nie zuvor in meinem Leben, schrie die Überdosis Adrenalin heraus, als ein weiterer Schuss meinen Kopf nur oberflächlich streifte, mich zu einem kleinen Teil skalpierte, und dann den roten Ziegelstein zu meiner Rechten sprengte, sodass rostroter Steinstaub mein Gesicht besprenkelte, auf einer Grundierung aus Blut und Schweiß haften blieb und mir eine skurrile Kriegsbemalung verlieh.
Die eng stehenden Häuserfassaden, zwischen denen hoch oben über mir sogar noch alte Wäscheleinen gespannt waren, die der schwächliche Nachtwind zu sanften Schwingungen ermutigte, trugen mir das Echo des infernalischen Gelächters des Jokers noch lange nach. Nur kurz darauf vermengte es sich mit dem hungrigen Knurren eines alternden Dieselmotors, die Ausläufer zweier Bahnen weißen Lichts leuchteten den Weg vor mir aus. Es polterte hinter mir, das Rumoren eines unbarmherzig in hohe Drehzahlen katapultierten Motors dröhnte mit zunehmender Lautstärke in meinen Ohren. Ich drehte mich in meinem schlurfenden Lauf um, nur um zu sehen, dass der Joker den Lieferwagen auf mich zusteuerte. Zwischen Wand und Transporter lagen höchstens anderthalb Handbreiten, er würde mich erfassen und überrollen, wenn ich nicht rechtzeitig eine der schmaleren Seitenwege erreichte, die nur Fußgängern ausreichend Platz bot. Ich geriet ins Straucheln, prallte gegen eine der übervollen Mülltonnen, die die Gasse in Ermangelung von Bäumen alleengleich ausschmückten, warf sie unabsichtlich um, sodass sie ihren stinkenden Inhalt auf den durstigen Weg erbrach. Ich fing mich rechtzeitig ab, rannte, als wäre der Teufel persönlich hinter mir her; ein Vergleich, der in dieser Situation nicht sonderlich abwegig anmutete.
Krachend fiel die Mülltonne der Front des Lieferwagens zum Opfer, der sie wie eine Coladose, mit der er Fußball spielte, vor sich hertrieb, ehe seine Räder mit zermalmender Kraft dem Spiel ein Ende bereiteten und den Transporter über das Hindernis hievten. Immer lauter grollte das Motorengeräusch hinter mir durch die Nacht, Blut und Tränen flossen über mein Gesicht, während ich um mein Leben rannte. Mein verwundeter Bizeps brannte höllisch, als ich aus Reflex meine Armmuskulatur zu meinem unfreiwilligen Sprint anspannte, doch ich nahm den Schmerz genauso wenig wahr wie das scharfe Ziehen auf meiner Wange, während ich die Zähne fest genug aufeinander presste, um sie zum Knirschen zu bringen.
Die Scheinwerfer hatten mich weit genug eingeholt, dass mir ein länglicher Schatten den Weg wies, er wuchs Zentimeter um Zentimeter in die Länge, je mehr sich mir die zerbeulte Stoßstange des Lieferwagens näherte. Ich wartete nur darauf, dass meine hektisch hinter mir hoch fliegenden Fersen gegen das Ungetüm aus Stahl und Kunststoff prallen und mich zu Boden reißen würden, ehe mich die tonnenschwere Last des Transporters zerquetschen und unter sich begraben würde.
Dann, buchstäblich in letzter Sekunde, hechtete ich zur Seite, warf mich in die Seitengasse und entging einem hässlichen Tod nur durch viel Glück. Ich landete unsanft auf altem, abgetragenen Kopfsteinpflaster und in einer kalten, dickflüssigen Lache, die ihrem Geruch nach zu urteilen nur zu einem geringen Prozentsatz aus Wasser bestand, während nur Zentimeter von mir entfernt der Lieferwagen an mir vorüber preschte und donnernd auf die Hauptverkehrsadern Gothams abbog. Ich lag zitternd und blutend auf dem Boden, sah rechts nur durch einen Schleier aus schwachem Rosa, weil das Blut aus meiner Kopfwunde mein Auge in feuchtes Scharlachrot getaucht hatte. Ich lauschte dem beängstigend schnellen Rhythmus meines Herzens, schlotterte am ganzen Leib, als mein Kreislauf zusammenzubrechen drohte. Ich wollte weinen, wollte schreien, aber ich brachte nichts über meine Lippen, starrte in die labyrinthartige Mündung der Gasse, so als erwartete ich insgeheim, dass dieser geisteskranke Mörder im Harlekinkostüm in jedem Moment dort auftauchen und seinen Job und damit mein Leben beenden würde.
Obwohl in dieser Nacht mindestens zwanzig Grad vorherrschten, weil sich die Hitze in den Achselhöhlen der Stadt staute, waren meine Arme und mein Nacken von einer Gänsehaut übersät, die so schnell nicht mehr verschwinden wollte. Ich wusste, dass ich mich bewegen musste, dass es bei einem Kreislaufkollaps bedeuten konnte, dass ich trotz aller Bemühungen in dieser abgelegenen Ecke verreckte, wenn ich zu lange liegen blieb und mich womöglich noch erbrach. Aber ich blieb noch einige Minuten liegen, wartete verzweifelt und vergeblich darauf, dass mein Puls mit weitaus weniger Heftigkeit die Wände meiner Gefäße weitete. Ich hatte Angst, dass er zurückkommen und mich finden würde, dass er nicht einfach lachend davongefahren war, wie ich es geglaubt hatte. Aber selbst als ich eine halbe Stunde später immer noch an Ort und Stelle lag, war die einzige Gesellschaft, die mir zuteil wurde, eine streunende Katze, die eines ihrer Augen in einem Zweikampf mit einem Revierrivalen eingebüßt hatte und mich nur missbilligend anmauzte, als sie an mir vorüber schlich. Der aufgerichtete, leicht struppige Schwanz verlieh ihrem anmutigen Schritt die nötige Balance.
Ich rappelte mich in eine sitzende Position auf und brach in erlösende Tränen aus. In meinem Job war der Tod mein ständiger Begleiter, aber nicht mein eigener. Ich hatte Patienten verloren, hatte Angehörigen mitteilen müssen, dass ich alles in meiner Macht stehende getan hatte, aber der geliebte Mensch dennoch verstorben war. Und diese Erfahrung hatte mich glauben lassen, ich würde mit dem Tod umgehen können, würde mich ihm aufrecht stellen können. Der heutige Tag hatte mir die Lektion gelehrt, dass dem nicht so war. Ich hatte nicht mein Leben an mir vorüberziehen sehen, als ich um ein Haar ins Gras gebissen hatte, hatte auch kein weißes Licht am Ende des Tunnels erblicken können. Höchstens das Licht des Lieferwagens, das mich wie die Schergen eines Jägers umzingelt hatte. Ich hatte nicht an Jamie gedacht, nicht an Michael, nicht einmal an mich selbst. In dem Moment, in dem ich beinahe mein Leben ausgehaucht hatte, hatte ich gar nichts gedacht, nichts empfunden. Keine todesnahe Poesie, kein zauberhaftes Loslösen meiner Seele von meinem Körper. Nichts.
War mein Leben wirklich so inhaltslos, wie es der Joker behauptet hatte? Und wenn nicht, warum hatte ich dann das Gefühl, die Bühne um ein Haar ohne jedwede Reaktion des Publikums verlassen zu haben? Ich fühlte mich klein und leer, als ich mich heulend in der kleinen Seitengasse auf die Füße zurückkämpfte und wie Espenlaub zitternd in Richtung Hauptverkehrsstraße bewegte, um das nächstbeste Taxi abzupassen und mich von ihm zum Metropolitan Hospital kutschieren zu lassen.
Eigentlich hieß es, dass man den Tag, an dem man nur knapp dem Tod entronnen war, wie einen zweiten Geburtstag zelebrieren würde. Aber mir kam es so vor, als wäre ich längst tot und mir dieser Umstand durch die jüngsten Ereignisse nur vor Augen geführt worden.
-tbc-
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