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von Stoffpferd    erstellt: 07.05.2009    letztes Update: 17.06.2010    Geschichte, Thriller / P18    (abgebrochen)
A/N: Zeit für ein bisschen Joker, meint ihr nicht auch? Ich hoffe, ihr habt mit dem Kapitel genauso viel Spaß, wie ich ihn beim Schreiben hatte. Danke vielmals fürs Lesen und natürlich fürs Reviewen, ihr solltet alle eine Antwort erhalten haben! Habt einen schönen Feiertag!



Blutiges Handwerk


2

Erste Hilfe


Ich bin geisteskrank! Und Ihr seid meine Geisteskrankheit.“

[12 Monkeys]


Der Deckenventilator zog seine trostlosen Kreise und erzeugte einen schwachen Lufthauch, der den warmen und stickigen Geruch aus dem Aufenthaltsraum der Ärzte nicht ganz vertreiben konnte. Ich lag auf der durchgesessenen Couch, deren Bezug über die vergangenen Jahre unzählige Flecken gesammelt hatte, deren genaue Herkunft ich gar nicht wissen wollte, und starrte an die Decke. Eine kleine Nachttischlampe, deren Gestell mit zahlreichen bunten Muscheln beklebt war – wahrscheinlich ein ungeliebtes Urlaubsmitbringsel eines Kollegen – spendete ein schummriges, orangefarbenes Licht, das zwar nicht genügte, um bei dessen Schein lesen zu können, aber den Raum ausreichend ausleuchtete. Den Flügeln des Ventilators folgten träge Schatten in einem ewigen Wettlauf, den keiner von beiden gewinnen würde.

Tausende Gedanken strömten durch meinen Kopf und gleichzeitig konnte ich keinen von ihnen länger als für wenige Sekunden greifen. Ich war völlig gerädert und doch bekam ich kein Auge zu, meine Muskeln kribbelten, weil sie nach all der Anspannung keine richtige Entlastung erfuhren.

Es war für mich zur Besessenheit geworden, alle zwei Minuten auf meinen Pieper zu schauen, obwohl er keine einzige Nachricht von Jamie zu verzeichnen hatte. Seit über sechs Stunden wartete ich vergebens auf ein Lebenszeichen von ihm. Dass er nicht schrieb, bedeutete nicht zwangsläufig, dass er in Gefahr oder Schwierigkeiten steckte, es war für mich vielmehr die Bestätigung, dass Michael ein Arschloch war, wie es im Buche stand, denn er hatte meinem Sohn unter Garantie das Handy weggenommen.

Meine Hände strichen über mein müdes Gesicht, erkundeten mein Profil; die schmale Nase, die auf ihre Spitze zulaufend breiter wurde, meine vollen Lippen, die schon den ein oder anderen Mann um den Verstand gebracht hatten. Ich war nicht herausragend schön, aber ich hatte das, was man gut und gern als das gewisse Etwas bezeichnen konnte, auch wenn es mit den Augenringen und meiner manchmal ungesund anmutenden Blässe trotz sengender Sommersonne nicht oft zum Vorschein kam. Ich machte mir nicht mehr viel aus Eitelkeiten. Von Männern hatte ich vorerst die Nase voll, umso weniger kümmerten mich Äußerlichkeiten. Und in einem Krankenhaus, in dem man im Minutentakt mit Blut, Wundflüssigkeit oder Erbrochenem besudelt wurde, waren Make-up und Stöckelschühchen sowieso fehl am Platz.

Die Tür wurde aufgerissen und Karen platzte herein, nur um direkt auf der Schwelle zu erstarren, als sie mich auf dem Sofa vorfand. „Oh, El, tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken.“ Ich schenkte ihr ein gequältes Lächeln und winkte ab: „Um mich wecken zu können, hätte ich erstmal schlafen müssen.“

Karen blieb unentschlossen stehen, ihre mit vielen hervortretenden blauen Adern überzogene Hand fuhr an dem Türrahmen auf und ab, ihr Ehering schrammte mit einem nervtötenden hölzernen Geräusch über die Furchen. „Ist alles ok?“ Ich drehte den Kopf und sah sie an. Ich war müde, aber nie zu müde für eine gesunde Portion Ironie. „Ja, alles prächtig. Während die Welt untergeht, mache ich es mir auf der Couch bequem, warte nur noch auf das Popcorn und schiebe mein Kind auf meinen abtrünnigen Ehemann ab, damit ich die Show ungestört genießen kann.“

Karen zeigte mir ihren feingliedrigen Mittelfinger, den ich mit einem schiefen Grinsen quittierte. Sie kam schlurfend auf mich zu, während die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Sie bugsierte meine Beine beiseite und setzte sich zu mir auf das Sofa. „Scheißtag, was?“

„Kannst du laut sagen“, erwiderte ich prompt und streifte mir seufzend die losen schwarzen Locken hinter die Ohren. „Ein beschissener Tag, an dem ich beinahe mein Leben, meinen Job und meinen Sohn verliere...von meinem Verstand ganz zu schweigen.“

Mein Blick wurde von dem beständig über meinen Kopf schwirrenden Deckenventilator abgefangen, meine Konzentration hatte den heutigen Minuspunkt erreicht.

„Du wirst heute Nacht gar nichts verlieren.“ Karens Versuch, mir Mut zuzusprechen, war mickrig und nicht besonders von Erfolg gekrönt. Ich war keine Pessimistin, aber ich hatte ein Händchen für Realismus und ein Gespür für Situationen, die ich nicht beeinflussen konnte. „Warum gehst du nicht mal vor die Tür, wenn du nicht schlafen kannst? Schnapp ein bisschen frische Luft, geh ein paar Schritte, damit dein Kreislauf nicht kollabiert.“

„Jawohl, Frau Doktor.“

„Leck mich, El, du willst doch gar nicht, dass man dir hilft.“ Damit stand sie auf und inspizierte den Inhalt des Kühlschranks. „Wenn ich eine Therapie will, meld ich mich bei dir.“ Frotzeleien wie diese beruhten nicht auf Feindseligkeit, vielmehr war es unsere Art, miteinander umzugehen und eine willkommene Abwechslung zu Arschkriecherei und aufgesetzter Freundlichkeit, wie sie hier und überall sonst üblich waren.

Eine Therapie reicht bei dir gar nicht.“ Sie holte eine Wasserflasche aus dem Kühlfach und machte sich nicht die Mühe, nach einem Glas zu greifen, um zu trinken. Ich atmete tief durch. Das Geplänkel mit Karen half mir dabei, ein wenig herunterzukommen, meine Gedanken zu festigen und hinderte mich daran, mich im Selbstmitleid zu suhlen. Ich konnte im Moment nichts ausrichten. Hätte ich das Metropolitan verlassen, hätte ich meinen Job verloren und das nur, um eine Nadel im Heuhaufen zu suchen. Alles, was mir in dieser Situation übrig blieb, war meinen Job gut zu machen und abzuwarten. Auch wenn warten nicht gerade meine Stärke war. Ich beschloss, Karens Empfehlung zu befolgen und meine Warterei nach draußen zu verlegen, aber nicht ohne meinen Freund, den Lungenkrebs in Zylinderform.

„Ich geh eine rauchen...“, verkündete ich und wälzte mich von der Couch.

„Dir ist schon klar, dass du dich einem schleichenden Selbstmord aussetzt?!“

„Hey, ich arbeite hier, ich habe eine sadistische, selbstkasteiende Ader“, entgegnete ich und kramte meine Notfallzigarette aus der Hosentasche, die ich immer mit mir herumtrug. Das Päckchen Marlboro versauerte in meinem Spind, nur hier und da an besonders harten Tagen, erlaubte ich mir eine Dosis Nikotin, um runterzukommen. Es hatte Zeiten gegeben, an denen ich öfter und verstärkt geraucht hatte, aber seit Jamie auf der Welt war, hatte ich den Konsum auf ein Minimum reduziert. Die Kippenschachtel in meinem Schrank aufzubewahren, half mir dabei, nicht wieder in die alte Marotte abzugleiten.

„Grüß den Teufel von mir“, rief mir Karen noch nach, doch die Tür fiel schneller zu, als ich antworten konnte. Es war fast eine Stunde nach Mitternacht. Geisterstunde verpasst. Ich schlurfte über den Gang und kreiste meinen Kopf langsam, was mein Nacken mit dumpfem Knacken kommentierte. Das Chaos war noch immer nicht beseitigt, aber zumindest erweckte die vorherrschende Ruhe den falschen Eindruck, als wären wir der Situation Herr geworden. Es hatte dabei geholfen, dass weniger Menschen eingeliefert worden waren und wir uns vorübergehend hauptsächlich um die Patienten kümmern konnten, die wir schon eingeliefert hatten. Ich hätte eher eine heiße Dusche und wenigstens sechs Stunden ununterbrochenen Schlaf benötigt anstelle einer Zigarette, aber so war es nun einmal im Leben – man nahm, was man kriegen konnte und da Schlaf und Dusche gerade nicht im Angebot waren, beschränkte ich mich auf fünf Minuten sündhaften und ungesunden Genuss.

„Dr. Clementine, könnten Sie einen Blick auf diese Krankenakte werfen?“, tönte es von dem rothaarigen Assistenzarzt Clive, der so überambitioniert war, dass er mit Freuden allen höher gestellten Ärzten so lange in den Hintern kroch, bis Kopf und Hals nie wieder Selbstbräuner benötigten. „Ich hab Pause, Clive, ich schau’s mir nachher gern an“, erwiderte ich ohne meinen Schritt zu verlangsamen oder mich zu ihm umzudrehen. Hätte ich eines von beidem getan, hätte ich ihn an der Backe kleben gehabt. So waren mir wenigstens ein paar Minuten ohne jegliche zwischenmenschliche Kommunikation vergönnt.

Ich passierte den Eingangsbereich, bei dem immer noch einige Menschen versammelt standen und die Berichterstattung im Fernsehen verfolgten. Ich erlaubte es mir nicht, stehen zu bleiben, obwohl meine Neugierde groß war. Ich würde mich heute von nichts und niemanden mehr verrückt machen lassen. Ich würde meine Arbeit machen, bis man mich nach Hause fahren lassen würde und sobald ich rein optisch nicht mehr den Eindruck erwecken würde, von den Toten wieder auferstanden zu sein, würde ich meinen überbezahlten Anwalt kontaktieren, um ihn in der Angelegenheit mit Michael um Rat zu fragen. Ich hatte einen Plan und er hörte sich eigentlich ganz passabel an. Nichts würde mich heute mehr aus den Socken hauen. Dennoch schnappte ich im Vorübergehen einige Wortfetzen der aktuellen Übertragung auf: „Es ist fast ein Uhr und noch treiben beide Fähren intakt, aber ohne eigenen Antrieb in Gothams Hafenbecken herum...Der Joker scheint von seinem Vorhaben, beide Schiffe in die Luft zu jagen, abgesehen zu haben. Noch unbestätigte Quellen melden uns, dass ein SWAT Team den Joker auf dem Prewitt Building eingekesselt hat. Solange noch keine offizielle Entwarnung gegeben ist, werden noch keine Rettungsvorkehrungen eingeleitet...

Prewitt Building? Das war nur fünf Blocks von hier entfernt! Ich versuchte, die Informationen auszublenden, kam aber nicht umhin, zu stutzen. Ich konnte ignorant sein, wenn ich wollte, aber diesen Verbrecher im Clownskostüm konnte man unmöglich links liegen lassen. Eines musste man ihm lassen, er ließ sich etwas einfallen, auch wenn es aller Wahrscheinlichkeit heute vorbei sein würde mit dem Spuk. Sollte mir nur Recht sein, denn das würde bedeuten, dass Michael keinen Grund mehr hatte, Jamie von Gotham City fernzuhalten.

Die Schiebetüren des Haupteingangs öffneten sich zuckelnd und gaben mir so den Weg nach draußen frei. Die Luft war noch ungewöhnlich warm, fast schon schwül in Erwartung eines spätsommerlichen Gewitters, das der angestauten Hitze der letzten Tage wohltuende Abkühlung verschaffen würde. Ich trat hinaus auf die leere Ambulanzeinfahrt, legte den Kopf in den Nacken, schloss die braunen Augen und atmete tief durch. Meine krause schwarze Mähne kitzelte mich im Gesicht und am Hals, klebte nicht länger verschwitzt an meiner Haut.

Wenn der Joker wirklich gefasst war und dieser kranke Trubel um seine Person endlich ein Ende genommen hatte, würde auch Totenschädel Dr. Woods die interne Ausgangssperre aufheben und dem übermüdeten und überarbeiteten Personal eine Auszeit gönnen. Als ich befunden hatte, genug Frischluft zu mir genommen zu haben, um selbige wieder verpesten zu können, zündete ich meine Zigarette mithilfe eines billigen hellblauen Plastikfeuerzeugs an, das ich so lange von Kelly, der Inhaberin des Diners direkt gegenüber, geschnorrt hatte, bis sie es mir gänzlich überlassen hatte. Die Spitze der Kippe glomm theatralisch auf, nur um dann in mäßiger Leuchtkraft vor sich hin zu schwelen. Ich nahm einen tiefen Zug und verkniff mir ein schweres Husten. Obwohl ich Gelegenheitsraucherin war und man so schnell nicht vergaß, wie man richtig rauchte, kam es vor, dass ich manchmal etwas zu gierig nach dem einzigen Bonbon griff, das ich mir alle paar Wochen genehmigte. Ich entließ den Rauch durch meine Nase, schmeckte das bittere Aroma der Marlboro auf meiner Zunge. Himmlisch.

Kein Wind wehte, der die stickige Schwüle hätte erträglicher machen können. Im Herzen einer Großstadt wie Gotham waren die Sommer immer ein bisschen zu heiß und die Winter zu mild, das enge Ballungsgebiet, die Abgase der unzähligen Autos auf den Straßen, die unvermeidliche Nähe zu anderen Menschen, all das heizte die Atmosphäre der Stadt auf, verlieh ihr die hitzige Eigendynamik lodernden Feuers. Man liebte und hasste es gleichzeitig. Ich gewann dem Stadtleben nicht viel ab, weil ich so in meinen Job eingespannt war, dass die Tage der durchzechten Nächte und bis zur Besinnungslosigkeit gefeierten Partys gezählt waren. Andererseits wusste ich, dass mich ein Landleben in die Knie gezwungen hätte. Ich brauchte Anonymität, ich brauchte die Möglichkeit, anderen aus dem Weg zu gehen. In Gotham City scherte sich jeder nur um sein eigenes Geschäft. Hier lief man selten Gefahr, dass sich jemand, den es nichts anging, in die eigenen Angelegenheiten einmischte.

Ich sah zum Himmel hinauf, durch dessen dichte, trübe Smogschicht, die sich wie eine Käseglocke über die Stadt gestülpt hatte, nur wenige Sterne hindurchblitzten. Irgendwo über mir zischte es leise, als sich ein Nachtfalter in die weiße Beleuchtung der Einfahrt verirrt hatte und sich darin gehörig die Flügel versengte. Einige Meilen weiter östlich von mir hallte das vertraute Geheul von Sirenen durch die Straßenschluchten, ein Zeichen dafür, dass meine Pause nicht mehr allzu lang andauern würde. Der Vorplatz des Metropolitan Hospitals war fast geisterhaft verlassen, ein Anblick, der einem wahrlich selten geboten wurde und wohl auch nicht von Dauer sein würde.

Ich nahm einen tiefen Zug und entließ den inhalierten Rauch nur portionsweise an die laue Nachtluft. Ich hoffte, dass dieser Bastard von einem Exmann wenigstens dafür sorgen würde, dass Jamie heute Nacht in einem Bett schlafen konnte.

Ein leises Rascheln rechts von mir riss mich aus meinen trägen Gedanken, doch als ich mich in die entsprechende Richtung drehte, sah ich nichts als den großen, sperrigen Müllcontainer voller schwarzer und blauer Plastiksäcke. Ich hörte schon Gespenster. Kopfschüttelnd nahm ich einen weiteren Zug und verschränkte die Arme vor der Brust, balancierte die Hand, die die Marlboro hielt, in meiner linken Armbeuge, während mein Blick ins Leere glitt. Ich liebte Momente, in denen ich an absolut gar nichts dachte, in denen ich einfach auf Leerlauf schalten konnte. Es wäre mir auch hier und jetzt gelungen, wäre das Rascheln neben mir nicht wieder ertönt. Ich dachte zuerst daran, dass es die Müllsäcke sein mussten, die aneinander gedrängt auf dem Container lagen, entsann mich aber dann daran, dass kein Lüftchen wehte, dem dieses Klangspiel zu verschulden gewesen wäre.

Ich runzelte die Stirn, wollte mich zuerst nicht daran stören, aber fragte nach abermaligem Erklingen des Geräusches: „Hallo? Ist da jemand?“

Keine Antwort, keine Regung im Schatten der Hauswand, die der Lichtkegel der Einfahrtsbeleuchtung nicht erreichen konnte. ‚Du hörst dich schon an wie jemand in diesen schlechten B-produzierten Teeniesplatterfilmen’, dachte ich und grinste. Wenn es einen glaubwürdigen Schauplatz solcher Szenerien gab, dann war es wohl Gotham City. Ich machte mich nur nicht sonderlich gut in der Opferrolle und kreischen konnte ich schon gar nicht. In dieser Stadt neigten viele zu Paranoia, aber ich sah nicht ein, warum ich mich einschüchtern lassen sollte. Wieder knisterte es unweit von mir. Ich hatte den Eindruck, dass das Geräusch diesmal aus geringerer Distanz ertönte. Abermals wandte ich mich um und sah in die schmale dunkle Gasse, die der Gehweg hinter dem Container bildete. Bezeichnenderweise lagen Fastfoodtüten, noch halbvolle Getränkedosen und Knüllpapier auf dem Boden. Genauso gut hätte man einen Müllberg neben einen leeren Mülleimer platzieren können. Die Ignoranz mancher Menschen kannte wirklich keine Grenzen. Und ich hielt mich manchmal schon für rücksichtslos.

„Hallo?“, wiederholte ich ohne wirkliche Hoffnung auf eine Antwort und erhielt auch keine. Zumindest nicht auf verbaler Ebene. Stattdessen kam nur eine Pepsidose ins Licht gerollt und verschüttete ihren klebrigen restlichen Inhalt auf den Asphalt. Ich zog an meiner Kippe, stippte die Asche auf den Gehweg und setzte mich  langsam in Bewegung. Es hatte sich häufig genug ereignet, dass betrunkene Obdachlose oder verletzte Kleinkriminelle, die medizinische Hilfe brauchten, am Eingangsbereich des Krankenhauses herumlungerten und zu feige waren, Hilfe zu erbitten. Nicht wenige waren nur wenige Meter von ihrer Rettung entfernt in den Gassen verblutet oder an Koliken gestorben.

„Wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie’s...“, versuchte ich es, obwohl es gut möglich war, dass ich mit mir selbst sprach. Ich erhielt immer noch keine Antwort und drehte mich um, sah über die Schulter zurück zu dem gähnend leeren Parkplatz und seufzte. „Scheiße, warum mach ich das überhaupt?“, stöhnte ich, nahm noch einen Zug von der Kippe und konnte mich noch nicht von ihr entledigen. Ich hatte mir jeden einzelnen Millimeter verdient und war keine verschwenderische Natur.

Langsam trat ich auf die Gasse zu. Der süßliche Geruch der verschütteten Cola stahl sich mit widerlicher Penetranz in meine Nase, vermengte sich mit dem Gestank von Verwesung und Unrat. Es war eine Sauerei, dass die Müllabfuhr trotz der hohen Temperaturen nur wöchentlich zur Entleerung kam. Der aufgeheizte Dreck verströmte mit jedem höheren Grad, das das Quecksilber anzeigte, ein stechenderes Aroma. Eigentlich wäre es angebracht gewesen, den Mundschutz aus dem OP gleich anzubehalten, wenn man die kargen Flure des Krankenhauses verließ.

„Hey, ich bin Ärztin...wenn Sie Hilfe brauchen, müssen Sie sich nicht vor mir verstecken!“ Ich trat aus dem Lichtkegel hinaus und hatte sofort das irrationale Gefühl, mich aus einem sicheren Bereich herausbewegt zu haben. Es war albern, ängstlich zu sein, wenn meine Kollegen keine fünfzig Meter von mir entfernt waren.

„Hey!“, rief ich etwas lauter, um meine eigene Unsicherheit zu überspielen. Ich trat näher an die Gasse heran und spürte, wie eine Anspannung von mir und jeder Faser meines Körpers Besitz ergriff. Das Rascheln, das wieder einsetzte, trug nicht zu meiner Erleichterung bei. „Hallo?!“, meine Stimme hatte einen gereizten Unterton angenommen. Was tat ich hier eigentlich? Warum rauchte ich nicht einfach meine Kippe und verzog mich wieder nach drinnen und überließ wer auch immer dort in der Dunkelheit vor mir steckte nicht einfach sich selbst? Weil mich der beschissene Gedanke materte, dass da vielleicht jemand war, der nicht um Hilfe rufen oder sich in die Notaufnahme bewegen konnte.

Immer weiter näherte ich mich der Gasse, war so nah an sie herangetreten, dass sich meine Augen vollends an die Dunkelheit gewöhnten und der Gestank des Müllbergs bestialische Ausmaße angenommen hatte. Ich konzentrierte mich, kniff die Augen zusammen. Der Glimmstängel in meiner linken Hand war in Vergessenheit geraten. Mir war, als hörte ich Atemgeräusche, und sie hörten sich alles andere als gesund an. Rasselnd und schwer. Nichts anderes als diese Laute erfüllten den lichtlosen Korridor vor mir. Wer oder was auch immer dort war, es erfreute sich sicherlich nicht bester Gesundheit. Mein hasenfüßiges Herz flüsterte mir zu, schleunigst Kehrt zu machen, mein Verstand hingegen, neben meinen Händen wegen seiner Objektivität mein wichtigstes chirurgisches Instrument, riet mir, zu bleiben. Ich wurde vielleicht gebraucht. Deswegen war ich Ärztin geworden, nicht um aus Furcht den Rücken vor menschlichem Leid zu kehren.

Als ich letztlich in die Gasse hinein trat und dem geringsten Lichtschimmer verwehrte, den Korridor auszuleuchten, mehrte sich das Rascheln vor mir. Ich beugte mich weiter vor, mein Herz klopfte mir mittlerweile bis zum Hals. Gerade als ich meinte, Konturen in der schattigen Nische vor mir ausmachen zu können, schoss etwas aus dem Dunkel hervor und streifte mein Bein, ließ mich herumwirbeln und einen kurzen Schrei ausstoßen. Die Kreatur aus den Schatten erwies sich als streunende Katze, ein besonders heruntergekommenes, abgemagertes Exemplar.

„Gottverdammt! Scheiß Katzenvieh!“, keuchte ich und legte die freie Hand an die Brust, so als könnte dies mein rasendes Herz beruhigen. Ich wurde wirklich zu schreckhaft auf meine alten Tage.

Ich schloss die Augen, drosselte meinen zu hektischen und flachen Atem und schlug gerade wieder die Augen auf, als sich plötzlich etwas mit großem Druck um meinen Hals schlang und zurückzerrte. Ich wollte schreien, aber kein Laut entkam meiner Kehle, zu stark würgte mich etwas, das ich nur beiläufig als einen Arm ausmachte. Ich realisierte gar nicht, dass mir die Zigarette aus der Hand gerissen worden war, merkte es dafür umso deutlicher, als sich die brennend heiße, glimmende Spitze in meinen Hals bohrte und mich brandmarkte. Ich konnte den plötzlichen Schmerz nicht herausschreien, noch in irgendeiner anderen Form artikulieren, es war entsetzlich. Entsetzlich und schier unendlich. Ich hatte mich schon einmal zuvor heftig an einem Bügeleisen verbrannt, aber hatte die Hand schnell wieder weggezogen. Das jedoch dauerte unerträglich lang an, sodass ich schon glaubte, mein Überwältiger wolle die Zigarette durch meinen Hals hindurch bohren. Meine Augen tränten in Reaktion auf den brennenden Schmerz, unkontrolliert und fast schon angenehm kühl rollten die salzigen Perlen über meine Wangen, während ich schon mit meinem Leben abschloss. Soviel hatte mir Gutmütigkeit also eingebracht. Irgendein verdammter Junkie würde mich erwürgen, nur einen Katzensprung von meinen Kollegen entfernt.

„Sssshhh“, hörte ich eine zischelnde Stimme an meinem Ohr, während ich den Druck gegen meinen Kehlkopf zu mindern versuchte. Ich rutschte mit den Fingern an dem filzartigen Stoff ab, schlug gegen den Arm, was darin resultierte, dass er sich umso enger um mich schloss. Ich sah die ersten schwarzen Punkte vor meinen Augen, die Anzeichen einer drohenden Ohnmacht, und zwang mich dazu, bei Bewusstsein zu bleiben. Verlor ich diesen Kampf hier und jetzt, konnte ich mir sicher sein, dass ich nicht mehr aufwachen würde.

„Wusstest du nicht, dass Rauchen...äh...ungesund ist? Hm? Sehr ungesund...in der Tat...es heißt sogar, es wäre tödlich“, raunte mein Angreifer in mein Ohr und etwas an seiner Art, sich zu artikulieren, ließ eine Gänsehaut auf meinen Armen erblühen. Er sprach gedehnt und bedacht, wobei sein Tonfall gleichzeitig merkwürdig gehetzt klang. Der rasselnde Atem entstammte seinen Lungen, das dunkle Lachen, das er folgen ließ, ließ mich frösteln. Ich konnte nicht sprechen, nur erstickt röcheln, während sich die kleinen schwarzen Punkte auf meiner Netzhaut mehrten, so als würden sie sich zu einem undurchsichtigen Schleier zusammenknüpfen. Ich durfte nicht krepieren, nicht auf so eine jämmerliche und dumme Art. Es gab da draußen noch jemanden, für den es sich zu leben lohnte, einen kleinen, neunjährigen Jungen, dessen größter Traum es war, professioneller Pitcher bei den Gotham Goliaths zu werden. Und ich hatte nicht vor, ihn zu verlassen.

„Hör...hör zu, Mädchen, ja?“ Ich krächzte hilflos, ein Versuch, befreiend zu husten wurde durch den Arm mühelos unterbunden. Er war um einiges größer als ich, es fiel ihm nicht sonderlich schwer, mich in seiner Gewalt zu halten. „Ich...könnte an die Stelle, an der ich dein hübsches Zigarettchen...ausgedrückt habe, gut und gern...eine Messerklinge setzen...na, wie würde dir das gefallen?“ Ich wimmerte erstickt, schüttelte den Kopf, um meinen Unwillen zu bekunden. Dass es etwas brachte, wagte ich zu bezweifeln.

Ich spürte den Atem des Fremden in meinem Nacken, hektisch, heiß und unregelmäßig. „Oder aber ich...lasse dich los...vorausgesetzt, dass du nicht schreist. Schreist du doch, so schreist du nicht lang.“ Etwas blitzte kurz vor mir auf und als ich kurz darauf das kalte Metall auf meinem zugeschnürten Hals spürte, wusste ich, dass er nicht bluffte. „Wirst du schreien, Frau Doktor?“

Zu schreien kam mir nicht in den Sinn. Vielmehr wollte ich diesem verdammten Mistkerl in die Weichteile treten. Ich schüttelte den Kopf, nachdem er drängend den längst erloschenen Zigarettenstumpf in die schmerzende Brandwunde gedrückt und mir vorerst eine ausreichende Lektion in Sachen Schmerzen erteilt hatte.

„Schade“, monierte er sich und trotz der schwülen Sommerhitze lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Es war, als hätte jemand gerade mit bloßen Fingernägeln über eine Tafel gekratzt. Er ließ abrupt von mir ab, sodass ich vornüber sackte und um Luft rang. Meine Luftröhre hatte sich aufgrund des Drucks so stark verengt, dass ich kaum atmen konnte. Ich hustete heftig, stützte mich an der Wand ab und versuchte, in Richtung Parkplatz zurückzustolpern, aber ich wurde unsanft an meinem Haarschopf zurückgerissen.

„Ah, ah, ah...hier...geblieben...“ Ich fühlte seine Hand in meinem Nacken, mit der er mich zurückriss. Ohne lange zu fackeln führte er das Messer an mein Gesicht und schnitt quer über meine Wange. Der Schnitt war nur oberflächlich, nicht tief genug, um Sehnen oder Nerven zu beschädigen, aber seine Kaltblütigkeit erschreckte mich. Er hatte ohne zu zögern zugestochen, hätte mich zweifelsohne getötet, hätte ich einen weiteren Fluchtversuch gestartet. Ich stöhnte atemlos, meine Lungen hatten nicht mehr ausreichend Kraft, um einen Schrei zu produzieren. Außerdem hatte er mir mit dem sieben Zentimeter langen Schnitt eindringlich genug bewiesen, dass er keine Späße gemacht hatte.

Er zerrte mich zurück, drehte mich um und dann sah ich ihn zum ersten Mal. Hätte ich mich nicht ohnehin schwer getan, Luft zu bekommen, hätte mir der Atem spätestens jetzt gestockt. Ich starrte in ein Gesicht, das eine düstere Persiflage einer Clownsfratze war. Verschmiertes weißes Make-up bedeckte den Großteil seiner entstellten Visage, seine Augen konnte ich in den Schatten überhaupt nicht ausmachen, zu sehr wurden sie von dem Schwarz, das er um seine Augen geschmiert hatte, verschluckt. Ganz im Sinne des tragischen Clowns erweckte es den Eindruck, als hätte er Tränen geweint, die schwarzgräuliche Schlieren über seine puderweißen Wangen gezogen hätten. Der Joker. Der gottverdammte Joker! Wie war das möglich? Hatten die im Fernsehen nicht gemeldet, ihn gefasst zu haben?

Meine Gedanken wurden jäh und sehr unsanft unterbrochen, als er mich beim Kinn packte und seine Finger in die frische Schnittwunde grub, sodass ich regelrecht spüren konnte, wie das Blut zwischen seinen Fingern hindurchsickerte. Es brannte und war schmerzhaft, doch längst kein Vergleich zu dem brennenden Zigarettenstumpf, den er in meine Halsbeuge gepresst hatte. Ich stöhnte gequält, aber er führte den Zeigefinger der anderen Hand an meine vollen Lippen und raunte mir zu: „Sshhh, wir...äh...haben uns doch geeinigt...keinen Mucks auf Anraten deines Hausarztes Dr. Joker.“ Er redete leise, seine Stimmlage hatte beinahe etwas Melodisches an sich, und dennoch war der Spott, den er mir entgegenbrachte, nicht zu überhören. Der Gedanke, ihm in die Weichteile zu treten, zerstob so schnell, wie er gekommen war. Ich wusste nicht, ob es an seinem bloßen Anblick lag oder daran, dass er mir auf so eindrucksvolle Weise demonstriert hatte, wie kunstfertig er mit seinem Messer umgehen konnte. Jedenfalls war es ihm gelungen, mich binnen weniger Sekunden einzuschüchtern.

Was wollte er von mir? Er lauerte doch nicht hinter einem schäbigen Müllcontainer jemandem auf, wenn er auf der Flucht war!? Wenn er mich töten wollte, hätte er längst Gelegenheit dazu gehabt. Überhaupt ergab es wenig Sinn, dass er hier war, es sei denn...er brauchte Hilfe.

Ich starrte ihn unsicher an, hörte den Herzschlag in meinen Ohren und gab kein Geräusch von mir. Wie ich es zustande brachte, nicht einmal laut auszuatmen, war mir ein Rätsel. „Was...?“, hob ich zu einer Frage an, doch kam nicht weit, als er mir die Gurgel zudrückte. „Keinen Mucks.“ Er sprach leise, aber mit Nachdruck und das irre Funkeln, das durch seine nur schwer sichtbaren Augen huschte, war Drohung genug, um mich zum Schweigen zu bringen. Ich stolperte beinahe über meine eigenen Füße, die noch immer in den losen Schlupflatschen steckten, als er mich mit sich zerrte. Ich hätte mich selbst nie und nimmer als schwach eingeschätzt, weil ich für meinen Job topfit sein musste und demnach oft vor dem Schichtantritt joggen ging, aber meine Kondition tat nichts zur Sache, er war der Stärkere von uns beiden. Ich wagte nicht, sein Markenzeichen genauer in Augenschein zu nehmen, aus Angst, es würde ihn provozieren. Solange er derjenige war, der das Messer in der Hand hatte, lagen alle Trümpfe bei ihm. Er zog mich immer weiter in die Gasse hinein, meine OP-Kluft streifte die dreckige Mauer und sammelte Striemen aus grauem Schmutz, mein nackter Arm schrammte an der grob verputzten Wand entlang, sodass die Haut zu gleichmäßigen Kratzern aufriss.

Warum zog er mich immer tiefer mit sich in die Dunkelheit? Er war, nach allem, was ich über ihn gehört hatte, nicht der Typ für diskrete Verbrechen im Dunkeln. Er brauchte Rampenlicht und Zuschauer, die starr vor Angst mechanisch applaudierten, weil sie es nicht wagten, einen Buhruf über die Lippen zu bringen. Jetzt verstand ich auch, warum das so war.

Wir bogen ab, entfernten uns von dem Krankenhaus und bewegten uns über enge, sich wie ein Bandwurm zwischen Häuserfronten entlang schlängelnde Gehwege. Ich versuchte mich zu konzentrieren, mir einzuprägen, in welche Richtung er mich mit sich zog, um einen günstigen Zeitpunkt einzukalkulieren, an dem ich die Flucht antreten konnte. Ich bemerkte, dass er leicht hinkte, das linke Bein hinter sich herzog, als würde es sich gegen die Diktatur seines Schrittmaßes auflehnen wollen. Seine Kleidung – eine gewöhnungsbedürftige Kluft aus skurrilen Farben, die selbst in den unbeleuchteten Hinterhöfen zu leuchten schienen – hing zottelig an seiner eher schmalen Statur hinab. Ich sah, dass einige Knöpfe an seinem lilafarbenen Mantel fehlten, einige dunkle Flecken besprenkelten seinen Rücken, von dem ich nicht allzu viel zu Gesicht bekam, weil er darauf bedacht war, mich auf Augenhöhe hinter sich her zu ziehen. Das Schlurfen seiner Sohlen über den unebenen Untergrund brannte sich in mein Gedächtnis ein. Es war, als kratzte jemand mit einer Gartenharke über bloßen Beton, wieder und wieder zu einem beständigen Rhythmus, einem haarsträubenden Pulsschlag.

Ich schmeckte mein eigenes Blut, das sich an meinen Mundwinkeln gesammelt hatte. Erpicht darauf, so viel Luft wie möglich zu bekommen, hatten sich meine Lippen geteilt, sogen Sauerstoff und Blut in meinen Mund, bis mir speiübel wurde. Er ließ mir nicht die Zeit, mich zu erbrechen zu lassen. Hätte ich es getan, hätte ich mich von oben bis unten vollgekotzt und er, er hätte wahrscheinlich nur darüber gelacht.

Seine Finger gruben sich unerwartet fest, wie ein Schraubstock um mein Handgelenk, bis er einen alten Lieferwagen erreicht hatte, dessen rostige und von unzähligen Dellen durchzogene Schiebetür er aufriss, nur um mich in den hinteren Teil der Fahrgastzelle zu stoßen, die wie bei einem Polizeiwagen oder Taxi mit einer grobmaschigen Trennwand von der Fahrerkabine abgeschnitten war. Mit einem dumpfen Rasseln fiel die Tür wieder ins Schloss, durch die Wucht dieser Bewegung schaukelte der ganze Wagen wie ein Fischerboot auf hoher See. Ich versuchte, sie wieder aufzuschieben, aber gelangte nicht an den Türgriff. Ich war eingesperrt wie ein streunender Köter, der einem Hundefänger ins Netz gegangen war. Auch  mein Rütteln und Zerren an dem Trenngitter brachte mich nicht weiter. „Scheiße!“, keuchte ich und spuckte mein Blut auf die unbequeme, nicht mit Sitzen ausgestattete Lagerfläche, während sich die Fahrerseite öffnete und der Joker hinters Steuer rutschte.

„Alles anschnallen!“, verkündete er seltsam nasal schnarrend und begann glucksend zu kichern, während er gleichzeitig polternd den Motor startete. Noch ehe ich in irgendeiner Form hätte reagieren können, fuhr er so schnell los, dass ich über die gesamte Ladefläche geschleudert wurde und mit dem Kopf gegen die gegenüberliegende Wand stieß. Kurz war mir schwarz vor Augen, während mich die Trägheit meines eigenen Körpers schon wieder in einen anderen Winkel des Wagens zwang. Hier hinten gab es keine Sitze, geschweige denn Gurte. Alles, was ich tun konnte, war, mich wie eine Muschel von den Gezeiten tragen und von einer Ecke in die nächste treiben zu lassen. Meiner Übelkeit war nichts davon zuträglich. Selbst wenn ich noch versucht hätte, die Orientierung zu behalten, wäre es mir nicht möglich gewesen. Der Joker fuhr, wie ihm die Nase gewachsen war. Er schien keine Stoppschilder oder Ampeln zu kennen, wechselte Spuren je nach Gemütslage und nahm – dem Poltern nach zu urteilen, das meine gesamte Wirbelsäule vibrieren ließ – auch keine Rücksicht auf Bürgersteige. Einmal kam es mir sogar so vor, als würde er ein anderes Auto rammen. Ich bekam gar nicht mit, dass ich die ganze Zeit über wie am Spieß schrie. So richtig gewahr wurde ich mir dessen erst, als sich mein Hals auch von innen anfühlte, als wäre er mit einer Zigarette ausgebrannt worden.

Ich rappelte mich auf alle viere auf, das lange schwarze Haar hing mir wirr und kraus im Gesicht, schien seine wieder gewonnene Freiheit voll und ganz auszukosten. Eine Strähne hatte sich brennend schmerzhaft in eine Platzwunde an meiner Stirn gegraben, die ich mir bei einem besonders unwirschen Zusammenprall mit der Wand zugezogen hatte. Mir schwirrte der Kopf, es war, als führe ich mit einem außer Kontrolle geratenen Karussell. Einem Karussell, das in der Obhut eines geisteskranken Clowns lag.

„Halten Sie an, verdammte Scheiße noch mal! Halten Sie an, Sie bringen uns noch um!“, schrie ich ihn an, nicht sicher, ob er mich durch das Gitter, das mit einer gläsernen Trennwand verstärkt war, überhaupt hören konnte. Er warf mir einen langen Schulterblick zu, schien nicht viel darauf zu geben, dass er genau in den Gegenverkehr steuerte, während er mich ansah. Die Scheinwerfer der entgegen kommenden, anhaltend lautstark hupenden Autos erhellten partiell sein Gesicht. Erst jetzt fiel mir auf, dass es nicht nur rote Schminke war, die seinen Mund und das groteske Lächeln aus abgestorbenem Narbengewebe bedeckte. Er schien aus dem Mund zu bluten.

Er lenkte scharf nach rechts und lachte irre, als ich aufgrund seines unvorhersehbaren Manövers seitlich gegen das Gitter knallte. „Was ist...so schlimm am Sterben, hm?“ Er sprach lauter, aber seine Stimme schien seltsam gebrochen zu sein. Vielleicht klang sie auch nur so merkwürdig in meinen Ohren, deren Wahrnehmung zu wünschen übrig ließ. „Wir alle müssen sterben...früher“, er lenkte scharf nach links, „...oder später!“ Wieder scherte er rechts ein und für einen wirren Moment kreuzte mich der absurde Gedanke, welcher meiner Kollegen mich wohl obduzieren würde, wenn man mich überhaupt aus einem völlig zerstörten Autowrack in ganzem Stück bergen konnte. Dass ich so enden würde, daran hatte ich in diesem Augenblick keinen Zweifel.

„Als...Ärztin...verfolgst du sicher das edelmütige Ziel, Leben zu retten, ist es nicht so? Oder...“, er begnügte sich diesmal damit, in den Rückspiegel zu schauen, hatte aber immer noch größten Spaß daran, das Lenkrad ruckartig abwechselnd in die andere Richtung zu dirigieren wie der Protagonist in einem frühen Hitchcock Film. Psycho. Keine Assoziation, die mir im Moment gefallen wollte. „...oder schnippelst du an Leichen herum, hm?“, frohlockte er gut gelaunt. Er hob die Brauen und ließ seine Zunge hervorschnellen, als würde der Gedanke seinen Appetit anregen. Angeekelt wandte ich den Blick ab und war verdutzt, als ich mich selbst murmeln hörte: „Ich bin Chirurgin.“

„Aaaah!“, machte er gedehnt, so als hätte er eine uralte Weisheit begriffen. „Chiruuuurgin...“, äffte er meinen Tonfall karikierend nach. Ich biss die Zähne zusammen. Ich mochte es nicht besonders, wenn man sich über mich lustig machte.

„Wie heißt du, mein Täubchen?“ Ich wischte mir Blut und Speichel von der Unterlippe. Das Rot meines Blutes vermengte sich mit der türkisenen Farbe meines Hemdes und färbte den Stoff zu dunklem Violett. Zumindest konnte man nicht behaupten, ich hätte mich aus freien Stücken seiner Garderobe angepasst.

„Ich hab dir eine Frage gestellt!“, erinnerte er mich ungeduldig. Es lag an der Schärfe, wie er seine Worte aussprach, dass ich zusammenzuckte. Nur mit viel Mühe und indem ich meine Arme gegen die Innenwände des Lieferwagens presste, verhinderte ich, wieder herumgerissen zu werden, als er so scharf einlenkte, dass ich meinte, er würde auf der Stelle wenden wollen. „Warum wollen Sie das wissen?“ Ich bemühte mich um eine feste Stimme, aber meine Kehle hatte nicht vergessen, vor kurzem erst beinahe zerdrückt worden zu sein. Ich krächzte mehr, als dass ich sprach, aber ich verschaffte mir dennoch Gehör. „Weil...äh...wenn du es mir nicht sagst, ich mich gezwungen fühle, dir dein hübsches Goldkehlchen aufzuschlitzen und deinen Namen von deinem niedlichen Plastikschildchen abzulesen...“

Ich schluckte, als ich seine dunklen Augen im Rückspiegel sah. In ihnen konnte ich lesen, dass er die alternative Version zu gern in Betracht gezogen hätte. Es kostete ihn schon lange keine Überwindung mehr, zu töten. Falls es ihn je Überwindung gekostet hatte. „C-...Clementine...“, stammelte ich, meine Mundhöhle war schlagartig wie ausgetrocknet, nicht einmal Blut war übrig, um meinen Gaumen zu befeuchten.

„Hm? Wie bitte? Ich glaub, ich hab dich nicht richtig verstanden, mein Schatz!“ Er kurvte wild herum, als würde er Autoscooter und keinen echten Wagen fahren. „Clementine...Dr. Clementine.“ Meine Stimme hörte sich nicht mehr wie meine eigene an, es war, als würde ich von einer Fremden synchronisiert werden. Den Joker schien es wenigstens zu amüsieren. Er lachte prustend, sodass sein Speichel in feinen Tröpfchen gegen die Frontscheibe sprühte, schaukelte zappelig im Fahrersitz vor und zurück. Er gackerte, bis es klang, als ob er schluchzte und vor Lachen weinen müsste. Dann ging sein Gelächter in einen kuriosen Singsang über, als er zu schmettern begann: „Oh my darling, oh my darling, oh my daaarling Clementiiine...“ Mir lief es eiskalt den Rücken herunter, als er diese Töne sang und vor allen Dingen fortfuhr: „Thou art lost and gone forever, dreadful sorry, Clementine...“ Dabei verzog er den Mund zu einem böswilligen Grinsen, sein Kopf sank leicht auf seine Brust und aus diesem Winkel heraus glotzte er finster in den Rückspiegel, seine Fratze war in das flackernde Licht vorbei fliegender Straßenlampen gehüllt, das weiße Make-up reflektierte die unterschiedlichsten Lichtnuancen. Rot. Gelb. Orange. Sogar ein blasser Grünschimmer brach sich auf seinem markanten Gesicht.

Ich war in die Hände eines erstklassigen Wahnsinnigen geraten und das nur, weil ich der Annahme gewesen war, jemand würde meiner Hilfe bedürfen. Der Gedanke, dass dem vielleicht auch so war, kam mir nicht.

Er ersparte mir den Vortrag der übrigen Strophen und lenkte den Wagen polternd in eine schmale Gasse, jegliches Licht, das in das Innere des Autos gefallen war, schwand wie auf Knopfdruck. Die Geschwindigkeit verlangsamte sich zusehends und es gelang mir, mich aufzusetzen. „Und dein...dein Vorname? Oder ist das dein Vorname, Clementine? Oh my darling, oh my darling...“, stimmte er wieder zwischen hektischen Atemzügen an. Es hörte sich nicht gesund an, aber andererseits ließ sein wirres Kichern auch nicht auf einen gesunden Geisteszustand schließen. Letzteres war allerdings weniger Nachteil für ihn als vielmehr für mich. „Verrate mir deinen Namen, Frau Doktor!“, säuselte er, während er den Lieferwagen ruckelnd zum Stehen brachte.

„Warum wollen Sie das wissen?“ Ich ahnte, dass es nicht klug war, mich gegen ihn zu sträuben. Obwohl ich nicht auf Psychologie spezialisiert war, hatte ich genug über Soziopathen in wissenschaftlicher Literatur gelesen, um zu wissen, dass sie gefährlich und teilweise sogar unberechenbar waren.

„Wa...warum?“, fragte er ungläubig und zog den Zündschlüssel, drehte sich zu mir um und klapperte mit dem Schlüssel gegen das Gitter. „Oh, ich...dachte nur, wir machen uns ein bisschen bekannt, bevor wir uns...äh...näher kommen.“ Näher kommen? Fast automatisch wich ich auf diese Bemerkung hin weiter zurück, insbesondere, als ich seinen anzüglichen Blick aufschnappte. Wenn ich es zustande bringen konnte, wollte ich sichere Distanz mehrerer Meter zu ihm wahren. Was er überhaupt von mir wollte, war mir schleierhaft.

„Näher kommen?“, wiederholte ich gedehnt und runzelte die Stirn, während er gespielt nachdenklich die Augen verdrehte und dann heftig und nachdrücklich nickte. Mein Blick fiel auf seine grässlichen Narben, die sich tief in seine Wangen gruben. Sie sahen nicht danach aus, als wären sie professionell zusammengeflickt worden, zu unregelmäßig waren die Abstände der Nähte angesetzt worden. Bei einer medizinisch begleiteten Wundheilung wurden permanent Gewebeuntersuchungen vorgenommen und Desinfektionen durchgeführt, um Entzündungen vorzubeugen. So zerklüftet, wie der Übergang von linkem Mundwinkel und Wange aussah, vermutete ich eine multiple, schwerwiegende Wundentzündung, die gut und gern in einer Blutvergiftung hätte resultieren und ihn umbringen können. Wann auch immer er sich diese Schnitte zugezogen hatte, ich war mir sicher, mit seinem Ableben wäre unzähligen Menschen viel Leid erspart geblieben.

„Oh my darling...weißt du nicht, dass es unhöflich ist, jemanden anzustarren?“ Ich schaute hastig zu ihm auf und biss mir auf die Zunge. Beinahe wäre mir eine Entschuldigung über die Lippen gekommen. Wenn ich mich bei ihm entschuldigte, nahm ich automatisch eine unterlegene Position ein, begab mich nur noch mehr in die Defensive, die es ihm ermöglichte, auch auf psychologischer Ebene die Überhand zu behalten. Sich zu entschuldigen, bedeutete, Schuld einzugestehen und diese zu bereuen, etwas, zu dem der Joker selbst niemals aufrichtig in der Lage sein würde.

„Wie ist dein Vorname?“, wiederholte er, während seine Zunge reptilienartig nach vorn schnellte. Warum er das tat, war mir nicht klar, ich fühlte mich nur äußerst unwohl dabei. Es war, als leckte er sich die Lefzen, um seinen Appetit zu schüren, wie es ein Wolf zu tun pflegte, der seine Beute im Visier hatte.

„Erst wenn du mir sagst, wie deiner lautet“, gab ich keck zurück, ein wenig ermutigt durch den Abstand, den das verglaste Gatter zwischen uns schuf. Es schien ihm zu gefallen, dass ich mich nicht sofort fügte. Prinzipiell wollte ich ihn nicht gegen mich aufbringen, ich wollte nur Zeit schinden. Denn ganz gleich, was er mit mir vorhatte, es würde mir mit Sicherheit nicht gefallen. Der flüchtige Joker wurde mit Sicherheit von allen Einheiten gesucht. Mir war zwar nicht ganz klar, wie ihm die Flucht gelungen war, aber darüber musste ich mir auch keine Gedanken machen. Ich musste mir Gedanken machen, wie ich ihn daran hindern konnte, mich wie seine übrigen Opfer aufzuschlitzen. Sein grotesker Fahrstil konnte niemandem entgangen sein. Vielleicht waren Cops schon auf ihn aufmerksam geworden und würden noch rechtzeitig eingreifen. Vielleicht aber auch nicht. Gotham City war ein riesiger Heuhaufen und der Joker die darin befindliche, lästige und piesackende Nadel. Eine recht bunte und auffällige Nadel, aber immer noch eine Nadel, klein und unscheinbar, wenn er wollte.

Er prustete los, sein entstellter Mund formte tiefe, geschwulstartige Falten, als er zu lachen begann. Sein warmer Atem ließ die Trennscheibe beschlagen, ehe der Nebel wieder verblasste und verschwommenes, feuchtes Glas zurückließ. „Du willst meinen...meinen Namen wissen, ja? Hmmm...“, machte er nachdenklich und rieb sich übertrieben das Kinn, sodass Rückstände seines weißen Make-ups auf seinen Lederhandschuhen haften blieben. „Wie gefällt dir Jack? Oder John...oder...James? Such dir einen aus, Schätzchen...du kannst mich nennen, wie du willst“, plapperte er vor sich hin.

Das Blut an seinem Mundwinkel war dunkel, also venöser Herkunft. Es konnte keiner äußerlichen leichten Verletzung entstammen. Augenscheinlich litt er an inneren Blutungen. Es stand ernster um ihn, als es sein äußeres Erscheinungsbild vermuten ließ.

„Dann kannst du mich auch nennen, wie du willst“, gab ich zurück. Meine Äußerung ließ jedoch das ewige Grinsen auf seinen Zügen gefrieren. Ich hielt unfreiwillig den Atem an und entspannte mich erst wieder, als die hektischen Zuckungen und Bewegungen wieder in sein Gesicht zurückkehrten. Er liebkoste die Innenseite seiner zerschlissenen Wange mit der Zunge und ließ diese mit einem schnalzenden Geräusch aus seinem Mund schnellen. „Ich denke...ich denkeee...“, wiederholte er und ich stutzte, schob seine gedehnte Sprechweise auf die Schmerzen, die er haben musste. Wahrscheinlich war er nicht ganz bei Sinnen oder auf Drogen, was ihn nicht minder gefährlich machte. „...du wirst mir schon noch deinen Namen sagen, mein Täubchen. Weißt du, ich kann sehr...überzeugend...argumentieren.“ Er spielte mit dem Messer, mit dem er zuvor meine Wange aufgeritzt hatte und implizierte damit, welche Argumentationsweise er meinte.

„Aber gut, my darling Clementine, ich hab dich nicht hierher gebracht, um mit dir Rätselraten zu spielen, obwohl...es reizvoll genug ist, dass wir es auf einen...späteren Zeitpunkt verschieben könnten.“ Er intonierte jedes Wort auf sonderbare Weise, sodass es mir fast so vorkam, als trüge er besonders ausdrucksstark ein Gedicht vor und redete nicht nur auf mich ein.

„Warum bin ich dann hier?“, fragte ich frei heraus. Es gelang mir nicht ganz, die Furcht in meiner Stimme zu kaschieren. „Das ist die essentiellste Frage des Lebens, nicht wahr?“ Er grinste breit und bleckte gelbe Zähne, die blutverschmiert waren. Was auch immer die innere Blutung auslöste, es musste ihm sagenhafte Schmerzen bereiten. Es war erstaunlich, wie er sich überhaupt noch aufrecht halten konnte. Ich wehrte mich dagegen, ihm dafür Bewunderung zu zollen. Ich hatte es mit einem eiskalten und äußerst brutalen Massenmörder zu tun, und allein sein Anblick bot mir keinen Grund, das zu vergessen. „Warum sind wir da, warum gibt es uns, was ist der Sinn des Lebens?“, murmelte er, seine Stimme wurde mit jedem Wort unsteter. „Irgendwelche Theorien?“, fragte er und legte den Kopf schief wie ein schmollendes Kind. Seine Haare waren dunkelblond und fettig, kräuselten sich zu ungekämmten Strähnen, die sein Gesicht wirr umspielten. Ich wusste nicht, ob es nur eine optische Täuschung aufgrund des fahlen Lichts war, aber ich glaubte, vereinzelte grüne, ausgeblichene Strähnen erkennen zu können.

Ich sah ihn irritiert an, als sich seine Lippen regten, als würde er etwas zerkauen. Wollte er wirklich eine philosophische Diskussion vom Zaun brechen, anstatt mich einzuweihen, was diese ganze Aktion sollte? Was ging in diesem wirren Kopf vor sich? Was hatte er vor?

„Sie spucken Blut...Sie haben sich eine ernsthafte innere Verletzung zugezogen...es ist gut möglich, dass Sie verbluten werden, also verstehe ich nicht, was diese Plauderei hier soll...“ Ich sah ihn fest an und widerstand dem Drang, mich unter seinem löchernden Blick zu winden. Es lag etwas Beunruhigendes in dem tiefen Dunkel seiner Augen. Es war, als wären sie durch und durch schwarz. Als er sich bewegte und plötzlich die Trennwand an einem Griff in der Fahrerkabine zur Seite schob, bereute ich den besserwisserischen Tonfall, den ich mir geleistet hatte. Es war, als hätte man die Raubkatze aus dem Käfig und in das größere Gehege entlassen. Er schlüpfte in den hinteren Raum des Lieferwagens und stand vornüber gebeugt vor mir. In seiner Hand hielt er immer noch das Messer, seine Finger umspielten den Griff mit fliegender Eleganz, so als wäre es ein Musikinstrument, das er perfekt zu spielen verstand. Der Unterboden des Lieferwagens zitterte unter seinen federnden Schritten, die er hintereinander setzte.

Nur wenige Zentimeter vor mir ging er in die Hocke, sein Geruch stach mir in die Nase. Er roch nach Chemikalien, nach Nitroglycerin. In das stechende Aroma mischte sich der Geruch von kaltem, frischem Schweiß und etwas, das ich nicht zu deuten vermochte. Es war der schale, herbe Duft gärender Trauben oder kam ihm zumindest nahe.

Ich schreckte zurück, als ich das kalte, glatte Leder seines Handschuhs auf meiner Wange spürte. Der Schnitt brannte unangenehm, aber ich presste die Lippen zusammen, um ihm kein schmerzerfülltes Stöhnen zu schenken, an dem er sich womöglich noch ergötzt hätte. „Du bist ja eine richtige...Intelligenzbestie...“, murmelte er und beugte sich nah genug zu mir vor, dass mir mulmig zumute wurde. Ich konnte den eigenwilligen kosmetischen Duft seines Make-ups einatmen, seinen Atem in meinem Gesicht spüren.

„Nun, da wir schon einmal bei der...Prädiagnostik sind...willst du mich vielleicht abtasten, hm?“ Er führte das Messer an meinen Hals und fuhr mit der scharfen Klinge die Stelle nach, an der er mir zuvor die Luft abgedrückt hatte. Seine Zunge glitt langsam über das maliziöse Grinsen, das seine hervortretenden Narben für alle Zeit auf sein Gesicht meißelten, während mich seine Augen taxierten. Obwohl seine fahrige Mimik und Gestik anderes vermuten ließen, wirkte sein Blick hochkonzentriert, fokussiert, wachsam. „Weißt du, ein Streuner, wie ich es bin...“, er holte tief Luft, rollte mit den Augen, während er gleichzeitig das Messer unter mein Kinn legte und es sanft zu sich nach oben dirigierte, als ich den Blick abwenden wollte. „...holt sich schon mal...Löcher in den Pelz...“ Er grinste breit und humorlos, sein eigenes Blut sickerte zwischen seinen gefletschten, vergilbten Zähnen hindurch. Er drückte seinen Daumen gegen meine Schnittwunde und drängte die Haut zurück, sodass die Wunde schmerzhaft geweitet wurde. Ich biss die Zähne aufeinander, um nicht schreien zu müssen. „Aber du, mein kleines Täubchen...wirst mich wieder zusammenflicken...“

Ich atmete gepresst aus und flüsterte nur noch: „Lassen Sie mich gehen, wenn ich es tue?“ Es war naiv, einem Psychopathen ein Versprechen entlocken zu wollen, das er sowieso nicht einlösen würde, aber ein ängstlicher Teil in mir, jener Teil, der daran dachte, wen und was ich alles zu verlieren hatte, hielt an der Hoffnung fest, heil aus dieser Angelegenheit herauszukommen. „Nun...mal sehen...“, entgegnete er und zog die Unterlippe zwischen die Zähne, auf der sich eine diagonale Narbe abzeichnete, „...das hängt ganz davon ab, ob du schnell genug bist.“

Ich atmete flach, meine Kehle pochte schmerzhaft und die Schneide des Messers bohrte sich unangenehm in meine Haut. „Zeigen Sie mir...zeigen Sie mir Ihre Verletzung...bitte...“ Ich blinzelte hektisch und verzog den Mund, als er die Klinge tiefer in mein Kinn presste. Wenn er so weitermachte, verpasste er mir ein künstliches Grübchen. Frische Tränen quollen unter meinen Lidern hervor und rannen über meine Wange. Es brannte, als sie in die schmale Ader des Schnittes glitten. Er lehnte sich ein Stückchen weiter vor, neigte den Kopf zur Seite. Es war, als könnte er nicht genug von meiner unverhohlenen Angst bekommen, so als wollte er sie riechen und schmecken. „Bitte...“, hörte ich mich wispern. „Bitte...lassen Sie mich Ihnen helfen, ok?“ Ich zwang mich dazu, ihn anzusehen, sein grässlich entstelltes Gesicht zu betrachten, ohne seine Narben anzustarren und ihn dadurch womöglich zu verärgern. Ich roch sein Blut und kämpfte die Übelkeit zurück, die in mir aufsteigen wollte.

„Oh, wenn du mich so...artig fragst...will ich mal nicht so sein...“ Der Joker drehte den Kopf, der kurz zur Seite zuckte, und nahm endlich das Messer weg. Ich atmete erleichtert aus. Er streifte sich den Mantel von den schmalen Schultern und murmelte dabei: „Weißt du, woran man erkennt, ob ein Cop oder ein...äh...richtig böser Bube geschossen hat?“

Ich musterte ihn irritiert, schluckte und schüttelte dann den Kopf. „Cops haben nicht den Schneid, dir in die Augen zu sehen, wenn sie abdrücken...sie...“, seine Zunge streifte seine Unterlippe und verschwand wieder in seinem Mund, während er die Augen fest zusammenkniff und die Stirn in Falten zog, sodass seine geschminkte Maskerade immer stärker verschmierte, „...sie sind...feige. Wie die meisten Menschen. Sie...schießen dir lieber in den Rücken.“ Er ließ seine Worte ausklingen, so als hätte er eine bedeutsame Rede von sich gegeben. Dann drehte er sich um und offenbarte mir seinen Rücken. Das blaue, absurd gemusterte Hemd, das er trug, und der darüber liegende Stoff seiner neckischen Weste waren an einer Stelle zerfetzt. Sein halber Rücken war unterhalb der Einschusswunde bereits blutdurchtränkt. Er war entwischt, aber nicht ohne Spuren einer Auseinandersetzung davonzutragen. Und jetzt erwartete er ausgerechnet von mir, dass ich ihn behandelte? Ich schaute auf und sah, dass er mich über den Rückspiegel genau im Auge behielt.

„An die Arbeit, Frau Doktor Clementine...wärst du...äh...so freundlich, mich von diesem lästigen...Mitbringsel zu befreien?“

Ich hörte ein Klicken über mir und sah erst jetzt, dass er sich eine schussbereite Pistole über die Schulter hielt. Er konnte nur vage zielen, doch aus dieser unmittelbaren Distanz hätte mich selbst ein verpatzter Schuss getroffen. Es war seine Stimme, die mich den Blick von der drohenden Gefahr abwenden ließ, die leise summte: „Warte nicht, bis ich ungeduldig werde, oh my darling, oh my darling, oh my daaarling Clementine...vielleicht bist du sonst verloren und für immer...verschwunden...“

Er begann zu lachen, und ich, ich setzte die Schneide seines eigenen Messers an die blutende Wunde.

-tbc-
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