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von CarpeDiem    erstellt: 29.04.2009    letztes Update: 29.06.2009    Geschichte, Allgemein / P12    (fertiggestellt)
Der Feind meines Feindes ist mein Freund

.-°*°-.

by CarpeDiem

.-°*°-.

Die Welt ist schwarz.
Alle Farben sind verblasst.

.-°2°-.



Als Eragon im Eingang des kleinen Zeltes stehen blieb, war er nicht verwundert Nasuada auf einer Holzbank neben dem Feldbett auf dem Murtagh lag, sitzen zu sehen. Er hatte sich bereits gedacht, dass sie hier sei, auch wenn er selbst noch nicht genau wusste, ob er hier sein wollte.

Nasuada drehte den Kopf und sah Eragon mit einem schmalen Lächeln an, während sie eine Hand auf den freien Platz neben sich auf der kleinen Bank legte.

„Eragon, es freut mich, dass es dir besser geht. Setz dich zu mir“, forderte sie ihn auf und Eragon betrat das Zelt nun vollständig. Irgendwie hatte er gehofft, dass Nasuada allein sein wollte und er damit einen Grund bekam wieder zu gehen.

Die vier Kull, die vor dem Zelt wache standen, traten wieder zusammen und blockierten den Eingang, nachdem Eragon das Zelt betreten hatte. Nasuada hatte die Befürchtung gehabt, dass einige verborgene Anhänger der schwarzen Hand versuchen könnten Murtagh zu entführen oder gar zu töten, nachdem er sich von Galbatorix abgewandt hatte. Über sie hatte Galbatorix zweifellos bereits erfahren, dass die magischen Bande, die Dorn und Murtagh an ihn gebunden hatten, nicht länger bestanden. Außerdem waren die vier mächtigen Urgal Krieger vor dem Zelt postiert worden, um als Warnung für jeden zu dienen, der im Begriff war eine Dummheit zu begehen. Murtagh war unter den Varden wie unter den Zwergen nicht gerade beliebt um es vorsichtig auszudrücken. Niemand hatte Murtaghs  Taten in den vergangenen Schlachten vergessen.

Eragon ließ sich neben Nasuada auf der Holzbank nieder.

„Ich bin schon vor einer halben Stunde wieder aufgewacht, aber Angela wollte mich nicht gehen lassen bis sie sicher war, dass ich nicht wieder umkippe“, antwortete Eragon und verdrehte die Augen, was Nasuada ein Grinsen entlockte.

Die alte Kräuterhexe hatte ihre Meinung darüber, wie unverantwortlich und gefährlich es gewesen war einen solch mächtigen Zauber zu wirken und wie leicht sie alle dabei hätten sterben können, nicht für sich behalten. Niemand hatte ihr widersprochen und selbst die Elfen hatten ihre Rüge schweigend über sich ergehen lassen, denn sie alle hatten gespürt wie nahe sie sich an der Grenze zwischen Leben und Tod bewegt hatten. Fünf der Elfen waren immer noch bewusstlos genauso wie Dorn. Saphira und Arya waren erst vor ein paar Minuten wieder zu sich gekommen. Der Zauber hatte unglaublich viel Energie verbraucht und selbst Glaedrs Eldunarí war vollkommen erschöpft worden. Jetzt konnte Eragon ohne weiteres verstehen warum es hieß, es wäre unmöglich die Schwüre einer Person zu brechen, denn drei Drachen, ein Reiter und dreizehn der mächtigsten Magier der Elfen wären beinahe gescheitert. Zwar waren Murtagh und Dorn von sehr vielen Schwüren umgeben gewesen und die Verbindung zwischen einem Drachen und seinem Reiter war eine sehr mächtige, aber selbst bei nur einer gewöhnlichen Person hätten weniger als ein Dutzend der stärksten Elfen es nicht geschafft die Schwüre zu brechen.

„Wie fühlst du dich?“

„Ich bin immer noch ziemlich erschöpft, aber es geht mir gut“, versicherte Eragon Nasuada und sie nickte verstehend, bevor sie ihren Blick wieder auf Murtagh richtete.

Eragon tat es ihr gleich und betrachtete Murtagh, der immer noch bewusstlos auf dem Feldbett lag. Seine Hand- und  Fußgelenke waren mit breiten Lederbändern an die Liege gefesselt worden und Eragon wusste, dass diese Fesseln nötig sein würden, wenn Murtagh aufwachte. Mit Sicherheit würde er nicht begeistert sein im Lager der Varden aufzuwachen, nachdem er von seinem Drachen entführt worden war. Noch dazu kam, dass Dorn und er nicht länger Drache und Reiter waren und Eragon konnte sich kaum vorstellen, was es für ein Gefühl sein musste plötzlich allein zu sein. Die Fesseln würden Murtagh davor bewahren etwas Unüberlegtes zu tun, denn da er nicht länger ein Drachenreiter war, verfügte er im Moment auch nicht mehr über seine magischen Kräfte und konnte sie daher nicht selbst öffnen.

Eragons Blick wanderte zu Murtaghs Gesicht und er konnte den Gedanken nicht verhindern, dass er friedlich aussah, als er bewusstlos auf dem Feldbett lag. Seine Gesichtszüge waren nicht wie sonst zu einer starren Maske verzerrt und in seinen Augen stand nicht dieser wütende Ausdruck, der seine Lippen immer zu einer harten Linie werden ließ. Eragon fragte sich ob er auch eine Maske tragen würde, wenn er an Murtaghs Stelle gewesen wäre.

„Ich hatte gedacht wenn wir uns je wieder sehen, dann würden wir uns als Feinde gegenüber stehen“, sagte Nasuada leise ohne ihren Blick von Murtagh abzuwenden. „Als mein Vater ihn damals in Tronjheim eingesperrt hat, bin ich ihn fast jeden Tag besuchen gegangen und habe ihm Bücher aus der Bibliothek gebracht. Wir haben oft stundenlang geredet und ich habe seine Gesellschaft sehr genossen. Es war ein Schock zu erfahren, dass er der Reiter war, den sich Galbatorix Untertan gemacht hat.“

Eragon schwieg, denn zum einen war er sich sicher, dass Nasuada keine Antwort von ihm erwartete, und zum anderen hätten diese Worte auch von ihm selbst stammen können, denn es waren genau die Gedanken, die ihm gerade durch den Kopf gingen. Er hatte Murtagh sein Leben anvertraut und musste schließlich erfahren, dass er in Galbatorix‘ Diensten stand und sie von nun an bei jeder Gelegenheit, die sich ihnen bieten würde, versuchen würden einander umzubringen. Murtagh hatte zwar deutlich gemacht, dass er sich Galbatorix nicht angeschlossen hatte und vielmehr sein Sklave als sein Verbündeter war, doch er hatte dennoch gegen Eragon gekämpft und er wäre bereit gewesen ihn in Galbatorix‘ Namen zu töten. Außerdem hatte er Hrothgar ermordet und Eragon hatte sich geschworen, dass er den König der Zwerge, der sehr großzügig zu ihm gewesen war, rächen würde und diesen Schwur konnte und wollte er nicht vergessen. Murtagh mochte seiner Meinung nach keine Wahl gehabt haben, aber Eragon sah das anders. Der Tod wäre eine bessere Wahl gewesen als seine Hände im Namen eines Wahnsinnigen mit Blut zu beflecken nur um sein eigenes Leben zu retten. Als Drachenreiter hatte er größere Macht als jedes andere Wesen in Alagaësia und er hätte unter keinen Umständen zulassen dürfen, dass Galbatorix diese Macht für sich missbrauchte. Damit hatte er seine Ehre und seine Verantwortung als Drachenreiter aufs Schändlichste verraten.

Auch wenn Murtagh sich entschließen würde für die Varden zu kämpfen, was Eragon für sehr unwahrscheinlich hielt, nach allem was geschehen war, würden sie von nun an immer Feinde bleiben und selbst die Tatsache, dass sie Halbbrüder waren, konnte daran nichts ändern. All das hatte eine gewisse Ironie, wenn man bedachte, dass ihre Väter vor langer Zeit ebenfalls Freunde gewesen und später durch Galbatorix zu erbitterten Feinden geworden waren.

Neben sich hörte Eragon Nasuada leise seufzen, ehe sie sich von der Bank erhob.

„Ich sollte zurück in mein Zelt gehen, es ist spät geworden. Orik hat sich mittlerweile zweifellos mit den Oberhäuptern der Clans beraten und Arya wird mit Königin Islanzadí gesprochen haben. Wir müssen eine Entscheidung treffen was nun mit Murtagh und Dorn geschehen wird.“

„Orik hat bereits angekündigt, dass die Zwerge Hrothgars Tod nicht vergessen werden“, gab Eragon zu bedenken und Nasuada nickte. Es war eine schwermütige Geste und sie wirkte müder denn je, als sie antwortete.

„Ja, und das bereitet mir mehr Sorgen als die Reaktion der Elfen. Sie wissen, dass Murtagh Oromis und Gleadr unter Galbatorix‘ Einfluss getötet hat, aber die Zwerge sind ein Volk so hart wie der Stein, aus dem sie glauben erschaffen worden zu sein, wenn es um ihre Traditionen und Gesetzte geht. Darüber verlieren sie manchmal den Blick für das Wohl Alagaësias.“

Eragon antwortete nicht und nach einem Moment sprach Nasuada weiter. „Du solltest ebenfalls in mein Zelt kommen, wenn Murtagh aufgewacht ist. Es wird mit Sicherheit einige Zeit dauern, bis wir zu einer Entscheidung gelangen werden.“

Eragon nickte und Nasuada machte sich daran das Zelt zu verlassen, doch als sie den Eingang des Zeltes erreicht hatte, bliebe sie noch einmal stehen und drehte sich wieder zu Eragon um.

„Ich beneide dich Eragon, weißt du das? Du kannst hier bei deinem Freund bleiben, während ich gehen muss und über sein Schicksal entscheiden.“

Eragon zögerte nicht im Mindesten, als er Nasuada antwortete.

„Er ist nicht mein Freund. Er ist nur mein Halbbruder und das konnte ich mir nicht aussuchen.“


# # #


Murtagh spürte wie er langsam aus einem tiefen Schlaf in einen leichten Dämmerzustand glitt und sein Bewusstsein allmählich wieder an die Oberfläche drang. Sein Denken schwamm weiterhin auf dieser trägen Welle, die seinen Körper immer noch gefangen hielt und so brauchte er einen Moment, bis er begann zu verstehen, warum seine unwillkürlichen Versuche sich zu bewegen auf Widerstand stießen.

Mit einem Mal war er schlagartig wach und seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er versuchte seine Handgelenke frei zu bekommen, und als er die Augen aufschlug, sah er warum es ihm nicht gelang. Seine Handgelenke waren mit breiten Leerbändern an die Liege gefesselt, auf der er lag.

Murtagh richtete sich auf, während er weiter versuchte seine Hände zu befreien. Er drehte den Kopf von der Zeltwand weg und sah Eragon, neben sich auf einer kleinen Bank sitzen. Aus der Nähe sah er noch verstörender aus wie ein Elf. Er hatte die Hände vor der Brust verschränkt und blickte schweigend und mit einem verschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht auf ihn herab.

Erst jetzt wurde ihm bewusst wo er sich befand, und Murtagh biss die Zähen zusammen. Da er gefesselt war und Eragon nicht, konnte er nicht mehr in Urû’baen sein, denn sonst wäre es umgekehrt gewesen. Die Tatsache, dass er sich in einem Zelt befand und der Umstand, dass zwei Kull davor Wache standen, konnten daher nur bedeuten, dass er sich im Lager der Varden befand. Wie er jedoch dahin gekommen war, wusste er nicht, zumindest konnte er sich nicht daran erinnern Urû’baen verlassen zu haben.

Ohne groß darüber nachzudenken sprach Murtagh in Gedanken Worte in der alten Sprache, die ihn von seinen Fesseln befreien sollten, doch die Lederbänder um seine Handgelenke lösten sich nicht. Murtagh starrte die Fesseln an und begriff einen Augenblick darauf, dass er zwar die Worte gedacht, aber keinen Zauber gewirkt hatte. Verwirrt suchte er nach der Quelle seiner Magie, wie er es schon abertausende Male getan hatte, doch im Vergleich zu diesen abertausenden Malen, bei deinen es ihm spielend leicht gelungen war, konnte er sie dieses Mal nicht finden.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Dorn! rief Murtagh in Gedanken, doch er erhielt keine Antwort und im Selben Moment wurde er sich der Leere bewusst, die in seinem Inneren herrschte und ein erschreckendes Gefühl der Einsamkeit ergriff von ihm Besitz.

Murtagh kannte dieses grauenvolle Gefühl, er hatte es schon einmal gespürt, als er soweit von Dorn entfernt gewesen war, dass er ihn nicht mehr über ihre Verbindung spüren konnte. Doch das hier war anders. Es war viel schlimmer. Das Gefühl durchdrang jeden Gedanken in seinem Kopf und lähmte seinen Körper mit einem Empfinden von Leere, das beinahe schmerzhaft war.

Murtagh stöhnte leise auf und kniff die Augen zusammen. Er glaubte diesen Zustand keinen Augenblick länger ertragen zu können und er war sich sicher, dass er an dieser erschreckenden Leere jeden Moment zerbrechen würde, doch auf unerklärliche und qualvolle Weise existierte er dennoch weiter. Er wünschte sich, dass er in genau diesem Moment sterben würde, nur um diesen Qualen zu entgehen, aber dann gelang es ihm diesen Schmerz in unfassbare Wut zu verwandeln, die ihn beinahe um den Verstand brachte.

Murtagh zog erneut mit aller Kraft an seinen Fesseln und funkelte Eragon an. „Was ist hier los?! Was habt ihr mit mir gemacht? Wo ist Dorn?!“

Eragon sah ihn einen Moment lang an, bevor er antwortete. „Nachdem sich eure wahren Namen geändert hatten, hat Dorn dich aus Urû’baen entführt und zu den Varden gebracht. Auf seinen Wusch hin haben wir euch zusammen mit den Elfenmagiern von den Schwüren befreit, die euch an Galbatorix gebunden haben.“

Murtagh starrte Eragon an und einen Moment lang hatte er Mühe zu verstehen wovon er überhaupt sprach. Doch dann halfen ihm die Erinnerungen an die letzten Tage aus seiner Verwirrung. Er hatte gespürt, dass etwas passiert war, aber er hatte nicht geahnt, dass sich in diesem Augenblick sein wahrer Name geändert hatte. Wenn er jetzt darüber nachdachte, ergab es jedoch Sinn. Er erinnerte sich noch daran wie er nach den ersten Sekunden, die wie in Zeitlupe vorüber getickt waren und in denen ihm voller Entsetzen bewusst geworden war, was er gerade getan hatte, klar geworden war, dass er alles tun würde um dem Schicksal, das ihm vor Augen stand, zu entkommen. In diesem Augenblick hatte er scheinbar eine Entscheidung getroffen, die sein ganzes Leben verändert hatte.

Doch was Eragon da sagte, konnte unmöglich wahr sein. Man konnte einen Schwur nicht einfach brechen und das musste Eragon genauso gut wissen wie er selbst!

„Was redest du da?! Es ist nicht möglich einen geleisteten Schwur zu brechen!“, entgegnete Murtagh aufgebracht und versuchte erneut sich aus seinen Fessel zu befreien, doch die Bänder lockerten sich nicht im Mindesten.  

Der ungläubige Ausdruck mit dem Eragon ihn daraufhin ansah, ließ Murtagh jedoch inne halten. Einen Moment herrschte Stille, bis Eragon ihm antwortete.

„Es ist möglich“, sagte Eragon leise und in seiner Stimme lag etwas wie Bedauern. „Ich dachte du wüsstest es, weil Dorn es wusste. Man kann die magischen Bande, die eine Person umgeben brechen, aber wenn man sich dazu entschließt, dann bricht man damit alle magischen Bande, auch die Verbindung zwischen einem Drachen und seinem Reiter.“

Murtagh starrte auf die gegenüberliegende Wand des Zeltes, ohne jedoch irgendetwas zu sehen. Galbatorix hatte ihn in dem Glauben gelassen, dass es für ihn und Dorn keinen Weg geben würde ihm zu entkommen und Murtagh hatte ihm geglaubt. Erst jetzt, als Eragon ihm sagte, dass das eine Lüge gewesen war, wurde ihm seine eigene Dummheit bewusst. Natürlich hatte Galbatorix ihm gesagt, dass er für immer an ihn gebunden sein würde, denn das hatte ihn davon abgehalten sich Hoffnungen zu machen und doch nach einem Weg zu suchen wie er seiner Knechtschaft ein Ende bereiten könnte.

Dorn hatte einen Weg gefunden und genau genommen wunderte das Murtagh nicht. Dorn hatte trotz all der Lügen die Galbatorix in seinen Kopf gepflanzt hatte, einen äußerst scharfen Verstand und er war sehr geschickt darin geworden, Dinge vor ihm zu verbergen. Geschickter als Murtagh es ihm anfangs zugetraut hatte. Er mochte im Imperium und unter dem Einfluss von Galbatorix‘ verzerrten Halbwahrheiten aufgewachsen sein, aber er hatte aufgrund des genetischen Wissens der Drachen und der Dinge, die er in Murtaghs und Shruikans Erinnerungen gesehen hatte, ein sehr ausgereiftes, wenn auch manchmal sehr zynisches Verständnis für Richtig und Falsch entwickelt.

Doch Murtagh hätte es nicht für möglich gehalten, dass er bereit wäre so weit zu gehen, um Galbatorix zu entkommen. Dorn hatte sich immer nach Freiheit gesehnt, mehr noch als das bei Murtagh der Fall gewesen war, denn als Drache war er dazu geboren den Himmel zu beherrschen und nicht in einer Halle zu sitzen, eingesperrt wie ein Tier. Doch dieser Traum von Freiheit war niemals mehr als ein Traum gewesen, und Dorn hatte Murtagh mehr als nur ein Mal seinen Willen aufgezwungen um ihnen beiden das Leben unter Galbatorix‘ Herrschaft nicht noch schwerer zu machen, als er ohnehin schon gewesen war. Sie hatten sich gegenseitig geholfen und obwohl Galbatorix sein Bestes getan hatte sie voneinander zu trennen, hatte er nicht verhindern können, dass sich zwischen beiden eine tiefe Freundschaft entwickelt hatte, die beiden ein Rettungsanker in dieser erbarmungslosen Welt geworden war. Murtagh hätte nicht für möglich gehalten, dass Dorn seinen Wunsch nach Freiheit über ihre Freundschaft stellen würde.

Aber so sehr Murtagh auch versuchte Dorn als Verräter zu sehen, er konnte es nicht. Er selbst hätte nicht den Mut gehabt Galbatorix zu entfliehen, denn er war bei weitem nicht so stark wie er gerne glauben mochte, und in gewisser Weise war er dankbar dafür, dass Dorn ihm diese Entscheidung abgenommen hatte.

„Es tut mir leid, Murtagh. Es gab keine andere Möglichkeit. Aber eure Verbindung kann wieder geschlossen werden. Dorn hat seine Entscheidung bereits getroffen, als er dich das erste Mal gewählt hat“, sagte Eragon und als Murtagh aufsah, sah er echtes Bedauern auf Eragons Gesicht.

Dennoch konnte Eragon sich nicht einmal im Ansatz vorstellen, wie Murtagh sich nun fühlte. Es gab keine Worte um diese kalte Leere im Inneren seiner Seele zu beschreiben, nachdem er von seinem Drachen getrennt worden war. Und so seltsam es sich auch anhörte, Murtagh konnte mit einem Mal verstehen, warum Galbatorix über den Verlust seines Drachen wahnsinnig geworden war und er selbst war im Augenblick kaum mehr als einen Handbreit davon entfernt, obwohl er wusste, dass das Band zwischen ihm und Dorn wieder geschlossen werden konnte.

„Wo ist Dorn?“

„Er ist bei Saphira. Der Zauber hat ihn sehr geschwächt und er ist immer noch bewusstlos, aber es geht ihm gut“, versicherte ihm Eragon und Murtagh nickte schwach.

Er konnte sehen, dass auch Eragon immer noch sehr erschöpft war und wenn Dorn immer noch bewusstlos war, dann wollte er gar nicht wissen wie nahe sie sich bei diesem Zauber an der Grenze zwischen Leben und Tod bewegt hatten. Doch anscheinend hatte niemand dabei sein Leben gelassen, denn sonst hätte Eragon ihm das schon längst an den Kopf geworfen.

„Was wird jetzt mit uns geschehen?“, fragte Murtagh, doch Eragon schüttelte lediglich den Kopf.

„Das wird noch entschieden“, antwortete er.

Ein freudloses Lächeln er schien auf Murtaghs schmalen Lippen. Er mochte Galbatorix entkommen sein, aber nun befand er sich in der Gnade der Varden. Er hatte einen Meister gegen einen anderen getauscht, doch anders als bei Galbatorix wusste er hier, wie sein Schicksal aussehen würde. Murtagh schloss für einen Moment die Augen, bevor er Eragon wieder ansah.

„Und wieder bin ein Gefangener der Varden. Nur, dass ich dieses Mal auf meine Hinrichtung warte.“

„Es ist noch nicht entschieden was mit dir geschehen wird“, widersprach Eragon ihn, aber Murtagh legte den Kopf schief und schnaubte abfällig.

„Ich bitte dich Eragon, sei nicht so naiv! Die Zwerge wollen mich tot sehen, dafür dass ich ihren König ermordet habe und ich kann es ihnen nicht einmal verdenken. Und die Elfen werden mir wohl ebenso wenig verzeihen, dass ich Oromis und Glaedr umgebracht habe.“

„Nasuada wird das nicht zulassen.“

Murtagh schüttelte den Kopf. Beinahe hätte er über Eragons Versuche sein Todesurteil zu leugnen, gelacht. Er musste ihm keinen Hoffnungen machen, von denen er wusste, dass sie nichts weiter als Illusionen waren. Man hatte ihn von seinen Fesseln, die ihn an Galbatorix gebunden hatten befreit nur ihm neue anzulegen und ihn letzten Endes hinzurichten. Murtagh wusste wie sein Schicksal aussehen würde, das hatte er immer gewusst und wenn er ehrlich war, dann war es ihm lieber zu wissen, wann er exekutiert wurde. Das war in seinen Augen besser als mit der Ungewissheit zu leben, dass Galbatorix ihn jeden Tag aus einer Laune heraus umbringen konnte. Zumindest würde er Dorn nun nicht mit sich in den Tod reißen, denn es war unwahrscheinlich, dass man ihn ebenfalls zum Tode verurteilen würde.

„Nasuada wird keine andere Wahl haben. Sie kann es nicht riskieren, dass die Zwerge oder die Elfen sich von ihr lossagen.“

Eragon sah Murtagh direkt an und in seinen Augen stand ein entschlossener Ausdruck. „Ich werde es nicht zulassen.“

Murtagh konnte es nicht verhindern. Er lachte. Es war ein kaltes und freudloses Lachen und seine Worte waren schwarz vor Sarkasmus. „Wie mitfühlend von dir Bruder, aber auch das wird mich nicht retten.“

Eragons Gesichtsausdruck wurde mit einem Mal hart. „Ich bin nicht dein Bruder“, sagte er voller Genugtuung. „Wir sind nur Halbbrüder. Morzan war nicht mein Vater. Mein Vater war Brom, ein Drachenreiter und Kämpfer gegen Galbatorix und das Imperium!“

Murtagh starrte ihn einen Moment lang an, bevor er in der Lage war zu antworten. „Aber Galbatorix sagte mit, dass…“

„Er weiß es nicht“, unterbrach ihn Eragon und stand von der Bank auf, auf der er gesessen hatte. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und bedachte Murtagh mit einem kalten Blick. „Brom war als Spion jahrelang direkt unter Morzans Nase und hat sich in dieser Zeit in Selena verliebt. Als sie mit mir schwanger war, hat sich ihr wahrer Name geändert und sie ist geflohen um mich in Carvahall zu verstecken. Wir haben die gleiche Mutter, aber du bist Morzans einziger Sohn und du hast ihm wahrhaftig Ehre gemacht.“

Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ ohne ein weiteres Wort das Zelt. Murtagh blickte ihm nach und er fühlte sich, als habe Eragon ihn geschlagen, denn sein Halbbruder wusste nicht einmal wie sehr er mit diesen Worten Recht hatte.


# # #


Eragon entfernte sich mit schnellen Schritten von Murtaghs Zelt ohne sich noch einmal umzudrehen. Er schlug den Weg zu Nasuadas ein und verlangsamte seine Schritte auch nicht, als er mehrere hundert Meter von Murtaghs Zelt entfernt war. Er spürte wie Saphira mit ihrem Geist sanft den seinen berührte, und nachdem er sie einen Moment lang blockiert hatte, ließ er die Verbindung schließlich zu.

Das hättest du nicht sagen sollen, Eragon, sagte Saphira, doch ihre Worte klangen nicht anklagend, sondern lediglich wie eine Feststellung.

Es ist die Wahrheit, antwortete Eragon hart, doch noch während die Worte seinen Mund verließen, wusste er, dass dem nicht so war. Saphira hatte Recht, er hätte es nicht sagen sollen, aber er hatte die Worte nicht zurück halten können und es hatte verdammt gut getan sie Murtagh an den Kopf zu werfen. Saphira war sein Gewissen und natürlich wusste sie warum er Murtagh vorgeworfen hatte wie sein Vater zu sein, und deshalb verurteilte sie ihn nicht.

Eragon spürte wie eine Woge von Gefühlen, die von Saphira kamen, auf ihn einströmte und sie zeigte ihm Dorn, der zusammengerollt und vollkommen bewegungslos neben ihr auf der Wiese am Rand des Lagers lag. Er war vor ein paar Minuten aufgewacht und bis auf ein leises, schmerzerfülltes Winseln und ein kurzes Zucken seines verstümmelten Schwanzes, hatte er sich nicht bewegt. Eragon spürte Mitgefühl und Verständnis und eine tiefe Traurigkeit und Einsamkeit wann immer ihre Gedanken zu dem anderen Drachen wanderten.

Eragon ließ diese Empfindungen einen Augenblick auf sich wirken, doch dann schob er sie von sich.

Saphira lass das, bitte, forderte er scharf und Saphira zog sich wieder ein wenig zurück. Ich will mich nicht schuldig fühlen für das, was ich zu ihm gesagt habe.

Das solltest du aber, entgegnete Saphira und Eragon schüttelte im Gehen den Kopf.

Das ist mir egal, entschied er.

Saphira antwortete nicht und Eragon stöhnte einen Moment darauf gequält auf, während er seine Schritte verlangsamte.

Warum setze ich mich eigentlich für ihn ein? fragte Eragon verzweifelt. Er hat Hrothgar, Oromis und Glaedr ermordet und ich habe als Drachenreiter und als Mitglied des Dûrgrimst Ingeitum geschworen sie zu rächen. Ich sollte seinen Tod fordern! Warum kann ich es nicht? Bin ich niemand mehr, der zu seinen Wort steht?

Saphira schmiegte ihre Gedanken enger an seine, um ihn zu trösten und ihre Stimme war sanft als sie ihm antwortete. Doch das bist du, aber Murtagh ist dein Freund.

Wie kann er das immer noch sein nach allem was er getan hat?

Er ist es eben, entgegnete Saphira schlicht und Eragon ballte seine Hände zu Fäusten.

Ich will aber nicht, dass er es ist, entschied er ärgerlich und als Saphira versuchte etwas zu erwidern, kam er ihr zuvor. Er hatte Nasuadas Zelt beinahe erreicht und die Wachen traten bei Seite, als sie ihn kommen sahen.

Lass es, Saphira. Ich habe jetzt keine Zeit mir weiter darüber Gedanken zu machen.

Saphira verstand und so ließ sie ihn in Ruhe und zog sich soweit zurück, sodass Eragon sie nur noch als Schatten in seinen Gedanken wahrnehmen konnte.

tbc.
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