Leseprobe: Vagabunden des Alls (Arbeitstitel: Die nächste Stufe der Evolution)

erstellt: 27.04.2009 aktualisiert: 05.02.2010
Kapitel: 1 Wörter: 12890 65 Reviews
Leseprobe, Abenteuer, Drama (fertiggestellt) / P16
 
 
Anmerkungen:

Die Geschichte wurde zu mehr als 50% auf fanfiktion.de veröffentlicht, und zwar im Zeitraum zwischen 4/2009 bis 1/2010.

Ich bedanke ich mich bei Artanis, die diese Geschichte Beta gelesen hat. Ich danke ebenfalls meinen Kritikern zuojenn, Tlana Isimi, Andauril, Chiron, Kara Ann, Schwyzer, SnowWh1te und Nocturnus.

Der Roman wurde vom Fallen Star Verlag http://www.fallen-star-verlag.com veröffentlicht. Das Buch ist bei verschiedenen Anbietern, wie z.B. Amazon oder Buch.de erhältlich. Wer ein Rezensionsexamplar möchte, möge sich bitte an mich wenden.

Wer gerne noch mehr Informationen hätte, das ist meine Autorenhomepage: http://angelafleischer.npage.at

Die ISBN-Nummer ist 978-3-942322-04-1

http://www.amazon.de/Vagabunden-des-Alls-ebook/dp/B007QY63PY
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Kapitel 1

Pevra ließ ihren Blick über den Gefängnishof schweifen, als sie jemand von hinten anrempelte. Sie wandte sich dem Störenfried zu. Ein Mensch, der sie frech angrinste, obwohl er gut zwei Köpfe weniger maß. "Aus dem Weg, Warzfuß!", schimpfte er.
Was? Na warte, du kleiner... Pevra atmete tief durch. "Einen Stawen provozieren? Dein Gehirn hat auch schon mal bessere Zeiten gesehen."
Der Idiot wich nicht von der Stelle und streckte ihr die Zunge raus.
Spinner. Wenn der so weiter macht, verliert der bald ein paar Zähne. Sie biss eisern die Zähne zusammen.
Der Quälgeist machte er eine affektierte Handbewegung. "Pah, kein Mumm mehr in den Knochen, ihr Warzfüße." Er zog weiter.
Pevra sah ihm nach und ballte eine grünbraune Faust. Idiot.
Bald darauf wiederholte der Mensch sein Spielchen bei einem anderen Opfer. Er steckte einen heftigen Schlag ins Gesicht ein. Der Mann wimmerte auf. Doch schon ein paar Sekunden später stänkerte er den nächsten Stawen an, mit ähnlichen Resultaten.
Pevra schüttelte den Kopf. Der steht wohl auf Schmerzen.
Sie schlenderte in Richtung des Zauns, der die Haftanstalt von der Wildnis trennte. Er bestand aus einem weitmaschigen Kohlefasernetz. Nach wenigen Schritten stieß sie auf Eoktwan, die verschlungene Symbole in den Sand zeichnete. Ihre Kieferklauen zitterten vor Erregung. Offenbar befand sie sich in einer Art Künstlerrausch. Pevra hockte sich neben ihre zart gebaute Bekannte und beobachtete sie. Sofort starrten Eoktwans Augen, diese schwarzen Kohlestückchen ohne sichtbare Iris, nach dem Ball in Pevras Händen.
"Der Ball, der Ball! Bitte, Pevra, gib mir doch den Ball."
"Nein. Du weißt genau, dass mir dieser Ball sehr wichtig ist."
"Und genau deswegen interessiert er mich ja so", schloss Eoktwan mit heiligem Ernst.
Pevra verdrehte die Augen. "Ähm, okay. Er ist mir nicht mehr wichtig. Du kannst ihn haben."
Die Rivianerin spreizte ihre Mundklauen, eine Geste, die bei ihrer Spezies einem Grinsen gleichkam. "Du vergisst, dass ich Lügen riechen kann."
Ah ja, stimmt. "Sag, Eoktwan, warum möchtest du den eigentlich?"
Eoktwan breitete dramatisch die dunkelbraunen Arme aus. "Wenn ich das verrate, ist es kein Geheimnis mehr. Und wenn es kein Geheimnis mehr ist, welchen Wert hat es dann noch?"
Pevra seufzte. Mann, genug mit Eoktwan geredet, für heute. "Wie auch immer."
Sie nahm ihre Runde durch den Hof der Haftanstalt wieder auf. So wie immer erstaunte sie die Fragilität der Zäune rund um das Gefängnis. Nichts, was man nicht mit einem Laser im Handumdrehen erledigen könnte. Aber das war bei weitem nicht die einzige Nachlässigkeit der Wachmannschaft – sie scherte sich auch nicht um Raufereien, Hygiene oder den Dosisschmuggel unter den Häftlingen. Ob ihr Desinteresse die größtenteils stawischen Gefangenen verhöhnen sollte?
Ihr fiel eine Gestalt auf, die sie hier noch nie gesehen hatte. Ein schlanker Humanoider, der etwas Echsenartiges an sich hatte. Seine Haut glänzte saphir- und cremefarben. Ich wusste gar nicht, dass es Eidechsenmenschen gibt. Sie spazierte zu Eoktwan zurück, weil die meistens über den Gefängnisklatsch Bescheid wusste. "Hast du diesen Blaumann gesehen?"
Eoktwan spähte in seine Richtung, das haarige Gesicht zu einem Ausdruck der Konzentration verzogen. "Er wollte nicht mit mir sprechen", erzählte sie. "Aber er riecht ... traurig."
Das ist ja mal ganz was Neues! Traurige Gefangene... "Vielleicht redet er ja mit mir. Im Gegensatz zu dir verzapfe ich nicht andauernd Lethoni-Dung."
Eoktwans Blick gewann eine durchdringende Kraft, voller Tiefe. "Deine Hitze ... das Temperament eines Vulkans."
Pevra verdrehte die Augen. Jetzt fängt sie schon wieder damit an! Sie nahm so schnell wie möglich vor der Rivianerin Reißaus. In ihrem Dunstkreis hält man es wirklich nur ein paar Sekunden aus. Pevra näherte sich der Gestalt, die am Zaun stand. Der Blaumann starrte in die Landschaft hinaus, entrückt, in Gedanken versunken. Pevra stellte sich neben ihn und tat es ihm gleich. "Neu hier?"
"Ja."
"Und, warum haben sie dich verknackt?"
Der Blaumann wandte sich ihr zu. Der Blick dieser riesigen, orangefarbenen Augen brannte sich in Pevra ein. "Mit der Frage macht man sich hier sicher viele Freunde."
Pevra zuckte mit den Schultern. Na und? Hier sind fünfzig Prozent der Gefangenen Stawen. "Ich bin - war Offizierin. Wer mich attackiert, stirbt."
Der Blaumann nickte.
"Also, warum hat man dich verknackt?"
Der Neue zog irritiert seine Augenbrauen zusammen, die zu seiner ledrigen Haut nicht zu passen schienen. "Warum haben die Sie verknackt?"
"Zu loyal. Hab mich freiwillig gemeldet", versetzte Pevra freimütig.
Er verschränkte schlanke Arme und wandte sich würdevoll wieder der Steppenlandschaft hinter dem Zaun zu.
Pevra wartete auf eine Antwort, doch es erfolgte keine. Wahrscheinlich brauch ich so schnell auch auf keine zu hoffen. Sie verlor die Lust an dem Gespräch und verließ den mysteriösen Fremden. Hier gingen die Uhren ohnehin langsamer, sodass mehr als genug Zeit blieb, sich gegenseitig kennenzulernen.
Eine Weile später näherten sich ihr ein paar glatzköpfige Stawen. "Major, spielen Sie doch ein bisschen Tilag mit uns."
Pevra schüttelte den Kopf. Ich bin kein Major mehr. Das ist jetzt vorbei, ein für alle mal. Endlich. "Ich sehe hier keinen Major", konterte sie barsch. "Sucht euch jemand anderen für euer Spiel."
Der stawische Ex-Soldat riss die Augen auf. Anscheinend kapierte er nicht, wie jemand auf seinen Offiziersrang freiwillig verzichten konnte. "Keine Sorge, wir werden hier nicht ewig feststecken. Bald machen die einen Gefangenenaustausch, und dann sind Sie auch gleich wieder Major."
Pevra biss die Zähne zusammen. Sie kapieren's einfach nicht! Verdammt noch mal, ist das so schwer zu schnallen? Da sie zu den wenigen Insassen gehörte, die am Kopf die Tätowierung eines Offiziers trugen, sprachen die ehemaligen Soldaten sie nur allzu oft an. Die wollten alle ihr Freund sein und empfanden tiefen und ehrlichen Respekt für sie. Kein Wunder... "Ich werde aus der Armee austreten, sobald ich wieder frei bin, Soldat", stellte sie schroff fest. Hör auf, Pevra. Das war ein Fehler! Jetzt werden sie zu diskutieren anfangen.
Ihr Gegenüber zog verwirrt die schwarzen Augenbrauen zusammen. Ein Lichtstrahl spiegelte sich auf seiner Glatze. "Kriegsverletzung?"
"Ja. Und jetzt hören Sie auf, mich daran zu erinnern!"
"Ja, Madam. Wenn wir irgendetwas für Sie tun können, brauchen Sie es nur zu sagen", offerierte er mitleidig.
Mann, ich halt's nicht aus! Ich halt's einfach nicht mehr aus! Pevra machte, dass sie wegkam, so schnell sie ihre Quadratlatschen trugen. Sie musste ohnehin bald wieder in ihre Zelle zurück und bis dahin konnte sie die Bewegungsfreiheit im Hof nutzen, statt mit Dummköpfen zu plaudern. Sie fiel in einen lockeren Lauf. Pevra kam an einzelnen Häftlingsgrüppchen, gelangweilten Telonidenwachen und einem Säuberungsroboter vorbei. Langsam aber stetig nahm der Ärger ab und ihre Laune besserte sich. So übel fand sie die Haft im Vergleich zum Krieg gar nicht. Immer wenn sie daran dachte, dass die Teloniden sie im Dienste des Galaktareichs gefangen genommen hatten, verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem Lächeln.
Pevra stieß in einer Ecke des Hofes auf Y-23. Der Mechanoide unterhielt sich mal wieder mit einer Gruppe von Mithäftlingen. Obwohl seine Mimik starr und emotionslos blieb, konnte Pevra anhand seines Tonfalls erkennen, dass er dieser Tätigkeit mit Begeisterung nachging. Sie musterte den vertikalen Mund, der sich im Einklang mit seinen Worten öffnete und schloss. Ziemlich abartig.
Vielleicht erzählt er ja bald wieder eine seiner berühmten Geschichten. Das gehörte zu den kleinen Höhepunkten des Gefängnisdaseins. Y-23 war nämlich ein exzellenter Geschichtenerzähler und hatte in seinem Leben schon viel erlebt.
Aber sie hatte keine Zeit mehr, ihn danach zu fragen. Denn der Hofgang endete und Pevra musste in ihre langweilige Zelle zurückkehren.

* * *

Elde näherte sich vorsichtig dem Löper, der am Boden saß und sich die Sandkörner aus den Ritzen seines Exoskeletts bürstete. Der Löper konnte den Destaner sicher sehen, doch er reagierte nicht.
"Ich habe gehört, Sie hätten früher mit Drogen gehandelt", klagte ihn Elde an.
Jetzt wandte ihm der Löper seine vier roten Augen zu, und fasste sich an das Seelenrelikt am Hals, eine Unsicherheitsgeste. "Ja, das habe ich", gestand er dennoch in Standard 3.
Elde zögerte keine Sekunde. Er zog aus seinem grauen Sträflingsanzug einen Spieß und stach in die Lücke des Körperpanzers zwischen Kopf und Hals. Der größere Löper gab eine Mischung aus Klackern und Keuchen von sich, aber es war zu spät. Noch ein letztes Mal bäumte sich sein Körper auf, ehe er kollabierte.
Elde schloss die Augen und erlaubte sich einen Moment der Kontemplation. Das Gefühl des Friedens füllte ihn aus. Sein Verstand flüsterte ihm, dass die Vergangenheit nun gesühnt sei. Aber der Erfolg war gering und die Befriedigung dementsprechend kurz.
Einer tot. Aber es gibt noch Millionen in der Galaxis. Millionen!
Er hastete so schnell es ging davon, da es sich nur um eine Frage von Sekunden handeln konnte, bis dieser Mord einem Wächter oder anderen Gefangenen auffiel. Elde konnte es sich nicht leisten, noch länger abzusitzen.
Das war dumm, unüberlegt, falsch! Und doch konnte ich nicht widerstehen.
Elde runzelte die Stirn.
Ohne Selbstdisziplin werde ich scheitern. Solche Ausrutscher sind unverzeihlich.
Aber die Wunden bluteten noch immer. So rational er auch sonst handelte, wenn es um das Ziel ging, kannte er sich selbst nicht mehr.
Elde entsann sich einer Zeit, als... nein! Er setzte dem Schmerz seine Verachtung und seinen niemals enden wollenden Hass entgegen. Er war das Lebenselixier, das ihn vorwärts trieb, Sinn und Ziel gab und die Ängste und Traurigkeit mit schier unglaublicher Lautstärke überschrie.
Entfernt nahm er wahr, dass er sich bereits weit genug von der Leiche entfernt hatte. Niemand hatte ihn bemerkt, oder wollte ihn bemerken. Stattdessen ging jeder seiner stupiden, ewig-gleichen Tagesroutine nach. Es war kaum zu glauben, dass die meisten seiner Mithäftlinge in der gefährlichsten Streitmacht der Milchstraße gedient hatten. Er legte sich auf den staubigen Sandboden und
begann mit seinen Turnübungen. In guter Verfassung zu bleiben, hatte für ihn hohe Priorität. Denn für den Fall, dass sie ihn jemals aus seiner Haft entlassen sollten, wollte er fit sein. Aber bis dahin musste er in der rauen Welt des Gefängnisses erst einmal überleben.
Plötzlich sprach ihn von hinten ein Fremder an: "Es hat einen Mord gegeben."
Die Ohren gespitzt drehte er sich der Rivianerin, die sich vor kurzem als Eoktwan Findu vorgestellt hatte, zu. Nie kann man hier in Ruhe nachdenken, in diesem verdammten Höllenloch. "So?"
Sie blähte ihre acht Nasenlöcher. "Ich rieche deinen Hass. Er gleicht einer Supernova inmitten kalten Vakuums." Die viergliedrigen Finger der Beigefarbenen spielten miteinander. "Wie fühlt es sich an, ein anderes Leben auszulöschen?“
Wenn sie es weiß, dann muss ich sie vielleicht töten. Er starrte ihr direkt in die Augen, diese schwarzen Löcher, die wie Lack glänzten. "Ich habe niemanden ermordet", log er nachdrücklich.
Ihre Monsternase schnupperte theatralisch. "Ich kann Lügen riechen! Aber keine Sorge, ich werde es niemandem verraten - wenn du mir erzählst, was dir früher widerfahren ist." Eoktwans Augen funkelten schelmisch und ihre Löffelohren ragten steil in die Höhe.
Hmm. Diese Abmachung ist viel zu riskant. Ich kann doch nicht meinen Mord durch die Gegend posaunen! "Sie haben keinerlei Beweise", konterte Elde. "Also, lassen Sie mich in Ruhe!"
Eoktwan näherte neugierig ihr Gesicht, bis es beinahe seine Nasenspitze berührte. Elde erkannte deutlich die feinen Knochenstrukturen unter dem behaarten Antlitz. "Warum bist du hier?" Ihre Stimme klang aufgekratzt.
"Ich bin kein Auskunftsbüro."
Eoktwan wedelte mit ihren sechsfingrigen Händen vor seinem Gesicht herum. "Lass mich teilhaben. Erzähle mir ... von der Tat. Ich will davon wissen, von den Gefühlen. Warum hast du wieder gemordet? Ja, warum?"
"Ich habe bereits mehr als genug mit Ihnen gesprochen", gab Elde barsch zurück, barscher, als er es vorgehabt hatte.
"Na gut." Sie schwieg. Endlich. "Aber falls Sie jemanden töten würden, wie würden sie es dann tun?"
Die ist aber wankelmütig. Ein Schmunzeln kroch ihm über die schmalen Lippen. "Ich würde ihm einen Kuss geben", sagte er mit Grabesstimme.
Nach einigen Sekunden spreizte sie belustigt ihre Kieferklauen, die ihr auf den Seiten des Mundes aus dem Oberkiefer ragten. Elde lächelte schief. Ich schätze, ich könnte ein paar Freunde brauchen. Und wenn sie noch so verrückt sind. Er zählte zwar eher zu den Außenseitern, aber gegen Freundschaften hatte auch er nichts einzuwenden.
"Übermorgen ist Geschichtstag", plauderte sie plötzlich los.
"Geschichtstag?"
"Ja, da erzählt Y-23 wieder einmal eine seiner berühmten Geschichten. Er hat die ganze Galaxis bereist, auf der Suche nach Abenteuern. Dabei hat er viele interessante Dinge erlebt. Manchmal verstehe ich nicht, warum er trotzdem so ein Langweiler geblieben ist." Sie schüttelte sich. "Keine Leidenschaft!"
Ich bin hier noch lange genug eingesperrt. Da kann ich mir ruhig auch ein paar Geschichten anhören. "Okay. Aber jetzt lass mich wieder in Ruhe. Ich muss nachdenken."
"Natürlich, großer Meister. Denkt nach, über den Sinn und die Tragik Eures Lebens." Sie stolzierte auf langen, gelenkigen Beinen los.

* * *

Eoktwan sortierte ihre Sammelgegenstände auf dem Fußboden, jeder einzelne davon ein kostbarer Schatz. Dabei handelte es sich nur um eine Mütze, ein altes Tilag-Spiel und eine kleine Puppe, die einen Löper repräsentierte. Keines von ihnen teuer, aber dennoch von unschätzbarem Wert, zumindest für Eoktwan.
Aber in diesem fürchterlichen Gefängnis bereitete es ihr Schwierigkeiten, weitere Objekte für ihre Sammlung zu ergattern. Die Wächter beäugten ihr Tun mit Misstrauen. Bei jeder ihrer Inspektionsrunden musste Eoktwan die Schätze erneut verbergen, manchmal sogar in ihren Körperöffnungen. Ich hätte so gerne Pevras Ball. Wenn sie ihn mir nicht gibt, muss ich ihn vielleicht stehlen. Eoktwan spreizte amüsiert die Mundklauen. Sie war eine geschickte Diebin.
Ein verirrtes Haar kitzelte ihr in der Nase. Sie begann mit dem Putzen ihres Pelzes, eine mühselige Angelegenheit, da ihre starken Nägel gegen den Schmutz wenig ausrichten konnten. Wegen des sandigen Untergrunds überzog eine Staubschicht ihr Fell, die auch nach mehrmaligen Duschen nicht verschwand. Ich will endlich wieder frei sein! Ich habe doch gar nichts gestohlen, was wertvoll ist. Sie hielt inne. Na gut, den einen Kopfring. Aber auch nur, weil er dem Besitzer so viel bedeutet hat. In Liebe geschenkt, hatte ihn sein Eigentümer mit Freude getragen. Das hatte für Eoktwan natürlich eine unwiderstehliche Versuchung dargestellt. So unwiderstehlich, dass sie noch am selben Tage zugeschlagen hatte. Ich war dumm, so dumm. Hätte ich mich doch nur einmal zurückgehalten!
Aber am meisten bedrückte sie die Tatsache, dass ihre Familie im Anschluss an die Verhaftung ihre Wohnung durchsucht hatte. Die riesige Sammlung, die sie darin gefunden hatten, hatte nur einen Schluss zugelassen. Pff. Sie denken, ich sei eine Kleptomanin. Dabei bin ich keine. Das meiste Zeug geben mir die Leute freiwillig.
Außerdem verstanden sie Eoktwan nicht. Aber wie sollten sie das auch? Nicht fähig zu träumen. Leben, ohne zu leben. Nein, sie verstehen es nicht. Eoktwan überkreuzte melancholisch ihre Kieferklauen. Bald würde sie frei kommen, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Polizei wieder in ein Gefängnis steckte. Es sei denn, sie ließ sich "therapieren". Aber Eoktwan hielt sich nicht für verrückt. Ich bin Träumer, nicht verrückt.
Eoktwan begann, Schlieren in den Sand zu zeichnen. Der Kopf ging ihr beinahe über vor Phantasie und Vorstellungen, wie sie ihre Familie wieder für sich gewinnen konnte. Sie stapelten sich zu hohen Türmen, drängten zusammen, und in ihren Träumen flossen sie sogar ineinander über. Doch Eoktwan sah keine Möglichkeit, sich auszudrücken, also blieb ihr nur der Sand.
Sie hielt inne und starrte eines ihrer Sandgemälde an. Ein ästhetisches Muster, dessen Ringel und eckigen Formen zu ihr sprachen, eine Botschaft von Emotion und Leidenschaft. Ein heftiger Impuls überkam sie, ihre Finger zitterten. Noch einmal betrachtete sie das Gemälde. Dann fuhr sie mit roher Energie ihre Finger in den Sand, und verwischte alles. Zerstörte es, bis nichts mehr davon übrig blieb außer einer formlosen Masse. Eine Allegorie drang ihr ins Bewusstsein.
Alles vergeht irgendwann. Unsere Jugend, unsere Gedanken, unsere Schöpfung, unsere Phantasie. Alles nur ein Hauch, der mit einem Wimpernschlag zerstört werden kann.
Ihr Herz pochte schneller. Sie schloss die pelzigen Lider, um das Gefühl zu konservieren, das die Tat ausgelöst hatte. Doch es währte nur einen Moment und war gleich wieder vorüber.
Der Geruch humanoiden Schweißes streifte ihre Nase. Sie öffnete die Augen. Vier Stawen hatten sich vor ihr aufgebaut, inmitten der Sandgemälde, die sie produziert hatte. Eoktwan blickte weit auf. Sie maß nur 1, 46 Meter, die Stawen hingegen über 2,30 Meter.
"Du, du hast mein Tilag-Spiel gestohlen!", schimpfte eine Stawin. "Ich möchte es wiederhaben!"
Eoktwan musterte die Hünin. "Ich habe es nicht gestohlen", dementierte sie und duckte sich. Hoffentlich glaubt sie mir das.
"Ich habe schon öfters gehört, dass du solche Sachen klaust." Die Stawin ballte eine Faust und die Flügel ihrer langen Nase kräuselten sich. "Dieses Spiel hat mir mein Bruder geschenkt. Mein toter Bruder. Also, rück es heraus, dann lasse ich dich wieder in Ruhe."
Eoktwans Fell sträubte sich leicht. Vielleicht sollte sie der Forderung nachgeben. Aber andererseits wollte sie dieses Tilag-Spiel haben, mit seinen liebevoll angefertigten Holzstäbchen und den vom Gebrauch abgewetzten Kerben. Was soll ich bloß tun? Ich will es nicht zurückgeben. "Ich hab es aber nicht", plärrte sie so überzeugend, wie es ihr nur möglich war.
Die Stawin nahm eine konfrontative Körperhaltung ein und die Wut dampfte ihr aus allen Poren. "Tatsächlich? Dein Zellengenosse hat uns aber etwas anderes geflüstert, Eoktwan Findu. Er hat zufällig deine kleine Sammlung entdeckt, und hat behauptet, dass ein Tilag-Spiel auch dabei war."
Eoktwan sprang auf ihre Füße. Stawen sind keine schnellen Läufer. Sie selbst hingegen hatte lange Unterschenkel und ein großes Sprunggelenk, sodass sie im Notfall Geschwindigkeiten über fünfzig km/h erreichte.
"He, was?", rief die Bestohlene.
Da sprintete Eoktwan los. Doch leider reagierte einer der Stawen zu schnell und packte sie an einem dunkelbraunen Arm. Er riss sie zurück. Der Mann fasste sie auch am anderen Arm. Eoktwan versuchte, sich loszureißen. Aber ohne Erfolg. Die viel größere Masse des Stawen ließ ihr keine Chance.
"Ich wusste gar nicht, dass ihr Rivianer so ein seidiges Fell habt", staunte er.
Die Bestohlene funkelte Eoktwan zornig an. "Ich bin für eine Stawin ziemlich geduldig", warnte sie. "Aber auch meine Geduld hat irgendwann ein Ende. Also, entweder du sagst uns jetzt, wo du das Spiel ver..."
Y-23’s wohlklingende Stimme unterbrach sie: "Was ist denn hier los?"
"Diese Rivianerin hat mir etwas gestohlen, das mir sehr wichtig ist", klagte die Frau. "Jetzt will sie es nicht mehr herausgeben, obwohl wir für ihren Diebstahl Beweise haben."
Eoktwan versuchte erneut, sich loszureißen. Aber wenn ich das Tilag-Spiel nicht mehr habe, dann, dann...! Ich muss irgendetwas haben! "Das stimmt nicht. Sie lügen!"
Y-23's Hände mit ihren vier Fingern gestikulierten beschwichtigend. "Nur die Ruhe. Es gibt keinen Grund, die Sache eskalieren zu lassen. Eoktwan, dieser Gegenstand gehört dir nicht. Du solltest ihn den Besitzern zurückgeben. Es wird nicht schwer sein, ein identisches Objekt auf legale Art zu erstehen. Dann musst du dich auch mit niemandem streiten."
Das stimmt! Er hat ja Recht, es ist falsch. Aber... Eoktwan rang mit sich selbst. Sie befand sich in einer misslichen Lage. Konnte sie es sich leisten, stur zu bleiben? Nein, das konnte sie nicht. Sie musste sich nur – zusammenreißen. "Na gut. Ich gebe es euch zurück."
"Ihr seht, solche Sachen lassen sich auch friedlich lösen", belehrte Y-23 die Stawen. Er wandte sich Eoktwan zu. "Du wirst einfach lernen müssen, ohne Diebstähle auszukommen."
"Ja", grummelte sie. Als wenn du das verstehen könntest, du Langweiler. Dabei brauchst du doch genauso Ablenkung, nur halt ganz andere. Ich durchschau dich!
Der Stawe ließ Eoktwan los. Unter Y-23's Aufsicht fuhren sie fort, die Abgabe des gestohlenen Gutes zu organisieren.

* * *

Pevra stand inmitten einer Masse von Gefangenen und verspürte den Drang, irgendeinem unschuldigen Opfer eine reinzuhauen. Wenn sie etwas nicht leiden konnte, dann Wartezeiten. Doch im Gegensatz zu ihr besaß Y-23 eine engelsgleiche Geduld und würde nicht eher anfangen, bis auch der letzte Nachzügler seinen Platz gefunden hatte. Sie tappte mit dem Fuß auf den Boden. Aber das machte es auch nicht besser. Eher schlimmer.
Der blaue Humanoide, dieser Elde oder Elme oder wie auch immer der hieß, sprach sie an: "Ich dachte, er wollte jetzt eine seiner Geschichten vortragen."
"Er wartet immer auf die Nachzügler, damit niemand von ihnen den Anfang verpasst." Sie freute sich über die kleine Ablenkung.
"Dann müssen seine Geschichten ja richtig gut sein." Er blickte leider wieder nach vorne. Im Gegensatz zu Pevra schien ihn die Warterei nicht im mindesten zu irritieren.
Endlich erhob der Mechanoide mit dem faßförmigen Rumpf seine sonore Stimme: "Ich bin froh, wieder so viele hier begrüßen zu dürfen. Aber die Vorfälle der letzten Zeit betrüben mich sehr. Große Unruhe und Zorn haben dieses Gefängnis beherrscht und zu einem unangenehmeren Ort für uns alle gemacht. Darum möchte ich, dass ihr so wie immer als Zeichen des Friedens eure Nachbarn umarmt und die Feindseligkeiten einstweilen beiseite legt." Er ging wie jedes Mal mit gutem Vorbild voran und umfasste mit metallenen Gliedmaßen einen Mithäftling.
Es ist erstaunlich, welchen Einfluss Y-23 auf diese Haftanstalt hat. Besser können die Wachen auch nicht Frieden stiften. Pevra entdeckte in der Menge Mott, ihren derzeitigen Liebhaber. Er kam auf sie zu und sie umarmten sich. Sie wollte ihn nach seinem Befinden fragen, doch Y-23 unterbrach ihr Ansinnen.
"Es geschah an einem Abend, dessen Temperatur meinen Sensoren sehr wohl tat. Sanftes Mondlicht überflutete die Straßen, als ich mich gemächlich zu meinem Freund begab. Er hieß Y-15, und alt war er, sehr alt. Kritische Programmdegeneration machte ihm zu schaffen, die irreversible Anhäufung von Datenmüll in der Persönlichkeit eines Mechanoiden. So schwer, dass es keine Heilung für ihn gab. Ich hatte großes Mitleid mit meinem alten Freund und so besuchte ich ihn an jenem Tag, um ihm in diesen schweren Stunden zur Seite zu stehen.
Von Fehlern der Sekundärprogramme niedergebeugt, ließ ihn seine kognitive Funktionalität allmählich im Stich. Doch sein Verstand blieb noch klar genug, um sich mit mir über die jüngsten Ereignisse unserer Freunde auszutauschen. Ich dachte schon, dass wir den ganzen Abend mit solch aufbauendem Tratsch verbringen würden, doch dann überraschte er mich. Denn er sagte mir, dass er noch unbedingt über eine wichtige Sache mit mir sprechen müsse, bevor er die Fähigkeit zur verständlichen Kommunikation verlöre.
So begann er mir zu erzählen - von dem Schatz."
Ein Raunen ging durch die Menge. Schätze schafften es immer, eine gewisse Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Nach einer kleinen Kunstpause fuhr Y-23 fort: "Vor langer Zeit arbeitete mein alter Freund bei den Ringen von Bimur. Im gleißenden Licht des Gasriesen durchkämmte er den Schrottring um den Planeten, um festzustellen, ob die Ablagerungsbedingungen eingehalten werden. Eines Tages, als er sich mit seinem kleinen Raumschiff durch den Schrott orientierte, stieß er auf ein Hindernis für seinen Weiterflug. Doch die Sensoren zeigten nichts an, gar nichts. Das wunderte Y-15, aber er nahm seinen Kurs wieder auf. Plötzlich sah er es.“ Die Sehsensoren des Mechanoiden leuchteten auf und sein Kopf vollführte eine 360-Grad-Drehung.
„Es flackerte auf, einen kurzen Moment nur. Doch seine Optikspeicher hatten es trotzdem registriert und er brauchte lediglich auf die Daten zuzugreifen. Er erkannte, dass es ein Raumschiff sein musste. Seine Oberfläche war mattschwarz mit silbernen Linien. Es besaß keine einzige Sichtluke und auch keine Antriebsstutzen, worüber jedes normale Raumschiff verfügt. Genaugenommen konnte Y-15 sogar überhaupt keinen Antrieb erkennen. Das Raumschiff hatte die Form eines Konus, umgeben von dicken Leisten, die sich am Heck wie eine Blume auffächerten. Jetzt frage ich euch: Habt ihr jemals von einem solchen Raumschiff gehört?" Y-23 hielt inne. Einige der Gefangenen murmelten. Tatsächlich hatte noch niemand ein Raumschiff ohne Antriebsstutzen gesehen, geschweige denn ein Konisches ohne Sichtluken.
Auch Pevra machte sich ihre Gedanken. Ich hab schon viel gesehen, aber ein Raumschiff ohne Sichtluken? Sogar die Rassen, die in ihrer früheren Evolutionsstufe noch keine Augen hatten, entwickelten inzwischen welche - Augen sind einfach zu praktisch, um sie wegzulassen.
"Y-15 hatte es jedenfalls nicht", stellte der silberfarbene Mechanoide fest. "Und aus diesem Grunde speicherte er die Information in seinem Gedächtnis. Er dachte nach. Sollte er es jemandem melden und den Finderlohn kassieren? Oder es einsammeln und selbst verkaufen?
Das hätte wohl jeder getan. Aber nicht so Y-15. Geld bedeutete ihm nichts, Museen fand er langweilig, also wusste er nicht, was er damit anfangen sollte. Er beschloss, das Wissen mit sich zu tragen und zu hüten. Darauf zu warten, dass ihm eine Eingebung kam.
So erzählte er mir schließlich das Geheimnis, welches er so lange gehütet hatte. Er sagte zu mir, dass ich das Wissen einmal nach eigenem Ermessen verwenden solle. Und das habe ich jetzt getan, indem ich euch diese Geschichte erzählt habe.
Ich trage diese Informationen schon seit 50 Talessa-Jahren mit mir herum. Ihr seid die ersten, die davon erfahren haben. Mein Freund - er starb fünf Tage, nachdem er mir diese Geschichte erzählt hatte. Doch auch wenn sein Tod sehr tragisch anmutet, so hat er sein Leben doch zumindest aufregend verbracht.
Vielleicht werde ich eines Tages aufbrechen - auf die Suche nach dem fremdartigen Raumschiff, diesem Wrack, das schon so lange einsam durch das All schwebt.
Ich hoffe, dass euch meine kleine Geschichte gefallen hat. Ihr wisst, auch nächste Woche werde ich eine Geschichte erzählen. Aber ich wünsche mir, dass ihr bis dahin friedlich bleibt und die Wünsche und Bedürfnisse eurer Mithäftlinge beachtet." Er ließ einen mahnenden Blick durch die Menge schweifen, um noch ein letztes Mal seinen Willen deutlich zu machen.
„Wir sehen uns später“, meinte Mott zu Pevra, zwinkerte vieldeutig und verschwand in der Menge. Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem Schmunzeln.
Elme oder Elde drehte sich zu Pevra um: "Dieses Wrack finde ich interessant. Es würde bestimmt viel Geld einbringen, vor allem, wenn es unbekannte Technologie enthält."
"Jaja, Geld, der Saft, der die Galaxis antreibt."
"Ich könnte ein paar Ültos schon gebrauchen."
Oh Mann, ich auch, ich auch. Pevra nickte. "Aber wenn nicht bald ein Wunder geschieht, werden wir wohl arm bleiben, was?"
Der blaue Humanoide schwieg, als ob er sich der Tatsache entsann, dass er noch lange einsitzen musste.
Die Versammlung löste sich langsam auf, weil einige Häftlinge stehen blieben und angeregt miteinander tratschten. In einem Gefängnis gab es nur wenig Beschäftigung abseits von Gesprächen.
"Junge Kids wie du sollten nicht einsitzen", meinte Pevra.
"Ja", murmelte er melancholisch. "Ich werde nun weiter trainieren."


Kapitel 2

Elde betrat den staubigen Boden des Gefängnishofes und sah sich neugierig um. In der Ferne lagerte ein Schwarm Meovoides, der sich friedlich auf dem Sand niedergelassen hatte. Er verlangsamte seinen Schritt. Doch ohne Erfolg. Die scheuen Tiere bemerkten ihn und der Schwarm erhob sich fiepend in die Lüfte. Majestätisch entfernten sie sich, ihre Schuppen ein grünliches Kaleidoskop im kalten Morgenlicht eines weißen Zwergs.
Elde schenkte ihnen keine weitere Beachtung, suchte sich einen Platz abseits, und begann mit seinen Kräftigungsübungen. Das regelmäßige Training zeigte bereits Wirkung, unter seiner Haut schlummerten harte und sehnige Muskeln.
Wenig später unterbrachen ihn jedoch dieser Y-23 und Eoktwan, die rivianische Nervensäge. Verdammt! Ich kann mir schon denken, was die von mir wollen.
"Ich mache mir große Sorgen", äußerte der Mechanoide und positionierte sich mit seinen vier Beinen vor ihm. "Eoktwan hat eine schreckliche Anklage gegen Sie ausgesprochen. Sie denkt, Sie seien derjenige, der den Löper getötet hat."
Elde starrte ihm direkt in die schachbrettartig strukturierten Sehsensoren. "Sie haben keinerlei Beweise."
"Das ist mir durchaus bewusst", beschwichtigte Y-23. "Aber mir liegt nun mal die Sicherheit dieses Gefängnisses sehr am Herzen. Ein furchtbarer Mord wie dieser stört den Frieden und das Gleichgewicht. Ich fühle mich verpflichtet, sicherzustellen, dass eine solche Störung nicht mehr vorkommt."
Sicherzustellen? Was soll das denn bedeuten? "Drohen Sie mir?" Elde versuchte seine Unruhe zu verbergen.
Y-23's Sehsensoren leuchteten rot auf. Unerschütterlich freundlich schlug er vor: "Versprechen Sie mir einfach nur, dass es nicht wieder vorkommt. Eoktwan wird dann mit ihrem exzellenten Geruchssinn feststellen, ob Sie Ihr Versprechen ernst meinen. Das genügt mir schon."
"Sind Sie so eine Art Hirte, der seine Schäfchen hütet?"
Eoktwan spreizte ihre Mundklauen. "Und ob er das ist. Je mehr er rettet, desto toller fühlt er sich."
"Dann sind Ihre Interessen ja nur egoistisch motiviert", folgerte Elde.
Am Himmel donnerte es und es fing an zu nieseln. Auf Eoktwans beigefarben-dunkelbraunen Fell glitzerten nach kurzer Zeit Tausende von Wassertröpfchen. Aber niemand störte sich am Regen. Schließlich mussten sie bald wieder in ihre miefigen und kargen Zellen zurück.
Y-23 wedelte dementierend mit seinen Armen. "Das ist nicht wahr. Mitgefühl ist meine Motivation. Wenn ich helfen kann, dann tue ich es."
Elde leckte sich über die Lippen. Na, was soll's. Wer bin ich, dass ich anderer Leute Motivationen beurteilen kann? Dieser Mechanoide hat die Milchstraße schon bereist, da habe ich noch an den Zitzen meiner Mutter gehangen. "Na gut. Ich werde niemanden hier töten." Einzelne Typen töten bringt mir gar nichts. Ganz im Gegenteil.
Eoktwan schnüffelte mit diesem feuchten, schwarzen Sieb, das sie ihre Nase nannte. "Er sagt die Wahrheit." Ihre pupillenlosen Augen fixierten ihn schelmisch. "Sag, warum bist du hier?"
"Ich habe gehört, hier gäbe es so tolles Essen."
Y-23 gab etwas von sich, das sich nach einem schlecht imitierten humanoiden Lachen anhörte. Vermutlich das Resultat eines Programms, mithilfe dessen er seine Sprech- und Verhaltensweisen an Gesprächspartner anpassen konnte. "Ich bin jedenfalls überaus froh darüber, dass dieses unangenehme Problem friedlich gelöst werden konnte."
"Aber wir wissen doch noch nicht, warum er es getan hat!", keifte Eoktwan, die Hände vor ihrer flachen Brust verschränkt.
"Sie sind verrückt", urteilte Elde. "Völlig durchgeknallt."
"Lieber durchgeknallt als normal."
"Ich werde nun gehen", kündigte Y-23 an. "Es gibt noch andere Angelegenheiten, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen." Der Mechanoide ging und ließ Elde mit Eoktwan zurück. Welches kosmische Verbrechen hatte er bloß begangen, dass er Eoktwans ungeteilte Aufmerksamkeit verdiente? Ah ja, da war ja noch was.
Bald darauf musste er wieder in seine Zelle zurück, die ihn mit ihrem aggressiven Dottergelb, der spärlichen Einrichtung und seinen drei Stawen-Haftkameraden begrüßte. Er setzte sich auf seine zerschlissene Hängematte und lehnte sich an der Wand an. In die eine Hand nahm er einen dünnen Polymerbildschirm, in die andere einen Stift, welcher dazu diente, Notizen auf dem Polymerbildschirm zu machen. Doch im Moment brauchte er nichts aufzuschreiben. Denn mit der Zeit fraß sich die Liste der Namen ohnehin von selbst in sein Gehirn. Immer, wenn er die Augen schloss, hörte er den Klang ihrer Silben. Und er wusste, wofür diese Buchstabenkombinationen standen: Häftlinge.
Sie sind Abschaum. Sie verdienen den Tod. Ich sollte sie nicht davonkommen lassen.
Eldes mit gelblichen Nägeln bestückte Finger krampften sich um den Bildschirm, sein Hass - kolossal, die Wut - überwältigend. Sie sind dran schuld. Sie sind an allem schuld.
Er seufzte. Jeder Humanoide hatte nur eine Jugend. Und wenn diese verloren ging, gab es kein Zurück mehr. Alles, was ich bin, was ich war, basiert auf Schmerz und Traurigkeit.
Er versuchte zu weinen, weil ihm das vielleicht für einen Moment Trost spenden würde. Er konnte es nicht. Es überraschte ihn nicht. Vor scheinbar für ihn unendlich langer Zeit waren die Tränen einfach versiegt. Seitdem sehnte er sich danach, das Weinen erneut zu erlernen. Es wäre dann von ihm der erste Schritt auf dem Weg von einem monströsen Psychopathen zu einem normalen Lebewesen getan worden.Doch stattdessen erfüllte ihn nur diese gewaltige, allumfassende Leere.
Aber ich bin nicht normal, und ich habe eine Aufgabe. So sehr ich auch gelitten habe, es hat mich auf den richtigen Weg geführt. Es hat mir das Wesentliche gezeigt.
Elde lächelte. Er gehörte zu den Bösen, daran gab es nichts zu rütteln. Doch zumindest konnte er sich selbst dafür hergeben, etwas Gutes zu schaffen.
Er würde sie töten, allesamt – das Leid beenden, das sie schafften. Nein! Nicht töten, das brachte nichts. Er musste anders gegen sie vorgehen, intelligenter.
Elde schleuderte die Liste von sich. Er würde dieser Versuchung widerstehen und diese Dinger in Ruhe lassen. Nicht, dass es um sie schade wäre. Aber er dufte seinen Traum keinesfalls durch eine längere Gefängnisstrafe aufs Spiel setzen.
Es ist der einzige Traum, den ich habe.
Völlig unerwartet ging ihm ein Licht auf, wie eine Magnesiumfackel in der Dunkelheit einer mondlosen Nacht. Ich brauche Mitstreiter!
Typisch für seine einzelgängerische Art war ihm niemals der Gedanke gekommen, es mit diplomatischen Mitteln zu versuchen.
Aber wenn er Anhänger sammelte... Es gab doch sicher auch andere, die darunter gelitten hatten.
Und ich sollte schon heute damit beginnen. Sie könnten überall sein. Elde holte sich die Polymerfolie zurück, drehte sie diesmal jedoch auf die Rückseite. Er begann, eine neue Liste über seine potentiellen Verbündeten anzulegen.
Wenig später standen bereits ein paar Namen auf der zweiten Liste. Elde begutachtete sie zufrieden. Wenn ich selbst an den Erfolg glaube, werde ich auch gute Überzeugungsarbeit leisten. Meine Sache ist eine Gute. Die anderen müssen das nur erkennen.
Doch leider musste er einen ganzen Tag abwarten, ehe er wieder Hofgang bekam. Als es so weit war, ging er schnurstracks auf Y-23 zu und blieb schließlich vor ihm stehen. Der Mechanoide tratschte schon wieder mit seinen Mithäftlingen - ein ungünstiger Umstand. Denn Elde wollte weder darauf warten, dass Y-23 sein Gespräch beendete, noch brauchte er Zeugen.
"Y-23, ich muss mit Ihnen unter vier Augen reden. Es ist mir sehr wichtig."
Der Mechanoide wandte ihm in einer 270-Grad-Drehung seines Kopfes die Primäraugen zu, eine reine Respektsbekundung, da er auch einen Sehsensor auf der Rückseite besaß. "Kann es nicht warten?"
Elde schüttelte den Kopf. Wenn er wartete und in der Zwischenzeit an seine früheren Vorhaben dachte, verfiel er vielleicht wieder seinem Blutdurst. Und das darf nicht geschehen. Ich werde mir nicht alles zerstören!
"Also gut." Y-23 sagte zu seinen anderen Gesprächspartnern: "Bitte, könntet ihr mich einstweilen alleine lassen? Ich denke, dass es Elde wichtig ist." Die fünf Gefangenen verließen Y-23.
Elde leckte sich über die Lippen. Er musste seinen Herzenswunsch so verpacken, dass er Y-23 auf seine Seite zog. Aber wie genau sollte er das anfangen? Selbst wenn ich scheitere, gibt es noch andere, die ich überzeugen kann. Das sollte ich niemals vergessen. "Y-23, ich möchte den zivilen Dosisgebrauch stoppen. Es gibt Unzählige, die sich damit ihr Leben ruiniert haben."
Y-23 schwieg kurz. "Es gibt viele, die das versucht haben. Aber weil fast jeder Intelligenzler ein Dosisnutzer ist, und es eine gewaltige Lobby gibt, hat es nie jemand geschafft. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, wie die Menschen es ausdrücken würden."
Er trat einen Schritt vor. "Aber niemand ist willens, so weit zu gehen, wie ich es bin!" Seine Stimme klang ihm rau in den Ohren.
Y-23 verharrte unbeweglich auf der Stelle, Gestik und Mimik absolut starr.
Elde fuhr fort, sein Tonfall wieder nüchtern: "Ich würde alles opfern, solange es mich meinem Ziel näher bringt."
"Hmm, vielleicht hast du tatsächlich eine Chance." Y-23 tippte sich mit dem einen Greifarm auf den anderen. "Aber welche Opfer müsstest du für deinen Erfolg bringen? Was würde es aus dir machen? Im Leben zählt nicht nur das Ziel, sondern immer auch der Weg."
"Ich würde mein Leben dafür geben", wiederholte Elde heiser. "Ich bin ohnehin schon kaputt, und glücklich kann ich auch nicht mehr werden. Es ist mir gleich, was aus mir wird, Y-23. Ich will nur mein Ziel erreichen."
"Bist du sicher, dass es keine Hoffnung mehr für dich gibt? Ich habe dich lächeln sehen. Aber ich verstehe, du kannst diesen Traum nicht ohne weiteres fallen lassen."
"Wirst du mir helfen?" Er setzte sich erneut seine Maske auf und verbarg so gut er es vermochte, welche Tornados in seinem Inneren wüteten.
"Ja, ich werde dir helfen. Aber nur, solange du dein Ziel auf eine friedliche Weise verfolgst. Es gibt schon so viel Blutvergießen in der Galaxis. Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass es noch mehr wird."
Als wenn diese Drogenhändler in ihrer Gier nicht Tausende von Leben auslöschen würden! Sie zu töten rettet viele andere! Aber das will Y-23 ja nicht verstehen. Weil er sonst zugeben müsste, dass es so etwas wie gerechtfertigte Gewalt gibt. Elde verriet jedoch nichts von diesen Gedanken und sagte schlicht: "Danke. Aber ich brauche so viele Verbündete wie möglich. Wenn du noch andere für unsere Sache gewinnen könntest, wäre das großartig."
"Selbstverständlich", zeigte sich Y-23 einverstanden, aber Elde vermeinte, ein Zögern zu vernehmen.

***

Eoktwan öffnete ihre Augen. Ein gleißendes Licht blendete sie. Die Gedanken krochen träge dahin, als ob sie eine Sirupschicht durchqueren müssten. Ihre Haut kribbelte, ein taubes Gefühl hatte von ihrem gesamten Körper Besitz ergriffen. Sie erschrak. Was? Aber? Was?!? Sie konnte sich nicht bewegen...
Eoktwan schoss die Verzweiflung in die Knochen. Mit geballter Kraft bäumte sie sich auf, doch aller Widerstand blieb zwecklos. Ohne Erfolg kämpfte die Rivianerin noch minutenlang weiter, ehe sie kapitulierte.
Sie konzentrierte sich nun auf ihre Wahrnehmungen. Ihr fiel der unangenehme Duft des Acetons auf, der den ganzen Raum beherrschte. Eoktwan tröstete sich mit der Tatsache, dass es schlimmere Gerüche gab, auch wenn der Lösungsmittelgestank sie schwindlig machte.
Sie fokkusierte ihre Aufmerksamkeit auf die optischen Eindrücke. Anscheinend lag sie in der Mitte eines Raumes auf einer Art Podest und blickte zur kargen Decke hinauf. Ein paar LED’s, denen der ultraviolette Teil des Spektrums fehlte, beleuchteten das Zimmer. Vermutlich gehörte dieses Zimmer zu einem Haus für Humanoide, denn im Gegensatz zu Eoktwan konnten Humanoide kein Ultraviolett sehen. Sie nahm aus den Augenwinkeln wahr, dass etwas am Rande ihres Blickfelds glänzte und funkelte, aber sie konnte unmöglich bestimmen, worum es sich handelte. Sie rotierte ihre Löffelohren auf der Suche nach fremden Geräuschquellen, aber vergebens.
Was genau hatte sie in diese missliche Lage gebracht? Sie fand keine schlüssige Erklärung. Eoktwan erinnerte sich nur daran, gemütlich ihr Abendessen verzehrt zu haben. Danach - nichts mehr. "Hallo, ist da jemand?", wollte sie fragen, aber ihre sonst so beweglichen Lippen verweigerten ihr den Dienst.
Da - ein kühles Gefühl in ihrem Arm. Sie fiel, in Dunkelheit...
Eoktwan sprang aus der Hängematte hoch. Völlig aus dem Häuschen sah sie sich um, das Fell ganz gesträubt. Ihr Herz pochte und es fiel ihr schwer, den Fluchtinstinkt zu unterdrücken. Jenen Trieb, der ihr wegen der vegetarischen Herkunft ihrer Spezies stets im Unterbewusstsein schlummerte. Erst nach etlichen Minuten erholte sich Eoktwan wieder von dem Schrecken.
War das eine Vision der Zukunft?
Eoktwan glaubte schon seit langem an die Existenz des Übersinnlichen und das schien ihr ein weiterer Beweis zu sein.
Vielleicht hat mir ein Geist diesen Traum eingegeben - vielleicht ist es eine Warnung.
Eoktwan legte sich in ihre Hängematte zurück. Doch die Angst wollte nicht so schnell vergehen, die Haare standen ihr noch immer zu Berge. Dieser Alptraum ähnelte frappant den unheilvollen Omen aus den Sim-Theatern, die ihr baldiges Unheil verkündet hatten. Sie blickte zu ihren drei Zellenkumpanen, von denen einer ihre kleine Sammlung an die Stawen verraten hatte. Sie wusste trotz langer Überlegungen nicht, wer es getan hatte. Eigentlich verstand sie sich auch mit allen dreien ganz gut. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Vielleicht wollte ihr einer ihrer Zellengenossen Böses! Das konnte doch sein, oder? Eoktwans Gedanken drehten sich im Kreis.
Erst nach Stunden kam der Schlaf, der sich einer gnädigen Decke gleich über sie senkte.

* * *

Es krachte in der Nähe des Zauns, gefolgt von einem Gleißen, das jeden Umstehenden blendete. Eine riesige Lücke klaffte im Gitter. Beißender Verbrennungsgestank durchtränkte die Luft und reizte Nase und Schleimhäute wie Tausend kleine Nadelstiche.
Die Gefangenen und Wächter starrten sofort in die Richtung des Lärms. Ein stawischer Landungsschweber samt Soldaten verschiedener Spezies setzte dröhnend hinter dem Gitter auf und wirbelte den Sand zu einer riesigen Wolke auf, die sich mit dem Rauch der Sprengung vermengte. Laute Schreie erschallten. Eine Klappe sprang mit einem Knall auf und stawische Soldaten durchquerten im Laufschritt das Loch, das sie in den Zaun geschossen hatten. Sie waren schwer gepanzerte Tötungsmaschinen, unerbittlich und effizient. Ihre militärischen Rüstungen schützten sie vor jeder konventionellen Plasmawaffe. Dem Waffentypus, den auch die Teloniden-Wachen verwendeten. Die Teloniden spritzten sich angsterfüllt eine Stress-Dosis in den Zugang.
Die Stawen stürmten den Hof. Es gab nur wenig Deckung, aber die Rüstungen verliehen ihnen einen großen Vorteil. Zudem hatten die vordersten Soldaten plasma- und projektilresistente Flexschilde, hinter denen andere in Deckung gehen konnten. Die stawischen Einheiten warfen Granaten, die in einem Hagel von tödlichen Giftsplittern explodierten. Verzweifelt versuchten die Teloniden ihrem übermächtigen Feind standzuhalten. Doch schon Sekunden später zogen sie sich in das Hauptgebäude zurück.
Die Häftlinge versuchten einstweilen außerhalb der Schusslinie zu bleiben. Viele pressten sich gegen den Zaun des Geländes, beschützten sich gegenseitig mit ihren Körpern. Sie scharrten und kratzten und prügelten einander, kleine Raufereien brachen aus. Andere sprinteten in Richtung des Loches, mussten aber aufpassen, weil die Stawen sie ungerührt mit den Flex-Schildern beiseite stießen.
Weitere Einheiten der stawischen Armee drängten durch das Loch im Zaun. Jede der neu angekommenen Gruppen übernahm eine Aufgabe, die sie mit bemerkenswerter Effizienz durchführte.
Der Geruch gegrillten Fleisches und angekokelten Sands erfüllte die Luft, tote Teloniden lagen über dem Areal verstreut. Die Stawen und Häftlinge trampelten achtlos drüber. Schreie und Wimmern tönte durch den Hof.
"Kommt!", rief Pevra ihren überraschten Kumpanen zu. Sie zeigte in eine Richtung und sprintete los. "Sie verteilen Waffen!"
Eoktwan, Y-23 und Elde hasteten ebenfalls vorwärts. Zusammen mit vielen anderen Gefangenen drängten sie zu jenem Stawen vor, der die Waffen verteilte. Nach einer kurzen Wartezeit standen sie vor ihm. Er drückte jedem eine Plasmapistole in die Hand, mit der Aufforderung, den Stawen zu helfen. Sogar Y-23 nahm eine Waffe an, vermutlich zum Schutz.
"Ich bin Offizier, gib mir dein Gewehr!", forderte Pevra.
"Äh, was?"
"Ich bin Offizier!", brüllte sie in der Haltung einer Kriegsgöttin. Der verdutzte Soldat langte nach dem Gewehr auf seinem Rücken und reichte es Pevra. Es handelte sich um ein halbautomatisches Plasmagewehr. Tödlich in den Händen einer fähigen Person. Na endlich.
"Kommt mit!", befahl sie Eoktwan, Elde und Y-23. Pevra rannte voran, Richtung Landungsschweber. Ihnen kamen Soldaten und andere Gefangene entgegen, die sie beiseite stießen.
Eoktwan blieb stocksteif stehen. "Was... wo rennst du hin? Ich kann doch nicht meine Sammlung alleine lassen!"
Pevra drehte sich zu ihr um. "Eoktwan, du musst jetzt mitkommen, sonst wirst du sterben!"
"Aber...!" Auf einmal traf sie Eldes Faust am Hinterkopf, ein Schlag, der sie glatt ausknockte. Er fing sie auf, ehe sie am Boden aufprallte.
"Gute Idee. Ypsilon, kannst du sie tragen?"
„Ich denke schon", antwortete Y-23. "Aber ich bin mi..."
Pevra sprintete weiter. In einer Gefahrensituation zählte jede einzelne Sekunde. Sie durchquerten das Loch und hielten vor den Landungsschwebern der Stawen.
Bei jedem der Schweber standen drei Soldaten Wache. Sie trugen halbautomatische Plasmagewehre. "Wir brauchen einen Schweber!", fuhr Pevra eine Gruppe, zwei Löper und eine Stawin, an.
"Aber das geht nicht!", verweigerte ein Löper das Ansuchen und wedelte mit einem insektoiden Arm. "Wir müssen den Rückzug decken."
Pevra starrte ihm mit weit aufgerissenen Augen an. "Ich habe wichtige Geheiminformationen bei mir, von denen der Feind nicht erfahren darf! Aber du kannst Tenekan Asstur ja persönlich erzählen, dass du mich nicht weggelassen hast!"
"Tenekan Asstur? Das glaube ich nicht!", zeigte sich die Stawin unbeeindruckt.
"Ihr könnt immer noch einen leeren Schweber anfordern. Aber könnt ihr dem Tenekan erzählen, dass ihr Schuld am Tod einer Agentin habt?" Jetzt glaubt mir doch endlich, ihr Blödmänner.
Der zweite Löper, anscheinend der Anführer, verdeckte mit der Hand sein Seelenrelikt, eine Geste für 'Nein'.
"Na gut! ST36KLO9."
Der Anführer glotzte. "Diesen Militärcode kennen nur die höheren Ränge. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ihr zum Feind gehört." Er schwieg zirka fünf Sekunden. "Gut, ihr könnt weiter", entschied er widerwillig. Die anderen beiden machten auch Platz.
Ohne Umschweife besetzten die vier Häftlinge die erste Sitzreihe des Schwebers. Pevra bugsierte sich zu den Kontrollen.
"Kannst du damit umgehen?", erkundigte sich Elde.
"Nein, aber ich kann's ja versuchen."
Y-23 mischte sich ein: "Ich bin ein ausgezeichneter Raumschiff-Pilot. Ich denke, ich könnte auch dieses Vehikel fliegen. Allerdings wird jemand Eoktwan halten müssen."
Pevra rückte bereitwillig zur Seite und Elde hievte Eoktwan von Y-23 runter.
Pevra blickte zurück. Hinter ihnen rührte sich nichts. Gut, aber wir müssen uns was einfallen lassen. So wie ich das sehe, wird diese Flucht noch stressig.
Y-23 startete das Triebwerk und beschleunigte auf Höchstgeschwindigkeit. Pevra hatte den Eindruck, dass er den Schweber in Richtung jener Stadt lenkte, die sie schon beim Anflug auf diesen Planeten gesehen hatte.
Eigentlich liegt Josac nicht allzu nahe am heliumfreien Gürtel. Sind die Stawen etwa bis in diesen Sektor vorgedrungen? Pevra fröstelte. Der Krieg nahm immer gewaltigere Ausmaße an. Es sah nicht so aus, als ob die Kriegsmaschinerie der beiden Supermächte bald ins Stocken geraten würde.
Am Himmel hingen unzählige Wolken. Das kommt mir ungeheuer bekannt vor. Sie warf in unregelmäßigen Abständen den Kopf in den Nacken, während Y-23 über eine dürre Ebene raste. Aber vielleicht ist heute auch nur ein außerordentlich bewölkter Tag...
"Irre ich mich, oder sieht diese Stadt plötzlich anders aus?", fragte Elde.
Pevra presste die Lider zu Schlitzen zusammen und starrte in die Ferne. Tatsächlich, die Stadt am Horizont sah vom Farbton her dunkler aus, als sie es in Erinnerung hatte. Y-23 hielt weiter auf die Siedlung zu. Kurze Zeit später offenbarte sich die Ursache der Veränderung. Ein kilometergroßer Krater hatte die Stadt ersetzt und bezeugte, dass niemand überlebt haben konnte. Die einstigen Bewohner der Stadt hatten sich in ihre atomaren Bestandteile aufgelöst. Sie hatten nicht den Funken einer Chance gehabt, dem Angriff zu widerstehen. Die Asche glänzte schwarz und zeigte keinerlei Anzeichen, nicht einmal den winzigsten Hinweis, auf einstige Zivilisation. Im Landungsschweber herrschte entsetztes und fasziniertes Schweigen. Eine solche Stille, dass ihnen der Wind und das eigene Atmen in den Ohren rauschte.
"Stawische Strategie", knurrte Pevra, weil sie die Stille durchbrechen wollte. "Wenn sich ein militärisches Ziel auch nur ansatzweise in der Nähe ziviler Siedlungen befindet, werden die zivilen Ziele mitzerstört."
"Wirklich?", hakte Y-23 geschockt nach. "Aber die vielen unschuldigen Leben, werden die einfach ebenfalls vernichtet?"
"Genau das ist der Punkt", versetzte Pevra bitter. "Auf die Art soll sichergestellt werden, dass die planetaren Bevölkerungen militärische Gebäude in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht dulden. Das vereinfacht dem stawischen Heer die Kriegsführung."
"Böse", kommentierte Elde. "Aber sicher wirkungsvoll."
"Ich kann kaum glauben, dass jemand ein so gefühlloses Verhalten an den Tag legen kann", klagte Y-23. "Was haben sie denn von all dieser gegenseitigen Zerstörung?"
"Gar nichts, Y-23, gar nichts", sagte Pevra müde. "Aber wir sind nicht alle so ... böse. Unser Regime ist es, nicht die Bevölkerung."
Elde wandte ihr das Gesicht zu. "Aber ist es nicht die Bevölkerung, die das Regime duldet, und zugelassen hat, dass es seine Macht erlangt?"
Pevra biss die Zähne zusammen. Verdammt, er hat irgendwie recht. Aber ich muss einfach an die Friedfertigkeit meiner eigenen Spezies glauben können. Sonst ist alles umsonst! Sie erinnerte sich an all die friedfertigen Stawen, die sie im Laufe ihres Lebens getroffen hatte. Oderan jene Stawen, die ihr inneres Feuer für das Schaffen großer Kunst oder die Gründung eines Wirtschaftsunternehmens eingesetzt hatten. "Wenn ich meine Lektion gelernt habe und nach langen Kriegsjahren kapiert habe, dass ich für die falsche Sache kämpfe, dann können andere das auch."
"Das ist wahr", stimmte Y-23 zu. "Ein jeder kann sich ändern. Auch du, Elde, kannst es noch. Belüge dich nicht selbst mit der Behauptung, dass es zu spät sei. Es ist niemals zu spät."
Eldes kühler Blick sprach Bände.
"Wir müssen schleunigst den Planeten verlassen", warnte Pevra. "Y-23, kennst du irgendeinen anderen Ort, an dem sich Raumschiffe befinden könnten?"
"Wir werden nicht die Einzigen sein, die vom Planeten abreisen wollen", bemerkte Elde. "Wahrscheinlich sind die Hangars inzwischen leer."
Sie versanken alle in ihren Überlegungen, während Y-23 den Schweber mehr oder weniger ins Leere lenkte.
"Die Stawen haben Raumschiffe. Vielleicht ließe sich eines von denen stehlen", schlug Elde vor.
Y-23 bestätigte: "Das halte ich für eine gute Idee. Dann nehmen wir auch niemandem das Raumschiff weg, der es dringend zur Flucht bräuchte."
Ich wünschte, ich wäre so ein Altruist wie Y-23. Aber mir ist das militärische Denken noch immer viel näher. "Wir haben Waffen, mit einem guten Plan könnte das klappen", bejahte Pevra den Vorschlag. "Aber wir müssen höllisch aufpassen. Stawische Soldaten werden gedrillt, ihren Verstand zu benutzen."
"Und wo finden wir die Stawen?", wollte Elde wissen.
"Irgendwo in der Nähe eines militärischen Ziels." Sie stützte nachdenklich den Kopf in die Hände.
Eoktwan rührte sich wieder. Elde tätschelte ihr sanft die Wangen. Ihre Nase kräuselte sich ein wenig, dann schlug sie die Augen auf und setzte sich hurtig auf. "Was? Wo sind wir denn? Was ist mit meiner Sammlung passiert?"
"Wir können leider nicht zurück", sagte Pevra prophylaktisch. "Wir haben nämlich einen stawischen Militärschweber geklaut. Du willst doch nicht wieder eingesperrt werden, oder?"
Eoktwan legte die Ohren an. "Nein."
"Vielleicht kannst du das ja als Anstoß nehmen, dein schädliches Verhalten abzulegen", riet Y-23 ihr freundlich.
Eoktwan strafte ihn mit Schweigen und starrte mit zu einem V geformten Mundklauen nach draußen. Pevra musterte die kleine Rivianerin neugierig. Einen solchen Krater hatte sie sicher noch nie aus der Nähe gesehen und etwas mit den eigenen Augen zu betrachten, unterschied sich stark von einer Simulation oder einem Medienbericht.
"Ich kenne eine weitere Stadt", bemerkte Y-23. "Ich schlage vor, dass wir zunächst dorthin fliegen."
"Gute Idee", kommentierte Pevra. Elde nickte. Eoktwan reagierte nicht. Y-23 änderte den Kurs und beschleunigte auf ein hohes Tempo, sodass sie über die Ebene rasten.


Kapitel 3

Nadelbüsche und riesige Farne säumten den Pfad, den der Schweber entlang flog. Ihren Piloten, Y-23, schien das jedoch nicht zu stören. Hindernissen wich er einfach aus, indem er das Vehikel hoch in die Luft steigen ließ.
Eoktwan sperrte neugierig die Augen auf. Die meisten Farne hatten eine rote Fiederung und Blüten mit schwarz-weißen Kontrasten, die ein schachbrettartiges Muster in die Landschaft zauberten. Es bot einen herrlichen Anblick und Eoktwan konnte sich kaum daran satt sehen und -riechen. Aber einen noch größeren Effekt hatten die zarten Nadeln und das weiche Laub auf ihren Magen. Dieser forderte nämlich bereits höchst aufgebracht und laut nach Nahrung. Ich habe schon so lange nichts Gutes mehr gegessen. Die Gefängnisküche war ziemlich dürftig.
Aber jetzt bin ich ja endlich wieder frei. Eoktwan dachte nach. Aber was werde ich arbeiten? Niemand wird eine Diebin einstellen wollen. Es sei denn, sie erlangte die stawische Staatsbürgerschaft. Die Stawen wussten noch nicht, dass sie im Galaktareich wegen Diebstahl verurteilt worden war. Doch einen Haken hatte die Sache: Die Stawen boten ihren neuen Kolonialbürgern zwar recht schnell die Staatsbürgerschaft, waren bei den übrigen Gesuchen jedoch sehr vorsichtig. Es hieß, dass sie fast jeden verdächtigten, ein Agent zu sein.
Eine besonders schöne Blüte leuchtete Eoktwan entgegen. Obwohl der Schweber mit hohem Tempo flog, streckte sie den Arm hinaus. Die Blüte rückte näher. Sie packte ihre Beute und riss sie ab. Dann blähte sie ihre Nasenlöcher und schnupperte daran, um zu verifizieren, dass die Pflanze für Rivianer essbar war. Ein angenehm mild-süßer Geruch stieg ihr in die Nase. Eoktwan gurrte zufrieden und biss ab.
Es war eine Erleichterung für Y-23, dass die Vegetation sich allmählich lichtete. Der Schweber überquerte nun einen kleinen Teich, an dem sich verschiedene Arten von Meovoides niedergelassen hatten, die im Tümpel nach Fischen suchten. Als der Schweber das grünliche Wasser überflog, flohen die meisten von ihnen allerdings sofort. Wenig später wich der Teich einer Wiese, auf der kleine Farne und Einzelnadeln wuchsen. Am Horizont konnte Eoktwan die nicht allzu hohen Häuser einer Stadt erkennen. Es musste sich um eine ziemlich kleine Ortschaft handeln, falls die Umrisse nicht trogen.
"Wir sollten nicht zu nahe kommen", warnte Pevra. "Die planetare Armee wird um die Stadt Stellungen errichtet haben, um sie vor einer stawischen Eroberung zu schützen." "Ich denke, du hast recht“, stimmte Y-23 zu. „Leider ist es auch wahrscheinlich, dass die Städter eine Stawin und einen stawischen Militärschweber nicht willkommen heißen werden."
"Ist so eine kleine Siedlung es überhaupt wert, dass man Truppen zu ihrem Schutz abstellt?", zweifelte Elde.
Pevra antwortete: "Kommt drauf an. Wir wissen rein gar nichts über die strategische Lage. Wenn diese Stadt der Vorposten zu einer großen Metropole ist..."
Eoktwans Mundklauen zitterten. "Was ist, wenn die Stawen mit dieser Stadt dasselbe machen, was sie mit der anderen gemacht haben?"
Pevra fletschte grimmig die Zähne. "Dann würden wir wohl nichts von unserem Ende mitkriegen..."
"Wir könnten jeden Moment sterben", murmelte Eoktwan. "Wie es wohl damals im Krieg gewesen sein muss..."
"Das kann ich dir später erzählen."
"Vielleicht sollten wir einfach einen Bogen um die Stadt fliegen", schlug Elde vor. "Wenn es in der Nähe ein stawisches Militärlager gibt, müssten wir so darauf stoßen."
"Ich denke, das ist eine gute Idee", bestätigte Y-23. Er zog einen Bogen um die Stadt, der sie wieder durch die Wildnis führte. Nach einer Weile enthüllten die Farne und Büsche ein Lager, das scheinbar plump aus dem Boden gestampft worden war. Dünne Kunststoff-Wände verbargen das Innere der Stellung, die offensichtlich nicht der Verteidigung diente. Y-23 flog einen Kreis um das Lager, bis der Eingang in Sicht kam. Das Tor des Militärpostens stand weit offen, wurde jedoch von Soldaten bewacht. Auf einem dünnen Pfahl wehte eine Fahne. Die quadratische Flagge zeigte ein schwarzes Dreieck über einer liegenden Sichel, all das auf weißem Grund. Das Logo des gesamten stawischen Reiches.
"Vorsicht", wisperte Pevra. "Die haben uns schon auf ihren Scannern. Die stawische Kennung unseres Schwebers schützt uns zwar, aber wir sollten unser Glück nicht herausfordern."
„Ja. Wenn die draufkommen, dass wir nicht zu ihnen gehören, sitzen wir ganz schön in der Tinte, was?“, äußerte Eoktwan.
Pevra nickte.
Y-23 flog ein paar Meter zurück und landete dann. Die Insassen stiegen aus und sahen sich um.
"Wie gelangen wir an die Raumschiffe heran?", erkundigte sich Elde.
Pevra streckte sich ein bisschen. "Naja, ich könnte als Soldatin durchgehen, aber dafür bräuchte ich eine Rüstung."
"Vielleicht verlassen die Soldaten ja ab und zu das Lager", spekulierte Eoktwan.
Pevra schüttelte den Kopf. "Wenn, dann im Schweber."
"Ich glaube, ich habe eine Idee", sagte Y-23. "Der Sold dieser Soldaten ist sicher nicht sehr hoch. Einer ließe sich vielleicht mit dem Schweber bestechen."
"Nein", widersprach Pevra. "Die stawische Armee zahlt gut. Ist der Grund, warum so viele hineindrängen..."
"Diese Wachen, die den Eingang bewachen", überlegte Elde laut. "Wenn die irgendetwas Seltsames in der Nähe des Eingangs hören oder sehen, müssen sie das doch überprüfen, oder?"
Eoktwan riss ihre Augen auf. "Oh, du meinst..."
Y-23 schwieg eine Weile, dann sagte er: "Wir müssten hoffen, dass ein weiblicher Soldat die Lage abklärt. Und selbst dann würden die Kameraden die Veränderung bemerken."
"Nicht in der Nacht", versetzte Pevra.
Eoktwan blickte in die Richtung des Militärpostens. „Aber werden nicht mehrere die Lage abklären wollen?“
„Und den Eingang alleine lassen? Sicher nicht.“
Ich will aber nicht bis zur Nacht warten. Das ist so gefährlich. Eoktwans Finger zitterten. Die Gefahr, der sie in letzter Zeit ausgesetzt gewesen war, drückte ihr allmählich aufs Gemüt. Und der Verlust ihrer Sammlung verbesserte die Stimmung auch nicht gerade. "Verschwinden wir von hier", bat sie. "Wir können ja in der Nacht wieder zurückkommen."
"Ich denke auch, dass diese Vorgehensweise die Beste ist", zeigte sich Y-23 einig. "Ich weiß, dass Schlaf für organische Lebewesen wie euch essentiell ist. Und es ist sehr wichtig, dass wir in der Nacht alle auf der Höhe unserer Funktionalität sind."
"Okay", sagte auch Pevra.
Elde nickte.
Natürlich stimmt er zu. Er braucht ja auch am meisten Schlaf. Eoktwan kletterte eilig in den Schweber. Sie konnte es kaum erwarten, diesen gefährlichen Ort wieder zu verlassen. Die Stawen hatten die Reputation, gerne Präventivschläge zu führen. Diese Stawen, mit denen will ich mich echt nicht anlegen.
Aber bald darauf wurde Eoktwan von ihren Sorgen erlöst. Nach einem kurzen Flug erreichten die Flüchtlinge das perfekte Plätzchen zum Ausruhen: eine saftige Wiese. Sie hielten eine längere Lagebesprechung und danach versprach Y-23, alle zur rechten Zeit zu wecken, da er als Mechanoide keine Pause brauche. Gemütlich eingerollt ergab sich Eoktwan schließlich der Umarmung des Schlafes.
* * *
"Aufwachen!", riss Elde eine laute Stimme aus den Träumen. Er erhob sich träge, und hatte das Gefühl, als ob er unter einem Haus geschlafen hätte. Es war zu erwarten gewesen, brauchte er wegen seines langsamen Stoffwechsels doch mehr Schlaf als alle anderen. Im Gegenzug lebte er länger, und kam länger ohne Nahrung aus. Er griff nach der Pistole, die neben ihm auf dem Boden lag. Dann betrat er den Schweber.
Dort stand bereits Pevra. Sie hatte den Arm gehoben und schnüffelte an ihrer Achsel. "Üagh", kommentierte sie. "Aber Duschen kann ich ja hoffentlich später im Raumschiff."
Elde lächelte. "Vielleicht können wir deinen Gestank als Lockmittel verwenden."
"Sehr witzig."
Eoktwan setzte sich auch in den Schweber. In den Händen hielt sie Grünzeug, an dem sie ständig knabberte. Bis auf ein paar Staubkörner, die sich in ihrem eng anliegenden Fell verfangen hatten, sah sie noch frisch aus.
Pevra beugte sich leicht in Eldes Richtung und schnüffelte. "Wieso stinkst du eigentlich nicht?"
"Keine Schweißdrüsen. Stattdessen habe ich Kühlungsproteine, die ab einem bestimmten Schwellenwert endotherm miteinander reagieren und so die Wärme verbrauchen."
Pevra kratzte sich am Kopf.
Y-23 sagte nun: "Ich hoffe, ihr seid alle bereit für eure Aufgaben. Vom Erfolg dieses Plans hängt sehr viel ab."
"Ypsilon, wir sind das schon zehn Mal durchgegangen!“, beschwerte sich Eoktwan. „Lass mich lieber Abend essen, damit ich auch fit bin."
"Nein, er hat recht", entgegnete Pevra. "Konzentration."
Der Schweber näherte sich vorsichtig und leise dem stawischen Armeelager. Y-23 landete das Gefährt weit genug vom Militärposten entfernt, dass die Wachen sie nicht sehen konnten. Außerdem bedeckte er den Schweber zur Sicherheit noch mit Gestrüpp.
"Eoktwan, dein Stichwort", sagte Y-23.
***
Eoktwan nickte und sprang lautlos aus dem Schweber. Sie landete weich auf den Einzelnadeln. Da die Vorfahren der Rivianer im Dschungel gelebt hatten, konnte sich auch Eoktwan geräuschlos und verstohlen fortbewegen. Und das machte sie für die erste Stufe des Plans zur idealen Kandidatin.
Gebückt nutzte Eoktwan jeden Strauch, jeden Farn, jeden Stein zur Deckung. Ihre samtigen Füße hinterließen kaum ein Geräusch am Boden, und sie beachtete instinktiv stets die Sichtlinie der Wachen. Ich hoffe nur, dass während dieser Schicht stawische Frauen Wache halten.
Nach einer Weile angespannten Schleichens verbarg sie sich hinter einem Busch in der Nähe des Militärpostens. Vier Personen standen vor dem Eingang Wache, und drei von ihnen waren klar zu erkennen. Ein Appianer, mit seinen gefiederten Schwingen und den seltsamen Beinen, ein männlicher Stawe und ein Solchtaq. Eoktwan schlug das Herz bis zum Hals. Ein Solchtaq? Ich habe Angst. Sie legte ihre Ohren an. Die Solchtaq besaßen die Fähigkeit, tödliches Zyangas auszuatmen. Mit diesem Trick hatten ihre Vorfahren einst Beute gejagt. Den wollen wir nicht anlocken.
Eoktwan überlegte. Bei keiner dieser drei Wachen handelte es sich um eine stawische Frau. Aber wir müssen eine Stawin finden, damit der Plan klappen kann. Sie rätselte, welcher Spezies die vierte Person angehörte. Mit geblähten Nasenlöchern schnüffelte sie ausgiebig, was ihr jedoch auch nicht die Lösung einbrachte, weil die Gerüche der Umgebung zu sehr interferierten. Ein Rätsel - aber ich muss widerstehen! Muss mich einfach nur zusammenreißen. Da erhob er sich schon wieder, dieser verflixte Drang, dieser vermaledeite Hunger nach Wissen, trotz aller Angst, die sie empfand. Ich bin hier, in der tödlichsten Gefahr, die man sich nur vorstellen kann. Ihre Mundklauen zitterten lautlos. Konnte sie zu dem Busch dort hinüberkriechen? Vielleicht erkannte sie dann die Identität der vierten Wache.
Nein! Ich darf meine Freunde nicht gefährden. Eoktwan robbte wieder zurück, die Kieferklauen gespreizt. Sie hatte es geschafft, und sich nicht wie ein Idiot verhalten - diesmal. Aber nur dieses Mal. Nächstes Mal bin ich wieder dumm. Wenig später fand sie sich bei ihren Freunden ein, die allesamt nach Neugier dufteten. Doch sie hielten den Mund, bis sie wieder sicheres Terrain erreichten.