Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
«
»
von StormXPadme    erstellt: 08.04.2009    letztes Update: 20.06.2009    Geschichte, Drama / P18    (fertiggestellt)
2



„Komm rein, Artie.“ Katja legte ihre Seminarunterlagen beiseite und versuchte Ethik- und Pädagogik-Fragen zu verdrängen, um sich ganz auf den Jungen zu konzentrieren, der schüchtern in ihrer halb offenen Wohnungstür stand. Eigentlich sollte sie sich auf das nächste, eins der wichtigen Semester an der Universität konzentrieren, aber wenn einer der Kleinen sie brauchte, nahm sie sich die Zeit einfach. „Kommst du mit den Hausarbeiten nicht weiter?“ Auch die Schüler begannen so kurz vor dem Herbst mit leichten, sporadischen Unterrichtseinheiten, damit sie nicht völlig ohne Vorbereitung in das nächste Jahr gehen würden. „Ihr macht gerade die Bruchzahlen noch mal durch, oder?“

„Alles schon fertig. War total leicht.“ Artie winkte großspurig ab und tapste an Katjas schwarzen Schreibtisch heran. Er hielt etwas hinter seinem Rücken versteckt, das er ihr offensichtlich noch nicht zeigen wollte.

„Dann hast du das schneller verstanden als ich damals.“ Mit Naturwissenschaften stand Katja seit jeher auf Kriegsfuß. Sie bezweifelte auch, dass Artie das alles so gründlich ausgearbeitet hatte, was Scott seiner Klasse heute Vormittag aufgetragen hatte. Beim theoretischen Lernen war der Kleine nie sehr fleißig, während er im Sport ein echtes As war. Nur für einen Augenblick brachte der Gedanke an Scott Katja zum Lächeln- sie liebte es, wie er mit Kindern umging. Selbst wenn es ihm selbst nicht gut ging, dafür hatte er immer Geduld und Kraft. Sie hatte schon oft gedacht, dass er ein wunderbarer Vater sein würde… Aber die Chancen, dass sie das je erleben würde, waren vor kurzem rapide gesunken. Sie spürte regelrecht, wie sich wieder dieser bedrückte, müde Zug um ihre Augen, ihre Lippen legte und zwang sich, ein halbherziges Grinsen für Artie aufrechtzuerhalten. Die Kleinen hatten es schwer genug. Sie sollten nicht auch noch unter der verfahrenen Situationen bei vielen der X-Men leiden müssen. „Was hast du denn da Schönes?“

„Aber nicht lachen.“ Artie lief hochrot an. So wie ein Zauberkünstler ein Häschen aus seinem Zylinder holte, hielt er ihr eine Zeichnung hin. „Für dich.“

„Wow! Danke!“ Katja umarmte den Kleinen gerührt und vertiefte sich ungläubig in die vielen kleinen Details des Bildes. Das war ihre Haflingerstute Adora, um die sie sich in letzter Zeit auch viel zuwenig kümmern konnte, da rechts, das musste Siryn sein, und da Marie… Die kleine Reitertruppe des Anwesens eben. Alle erkannte man problemlos. Für sein Alter zeigte der Junge bemerkenswertes Können auf diesem Gebiet. Wieso war das nie jemandem aufgefallen? Da hatten sie einen kleinen Van Gogh unter sich und ahnten nicht einmal etwas davon… Wenn der Kleine so weitermachte, würde er es später sicher einmal zu großem Erfolg auf diesem Gebiet bringen. Jedenfalls, wenn sich die Mutantentoleranz in der Bevölkerung bis dahin gebessert hatte- ein desillusionierender Gedanke, der sich leider immer wieder vor solche Träumereien schob. „Das ist total schön geworden.“ Katja legte traurig lächelnd einen Arm um den kleinen, warmen Körper, der sich sofort an sie schmiegte.

Artie suchte immer öfter ihre Nähe, vor allem auch nachts, wenn er nicht schlafen konnte, geplagt von Albträumen, wie sich die reptilienhaften Züge seiner Mutation, die man jetzt schon sah, entwickeln würden. Wie die anderen ihn dann behandeln würden. Katja wünschte sich, sie hätte ihm etwas Tröstendes dazu sagen können, aber sie belog die Kinder nun mal nicht gern. Es gab leider nur wenige Menschen, die sich für das berührende Talent eines Kindes begeistern konnten, Bilder in seinem Kopf auf einem einfachen weißen Zeichenblock mit ein paar Buntstiften zum Leben zu erwecken, wenn selbiger Künstler beim Sprechen ständig eine abstoßende dunkelgrüne Froschzunge zeigte.

Es waren solche Momente, in denen Katja wieder genau wusste, dass sie trotz aller Schwierigkeiten und auch allem Heimweh nach Deutschland hier in diesem Haus genau richtig war. Die Kleinen brauchten jemanden, der für sie da war und ihnen zeigte, dass sie trotz ihres schweren Schicksals nie allein waren. Nur der kleine Wermutstropfen blieb, dass sie immer mehr merkte, je öfter sie mit den Kindern zusammen war und ihr Verhältnis zu diesen tiefer wurde, dass sie doch auch gerne selbst einmal Nachwuchs gehabt hätte. Diesen kleinen, bescheidenen Traum hatten Scott und sie vor noch gar nicht allzu langer Zeit gemeinsam gehegt. Und er hatte gestrahlt, als sie es angesprochen hatte…
„Ich sehe ein wenig weiß darauf aus, findest du nicht?“ Sie beförderte ihre Gedanken mit Gewalt zurück ins Hier und Jetzt und zeigte auf die einzige Person auf der Darstellung einer hellen Blumenwiese, deren Silhouette nicht mit fleischfarbenen Farben ausgemalt war. Dafür reichten ihre schwarzen Haare auf dem Bild immerhin bis zum Boden…

Artie schüttelte entschieden den Kopf. „So siehst du aus“, verteidigte er seine doch etwas freie Interpretation.

„Dann lerne ich besser draußen in der Sonne weiter, was?“ Katja erinnerte sich gerade genau daran, warum sie in letzter Zeit lieber nicht in den Spiegel sah. Warum war sie so schockiert? Ein sehr kluger Mann hatte ihr einmal gesagt, Comics würden nur die überzeichnete Wirklichkeit darstellen… Es war Zeit, dass sie wieder mehr vor die Tür kam, definitiv. Ihre Uni-Unterlagen konnte sie sowieso bald auswendig herunterleiern, und ihre schwachen Versuche, zwischendurch ein paar Minuten mit Scott zu finden, scheiterten fast immer an der Überbelastung, die er mit seinen Mehrstunden hatte. Sie versuchten es ja redlich, sich einander wieder anzunähern, manchmal trainierten sie gemeinsam oder saßen im Garten, während sie die Kleinen beim Spielen beobachteten… Aber das war alles so verkrampft. Sie berührten sich nicht, sie sahen sich kaum an, aus Angst, wieder diese dunklen Emotionen auf dem Gesicht des anderen zu sehen, wegen denen sie sich erst vorläufig getrennt hatten. Die Kinder bekamen diese Probleme natürlich mit, bei allen Bemühungen, sich unauffällig zu verhalten. Die Abwesenheit eines bestimmten Lehrers auf diesem Bild war sicher nicht zufällig. „Magst du mir noch Scott dazu malen?“, bat sie aus einem Impuls heraus.

Aber wieder schüttelte Artie den Kopf, und diesmal sah er traurig aus. „Ihr seid ja gar nicht mehr zusammen. Wieso wohnst du sonst hier allein? Du hast ihn gar nicht mehr lieb.“

„Doch, natürlich.“ Es war im Grunde lächerlich, Kinder sahen die Welt nun mal um einiges simpler – und oft auch klarer – als Erwachsene, trotzdem verspürte Katja sofort den Drang, sich zu verteidigen. Wirkte das wirklich so? Dabei gab sie sich doch wirklich Mühe, es war eben nur sowenig Zeit... Trotzdem regte sich bei dem versteckten Vorwurf ihres Schützlings schlechtes Gewissen in ihrem Herzen. Wenn sie Scott nun wirklich zuwenig zeigte, wie sehr sie wollte, dass zwischen ihnen alles wieder in Ordnung kam? „Wir brauchen nur ein wenig Abstand, weil es uns nicht so gut geht.“

„Verstehe ich nicht.“ Eine Spitze von Arties Zunge lugte ein wenig aus seinem Mundwinkel hervor, als er nachdenklich darauf herum zu knabbern begann. „Nee.“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Das ist dumm. Wenn man sich liebt, will man doch immer zusammen sein und sich helfen.“

„Da hast du wohl Recht.“ Katja sah betont aus dem Fenster, um das verräterische Glitzern in ihren Augen zu verbergen, aber das war bei Arties scharfer Aufmerksamkeit ein sinnloses Unterfangen. Der Kleine kannte sie auch viel zu gut, um nicht zu wissen, dass es nicht plötzlich zu regnen begann, weil der Wetterbericht nicht gestimmt hatte.

„Nicht weinen.“ Enttäuscht zupfte er an ihrer viel zu weiten schwarzen Bluse und zeigte noch einmal auf das Bild, mit dem er sich soviel Mühe gegeben hatte.

„Das hängen wir gleich auf, was meinst du? Da an der Tür am besten.“ Einmal tief durchatmen, sich auf einen schönen Gedanken wie die uneingeschränkte Zuneigung konzentrieren, die der Kleine ihr entgegenbrachte, und der Regen hörte auf. Sie musste sich einfach zusammenreißen, und wenn es nur der Kinder wegen war. „Hilfst du mir?“

„Klar.“ Artie lief begeistert zur Tür hin und strich mit seiner langen Zunge die Fläche in Augenhöhe nach, auf die Katja deutete. Das Sekret, das seine Munddrüsen absonderten, hielt besser als jeder Sekundenkleber. So hatte eben doch jede noch so seltsame Mutation ihre Vorzüge. „Sieht cool aus.“ Zufrieden trat er zurück, um sich sein Werk zu besehen und sprang protestierend quietschend beiseite, als ihm fast die Tür vor die Brust geschlagen wurde. „Hey! Anklopfen!“ Er stemmte wichtig die Hände in die Hüften und musterte den Neuankömmling streng.

„Oh, natürlich. Entschuldigt.“ Scott spielte das kleine Spiel bereitwillig mit – obwohl er sich kaum ein Grinsen angesichts dieser kleinen frechen Persönlichkeit verkneifen konnte, die einen auf erwachsen machen wollte – und schloss die Tür wieder, um dann ganz brav mit den Fingerknöcheln dagegen zu trommeln.

„Herein.“ Katja musste ebenfalls lachen.
Sie wuschelte Artie liebevoll durch die Haare. „Danke noch mal. Lässt du uns allein?“

„Klar.“ Der Junge grinste triumphierend und verzog sich auffällig rasch. Offensichtlich sah er diesen Besuch als positives Zeichen, dass es zwischen seinen beiden Lieblingslehrern bald wieder gut laufen würde.

Katja beschloss, sich dieser kindlich-optimistischen Einstellung einfach mal anzuschließen, das sollte ja bekanntlich oft helfen, die Welt klarer zu sehen. „Hey. Fertig für heute?“

„Logan übernimmt das Training mit Kitty und Jubilee. Das ist den beiden vermutlich ohnehin lieber. Ich bin ihnen zu streng.“ In einer unbehaglich wirkenden Haltung lehnte sich Scott gegen die Tür, seine Daumen in den Taschen seiner engen schwarzen Hose eingehakt. Sie fühlten sich beide nicht wohl, wenn sie hier in diesem leeren Schülerzimmer standen, das Katja nach ihrer Genesung nach Alkali Lake bezogen hatte.

Es war ein fremder kalter Raum, kalkweiß gestrichen, ohne Vorhänge, ohne Teppich, ohne jeden Charme, nur mit den elementarsten Möbelstücken- und das war Absicht. Katja hatte schließlich nicht vor, lange hier zu bleiben. Sie hielt es genauso wie mit ihrem Apartment bei Emma damals. Arties Bild war die erste Dekoration hier drin. Es war genau diese Einstellung, die Scott zeigen sollte, wie ernst sie es damit meinte, dass sie ihn zurück erobern wollte. „Die Kleinen haben dich gern“, beruhigte sie ihn, als sie merkte, dass er ein wenig gekränkt wirkte. Jubilee und Kitty waren die nächsten ernsthaften Anwärter für einen Platz im X-Team und verbrachten ihre meiste Freizeit mit Training. Es war eigentlich nur positiv, wenn sich die Lehrer dabei abwechselten. Aber wenn es um Logan ging, kam da eben doch schnell dieses Gefühl von Rivalität auf, obwohl dieser wirklich am wenigsten Interesse hatte, Scott den Rang abzulaufen. Dafür hatte er selbst viel zuviele Probleme. „Logan ist vielleicht einen Tick cooler“, mutmaßte sie mit einem kleinen Zwinkern. „Jubilee vergöttert ihn, weißt du doch. Gehen wir eine Runde draußen?“

„Eigentlich dachte ich da an etwas anderes.“ Scott räusperte sich leise, zögerte. Er wirkte regelrecht verunsichert, wie er da stand, es fehlte nur noch, dass er mit dem Fuß im Boden zu scharren begann. „Emma hat vorhin angerufen. Ihr sind zwei Schüler ausgefallen. Sie hätte Zeit für uns. Außer, du möchtest lieber noch weiterlernen…“

„Machst du Witze? Mir fällt bald die Decke auf den Kopf.“ Katja jubelte innerlich. Sie zog sich ihre geliebte schwarze Lederjacke über und kniete sich neben die Stelle unter ihrem Bett, wo sie ihr liebstes Mitbringsel aus Kanada lagerte.

Nachdem die X-Men sich die U.G.E.R.-Anlage angesehen hatten, hatten sie ein paar Abschiedsgeschenke mit heim genommen. Die wichtigste Neuerung, welche die Wissenschaftler extra für das Team entwickelt hatten, waren sicher diese genialen Mini-Sender, die wie Handgranaten wirkten, mit elektromagnetischen Impulsen statt Sprengstoff. Diese sollten sie alle von jetzt an mit sich herumtragen, falls sie einen strategisch wichtigen Stützpunkt wie Magnetos Labor betreten würden. Alle Daten, alle Computer mit einem Knopfdruck gelöscht- eine verlockende Vorstellung.
Und die kleinen Spielsachen, die sie jeder einzeln bekommen hatten, waren mindestens so interessant. Für Scott war das zum Beispiel ein neuer VISOR gewesen, nicht nur feiner eingestellt und mit klarerem Sichtfenster sondern auch optisch angenehmer als der letzte. Für Marie spezielle Handschuhe, die sie nicht erst jedes Mal im Kampf umständlich auszuziehen brauchte, für Ororo ein eigens für das Fliegen modifiziertes Cape...

Nur Katja hatte sich nicht entscheiden können. Sie hasste Schusswaffen, scheute sich ja schon jedes Mal davor, die in die Hand zu nehmen, die Scott ihr vor einiger Zeit geschenkt hatte. Und ihre Kräfte erforderten keine besondere Ausstattung.
So hatte sie schließlich etwas erhalten, das sich im Vorfeld auch Emma bestellt hatte.

Ihre Freundin hatte da so ihre ganz eigene Art, Signale auszusenden, wenn sie jemandem helfen wollte. Solche, die für Außenstehende nicht am Image des eiskalten Diamanten kratzten, der ausschließlich über seine Eliteschüler wachte, aber Katja hatte den Wink schon verstanden, als Scott überraschend im Nachhinein auch einen von diesen schweineteuren Laserdegen zugeschickt bekommen hatte. Mit freundlichen Grüßen von Frost Ltd.. Eine Einladung für Trainingsstunden bei Emma hatte sich ebenfalls in dem Päckchen befunden, und zwei Gratis-Mitgliedschaften in Emmas privater Fechtschule in der Innenstadt. Da wollte wohl jemand, das sie beide Zeit miteinander verbrachten.

Es war eine wirklich nette Idee, außerdem war Katja gespannt darauf, ihre neue Errungenschaft auszuprobieren. Sie war noch nicht ganz von deren Wirkungskraft überzeugt- es sah mehr aus wie ein Spielzeug, geformt ähnlich wie der Griff eines Lichtschwerts, jene Waffen, die durch die Star Wars-Filmsaga berühmt geworden waren. Statt einem quietschbunten Lichtstrahl kam auf Knopfdruck eben ein messerscharfer Degen aus dem Griff, der durch einen Erhitzer im Inneren brühend heiß wurde. Eine sehr schmerzhafte aber nicht zwingend tödliche Waffe. Scott, der als Jugendlicher auf der Straße viel Kampf- und auch Fechtsport betrieben hatte, war begeistert, und Katja musste ebenfalls zugeben, dass der Gedanken zumindest seinen Reiz hatte. Jedenfalls besser als eine Pistole, von der man nie mit Sicherheit wusste, wen sie erwischen würde.
Und ein wenig gemeinsam vor die Tür zu kommen war vielleicht das Beste, was ihnen beiden passieren konnte.





„Du siehst nicht gut aus, Katja.“ Als sie beide ihre Motorräder aus der Garage schoben, bemerkte Scott sofort, dass Katja mehr Kraft als früher dafür brauchte. Das fehlende Training der letzten Wochen machte sich bemerkbar.

„Ich weiß, ich muss wieder mehr tun.“ Sie bemühte sich um einen zerknirschten Gesichtsausdruck, bevor sie schnell ihren Helm überzog, als könnte sie so auch ihre blasse Haut vor ihm verbergen, wo sie seine kritischen Seitenblicke sowieso schon jeden Morgen auf sich ruhen fühlte. „Hank hat gesagt, ich kann jetzt wieder anfangen. Gib mir heute Abend einen diskreten Tritt in Richtung Danger Room, ja?“

„Du weißt genau, dass ich das nicht gemeint habe.“ Scott hielt sie mit einem sanften Griff um ihren Unterarm auf, bevor sie auf ihre geliebte Honda steigen konnte. Die Berührung ließ sie beide zusammenzucken, sie rief viel zuviele Erinnerungen an eine Zeit wach, als sie beide sich solche Dinge bei einer engen Umarmung, vielleicht vor dem Einschlafen oder morgens gesagt hätten, begleitet von zärtlichen Küssen und der tröstenden Nähe des anderen.

„Ich habe einfach nie Hunger. Mir ist ständig übel. Ich liege auch die halbe Nacht wach.“ Katja verzichtete darauf, etwas abzustreiten, das so offensichtlich war. Sie wollte auch gar nichts verbergen. Sie wollte, dass Scott genau wusste, dass es ihr eben nicht egal war, was zwischen ihnen gewesen war und dass sie sich jede wache Minute nach ihm sehnte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie auf diese kräftige Hand hinuntersah, die sie jetzt so gern genommen hätte und sich doch nicht traute. Was zwischen ihnen passierte, das war im Moment rein Scotts Entscheidung. „Ich träume von… vom Staudamm und von Stryker. Der Kerl ist in meinem Kopf, obwohl ich ihn nie gesehen habe. Er starrt mich an, und dann sehe ich wieder…“ Ein leichtes Zittern schüttelte trotz des ungetrübten Sonnenscheins über dem Anwesen ihren Körper, als hätten ihre Kräfte eine dieser typischen dunklen Regen- oder Hagelwolken über ihr erscheinen lassen. Aber der Himmel blieb blau. Jean und später Emma hatten solange mit ihr trainiert, bis sie es wenigstens ansatzweise geschafft hatte, ihre Gefühlslage von ihren Fähigkeiten zu trennen. Solange sie nicht zuviel an Jean dachte, schon gar nicht von ihr sprach, schon Scott zuliebe nicht, um nicht das alte Streitthema Eifersucht aufkommen zu lassen, hatte sie ihre Mutation gut unter Kontrolle. Nur nachts hörte sie manchmal den Hagel an ihrem Fenster. Wenn sie den Hass in Jeans Augen vor sich sah, nachdem Logan und Katja sich zu einer großen Dummheit hatten hinreißen lassen. Oder die letzten, wutentbrannten Worte ihrer Freundin in ihrem Kopf hörte, die sie ihr mental zugeflüstert hatte. Und dazwischen immer wieder das Gesicht dieses Psychos, der durchaus dafür mit verantwortlich war, dass sie beide sich niemals würden aussprechen können. Schaudernd ließ sich Katja gegen ihre Maschine sinken, verschränkte die Arme vor ihrem sehr schmal gewordenen Oberkörper. „Dieses Lachen, Scott. Als ob wir alle zum Tode verurteilt sind. Als ob es nur noch eine Frage der Zeit ist.“

„Er ist tot, Katja, vergiss das nicht. Und die Zeiten sind ruhig. Ruhiger, als es nach dem Anschlag des Professors zu erwarten war. Wir können nicht einfach aufgeben.“ Einen kurzen, kaum fühlbaren Moment lang strich Scott ihr über den Handrücken, trat dann aber zurück. Nicht so. Nicht so halbherzig. Wenn es dann wieder nicht klappte… Dann würde es nur noch mehr wehtun. Erst als sie schon auf ihren Bikes saßen und in gemächlichem Tempo zum Tor tuckerten, streckte Scott noch einmal den Arm zur Seite und drückte Katjas Hand, über dem Handschuh jetzt, trotzdem war es genau die Unterstützung, nach der sie sich die ganze Zeit schon gesehnt hatte. Kleine Gesten, die ihr die dringend benötigte Hoffnung gaben, dass noch nicht alles verloren war. „Und Katja… Ich vermisse sie auch.“

Es war an ihr, lange und fest seine Hand zu drücken und ihm zuzunicken, hoffend, dass er auch durch ihr Helmvisier sehen würde, dass es nicht länger Eifersucht sondern Mitgefühl in ihrer Miene war, mit dem sie Jean und ihn in Zusammenhang brachte. Diese Lektion war sehr heilsam gewesen. Scott war für sie da, obwohl sie ihn so sehr enttäuscht hatte, ihm grundlos jegliches Vertrauen entzogen hatte. Er gab ihr eine Chance, die sie eigentlich gar nicht verdient hatte. Mehr konnte sie im Moment nicht erwarten.





„Eure Exzellenz?“ Keine Spur von Ironie drang durch Averys Stimme. Die Anrede war nichts als eine freundliche Anspielung auf Emmas Codename.

Sie schien es auch nicht zu stören. Als jemand, der nur zu gerne nach außen zeigte, wie gut er finanziell und gesellschaftlich dastand, genoss man es wohl, mit der nötigen Ehrfurcht behandelt zu werden. Allein dieser kleine Palast hier war der Inbegriff von Dekadenz. Wenn man normalerweise dunkle Farben und gedämpftes Licht bevorzugte, erschlug einen die weiße Fassade von Emmas kleiner Fechtvilla geradezu. Im Inneren wurde man von teurer Einrichtung in derselben Farbe empfangen. Hohe Säulen, Originalgemälde, die allesamt Kriegsszenarien zeigten, silberne Vorhänge, barocke Statuen, ein paar echte Ritterrüstungen, welche an den Ecken jedes Raums wachten… Nicht zu vergessen die hochmodernen Trainingsräume, in denen Kameras und auf den Hundertstel genau programmierte Computer jede Bewegung, jeden Treffer verfolgten. Emma in ihrem viel zu eng geschnürten Korsett, einer ständig präsenten Parfumwolke und diesem perfekt symmetrischen blonden Pagenschnitt passte wunderbar in dieses Ambiente. Es war edel, es war protzig, es war im Grunde genommen unerträglich.

Es war trotzdem eine Einladung gewesen, die man nicht ausschlug, wenn man wissen wollte, wie man zu der Ehre kam und auch durchaus gern wieder einmal an seinen eingerosteten Fechtfähigkeiten arbeiten wollte. Avery war sich zudem sicher, dass Emma es sofort Ororo berichtet hätte, wenn er abgelehnt hätte. Die Frau wusste viel mehr über ihn, als ihm lieb sein konnte seit ihrem letzten kleinen Intermezzo, bei dem sie so leicht in seinen Geist vorgedrungen war wie er jegliche Materie verflüssigen oder in Rauch auflösen konnte. Er hatte sich noch nie wohl in der Gegenwart von Telepathen gefühlt. Wenn diese Frau nicht in guter Beziehung zum Xavier-Anwesen gestanden hätte, wäre da eine entsprechende Rache fällig gewesen. Er fragte sich amüsiert, was sie wohl dazu gesagt hätte, wenn er ihr dieses kitschige Wappen auf der Seite ihres Korsetts mit der Fingerspitze in ihre Brust gebrannt hätte. Es wäre das letzte Mal gewesen, dass sie ungefragt in seinem Kopf herumwühlte. Zu schade, dass er sich beherrschen musste. Er begnügte sich damit, ihr in einer standesgemäßen Geste seinen Degen entgegenzustrecken, als vorsorgliche Warnung, dass er nicht zulassen würde, was sie bei ihrem letzten Treffen mit ihm getan hatte.

„Ah, der Liquidator. Schön, dass du Zeit gefunden hast.“ Sie erwiderte seine Geste, indem sie ihr eigene Waffe hob, schob seine aber dann mit einem kurzen Lächeln beiseite und drehte sich wieder um, um zwei in graue Schutzanzüge gekleidete Fechter in der Mitte des Raums zu beobachten, die sich ein heißes Duell mit seltsam anmutenden, rötlich leuchtenden Degen lieferten. „Wir können loslegen, sobald die beiden fertig sind. Da drüben kannst du ein wahres Naturtalent beobachten. Du kennst die zwei übrigens.“

Avery verzog das Gesicht, was Emma zum Glück nicht sehen konnte, da er immer noch hinter ihr stand. Er kannte die Statur dieses ‚Naturtalents’ bestens. Auch die leicht vorstehende Maske war ein unverwechselbares Merkmal. Soviel zu einer großzügigen, unverbindlichen Einladung. Es hätte ihm klar sein sollen. Seine erste Ahnung über Emma bestätigte sich immer mehr. Dieses Weibsbild mischte sich gern in Dinge ein, die sie nichts angingen. Sicher hatte sie die Fechtstunden mit Absicht so gelegt, dass sie drei sich begegnen würden. „Cyclops?“, fragte er, nur ganz leicht sarkastisch. Das war eine Erinnerung, auf die er gern verzichtet hätte. Es war noch gar nicht lange her, dass er sich mit diesem Kerl in ähnlichen Kämpfen wie diesem da gemessen hatte.

Emma lächelte wissend, sie hatte den Unterton genau gehört. „Nein. Seine Verlobte.“

„Flashwind.“

Averys trockene Feststellung ging im Piepsen des entscheidenden Treffers unter, das immer ertönte, wenn die Degen auf den Kevlar-Anzug eines der Kontrahenten trafen. Mit einem lauten Zischen und viel Rauch ging ein breiter Streifen des elastischen, widerstandsfähigen Materials in Rauch auf. Scott war besiegt.

Katja nahm ihre Maske ab, grinsend, ziemlich außer Atem aber sichtlich zufrieden. Mit vor Anstrengung geröteten Wangen sah sie zu Emma, die Augenbrauen fragend hochgezogen.

Emma nickte ihr anerkennend zu. „Perfekt für den Anfang. Nur noch zu hektisch. Daran arbeiten wir nächstes Mal.“
Sie senkte ihre Stimme. „Die beiden trainieren erst seit Montag bei mir, aber sie ackern schon mehr als alle meine anderen Schüler zusammen. Zum Glück. In Westchester war es mir in letzter Zeit zu deprimiert.“

Avery nickte nur kurz. Falls Emma ihn mental versuchte auszuhören, würde sie auf Granit stoßen. Jedenfalls im Moment hatte er keine Probleme mit einem der X-Men. Was mit Summers gewesen war, wollte er hinter sich lassen. Und wenn es nur um Ororos Willen war. „Seit der Sache mit Doktor Grey, nehme ich mal stark an.“

Emma zog eine kleine Grimasse. „Ein bisschen mehr Takt in ihrer Gegenwart, auch wenn du die beiden nicht magst, ja? Es ist noch keine drei Monate her.“ Dieses Mahnende, Lehrerhafte, mit dem sie vielleicht ihre Kinder in Frost Ltd. unter Kontrolle halten konnte – Avery war sich ziemlich sicher, dass es bei denen ansonsten auch ein keiner mentaler Wink mit dem Zaunpfahl tat – zeigte bei ihm naturgemäß nur wenig Wirkung.

Geld hatte ihn nie sonderlich beeindrucken können, seinen Respekt verdiente man sich anders. Außerdem war er, wenn er schon nicht mit Telepathie aufwarten konnte, ein guter Beobachter. Und die Erwähnung der geliebten Ärztin der X-Men hatte Emma gerade um einiges mehr zusammenzucken lassen als man es bei einer gefühlskalten Person wie ihr erwarten würde. Ihre hellen Augen wirkten plötzlich rastlos. Irgendetwas verursachte Unruhe in ihr, wenn es um diese Sache ging. Hatte da jemand etwa ein schlechtes Gewissen? Vielleicht sollte er Ororo mal einen diskreten Hinweis geben, dass die saubere Miss Frost offensichtlich mehr über Alkali Lake wusste, als man ahnte…

Seine angestrengte mentale Abschirmung war wohl für einen Moment gefallen und hatte Emma diese Überlegungen offenbart, jedenfalls bemühte sie sich rasch, wieder auf das ursprüngliche Thema zurückzukommen. „Du musst wissen, wir drei versuchen gerade, den perfekten Umgang mit Laserdegen zu erlernen.“

Avery betrachtete zweifelnd die klobigen, umständlich wirkenden Waffen der beiden sogenannten Musterschüler. „Wozu sollen die Dinger gut sein? Ich weiß ja, dass die X-Men zu Selbstüberschätzung neigen, aber...“
Eine rot glühende heiße Klinge direkt vor seiner Nase ließ ihn verstummen.

Katja war mit Hilfe ihrer Kräfte mit einem kräftigen Windstoß vom anderen Ende des Raums direkt vor ihn hin gesprungen und hielt ihm nun eines der besagten Schwerter vors Gesicht. „So skeptisch, Anderson? Mal anfassen?“ Dafür, dass sie ihn bei ihren wenigen Treffen am Ende des Uni-Semesters bis auf einen raschen, gemurmelten Gruß gekonnt ignoriert hatte, schien sie jetzt plötzlich erstaunlich erpicht darauf, vor ihm anzugeben.

„Lass doch, Cat.“ Scott hatte sichtlich keine Ambitionen, sich seinem alten Bekanten zu nähern. Er hatte ebenfalls seine Maske abgelegt und zog gerade seine Handschuhe aus. Selbst aus der Entfernung konnte Avery sehen, dass seine Hände zitterten. Summers konnte genauso wenig vergessen wie er. Jedes Treffen erinnerte sie beide an früher, und offensichtlich war es jetzt Summers statt ihm, der weit weniger damit klar kam, was damals gewesen war.

Vielleicht reichte das als Befriedigung. Und vielleicht auch als Grund, das Xavier-Anwesen nicht mehr krampfhaft zu meiden. Es wäre es schon wert gewesen, um mit Genuss zu erleben, wie dieser Bastard, der seine Eltern getötet hatte und auch diese arrogante kleine Schlampe an seiner Seite unter den letzten Ereignissen litten. Wie das blühende Leben sahen die beiden nämlich nicht aus. Keine demonstrative Knutscherei mehr, dann dieses unprofessionelle Gehampel eben, ziemlich außer Atem waren die zwei auch... Da war jemand wohl aus der Übung. Nur mäßig interessiert musterte Avery die fremdartige Waffe in Katjas Hand, um seine Beobachtungen nicht auffällig werden zu lassen. Dieser kitschige Ring, den sie bei Alkali Lake getragen hatte, war verschwunden, es fiel ihm sofort auf. Stryker hatte ihm am Ende seines verfehlten Lebens wohl einen Gefallen getan… „So was findet man wohl nicht im Walmart.“

„Einzelanfertigung.“ Katja deaktivierte das Schwert mit einem kurzen Druck auf eine schmale kleine Fläche direkt unter ihrem Daumen, woraufhin das rote Leuchten verschwand und die Klinge sich in Sekundenbruchteilen in den Zylinder zurückzog. „Demonstration gefällig? Oder ein Test? Ein kleiner Wettstreit?“

„Mit wem von euch beiden?“ Avery sah demonstrativ zu Scott hin. Wenn Katja der Meinung war, sie müsste eine Konfrontation provozieren… An ihm sollte es nicht liegen. Dann wollte er aber zumindest einen würdigen Gegner, keine halbe Portion, die aussah, als würde jeder kleinste Windstoß sie umwehen.

Summers grinste nur schief. „Wie in alten Zeiten, was, Anderson? Von mir aus. Keine Kräfte. Die Dinger sind teuer.“

„Was denn sonst?“ Avery nahm Katja ihr Schwert ab, aktivierte es und führte versuchsweise ein paar Trockenübungen in der Luft aus. „En guarde? Oder lieber: ‚Möge die Macht mit dir sein’?“ Scotts Antwort war ein gut trainierter Angriff, den Avery mehr aus Reflex aber doch so routiniert abwehrte, dass die Frauen sich erstaunt ansahen.
Rasch wurde klar, dass sie beide sich auf diesem Gebiet immer noch ebenbürtig waren. Immer wieder schafften sie es, den Angriffen des Gegners auszuweichen. Die Klingen krachten kontinuierlich zischend aneinander und rissen einen tiefen Riss in die weiße Auspolsterung des Raums nach dem anderen.
Bald begannen die weichen, fließenden Linien der Matten mit der blendenden Farbe zu verschwimmen, nach und nach in Schatten zu versinken, als hätte sich der Schauplatz auf einen dreckigen, von Gewalt und Geschrei beherrschten Hinterhof verlegt. Avery spürte, wie er ganz von selbst in vor langer Zeit gelernte Techniken fand, ein Echo der Stimme einer jungen Frau in seinem Kopf, selbst noch kaum mehr als ein Kind, die ihm verschiedene Bewegungsabläufe und vor allem die elementare Bedeutung von Fokus beibrachte. Fokus auf seinen Gegenüber. Auf die Waffe, die unter ihrer beider schneller werdenden Bewegungen bald kaum mehr als ein greller roter Lichtstrahl war – fast wie ein sehr fein eingestellter Laserstrahl – auf den sich Averys Konzentration lenkte, Gedanken an die Vergangenheit genauso verdrängt wie die Gefühle des Hasses seinem Gegner gegenüber. In einem Kampf hatte das alles nichts zu suchen. In so einem Duell zählte nur der Sieg. Auskosten konnte man ihn hinterher.

Du denkst immer noch viel zuviel nach, Anderson. Willst du dich wirklich von einem Mädchen besiegen lassen? Was sagen denn deine Freunde auf der Straße dazu? Komm schon, das kannst du besser. Reiß dich zusammen. Jedes Mal, wenn du darüber nachdenkst, wie gern du mich jetzt flachlegen würdest, dränge ich dich weiter in die Ecke.

Oh, sie war gut gewesen. Stark, geschickt, bezaubernd. Tödlich. Er hätte sie vielleicht haben können. Er hätte alles hinter sich gelassen, das ihnen beiden im Weg gestanden war. Bis...
Es war nicht länger das von einer anonymen weißen Maske versteckte Gesicht eines alten Rivalen, dem sein eigener Degen immer wieder verführerisch nahekam. Es war die von höhnischem Gelächter verzerrte Fratze eines Teenagers, dem er damals sein Leben anvertraut hätte… und das der Menschen, die er geliebt hatte, damit geopfert hatte.

Ist das alles, was du drauf hast, Anderson? Hast du in deiner schicken Spießervilla auch noch was anderes gelernt?

Immer enger wurde der Kreis, auf dem ihre kleine, ganz persönliche Fehde an diesem Tag stattfand, ein Tanz um unsichtbare Mülltonnen und Autowracks. In einem immer schnelleren Rhythmus krachten ihre steil aufgerichteten Schwerter aneinander, Ellbogen, Knie, stießen hart aneinander, bis aus dem Gefecht eine handfeste Prügelei wurde. Avery konnte nicht mehr sagen, wer zuerst mit der freien Hand zugeschlagen hatte, aber es war eine unglaubliche Genugtuung. Sie schenkten sich beide nichts, ganz auf diesem Schlachtfeld in ihrer Erinnerung gefangen. Er glaubte sogar den Gestank von Kot und Pisse, von ausgeleerten Abfallsäcken und getrocknetem Blut an Hausmauern zu riechen. Das grölende Gelächter der Mitglieder ihrer Gang zu hören, das Anfeuern, die Stimmen ihrer Anhänger, die sich immer die Waage gehalten hatten, anstatt dem nervigen Gekreische ihrer beiden wirklichen Zuschauerinnen, das sie beide in ihrem immer mehr außer Kontrolle geratenden Kampf zu stoppen versuchte. Ein Geräusch, das genauso in der Fixierung auf seinen Kontrahenten unterging wie diese versnobte Umgebung, in die er nicht gehörte. Fast…
Mit einem ärgerlichen Zischen sprang Avery zurück- das war knapp gewesen. Er fletschte die Zähne unter seiner Maske, einen Moment stillstehend, und war ziemlich sicher, dass sein Feind genau das gleiche tat, abwartend, was der nächste Schritt sein sollte, im Genuss des Adrenalins, der einen wenigstens kurz vergessen ließ, was für ein beschissenes Leben man hatte. Nur dass man sich heutzutage nach dem Kampf nicht mehr freundschaftlich auf die Schulter klopfte und eine der gestohlenen Bierdosen öffnete, die als Belohnung bereitlagen. Diese Zeiten waren vorbei.

Irgendwann falte ich deinen kleinen Arsch auf Pennygröße zusammen, Summers. Dann hab ich hier das Sagen.

Nur nicht übermütig werden, Anderson. Daran sollen schon ganz andere gescheitert sein.

Averys lautes, aggressives Knurren ging in einem heftigen Aufeinandertreffen ihrer Degen unter. Diesmal versuchte er gar nicht erst, seinen Kontrahenten mit reiner Kraft zurückzustoßen. Er ließ sich fallen, nutzte seine Schnelligkeit, um zur Seite zu rollen, holte aus und trat genau auf diese eine Stelle hin, der sich die liebe Mystique vor kurzer Zeit so ausgiebig gewidmet hatte. Nicht ganz fair, aber von fairen Mitteln hatte dieser Kerl schließlich auch nie viel gehalten. Avery kostete den Moment voll und ganz aus, als Summers‘ Bein am Knie regelrecht wegknickte, lauschte mit Verzückung dem noch viel zu leisen, unterdrücken Aufschrei, der wie Musik in seinen Ohren war. Genau das war es, was ihn seit Jahren in seinen Träumen verfolgte, diesen Kerl leiden zu sehen... Lange genug gewartet hatte er…
Er sah sich selbst mit gelindem Schreck dabei zu, wie er erneut seine Waffe hob, bereit, sie in diese ungeschützte Stelle am Hals zu rammen- er sah das Bild so deutlich vor sich, dass ihn eine heftige Welle von Triumph jegliche Blessuren aus dem Kampf vergessen ließ. Und jegliche Zurückhaltung. Sogar die kleine Enttäuschung, dass es nur ein kurzes, süßes Zucken seines Gegners geben würde, einen viel zu gnädig raschen Todeskampf… Nun, man konnte nicht alles haben. Es würde endlich vorbei sein… Die Träume würden aufhören…
Es war nur ein kurzer, vergleichsweiser lächerlicher Schmerz gewesen, nur ein kleines Stück Metall, das sich bei seiner verdrehten Haltung in seine Haut grub, genau an der empfindlichen Kuhle zwischen seinen Schlüsselbeinen… Aber Averys Körper erzitterte, der tödliche Hieb, zu dem seine Arme angesetzt hatten, gestoppt. Das Amulett… ‘Ro. Hatte er wirklich für einen Augenblick so sehr vergessen können?
Sein viel zu langes Zögern wurde ihm zum Verhängnis. Bevor er zurückweichen konnte, hatte sich sein Gegner erholt. Wieder dieser rote Blitz, viel zu nahe, viel zu schnell- mit einem ekelhaften Geruch nach verbranntem Fleisch bohrte sich der Degen in seinen Oberschenkel. Ein lauter Schrei entfuhr ihm, für den er sich selbst am allermeisten hasste. Aber gegen solche Hitze halfen weder seine Kräfte noch niedriges Schmerzempfinden.

„Idioten! Das musste ja so kommen.“ Ärgerlich lief Emma zu Avery hin und besah sich seine Wunde.

Er wehrte ab und schob ihre Hände ungeduldig von sich. Er ging ungern auf Tuchfühlung mit jemandem, der sich für seine geschäftlichen Ziele schon durch die halbe Stadt geschlafen hatte.
So gleichmütig wie möglich warf er Katja ihr Schwert zu und hoffte, dass man ihm nicht ansah, was für einen Kampf vor allem mit sich selbst er gerade hinter sich hatte. Er hatte aufgehört, im richtigen Moment, und Emma war ja auch noch da gewesen… Glaubte er wirklich, sie hätte zugelassen, dass sie jemanden vor ihren Augen umbrachte? Diesen letzten Schlag hätte er ohnehin nicht ausführen können, sie hätte ihn wieder in diesen widerlichen, schleimigen Griff ihres Geistes genommen... Kein Grund zur Sorge also. Sein Temperament war nur ein wenig mit ihm durchgegangen. Er ignorierte angestrengt das amüsierte kleine Lachen seines eigenen, nur wenige Jahre jüngeren Ichs, das ihn daran erinnerte, wie er eben dort gelegen war, in diesem Rausch, den nicht einmal der Gedanke an seine Partnerin und das Leid, das er ihr mit seinem unkontrollierten Rachedurst zufügen würde, hatte stoppen können. Egal. Er hatte sich hinreißen lassen, das war alles. Finger weg von Zweikämpfen in Zukunft, und nichts würde passieren… „Hat Spaß gemacht, doch. Für mich aber keine Alternative zu einem ordentlichen Degen. Sehen wir uns am Montag?“

„Sicher.“ Katja brauchte einen Moment zu lange um zu antworten, ihr Blick flackerte kurz in Scotts Richtung, bevor sie sich zu einem Nicken zwang. Am Montag fand eine kleine Feier der Studenten zum Semesterbeginn mit einem sehr freundlichen und verständnisvollen jungen Professor in einem Hörsaal statt, eigentlich bestand da noch gar keine Anwesenheitspflicht. Das war gerade nichts anderes als eine Einladung von Avery gewesen, und Katja nahm selbige sichtlich nur sehr zögernd an. Aus welchen Gründen war offensichtlich. Da war wohl ein gewisser Herr Verlobter – oder auch Ex-Verlobter – immer noch nicht begeistert davon, dass sie Kontakt zu seinem alten Erzrivalen hatte…

Summers‘ Miene verfinsterte sich auch prompt, deutliche Gekränktheit und Gereiztheit stand darauf geschrieben. Und ein Rest Unruhe, der Vorbote von tiefer Sorge. Er schwieg, aber dieser stechende Blick, der auf Avery ruhte, war Warnung genug. Er stand auch nicht gleich auf sondern nahm sich noch ein paar Sekunden, seinen alten Rivalen zu beobachten, seine Hand verkrampft auf seine linke Kniekehle gelegt, wo sich noch der Tritt von eben bemerkbar machen musste. Die beiden Frauen mochten es für das Ausleben von Hengstmanieren gehalten haben, was da eben gewesen war. Summers wusste es besser. Er hatte es von Anfang an gewusst, seit sie sich bei der Universität zum ersten Mal über den Weg gelaufen waren und er seine kleine Schlampe postwendend in sein Auto gezerrt hatte, nur um sie aus Averys Reichweite zu bekommen. Und genau mit diesem Argwohn musterte er sie beide auch jetzt wieder. Also doch noch ein bestehendes Paradies, in dem es im Moment nur Regen gab… Das war… interessant.
Jedenfalls wäre es das gewesen, wenn er noch irgendeinen Grund gehabt hätte, die beiden zu beobachten. Avery ermahnte sich selbst, dass sein Lebensmittelpunkt jetzt ein ganz anderer war und wandte sich seiner Lehrerin zu, um seinen Geist mit anstrengender körperlicher Betätigung von der Vergangenheit abzulenken.
«
»
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.9-7097