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von StormXPadme    erstellt: 08.04.2009    letztes Update: 20.06.2009    Geschichte, Drama / P18    (fertiggestellt)
bisherige und Nachfolgeteile dieser Serie:
- Pilot: http://www.fanfiktion.de/s/4943da490000161f069003e8
- Teil 1: http://www.fanfiktion.de/s/4947fa690000161f069003e8
- Teil 2: http://www.fanfiktion.de/s/495680680000161f069003e8
- Teil 3: http://www.fanfiktion.de/s/495bb4ff0000161f069003e8
- Teil 4: http://www.fanfiktion.de/s/49734e760000161f069003e8
- Teil 5: http://www.fanfiktion.de/s/4992100f0000161f069003e8
- Teil 6: http://www.fanfiktion.de/s/49a5a7210000161f069003e8
- Teil 8: http://www.fanfiktion.de/s/4a3e2b620000161f069003e8
- Teil 9: http://www.fanfiktion.de/s/4ae1a8930000161f069003e8
- Teil 10: http://www.fanfiktion.de/s/4b757c0b0000161f069003e8

Outtake:
- 'Snow angel (Storm)': http://www.fanfiktion.de/s/4bffe7450000161f069003e8


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Serie: X-Men: Weathered I
Titel: WORST CAS SCENARIO (#7)
Titelbild: http://i296.photobucket.com/albums/mm194/stormxpadme/art/hseg.jpg
Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=IWAGLIiShws
Autor: Storm{X}Padmé
Disclaimer: Alle originalen Charaktere und Elemente gehören Marvel, den Rechteinhabern und allen, die dafür bezahlen. Ich geb sie ja wieder zurück, ich leih sie mir doch nur... Ich tu ihnen auch nicht weh… Jedenfalls nicht sehr *G*.
Universum: Realfilme Teil 1 und 2; Teil 3 schließe ich aus meinem persönlichen Canon aus.
Zeitlinie: ein paar Monate nach dem Film ‚X2‘
Zensur: Nc 17 (Gewalt)
Zusammenfassung: Schwer angeschlagen von den Ereignissen bei Alkali Lake versuchen die X-Men, ihre früheren Aufgaben wieder aufzunehmen. An Ororo ist es, den Zusammenhalt und die Stärke der Gruppe zu sichern. Aber kann sie dem Mann, der sie dabei am meisten unterstützt, wirklich vertrauen?
formale Bemerkungen:
- kursive Sätze = Erinnerungen, Träume oder zur Betonung
- Sätze in ‚ ‚-Zeichen = eigene Gedanken, Telepathie oder indirekte Rede
Feedback: Ist nicht nur erwünscht sondern wird auch geknuddelt, abgeschmust, gestreichelt und George genannt :D









X-Men: Weathered I
WORST CASE SCENARIO
(#7)




1



Das Ganze war ausgerechnet Emmas Idee gewesen- nun, eigentlich hätte das keinen überraschen sollen. Freiwillig wäre zwei Monate nach Alkali Lake keiner der X-Men auf die Idee gekommen, einen Gruppenausflug ausgerechnet nach Kanada zu machen. Weit genug weg von Alkali Lake lag das Ziel zum Glück, etwa in der Mitte des Cabot Trail gelegen, direkt am Meer. Warm genug, um schmerzhafte Erinnerungen im Zaum zu halten. Auch wenn Ororo nicht allzu viel für Emma übrig hatte… Sie musste zugeben, als sie die Blackbird erst auf einer mit kaum sichtbaren Grasnarben markierten Fläche inmitten einer unberührten Wiesenebene gelandet hatte, dass es ein guter Vorschlag gewesen war.

Keiner von ihnen war in den letzten Wochen viel vor die Tür gekommen. Sie hatten sich alle vermehrt um die Schüler kümmern müssen, die nach dem Angriff auf das Xavier-Anwesen durch diesen Psychopathen von Stryker und vor allem dem schweren Verlust, den die X-Men erlitten hatten, sehr verstört waren. Sie Ältere hatten zudem alle Hände voll zu tun, mit Vorträgen und Interviews in der Presse die Negativstimmung gegen die Mutanten zu bekämpfen, die verständlicherweise seit den letzten Vorfällen vorherrschte. Viel Erfolg zeigten ihre Bemühungen leider nicht. Für solche Dinge war früher jemand zuständig gewesen, der jetzt nicht mehr unter ihnen weilte, und Ororo hatte immer noch nicht das Gefühl, die richtige Nachfolgerin für diese Aufgabe zu sein. Viel Zeit für gemeinsame Unternehmungen war jedenfalls nicht mehr gewesen, selbst das Training war vernachlässigt worden. Jetzt waren die Sommerferien fast vorbei, in der Schule würde bald alles wieder seinen geregelten Gang gehen, und damit musste auch das Team endlich aus dieser erdrückenden Antriebslosigkeit finden, die seit Jeans Tod vorherrschte.
Inzwischen konnte Ororo daran denken, ohne ständig in Tränen auszubrechen, auch wenn da immer noch jedes Mal dieser Stich im Herzen war. Der Mann, der nun schon seit Monaten als mehr oder weniger offenes Geheimnis der Partner an ihrer Seite war, hatte ihr viel dabei geholfen, die Trauer zu verarbeiten. Es blieb ihr am Ende auch nicht viel anderes übrig als so gut wie möglich zu funktionieren. Hank und sie waren im Moment die einzigen Teammitglieder, die das wirklich schafften. Ororo warf einen traurigen Blick über ihre Schulter zu den anderen zurück, bevor sie alle Triebwerke deaktivierte und allen mit einer kurzen Geste bedeute, sitzen und angeschnallt zu bleiben. So wie sie Emma verstanden hatte, würden sie für die letzte Wegstrecke gar nicht erst aufstehen müssen.

Es dauerte keine halbe Minute, bis eine dichte Nebelfront die Blackbird einzuhüllen begann, für die ausnahmsweise einmal nicht Ororos oder Katjas Wetterfähigkeiten verantwortlich zeichneten. Der künstliche Wasserdampf kam von riesigen Düsen, die in das Erdreich unter dem Jet eingearbeitet waren. Ein etwas ungewöhnliches Phänomen, für das diese Gegend bei den wenigen Einheimischen bekannt war. Niemand, der nicht eingeweiht war, wäre wohl auf die Idee gekommen, dass der zeitweilige völlig undurchdringliche Nebel nur dem einen Zweck diente, zu verbergen, dass dieses Teilstück der Wiese in Wahrheit eine Landeplattform war, die sich auf diese Weise ungesehen nach unten bewegen konnte, blitzschnell, bevor sich eine weitere täuschend echte Grasfläche knapp über der Blackbird schloss und der Jet auf einem tonnenstarken Lift nach unten in den eigentlichen Hangar einer unterirdischen Anlage befördert wurde.

„Beeindruckend“, musste sogar Scott zugeben, der von dem Ausflug bis jetzt nicht sonderlich begeistert gewesen war. Nicht, dass Ororo das groß überrascht hätte. Scott und Logan konnte man im Moment kaum für etwas begeistern. Die beiden litten einfach noch zu schwer unter Jeans Verlust. Scott und Katja hatten sich leider zudem auch noch in den Kopf gesetzt, eine Beziehungspause wäre das gesündeste für die Probleme, die die beiden vor Alkali Lake gehabt hatten.

Das hieß für Ororo und Logan jeden Tag Totenstille am Frühstückstisch und eine rücksichtsvolle Umstellung des Stundenplans mit weit mehr Aufgaben für sie als früher, damit sich die beiden Sturköpfe so wenig wie möglich über den Weg liefen. Für Logan mochte das ganz heilsam sein, der brauchte Beschäftigung, um nicht jeden Abend mit zwei Flaschen Whiskey und einer Packung Zigarren in seinem Zimmer zu versumpfen, aber Ororo wuchs langsam alles über den Kopf, auch wenn sie es nicht gern zugab. Die Schule hätte dringend ein oder zwei neue Lehrer gebraucht. Seit Alkali Lake traute sich nur leider niemand mehr gern nach Westchester…

Besonders viel für Vorstellungsgespräche hatte sich der Professor letztens allerdings auch nicht interessiert. Auch Charles hatte die Geschehnisse noch nicht verarbeitet. Dass Stryker ihn fast dazu missbraucht hätte, alle Mutanten zu töten und Magneto dann dasselbe in grün versucht hatte, um die Menschen auszurotten… So etwas konnte auch ein mental so gefestigter und starker Führer wie Xavier nicht einfach vergessen. Er gab sich beschäftigt, mit dem Umbau des ehemaligen Cerebro, mit seinen üblichen wirtschaftlichen Geschäften, welche die Schule am Leben hielten, mit politischen Belangen… Aber Ororo kannte ihn gut genug um zu wissen, dass er sich nicht auf den Unterricht vorbereitete, wenn er stundenlang still in seinem Büro saß und nicht gestört werden wollte. Und dass es nicht normal war, dass er sich sowenig um seine Schützlinge und sein Kämpferteam kümmerte. Vermutlich wäre es noch monatelang mit dieser Lethargie so weitergegangen, wenn nicht Emma gestern unangemeldet im Anwesen aufgetaucht wäre und auf den Tisch geschlagen hätte. Charles machte sich immer noch Vorwürfe- viele Lebewesen waren wegen ihm gestorben. Außerdem vermisste er Jean, so wie sie alle. Und da war noch etwas, das ihn beschäftigte… Etwas, das Ororo einfach nicht richtig greifen konnte. Etwas, über das er bei allem Vertrauen, trotz des engen Verhältnisses, das sie beide hatten, nicht mit ihr sprechen wollte. In solchen Momenten wünschte sie sich oft, seine Kräfte oder die von Emma zu haben, mit denen sie seine Gedanken einfach hätte durchschauen können…

„Ihr habt doch noch gar nichts gesehen.“ Hank stellte sich vorfreudig grinsend hinter sie, eine Mimik, die seine animalischen Gesichtszüge um einiges menschlicher wirken ließ. Seine breite Silhouette verschluckte fast Scotts und Ororos in der Spiegelung der Frontscheibe, durch die man auf den metallen verkleideten Transporttunnel sah. Er legte ihnen kurz jeweils eine Hand auf die Schulter und beobachtete aufgeregt, wie der Jet von der Transportplattform sanft, fast ohne jedes Geräusch in einer grell mit Neonleuchten erhellten Halle abgesetzt wurde. Er als bekannter Mutantenwissenschaftler war natürlich nicht zum ersten Mal in diesem streng geheimen Forschungslabor. Der Besuch dort war nur wenigen Mutanten überhaupt vorbehalten, und es war hauptsächlich Emmas Beziehungen zu verdanken, dass heute das X-Team eingeladen worden war. Hank freute sich vermutlich am meisten, seinen alten Freunden eine Hochburg der Innovation und Forschung zeigen zu dürfen. Der Doktor mit seiner unerschütterlichen Ruhe war in den letzten Wochen oft Ororos einziger Lichtblick gewesen. Ihr alter Freund hatte sich trotz der langen Pause problemlos wieder ins Team eingegliedert und die Krankenstation so selbstverständlich weitergeführt, als müsste er nicht ein sehr schweres Erbe antreten. Er war der Ruhepol, den Ororo im Moment dringend benötigte.

Und Marie ebenso, die hatte sich nicht einmal von Bobbys schmerzhafter Abfuhr vor kurzem wirklich deprimieren lassen. Leicht hatte sie die Trennung nicht verkraftet, aber die innere Stärke, die sie aus ihrem Schicksal als genauso mächtige wie regelrecht verfluchte Mutantin zog, half ihr, ihren Alltag mit einer Fröhlichkeit zu meistern, mit der sie auch die anderen wenigstens manchmal zum Lächeln brachte.
Auch jetzt konnte sie es sichtlich kaum erwarten, den Jet zu verlassen. Sie drückte ihre Nase an der Scheibe platt und wartete ungeduldig, bis Ororo das Zeichen gab, sich abzuschnallen.

„Was gibt’s denn da so Interessantes zu sehen?“ Kurt streckte sich kurz und hielt sich seine Schweifspitze vor den Mund, um sein ausgiebiges Gähnen zu verstecken, bevor er etwas schwerfällig auf die Beine kam. Der neueste Zugang im Team, der eigentlich noch nicht so recht wusste, ob er überhaupt in Westchester bleiben wollte, litt ebenfalls noch sehr unter den Ereignissen, die er selbst unwillentlich mit ausgelöst hatte. Ororo wusste, dass Kurt sehr schlecht schlief, sie hörte ihn fast jede Nacht im Nebenraum leise vor sich hin murmeln und stöhnen. Was er da fast getan hätte, auch wenn es unter dem Einfluss von Strykers Gift gewesen war, belastete seinen tief religiösen Geist auf eine Weise, die für sie schwer nachvollziehbar war. Das Attentat auf den Präsidenten war fehlgeschlagen, und Kurt war auch offiziell von den Behörden von jeglicher Schuld freigesprochen worden. Der einzige, vor dem er sich glaubte verantworten zu müssen war sein geliebter Gott, und mit so einem Glauben hatte Ororo schon als Kind in ihrem muslimischen Heimatland Ägypten nicht viel anfangen können.

„U.G.E.R. Ltd.. United Gene and Evolution Research. Die Elite der Mutantenforschung.” Ororo nickte zu den sich langsam öffnenden Hangartüren, durch die sich vier Gestalten in weißen Kitteln dem Jet näherten. Ein erfreutes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie ein bekanntes Gesicht entdeckte. Sie beeilte sich, die Ausgangsluke herunterfahren zu lassen. „Sie helfen Mutanten weltweit, ihre Kräfte zu erforschen und Hilfsmittel zu finden, die ihnen das Leben erleichtern. Und sie stellen Gruppen wie uns ihre technischen Errungenschaften im Kampf für den Frieden zur Verfügung. Hier wird alles vorgetestet und entwickelt, das die Shi’ar uns im Laufe der Jahre überlassen haben.“

„Hm.“ Kurt rettete sich mit einem lauten Bamf vor der erneuten Lektion aus dem Jet in die Halle hinunter. Auch die Idee von außerirdischem Leben war jemandem mit seinem Glauben naturgemäß noch etwas suspekt. Vermutlich würde er das erst so richtig fassen können, wenn er irgendwann einmal einem Mitglied dieser Spezies, mit der Charles seit Jahrzehnten gut befreundet war, gegenüber stehen würde.

Die Wissenschaftler, selbst Mutanten, die aber bis auf ein wenig blasse Haut und Ringe unter den Augen keine äußerlichen Auffälligkeiten zeigten, zuckten zusammen, als sich plötzlich diese große blaue Gestalt neben ihnen manifestierte. Teleportierung war eine ebenso mächtige wie seltene Fähigkeit. Man konnte förmlich sehen, wie in den Augen der drei Männer und der Frau Interesse wie die Dollarzeichen in Dagobert Ducks Augen aufblitzten. „Mister Wagner, nehme ich an.“ Einer der Männer streckte Kurt herzlich eine Hand hin. „Wir haben uns auf Sie gefreut.“

„Guten Tag“, nuschelte Kurt mit seinem breiten deutschen Akzent und versteckte sich schnell hinter Hanks beeindruckender Silhouette. Nach seinen Erfahrungen in Strykers Labor war er Forschungseinrichtungen gegenüber nicht ganz so enthusiastisch eingestellt.

„Schön, euch wiederzusehen, ihr Lieben.“ Hank begrüßte seine alten Freunde und stellte ihnen nach der Reihe die Mitglieder des X-Teams vor.

Ororo entgingen nicht die teils sehr kritischen Blicke der Fremden. Sie seufzte lautlos. Als jemand, der soviel Verantwortung trug, über so mächtige Dinge, die niemals in falsche Hände geraten durften, wäre sie einem schon auf den ersten Blick angeschlagenen Team wie ihrem vermutlich auch skeptisch eingestellt gewesen.

Logan mit seinem verwilderten Äußeren, der sich wieder einmal um jegliche Anstandsformen einen Dreck scherte und sich eine Zigarre anzündete… Hank, der sich mit seinem auffälligen blauen Fell nach Jahrzehnten der Mutation immer noch merklich unwohl fühlte… Ein Anführer mit ungepflegten Bartstoppeln, der kaum den Mund aufbrachte und stattdessen Ororo als Stellvertreterin reden ließ… Kurt, der sich kaum jemanden anzusehen traute… Nicht zu vergessen eine untersetzte, leichenblasse Frau, die bald ihr Traumgewicht von Kilogramm Zwangsernährung erreicht haben würde, wenn sie so weitermachte.

Die junge Marie wirkte wirklich noch am seriösesten, das sollte ihnen allen eigentlich zu denken geben... An ihr waren die Forscher genauso wie an Kurt auch am meisten interessiert, ganz uneigennützig war die Einladung sicher nicht gewesen. Aber Marie hatte von Anfang an klar gemacht, dass sie nicht hier bleiben und auch keine aufwändigen Tests mitmachen würde. Ihr Blut befand sich schon seit geraumer Zeit in den Datenbanken dieser Leute, und noch nie hatte jemand eine Patentlösung für ihre tödlichen hautreaktionären Kräfte aus dem Hut gezaubert. Sie ließ sich nicht gern in Luftschlösser einmauern. Seit der Enttäuschung durch Bobby schon gar nicht mehr.

„Es war eine harte Zeit“, beantwortete Ororo die unausgesprochene Frage, die sie vor allem in den stechenden hellen Augen ihres alten Freundes aus Schottland erkennen konnte. „Alkali Lake hat uns zurückgeworfen.“

„Darum seid ihr hier, um auf andere Gedanken zu kommen.“ Der junge Wissenschaftler legte ihr mitfühlend eine Hand auf den Arm und dirigierte sie zur Hangartür, um die Führung für das Team zu beginnen, während bereits ein paar in weiße Schutzanzüge gehüllte Techniker den Hangar betraten, um sich um die Blackbird zu kümmern, die nach Alkali Lake dringend eine Generalüberholung brauchte. Noch ein guter Grund, warum sie hier waren. „Ich hoffe, wir haben später noch ein wenig Zeit für einen Kaffee, ‘Ro. Ich spüre deine Hoffnungslosigkeit bis in mein Herz.“

„Ohne Hoffnung wäre ich längst nicht mehr in Westchester“, erwiderte sie abwehrend. Er meinte es gut, aber leider gehörte auch dieser Mann mit einer schon fast fanatischen Unbeirrbarkeit einem Glauben wie Kurt an, an irgendwelche höheren Mächte, von denen Ororo noch nie irgendeine Unterstützung gemerkt hätte. Sie hatte sich bis jetzt noch immer allein durchschlagen müssen. „Aber Kaffee klingt trotzdem gut.“




Beim Rundgang durch die kilometerweite hochmoderne Anlage vergaßen dann tatsächlich für ein paar Minuten alle ihren Kummer. Vor allem Scott als Technikfreak blühte bald regelrecht auf. Die riesigen Werkstätten waren selbst durch die sterile schützende Glasscheibe beeindruckend zu beobachten. Futuristische Roboterarme, Lasertechniken und Plasmastrahlungen… Es war nicht zu übersehen, dass sie eine Welt betreten hatten, die den meisten Menschen zum Schutze vor ihnen selbst immer verborgen bleiben würde. Umso nützlicher waren die Ergebnisse dieser Forschungen für jene, die geschworen hatten, für das Gute zu kämpfen. Allein die vielen hyperschnellen und von speziellen Legierungen und Schilden geschützten Fluggeräte, an denen die Forscher bastelten, würden noch in vielen Kämpfen hilfreich sein, wenn sie erst fertiggestellt waren. Auch an der Holo-Technologie der Shi’ar wurde fleißig gearbeitet, um Simulationen wie die im Danger Room des Xavier-Anwesens noch realistischer zu gestalten.
Aber am meisten Eindruck hinterließen die hell und freundlich eingerichteten Labors, regelrechte Wohnungen stellten sie teils dar, in denen sich oft jahrelang junge Mutanten aufhielten, die nicht wussten, wie sie mit ihren Fähigkeiten zurechtkommen sollten. Die X-Men, die alle persönlich mit Strykers Horrorvisionen von Versuchslabors konfrontiert worden waren, waren erleichtert zu sehen, dass es eben auch solche Einrichtungen gab, welche jenen Leuten halfen, bei denen sie selbst mit ihren pädagogischen und medizinischen Fähigkeiten am Ende waren.

„Es ist wundervoll, was ihr hier erschaffen habt.“ Nachdem sie die Räumlichkeiten der ersten Ebene abgegangen waren und die vier Wissenschaftler sie zu einem Kontrollraum brachten, wo man über mehrere Monitore fast jeden Raum einsehen konnte, besann sich Ororo auf ihre Manieren. „Die Sterne wissen, dass wir jede Unterstützung brauchen können, wenn sich die Fronten wieder verhärten.“

„Wir sind nicht hilflos, ‘Ro.“ Ihr Freund drückte noch einmal sanft ihre Schulter. „Die Natur hat uns allen ein schweres, unnatürliches Schicksal auferlegt. Wir werden immer kämpfen müssen. Wir sind froh, wenn wir einen kleinen Beitrag dazu leisten können. Die wahren Helden seid sowieso ihr.“

„In letzter Zeit wohl eher weniger, aber wir tun unser Bestes.“ Ororo winkte ab und versuchte, die kleine Seitenbemerkung bezüglich Abnormalität zu ignorieren. Diese Diskussion hatte sie schon mehr als einmal mit diesem Mann geführt, und nie war etwas dabei herausgekommen.

„Was passiert da gerade?“ Marie trat sehr nahe an einen zentral gelegenen Monitor auf der Bildschirmwand heran, wo ein bis auf eine einzige Liege unmöblierter, leicht abgedunkelter weißer Raum zu sehen war.

Auf der Liege lag ein kleines Mädchen, mit scharfen, kleinen Jägeraugen, dünnen, fast durchsichtigen Schwimmhäuten an Händen und Füßen und den Ansätzen von Kiemen an ihrer Halsseite. Eine animalische Mutation, noch nicht sehr fortgeschritten. Die Kleine war mit metallenen Klammern an die Liege gefesselt.

„Zu ihrem eigenen Schutz“, erklärte die weibliche Wissenschaftlerin mit bekümmertem Gesichtsausdruck. „Die Kiemen sind sehr empfindlich. Sie würde sich selbst wehtun. Ihre Haut wird immer amphibischer. Sie ist jetzt schon überempfindlich, weit über den normalen Werten. Wir passen sie gezielt an das Leben an, das sie einmal erwarten wird, damit sie es aushält, wenn ihre Fähigkeiten erst voll entwickelt sind.“

„Wie?“ Logan nahm seine Zigarre lange genug für eine kurze Nachfrage aus dem Mund. Bewusst oder nicht, er war in einer schützenden Geste an Marie herangetreten und hatte sie etwas von dem Bildschirm weggeschoben. Mit seiner Vergangenheit wusste er nur zu gut, wie schmerzhaft solche Forschungen waren. Es passte ihm sichtlich nicht, dass das junge Mädchen, das immer ein wenig unter seinem Schutz stand, gerade neugierig darauf wurde.

„Eine neue biogenetische Stimulanz, die wir von den Shi’ar erhalten haben.“ Unüberhörbarer Stolz klang durch die Stimme der jungen Frau. Nur ein paar farbige, surreale Muster, die sich an der Haut an ihrem Hals und ihren Händen bildeten, verrieten ein wenig Nervosität ob einer so neuen Erfindung. Verlegen vergrub sie ihre Hände in ihren Manteltaschen. „Die Defenders Of The Earth haben sie von ihrem letzten Treffen auf dem Mond von Boca mitgebracht.“

„Es gab ein Treffen mit den Shi’ar?“, fragte Ororo erstaunt. Das war ihr neu, und normalerweise wusste Xavier über jede interstellare Begegnung Bescheid. Vielleicht hatte er über dem Stress der aktuellen Ereignisse nur vergessen, den X-Men davon zu erzählen… Aber so eine Nachlässigkeit wollte eigentlich nicht zu ihm passen.

Auch die Wissenschaftlerin wirkte erstaunt, dass ausgerechnet das Team nicht informiert war, wo der Professor nun mal die erste Kontaktperson war, wenn es um die Shi’ar ging. „Mistress Lilandra hatte darum gebeten, soviel ich weiß.“

„Wisst ihr, worum es ging?“ Ororo versuchte vergeblich, die kleine Kränkung zu bekämpfen, dass Charles sie offensichtlich nicht mehr in gewisse Vorgänge einband. Es war genau, wie sie gedacht hatte, er zog sich zurück, irgendetwas stimmte nicht, und offensichtlich sollte niemand davon erfahren…

„Nein. Wir sind Wissenschaftler, ‘Ro, keine intergalaktischen Botschafter“, mischte sich ihr alter Freund von der Seite ein. „Wir erhalten nur, was uns Lilandra bei solchen Treffen freundlicherweise zur Verfügung stellt. Aber ich bin sicher, wir werden erfahren, worum es ging, sollte es uns betreffen.
Zurück zu unserer eigentlichen Arbeit. Schaut nur. Ihr geschieht nichts, keine Sorge.“ Er nickte auf den Monitor, wo ein freundlich auf das junge Mädchen einsprechender Pfleger, etwas unheimlich anzusehen mit einem Schnabel statt einem Mund und klauenförmig geformten Händen und Füßen, der Kleinen eine Spritze setzte. „Es verstärkt ihren Tastsinn. Jede Berührung fühlt sich an, als ob sie direkt auf bloße Nervenenden trifft.“

„Höllische Schmerzen am ganzen Körper. Wirklich sehr hilfreich“, ließ sich Logan noch einmal vernehmen. Ororo ertappte sich dabei, dass sie froh war, ihn reden zu hören, und wenn es nur seine übliche ruppige Art war.

Die weibliche Forscherin lächelte nur. „So lernt sie, die Belastung zu ertragen.“ Sie zeigte auf die Darstellung, wo das junge Mädchen sich zwar immer wieder heftig auf seiner Liege aufbäumte, schnell und heftig atmend, aber immer noch sehr klar, sehr beherrscht schien. Sie sprach mit der Leiterin des Tests und gab sogar Anweisungen, was als nächstes getan werden sollte. Erst als ein harmloser Eiswürfel ihre Schulter berührte, kaum mehr als ein paar Sekunden, schrie sie laut auf und musste sichtlich erst ihre Kräfte sammeln, bevor es weitergehen konnte. „Besser als wenn sie sich mit fünfzehn von der Brücke stürzt, wenn ihre Fähigkeiten explodieren und niemand ihr gezeigt hat, wie man das aushält.“

„Hm.“ Logan wandte sich mit einem kurzen Achselzucken ab, bemüht, sich nicht beeindruckt zu zeigen, und zog besonders tief an seiner Zigarre, sodass der dichte Rauch nach und nach regelrecht den Raum vernebelte.

Ororo war überrascht, dass noch niemand ihrer Gastgeber etwas dazu gesagt hatte. Vor einem so kräftigen Mann, von dem in der Mutantenwelt spätestens seit Liberty Island allgemeinhin bekannt war, dass seine Knochen mit unzerstörbarem Metall versehen waren, hatte man wohl einfach Respekt… Kurz überlegte sie, ob sie ihn ermahnen sollte- von Scott erwartete sie solche Energie für eine fruchtlose Diskussion im Moment gar nicht erst. Bei Logans deutlich genervten Blick, als sie nur den Mund öffnete, schloss sie ihn lieber wieder. Die Stimmung im Team war angespannt genug, ohne dass man sich wegen Kleinigkeiten aufrieb.
„Du hast erwähnt, ihr habt vielleicht was für uns“, wandte sie sich wieder an ihren Bekannten.

„In der Aservatenkammer. Kommt.“ Der Mann beeilte sich, das Team von den doch eher bedrückenden Experimenten wegzuführen, hinunter in die unterste Ebene, wo aus einer gigantischen Halle mit eigenen Wachstumskeimen der Shi’ar ein regelrechtes Biotop erschaffen worden war. Hier konnten, anders als in sterilen Labors, Waffen auch in der Umgebung getestet werden, wo sie normalerweise gebraucht wurden- an der frischen Luft.

Das war offensichtlich auch der belebteste Teil für Besucher des Zentrums. An mehreren der Labortische sah man Personen in Zivilkleidung stehen, die sich gerade über den Fortschritt ihrer Bestellungen informierten. An einer Rampe, wo mit Hilfe eines starken Windkanals Flugübungen durchgeführt wurden, sah Ororo eine junge Frau stehen, die ihr nicht nur aufgrund ihrer knallroten Haarfarbe und ihres schreiend gelben Latexkostüms bekannt vorkam.

Katja kam ihr zuvor- es war das erste Mal seit Tagen, dass Ororo sie sprechen hörte. „Angelica?“

„Hey, da seid ihr ja endlich. Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr.“ Offensichtlich nicht im geringsten überrascht drehte sich die junge Frau zu ihnen um. Sie wirkte weit lebhafter und entspannter als bei dem letzten Treffen mit den X-Men, bei dem sie Emma mit offenen Drohungen begegnet war. Inzwischen hatte selbst sie als Emmas erbittertste Gegnerin wohl davon gehört, dass die White Queen in den Kämpfen rund um Alkali Lake ebenfalls in Bedrängnis gewesen war und genau wie die X-Men um ihre Kinder gekämpft hatte.
Ihre alte Freundin von der Universität Katja jetzt gesund und völlig unbeeinflusst von Emmas Kräften vor sich stehen zu sehen, ließ sichtlich auch die restliche Anspannung von ihr abfallen. „Schön, dass du wieder zuhause bist.“ Einen kurzen, sorgenvollen Blick konnte sie sich trotzdem nicht verkneifen, als sie Katja umarmte, aber der galt mehr ihrer abgemagerten Gestalt und ihrer weißlichen Hautfarbe. „Du siehst ziemlich bescheiden aus, ehrlich gesagt.“

„Unkraut vergeht nicht.“ Katja zwang sich zu einem Lächeln und nickte unbestimmt durch die Grünanlage. „Was machst du denn hier?“

„Ach, ich bin hier Dauergast. Die vier kriegen gar nicht genug von meinen Kräften.“ Angelica zwinkerte den Wissenschaftlern vergnügt zu. Es war erleichternd, sie nach der Verbitterung der letzten Treffen wieder fast so ausgelassen wie früher zu sehen. Die lange Krankheit ihres Vaters, wegen der sie New York erst verlassen hatte, war fast ausgestanden, und von Bobby, der für sie ihre Wohnung hütete, wussten die X-Men, dass die Stadt der Superhelden eine seiner jüngsten Kämpferinnen bald zurückhaben würde. Es war fast so etwas wie ein gutes Omen, vielleicht dafür, dass sich die Dinge langsam normalisierten. „Als ich gehört habe, dass ihr auch mal hier vorbeischaut, musste ich meine nächste Untersuchung doch glatt vorverlegen.“

„Angelica ist eine unserer fleißigsten Helferinnen.“ Die junge Forscherin von vorhin trat lächelnd an die beiden heran. „Captain America hat sie vor ein paar Jahren das erste Mal zu uns geschickt. Es sind nicht nur ihre Radiationskräfte, die wohlgemerkt wirklich faszinierend sind. Wir entwickeln zusammen ein Technik-Labor für ihre Wohnung, eine Basis für Iceman und Firestar und eine geheime Schnittstelle zugleich, über die sich Gruppierungen wie die Avengers und eure in Zukunft abgesichert unterhalten können. Wir wollen keine Zuhörer wie die Bruderschaft, wenn es um die Sicherheit der Menschen oder Mutanten geht. Unsere PC-Geeks sind begeistert.“

„Klingt nach einem wirklich guten Plan. Haltet uns auf dem Laufenden.“
Ororo musterte Angelica nachdenklich. Das Mädchen wurde immer erwachsener, zum Glück. Als eines der Opfer, die Emma früher für ihre niederen Ziele gebraucht hatte, hatte sie lange gebraucht, um diese Zeit der Gehirnwäsche und des blutigen Trainings für eine Sache, der sie sich nie freiwillig angeschlossen hätte, hinter sich zu lassen. Umso froher war Ororo, dass die Avengers, welche Emmas Machenschaften damals den Gar ausgemacht hatten, sich immer noch um die Kinder kümmerten, welche sie damals befreit hatten. „Captain America hat also ein Auge auf dich?“

„Steve war immer irgendwie da.“ Angelica spielte verlegen mit einer ihrer langen Haarsträhnen. Nach ihrem energischen Auftreten vom letzten Mal schien sie die Anwesenheit des ganzen Teams diesmal doch ein wenig zu beeindrucken. „Ich glaube, er will Bobby und mich irgendwann mal anheuern. Aber das dauert noch, erstmal wollen wir zu zweit arbeiten. Und wer weiß, was in ein paar Jahren ist. Unsere Welt ändert sich ja bekanntlich oft schneller, als uns lieb ist.“ Mit einer mitfühlenden Geste, die Ororo nicht von diesem oft so schroffen Wesen erwartet hätte, drückte Angelica kurz ihren und Katjas Unterarm. Sie musste nicht erwähnen, was sie meinte. „Erstmal brauchen wir Zeit allein, vor allem Bobby. Gestern war ich kurz dort, um ein paar erste Sachen zurückzubringen. Er sieht besser als noch vor ein paar Wochen aus. Es tut ihm gut, sich ein wenig zurückzuziehen.“ Falls sie merkte, wie sich Maries Miene bei dieser ausführlichen Schilderung immer mehr verfinsterte, störte es sie nicht sonderlich.
Sie hakte sich kurzerhand bei Katja unter und nahm sie auf einen Rundgang durch das Biotop mit, um sie ein wenig über die letzten Entwicklungen auszufragen.

Auch die anderen X-Men teilten sich auf und ließen sich von ihren neuen Forscherfreunden in die aktuellsten Entwicklung bezüglich Kampf- und Verteidigungshilfen einweihen.

Ororo blieb vorerst, wo sie war und bekam – nicht ganz ungeplant – eine wenig taktvolle Frage von Marie an Logan mit. Ganz so locker sah die junge Frau Bobbys Entscheidung gegen sie dann wohl doch nicht…

„Und, schläft sie schon mit ihm?“

Logan hatte kaum ein kurzes Augenbrauenheben für die Frage zurück. Er antwortete weit freundlicher als er letztens mit den meisten anderen gesprochen hatte. Marie und ihn hatte von Anfang an diese ungewöhnliche, familiäre Freundschaft verbunden, und gerade in seinem schweren Verlust war die junge Frau ein wichtiger Halt für ihn gewesen. „Sicher, dass du das wissen willst, Kleines?“

„Wieso nicht? Denkst du, das juckt mich?“ Sie zuckte betont gleichmütig mit den Achseln. „Was soll ich mit einem Kerl, der auf gelbes Latex steht? Das Bild im Kopf hilft mir, ganz genau zu wissen, warum ich ihm nicht nachweine.“

Mit einem schwachen Anflug von Humor tat Logan so, als müsste er Angelica ganz genau hinterher schnüffeln. „Willst du auch noch die Stellung wissen, und wie oft?“

„Angeber.“ Marie knuffte ihm mit einem behandschuhten Ellbogen in die Seite und folgte dann rasch den anderen, die sich bei einem durch und durch aus Adamantium bestehenden Schießstand versammelt hatten. Mehr als ein kurzes, bitteres Schnauben entlockte ihr die Bestätigung ihrer Vermutung nicht.

Logan sah ihr kurz nach und vertiefte sich dann in die Illusion eines blauen Himmels, welche die in irisierenden Farben gestrichene Decke der Halle erzeugte. Er ließ seine Sinne abwesend, schon aus Routine durch die künstlich erschaffene Natur wandern, um sich zu orientieren. Die heute besonders dichte Rauchwolke um ihn herum, die Ororo manchmal frappierend an eins der Kinder aus der Charly Brown-Serie erinnerte, schien ihn dabei nicht zu stören.

Wieder blieb ihr Blick auf der Zigarre hängen, und diesmal wurde ihr klar, was ihr Unterbewusstsein ihr vorhin schon vermeldet hatte: Der Rauch sah anders als sonst aus. Er bewegte sich auch anders. Und er wechselte immer wieder seine Dichte. Falls Logan mit seiner widerstandsfähigen Lunge nicht eine besonders innovative Art des Paffens erfunden hatte, war das definitiv nicht normal. „Du entschuldigst, ja? Das hier ist ein Labor.“ Sie schnappte ihm die Zigarre einfach aus dem Mund weg – sein dummes Gesicht war es schon fast wert – und begab sich damit schnurstracks zu einem kleinen Teich, der ein wenig versteckt inmitten von ein paar dichten Büschen und Bäumen lag. Es gab nur eine Möglichkeit, mit Sicherheit herauszufinden, ob ihre Augen sie gerade getrogen hatten oder nicht…

Die Zigarre hatte kaum das Wasser berührt, kaum die ersten hoch spritzenden Tropfen hatten sich unter den Rauch gemischt, als dieser noch hektischer als eben steil nach oben schoss, auf das Ufer zu, und sich dort in Sekundenschnelle zu einer festen Form verwandelte. Die Form eines hübschen, blonden jungen Mannes mit angriffslustig funkelnden hellen Augen und in die Hüfte gestemmten Händen. „Das war nicht nett.“

„Sich unerlaubt in eine streng geheime Institution einzuschleichen zeugt auch nicht gerade von Höflichkeit.“ Ororo versuchte zähneknirschend, gereizt zu wirken, aber Averys treuherziges Lächeln brachte ihre sonstige Strenge zum Schmelzen, wie das nicht einmal die großen Kinderaugen ihrer Schüler vermochten. „Was machst du hier? Du dürftest gar nicht hier sein.“ Sie sah sich unruhig um, ob vielleicht gleich einer der Forscher den ungebetenen Gast bemerken würde, aber vorerst schienen sie allein zu sein.

Eine Situation, die Avery natürlich sofort ausnutzen musste, um an sie heranzutreten und ihr zärtlich über die Wange zu streicheln. „Nicht böse sein. Ich war neugierig. Wer weiß, vielleicht bringst du mich ja doch eines Tages dazu, dass ich mich euch anschließe, dann ist es nicht schlecht, wenn ich mir schon mal eure Arbeit ansehe, oder?“

„Und du fängst natürlich rein zufällig ausgerechnet an einem Ort an, wo unsere größten technischen Trumpfe erzeugt werden“, stellte sie trocken fest.

Nicht dass sie wirklich noch einen Grund gehabt hätte, Avery zu misstrauen, nachdem er vor kurzem halb verblutet war, nur um der Bruderschaft klar zu machen, dass er kein Interesse mehr an einer Zusammenarbeit mit ihnen hatte. Aber bis jetzt hatte sich auch nicht entschließen können, irgendetwas Sinnvolles mit seinen mächtigen Kräften anzustellen, und das machte sie manchmal nervös. Jemand, der soviel Zerstörungskraft in sich trug, würde früher oder später immer wieder in den Fokus irgendeiner Gruppierung geraten.
„Einer muss dich ja kontrollieren.“ Avery schien die Anspielung nicht zu stören, er sonnte sich in der Überraschung, die er ihr bereitet hatte. Nur ein klein wenig gekränkt wirkte er, wie er sich so die Büsche hinweg streckte, um den Mann zu entdecken, der ihm offensichtlich ein Dorn im Auge war. „Wer ist der Kerl, mit dem du da flirtest?“

„Ein katholischer Priester“, erwiderte Ororo amüsiert. Avery eifersüchtig… Das war schon fast niedlich. „Wir haben mal ein Semester zusammen studiert. Pädagogik. Soll ich ihm seinen Kittel ausziehen, damit du seine Kutte siehst?“

„Untersteh dich. Am Ende schwört der wegen dir noch seinem Glauben ab.“ Avery zog es vor, die kleine Stichelei mit einer liebevollen Umarmung zu beenden. „Verstehen könnte ich es ja, wenn ich ehrlich bin…“ Völlig ungeniert machte er sich mit den Lippen über Ororos von ihrer Uniform ungeschützten Hals her und ließ seine Hände unter ihr Cape gleiten, um über ihre schmale Taille zu streicheln.

„Das reicht, Casanova.“ Halb lachend, halb ärgerlich bekämpfte Ororo die Gänsehaut, die über ihre Arme kroch und zwang sich, zurückzutreten. „Mach, dass du hier wegkommst, bevor dich jemand sieht.“

„Wieso? Du könntest mich doch in deiner Brusttasche mitnehmen…“ Avery starrte interessiert auf seinen Arm, der sich wieder in dieser dichten, dunklen Wolke auflöste und sich erneut einen Weg unter Ororos Umhang suchte.

„Oder in meinen Deoroller füllen?“ Ärgerlich pustete Ororo den störenden Rauch aus ihrer Reichweite. „Geh bitte einfach, okay? Ich will nicht, dass die Forscher das Vertrauen in uns verlieren. Wir brauchen diese Anlage.“

Avery schien einen Augenblick lang ernsthaft über ihren Appell nachzudenken, dann schlich sich ein hinterhältiges Grinsen auf sein Gesicht. „Nur, wenn wir uns heute Abend sehen.“

„Das nennt man Erpressung“, erwiderte Ororo empört, obwohl sie zugeben musste, dass die Idee, ein paar Stunden von dieser ständig gedrückten Stimmung zuhause wegzukommen, sich gar nicht so schlecht anhörte. Ein paar sanfte Streicheleinheiten, beruhigende, tröstende Worte, wenn mit dem Einbruch der Dunkelheit in der beginnenden Ruhe in ihrer Seele auch die Trauer und die Erinnerung zurückkamen… Das klang verlockend.

„Nein, das nennt man Sehnsucht. Breakout um acht? Du musst wieder mal vor die Tür, ‘Ro.“

Ororo spielte kurz mit dem Gedanken, schüttelte dann aber den Kopf. „Ich glaube nicht, dass ich das schon kann.“

„Wieso?“ Avery ließ sie nicht los sondern zwang sie, ihn anzusehen, die Worte heraufzubeschwören, die er ihr schon so oft eingetrichtert hatte, wenn es um den Verlust einer ihrer besten Freundinnen gegangen war. „Denkst du, du feierst ihren Tod damit? Du lebst nur weiter, und das hätte sie gewollt.“

„Ich weiß.“ Inzwischen half es, ein paar Mal heftig zu blinzeln und seine Gedanken bewusst in eine andere Richtung zu lenken, wenn die Trauer aus dem Hinterhalt wie ein lauerndes Tier zuschlagen und einen in einen weiteren dieser schmerzhaften Zusammenbrüche zerren wollte. „Das ist es nicht. Ich glaube nicht, dass ich schon Fröhlichkeit und Tanz um mich herum ertrage. Gegenvorschlag. Musik bei dir, und ich koche?“

„Du willst ja nur, dass ich aufräume“, stellte Avery mit einer kleinen Grimasse fest.

„Erwischt.“ Ororo stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen kurzen Kuss auf die Wange. „War das ein Ja?“

„Bis später.” Avery ließ seine Lippen für einen süßen, viel zu kurzen Moment über ihre Schläfe gleiten und verzog sich dann rasch, wieder in seiner Wolkenform.

Ororo sah ihm noch nach, bis er unauffällig in einem der Lifte verschwunden war, die bis nach oben auf die Erdebene führten, in Gedanken versunken, und zuckte ganz schön zusammen, als ein charakteristisches Bamf hinter ihr ertönte.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“ Kurt trat zögernd an sie heran. „Du siehst aufgewühlt aus. Ist es wegen…?“ Er zögerte, scheute sich davor, etwas auszusprechen, was im X-Team trotz des unsicheren Waffenstillstands mit Avery nach wie vor ein Tabuthema war, aber sein neugieriger Blick auf die geschlossene Lifttür verriet deutlich, dass er vermutlich wieder mal einem Gespräch gelauscht hatte, das ihn eigentlich nichts anging.

Ororo hob seufzend die Schultern, ließ sie wieder fallen. Was brachte es schon, gegenüber den anderen noch etwas verstecken zu wollen? Offiziell hatte ihr Auftrag, Avery zu beschatten, nie geendet, und im Grunde tat sie das gerade in der intensivsten, hingebungsvollsten Form, die man von ihr verlangen konnte, nicht wahr? Wenn sie sich dabei bei Scotts zeitweiligen geradezu vernichtenden und Katjas besorgten Blicken nicht wie eine Schwerverbrecherin vorgekommen wäre. „Ich bin es leid, dass wir uns ständig verstecken müssen.“

„Warum tut ihr es dann? Wegen Scott?“ Ein weiteres Mal überraschte Kurt Ororo mit seinem Wissen, bis ihr wieder einfiel, dass er in den letzten Wochen sehr viel Zeit mit Scott verbracht hatte, und nicht nur beim ersten Training für einen eventuellen Platz im X-Team. Kurts unerschütterlicher Glaube an eine surreale Sache, der man sich wohl nur mit viel Naivität so leidenschaftlich hingeben konnte, war genau das, was ein angeschlagener Teamführer in einem aussichtslos erscheinenden Kampf brauchte. Und auch ein Mann, der sich an die schwache Hoffnung einer tief erschütterten Beziehung klammerte. Da waren viele lange Gespräche geführt worden, über die verschiedensten Themen vermutlich. Kurt konnte keine Gedanken lesen, aber er war ein hervorragender Zuhörer und äußerst empathisch veranlagt. Vermutlich war es, gerade wenn das Thema Bruderschaft und Avery bei Teambesprechungen aufkam, nicht schwer zu erahnen, was für Spannungen da vor allem zwischen Scott und Ororo herrschten.

„Die beiden müssen das ohne mich klären.“ Ororo hörte selbst, wie wenig überzeugend das klang. Langsam begann es an ihren Nerven zu zehren, dass Avery nicht bereit war, ihr zu offenbaren, was da eigentlich zwischen ihm und Scott gewesen war. Wenn sie es wirklich gewollt hätte, hätte sie ihn vielleicht irgendwie dazu bringen können, es ihr zu verraten, und wenn es nur mit der Erinnerung an sein Versprechen gewesen wäre, jetzt immer ehrlich zu ihr zu sein… Aber das hatte sie bis jetzt nicht über sich gebracht. Sie redete sich ein, dass sie ihn schonen wollte, dass er selbst entscheiden sollte, wann der richtige Zeitpunkt kam. Nur in schwachen, sehr selbstkritischen Momenten ließ sie die traurige Erkenntnis zu, dass sie es im Grunde gar nicht wissen wollte. Dass sie dann, ähnlich wie Katja, die immer noch sehr reserviert im Umgang mit Avery war, zwischen zwei Stühlen sitzen würde. Sie wusste nicht, ob sie dafür so kurz nach Alkali Lake schon die Kraft hatte.

„Sicher? Vielleicht brauchen sie genau jemanden wie dich.“ Kurts scharfes, für seine verklärte Glaubensanschauung erstaunlich klar strukturiertes Denken schaffte es, die bequeme Mauer aus Verdrängung zu erschüttern. Und wie immer brach er solche Gespräche genau an diesem Punkt ab, wenn er merkte, dass er erreicht hatte, was er wollte, die Entscheidung wieder denen überlassen musste, denen er zu helfen versuchte. „Dein Freund fragt übrigens nach dir.“

„Dann lassen wir ihn nicht warten.“ Ororo besann sich auf ihre Manieren und beeilte sich, zurück zu den anderen zu gehen, wo schon ein deutlich ungeduldiger Pfarrer mit den Armen in seiner Kutte verschränkt auf sie wartete, um ihr das Spielzeug zu präsentieren, das er für sie vorbereitet hatte.

„Na, hast du wieder mit den Pflanzen gesprochen, ‘Ro?“ Mit einem freundschaftlichen Zwinkern empfing er sie. „Ich enttäusche dich nicht gern, aber die wachsen auch von alleine. Genetik, meine Liebe. Wir haben uns ein paar liebe Tricks von ihm da oben abgeschaut.“ Er deutete kurz mit einem schelmisch erhobenen Zeigefinger zum Himmel und legte einen Finger auf die Lippen, als würde eine von seinen geliebten höheren Mächten zuhören.

„Wenn er irgendwann mal mitbekommt, dass du dich mit ihm vergleichst, brauchst du wenigstens mich nicht mehr, um dir ein paar Blitze nachzujagen. Na los, zeig uns, was ihr uns gebastelt habt.“ Ororo hängte sich mit einem nicht mehr ganz so erzwungenen Lächeln bei dem jungen Mann ein und nickte ihm fast unmerklich zu, als er fragend die Augenbrauen hob. Besser. Von gut konnte noch seine Rede sein… Aber sie begann sich langsam an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Leben trotz des schlimmen Verlustes weitergehen musste. Menschen, die sie so selbstverständlich genau wie früher behandelten, ohne ständige Trauermiene, wie Avery oder auch ihr alter Freund hier, halfen ihr dabei.

„Hey, Cat, flirtet Ororo da gerade mit einem Priester?“

Maries etwas zu laute, saufreche Bemerkung ließ sie auch noch prompt erröten. Das fehlte ihr jetzt noch, dass ihr Partner wirklich noch wegen so etwas eifersüchtig wurde. „Ihr seid so albern.“

Ich habe kein Wort gesagt“, verteidigte sich Katja schmollend, ein Schatten des ausgelassenen Lächelns auf ihrem Gesicht, das ihr in den letzten Monaten immer mehr abhanden gekommen war. Vor allem seit dieser unerträglichen Farce, die Scott und sie da versuchten aufrechtzuerhalten.

Ororo sah mit einem kaum merklichen Seufzen wieder nach vorne und bemühte sich, den Ausführungen ihres Begleiters zu lauschen. Es gab Dinge, bei denen hatte sie einmal zu oft erfolglos versucht zu helfen. Vielleicht würde ja ein wenig Konzentration auf eine sinnvolle Arbeit auch schon helfen, ein paar viel zu erhitzte Gemüter wieder auf richtige Bahnen des Denkens und vor allem Fühlens zu leiten.
 
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