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von MarieCarine
erstellt: 29.03.2009
letztes Update: 27.06.2009
Geschichte, Allgemein / P18
(fertiggestellt, keine anonymen Reviews)
@NelaKrissi: Was ein süßes Review, vielen lieben Dank! Es ehrt mich, dass du die FF bisher so toll findest, obwohl du kein DSDS-Fan bist...vielleicht krieg ich dich ja noch dazu!! *breit grinst*
@all: Okay, Leute, pünktlich zur nächsten Mottoshow das nächste Kap. Leider kann ich nur am Wochenende updaten, aber ich hoffe, das ist okay für euch...
Jetzt aber genug geredet, erst mal viel Spass beim Lesen!!
Eure MarieBlack
***********
KAPITEL 3: DIE CHANCE MEINES LEBENS?
Von meinem Platz aus, der sich direkt am Fenster des kleinen Opel Corsa meiner Mutter befand, schaute ich hinaus auf die Straße, wo Häuser, Laternen, Schilder, Autos und Menschen an mir vorbeizogen, als hätte jemand den „vorspulen“-Button betätigt. Der Himmel war voll grauer, wütend zusammengeballter Wolken. Es hieß, wir würden Schnee über das Wochenende bekommen; immerhin war es noch Mitte März und der Frühling ließ in diesem Jahr lange auf sich warten.
Doch in nur wenigen Stunden würde ich diesem kalten, ekelhaften Wetter entfliehen. Auf der Sonneninsel Teneriffa war es laut wetter-online fast 15 Grad wärmer, und ich sehnte mich nach ein wenig Abwechslung.
Wie schon nach dem Casting war es mir auch nach dem Recall extrem schwer gefallen, ins Alltagsleben zurückzukehren. Ich war zwar zur Uni gegangen, hatte versucht, mich auf die Vorlesungen zu konzentrieren, aber wie so oft schweiften meine Gedanken ab.
Meist grübelte ich über meine Chancen im Re-Recall nach. Ich war gut, aber war ich wirklich so gut, dass ich mit den besten mithalten konnte? Ich hatte vor allem in Sarah eine Konkurrentin, die mindestens genauso gut war wie ich; auch, wenn sie eine andere Stimmlage sang. Auch Daniel war ein ernstzunehmender Konkurrent, und ich war gespannt darauf, wie sich unser Verhältnis auf Teneriffa weiter entwickeln würde.
Ein wenig beschämt musste ich mir eingestehen, dass ich sowohl beim Casting als auch beim Recall nicht mal 80 Prozent dessen gegeben hatte, was ich wirklich drauf hatte. Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, weiter zu kommen, und ehrlich gesagt war es mir auch nicht ganz so wichtig gewesen. Meine Meinung über Castingshows hatte sich zwar ein wenig gemildert, aber ganz überzeugt war ich von diesem Weg immer noch nicht.
Mein größtes Problem war, dass meine Bandkollegen bei der ganzen Sache auf der Strecke blieben. Ich war bisher noch nie als Solo-Sängerin aufgetreten, hatte mich als Mitglied der Band identifiziert. Ich gehörte zu Unique, und langsam beschlich mich die irrationale Angst, dass Tim, Justin, Nicolas und Caro mir den Alleingang bei DSDS irgendwann übelnehmen würden. Und das war mir DSDS nicht wert.
Natürlich sprach ich vor allem mit Tim darüber. Er verstand überhaupt nicht, warum ich mir solche Gedanken machte.
„Weißt du, mir war schon immer klar, dass du eine großartige Solo-Sängerin wärst“, meinte er einmal, als wir nach den Proben für den Recall zusammen in meiner Küche bei Kaffee und Kuchen saßen. „Mach dir keine Gedanken über uns, hörst du? Wir stehen voll hinter dir, wie auch immer du dich entscheiden solltest, falls du vor die Wahl DSDS oder wir gestellt wirst. Und das wirst du irgendwann zwangsläufig. Und übrigends...Justin und Nico reden von nichts anderem mehr, als davon, dass wir den ersten Christina Maiwald-Fanclub gründen und nach Köln kommen, wenn du es in die Top 15-Show schaffst.“
Ich musste grinsen. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie Justin und Nico auf ihren Betten hockten und Plakate mit Aufschriften wie „Chrissy, wir glauben an dich!“ malten. „Du hast ja Recht“, sagte ich. „Aber Angst habe ich trotzdem. Ich will nicht, dass ihr mir das irgendwann vorwerft.“
„Werden wir nicht“, versprach mir Tim. „Darüber solltest du dir am wenigsten Gedanken machen, Süße. Wir stehen hinter dir, egal, wie du dich entscheiden wirst. Vertrau uns ein bisschen, wir kriegen das schon hin!“
„Das tue ich“, sagte ich leise. „Ich habe nur...Angst.“
Tim hatte mich in den Arm genommen und mir einen Kuss auf die Stirn gegeben. „Ich auch. Aber weißt du, wovor ich am meisten Angst habe? Davor, dass diese ganze Sache dich verändern wird. Versprich mir eins, Chrissy.“
„Alles, was du willst.“
„Bleib wie du bist. Lass dich nicht verbiegen, schon gar nicht von Dieter. Das ist es nämlich nicht wert. Bleib deiner – unserer – Linie treu...und wann immer du das Gefühl hast, DSDS ist nichts für dich...hör auf. Mach nicht um jeden Preis weiter.“
„Ich versuch's“, sagte ich.
*
„Chrissy? Hey, Süße, wir sind da.“
„Hm?“
Ich schrak aus meinen Gedanken auf. Vor mir lag das riesige Düsseldorfer Flughafengebäude, von wo aus alle Kandidaten, die es in den Recall geschafft hatten, nach Teneriffa fliegen würden. Ein wenig aufgeregt war ich schon; immerhin würde ich heute viele der anderen Kandidaten und Kandidatinnen kennenlernen. Meine Mutter hatte einen Parkplatz sehr nahe an den Flughafenhallen gefunden, so dass wir meinen Koffer nicht allzuweit tragen mussten.
Meine Mutter durfte nur bis vor das Gate kommen, dann mussten wir uns verabschieden. Von Caroline, Tim, Nicolas und Justin hatte ich mich schon am Vortag verabschiedet.
„Meine Süße!“ Meine Mutter umarmte mich und drückte mich an sich. „Du schaffst das! Ich glaube sowieso, ich bin aufgeregter als du, oder?“
Ich grinste. „Das könnte sein. Ich hab ehrlich gesagt mehr Panik vor dem Flug als vor dem Singen. Das krieg ich schon hin, Mum.“
„Du bist gut, das wissen wir“, meinte meine Mutter. Es klang, als müsse sie sich selbst Mut zusprechen. „Du machst das schon, Große.“
Ich umarmte sie erneut, dann schob ich meinen Koffer durch das Terminal und gab das Gepäckstück auf. Ich hatte außerdem noch eine kleine Handtasche dabei, das war alles. Wir waren ja schließlich nur eine Woche auf Teneriffa.
Als ich das Gate erreichte, sah ich schon von weitem Celma und Sarah auf einem der vielen blauen Wartestühle sitzen. Ich winkte und lief durch die Reihen auf sie zu.
„Hey, ihr beiden.“ Wir umarmten uns zur Begrüßung.
„Hey, Chrissy. Alles klar bei dir?“ Sarah warf mir einen Blick zu.
„Alles bestens. Seid ihr die ersten?“
„Jaah, aber Daniel müsste gleich kommen“, sagte Celma. „ Er müsste eigentlich schon längst hier sein.“
Ich fühlte, wie mein Herz einen Purzelbaum schlug. Die Erinnerung an Daniel traf mich ganz plötzlich, wie schon beim Recall. Ich hatte schlicht und einfach zu viel um die Ohren gehabt, um an ihn zu denken.
Sarah grinste. „Du magst ihn, hm?“
„Jetzt fangt ihr auch schon damit an“, sagte ich böse. „Ist das so offensichtlich?“
„Allerdings“, lachte Celma. „Du fängst jedes Mal an zu strahlen, wenn wir von ihm sprechen. Hattet ihr denn Kontakt in den letzten zwei Wochen?“
„Nein, ich war zu blöd, um nach seiner Nummer zu fragen“, sagte ich, immer noch verärgert über mich selbst. „Tja, selbst schuld. Wahrscheinlich hat er mich längst vergessen.“
Sarah lächelte geheimnisvoll. „Hat er nicht.“
Ich warf ihr einen fragenden Blick zu. „Was meinst du damit?“
„Wir haben gechattet letztes Wochenende“, erzählte Sarah. „Er hat mir seine MSN-ID gegeben. Und er hat nach dir gefragt.“ Sie zwinkerte mir zu.
„Er hat WAS??“ Jetzt war ich doch ein wenig überrascht.
„Naja, er hat gefragt, ob ich deine Nummer oder deine Adresse hätte, leider musste ich ihm sagen, dass wir weder Nummern noch Adressen ausgetauscht haben. Er fand es sehr schade, dass er bis Teneriffa warten muss.“
Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Das bedeutete immerhin, dass ich ihm nicht egal war. So ein Unsinn! ermahnte ich mich jedoch sofort in Gedanken. Hör bloß auf, dir etwas einzubilden! Du kennst ihn überhaupt nicht!!
„Ah, da kommt er ja“, riss Celma mich unsanft aus meinen Gedanken und deutete zum Eingangsbereich.
Tatsächlich betrat Daniel in diesem Moment die Wartehalle. Wieder hüpfte mein Herz auf und ab, als hätte ich mich darauf gefreut, ihn wiederzusehen. Hatte ich? Ja, hatte ich!
„Hey, wir sind hier drüben!“ Celma winkte ihm von weitem zu. Als Daniel uns sah, huschte ein freudiges Lächeln über seine Lippen. Wieder dieses verdammt schüchterne, und doch so niedliche Lächeln!
„Hey, ihr beiden!“ Er umarmte Celma und Sarah ungezwungen. „Schön, euch wiederzusehen.“ Bei seinen letzten Worten lächelte er mir über Sarahs Schulter zu.
„Geht uns genauso.“ Sarah ließ Daniel los und überließ mir das Feld.
Als er näherkam, wurden aus den Purzelbäumen ganze Schwärme auf und ab tanzender Schmetterlinge. Er sah mir in die Augen, und ich fühlte, wie meine Knie weich wurden. Was zur Hölle passierte da gerade mit mir?
Als er mich umarmte, fühlte ich seinen herben, männlichen Duft in meine Nase steigen. Sein Atem strich über meine Wange, als er mir ins Ohr flüsterte: „Ich freu mich, dich wieder zu sehen.“
Ich brachte nur ein heiseres „Ich mich auch“ heraus, dann musste ich mich räuspern, um überhaupt ein Wort zustande zu bringen.
Verdammt noch mal, warum benahm ich mich in seiner Gegenwart plötzlich wie ein verknallter Teenager?
Doch dann war der Moment schon vorbei, so schnell und überrumpelnd, wie er gekommen war.
„Fliegen noch mehr von unsmit unserem Flug?“ fragte Daniel, während wir uns setzten.
„Ja, alle die im Re-Recall sind“, sagte Celma.
„Hoffentlich sitzen wir nicht zu weit auseinander“, meinte Daniel. „Wär doch blöd, wenn einer von uns ganz woanders sitzen würde.“
„Naja, vielleicht bleiben ja ein paar Plätze frei und wir können uns irgendwo zusammen hinsetzen.“
Während sich Daniel und Celma weiter unterhielten, schwieg ich. So langsam meldete sich mein Magen wieder...ich war vorher noch nie geflogen und hatte überhaupt keine Ahnung, worauf ich mich da einließ. Was, wenn ich Flugangst bekam? Das würde einfach nur superpeinlich werden...
„Hey, alles okay bei dir?“
„Hm?“ Als ich aufschaute, sah ich direkt in Daniels graue Augen. Nein, ermahnte ich die Schmetterlinge in meinem Herz, die mittlerweile zu einem Schwarm herangewachsen waren. Hört auf damit!!
Daniel schaute ein wenig verblüfft drein. „Womit sollen wir aufhören?“
Erschrocken stellte ich fest, dass ich wohl laut gedacht hatte – eine Eigenschaft, die mich immer wieder in äußerst peinliche Situationen brachte, worüber sich Tim und Justin ständig lustig machten. Das musste endlich aufhören!!
„Äh...das...war nicht auf euch bezogen“, erklärte ich. „Die Schmetterlinge in meinem Bauch...hüpfen, weil...“ Was zum Teufel redete ich da?
Daniel zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Weil...?“
„Weil ich noch nie geflogen bin“, rettete ich mich gerade noch so und bemühte mich, ihm nicht direkt in die Augen zu schauen.
Daniel lachte. „Also, wenn das dein einziges Problem ist...du setzt dich einfach neben uns, wir lenken dich schon ab.“
Daran bestand kein Zweifel.
Nach und nach füllte sich das Terminal mit anderen Kandidaten. Ich sah natürlich auch Cornelia wieder, und viele andere, die sich mit Namen vorstellten. Als wir dann das Flugzeug betraten, ging es mir noch recht gut. Solange wir festen Boden unter den Füßen hatten, war alles in Ordnung. Zu meinem Glück waren tatsächlich viele Plätze frei, so dass zumindest zwei von uns nebeneinander sitzen konnten. Ich reservierte mir sofort den Platz am Fenster, Daniel zögerte keine Sekunde und setzte sich neben mich, so dass Celma und Sarah sich eine Reihe hinter uns setzen musste. Doch das machte ihnen nichts aus, wie sie beteuerten.
Ich schnallte mich an, und dann ging es auch schon los.
Celma saß eine Reihe hinter uns und beugte sich nach vorn, als die Motoren merkwürdig laute Geräusche von sich gaben. „Das sind nur die Motoren“, sagte sie. „Kein Grund zur Panik.“
„Ich bin gar nicht panisch“, widersprach ich, obwohl ich mir da nicht so sicher war.
Daniel lachte und hielt mir seinen iPod hin.
„Wofür ist das?“ fragte ich neugierig.
„Zur Ablenkung“, erklärte er. „Funktioniert bei mir auch immer.“
„Brauchst du den nicht selbst?“
„Das ist schon okay. Ich hab letzte Nacht kaum geschlafen, ich glaube ich muss ein bisschen Schlaf nachholen“, meinte er.
Ich schaltete den iPod ein, schob die Kopfhörer in die Ohren und wühlte mich gespannt durch seine Musiksammlung.
„Snow Patrol?“ fragte ich überrascht, als ich sämtliche Alben der irischen Band, die ich über alles liebte, fand.
„Ich liebe Snow Patrol“, sagte Daniel. „Die sind einfach nur sau gut. Wenn du das nicht magst, da müsste auch Kelly Clarkson drauf sein. Von Natasha Bedingfield hab ich auch ein Album.“ Er zwinkerte mir zu.
„Nein, nein, das ist super, ich liebe Snow Patrol auch“, sagte ich und widmete mich rasch wieder seiner Musiksammlung.
Daniel lehnte müde seinen Kopf gegen den Sitz und schloss die Augen. Als ich das nächste Mal wieder aufschaute, flogen wir direkt über dem Mittelmeer. Die Sicht war einfach atemberaubend; das Wasser unter uns, über uns Wolkenberge, die sich wie eine bizarre schneeweiße Landschaft auftürmten. Mit offenem Mund schaute ich hinaus und genoss die Sicht einfach nur.
Zwei Stunden später landeten wir auf der Sonneninsel Teneriffa. Ich war überrascht, dass ich überhaupt keine Angst gespürt hatte; Daniels Ablenkungsmanöver hatte funktioniert.
Als wir unser Hotel erreichten, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Für uns war ein 5-Sterne-Hotel gebucht worden, eines der größten und bekanntesten Hotels auf Teneriffa. Wir waren in zweier-Zimmer eingeteilt worden; Sarah und ich teilten uns ein Zimmer, worüber wir uns sehr freuten. Daniel begrüßte einen Kandidaten, den er anscheinend schon kannte; er stellte ihn uns als Benny vor.
Benny war super nett und einfach nur lustig. Mit ihm würden wir viel Spass haben, soviel stand fest.
Beim Mittagessen saß ich zusammen mit Benny, Daniel, Celma und Sarah an einem Tisch. Wir unterhielten uns über alles Mögliche; natürlich auch darüber, welche Herausforderungen im Re-Recall auf uns warteten.
„Also soweit ich g'hört hab, solle' wir hier Duetts singe'“, meinte Benny und ich verschluckte mich fast vor Lachen wegen seines süßen Dialekts. Benny stammte aus Worms, wie er mir erzählt hatte; dort sprach jeder diesen Dialekt.
„Hey, ich kann nix dafür“, sagte Benny unglücklich. „So red' ich nu' mal...“
„Ist doch okay“, lachte ich. „Ich muss mich nur dran gewöhnen. Tut mir leid.“
Er grinste frech. „Scho' in Ordnung. Solange du net drüber lästerst oder mich disst deswege'...“
Ich sah ihn empört an. „Na hör mal!! Da kannst du doch nichts für...ich mag deinen Dialekt total, es ist einfach total süß. Ich hab nur noch nie jemanden so reden hören. Aber ich würde nie lästern oder dich dissen deswegen!! Wer soetwas macht, ist einfach nur dumm.“
Bei meinen letzten Worten warf Daniel mir einen kurzen Blick zu, dann senkte er sofort wieder die Augen zu seinem Teller. Ich runzelte die Stirn. Mir war, als sei ein trauriger Schatten über sein Gesicht geflogen, aber ich konnte mich auch geirrt haben. Hatte ich etwas falsches gesagt?
Doch ich hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, denn direkt nach dem Mittagessen wurden wir in den großen Empfangssaal gerufen. Wieder wurden wir nach Jungen und Mädchen eingeteilt. Dann sagte Nina: „In dieser ersten Aufgabe geht es darum, Mut zu beweisen. Mädels – wir sehen uns in einer halben Stunde am Pool – im Bikini.“
Das jedoch war für Sarah ein großes Problem. Sie gehörte zu den Sinti, und in ihrer Kultur war es den Frauen nicht erlaubt, sich so freizügig zu zeigen.
„Was mache ich denn jetzt?“ sagte sie verzweifelt, als wir uns in unserem Zimmer umzogen.
Ich setzte mich neben sie. „Du gehst einfach daraus und erklärst es ihnen“, versuchte ich, ihr Mut zuzusprechen. „Sie werden das schon verstehen, die sind schließlich keine Unmenschen.“
„Meinst du?“ fragte Sarah zweifelnd.
„Na klar. Und jetzt gehst du da runter und zeigst es ihnen!“
Sarah holte tief Luft. Ich zog meinen Bikini an und überlegte, was ich mit meinen Haaren machen sollte. Schließlich griff ich sie mit einer Klemme auf dem Hinterkopf zusammen, so dass mir nur ein paar rote Strähnen in die Augen fielen.
„Wow“, sagte Sarah beeindruckt, als ich zum Spass vor dem großen Spiegel in unserem Zimmer posierte. „Weißt du, an wen du mich erinnerst?“
„An wen?“
„An die Barbara von Germany's Next Topmodel, weißt du die mit den roten Haaren. Du würdest das Ding auch gewinnen.“
„Um Himmels Willen“, sagte ich. „Das hätte mir gerade noch gefehlt.“
Sarah lachte. Wenigstens hatte sie ihre gute Laune wiedergefunden.
Celma war als erste an der Reihe. Wir wussten nur, dass wir alle denselben Titel performen mussten: „A Moment like This“ von Leona Lewis. Nach wenigen Minuten kam sie völlig aufgelöst wieder zu uns.
Doch ich hatte keine Zeit, zu fragen, was passiert war, denn ich war die Nächste.
Ich griff nach meinem Bademantel und ging zum Pool.
Dieter, Nina und Volker saßen auf Klappstühlen und schauten mir erwartungsvoll entgegen. Neben ihnen war eine große Kiste aufgebaut worden.
„Herzlich willkommen, Christina“, begrüßte mich Nina freundlich. „Wir haben ja gesagt, dass ihr in dieser Probe Mut beweisen müsst. Und zwar wirst du eine Duettpartnerin bekommen.“
Ich schaute ein wenig überrascht drein. Ein Helfer öffnete die Kiste. Darin befand sich eine riesengroße, weiß-braune Schlange.
„Oh mein Gott“, entfuhr es mir. Instinktiv wich ich ein paar Schritte zurück.
Der Helfer holte die Schlange aus der Kiste. Der anfängliche Schreck war jedoch schnell überwunden. Mein Dad hatte dasselbe einmal mit mir gemacht, als wir im Urlaub auf Ibiza gwesen waren. Als Sängerin müsste ich in jeder Situation cool bleiben, behauptete er. Ich hatte tierische Angst vor der Schlange gehabt, und es hatte einiger Überredungskunst bedurft, bis ich mir die Schlange um den Hals hatte legen lassen.
Ich schloss dennoch für einen Moment die Augen, als der Tierbetreuer mir die Schlange um den Hals legte und holte ein paar Mal tief Luft.
„Alles okay?“ fragte Volker besorgt. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich noch keinen Ton gesagt hatte.
„Ja, ja, alles in Ordnung“, beteuerte ich, während sich die warme, weiche Haut der Schlange um meine Beine legte.
„Na, dann leg mal los“, ermunterte mich Dieter.
Ich holte tief Luft und versuchte, mich auf den Song zu konzentrieren. Sarah und ich hatten uns den Text auf ein Blatt Papier geschrieben, wie alle Kandidatinnen. Dann begann ich, zu singen:
„A moment like this,
Some people wait a lifetime,
for a moment like this,
some people search forever,
for that one special kiss,
Oh, I can't believe it's happening to me
some people wait a lifetime
for a moment like this.“
Während ich sang, schlängelte sich die Schlange in Richtung meines Gesichtes. Das war selbst für mich zuviel, und ohne mit Singen aufzuhören, nahm ich die Schlange in die Hand, um sie von meinem Gesicht wegzulotsen.
Ich sah ein Grinsen über Dieters Gesicht huschen, als ich weiter zusammen mit der Schlange den wunderschönen Song von Leona Lewis performte. Jetzt war mir auch klar, warum Celma so aufgelöst gewesen war; sicher war das für etliche Mädchen eine Überwindung.
Und dann war alles vorbei und der Tierbetreuer legte die Schlange zurück in die Kiste. Ich atmete dennoch erleichtert durch.
„Vielen Dank“, sagte Dieter. „Das war großartig. Warum hattest du keine Angst vor der Schlange?“
„Ich hab sowas schon mal gemacht, mit meinem Dad“, erzählte ich. „Auf Ibiza. Damals war es wesentlich schlimmer.“
„Dein Dad ist also Sänger?“ fragte Nina erstaunt.
„Jaah“, sagte ich. „Aber er ist nicht so bekannt. Ich will mich auch nicht darauf ausruhen oder so...ich will mein eigenes Ding machen.“
„Okay, vielen Dank“, sagte auch Volker. „Das war großartig gesungen. Unsere Entscheidung werden wir euch dann bekanntgeben, wenn wir alle Mädels gehört haben.“
Meine Konkurrentinnen schlugen sich alle mehr oder weniger gut. Die meisten hatten zuerst ziemlich Angst vor der Schlange, doch dann überwanden sie alle ihre Scheu. Als Sarah zu ihrem Auftritt erschien, akzeptierte die Jury natürlich, dass sie nicht im Bikini singen wollte. Sie war zwar aufgeregt, meisterte ihren Auftritt aber mit Bravour.
Dann hieß es warten. Die Jury verkündete ihre Entscheidung gleich nach unseren Auftritten, bevor dann die Jungs an der Reihe waren.
Sarah und ich waren entsetzt, als Nina bekanntgab, dass Celma es nicht in die nächste Recall-Runde geschafft hatte. Celma nahm die Entscheidung mit Fassung, doch als ich sie umarmte, rollten doch ein paar Tränen über ihre Wangen.
„Eins sag ich euch“, sagte sie zu uns, „wenn ihr beide es in die Mottoshows schafft, komme ich persönlich nach Köln und feuere euch an.“
Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass es jeden Moment vorbei sein konnte. Sicher war ich mir auch vorher darüber im Klaren gewesen, doch jetzt hatte es ein Mädchen getroffen, die ich sehr mochte, und plötzlich war die Tatsache, dass wir jederzeit rausfliegen konnten, noch gegenwärtiger.
Und endlich spürte ich auch, dass ich so etwas wie Ehrgeiz entwickelte. Ich wollte weiterkommen, wollte es in die Mottoshows, unter die Top 10, schaffen. Das war mein erstes Ziel. Und wenn ich es nur für Celma schaffte.
Beim Abendessen war es ziemlich still an unserem Tisch. Celma hatte sofort gepackt und war zurück nach Hause geflogen; Sarah und ich konnten es immer noch nicht fassen, dass sie nicht mehr dabei war. Von den Jungs war noch nichts zu sehen; anscheinend zog sich ihre Prüfung bis in die Nacht.
Sarah und ich waren nach dem Abendessen so müde, dass wir sofort in unserem Zimmer verschwanden. Eigentlich hatte ich noch auf Daniel warten wollen, um zu erfahren, ob er weitergekommen war, aber mir fielen die Augen schon beim Warten fast zu.
Am nächsten Morgen klopfte jemand um kurz nach sieben lautstark an unsere Tür.
„Oh Menno, was ist denn jetzt los?“ maulte Sarah. Verschlafen kroch sie aus dem Bett und öffnete.
„Einen wunderschönen guten Morgen“, wurde sie von einer lauten Stimme begrüßt. „In zehn Minuten treffen wir uns zum Frühsport unten am Pool!“
„Oh nein“, stöhnte Sarah auf. „Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“
Doch wir hatten keine Wahl. Als wir die Treppe herunterschlichen, klopfte mir jemand von hinten auf die Schultern.
„Morgen“, sagte ein verdammt gut gelaunter Daniel neben mir.
Meine Laune besserte sich schlagartig. Er war noch dabei! „Hey“, sagte ich, bemüht, mir meine Freude darüber nicht allzusehr anmerken zu lassen. „Na, alles klar bei dir?“
„Alles klar“, antwortete er. „Ich hab gehört, ihr wart Schlangenbeschwörerinnen gestern? Das hätte ich ja gerne gesehen.“
„Glaub mir, es war nicht so lustig“, sagte Sarah.
Ich grinste. „Was musstet ihr machen?“
„Wir mussten über Kopf in der Luft hängen und R. Kelly singen“, erzählte Daniel. „I Believe I Can Fly. Ich hatte echt Schiss, dass das Seil reißt oder dass sonst was passiert.“
„Da hätte ich mehr Probleme gehabt“, gestand ich. „Die Schlange war nicht so schlimm...fand ich jedenfalls.“
„Du hast sowas ja auch schonmal gemacht“, beschwerte sich Sarah.
Daniel warf mir einen erstaunten Blick zu. „Du hast schon mal mit einer Schlange um den Hals gesungen?“
Ich war froh, dass wir in diesem Moment den Poolbereich erreicht hatten und uns keine Zeit mehr zum Unterhalten blieb. Denn eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, zu erzählen, dass mein Dad ein mehr oder wenig bekannter Musiker war. Er zog mit seiner Band quer durch Deutschland, spielte hauptsächlich Blues-Musik, wie z.B. ältere Sachen von Bob Marley. Obwohl er von meiner Mum getrennt lebte, hatten wir guten Kontakt; oder vielleicht gerade deshalb. Seit ich alleine wohnte, hatte er mich auch häufiger besucht.
„So, ihr Lieben“, begrüßte uns der Personal-Trainer. „Ihr seht da vorne den Pool...ich will, dass ihr eine Runde schwimmt. Also keine Plantscherei, sondern richtig schwimmen. Und los geht's!“
Auch das war eine Übung, die ich recht gut meisterte. Ich kam mit den meisten anderen ins Ziel, war zwar nicht überragend gut, aber auch nicht richtig schlecht. Sehr leid tat mir Holger, ein weiterer Kandidat, der nicht schwimmen konnte und deshalb am Rand des Beckens stehen bleiben musste.
Danach wartete ein Parcours am Strand auf uns. Wir wurden in vierer-Gruppen eingeteilt und mussten über Sandberge stolpern, unter Brettern hindurchkrabbeln und etliche Hürden mehr überwinden. Als wir den Parcours hinter uns gebracht hatten, war vor allem Sarah fix und fertig. Ich war mit Dominik, einem süßen, netten Kerl, dessen Stimme wie eine Kopie des britischen Sängers James Blunt klang, Sarah, Benny und Gabriella in einer Gruppe. Wir waren eigentlich ganz gut, lagen irgendwo im Mittelfeld, von der Zeit her gesehen.
Nach einem ausgiebigen Frühstück versammelten wir uns dann alle wieder am Poolbereich. Diesmal hatte die Jury Vocalcoaches besorgt, die uns einige Tipps mit auf den Weg geben sollten; und wir mussten zum ersten Mal vor all den anderen Kandidaten singen.
Ich saß neben Benny, Daniel und Cornelia, und wir lauschten den Gesängen unserer Konkurrenten gespannt. Einige waren richtig gute Sänger, unter anderem Dominik, Holger, der, ganz im Gegensatz zu seiner piepsigen Sprechstimme wirklich gut singen konnte, natürlich Sarah und auch Annemarie.
Benny sollte Und wenn ein Lied... von den Söhnen Mannheims singen, doch er hatte kaum angefangen zu singen, da liefen ihm schon Tränen über die Wangen. Die Vocalcoaches mussten einen anderen Titel für ihn aussuchen, den Benny mit Bravour meisterte, nachdem er die Tränen abgewischt hatte.
Als er zu unserem Sitzkissen zurückkehrte, umarmte ich ihn, um ihn zu trösten. Immer noch standen ihm Tränen in den Augen.
„Sorry“, sagte er und wischte sich über die Augen. „Das Lied erinnert mich immer an meinen Ex-Freund, und ich bin halt n sehr emotionaler Mensch.“
„Das macht dich nur sympathischer“, versicherte ich ihm. „Du warst super.“
„Meinste?“ schniefte Benny.
Ich nickte energisch. „Du hast eine tolle Stimme. Du bist zwar ein verrücktes Huhn, aber das macht dich eben aus.“
Ein Lächeln huschte über Bennys Gesicht. „Danke. Du bist echt in Ordnung.“
Dann wurde ich nach vorne gerufen.
„Hallo, Christina“, sagte Jeff, einer der beiden Vocalcoaches. „Von dir möchten wir gerne My Immortal von Evanescence hören.“
Ich lächelte. Diesen Song kannte ich in- und auswendig. „Okay.“ Ich holte kurz tief Luft, dann schloss ich die Augen und begann zu singen:
„I'm so tired of being here, suppresssed by all my childish fears, and if you have to leave, I wish that you would just leave, your presence still lingers here, and it won't leave me alone...“
„Okay, das war schon mal richtig gut“, unterbrach mich Fola.
Ich öffnete erstaunt die Augen.
„Aber verrat mir eines, Christina...warum machst du immer die Augen zu, wenn du singst? Das hast du beim Casting und beim Recall auch gemacht.“
„Äh...“ Ich war so überrascht, dass ich darauf keine Antwort wusste. „Keine Ahnung, ehrlich gesagt...eigentlich mache ich das nie.“
„Dann lass es bleiben“, riet mir Fola. „Du musst dich nicht verstecken, absolut nicht. Du hast eine tolle Stimme, mehr Tipps brauchen wir dir gar nicht zu geben. Versuch es mal.“
Ich holte erneut tief Luft und konzentrierte mich darauf, die Augen offenzuhalten, so dass ich auch die anderen Kandidaten sehen konnte.
„These wounds won't seem to heal, this pain is just too real, there's just too much that time cannot erase, when you cried I'd wipe away all of your tears, when you'd scream, I'd fight away all of your fears and I held your hand through all of these years, but you still held all of me.“
Ich sah aus den Augenwinkeln, wie sich einige überraschte Blicke zuwarfen. Anscheinend hatte mir keiner zugetraut, dass ich so gut war.
„Sehr gut“, lobte Fola. „Danke schön. Als nächstes hören wir...“
Ich ging zurück in meine Reihe. Daniel umarmte mich. „Das war genial“, lobte er. „Wirklich, du warst bisher mit Sarah zusammen die Beste hier. Das hätte ich echt nicht gedacht.“
Ich lächelte stolz. Ich hatte doch einfach nur gesungen!
Nach dem Vocalcoaching betraten Nina, Dieter und Volker die Bühne.
„So, ihr Lieben“, sagte Nina. „Kommen wir zur dritten Runde des Re-Recalls. Sicher habt ihr aus den letzten Jahren schon mitbekommen, dass es neben den Gruppenperformances aus dem Recall auch einen Teil gibt, in dem ihr ein Duett singen müsst. Dazu kommen wir jetzt. Wir werden euch in Zweier-gruppen einteilen, immer Junge und Mädchen, und dann werdet ihr einen Song, den wir euch vorgeben, morgen Abend performen. Die erste Gruppe wird sein...“
Nach und nach wurden wir in zweier-Gruppen eingeteilt. Ich rutschte ungeduldig auf meinem Sitz hin- und her, mit jeder Sekunde Wartezeit wuchs die Spannung, mit wem ich das Duett singen sollte. Marc war schon Sarah zugeteilt worden; mein Wunschpartner jedoch war Florian, ein ebenso guter Sänger wie Benny oder Maximilian Schmelz. Doch Max wurde mir von Cornelia quasi „weggeschnappt“. Den Gedanken, dass ich vielleicht mit Daniel ein Duett singen könnte – darauf kam ich gar nicht.
„Das nächste Duett war übrigends eines der ersten, das feststand...“, sagte Nina und machte eine bedeutungsvolle Pause. „Es besteht aus Christina...“
Ich schaute auf. Dies war die spannendste Entscheidung, wie ich fand. Würde ich mit meinem Duettpartner zusammenpassen? Oder würden wir uns überhaupt nicht verstehen? Die Angst davor wuchs, bis Nina mir jegliche Angst nahm.
„...und Daniel!!“
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