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von MarieCarine    erstellt: 29.03.2009    letztes Update: 27.06.2009    Geschichte, Allgemein / P18    (fertiggestellt, keine anonymen Reviews)
KAPITEL 2: A HARD DAY'S NIGHT

Für die nächsten zwei Wochen vergaß ich die Sache um Daniel. Der Alltag holte mich schneller wieder ein, als es mir lieb war. Es gab eine Menge zu organisieren bis zum Recall: wir mussten Auftritte absagen, ich musste an der Uni Bescheid sagen, dass ich vielleicht eine Weile nicht zu den Vorlesungen kommen würde, und natürlich bereitete ich mich auf den Recall vor. Im ersten Teil des Recalls hatte ich erneut nur wenige Sekunden, um Nina, Volker und Dieter zu überzeugen, vielleicht sogar weniger als beim Casting, und auf den Vorschusslorbeeren konnte ich mich nicht ausruhen, soviel stand fest. Die Songauswahl fiel mir schwerer als ich dachte.
Caroline war für „Mercy“ von Duffy, doch ich lehnte ab. „Das singen sicher mehrere“, sagte ich. „Ich brauche etwas Bekanntes, was sich aber nicht jeder traut.“
„Wie wär's mit Irgendwas bleibt von Silbermond?“ schlug Tim vor.
Ich schüttelte den Kopf. „Zu neu. Außerdem will ich mir die deutschen Sachen noch aufheben.“
„Ich wäre für Anastacia“, mischte sich Justin, der jüngste unserer Band, ein. „Oder Amy Winehouse.“ Prompt begann er, mit seiner unverkennbar hohen Stimme You know I'm no good zu singen. Ich schmunzelte. Wenn Justin sang, hatte man den Eindruck, er sei nie im Stimmbruch gewesen. Das war auch der Grund, warum wir einige Songs von seinem großen Vorbild Justin Timberlake in unser Programm aufgenommen hatten.
„Nein, ich glaube ich singe Try  von Nelly Furtado“, sagte ich und begann, wie zur Bestätigung, zu singen: „Then I see you standing there, wanting more from me and all I can do is try...“
„Perfekt“, unterbrach mich Caro. „Nimm das, das ist super.“

Als ich an diesem Nachmittag zum Gesangsunterricht erschien, hatte mein Gesangslehrer Michael schon einen Stapel Songtexte auf den großen Flügel gelegt, an dem er mich immer begleitete.
„Du brauchst ein großes Repertoire für Dieter“, erklärte er, kaum, dass ich meine Jacke ausgezogen hatte. „Also, legen wir los.“
Micha hatte von Alicia Keys über Rihanna bis hin zu Kelly Clarkson alles ausgesucht, aber vieles wanderte gleich auf den Stapel, den Micha als „nicht geeignet“ einstufte, so z.B. Madonna oder P!nk. Auch, wenn wir Songs wie „Dear Mr. President“ durchaus in unserem Programm hatten, aber Michael fand, dass der Song nicht zu einer Castingshow passte.

Es fiel mir von Tag zu Tag schwerer, mich auf die verbleibenden Vorlesungen zu konzentrieren. In jeder freien Minute, sogar beim Duschen, übte ich meine Songs, bis ich die meisten Texte im Schlaf hätte vorbeten können. Und dennoch – je näher der Tag des Recalls rückte, desto nervöser wurde ich, wozu meine Freunde aber auch beitrugen.
Justin, Caroline, Tim und Nicolas waren mindestens genauso aufgeregt wie ich. „Du schaffst das schon“, verkündete Caro am laufenden Band, um mich gleich darauf aufzufordern, nochmal Try  zu singen.
Schließlich wurde es mir zu bunt. „Was macht ihr eigentlich alle, wenn ich in die Mottoshows komme? Ihr dreht ja jetzt schon total durch!“
„Dann kommen wir nach Köln, ist doch klar“, erklärte Tim seelenruhig. Ihn kannte ich von allen am längsten, wir waren praktisch zusammen aufgewachsen. Tim kannte mich in- und auswendig, deshalb war er auch am gelassendsten. „Du gewinnst das Ding“, davon war er überzeugt. „Du hast eine sau geile Stimme, wenn du dich erst mal an die Bühne gewöhnt hast, wirst du alles rocken. Und weißt du was? Ich freu mich drauf!“

Mit gemischten Gefühlen machte ich mich in Begleitung einer total aufgeregten Anne auf den Weg zum Recall. Im Zug hatte ich Zeit zum Nachdenken – zuviel Zeit, denn eigentlich war ich kein ruhiger Mensch. So kam mir auch urplötzlich, ohne Vorwarnung, und ohne, dass ich darauf vorbereitet war, Daniel in den Sinn. Ob er wohl Chancen hatte, weiterzukommen? Nach allem, was ich von ihm gehört hatte, durchaus – aber jetzt musste auch er sich beweisen. Und mit uns 118 weitere Kandidaten.
„Entschuldigen Sie“, sagte Caroline, als die Schaffnerin unsere Tickets kontrollierte. „Haben Sie einen Lieblingssong? Von einer Sängerin?“
White Flag von Dido“, sagte die Schaffnerin.
„Sing“, forderte Caro mich auf.
Ich schloss die Augen und begann zu singen. Ich liebte dieses Lied. „And I will got down with this ship, I won't put my hands up and surrender, there will be no white flag upon my door, I'm in love and always will be.“
Fast alle Köpfe im Abteil waren herumgeschossen, viele applaudierten. Ich lief tatsächlich rot an, obwohl dies nicht mein erster Applaus war. Aber etwas Besonderes war es schon.
„Sehr gut“, lobte die Schaffnerin. „Lasst mich raten, ihr fahrt zum Recall von DSDS?“
„Stimmt“, sagte Caro, während ich mit meinen Gedanken schon wieder abschweifte.
„Na, ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen“, meinte die Schaffnerin.
„Danke“, sagte ich.

Wir erreichten das Hotel, in welchem der Recall stattfinden sollte, pünktlich, waren sogar zwei Stunden vor Beginn vor Ort. Caroline durfte leider nur mit bis vor die Tür kommen, und so umarmte sie mich, bevor ich das Gebäude betrat.
„Viel Glück“, sagte sie. „Du schaffst das schon. Wir glauben alle an dich.“
„Danke.“ So langsam meldete sich mein nervöser Magen. Wenn ich nervös wurde, bekam ich immer Hunger. „Wir sehen uns heute Abend.“
„Wehe, wenn“, gab Caro zurück. „Schick mir sofort ne SMS, hörst du?“
„Mache ich“, versprach ich. „Bis später.“

Als ich mich ein paar Minuten später an der Rezeption anmeldete, tippte mir plötzlich jemand auf die Schulter. „So sieht man sich wieder“, hörte ich hinter mir eine bekannte Stimme.
Ich fuhr herum. „Hey“, sagte ich erfreut. Es war Daniel. Wieder spielte dieses schüchterne Lächeln um seine Mundwinkel. Fast hatte ich es vermisst. Verärgert schob ich diesen Gedanken weit von mir. „Bist du auch schon früher da?“
„Ja, es ist immer besser, früh zu sein“, meinte er. „Und, aufgeregt?“
„Ein bisschen“, gestand ich. „Gibt es hier eine Kantine oder so? Mein Magen beschwert sich immer, wenn ich aufgeregt bin“, fügte ich hinzu.
Daniel lachte. „Ja, im ersten Stock gibt es eine Caféteria.“
„Perfekt. Kommst du mit?“

Natürlich kam er mit. Ich bestellte mir ein Schokocroissant und eine heiße Tasse Tee – zur Stimmschonung. Daniel bestellte sich ebenfalls einen Tee. Wir setzten uns an einen der vielen freien Tische im hinteren Teil der Caféteria.
„Isst du nichts?“ fragte ich.
Daniel schüttelte den Kopf. „Nein, ich kann jetzt nichts essen. Der erste Teil des Recalls ist am schlimmsten“, verriet er mir dann. „Du stehst mit 60 anderen Kandidaten in dieser Halle und wirst dann nach vorne gerufen. Du hast noch weniger Zeit als beim Casting und sollst trotzdem überzeugen. Hammer schwer.“
„Na danke auch, mach mir nur noch mehr Angst“, maulte ich.
Daniel lachte auf. „Sorry, so sollte das nicht rüberkommen. Ich wollte nur, dass du weißt, was auf dich zukommt.“
„Gib's zu, du wolltest, dass ich kapituliere“, grinste ich. „Das war clever, so kann man die Konkurrenz auch aus dem Weg räumen.“
Daniel hob abwehrend die Hände. „Ich schwöre, das war nicht meine Absicht.“ Er grinste jedoch.
„Sicher“, gab ich zurück.
„Was singst du, wenn ich fragen darf?“ fragte er weiter.
Try von Nelly Furtado“, erzählte ich.
Daniel zog eine Augenbraue hoch. „Echt? Ich hätte schwören können, dass du etwas von Rihanna oder Kelly Clarkson singst. Rihanna könnte ich mir super gut vorstellen bei dir, du hast eine ähnliche ausdrucksvolle Stimme.“
„Wollte ich auch zuerst“, gab ich zu. „Aber ich dachte, das singen bestimmt viele.“
„Da würde ich keine Rücksicht drauf nehmen. Try wird Dieter zu einfach sein, er erwartet mehr im Recall. Versuch Rihanna mal.“
„Okay.“ Ich setzte meine Teetasse ab und begann, mit ruhiger Stimme zu singen: „I don't wanna do this anymore, I don't want to be the reason why, every time I walk out the door, I see him die a little more inside...“
„Wow“, sagte Daniel, sichtlich beeindruckt, als ich geendet hatte. „Der Hammer. Sing Rihanna, das wird sie umhauen.“
„Meinst du?“ Ganz überzeugt hatte er mich nicht.
Daniel nickte energisch. „Auf jeden Fall. Vertrau mir und sing Rihanna.“

Wir unterhielten uns noch eine Weile über dies und das, er sang seinen Titel und ich war mir sicher, dass auch er weiterkommen würde. Er hatte eine starke, ausdrucksvolle Stimme, die mich berührte, auch, wenn ich nicht sagen konnte, warum.
Jedenfalls schaffte er es, dass ich ein wenig ruhiger wurde und nicht wie ein aufgeschrecktes Huhn herumlief.
Als es Zeit wurde, schlenderten wir gemütlich die Treppen hinunter, weiter leise miteinander plaudernd. Die Empfangshalle hatte sich gefüllt. Wir wurden in zwei Gruppen von jeweils 60 Kandidaten eingeteilt, Jungen und Mädchen getrennt. Meine Gruppe war zuerst dran.
Bevor wir in den Saal gerufen wurden, lief ich noch einmal zu Daniel. „Also, dann viel Glück“, sagte er. „Und sing Rihanna, hörst du?“
Ich salutierte. „Zu Befehl, Sir. Wir sehen uns später. Viel Glück.“

Und dann standen wir in diesem riesigen Saal. Jede von uns wurde einzeln aufgerufen, musste nach vorne gehen und ein paar Zeilen singen. Anfangs versuchte ich noch, auf meine Konkurrentinnen zu achten, doch irgendwann glitten meine Gedanken wieder ab. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass ich nicht zu lange warten musste. Und dann rief Nina meinen Namen auf.

Ich stieg die wenigen Stufen hinunter und trat vor das Mikrophon. Es war so still im Raum, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können, doch es war eine schwere, erwartungsvolle Stille. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich daran, doch Try zu singen, doch dann kamen mir Daniels Worte wieder in den Sinn:
„Vertrau mir und sing Rihanna.“
Ich holte tief Luft. Nelly oder Rihanna? Ohne mir darüber klar zu sein, dass ich einen völlig ungeübten Song vortrug, begann ich zu singen:

„I don't wanna do this anymore
I don't want to be the reason why
Every time I walk out the door
I see him die a little more inside...“

Dieter beugte sich nach vorne. „Danke, das genügt. Die nächste ist...“
Ich trat zurück in meine Reihe. Nervös biss ich mir auf die Lippen; das Warten war das Schlimmste. Die Kandidatin neben mir (ihr Name war Sarah, soviel hatte ich noch mitbekommen), nickte mir anerkennend zu.
„Klasse Songwahl“, flüsterte sie.
Ich schmunzelte. Wenn sie wüsste...

Als alle aus unserer Gruppe ihre Songs vorgetragen hatten, beugte sich Dieter zum Mikrophon nach vorne.
„Vielen Dank an euch alle“, sagte er. „Die Ergebnislisten mit den Kandidatinnen, die eine Runde weitergekommen sind, werden in etwa einer halben Stunde im Foyer ausliegen.“
Ich versuchte, aus den Gesichtern der Jurymitglieder irgendetwas herauszulesen, doch sie waren alle um unlesbare, ernste Mienen bemüht.
Wieder meldete sich mein Magen mit einem nervösen Rumoren. War es doch keine so gute Idee gewesen, Rihanna zu singen? Tief im Herzen hatte ich gezweifelt, und wenn man nicht hundertprozentig überzeugt von einem Song war, sollte man es besser bleiben lassen.

„Oh Gott, ich trau mich gar nicht zu gucken“, sagte ein junges Mädchen neben mir. Es war Sarah. Wir standen in einer Reihe im Foyer vor den ausgehängten Listen.
„Ich trau mich auch nicht“, gab ich zu. „Komm, wir gucken zusammen.“
Neben uns brachen zwei Mädchen in Tränen aus, weil sie nicht weitergekommen waren. Diese Blöße würde ich mir nicht geben, das schwor ich mir. Wenn ich nicht weiter kam, dann war das eben so.
„Hey, wow, du bist weiter!!“ verkündete Sarah in diesem Moment und deutete auf meinen Namen. „Hätte mich auch gewundert, du hast eine wirklich gute Stimme.“
Mein Name stand tatsächlich auf der Liste. Ich atmete tief durch. Dann überflog ich die Liste für Sarah. Ich machte ein ernstes Gesicht, je weiter nach unten ich kam.
„Und?“ Nervös rieb sich Sarah die Hände. „Sag schon, bin ich dabei?“
„Da ist eine Sarah...warte...wie heißt du nochmal mit Nachnamen?“
„Kreutz.“
„Kreutz...nein...das ist eine andere Sarah...oh doch, hier! Du bist dabei!!“
„Juhuuu!“ Jubelnd fiel sie mir um den Hals. Dann knuffte sie mich in die Seite. „Mach das nie wieder, hörst du??“
Ich musstel achen. „Okay, okay. Hier, guck mal, da steht auch schon, in welchen Gruppen wir sind.“

Die kleinen Gruppen, bestehend aus drei oder vier Sängerinnen, waren ebenfalls wieder nach Mädchen und Jungen geteilt.
„Hey, wir sind in einer Gruppe“, freute sich Sarah. „Wie cool! Mit...äh...ah, mit Celma Ribas und Cornelia Patzlsberger. Weißt du, die mit der Harfe.“
Ich runzelte die Stirn. „Harfe?“
„Ja, sie ist zum Casting mit Harfe gekommen“, erzählte Sarah, während ich mir die Zimmernummer notierte. „Richtig gute Stimme. Und voll nett.“

Wir unterhielten uns weiter, während wir nach unserer Zimmernummer suchten. Cornelia und Celma warteten schon auf uns. Freundlich stellten wir uns einander vor. Beide waren mir auf Anhieb sympathisch. Wir waren eine gute Gruppe, zumal unser Song, Big Girls Don't Cry von Fergie, auch zu meinen Favoriten gehörte. Wir hatten unsere Parts schnell eingeteilt und begannen mit den Proben und einer kleinen Choreografie.

Die Zeit verging wie im Flug, und wir übten, bis es fast ein Uhr nachts war. Ich war so müde, dass ich, als ich mein Hotelzimmer gefunden hatte, sofort ins Bett fiel und auf der Stelle einschlief. Ich vergaß sogar, Caroline anzurufen; eine Tatsache, die ich am nächsten Tag bereuen sollte.

Am nächsten Morgen gingen wir noch einmal unseren Song durch und probten die Choreografie. Wir waren zufrieden mit uns; nur Celma hatte Angst vor ihrem Auftritt. Sie hatte sich eine Erkältung eingefangen und fürchtete, die Töne nicht richtig zu treffen. Wir machten ihr Mut und hofften, dass es ihr bis zum Auftritt wieder besser gehen würde.

Im Foyer sah ich Daniel wieder, der bei zwei anderen Jungs stand. Er hatte es also geschafft, was mich nicht wirklich wunderte. Ich winkte ihm von weitem zu.
Er kam zu uns herüber, da wir noch warten mussten, bis die Gruppe vor uns fertig war.
„Du hast es also geschafft“, stellte er fest. Ich sah ihm an der Nasenspitze an, dass er unbedingt wissen wollte, ob ich seinen Rat befolgt hatte. Ich grinste. Ein wenig wollte ich ihn noch zappeln lassen. Schließlich war es seine Schuld, dass ich unnötige Ängste ausgestanden hatte.
„Jaah, du anscheinend auch.“
Er nickte. Er wirkte müde; anscheinend hatten die Jungs länger geprobt als wir. „Gott sei Dank. Ich hab keine Ahnung warum, aber ich war tierisch aufgeregt.“
„Das hast du doch gar nicht nötig“, meinte ich kopfschüttelnd. Wie konnte man nur so schüchtern sein? „Du bist verdammt gut, wenn du nicht in die nächste Runde kommst, weiß ich auch nicht.“
Daniel lief tatsächlich ein wenig rot an um die Nasenspitze. „Hör bloß auf damit, sonst bin ich mir zu sicher.“
Ich rollte mit den Augen. „Ich will nur, dass du ein bisschen selbstbewusster an die Sache rangehst. Das wird sicher auch bewertet!“
„Ich weiß“, seufzte Daniel. „Aber...keine Ahnung, jetzt rauszufliegen...irgendwie hab ich panische Angst davor. Letztes Jahr bin ich immerhin unter die Top 30 gekommen.“
„Jetzt vergiss doch endlich mal das letzte Jahr“, sagte ich und boxte ihm in die Seite. „Alles, was zählt, ist hier und jetzt. Lass dich nicht so von letztem Jahr beeinflussen, was zählt ist, dass du JETZT weiterkommst!“
Daniel atmete tief durch. „Du hast ja Recht. Aber...so einfach ist das nicht. Ich weiß, ich muss nach vorne schauen. Es ist nur...manchmal habe ich das Gefühl, es lähmt mich, und ich kann nichts dagegen tun. Ich denke nur noch daran, was ist, wenn ich rausfliege...alles andere rückt in den Hintergrund.“

„Cornelia Patzlsberger, Celma Ribas, Sarah Kreutz und Christina Maiwald, bitte“, kam über Lautsprecher in diesem Moment die Aufforderung an uns vier, einzutreten.
„Tut mir leid, wir sind dran“, sagte ich zu Daniel. „Wir reden später, okay?“
„Viel Glück!“ rief Daniel mir noch nach, dann war ich durch die große Tür verschwunden.

Irgendwie konnte ich mich nicht wirklich auf den Auftritt konzentrieren. Daniels panische Angst, zu versagen, ging mir nicht aus dem Kopf. Warum hatten sie uns ausgerechnet jetzt unterbrochen? Ich hätte ihm gerne geholfen, auch wenn ich ihn kaum kannte und schon gar nicht wusste, wie ich ihm helfen konnte, seine Angst abzulegen. Aber irgendeinen Weg musste es geben, und wenn ich ihm nur zuhörte. Manchmal half auch das schon.

„Hallo, ihr drei!“ begrüßte Dieter uns und holte mich damit in die Wirklichkeit zurück. „Dann lasst mal hören.“
Besonders Volker sah ich diesmal an, dass er auf unseren Auftritt gespannt war. Nina bemühte sich um ein möglichst unbeteiligtes Gesicht, aber auch Dieter schaute freundlicher drein als noch heute Morgen.
Wir warteten auf das Zeichen des Gitarristen, der uns begleitete, und dann begann ich zu singen:

„The smell of your skin lingers on me now
You're probably on your flight back to your hometown
I need some shelter of my own protection, baby
To be with myself and center
Clarity, peace, serenity...“

Sarah stimmte, wie abgesprochen, mit schöner, kräftiger Stimme in den Refrain ein:

„I hope you know, I hope you know
That this has nothing to do with you
It's personal, myself and I
We've got some straightening out to do...“

Schon nach wenigen Sekunden gehörte uns die volle Aufmerksamkeit der Jurymitglieder. Die drei entschieden sofort nach dem Auftritt, wer weiterkam und wer nicht.
Wieder hieß es warten. Das war das schlimmste: die elende Warterei, die Ungewissheit, die Hoffnungen, die ich in den Augen meiner Mitkonkurrentinnen lesen konnte. Wir waren zwar eine Gruppe, aber dennoch hoffte jede von uns, weiterzukommen.

Und dann war die schreckliche Wartezeit vorbei. Dieter beugte sich nach vorne zum Mikrophon. „Also, wenn wir hier bei Popstars wären und eine Girlband suchen würden, hätten wir unsere Bandmitglieder schon gefunden“, sagte er und wir warfen uns einen überraschten Blick zu. Waren wir so gut gewesen?
„Das war sau geil“, kommentierte der Pop-Titan. „Deshalb machen wir's kurz – wir sehen uns alle im Re-Recall auf Teneriffa wieder. Herzlichen Glückwunsch!“
„Juhuuu!!“ Jubelnd fielen wir uns in die Arme. Die Anstrengungen hatten sich gelohnt – wir hatten es geschafft!!

Ich konnte es noch gar nicht richtig fassen. Wir hatten es tatsächlich geschafft – wir würden nach Teneriffa fliegen! Erst jetzt wurde mir klar, dass ich es unter die besten 30 Kandidaten geschafft hatte – und das,  wo ich überhaupt nicht zum Casting hatte gehen wollen.
Stolz verließen wir den Raum und umarmten uns draußen gleich nochmal. Ich war mir sicher, in Sarah, Celma und Cornelia neue Freundinnen gefunden zu haben – obwohl wir Konkurrentinnen waren, verstanden wir uns ausgesprochen gut.

Und dann war da ja auch noch Daniel. Ich schaute mich nach ihm um, aber er war nirgends zu sehen. Ich hatte vor lauter Freude gar nicht mitbekommen, dass seine Gruppe als nächstes aufgerufen worden war.

Sarah, Celma und Cornelia verabschiedeten sich, sie wollten heute noch nach Hause fahren.
„Ich warte noch auf Daniel“, sagte ich. „Wir sehen uns ja dann auf Teneriffa. Bis dann1“
Als ich alleine war, zog ich mein Handy aus der Tasche. 15 Anrufe in Abwesenheit! Natürlich wollten meine Mum, Micha, Tim, Nico und Justin wissen, wie es gelaufen war. Die meisten Anrufe aber hatte Caro auf dem Konto: 6 Anrufe.
Ich schickte allen eine SMS, Caro jedoch rief ich natürlich an.
„Was fällt dir ein, mich so lange warten zu lassen??“ schimpfte sie sofort los, kaum, dass sie das Gespräch angenommen hatte.
„Sorry, wir hatten kaum freie Zeit“, sagte ich. „Ich hab's geschafft, Caro! Ich bin im Re-Recall. In zwei Wochen fliege ich nach Teneriffa!“
Caro stieß einen Freudenschrei aus. „Ich hab's ja gewusst“, jubelte sie. „Herzlichen Glückwunsch, Süße!“
„Danke“, lachte ich. „Oh, Daniel ist gerade fertig. Wir sehen uns später, okay?“
„Ich hole dich ab“, sagte Caro. Dann konnte sie ihre Neugierde nicht zügeln. „Der Daniel, der schnuckelige, vom Casting?“
Ich rollte mit den Augen. „Jaah, genau der. Bis später.“

Daniel kam zusammen mit den anderen beiden Jungs aus dem Saal. Er sah mich an der Seite stehen und lächelte.
„Deinem Strahlen nach zu urteilen, bist du weiter“, grinste er.
„Sieht man mir das so deutlich an?“ fragte ich. „Aber du hast Recht, ich hab's geschafft. Was ist mit dir?“
„Sie beraten noch“, sagte Daniel. „Wir wollten rausgehen, ich hab's nicht ausgehalten, ihr Flüstern zu hören. Aber ich glaube, wir waren ganz gut.“
„Siehst du“, sagte ich triumphierend. „Ich hab's dir doch gesagt. Du BIST gut, Daniel!“
Daniel schaute noch sehr skeptisch drein. „Noch bin ich nicht weiter.“
Ich stöhnte auf. „Mann, du machst es mir echt schwer. Wie kann man nur so pessimistisch sein?“
„Ich bin nur realistisch“, gab Daniel zurück, aber ich spürte deutlich, wie seine panische Angst bröckelte.
„Du bist PESSIMISTISCH“, beharrte ich. „Okay, wenn du weiterkommst, versprich mir etwas.“
Daniel runzelte die Stirn. „Was?“
„Versprich mir, dass du endlich diese verfluchte Angst ablegst“, sagte ich streng. „Das steht dir nämlich überhaupt nicht.“
Wieder musste Daniel lachen. „Okay, ich versuch's. Versprochen“, fügte er hinzu.

„Daniel, Florian und Dominik, bitte“, ertönte in diesem Moment Volkers Stimme aus den Lautsprechern.
Ich konnte praktisch sehen, wie Daniel das Herz in die Hose rutschte. Energisch schob ich ihn Richtung Saal. „Geh schon“, mahnte ich. „Sonst rede ich kein Wort mehr mit dir.“
Daniel lachte auf. „Okay, das will ich lieber nicht riskieren. Drück mir die Daumen.“
„Das brauche ich nicht“, entgegnete ich gelassen. „Du kommst sowieso weiter.“
Daniel holte tief Luft. „Wenn du das sagst...“, murmelte er.
Ich schüttelte den Kopf, als er den anderen beiden, die wesentlich selbstsicherer wirkten, folgte.

Wie konnte jemand nur so schüchtern und ängstlich sein? Okay, ich kannte ihn kaum, ich hatte keine Ahnung, was im vergangenen Jahr gelaufen war. Eines jedoch stand fest: ehrgeizig war er, sonst hätte er sich kaum ein zweites Mal beworben. Trotzdem begann er mich immer mehr zu faszinieren. Ich wollte ihm helfen, seine Schüchternheit und seine Angst abzulegen, ich wollte ihn kennenlernen und auf jeden Fall in Kontakt mit ihm bleiben.

Schon nach wenigen Minuten ging die Tür wieder auf und ein strahlender Daniel kam heraus. Auch Dominik, ein niedlicher Kerl mit dunklen, lockigen Haaren, wirkte erleichtert, doch Florian, der dritte der Gruppe, kämpfte mit den Tränen. Ich brauchte nicht zu fragen, wer es in den Re-Recall geschafft hatte und wer nicht.

„Ich hab's dir doch gesagt“, grinste ich, als Daniel auf mich zukam. Die Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Ich weiß, ich benehme mich total kindisch“, sagte er. „Aber...ich hatte tierisch Panik, jetzt rauszufliegen.“
„Du hast mir etwas versprochen“, erinnerte ich ihn. „Ich werde dich auf Teneriffa dran erinnern.“
Daniel lachte. Wieder dieses schüchterne Lachen, das seine Mundwinkel umspielte. „Okay, okay, ich arbeite dran. Hey, ich glaube, da wartet jemand auf dich.“ Er deutete nach draußen.
Durch die verglaste Eingangstür winkte mir eine völlig aufgeregte Caroline zu und tippte auf ihre Armbanduhr.
„Oh verdammt, unser Zug“, fiel es mir ganz plötzlich ein. „Tut mir leid, ich muss los. Wir sehen uns auf Teneriffa!“
Daniel grinste und rief mir noch ein „Danke!“ nach, doch das hörte ich schon nicht mehr.

Erst, als wir auf dem Bahnsteig auf unseren Zug warteten, fiel mir ein, dass ich völlig vergessen hatte, nach Daniels Handynummer zu fragen. Verdammt! Das war so typisch!!
„Oh nein“, stöhnte ich auf. „Erschieß mich, Caro.“
Caroline runzelte die Stirn. „Was ist jetzt los?“
„Ich hab vergessen, Daniel nach seiner Nummer zu fragen“, stöhnte ich. „Da lerne ich schon mal einen super netten Typen kennen und vergesse, nach seiner Telefonnummer zu fragen!! Wie blöd muss man eigentlich sein??“
Caro grinste vielsagend. „Du bist eben ein bisschen aus der Übung, das kommt schon wieder. Außerdem siehst du ihn ja auf Teneriffa wieder.“
„Bis dahin sind es noch zwei Wochen!!“
„Die schneller rumgehen werden als du denkst. Du magst ihn, hm?“
„Total“, gestand ich. „Er ist einfach super nett. Mann, ich bin so blöd!!“
Caro hakte sich bei mir unter. „Jetzt ärger dich nicht so, sing lieber mit!“

Und obwohl wir mitten am Bahnhof standen, begann sie, mit ihrer schönen, klaren Stimme zu singen:
„Ich warte schon so lange auf den einen Moment, ich bin auf der Suche nach 100 Prozent, wann ist es endlich richtig, wann macht es einen Sinn? Ich werde es erst wissen wenn ich angekommen bin.“

Ich lächelte und stimmte in den Refrain mit ein: „Ich will sagen: so soll es sein, so kann es bleiben, so hab ich es mir gewünscht. Alles passt perfekt zusammen, weil endlich alles stimmt und mein Herz gefangen nimmt...“
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