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von Snow White
erstellt: 14.03.2009
letztes Update: 30.12.2011
Geschichte, Drama, Romanze / P16
(fertiggestellt)
Neue Arbeit
Sie hatten keine Stunde gebraucht, um den Innenhof komplett mit Sand aufzuschütten. Somit konnten die einzelnen Schausteller ihre Bereiche abstecken. An zwei Ecken waren lange Eisenstangen in den Boden getrieben worden, zwischen denen jetzt auf Höhe der Dachzinnen eine dicke Schnur gespannt und mit Magie verstärkt wurde. Skeptisch besah sich Lía die Konstruktion, auf der sie in wenigen Minuten das erste Mal stehen sollte. Sie war höher als ihre Letzten und ein ungutes Gefühl beschlich sie, als sie an das bevorstehende dachte. Ich darf mir keine Fehltritt erlauben!, dachte sie, als sie sich mit einem Seufzen umdrehte und noch einmal zu den Wagen eilte. Sie musste sich ein schönes Kostüm aussuchen.
Rasch lief sie um die zahlreichen Ecken. Einmal proben wollte sie noch, nachdem der König gewünscht hatte, ihre Künste bereits am Abend sehen zu wollen. Sie hing ihren Gedanken hinter her, versuchte die aufkeimende Nervosität runterzuschlucken. Die letzten zwei Jahre hatte sie sich immerhin erfolgreich drücken können, auch nur um sich um ihre Mutter zu kümmern, die mit der Schwangerschaft der kleinen Nerinja schwer zu kämpfen hatte.
Ihre Gedanken waren zu weit weg, um auf ihre Umgebung aufzupassen. Dass sie bereits zu weit gegangen war, merkte sie erst, als sie an einer Ecke hart mit etwas oder besser gesagt jemanden zusammen stieß. Genau wie ihr gegenüber prallte sie zurück und fiel zu Boden. Kurz versuchte sie, die Situation zu erfassen, doch dann hörte sie schon die Schimpfsalve des anderen. Es war ihre Schuld gewesen, so viel war ihr klar. Rasch sprang sie auf, knickste und senkte den Blick in Richtung Boden. Eine Entschuldigung fügte sie noch schnell hinzu.
Sie bemerkte, wie sich der Mann mühsam auf die Beine kämpfte und sich den Staub von den braunen Sachen klopfte. Noch immer fluchte er mit tiefer Stimme, die Lía erschaudern ließ. Er hielt kurz inne, schien die junge Frau zu mustern, ging dann mit festen Schritten an ihr vorbei. Seine Stimme wurde sanfter: „Pass das nächste Mal besser auf!“ Dann war verschwunden. Heftig keuchend blieb sie mit ihren Gedanken zurück.
•
Er biss die Zähne zusammen, als er seinen Weg fortsetzte. Noch immer hatte er mit den Schmerzen der letzten Strafe zu kämpfen, die Galbatorix ihm auferlegt hatte. Fast eine Stunde hatte man ihn bewusstlos am Pfahl hängen lassen und noch immer hatte sich niemand um seine verletzten Schultern gekümmert.
Doch seine Gedanken schweiften zu dem jungen Mädchen zurück. Sie hatte eindeutig Schuld an dem Zusammenstoß und daran, dass er zu spät kam. Noch länger zu zögern wäre nicht gut gewesen, also legte er trotz der Schmerzen an Geschwindigkeit zu, nur um einen kurzen Moment später bereits vor dem Thronsaal des Königs zu stehen. Die Wachen musterten ihn mit einem argwöhnischen Blick, dann öffneten sie die Türen.
Wie immer, wenn er hier war, saß Galbatorix auf dem riesigen Thron, der auf einem Podest in der Mitte des Saals stand. Doch er war nicht alleine. Ein weiterer Mann mit schwarzen Haaren stand vor ihm und unterhielt sich ungezwungen mit dem König. Mit einem Mal jedoch wandte der König sich in seine Richtung und schien den anderen ganz vergessen zu haben.
„Du hast auf dich warten lassen, Murtagh! Ich habe dich doch sofort hierher befohlen!“, sprach er streng und winkte ihn zu sich.
Er sah den König nicht an, ging nur zu dem Thron und blieb stur stehen.
„Murtagh!“, entfuhr es Galbatorix. Doch der Dunkelhaarige rührte sich nicht. Erst als der König eine Handbewegung machte, knickten seine Knie ein. Der Mann neben ihm wich etwas erschrocken zurück. „Wasil, du brauchst keine Angst zu haben“, lachte der König amüsiert, als er Murtaghs schmerzverzerrtes Gesicht sah. „Doch dieser Verräter hier scheint es ja nicht anders zu lernen! Erst enttäuscht er mich, indem er meine Bemühungen um ihn einfach vergisst und flieht. Und dann schließt er sich auch noch mit meinen Feinden zusammen! Du wirst mir bestimmt Recht geben, dass er dafür büßen muss, alter Freund!“ Murtagh sah aus den Augenwinkeln, wie der andere bestimmt nickte.
Galbatorix fing an zu lachen, als er spürte, wie Murtagh sich wehren wollte. „Was machen deine Schultern? Ich hoffe doch sehr, dass sie noch immer schmerzen, damit du dich an deine Tat erinnerst. Wasil, weißt du, der Junge hat doch tatsächlich versucht, mich zu töten!“ Ein heiseres Lachen verließ seine Kehle, was sich schon fast wahnsinnig anhörte.
Gedemütigt ballte Murtagh die Hände zu Fäusten. Dass der Fremde neben ihm auch noch mit in Galbatorix' Lachen einfiel, war einfach zu viel.
„Wie auch immer! Murtagh, das hier ist Wasil. Er ist der Anführer der Schausteller und wird die nächsten Tage dein Lehnsherr sein! Das heißt für dich nicht, dass du nicht auch meinen Anweisung folge zu leisten hast! Aber du weißt was passiert, wenn du Befehlen nicht befolgst! Es wird Zeit, dass du etwas für deine kostenlose Unterkunft tust“, sprach er eindringend und gab Murtagh wieder frei. „Enttäusche mich nicht noch mal, Murtagh!“ Dann wandte er sich an Wasil. „Mein Freund, lass ihn ruhig kräftig mit anpacken. Er soll lernen, was körperliche Arbeit bedeutet! Ich freue mich auf eure Vorstellungen!“ Mit einem Kopfnicken machte er klar, dass sie gehen konnten.
Wortlos ging Wasil voraus und Murtagh folgte ihm. Was sollte er anderes tun? Wieder in den Kerkern sitzen? Kaum waren die Türen hinter den beiden geschlossen worden, wirbelte der andere herum und packte Murtagh beim Kragen. „Keine Widerworte! Du sprichst nur dann, wenn man dich anspricht! Du tust das, was ich dir sage! Jeden Angriff auf mich oder meine Familie wirst du nicht überleben! Haben wir uns verstanden?“, fauchte er mit tiefer Stimme und presste den Dunkelhaarigen an die Steinmauer hinter ihm. Murtagh antwortete nicht, nickte bloß mit dem Kopf. Noch kurz musterte Wasil ihn, dann ließ er ihn los und verschwand im Innenhof. Murtagh atmete noch einmal tief durch, bevor er ihm folgte. Es würde eine schwere Zeit werden.
Sprachlos stand er im Innenhof und blickte sich um. Vor weniger als sechsunddreißig Stunden war er selbst noch auf dem kahlen und aschgrauen Platz als Strafe an einen Pfahl gebunden worden und nun erstrahlte der Innenhof im neuen Glanz – das Grau verdeckt vom hellen Sand, dekoriert mit Bannern, in verschiedene Bereiche aufgeteilt, mit den verschiedensten Gegenständen versehen, die die Schausteller benötigten. Besonders ins Auge stach ihm das Seil auf Höhe der Dachzinnen, dass von der einen Ecke zur anderen gespannt war. Weiter unten, auf Höhe des zweiten Stockwerks war ein weiteres gespannt. Sich darauf zu bewegen war lebensmüde. Wer würde schon freiwillig darauf steigen?, fragte er sich. Doch weiter kam er nicht. Wasil war in der Mitte stehen geblieben und sprach mit zwei ältere Jungen. Viel jünger als Murtagh waren sie aber nicht.
Plötzlich drehte sich Wasil um, winkte Murtagh heran. „Das hier sind meine Söhne Abel und Dale. Du wirst ihnen helfen die Arena vorzubereiten! Tu das was sie sagen!“, waren seine einzigen Worte, bevor er zu seiner Frau ging, die an der anderen Seite gerade einem jungen Mädchen half, ihre Füße zu verbinden. „Mach dir nichts aus den Worten unseres Vaters. Er ist immer so, wenn wir hier sind. Schließlich will er seinen alten Freund nicht enttäuschen“, sprach mit einem Mal einer der Jungen. Verwirrt blickte Murtagh den grinsenden Jungen an. Es war der größere von beiden, doch weitere Unterschiede stellte er nicht fest. Dem Jungen war die Verwirrtheit Murtaghs nicht entgangen. Er grinste. „Ich bin Abel.“, sprach der Größere wieder und deutete dann auf seinen etwas kleineren Zwillingsbruder, „Und das ist Dale!“ Er reichte Murtagh die Hand. Immer noch verwirrt blickte dieser die beiden abwechselnd an. Wussten die beiden den nicht, wer er war? Keinerlei Abneigung lag in deren Blicken. Unsicher ergriff er Abels Hand.
„Murtagh“, erwiderte nur. Sein Gegenüber grinste noch immer, doch dann dann deutete er auf den Boden. „Dann hilf uns mal die Holzspäne in den abgesteckten Bereich zu verteilen!“, gab er ihm zu verstehen und drückte ihm einen schweren Leinensack in die Hände.
„Wir sind Schwertkämpfer. Wir sollen den Zuschauer zeigen, was es heißt, in eine faszinierende aber gefährliche Welt einzutauchen“, erzählte Dale, während er Murtagh half, die Holzspäne gleichmäßig zu verteilen. „Unser Vater spielt Tierbändiger. Mutter ist Fächertänzerin und unsere Schwester ist die Seiltänzerin.“ Er warf einen Blick über die Schulter, dem Murtagh mit seinem folgte. Auf der anderen Seite des Feldes zog sich das junge Mädchen von vorhin an einem Seil zur ersten kleinen Plattform hinauf. Rasch befand sie sich auf der Höhe des zweiten Stockwerkes. Murtagh stockte. Es war das Mädchen mit dem er zusammen gestoßen war. Die roten Haare erkannte er sofort wieder, doch das war es auch. Nichts zollte mehr von der ersten Ängstlichkeit und der Verunsicherung. Selbstsicher stand sie da, mit angehobenen Kinn, in einem weißen Gewand, dass größer zu sein schien als sie selbst. Sie breitete die Arme aus, setzte den ersten Fuß auf das scharf gespannte Seil.
Dale ließ die Harke fallen und blickte zu ihr hinauf. „Das geht nicht gut!“, flüsterte er leise und blickte sich hilfesuchend um. Doch dazu war es bereits zu spät. Noch zwei Schritte konnte sie machen, bevor die Bandagen um ihre Füße aufrissen und sie den Halt verlor. Ein erschrockener Schrei verließ ihre Lippen, als sie spürte, wie sie fiel. Sie schloss die Augen, wollte es nicht spüren. Doch mit einem Mal wurde ihr Fall gebremst. Nicht sehr viel, doch es würde reichen, dass sie alles mitbekam. Abrupt endete es, als zwei starke Arme sich um ihren zarten Leib schlangen und sie festhielten.
Irgendwie schaffte sie es, die Kontrolle über ihren zitternden Körper wiederzuerlangen und öffnete die Augen. Dunkelbraune Augen starrte sie besorgt an, sein Gesicht dicht über ihrem. Lía kannte den Mann nicht, doch eine tiefe Dankbarkeit ergriff sie. Der Mann hatte ihr Leben gerettet. Doch dazu ihren Dank auszusprechen kam sie nicht. Sofort rissen die Hände ihres Vaters sie unsanft auf die Beine, ihre Mutter zog sie an sich und ihr Retter wurde immer weiter in den Hintergrund gedrängt. „Wie konnte das passieren?!“, schrie Wasil und deutete nach oben.
„Lass sie sich doch erst einmal beruhigen!“, fuhr Fay ihren Mann an und schob Lía ein kleines Stück von sich fort. Einzig und allein Dale und Abel schoben sich hinter ihre Schwester und stützten sie noch etwas. Ihre Stimme hatte Lía noch nicht wieder gefunden. Dafür antwortete Dale: „Das Seil gab nicht nach, als sie es betrat. Es ist schneidend gespannt!“ Wasil schüttelte nur den Kopf und ging. Er selbst hatte das Seil doch gespannt...
Fay zog ihre Tochter mit sich zurück. Und auch Abel und Dale wandten sich wieder ihrer Arbeit zu, doch stockten, als sie Murtagh zusammengesunken am Rand sahen.
Woher er die nötige Magie aufgebracht hatte, ihren Sturz abzufangen, wusste er nicht. Er hatte noch nicht einmal gewusst, dass die Magie bereits durch seinen Körper floss. Er war doch erst drei Tage her, dass der kleine rote Drache, der nun auf seinem Zimmer saß, geschlüpft war. Ein Wort hatte gelangt und sie fiel langsamer. Doch dass es so viel Kraft kosten würde, hatte er nicht für möglich gehalten. Eragon hatte ihn mal gewarnt, als er bei einer seiner Übungen zu gesehen hatte. Doch ernstgenommen hatte er sie nicht. Nun saß er am Rand, versuchte das Zittern seiner Glieder zu unterbinden, versuchte wieder frei durchzuatmen. Doch gelingen wollte es ihm nicht. Erst eine Berührung an seiner Schulter ließ ihn aufblicken. „Gehts dir gut?“, fragte Abel besorgt, hockte sich vor ihn. Murtagh nickte nur und stemmte sich auf die Beine. Einigermaßen fest stand er ja. „Wie hast du das gemacht?“, sprach Dale ihn jetzt an. Nervös lief er auf und ab. Doch Murtagh zuckte nur mit den Schulter. „Ich war halt schnell genug.“
Dale musterte ihn noch einmal mit einem skeptischen Blick, doch sein Vater unterbrach ihn. „Ihr sollt arbeiten, nicht faul rumsitzen!“, schrie er von Weitem. Er prüfte das Seil selbst noch einmal. Dale warf Murtagh die Harke zu. Ein Ende war noch nicht in Sicht.
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