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Animoso
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von Carla Harling    erstellt: 09.03.2009    letztes Update: 14.03.2009    Romanze / P16 Slash    (fertiggestellt) 3 Reviews
animoso – musikalische Anweisung für beherzte Spielweise

Der Morgen ist die schwächste aber schönste Zeit des Tages, nur leider zieht er an einem erdrückenden Grossteil der Menschheit spurlos vorbei. Kaum einer macht sich die Mühe, um Sieben mal aus dem Fenster zu blinzeln, nur um die ersten zaghaften Strahlen der Sonne zu begutachten. Nur sehr wenige können am verschlafenen Gezwitscher der Vögel etwas abgewinnen, ganz zu Schweigen vom nervtötenden Klingeln ihres Weckers. Selbstverständlich ist ein unnatürlich ausgeprägter Sinn für abgehobene Ästhetik vonnöten, um einen Morgen aus vollen Zügen geniessen zu können.

Laura Duburois war eine der wenigen Leute, denen dieser Sinn nicht fehlte. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen sass sie vor einem runden Tisch, der auf einem verdächtig sauberen Trottoir stand. Vor ihr dampfte gemütlich ein Kaffee vor sich hin. Ihr gegenüber sass Annie, die eine beinahe greifbar-deprimierte Aura um sich herum aufgebaut hatte. Die braunhaarige Frau war aus Prinzip nachtaktiv und im Übrigen der festen Überzeugung, dass natürliches Licht ihrer schlechten Gesundheit abträglich war.

«Was tun wir hier noch mal?», erkundigte sich Annie. Ihr abweisender Blick schweifte durch das Café, das kaum hätte laurahafter sein können. Restlos alles erstrahlte in sanftem Rosa – von den Schürzen der Kellnerinnen über die Fassade des Hauses bis hin zu den Blumen vor den Fenstern. «Na, die angenehme Morgenluft geniessen, du Dummerchen», erwiderte Laura zufrieden. Sie lachte ihr typisch kindliches Lachen. Annies Miene machte deutlich, dass Aktivitäten wie die angenehme Morgenluft geniessen nicht in der Liste ihrer zehn Lieblingsbeschäftigungen aufgeführt war.

«Du scheinst noch nicht auf die Idee gekommen zu sein, dass es eine Welt ausserhalb deines stinkenden Zimmers gibt, nicht wahr?», meinte das Töchterlein und bewies einmal mehr ihr Talent, trotz strotzendem Zynismus so zuckersüss wie ein Erdbeerlollipop auszusehen. «Ich weiss sehr wohl, dass es eine Aussenwelt gibt», verteidigte sich Annie beledigt, «Ich will nur nicht darin leben. Dort treiben sich zu viele Idioten herum.»

«Du klingst wie eine suizidgefährdete Pessimistin», meinte Laura

«Und du wie eine realitätsfremde Optimistin», erwiderte Annie.

Dieser kurze Wortwechsel amüsierte Laura. Versöhnliche Sprüche wie «Gegensätze ziehen sich an» stahlen sich auf ihre Zunge, doch die Blonde war weise genug, sie nicht auszusprechen. Ihr tiefes Schweigen jedoch hatte genug Aussagekraft, um Annie erneut die Schamesröte ins Gesicht steigen zu lassen. Die Brünette hatte die Nase gestrichen voll, denn die Leidenschaft war mittlerweile an die Tabellenspitze ihrer Triebe aufgestiegen – und hatte ihr Ego vom ewigen Thron verbannt. Zudem verspürte sie das unangenehme Gefühl, nicht mehr Herrin über ihren eigenen Körper zu sein. Es war, als würden ihre Hormone gegen die Ungerechtigkeiten ihres gesunden Menschenverstandes protestieren.

«Ich muss meine Frage wohl präzisieren», seufzte Annie, «Was tun wir hier Sinnvolles?» Laura genehmigte sich einen Schluck Kaffee, der so grosszügig war, dass selbst eine Ameise nach mehr verlangt hätte. «Du findest Lebensfreude sinnlos?», sagte die Reiche verblüfft. «Hättest du die Güte, meine Frage zu beantworten?», gab Annie entnervt zurück. Sie fragte sich ernsthaft, wie jemand so gut aussehen und gleichzeitig so unausstehlich sein konnte. Bis jetzt jedoch konnte noch kein einziger Wissenschaftler empirisch begründen, warum scharfe Frauen allesamt so verdammt anstrengend sein müssen.

«Ich beantworte deine Frage gerne, nur etwas würde mich zuerst doch noch interessieren», sagte Laura, «Gibt es einen Grund dafür, dass du so übernatürlich missmutig und aggressiv bist? Musstest du vielleicht irgendwelche Schicksalsschläge erleiden? Schicksalsschläge, die Stoff für eine tragische Krimiserie bieten könnten?» Annie dachte nach. Als sie damit fertig war, musste sie noch mal nachdenken. «Eigentlich nicht», erwiderte sie schliesslich, «Meine Kindheit verlief relativ normal.»

«Oh, das erklärt alles», meinte Laura neunmalklug. Sie zückte ihre private Serviette (überflüssig zu erwähnen, dass sie rosa war) und putzte den mikroskopisch kleinen Dreck von ihren Lippen, der nur in ihrer Fantasie existierte. «Nun zu deiner Frage», fuhr sie im Plauderton fort, «Jeder weiss, dass Cafés das beste Terrain sind, um Bekanntschaften zu schliessen.»

Annie blickte sich kurz und viel sagend um. «Du willst eine Band mit Durchschnittsalter fünfzig gründen?», fragte die Braunhaarige, wobei eine ihrer Augenbrauen skeptisch an der dazugehörigen Stirn nach oben wanderte. «Ich rede nicht von den Besuchern des Cafés, sondern von den Passanten, die nichts mit dem Café zu tun haben wollen», entgegnete Laura ungeduldig, «Diese Strasse hier liegt direkt zwischen der U-Bahn-Station und der Einkaufsmeile, in der du bis gestern gearbeitet hast. Alle jungen, ambitionierten Künstler spazieren an unseren Nasen vorbei. Wir müssen nur noch die Sympathischsten von ihnen packen.» Um das letzte Wort zu unterstreichen, griff die Blonde energisch nach dem fragilen Milchkännchen – das sofort zerbrach.

Während die weissen Scherben unter erheblichen Aufwand unauffällig beseitigt wurden, soll ein Thema zur Sprache kommen, das bisher übergangen wurde; vollkommen zurecht wird sich der aufmerksame Leser fragen, was sich in der vergangenen Nacht zwischen den beiden Protagonistinnen abgespielt hatte. Die Antwort auf diese Frage ist enttäuschend einfach – nichts. Nachdem Laura eingeschlafen war, hatte sich auch Annie hingelegt. Die Zeit des Schlafens war so spannend gewesen, wie ein Schachspiel zwischen zwei Enten. Damit die Ernüchterung nicht ganz so stark ist, sei an dieser Stelle erwähnt, dass uns noch einige Bettszenen bevor stehen.

Laura, die davon glücklicherweise keine Ahnung hatte, fuhr mit ihrem Vortrag fort: «Ich will keinen dieser arroganten Musiker, die glauben, sie müssten ins Fernsehen. Ich will Leute, die denken, Musik sei nichts weiter als ein nettes Hobby. Sieh dich um; wer sieht so aus, als hätte er zuhause eine Gitarre stehen?»

«Die dort drüben sieht so aus, als hätte sie eine Gitarre dabei», erwiderte Annie prompt. Die Pianistin deutete auf eine junge Frau, die nicht ganz nach Lauras Geschmack war. Das heisst, sie sah aus wie ein Hippie. Dies wiederum bedeutet, sie sah aus wie eine derjenigen Leute, die glauben, Reichtum sei eine unheilbare Krankheit. Ausserdem – und das war noch viel wichtiger – hatte sie überhaupt keinen Modegeschmack.

Laura irrte sich. Die junge Frau, die natürlich Beatrice Peeks hiess, war weder ein Hippie, noch hatte sie keinen Modegeschmack. Ihre derzeitige Aufmachung zum Beispiel hatte Beatrice einem französischen Modemagazin entnommen. (Wie alt die besagte Zeitschrift gewesen war, sei kommentarlos dahin gestellt.) Über den Stilgehalt einer gelb-grün gepunkteten Krawatte lässt sich selbstredend streiten, doch eines konnte selbst Laura nicht verleugnen – das Mädchen hatte ganz schön Nerven, sich so in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Begleitet wurde Beatrice von einer eher rundlichen Frau mit rabenschwarzen Haaren. Auch ihre Kleider hinterliessen bei Laura einen zwiespältigen Eindruck, wenngleich man dem Erscheinungsbild von Simone Krawus einen gewisse Harmonie zusprechen musste. Ihr reich verzierte Rock vermittelte einen nicht unangenehm nostalgischen Flair. Präziser ausgedrückt; Simone sah aus wie eine Anhängerin der Gothic-Kultur, die auf unnötige Beilagen wie Tattoos, Piercings und Schminke verzichtet hatte.

Als das ungleiche Paar an den beiden Musikerinnen vorbei schritt, stiess Annie ihrer Freundin mit dem Ellbogen unnötig schwunghaft in die Rippen. «Aua!», quietschte diese aufgebracht und bedachte die Brünette mit einem zerstörerischen Blick. Sie schenkte ihrer Stimme ein bisschen mehr Bissigkeit und Würde, als sie fortfuhr: «Wenn du denkst, ich nehme diese Emo-Hippie-Combo in unsere Band auf, dann hast du dich aber geschnitten. Und damit meine ich keinen harmlosen Schnitt in den Finger, sondern einen Schnitt, der deinen ganzen Arm abgetrennt hat!»

Annie wusste, dass sie mit Bitten und Schmollen bei Laura an der falschen Haustür geklopft hätte, weswegen sie schwerere Geschütze auffuhr. Sie erhob sich prompt und machte winkend auf sich Aufmerksam. «Hey, ihr zwei Süssen!», war das erste, was ihr als Begrüssung einfiel. Die beiden Frauen drehten sich um und nahmen das erste Mal Blickkontakt mit ihren angehenden Bandkolleginnen auf. Nun, der erste Blick sagt weitaus mehr über die zukünftige Beziehung von Menschen aus, als es die Unromantischen dieser Welt wahrhaben wollen. Dabei beschränken sich die Arten des Augenkontakts nicht nur auf den klassischen Liebe auf den ersten Blick – nein, auch scheinbar exotische Varianten wie Abscheu auf den ersten Blick, Sexgedanken auf den ersten Blick, oder Brechreiz auf den ersten Blick sind weiter verbreitet, als man denkt.

Die vier Blicke der jungen Damen hatten allesamt unterschiedliche Nuancen, doch der Grundtenor war bei allen derselbe: «Wir werden bestimmt gute Freundinnen, wenn wir es nur wollen. Vielleicht wird unsere Freundschaft so eng, dass wir zusammen bis in den Tod gehen. Obwohl... das wäre natürlich ein wenig übertrieben.» (Zumindest Laura, Annie und Beatrice haben diesen letzten Satz nachdrücklich hinzugefügt.)

Beatrice Peeks war von Natur aus ein Wesen, das keinen besonderen Grund braucht, um eine Bekanntschaft zu machen – so lässt sich auch erklären, wieso sie mit gedankenloser Offenheit auf die zwei Protagonistinnen zu hüpfte. Simone Krawus' Verhalten war um Einiges subtiler, dafür aber wurde unmissverständlich klar, dass sich ihre Vorstellung von Freundschaft wesentlich von der Beatrices' Unterschied; Für Beatrice war Freundschaft eine PET-Flasche, für Simone jedoch stellte sie ein reich verziertes Weinglas dar, das man sein Leben lang nicht mehr aus der Hand gibt.

Nach dem Abhandeln von allgemein anerkannten Begrüssungsformeln setzten sich die beiden Neuankömmlinge auf die zufällig bereit stehenden Stühle. Annies teilweise schweizerische DNA äusserte den drängenden Wunsch, ein ein Spiel namens Jassen spielen zu dürfen, doch die Braunhaarige schlug diesen Vorschlag widerwillig in den Wind. «Wollt ihr was trinken?», fragte sie stattdessen, «Laura lädt euch sicher gerne auf einen Drink ein. Das ist die Blonde da mit der vielen Schminke im Gesicht.»

«Ich hab dich auch lieb», erwiderte die Reiche und gewann damit Annies immateriellen Preis für den sarkastischsten Tonfall des Tages. Die Brünette liess sich nichts anmerken und erlaubte Beatrice ein Bananen-Frappé und Simone einen Cappuccino zu bestellen. Nachdem ihre Gäste bedient waren, kam Annie zum Geschäftlichen. «Spielst du Gitarre?», fragte sie und nahm Beatrices' verschmiertes Instrument skeptisch unter die Lupe. Die infantile Malerei auf dem gemaserten Holz war einer Ausstellung für moderne Kunst mehr als würdig. «Normalerweise schon, aber im Moment gerade nicht», mampfte die Angesprochene. Beatrice schien nicht viel vom Gebrauch eines handelsüblichen Strohhalms zu halten – sie hatte ihr Gesicht kurzerhand in die schaumige Flüssigkeit des Frappés versenkt. (Es war im Übrigen schwierig festzustellen, wer sich über diesen Umstand in grösserem Masse aufregte; Laura oder die Kellnerin.)

«Sie spielt sehr gut», warf Simone ein, die betreten in ihrem Cappuccino rührte. Im Gesicht der Schwarzhaarigen konnte Annie die typischen Schatten von Depression und Gleichgültigkeit erkennen, was ihrer Aussage insgesamt nicht gerade viel Vertrauenswürdigkeit verlieh. «Mehr als nur das!», liess Beatrice eifrig vernehmen, «Ich bin eine bekannte Liedermacherin! Zumindest in meiner Fantasie.» Pflichtbewusst verklebte der Bananenschaum ihren Mund, sodass sie jeder einigermassen ehrgeizige Whirlpool um den blubbrigen Ton ihrer Stimme beneidet hätte.

Laura Duburois vermittelte eine für Annie eindeutige Botschaft, indem sie steif zwei mal auf die Tischkante klopfte und sich herausfordernd erhob. «Das war's», sagte sie und schaffte es ein weiteres Mal meisterhaft, ihre Abneigung in einer honigsüssen Hülle zu verstecken, «Wichtige Geschäfte warten auf mich, meine Damen» – sie deutete eine Verbeugung in Richtung Annie und Simone an, Beatrice aber missachtete sie wie einen bemerkenswert uninteressanten Kieselstein – «Sie werden also sicherlich verstehen, dass Sie Ihre Drinks» – Lauras Augenfunkeln hätte das Frappé getötet, wenn es gelebt hätte – «selber bezahlen müssen. Einen schönen Tag noch.» Elegant drehte sie sich um und entfernte sich. Das einzige, was die Drei noch von ihr sehen konnten, war eine kalte, sowie rosa Schulter.

«In ihrem Kaffee muss Alkohol gewesen sein», meinte Annie schulterzuckend, «Einen Moment bitte.» In der nächste Sekunde hatte sie sich an die zierlichen Fersen ihrer Freundin geheftet. Beatrice, die noch immer so aussah, als hätte sie Bananensosse mit einem Lippenstift verwechselt, schien nur beiläufig an den momentanen Wirren der Realität interessiert zu sein. Simone hingegen dachte angestrengt darüber nach, ob und wie es möglich war, sich in einer Cappuccino-Tasse zu ertränken.

Annie gab der Reichen keine Chance, sich feige hinter einer Strassenecke zu verkriechen. Mit einer Bewegung, die nicht direkt in die Kategorie «zimperlich» fiel, packte sie Lauras Arme und drückte sie gegen eine Häuserwand, welche bedauerlicherweise nicht aus Plüsch bestand. Die beiden lieferten sich einen stummen aber erbitterten Kampf, aus dem Annie selbstredend als Siegerin hervorging. «Ich dachte, wir wollten nach ambitionierten Künstlern suchen», meinte die Brünette mit knirschenden Zähnen.

«Du hast da was falsch verstanden», keuchte Laura, auf die körperliche Ertüchtigung ungefähr die gleiche Wirkung hatte wie eine hungrige Katze auf eine Maus, «'Ambitioniert' bedeutet nicht 'nervtötend'. Aber dass du den Unterschied zwischen diesen beiden Ausdrücken nicht kennst, hätte mir schon bei unserer ersten Begegnung klar werden müssen.» Annie musste diese Worte erst ein wenig auf sich wirken lassen, bis sie erkennen konnte, dass sie ihr nicht gefielen. Nun, so ist es meistens mit Beziehungen; in den ersten zehn Minuten sind sie richtig geil, darauf aber folgt der gewöhnliche Alltagstrott, nur gewürzt mit einigen derben Meinungsverschiedenheiten. Doch Annie und Laura wussten bereits, dass ein gelungener Streit erfrischender ist als eine kühle Dusche. Dies war eine gute Voraussetzung für den Fortbestand ihrer Freundschaft, auch wenn sie in diesem Moment hart auf die Probe gestellt wurde.

«Du bist eine Zicke», lautete Annies schlagfertiges Argument. «Dann sind wir ja einer Meinung», gab Laura zurück – diese Bemerkung war ein verbaler Schlag ins Gesicht der Brünette, denn so viel Selbsterkenntnis hätte sie ihrer Freundin niemals zugetraut. «Als Zicke geniesst man einige nicht zu unterschätzende Privilegien», fuhr Laura erklärend fort, «Eines davon nennt sich Ruhe. Diese wiederum entsteht, weil einen irre Leute wie die zwei im Café dort drüben nicht einfach so anquatschen. Und wenn ich mich recht erinnere, bist du der Grund dafür, dass sie uns trotzdem angequatscht haben.»

«Was willst du mir damit sagen?», verlangte Annie zu wissen. Etwas in Laura Miene veränderte sich. Es war keine geringfügige Änderung wie das blosse Zucken eines Muskels – nein, das ganze Gesicht dekorierte sich komplett um. Die natürliche Niedlichkeit verschwand aus den Zügen der Blonden. Zurück blieb ein Gesichtsausdruck, der am ehesten vor ein Grab gepasst hätte. «Nun, das ist ganz einfach», meinte Laura, «Zum einen will ich damit sagen, dass du keine Zicke bist. Und zum anderen, dass sich Gegensätze nicht immer anziehen.»

In Annies Kopf bildete sich eine wahnwitzige Erkenntnis. Und dann, der todernsten Dramatik zum Trotz, teilte ihr Darm dem Gehirn mit, dass sie dringend mal aufs Klo musste. Annie verfluchte das schlechte Timing ihrer eigenen Körperfunktionen und konzentrierte sich angestrengt nur auf ihre Erkenntnis. Sie sagte ihr folgendes: «Laura Duburois glaubt, dass du dich in sie verknallt hast! Doch trotz ihres ausgeprägten Sinnes für Egoismus widersteht sie doch der Versuchung, sich durch diese Tatsache einen Vorteil zu erspielen. Sie war sogar rücksichtsvoll genug, sich kommentarlos aus dem Staub zu machen, um deine Gefühle nicht unnötig zu verletzen! Ist das nicht niedlich?»

Annies Erkenntnis kam einem emotionalen Erdbeben gleich. Die Leidenschaft, die bis vorhin Königin ihrer Triebe gewesen war, wurde brutal gestürzt. Doch nicht das Ego übernahm die Herrschaft, sondern ein Gefühl, das bis zu diesem Moment von Annies Körper kaum beachtet worden war; ein Gefühl, so schwach wie eine Ameise, so zerbrechlich wie ein Mobile im Wind – die wahre Liebe erklomm den Thron und riss die Macht mit zaghaften Händen an sich.

Es lohnt sich durchaus, an dieser Stelle kurz innezuhalten und zu betrachten, wie Annies Körper auf den neuen Regierungsstil  reagierte. Wäre man minimalistisch, könnte man schlicht behaupten, dass sie sich gut fühlte – man hätte vollkommen recht. Doch zur Verdeutlichung von Annies Stepptanz der Gefühle soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich die liebevollen Hände der Glückseligkeit um ihr Herz schlossen. Zudem sollte man hinzufügen, dass sie sich fühlte, als würde sie ohne Fallschirm durch einen warmen und angenehmen Himmel voller Schokokekse fallen. Ausserdem wäre es ein Verbrechen, nicht hinzuzufügen, dass in ihren Adern nicht mehr nur Blut pulsierte, sondern auch der wärmende Saft der Hoffnung auf traute Zweisamkeit.

Die Erfüllung dieses Wunsches jedoch schien in weiterer Ferne zu liegen als die andere Seite der Erde. Zum einen standen die beiden Frauen nach wie vor auf einer belebten Strasse, zum anderen hatte Laura nur wenig Lust auf Zweisamkeit. Sie zog eher die Einsamkeit vor, am besten kombiniert mit einem heissen Bad. «Wir passen nicht zusammen», betonte Laura eindringlich, da sie dachte, Laura hätte ihre verblümte Ausdrucksweise nicht verstanden, «Wir sollten getrennte Wege gehen.»

«Nein, das sollten wir nicht», sagte Annie und war gleichzeitig masslos enttäuscht, dass ihr kein poetischerer Satz eingefallen war. Zwitschernde und plappernde Stille schloss sich an. Eigentlich hatte die Brünette erwartet, dass Laura Dinge wie «Warum nicht?», «Und ob, Schätzchen!», oder «Ist mir doch egal, was du denkst!» erwidern würde, doch es blieb überraschend still seitens der Blonden. «Ich verstehe», flüsterte Laura nach einer nicht ganz kompletten Ewigkeit, «In Ordnung.» Annie war es ein Rätsel , wie die Blonde eine derart tief greifende Entscheidung so leichtfertig treffen konnte – doch sie wusste auch nicht, was der wahre Grund für Lauras überstürzte Flucht gewesen war.

Bisher hatte sich Laura Duburois ausschliesslich für Männer interessiert, und zwar für Exemplare, die nicht ganz ihrer Altersklasse entsprachen. Sie schätzte die innere Ruhe dieser Greise, ihre scheinbare Unfähigkeit, sexuelle Lust zu empfinden. Zwar sah Laura aus wie ein Flittchen, doch sie war auf kaum etwas stolzer als auf ihre Unschuld. Sie mochte es, das unerreichbare und abstinente Prinzesschen zu sein. Doch noch mehr als das genoss sie die Tatsache, dass es nur ein einziges Augenpaar gab, das sie bisher nackt und in voller Blüte gesehen hatte – ihr eigenes. Tatsächlich hielt sie sich für so wichtig, dass nur sie selbst gut genug für sie war.

Seit den vergangenen Monaten war diese feste Überzeugung ins Wackeln geraten. Wie man es bereits ahnt, war der Grund dafür menschlich und niemand anderes als Annie Saveront. Die Gegenwart der Braunhaarigen liess Lauras Magen so stark zittern, als wäre er einem bitterkalten Schneesturm ausgesetzt. Eine ganze Weile hatte sich das reiche Töchterlein an diesem Gefühl ergötzt. Dies und nichts anderes war auch der Auslöser dafür gewesen, dass Laura Stammkundin in Charlottes Geschäft geworden war. Die unzähligen Stunden im Laden hatte sie vorwiegend damit verbracht, verstohlen auf die definitiv zu gross gewachsene Verkäuferin zu starren.

Und dann war etwas geschehen – etwas, das Laura auf den unangenehmen Boden der Tatsachen zurück katapultiert hatte. Sie hatte erkannt, dass ihr hibbeliges Gefühl entfernt etwas mit Liebe zu tun haben könnte. Jener Tag, an dem sie felsenfest beschlossen hatte, Charlottes Geschäft nie wieder zu betreten, war der gestrige. Doch als Annie sie angerempelt hatte, in ihrer ganzen teilnahmslosen Pracht, kam ein Rückzieher nicht mehr in Frage. Wir wissen, was das bedeutet: auch das Schicksal mag ungleiche Paare.

«Wie fühlst du dich?», fragte die Blonde, nachdem sie sich den grauen Staub von ihren Kleider geklopft hatte. «Ich muss aufs Klo», erwiderte Annie, «Dringend.» Man merkt erst dann, dass sich beste Freundinnen gefunden haben, wenn sie sich gegenseitig eingestehen können, dass sie dringend mal auf der Toilette verschwinden sollten.

Während sie zurück zum Café eilten, trafen Laura und Annie eine stillschweigende Übereinkunft. Darin festgehalten war, dass sich beide Vertragspartner dazu verpflichten, kein Sterbenswörtchen über das heikle Thema Liebe zu verlieren. Ein derartiger Vertrag ist natürlich sinnlos, da es kein Mensch länger als fünf Minuten schafft, nicht über die Liebe zu sprechen. Einen Beweis dafür wird uns gleich Beatrice Peeks liefern.

Als die zwei keuchend an ihren Tisch zurückkehrten, schien alles beim Alten, doch Beatrices Begrüssung liess nicht lange auf sich warten: «Habt ihr geknutscht? Aus dieser Perspektive sah es nämlich verdächtig so aus.» Bevor Annie überhaupt die Möglichkeit hatte, peinlich berührt zu sein, rettete Laura die Situation, indem sie sich mit kühler Gestik hinsetzte und das Ruder des Gespräches ignorant herumriss. «Annie hier muss kurz ihre Blase leeren», erklärte sie, «Wenn ihr euch also ein, zwei Stunden gedulden könnt, können wir danach übers Geschäftliche reden.»

Die beiden schienen einverstanden zu sein – und nach nur einer Viertelstunde begann die erste Sitzung der angehenden Kultband. Sicherlich konnten alle vier Mitglieder die Diskussion mit ihren eigenen Ideen aufwarten, doch Laura zerschlug alle Illusionen vorzeitig mit eiserner Faust. Vor allem die beiden Vorschläge von Beatrice (ein lustiges On Tour-Haustier in Form eines Affen und ein einheitlich uneinheitlicher Kleidungsstil) wehrte die Blonde vehement ab. Dafür aber durfte Beatrice die Band taufen. «Strange Fantasy» würden die vier von nun an heissen. Klugerweise machte sich niemand die Mühe, sich nach dem Grund dieser Namensgebung zu erkundigen. Selbst Laura war einverstanden. Strange Fantasy schrie förmlich nach Erfolg. Niemand wusste, was es bedeutete, aber auf eine typisch englische Weise klang es very cool.

«Wundervoll», verkündete die Managerin mit einem naiven Grinsen, «Das Einzige, was wir jetzt noch brauchen, sind kongeniale Kompositionen, tiefgreifende Texte, ein kuscheliges Tonstudio, annehmbare Aufnahmen, einen Erfolg versprechenden Plattenvertrag und fanatische Fans.» Ihre Aufzählung hinterliess bei Annie und Simone skeptisches Schweigen, bei Beatrice optimistisches Augenfunkeln. «Hört ja sich nicht so an, als hätten wir viel zu tun», behauptete Annie mit einem Tonfall, der nur Ironie bedeuten konnte. «Das schaffen wir schon», entgegnete Laura widerlich überschwänglich, «Gehen wir erstmal im Park spazieren.»

«Toll», sagte Annie lakonisch, «Glaubst du etwa, auf der nächst besten Parkbank würden zwei weitere Bandmitglieder auf uns warten?»
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