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Capriccioso
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| von Carla Harling erstellt: 09.03.2009 letztes Update: 14.03.2009 Romanze / P16 Slash (fertiggestellt) | 3 Reviews |
capriccioso – musikalische Anweisung für launenhafte Spielweise
Annie Saveronts Wohnung war eine unfassbar unverschämte Beleidigung des erlesenen Geschmacks, der Laura Duburois in die Wiege gelegt worden war. Die Räumlichkeiten schienen sich alle Mühe zu geben, so dreckig und widerlich wie nur irgend möglich auszusehen. An allen vier Ecken des kärglichen Zimmers hatte sich jeweils eine Spinne samt Netz eingenistet und der Staub lag so dicht wie es ein junger Student üblicherweise am Freitagabend war. Skeptisch musterte Laura die Poster von aus der Mode gekommenen Musikgruppen und Fernsehserien, die nicht ohne Grund vor einigen Jahren abgesetzt worden waren. Laura kauerte sich auf dem hässlichen Bettbezug zusammen, als würde sie von bösen Geistern gequält.
«Das hier finden Sie stilvoller als eine Umkleidekabine?», wollte die Blonde ungläubig wissen. Sie konnte förmlich spüren, wie sich mikroskopisch kleine Ungeziefer an ihrer Haut festsetzten. Ihr Wunsch nach einem warmen Bad stieg in schwindelerregende Höhen. «Das ist mal wieder so typisch», klagte Annie, die es sich auf einem kleinen Bürostuhl gemütlich gemacht hatte und ihren überfüllten Schreibtisch nach etwas ganz Bestimmten durchsuchte. «Sogar sterben wollt ihr Reichen in einer Villa.»
«Was suchen Sie da eigentlich?», fragte Laura scheinheilig. Sie hatte beschlossen, die Entführerin mit Smalltalk von ihrem Vorhaben abzulenken. Bei einem Mann wäre diese Taktik natürlich von Vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, denn das Vokabular von männlichen Wesen beschränkt sich von Natur aus auf Fussball-Fachausdrücke und Wörter, die man höchstens beim Sex, bestenfalls aber überhaupt nie in den Mund nimmt. Bei einer Frau sieht die Sachlage jedoch ganz anders aus; diese kann in einem Moment davon reden, wie schön es wäre, ihrem Ehemann die Augen auszukratzen – einen Augenblick später säuselt sie bereits wieder über die Vorzüge ihres Lieblingslippenstifts.
«Ich suche nach einem verdammten Telefonbuch», murmelte Annie geistesabwesend, «Brauch schliesslich die Adresse von deinem Vater» Die Braunhaarige griff auf gut Glück in die Müllhalde ihre Pultes und zog etwas hinaus, das einem verschmutzen Playboy nicht unähnlich war. Sofort bildeten sich in Lauras Kopf einige Fragen, die sich seltsamerweise alle um ein Wort mit L drehten. Das Töchterlein wählte eine ihrer offensichtlicheren Fragen aus und stellte sie: «Warum lesen Sie den Playboy?»
Es gibt viele Äusserungen, die am besten nur in den tiefsten Tiefen der Fantasie ausformuliert werden sollten, und Lauras Frage war eine davon. Entsprechend ungehalten reagierte Annie. «Herrgott noch mal, weil da nackte Frauen drin sind!», entfuhr es ihr, «Glauben Sie etwa, ich hätte Spass daran, mir entblösste Männer anzusehen? Da kann ich meine Augäpfel ja gleich ins Klo werfen!»
«War ja nur 'ne Frage», meinte Laura kleinlaut. Den entschuldigenden Unterton hätte sich die Blonde schenken können, denn Annie war keine Person, die aufgrund einer verbalen Pralinenschachtel verzieh. «Ja, und dazu noch eine saublöde», bemerkte die Entführerin bitter. Das nächste Mal würde Annie eine etwas angenehmere Geisel aussuchen müssen – das Problem war nur, dass Reiche nur selten besonders stubenrein sind. «Übrigens sehe ich keinen Grund, weswegen wir uns immer noch siezen», fügte sie hinzu, «Sie können also ruhig du zu mir sagen.»
«Falsch!», ereiferte sich Laura, «Sie können ruhig du zu mir sagen!» Sie befand sich zwar in einer nach Käse stinkenden Wohnung, doch ein bisschen Respekt vor der Obrigkeit war doch wohl nicht zu viel verlangt. Nach nur zehn Minuten gemeinsamen Wohnens war den beiden Frauen bereits einiges klar geworden. Zum einen war es recht offensichtlich, dass sie einander unheimlich gerne anschrieen – und die gemeinsame Leidenschaft fürs Streiten ist ein wesentlich stärkeres Band als die geteilte Liebe zu einem pubertären Schauspieler.
Eine unsorgfältige Stille schlich sich ins Zimmer; unterbrochen wurde sie von den Geräuschen, die zwei Hände verursachen, wenn sie in Jahre altem Plunder herum wühlen. Annie fluchte leise. Einige Minuten ergötzte sich Laura an der erfolglosen Suche nach dem Telefonbuch, dann jedoch erbarmte sie sich. «Wenn du willst, kann ich dir die Nummer meines Vaters geben», schlug sie vor, «Obwohl er per E-Mail besser zu erreichen ist. Soll ich dir –?»
Annie hatte die Hand gehoben wie ein Dirigent, der seine Musiker auf eine besonders leise und wichtige Stelle in der zu spielenden Komposition aufmerksam machen will. «So geht das aber nicht», meinte sie zu Tode beleidigt, «Du sagst einem Model schliesslich auch nicht, wie viel sie abspecken soll. Also misch dich nicht in die Arbeit anderer ein, klar?»
«Verzeih mir», hob Laura an, «Aber du bist die mit Abstand unfähigste Kidnapperin, die ich je getroffen habe.» Und Laura hatte sich in ihrem Leben bereits mit mehreren Entführern herumschlagen müssen – einer von ihnen hatte ihr damals sogar einen Kaffee angeboten. Und mit einem anderen pflegte sie noch heute eine Brieffreundschaft. Diese Begegnungen hatten der reichen Tochter eines beigebracht; Entführer töten keine Menschen, sie drohen nur damit. Dies war auch der Grund für Lauras unangemessene Ruhe und Dreistigkeit.
«Weisst du, ich will eh nicht zurück zu Papa», erklärte die Tochter schnippisch, «Bisher hat er nur einmal das Lösegeld für meine Freilassung gezahlt. Es kostete ihn zehn Euro. Und er musste eine ganze Woche darüber nachdenken, ob sich die Investition lohnen würde.»
«Zehn Euro? Das nenne ich verschwendetes Geld», gab Annie träge zurück. Einfühlsamkeit gehörte nicht zur Palette ihrer charakterlichen Eigenschaften. Laura öffnete den Mund, um einige fiese, aber völlig deplatzierte Bemerkungen über die schreckliche Frisur ihrer Entführerin zu verlieren. Dieses Vorhaben musste aber abrupt abgebrochen worden, da in diesem Moment etwas eklig Flauschiges Lauras blanke Beine berührte. Die Blonde sprang sofort in die Höhe – mit einer Schnelligkeit und Kraft, die einen Stabhochspringer vor Neid hätte erblassen lassen.
Trotz ihrer panischen Angst gelang es Laura, ein Löffelchen Arroganz sowie einige Tropfen Abscheu in ihre Stimme zu mischen. «Was ist das für eine Missgeburt von einem lebenden Wesen?», presste sie hervor. Zu ihren Füssen lag ein Kater mit dichten Fell, dessen Körper so rund war, dass er ganz gut auch als Gummiball hätte jobben können. Seine weissen Haare standen in krasser Dissonanz zur schmutzigen Umgebung. Man hätte den Kater für einen tierischen Engel halten können, wäre er nicht nur faul am Boden herum gekugelt.
«Beruhige dich. Alles halb so schlimm», sagte Annie halbherzig, «Das ist nur mein Kater. Er heisst Versager. Süss, nicht wahr?» Lauras schockierter Zustand verpuffte jäh zu skeptischer Verblüffung. «Versager?», doppelte sie nach, «Wieso nennst du dein Haustier Versager?»
«Damit ich mich besser fühle», lautete die schlüssige Erklärung der Braunhaarigen.
Laura liess diese Worte ein wenig auf sich wirken. Ein leicht verwirrtes «Aha» schloss sich an. Und wieder leistete ihnen eine Stille Gesellschaft – dieses Mal aber eine der durchdringenden und peinlichen Sorte. Die schlechte Stimmung zwischen den beiden zerbröselte wie ein Kieselstein in der Schrottpresse. «Darf ich dir einen Kaffee anbieten?», fragte Annie. Laura nickte dankbar, wenn auch etwas zaghaft.
In der folgenden Stunde stellte sich heraus, dass Annie eigentlich doch nicht so übel war. Sie tischte dem Töchterlein Kaffee auf, der zwar halbwarm, doch einigermassen geniessbar schmeckte. Zudem war es um Einiges einfacher mit ihr ein Gespräch zu führen, wenn sie nicht gerade mit einer geladenen Pistole herumfuchtelte. Und so lange man sich nicht allzu sehr auf den fragwürdigen Gestank und die verschimmelten Joghurts konzentrierte, konnte man durchaus überleben, ohne im Sekundentakt einen Brechreiz zu verspüren.
Da das Kaffeekränzchen der beiden gesäumt war von belanglosen Frauengesprächen, macht es nur wenig Sinn, näher darauf einzugehen. Nur so viel sei gesagt: seitens Laura wurden unter anderem Namen wie Alan Rickman, Brad Pitt und Johnny Depp erwähnt. Das uninteressante Gespräch fand erst einen Unterbruch, als die Blondhaarige ein musikalisches Einrichtungsstück erblickte. «Ein Klavier!», sagte sie begeistert und deutete in die Ecke am Fenster.
«Für eine Querflöte wäre es zu unhandlich», meinte Annie matt. Sie folgte Lauras Beispiel und stand auf. «Spielst du Piano?», erkundigte sich die Reiche mit einem Funkeln in den Augen, das einem Diamanten alle Ehre gemacht hätte. Annie zog es vor, nicht zu antworten und setzte sich kommentarlos auf den Klavierstuhl. Sie öffnete die verstaubte Klappe des Instruments, um eine Klaviatur zu offenbaren, die einem ungepflegtem Mund glich; die weissen Tasten wurden ihrem Namen nicht gerecht und erschienen in dumpfem Gelb. Ihre schwarzen Schwestern hingegen erledigten ihre Aufgabe mit Bravour – sie sahen aus wie klitzekleine Zahnlücken.
Annie platzierte ihre Füsse auf den Pedalen und ihre Hände auf der Klaviatur. Sie begann eine recht schöne Melodie zu spielen, wenngleich Laura es sofort als ein Lied der Schwierigkeitsstufe 1 («so einfach, dass es selbst ein überdurchschnittlich begabter Affe spielen kann») einordnete. Man musste kein Klavierstimmer sein, um zu merken, dass das Instrument ziemlich schräg tönte. Trotz allem blieb Annie ein Anstandsapplaus nicht verwehrt. «Das war toll!», log Laura. Wie alle Reichen konnte auch die Blonde auf eine gewisse Erfahrung bezüglich Halbwahrheiten zurückgreifen.
Die Entführerin bewies erschreckend viel Menschenkenntnis und fragte: «Warum lügst du mich an?» Laura seufzte, um Zeit zum Nachdenken zu erwirtschaften. Aufgrund von mangelnden Alternativen entschied sie ich für die Wahrheit. «Darf ich dir eine Geschichte erzählen?», wollte sie wissen. «Nur, wenn sie nicht kitschig ist», entgegnete Annie. «Solche Geschichten sind immer kitschig», behauptete Laura, «Also auch diese. Aber ich erzähle sie dir trotzdem.»
«Wieso fragst du mich dann?», murrte Annie, doch ihre Geisel überging diese Bemerkung gekonnt. «Schon seit ich ein kleines Kind bin, spiele ich Klavier», erklärte Laura und während sie dies sagte, nahmen in ihrem Gedächtnis die Schatten vergangener Tage eine klare Gestalt an, «Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich unbegabt war. Mein Klavierlehrer lobte mich in höchsten Tönen. Du weisst, dass mein Vater Musikproduzent ist, nehme ich an? Ein so ehrgeiziger Mann wie er wittert in mir natürlich sofort eine Chance für Moneten. Als ich zwölf Jahre alt war, musste ich für eine Aufnahme vorspielen.»
«Lass mich raten», warf Annie ein, «Du hast es so bös versaut, dass noch Generationen von Tontechniker über deinen Auftritt Witze reissen werden.» Laura zwang sich zu Selbstbeherrschung, was nur halbwegs gelang. «So in etwa», gab sie widerwillig zu. «Wie dem auch sei, seither bin ich weniger als nur Luft für Vater – ich bin lästige und teure Luft.»
«Wo war deine Mutter?», fragte Annie. Sie gab sich alle Mühe, so unbeteiligt wie möglich zu klingen. Laura sollte nicht auf die abwegige Idee kommen, dass sich irgendwer für sie interessierte. «Oh, sie hat sich sehr nützlich gemacht», meinte die Blonde zufrieden, «Sie ist gestorben.» Trotz Annies redlichen Bemühungen, sich nichts anmerken zu lassen, verzogen sich ihre Züge zu einer mitleidigen Miene. «Mein Beileid», sagte sie steif. «Macht nichts», erwiderte Laura leichthin, «Sie war eine Schreckschraube.»
«Nun, dein Schicksal rührt mich zutiefst», sagte die Braunhaarige und klang dabei überzeugender, als sie es beabsichtigt hatte, «Aber du hast meine Frage nicht beantwortet.» Mit dieser Anmerkung legte Annie eine Weitsicht an den Tag, welche den allermeisten Menschen fehlte. Oft begnügen sich Leute damit, als Antwort auf ihre dringenden Fragen einer möglichst rührenden Geschichte zu lauschen, bis sie ihre Frage vergessen und sich besser fühlen, weil es anderen noch schlechter geht als ihnen selbst.
«Die Sache ist die», begann Laura, «Ich will meinem Vater beweisen, dass ich mehr bin als ein Stück Luft mit blonden Haaren. Mit einem anständigen Job hab ich's schon versucht – das ist nicht ganz meins. Und mir liegt nicht viel daran, Prostituierte zu werden.» Schweren Herzens schluckte Annie eine unverschämte Bemerkung. «Also habe ich mich dazu entschieden, ihn auf seinem eigenen Gebiet zu schlagen», fuhr Laura fort, «Ich werde die bekannteste Musikerin der Welt, zusammen mit meiner eigenhändig gegründeten Musikgruppe!» Die kleine Frau richtete sich auf wie eine tragische Heldin, die in einen hoffnungslosen Kampf schritt. Doch Lauras Ehrgeiz entfachte in Annie ein Gefühl – dieses Gefühl «Liebe» zu nennen, wäre überhastet, deshalb soll hier der Begriff «Sympathie» Verwendung finden.
«Soll das heissen, du willst mich in deiner Band haben?», fragte Annie, nicht ohne ihren Mund etwas weiter zu öffnen, als es unbedingt nötig gewesen wäre. Laura nickte aufmunternd. Die Zellen in Annies Gehirn, die für die Fantasie zuständig waren, schlugen mit einem Mal Purzelbäume. Die ehemalige Verkäuferin stellte sich vor, wie sie an einem Steinway-Flügel sass und einem Millionenpublikum Gänsehaut bescherte. Ihre Finger bewegten sich schneller als die Kugeln eines Maschinengewehrs – sie war nicht nur begabt, sondern auch hübsch und gebildet. Die Realität jedoch war da anderer Meinung und schlug ihr hart ins Gesicht. Annie wachte aus ihrem Tagtraum auf und musste feststellen, dass keines der genannten Adjektive auf sie zutraf.
«Keine Angst, ich werde dich natürlich unterrichten», meinte Laura so fürsorglich wie eine Grossmutter, die ihrem einzigen Enkelkind ein grosszügiges Taschengeld zusteckte. Annie wusste nicht, was sie tun sollte. Ein lakonisches «Nein» hätte wunderbar zum Gesamtkonzept ihres Charakters gepasst, doch ihre Gedanken blieben mitten in der Luft hängen und wussten nicht, wo sie hin schweifen sollten. Nun, der aufmerksame Leser hat sicherlich gemerkt, dass dies nun die zweite berufliche Planänderung Annies ist – und bei diesen zwei wird es auch bleiben.
Schliesslich entschied sich Annie dazu, sich nicht zu entscheiden. «Und welchen Part würdest du in dieser Band übernehmen?», fragte sie vorsichtig. «Ich werde die Managerin und Sängerin sein», lächelte Laura, konnte damit aber Anflüge von Arroganz nicht übertünchen. «Wieso willst du nicht die Pianistin sein?», fragte Annie noch eine Spur vorsichtiger. Wenn es um die Besetzung einer Band ging, musste man so bedächtig sein wie ein Seiltänzer. «Na, ich will dir doch nicht das Klavier wegnehmen», erwiderte Laura übertrieben wohlwollend. Zu allem Überfluss legte sie väterlich den Arm um ihre ehemalige Entführerin – dies war die erste körperliche Berührung der beiden, sah man mal von den Berührungen ab, die vollführt wurden, um die jeweils andere zu verletzen.
Annies Sensoren für Misstrauen betätigten die Alarmglocken. «Nun ja, in der Schule sagte man mir, ich wäre eine ganz passable Sängerin», merkte die Brünette zaghaft an. «Papperlapapp!», sagte Laura so laut, dass es nicht mehr als normal durchgehen konnte, «Du willst doch dein Talent nicht an so etwas Banales wie Gesang verschwenden.» Es hätte nicht offensichtlicher sein können, dass die Blonde mit ihren zarten Fingern so gierig nach dem Ruhm griff wie ein Goldgräber – nun ja – nach Gold. Und wie jeder weiss, gibt es nur zwei Berufe, in denen man so richtig berühmt werden kann; Schauspieler und Sänger.
Eigentlich wollte Annie protestieren, doch dann geschah etwas, das ihre Hormonausschüttung drastisch erhöhte. Für eine heterosexuelle Frau wäre dieses Ereignis vollkommen bedeutungslos gewesen, doch für Annie bedeutete es mehr, als sie in der Lage war zu beschreiben. Durch Lauras beherztes Zugreifen kamen gewisse Partien ihres gut bestückten Oberkörpers in die Nähe der Braunhaarigen, ja sie streiften sogar ihren Körper. Auf jeden Fall waren sie zu nah, um Annie nicht ein zweites Mal zum Erröten zu bringen. (Spätestens jetzt sollte übrigens klar werden, dass Annie in Bezug auf Laura gewisse erotische Gedanken hegte, die sich später in Liebe entwickeln sollten.)
Die Macht der Verlegenheit pulsierte in Annies Kopf und hielt sie dazu an, sich mit der Rolle der Pianistin zufrieden zu geben. Laura nickte erleichtert, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, dass die Seele ihres ersten Bandmitglieds im Begriff stand, emotional zu explodieren – denn hätte sie die Gefühle Annies erahnt, hätte sie nicht gezögert, diese zu ihrem Vorteil auszunutzen. «Wie geht's nun weiter?», fragte Annie mit der Herzlichkeit eines Roboters. Sie hatte Angst davor, mit einem allzu menschlichen Tonfall ihre zu überschäumen drohende Erregung preis zu geben.
«Wir gehen schlafen», erwiderte Laura. Ihre Intuition sagte ihr, dass sie soeben von der Geisel zur Chefin aufgestiegen worden war – eine alles andere als unbefriedigende Karriere. Ihr Blick fiel auf Versager, der noch immer planlos auf dem Boden herumtollte und sich für ein so fetter Kater erstaunlich graziös bewegte. «Ich werde auf keinem Fall auf dem Boden neben diesem Ding übernachten», sagte das Töchterlein prompt.
«Das wirst du auch nicht tun müssen», meinte Annie zuvorkommend. Selbst dem naivsten Zeitgenossen hätte auffallen müssen, wie seltsam nett sich die Brünette verhielt, doch so lange Laura bedient wurde, waren ihr die Gründe dafür vorerst egal. Annie war gerade dabei, mit der Geste eines weiblichen Gentlemans auf das Bett zu deuten, als sich ihr Ego erhob und sich zu Wort meldete. «Du kannst doch nicht dieser arroganten Tusse das Bett anbieten!», sagte es, «Wo bleibt Annie Saveronts Bett, hä? Zeig diesem Mamakind gefälligst, aus welchem Holz ehemalige Gefängnisinsassen geschnitzt sind!»
Ihr Ego hatte Annie beinahe schon überzeugt, da regte sich ihre Leidenschaft, um der Diskussion beizuwohnen. «Du kannst ein so engelsgleiches Wesen doch nicht auf dem blanken Boden übernachten lassen», warf sie energisch ein, «Ein derart wohlgeformter Hintern muss auf Seide gebettet werden!» Dieses sinnlose Streitgespräch wurde Annies Logik schliesslich zu bunt; sie räusperte sich und sprach ein Machtwort. «So schwierig ist das nun auch wieder nicht, mein sehr verehrtes Ego und meine liebe Frau Leidenschaft», meinte sie gewichtig, «Damit ihr alle beide zufrieden seid, schlage ich vor, dass Annie zusammen mit Frau Duburois im selben Bett übernachtet.»
Auf die Logik kann man immer zählen. Zufrieden gab Annie ihrem eigenen Verstand recht. «Wie wäre es, wenn wir zusammen in einem Bett übernachten?», fragte sie zittrig. Ihr Ego hatte wohl doch den Kürzeren gezogen, denn die Leidenschaft arbeitete auf Hochtouren und trieb ihre Schweissdrüsen zu Höchstleistungen an.
«In einem Bett?», wiederholte Laura skeptisch, denn sie hatte Annies Playboy und ihre Bemerkung dazu nicht vergessen. Schliesslich aber zuckte sie vage mit den Schultern. «Was soll's?», murmelte sie, «Solange ich nicht neben diesem Geschöpf schlafen muss.» Versager gähnte demonstrativ und trollte sich unter das Bett – sehr zum Unbehagen von Laura.
«Mach dir nichts draus», sagte Annie, die Lauras angeekelte Miene richtig deutete, «Egal, was du machst, nach zehn Minuten springt er eh nach oben, um mit mir zu kuscheln.» Seltsamerweise schien das die Blonde überhaupt nicht zu beruhigen. Sie liess sich auf den schlichten Bettbezug fallen und stöhnte auf. «Muss die Geschichte der beliebtesten Popband der Welt ausgerechnet in diesem Raum beginnen?», fragte die Reiche deprimiert.
«Das ist doch toll», meinte Annie und liess sich neben ihre Freundin fallen (zum jetzigen Zeitpunkt ist es durchaus legitim, Laura «Freundin» zu nennen), «Klingt nach einer klassischen Erfolgsgeschichte»
«Mit dem Unterschied, dass diese hier nicht erfunden ist», gähnte sich Laura in den Schlaf.
Annie Saveronts Wohnung war eine unfassbar unverschämte Beleidigung des erlesenen Geschmacks, der Laura Duburois in die Wiege gelegt worden war. Die Räumlichkeiten schienen sich alle Mühe zu geben, so dreckig und widerlich wie nur irgend möglich auszusehen. An allen vier Ecken des kärglichen Zimmers hatte sich jeweils eine Spinne samt Netz eingenistet und der Staub lag so dicht wie es ein junger Student üblicherweise am Freitagabend war. Skeptisch musterte Laura die Poster von aus der Mode gekommenen Musikgruppen und Fernsehserien, die nicht ohne Grund vor einigen Jahren abgesetzt worden waren. Laura kauerte sich auf dem hässlichen Bettbezug zusammen, als würde sie von bösen Geistern gequält.
«Das hier finden Sie stilvoller als eine Umkleidekabine?», wollte die Blonde ungläubig wissen. Sie konnte förmlich spüren, wie sich mikroskopisch kleine Ungeziefer an ihrer Haut festsetzten. Ihr Wunsch nach einem warmen Bad stieg in schwindelerregende Höhen. «Das ist mal wieder so typisch», klagte Annie, die es sich auf einem kleinen Bürostuhl gemütlich gemacht hatte und ihren überfüllten Schreibtisch nach etwas ganz Bestimmten durchsuchte. «Sogar sterben wollt ihr Reichen in einer Villa.»
«Was suchen Sie da eigentlich?», fragte Laura scheinheilig. Sie hatte beschlossen, die Entführerin mit Smalltalk von ihrem Vorhaben abzulenken. Bei einem Mann wäre diese Taktik natürlich von Vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, denn das Vokabular von männlichen Wesen beschränkt sich von Natur aus auf Fussball-Fachausdrücke und Wörter, die man höchstens beim Sex, bestenfalls aber überhaupt nie in den Mund nimmt. Bei einer Frau sieht die Sachlage jedoch ganz anders aus; diese kann in einem Moment davon reden, wie schön es wäre, ihrem Ehemann die Augen auszukratzen – einen Augenblick später säuselt sie bereits wieder über die Vorzüge ihres Lieblingslippenstifts.
«Ich suche nach einem verdammten Telefonbuch», murmelte Annie geistesabwesend, «Brauch schliesslich die Adresse von deinem Vater» Die Braunhaarige griff auf gut Glück in die Müllhalde ihre Pultes und zog etwas hinaus, das einem verschmutzen Playboy nicht unähnlich war. Sofort bildeten sich in Lauras Kopf einige Fragen, die sich seltsamerweise alle um ein Wort mit L drehten. Das Töchterlein wählte eine ihrer offensichtlicheren Fragen aus und stellte sie: «Warum lesen Sie den Playboy?»
Es gibt viele Äusserungen, die am besten nur in den tiefsten Tiefen der Fantasie ausformuliert werden sollten, und Lauras Frage war eine davon. Entsprechend ungehalten reagierte Annie. «Herrgott noch mal, weil da nackte Frauen drin sind!», entfuhr es ihr, «Glauben Sie etwa, ich hätte Spass daran, mir entblösste Männer anzusehen? Da kann ich meine Augäpfel ja gleich ins Klo werfen!»
«War ja nur 'ne Frage», meinte Laura kleinlaut. Den entschuldigenden Unterton hätte sich die Blonde schenken können, denn Annie war keine Person, die aufgrund einer verbalen Pralinenschachtel verzieh. «Ja, und dazu noch eine saublöde», bemerkte die Entführerin bitter. Das nächste Mal würde Annie eine etwas angenehmere Geisel aussuchen müssen – das Problem war nur, dass Reiche nur selten besonders stubenrein sind. «Übrigens sehe ich keinen Grund, weswegen wir uns immer noch siezen», fügte sie hinzu, «Sie können also ruhig du zu mir sagen.»
«Falsch!», ereiferte sich Laura, «Sie können ruhig du zu mir sagen!» Sie befand sich zwar in einer nach Käse stinkenden Wohnung, doch ein bisschen Respekt vor der Obrigkeit war doch wohl nicht zu viel verlangt. Nach nur zehn Minuten gemeinsamen Wohnens war den beiden Frauen bereits einiges klar geworden. Zum einen war es recht offensichtlich, dass sie einander unheimlich gerne anschrieen – und die gemeinsame Leidenschaft fürs Streiten ist ein wesentlich stärkeres Band als die geteilte Liebe zu einem pubertären Schauspieler.
Eine unsorgfältige Stille schlich sich ins Zimmer; unterbrochen wurde sie von den Geräuschen, die zwei Hände verursachen, wenn sie in Jahre altem Plunder herum wühlen. Annie fluchte leise. Einige Minuten ergötzte sich Laura an der erfolglosen Suche nach dem Telefonbuch, dann jedoch erbarmte sie sich. «Wenn du willst, kann ich dir die Nummer meines Vaters geben», schlug sie vor, «Obwohl er per E-Mail besser zu erreichen ist. Soll ich dir –?»
Annie hatte die Hand gehoben wie ein Dirigent, der seine Musiker auf eine besonders leise und wichtige Stelle in der zu spielenden Komposition aufmerksam machen will. «So geht das aber nicht», meinte sie zu Tode beleidigt, «Du sagst einem Model schliesslich auch nicht, wie viel sie abspecken soll. Also misch dich nicht in die Arbeit anderer ein, klar?»
«Verzeih mir», hob Laura an, «Aber du bist die mit Abstand unfähigste Kidnapperin, die ich je getroffen habe.» Und Laura hatte sich in ihrem Leben bereits mit mehreren Entführern herumschlagen müssen – einer von ihnen hatte ihr damals sogar einen Kaffee angeboten. Und mit einem anderen pflegte sie noch heute eine Brieffreundschaft. Diese Begegnungen hatten der reichen Tochter eines beigebracht; Entführer töten keine Menschen, sie drohen nur damit. Dies war auch der Grund für Lauras unangemessene Ruhe und Dreistigkeit.
«Weisst du, ich will eh nicht zurück zu Papa», erklärte die Tochter schnippisch, «Bisher hat er nur einmal das Lösegeld für meine Freilassung gezahlt. Es kostete ihn zehn Euro. Und er musste eine ganze Woche darüber nachdenken, ob sich die Investition lohnen würde.»
«Zehn Euro? Das nenne ich verschwendetes Geld», gab Annie träge zurück. Einfühlsamkeit gehörte nicht zur Palette ihrer charakterlichen Eigenschaften. Laura öffnete den Mund, um einige fiese, aber völlig deplatzierte Bemerkungen über die schreckliche Frisur ihrer Entführerin zu verlieren. Dieses Vorhaben musste aber abrupt abgebrochen worden, da in diesem Moment etwas eklig Flauschiges Lauras blanke Beine berührte. Die Blonde sprang sofort in die Höhe – mit einer Schnelligkeit und Kraft, die einen Stabhochspringer vor Neid hätte erblassen lassen.
Trotz ihrer panischen Angst gelang es Laura, ein Löffelchen Arroganz sowie einige Tropfen Abscheu in ihre Stimme zu mischen. «Was ist das für eine Missgeburt von einem lebenden Wesen?», presste sie hervor. Zu ihren Füssen lag ein Kater mit dichten Fell, dessen Körper so rund war, dass er ganz gut auch als Gummiball hätte jobben können. Seine weissen Haare standen in krasser Dissonanz zur schmutzigen Umgebung. Man hätte den Kater für einen tierischen Engel halten können, wäre er nicht nur faul am Boden herum gekugelt.
«Beruhige dich. Alles halb so schlimm», sagte Annie halbherzig, «Das ist nur mein Kater. Er heisst Versager. Süss, nicht wahr?» Lauras schockierter Zustand verpuffte jäh zu skeptischer Verblüffung. «Versager?», doppelte sie nach, «Wieso nennst du dein Haustier Versager?»
«Damit ich mich besser fühle», lautete die schlüssige Erklärung der Braunhaarigen.
Laura liess diese Worte ein wenig auf sich wirken. Ein leicht verwirrtes «Aha» schloss sich an. Und wieder leistete ihnen eine Stille Gesellschaft – dieses Mal aber eine der durchdringenden und peinlichen Sorte. Die schlechte Stimmung zwischen den beiden zerbröselte wie ein Kieselstein in der Schrottpresse. «Darf ich dir einen Kaffee anbieten?», fragte Annie. Laura nickte dankbar, wenn auch etwas zaghaft.
In der folgenden Stunde stellte sich heraus, dass Annie eigentlich doch nicht so übel war. Sie tischte dem Töchterlein Kaffee auf, der zwar halbwarm, doch einigermassen geniessbar schmeckte. Zudem war es um Einiges einfacher mit ihr ein Gespräch zu führen, wenn sie nicht gerade mit einer geladenen Pistole herumfuchtelte. Und so lange man sich nicht allzu sehr auf den fragwürdigen Gestank und die verschimmelten Joghurts konzentrierte, konnte man durchaus überleben, ohne im Sekundentakt einen Brechreiz zu verspüren.
Da das Kaffeekränzchen der beiden gesäumt war von belanglosen Frauengesprächen, macht es nur wenig Sinn, näher darauf einzugehen. Nur so viel sei gesagt: seitens Laura wurden unter anderem Namen wie Alan Rickman, Brad Pitt und Johnny Depp erwähnt. Das uninteressante Gespräch fand erst einen Unterbruch, als die Blondhaarige ein musikalisches Einrichtungsstück erblickte. «Ein Klavier!», sagte sie begeistert und deutete in die Ecke am Fenster.
«Für eine Querflöte wäre es zu unhandlich», meinte Annie matt. Sie folgte Lauras Beispiel und stand auf. «Spielst du Piano?», erkundigte sich die Reiche mit einem Funkeln in den Augen, das einem Diamanten alle Ehre gemacht hätte. Annie zog es vor, nicht zu antworten und setzte sich kommentarlos auf den Klavierstuhl. Sie öffnete die verstaubte Klappe des Instruments, um eine Klaviatur zu offenbaren, die einem ungepflegtem Mund glich; die weissen Tasten wurden ihrem Namen nicht gerecht und erschienen in dumpfem Gelb. Ihre schwarzen Schwestern hingegen erledigten ihre Aufgabe mit Bravour – sie sahen aus wie klitzekleine Zahnlücken.
Annie platzierte ihre Füsse auf den Pedalen und ihre Hände auf der Klaviatur. Sie begann eine recht schöne Melodie zu spielen, wenngleich Laura es sofort als ein Lied der Schwierigkeitsstufe 1 («so einfach, dass es selbst ein überdurchschnittlich begabter Affe spielen kann») einordnete. Man musste kein Klavierstimmer sein, um zu merken, dass das Instrument ziemlich schräg tönte. Trotz allem blieb Annie ein Anstandsapplaus nicht verwehrt. «Das war toll!», log Laura. Wie alle Reichen konnte auch die Blonde auf eine gewisse Erfahrung bezüglich Halbwahrheiten zurückgreifen.
Die Entführerin bewies erschreckend viel Menschenkenntnis und fragte: «Warum lügst du mich an?» Laura seufzte, um Zeit zum Nachdenken zu erwirtschaften. Aufgrund von mangelnden Alternativen entschied sie ich für die Wahrheit. «Darf ich dir eine Geschichte erzählen?», wollte sie wissen. «Nur, wenn sie nicht kitschig ist», entgegnete Annie. «Solche Geschichten sind immer kitschig», behauptete Laura, «Also auch diese. Aber ich erzähle sie dir trotzdem.»
«Wieso fragst du mich dann?», murrte Annie, doch ihre Geisel überging diese Bemerkung gekonnt. «Schon seit ich ein kleines Kind bin, spiele ich Klavier», erklärte Laura und während sie dies sagte, nahmen in ihrem Gedächtnis die Schatten vergangener Tage eine klare Gestalt an, «Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich unbegabt war. Mein Klavierlehrer lobte mich in höchsten Tönen. Du weisst, dass mein Vater Musikproduzent ist, nehme ich an? Ein so ehrgeiziger Mann wie er wittert in mir natürlich sofort eine Chance für Moneten. Als ich zwölf Jahre alt war, musste ich für eine Aufnahme vorspielen.»
«Lass mich raten», warf Annie ein, «Du hast es so bös versaut, dass noch Generationen von Tontechniker über deinen Auftritt Witze reissen werden.» Laura zwang sich zu Selbstbeherrschung, was nur halbwegs gelang. «So in etwa», gab sie widerwillig zu. «Wie dem auch sei, seither bin ich weniger als nur Luft für Vater – ich bin lästige und teure Luft.»
«Wo war deine Mutter?», fragte Annie. Sie gab sich alle Mühe, so unbeteiligt wie möglich zu klingen. Laura sollte nicht auf die abwegige Idee kommen, dass sich irgendwer für sie interessierte. «Oh, sie hat sich sehr nützlich gemacht», meinte die Blonde zufrieden, «Sie ist gestorben.» Trotz Annies redlichen Bemühungen, sich nichts anmerken zu lassen, verzogen sich ihre Züge zu einer mitleidigen Miene. «Mein Beileid», sagte sie steif. «Macht nichts», erwiderte Laura leichthin, «Sie war eine Schreckschraube.»
«Nun, dein Schicksal rührt mich zutiefst», sagte die Braunhaarige und klang dabei überzeugender, als sie es beabsichtigt hatte, «Aber du hast meine Frage nicht beantwortet.» Mit dieser Anmerkung legte Annie eine Weitsicht an den Tag, welche den allermeisten Menschen fehlte. Oft begnügen sich Leute damit, als Antwort auf ihre dringenden Fragen einer möglichst rührenden Geschichte zu lauschen, bis sie ihre Frage vergessen und sich besser fühlen, weil es anderen noch schlechter geht als ihnen selbst.
«Die Sache ist die», begann Laura, «Ich will meinem Vater beweisen, dass ich mehr bin als ein Stück Luft mit blonden Haaren. Mit einem anständigen Job hab ich's schon versucht – das ist nicht ganz meins. Und mir liegt nicht viel daran, Prostituierte zu werden.» Schweren Herzens schluckte Annie eine unverschämte Bemerkung. «Also habe ich mich dazu entschieden, ihn auf seinem eigenen Gebiet zu schlagen», fuhr Laura fort, «Ich werde die bekannteste Musikerin der Welt, zusammen mit meiner eigenhändig gegründeten Musikgruppe!» Die kleine Frau richtete sich auf wie eine tragische Heldin, die in einen hoffnungslosen Kampf schritt. Doch Lauras Ehrgeiz entfachte in Annie ein Gefühl – dieses Gefühl «Liebe» zu nennen, wäre überhastet, deshalb soll hier der Begriff «Sympathie» Verwendung finden.
«Soll das heissen, du willst mich in deiner Band haben?», fragte Annie, nicht ohne ihren Mund etwas weiter zu öffnen, als es unbedingt nötig gewesen wäre. Laura nickte aufmunternd. Die Zellen in Annies Gehirn, die für die Fantasie zuständig waren, schlugen mit einem Mal Purzelbäume. Die ehemalige Verkäuferin stellte sich vor, wie sie an einem Steinway-Flügel sass und einem Millionenpublikum Gänsehaut bescherte. Ihre Finger bewegten sich schneller als die Kugeln eines Maschinengewehrs – sie war nicht nur begabt, sondern auch hübsch und gebildet. Die Realität jedoch war da anderer Meinung und schlug ihr hart ins Gesicht. Annie wachte aus ihrem Tagtraum auf und musste feststellen, dass keines der genannten Adjektive auf sie zutraf.
«Keine Angst, ich werde dich natürlich unterrichten», meinte Laura so fürsorglich wie eine Grossmutter, die ihrem einzigen Enkelkind ein grosszügiges Taschengeld zusteckte. Annie wusste nicht, was sie tun sollte. Ein lakonisches «Nein» hätte wunderbar zum Gesamtkonzept ihres Charakters gepasst, doch ihre Gedanken blieben mitten in der Luft hängen und wussten nicht, wo sie hin schweifen sollten. Nun, der aufmerksame Leser hat sicherlich gemerkt, dass dies nun die zweite berufliche Planänderung Annies ist – und bei diesen zwei wird es auch bleiben.
Schliesslich entschied sich Annie dazu, sich nicht zu entscheiden. «Und welchen Part würdest du in dieser Band übernehmen?», fragte sie vorsichtig. «Ich werde die Managerin und Sängerin sein», lächelte Laura, konnte damit aber Anflüge von Arroganz nicht übertünchen. «Wieso willst du nicht die Pianistin sein?», fragte Annie noch eine Spur vorsichtiger. Wenn es um die Besetzung einer Band ging, musste man so bedächtig sein wie ein Seiltänzer. «Na, ich will dir doch nicht das Klavier wegnehmen», erwiderte Laura übertrieben wohlwollend. Zu allem Überfluss legte sie väterlich den Arm um ihre ehemalige Entführerin – dies war die erste körperliche Berührung der beiden, sah man mal von den Berührungen ab, die vollführt wurden, um die jeweils andere zu verletzen.
Annies Sensoren für Misstrauen betätigten die Alarmglocken. «Nun ja, in der Schule sagte man mir, ich wäre eine ganz passable Sängerin», merkte die Brünette zaghaft an. «Papperlapapp!», sagte Laura so laut, dass es nicht mehr als normal durchgehen konnte, «Du willst doch dein Talent nicht an so etwas Banales wie Gesang verschwenden.» Es hätte nicht offensichtlicher sein können, dass die Blonde mit ihren zarten Fingern so gierig nach dem Ruhm griff wie ein Goldgräber – nun ja – nach Gold. Und wie jeder weiss, gibt es nur zwei Berufe, in denen man so richtig berühmt werden kann; Schauspieler und Sänger.
Eigentlich wollte Annie protestieren, doch dann geschah etwas, das ihre Hormonausschüttung drastisch erhöhte. Für eine heterosexuelle Frau wäre dieses Ereignis vollkommen bedeutungslos gewesen, doch für Annie bedeutete es mehr, als sie in der Lage war zu beschreiben. Durch Lauras beherztes Zugreifen kamen gewisse Partien ihres gut bestückten Oberkörpers in die Nähe der Braunhaarigen, ja sie streiften sogar ihren Körper. Auf jeden Fall waren sie zu nah, um Annie nicht ein zweites Mal zum Erröten zu bringen. (Spätestens jetzt sollte übrigens klar werden, dass Annie in Bezug auf Laura gewisse erotische Gedanken hegte, die sich später in Liebe entwickeln sollten.)
Die Macht der Verlegenheit pulsierte in Annies Kopf und hielt sie dazu an, sich mit der Rolle der Pianistin zufrieden zu geben. Laura nickte erleichtert, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, dass die Seele ihres ersten Bandmitglieds im Begriff stand, emotional zu explodieren – denn hätte sie die Gefühle Annies erahnt, hätte sie nicht gezögert, diese zu ihrem Vorteil auszunutzen. «Wie geht's nun weiter?», fragte Annie mit der Herzlichkeit eines Roboters. Sie hatte Angst davor, mit einem allzu menschlichen Tonfall ihre zu überschäumen drohende Erregung preis zu geben.
«Wir gehen schlafen», erwiderte Laura. Ihre Intuition sagte ihr, dass sie soeben von der Geisel zur Chefin aufgestiegen worden war – eine alles andere als unbefriedigende Karriere. Ihr Blick fiel auf Versager, der noch immer planlos auf dem Boden herumtollte und sich für ein so fetter Kater erstaunlich graziös bewegte. «Ich werde auf keinem Fall auf dem Boden neben diesem Ding übernachten», sagte das Töchterlein prompt.
«Das wirst du auch nicht tun müssen», meinte Annie zuvorkommend. Selbst dem naivsten Zeitgenossen hätte auffallen müssen, wie seltsam nett sich die Brünette verhielt, doch so lange Laura bedient wurde, waren ihr die Gründe dafür vorerst egal. Annie war gerade dabei, mit der Geste eines weiblichen Gentlemans auf das Bett zu deuten, als sich ihr Ego erhob und sich zu Wort meldete. «Du kannst doch nicht dieser arroganten Tusse das Bett anbieten!», sagte es, «Wo bleibt Annie Saveronts Bett, hä? Zeig diesem Mamakind gefälligst, aus welchem Holz ehemalige Gefängnisinsassen geschnitzt sind!»
Ihr Ego hatte Annie beinahe schon überzeugt, da regte sich ihre Leidenschaft, um der Diskussion beizuwohnen. «Du kannst ein so engelsgleiches Wesen doch nicht auf dem blanken Boden übernachten lassen», warf sie energisch ein, «Ein derart wohlgeformter Hintern muss auf Seide gebettet werden!» Dieses sinnlose Streitgespräch wurde Annies Logik schliesslich zu bunt; sie räusperte sich und sprach ein Machtwort. «So schwierig ist das nun auch wieder nicht, mein sehr verehrtes Ego und meine liebe Frau Leidenschaft», meinte sie gewichtig, «Damit ihr alle beide zufrieden seid, schlage ich vor, dass Annie zusammen mit Frau Duburois im selben Bett übernachtet.»
Auf die Logik kann man immer zählen. Zufrieden gab Annie ihrem eigenen Verstand recht. «Wie wäre es, wenn wir zusammen in einem Bett übernachten?», fragte sie zittrig. Ihr Ego hatte wohl doch den Kürzeren gezogen, denn die Leidenschaft arbeitete auf Hochtouren und trieb ihre Schweissdrüsen zu Höchstleistungen an.
«In einem Bett?», wiederholte Laura skeptisch, denn sie hatte Annies Playboy und ihre Bemerkung dazu nicht vergessen. Schliesslich aber zuckte sie vage mit den Schultern. «Was soll's?», murmelte sie, «Solange ich nicht neben diesem Geschöpf schlafen muss.» Versager gähnte demonstrativ und trollte sich unter das Bett – sehr zum Unbehagen von Laura.
«Mach dir nichts draus», sagte Annie, die Lauras angeekelte Miene richtig deutete, «Egal, was du machst, nach zehn Minuten springt er eh nach oben, um mit mir zu kuscheln.» Seltsamerweise schien das die Blonde überhaupt nicht zu beruhigen. Sie liess sich auf den schlichten Bettbezug fallen und stöhnte auf. «Muss die Geschichte der beliebtesten Popband der Welt ausgerechnet in diesem Raum beginnen?», fragte die Reiche deprimiert.
«Das ist doch toll», meinte Annie und liess sich neben ihre Freundin fallen (zum jetzigen Zeitpunkt ist es durchaus legitim, Laura «Freundin» zu nennen), «Klingt nach einer klassischen Erfolgsgeschichte»
«Mit dem Unterschied, dass diese hier nicht erfunden ist», gähnte sich Laura in den Schlaf.
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