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von Carla Harling    erstellt: 09.03.2009    letztes Update: 14.03.2009    Geschichte, Romanze / P16 Slash    (fertiggestellt)
Tagchen!

Strange Fantasy ist zurück! Ich hab das Projekt zwar auf Eis gelegt, dennoch will ich die ersten drei Kapitel um die sechs coolen Mädchen nicht weiter vor sich rum stauben lassen. Deshalb viel Spass beim Lesen. Übrigens: Ein Name in dieser Geschichte wird dem einen oder anderen von euch vielleicht bekannt vorkommen. Diese junge Frau hier kommt aber eher nach unserem kleinen Andromedachen ;)

PS: Danke an LiLaLE für's Betalesen vor ungefähr einer Million Jahren :D


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Ouvertüre – ein instrumentales Stück zur Einleitung einer Oper

Es gibt viele chaotische Plätze auf dieser Welt, doch nicht einmal der wildeste Ameisenhaufen kann sich mit dem klassischen Gedränge in einem Kleiderladen messen. Dies ist der Ort, an dem sich Kunden durch unzählige Ständer und Wühltische drängen müssen, als würden sie an einer Dschungelexpedition teilnehmen – mit dem kaum nennenswerten Unterschied, dass sich ihnen keine Büsche und Blätter in den Weg stellen, sondern hässliche Jacken und altmodische Jeans. Traditionsgemäss werden Kleiderläden von Frauen bewohnt. Dies führt dazu, dass der allgemein erträgliche Lärmpegel um ein Vielfaches überschritten wird, nicht unmassgeblich unterstützt von den nervigen Popsongs, die angeblich zur Unterhaltung abgespielt werden. Die Verkäuferinnen in solchen Läden sind selten geduldiger als ihre Kunden, was ein enormes Potential für Streitereien und Verletzungen mit sich bringt.

Unsere Geschichte beginnt mit einer Verkäuferin namens Annie Saveront. Annie war eine junge Frau Mitte zwanzig, die in chronologischer Reihenfolge eine Geburt, einen Geschlechtsakt, eine Abtreibung, eine Scheidung, einen Überfall, eine Schiesserei und einen Gefängnisaufenthalt hatte über sich ergehen lassen müssen. Sie konnte auf dunkelbraunes Haar, eine Narbe an der Wange und eine zweifelhafte Ausbildung zurückgreifen – all dies liess die Tatsache, dass sie in einem renommierten Modegeschäft eingestellt worden war, wie ein Wunder, oder zumindest wie einen grotesken Zufall erscheinen. In Wirklichkeit aber war dies völlig bedeutungslos, denn an jenem verhängnisvollen Abend nahmen Annies beruflichen Pläne mehrere überraschende Wendungen.

Wie an jedem Arbeitstag konzentrierte sich Annie darauf, so wenig wie nur irgend möglich zu tun, ohne dass es ihrer Chefin – in diesem Fall eine mütterliche alte Dame namens Charlotte – auffallen konnte. Gestresst hastete sie durch das ganze Gebäude und tat so, als müsse sie etwas wahnsinnig Wichtiges mit der grässlichen Bluse in ihrer Hand anstellen. Dies war eine unheimlich gute Taktik, um wirklicher Arbeit aus dem Weg zu gehen, aber schlussendlich muss man sich doch fragen, ob wirkliche Arbeit nicht angenehmer ist.

In Annies gewissenhaften Bestrebungen, nichts zu tun, traf sie urplötzlich auf ein Hindernis. Sie rempelte eine Kundin an, die mit einem öligen Aufschrei auf den Boden fiel und von einem Rock in der Grösse eines Segels begraben wurde. Annie blickte sich um, sah jedoch niemandem, dem sie die Schuld dafür in die Schuhe schieben konnte. Also musste sie sich wohl oder übel dazu herablassen, ihre eigene Suppe auszulöffeln. Sie reichte der Kundin die Hand und hievte sie nach oben.

Annie kannte die Frau, deren Kopf unter dem Rock zum Vorschein kam. Ihr Name war ebenso eklig wie edel; Laura Duburois. Sie war die Tochter eines arroganten Musikproduzenten und eine Stammkundin in Charlottes Geschäft. Annie hasste diese Person, denn alles an ihr – von den blonden Haarspitzen bis zu den teuren Stiefeln – verlieh ihr die Wirkung eines eingebildeten und stinkreichen Töchterleins. Und das völlig zu Recht.

«Es tut mir leid», sagte Annie, doch ihr Tonfall hätte nicht weniger entschuldigend sein können.

Laura schenkte der Verkäuferin ein mildes Lächeln, während sie die Flausen von ihrem Markenmantel schnippte. «Kein Problem», quiekte sie, «Tatsächlich kommen Sie mir sehr gelegen. Ich hätte da nämlich eine Frage.»

Annie stöhnte innerlich auf, denn sie kannte die Angewohnheiten der Blonden nur zu gut. In Charlottes Geschäft gab es nur eine einzige Goldene Regel: lasse dich niemals auf ein Gespräch mit Laura Duburois ein! Und sie musste festellen, dass die Regel nicht umsonst golden war; die besagte eine Frage vermehrte sich nämlich wie ein Rudel Kaninchen und bald schon konnte sich Annie vor Fragezeichen nicht mehr retten. Laura wollte nicht nur wissen, welche Schuhe im Geschäft sie am bequemsten fand, sondern auch, ob sie in diesem oder jenem Oberteil zu dick, zu dünn, oder aber zu normal aussehen würde. Kurzerhand wurde Annie zum Laufburschen abkommandiert und musste quer durch das Geschäft rennen, um Laura Mäntel, Röcke, Blusen, Socken, Slips, BHs, Taschentücher, Drinks und Magazine zu besorgen. Schliesslich trabte sie wie ein dunkler Schatten hinter dem Töchterlein her, in ihren Armen ein beunruhigend hoher Turm aus Stofffetzen.

«Ich denke, ich habe alles», strahlte Laura. Annie antwortete nicht, da ihr Gesicht von einer Lawine aus Kleidern erdrückt wurde. Wie sie so hinter der Reichen her torkelte, verzweifelt darauf achtend, kein heilloses Durcheinander zu verursachen, keimte Groll in ihr auf; am liebsten hätte sie diese Laura Duburois unter dem tonnenschweren Haufen ihrer eigenen Einkäufe erstickt. Doch ein Sekundenbruchteil später hatte sie eine andere, viel bessere Idee. Dies war die erste der erwähnten beruflichen Planänderungen.

«Sind Sie sich auch sicher, ob Ihnen all das passt?», erklang Annies gedämpfte Stimme unter dem Kleiderhaufen. «Ich an Ihrer Stelle würde einiges davon erst anprobieren. Wir wollen doch nicht, dass Sie Ihr Geld umsonst ausgeben.» Verzweifelt spuckte Annie eine Socke aus, die es sich in ihren Mundhöhlen etwas zu gemütlich gemacht hatte.

«Sie haben Recht», erwiderte Laura zuvorkommend, als ob ihre Zustimmung für Annie eine Ehre zu sein hätte. «Nicht, dass ich es mir nicht leisten könnte» – sie kicherte wie ein kleines Mädchen – «Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, nicht wahr?» Gemeinsam bahnten sich die Frauen einen Weg zu den Umkleidekabinen und wählten für Laura ein besonders grosses und luxuriöses Exemplar. (Nur die wenigsten Leute wissen, dass es für die Stammkunden eines Geschäfts immer eine besondere Kabine gibt, die geschickt vor Normalsterblichen versteckt wird.)

Nachdem das Töchterlein die Kabine betreten hatte, rettete sich Annie vor dem sicheren Erstickungstot, indem sie den textilen Stapel in eine Ecke pfefferte. Keuchend versuchte die Verkäuferin, die flauschigen Fuseln von ihrer Zunge zu streichen, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. «Könnten Sie mir vielleicht die weissen Hosen reichen?», fragte Lauras zuckersüsse Stimme. Annie liess ihren Blick über den Müllhaufen aus Stoff kreisen, doch nirgends war ein weisser Fleck zu sehen. Alle Einkäufe Lauras waren in einem rosa Ton gehalten. Selbst die Socken, die Annie im Mund gehabt hatte, schimmerten in dieser kitschigen Farbe.

Frustriert griff Annie in ihre Hosentasche und zog etwas hervor, das ganz und gar nicht zur üblichen Ausrüstung einer Verkäuferin gehört; eine silbrige, funktionsfähige Pistole. Nicht zu unrecht wird man sich fragen, wozu Annie den lieben langen Tag eine Waffe mit sich trägt. Tatsache ist aber, dass man eine Pistole immer gebrauchen kann – nicht nur aus praktischen, sondern vor allem aus ästhetischen Gründen.

Annie konnte von Glück reden, dass die Mutter neben ihr so beschäftigt damit war, ihren Sohn in einen viel zu engen Pullover zu zwängen, ansonsten wäre sie wahrscheinlich angezeigt worden und hätte den Rest ihres Lebens in einem Hemd mit grässlichem Streifenmuster verbringen müssen. Vollkommen unbemerkt also entsicherte sie die Waffe, schob den Vorhang der Kabine zur Seite und hielt den Pistolenlauf gegen Lauras Kopf. Diese schnappte erschrocken nach Luft, wollte etwas sagen, wurde jedoch sofort unterbrochen. «Ein einziges Wort von Ihnen, und ich laufe Amok!», zischelte die Verkäuferin.

«Tun Sie das nicht bereits?», wagte Laura zu fragen. Annie schnaubte, trat in die Kabine und riss den Vorhang wieder zu. Mit einer dämonischen Miene beugte sie sich zur Blonden hinunter. Ihr bösartiger Blick litt jedoch unter der Erkenntnis, dass sich die blonde Frau bis auf die Unterwäsche ausgezogen hatte. Sie konnte ihre Verlegenheit nur mit Mühe verbergen. Laura grinste hämisch. «Sie können ruhig zugeben, dass Sie mich nur nackt sehen wollten.»

«Solche idiotischen Bemerkungen sind es, die meinen Zeigefinger nervös machen», gab Annie scharf zurück. Laura lachte leise. «Das ist doch nicht etwa Ihr Ernst? Wenn ich jemanden umbringen würde, dann würde ich das an einem etwas stilvolleren Ort als in einer Umkleidekabine tun.»

«Sie haben verdammt Recht», keifte Annie, «Los! Raus hier!»

«Darf ich mir vielleicht noch was anziehen?»

«Natürlich», erwiderte Annie wohlwollend, «Aber die Fummel draussen lassen Sie gefälligst liegen.»


******


Die Poesie sollte die Welt verschönern und verändern, doch letzten Endes ist sie kaum mächtiger als das Summen einer Eintagsfliege. Keine Sau interessiert sich für das Leben von Künstlern, doch wenn irgend ein gestörter Diktator die Macht ergreift, sind sie die ersten, die sterben. Nur wenn sie zum Zeitpunkt ihres Todes bemerkenswert jung oder schön sind, dann werden sie zu Legenden.

Genau daran hatte Simone Krawus gedacht, bevor sie ihre Wohnung verlassen, die Tür verriegelt und sich auf eine möglichst hohen Brücke über einem möglichst reissenden Fluss gestellt hat. Um der Dramatik Willen wehte eine zaghafter, kalter Wind und brachte ihre pechschwarzen Haare zum Wehen. Simone hätte sich ja schon einen Tag früher umgebracht, doch gestern war die Nacht schwül und wolkenleer gewesen – keine gute Szenerie für einen Suizid. Der Regen wollte sich nicht mit Simones Sinn für Romantik anlegen, und so begann er zu fallen. Die zaghaften Tropfen aus dem Himmel hatten keine Chance gegen die wilden Wasserpartikel des Flusses und wurden gnadenlos verschluckt.

Simone Krawus hielt sich für hässlich. Ihr einziger Weg zur Legende war der Tod. Sie wollte sterben, weil sie jung sterben wollte. Ihre Gedichte lagen auf dem Schreibtisch. Die Chance, dass ein Kunstkritiker sie finden würde, stand recht hoch. Zumal sie um die hundert von ihnen angerufen hatte. Ein schüchternes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie sich an der Brüstung hoch zog.

Die junge Frau mit Hang zur Melancholie wäre mit Sicherheit ertrunken, wäre nicht zufällig an der selben Stelle und zur selben Zeit ein heiteres Mädchen namens Beatrice Peeks Spazieren gegangen. Beatrice sah zwar nicht direkt wie ein Hippie aus, doch im Vergleich mit der dunkel gekleideten Simone wirkte sie wie das menschliche Pendant eines exotischen Papageis; in ihren braunen Haaren steckten Spangen und Schleifen wie bunte Kugeln an einem Weihnachtsbaum. Ihre Kleiderwahl war absichtlich so schrill und unpassend wie möglich ausgefallen. Beatrice war ein bekennender Fan von Komplementärkontrasten.

Das Seltsamste und Schönste an Beatrice war jedoch die Gitarre, die sie über ihre Schulter geschnallt hatte. Das Instrument war beschmiert mit der infantilen Zeichnung einer Berglandschaft. Simone fragte sich, ob die Unbekannte das verbrochen hatte, oder ob die Gitarre einem Vierjährigen mit Fingerfarben in die Hände gefallen war. Beatrice spielte unermüdlich die selbe, langweilige Akkordabfolge, doch es lag so viel Hingabe in der Bewegung ihrer Finger, dass Simone nicht darum herum kam, gerührt zu sein – wie bereits erwähnt, sie war eine Romantikerin. Also stieg die Schwarzhaarige von der Brüstung und sah die Unbekannte verwundert an. Sie konnte doch nicht aus dem Leben scheiden, ohne zu wissen, was diese Verrückte mitten in der Nacht ausgerechnet hier tat.

Eine Weile lang betrachtete Simone, wie die Kleine herumhüpfte, sang und zupfte. Beatrice verbeugte sich vor einem imaginären Publikum. «Was tust du da eigentlich?», fragte Simone schliesslich. Beatrice schreckte hoch und kniff die Augen zusammen, als wäre ihr die selbstmordgefährdete Dame erst jetzt aufgefallen.

«I'm singing in the rain!», erwiderte Beatrice in einer grauenhaft schrägen Melodie. Sie lächelte ein Lächeln, das selbst den härtesten Gletscher erweicht hätte. «Do you speak English?» erkundigte sich Simone unsicher.

«Pardon?», sagte Beatrice beiläufig. Einer ihrer unsichtbaren Fans überreichte ihr soeben eine rote Rose. Die Braunhaarige bedankte sich und unterschrieb eine gedachte Autogrammkarte. «Est-ce que vous parlez française?», fragte Simone verzweifelt. Wenn die Fremde nun «¿Cómo dice?» gesagt hätte, wäre ihr der Geduldsfaden endgültig gerissen, doch dankenswerterweise blieb es bei einem simplen «Wie bitte?»

«Nichts», flüsterte Simone vollkommen perplex. Sie war noch nie gut darin gewesen, zwischenmenschliche Kontakte zu pflegen, doch es war ein Armutszeugnis, nicht einmal mit einer ganz normalen Verrückten ein sinnvolles Gespräch führen zu können. Simone wusste mittlerweile zwei Dinge über Beatrice Peeks. Erstens; sie war nervig. Zweitens; sie hatte nicht mehr alle Dornen an der Rose. Doch während sie so in ihr gutmütiges Gesicht blickte, gesellte sich ein dritter Punkt zu den anderen beiden; sie war eigentlich ganz niedlich.

Beatrices Wesen hätte Simone an sich selbst erinnert, wäre sie nicht um ein Vielfaches depressiver, introvertierter und intelligenter gewesen. Sie wusste, was sie von der Welt zu erwarten hatte. Nämlich nichts.

«Spielst du ein Instrument, Schwarzschopf?» Die Verrückte torkelte mit ausgestreckten Armen auf Simone zu, die nicht anders konnte, als Beatrice mit einem Zombie in Hippie-Kluft zu vergleichen. Wie jeder vernünftige Mensch, der einen Zombie in Hippie-Kluft sieht, wich Simone zurück. Sie drückte sich gegen die Brüstung, als würde sie einem wilden Bären gegenüberstehen. In ihrem Kopf manifestierten sich die möglichen Schlagzeilen der morgigen Zeitungen: «Die grossartige Lyrikerin Simone Krawus wird von wild gewordenem 68er-Zombie zerfetzt», oder – schlichter, aber ebenso effektiv – «SIMONE KRAWUS TOT».

Simones irrwitzigen Wahnvorstellungen erstarben, als Beatrices Haut die ihre Berührte. Die Verrückte hatte mit ihren Händen liebevoll das Kinn der Schwarzhaarigen umfasst. Die Situation erinnerte Simone frappierend an eine klassische Filmszene. Und erneut lief ihre Fantasie Amok. Sie sah sich selbst und die Verrückte, wie sie sich küssten – zuerst an einem glasklaren Bergsee, dann auf dem stürmischen Mount Everest und zuletzt auf einer schaukelnden Wippe. Alle drei Szenen liessen Simones Herz einen übermütigen Hüpfer machen. Nicht etwa, weil sie sich in die Verrückte verliebt hatte, sondern weil sie sich seit ihrer Kindheit keinen Kuss mehr vorgestellt hatte. Und es war absurd und ermutigend zugleich, dass so schöne Gedanken kurz vor ihrem Selbstmordversuch Gestalt angenommen hatten.

«Ich hab mal Ukulele gespielt», flüsterte Simone vollkommen ausser sich.

«Ukululala», wiederholte Beatrice schwärmend, «Was für ein toller Name für ein Instrument. Möchtest du es mir zeigen?»

«Eigentlich hatte ich noch was vor», entgegnete sie unschlüssig.

«So, was denn?», drängte die Gitarristin. Sie sah aus wie ein kleines Mädchen, das von ihrer Mama wissen wollte, ob sie denn wirklich vom Storch auf die Welt gebracht worden war.

«Ich wollte mich umbringen», erwiderte Simone.

Auf Beatrices Stirn bildeten sich skeptische Falten. «Strange», nuschelte sie verwirrt, «Womit die Menschen ihre Zeit totschlagen.»

«Ich finde es eine sehr gute Beschäftigung», warf der Schwarzschopf ein.

«Unsinn!», meinte Beatrice, «Wenn du dich jetzt umbringen würdest, würdest du zahlreiche andere Chancen zum Selbstmord verpassen.»

«Was redest du da für einen Stuss?» Ungläubig schüttelte Simone den Kopf.

«Denk doch mal nach!», sagte die Verrückte, «Du kannst dich auch dann noch umbringen, wenn du wirklich stirbst.»

Ein seltsames Argument. Doch Simone Krawus würde darüber nachdenken müssen.


******


Die Wissenschaftler haben jeglichen Sinn fürs Schöne verloren. Verzweifelt klammern sie sich an die Kausalität und versuchen das Wesen des Lebens zu verstehen. Doch wenn irgendwann in den nächsten zehn Jahren die Ausserirdischen einfallen, werden uns unsere Tele- und Mikroskope auch nicht vor dem Tod bewahren können. Ein Professor in Neurobiologie stirbt ebenso sicher am Einschlag eines Kometen wie der dümmste Bettler in der dunkelsten Gasse der dreckigsten Stadt auf Erden.

Dies alles ging Evalie Marcallus durch den Kopf, als sie mit einem offiziell anmutenden Umschlag durch einen friedlichen Park schlenderte. In dem Umschlag befanden sich die Ergebnisse ihrer Abschlussprüfung, doch die hoch gewachsene Frau hatte bereits errechnet, wie sie abgeschnitten hatte; Sie war die beste Schülerin in der hunderteinundzwanzigjährigen Geschichte ihres Gymnasiums. Evalie hätte Physik studieren, sie hätte bahnbrechende Entdeckungen machen und dafür den Nobelpreis erhalten können. In der Zukunft wäre ihr Name neben denen von Marie Curie und Lise Meitner gestanden. Die Schwarzhaarige wäre unsterblich geworden, hätte sie sich nicht auf eine Parkbank gesetzt, die Testergebnisse zerrissen und in den überfüllten Mülleimer neben ihr geworfen.

An jenem kühlen Nachmittag schwor sie sich, niemals den Fuss in eine Universität zu setzen. Mit ihrer Entscheidung lenkte Evalie die Geschichte der Menschheit in eine völlig verkehrte Richtung, doch es war ihr scheissegal. Das, was sie jetzt wirklich brauchte, war eine Zigarette. Glücklicherweise war der alte Mann neben ihr ein gutmütiger Kettenraucher, was Evalie einen Glimmstängel umsonst und ein kostenloses Betätigen eines Feueranzünders einbrachte.

Zur selben Zeit, nur eine einzige Parkbank weiter östlich, nahm eine junge Frau namens Bridget Searm Platz. Das braunhaarige Mädchen wirkte wie ein Magnet auf die Blicke männlicher Passanten. Reihenweise traten maskuline Augäpfel aus ihren Höhlen, um die nicht unschönen Rundungen Bridgets fachmännisch zu inspizieren. Diejenigen, die von einer Partnerin begleitet wurden, verdienten sich mit ihrem Verhalten natürlich alle einen wohlgepflegten Tritt in die Weichteile.

Auf Evalies Stirn bildete sich eine pulsierende Ader – denn die Männer, die sich nicht gequält zwischen die Beine greifen mussten, schenkten der Schwarzhaarigen auf der benachbarten Bank entweder überhaupt keine Beachtung, oder aber einen mitleidigen, wenn nicht gar abfälligen Blick. Tatsächlich sah Evalie neben Bridget wie etwas aus, das sofort recycelt gehörte. Eigentlich interessierte sich Evalie nicht dafür, was andere von ihr hielten. Nur die Tatsache, dass ihre Mitmenschen dachten, ihre Meinungen hätte eine Bedeutung, brachte sie zur Weissglut.

So steif wie ein acht Tage alter Kräcker wandte Evalie ihren Kopf nach rechts. Bridget, die Quelle ihres Unmuts, leerte soeben ihre Umhängetasche. Zum Vorschein kamen zerknitterte Geldscheine, unzählige halb aufgebrauchte Labellos, glitzernde Ketten und Ringe, spitzenbesetzte Unterwäsche, CD-Hüllen mit dazugehörigem Inhalt, auf buntem Papier geschriebene Briefe, leere Bierdosen und ein Kuscheltier in Form eines dicken Elefanten. Nachdem sie all dies auf den roten Latten der Bank ausgebreitet hatte, fixierten sie mit ihren schwarz umrandeten Augen Evalies Zigarette.

«Hast du Feuer?», wollte sie wissen. Evalie legte ihren Kopf in den Nacken und gab sich dabei alle Mühe, so gelangweilt und unfreundlich wie möglich zu wirken. «Wofür?», fragte die ehemalige Schülerin. Ihre Stimme machte unmissverständlich klar, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt dafür war, sie nach Feuer zu fragen – beziehungsweise sie überhaupt anzusehen. «Wenn ich keins bekomme, wirst du es nie erfahren», antwortete Bridget. Ihre Lippen umspielten ein Grinsen, das Evalies Adrenalin in die Höhe trieb.

Mit einer verschwenderischen Portion Widerwille beugte sich Evalie zum alten Kettenraucher, der Bridget freundlich seinen Feueranzünder anbot. Diese nahm ihn dankend entgegen und legte ihre Habseligkeiten auf den Mülleimer zwischen ihr und Evalie. Bridget entfachte den Feueranzünder und hielt ihn wie eine Olympische Fackel in die kühle Höhe. Das Haargel, das Bridgets Frisur wie eine Schutzkapsel umgab, glänzte fröhlich im Licht des silbernen Anzünders.

Mittlerweile hatten sich auch einige weibliche Augenpaare auf Bridget gerichtet. Sogar der kurzsichtige Kettenraucher beugte sich unter enormen Kraftaufwand nach vorne, um nichts Wichtiges zu verpassen. Bridget hingegen musterte den Mülleimer, als wäre er der Schrein eines legendären Maya-Gottes. Mehrere Herzschläge verstrichen, bis Bridget den Feueranzünder schliesslich auf den Mülleimer fallen liess. Dessen Inhalt fing sofort Feuer; die Geldscheine verschrumpelten zu wertlosem Papier und die CDs und Ketten verbogen sich zu Formen, die moderne Künstler vor Freude hätten stöhnen lassen. Auch die Partikel von Evalies zerrissenen Notenspiegel lösten sich unwiderruflich in stinkenden Rauch auf.

Die Spaziergänger umschwärmten den Mülleimer wie Geier einen verhungernden Nomaden. In solchen Situationen machen sich tuschelnde Statisten immer gut, deswegen sollen die beiden angeregt murmelnden Hausfrauen unter der hohen Tanne nicht unerwähnt bleiben. Evalie achtete nicht auf die Menschenmenge, sondern starrte wie gebannt auf die Flamme, die sich tänzelnd in die Luft frass. Zwei vorwurfsvolle, pechschwarze Knopfaugen blickten sie an. Einen kurzen Moment lang verlor Evalie die Achtung vor ihrem eigenen Wohlbefinden. Dieser Moment, der kaum länger dauerte als der Flügelschlag eines Kolibris, reichte aus, um Evalies Hand nach vorne entgleiten zu lassen. Sie packte das Kuscheltier Bridgets und zog es aus dem Schrotthaufen, wobei sie sich die Finger verbrannte.

Jeder Mensch hat mehr Geheimnisse als das Universum Sterne, doch ein jeweils einziges dieser persönlichen Mysterien ist um ein Vielfaches peinlicher als alle anderen. Wenn dieses unangenehmste aller Geheimnisse je ans Licht käme, so würde sich dessen Besitzer wünschen, vor Scham wirklich im Boden zu versinken. Das grösste Geheimnis von Evalie Marcallus stand nun kurz vor seiner Enthüllung; die junge Frau vergötterte nämlich Stofftiere jeglicher Art. Dies war auch der Grund dafür, weswegen sie ihre makellose Hand für das Leben eines – jetzt nicht mehr flauschigen, sondern eher verkohlten – Elefanten geopfert hatte.

Erstaunt betrachtete Bridget die rauchende Linke Evalies. «Was sollte das denn?», wollte sie wissen. Anders als man es vielleicht erwarten würde, klang ihr Tonfall alles andere als anklagend. Im Gegenteil, sie war sogar froh, dass ihr Elefant (den sie übrigens heimlich «Stubsi» nannte) das Inferno überlebt hatte. Er erinnerte sie nämlich an eine Zeit, in der ihr Sabber die einzige unanständige Körperflüssigkeit an ihr gewesen war. Bridgets Pupillen hatten anscheinend eine retrospektive Verschwommenheit angenommen, was zumindest Evalies nachfolgenden Worte erklären würde.

«Du machst anscheinend gerade eine tief greifende Veränderung durch.»

«Das machen wir alle täglich, Süsse», erwiderte Bridget überraschend philosophisch «Nur sind diese Veränderungen selten so eindrucksvoll wie die hier.»
 
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