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von StormXPadme    erstellt: 25.02.2009    letztes Update: 04.04.2009    Geschichte, Drama / P16    (fertiggestellt)
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„Cat, Süße, Telefon!“

Katja bemühte sich, nicht die Augen zu verdrehen. Es war ja lieb, dass Gregory ihr ihre dumme Aktion gestern Nacht so schnell verziehen hatte, aber seine zeitweiligen Flirtversuche, mit denen er sich vor seinen Freunden profilieren wollte, wurden langsam lästig. Harmloses Flirten machte nur mit einem ebenbürtigen Partner Spaß, an dem man Worte wie Softbälle abprallen lassen und sich ein wenig geschmeichelt fühlen konnte, wenn man selten und dafür umso ernster gemeint ein liebes Kompliment bekam. Logan und sie hatten diese Kunst perfektioniert. Und sie beide schafften das wohlgemerkt, ohne dass sich irgendjemand in seinem Stolz verletzt fühlte oder gar Angst vor irgendeiner ernsthaften Annäherung zwischen ihnen beiden haben musste…
Sie speicherte ihre aktuelle Arbeit für Emmas Verwaltungsbüro auf ihrem Laptop ab und stand auf, streckte sich kurz. Die letzten Nächte steckten ihr in den Knochen. Vielleicht war es wieder einmal Zeit für ein ausgiebiges Wellnessprogramm bei den professionellen Masseuren von Frost Ltd.. Sie warf einen kurzen, prüfenden Blick durch das Fenster auf Emmas Cheerleadermannschaft, die das schöne Wetter für ein ausgiebiges akrobatisches Training nutzten und gerade eine schwierige, waghalsig aussehende Pyramide übte. Es war hauptsächlich die Aufgabe der Bodyguards, für die Sicherheit des Anwesens zu sorgen, natürlich, und die vernachlässigten ihre Anweisungen auch keine Sekunde. Wenn man wusste, wo diese sich, nach Emmas Anweisung unauffällig aber stets präsent aufhielten, entdeckte man sie sofort, bei ihren Rundgängen im Schatten der meterhohen Grundstücksmauer oder in einem der schnittigen schwarzen Sportwagen des Anwesens, darauf wartend, einen der Schüler zu eskortieren, mit starrem, unbeweglichen Blick unter ihren Sonnenbrillen hervor. Sie waren immer irgendwo. Trotzdem schadete es auch nicht, wenn die Lehrer ein Auge auf alles hatten. Bei den Mädchen schien alles in Ordnung zu sein, selbst die kleine Lilian, die auch bald zu der Mannschaft gehören wollte, trainierte schon wieder fleißig mit. Sie sah einfach süß aus in diesem noch viel zu langen Röckchen und dem engen weißen Top, das nur zu gut zeigte, dass darunter noch nichts zu betonen war.
In solchen kleinen, ruhigen Momenten wusste Katja doch wieder genau, warum es ihr bei allen anfänglichen Zweifeln bei Emma doch nicht so schlecht gefiel. Sie hatte gestern in ihrer ersten Aufregung völlig überreagiert, das war ihr inzwischen klar. Die nächtliche Minikrise mit Lilian hatte sie daran erinnert, dass sie auch hier in Frost Ltd. Aufgaben und Ankerpunkte hatte, dass sie sich hier nicht einfach aus dem Staub machen konnte, egal, was in Westchester los war. Und Emma war es, die sie daran erinnert hatte, dass die Entfernung sowieso nicht das eigentliche Problem war. Von dem Verhältnis zwischen Scott und ihr durfte sie es jedenfalls nicht abhängig machen, wo sie leben wollte, das wäre nicht nur unprofessionell sondern auch unehrlich gewesen. Die Probleme mit Jean hatte es schon vor ihrem Auszug gegeben. Sie musste diese Sache unabhängig von ihrer Unsicherheit bezüglich ihres Aufenthaltsorts klären. Ihr Ausbruch Gregory gegenüber tat ihr leid, sie war froh, dass sie gleich vorhin daran gedacht hatte, sich zu entschuldigen und sie beide jetzt wieder wie vorher blödeln konnten. „Wenn es schon wieder Emma ist, sag ihr...“

„Nicht Emma. Jemand namens Logan.“ Gregory grinste bis über beide Ohren.

Logan?“ Etwa zwei Zehntelsekunden später hielt Katja das Schnurlostelefon in der Hand. „Hättest du nicht mal früher was von dir hören lassen können? Wir haben uns alle Sorgen gemacht! Jean war halb am Durchdrehen! Wo bist du, verdammt noch mal?“

‚Auf dem Heimweg, also zieht die Vermisstenanzeigen wieder zurück.’ Rauschen im Hintergrund. Das unverwechselbare Geräusch eines gut befahrenen Highways, von Autos, die nur so an der eigenen Maschine vorbeizischten und rasch das Nachsehen hatten. Für seinen zweiten Ausflug nach Alkali Lake hatte Scott Logan ja gnädigerweise wieder ein Motorrad überlassen. Seine waren nun mal die schnellsten im Xavier-Anwesen. ‚Sag den anderen, dass ich die Nacht noch draußen verbringe und morgen da bin.’

Katja fühlte eine noch nicht ganz verarbeitete Wut in sich aufsteigen. Sie war da wohl definitiv die falsche Ansprechperson. „Warum rufst du dann mich an? Solltest du es vergessen habe, ich wohne nicht mehr bei Xavier.“

‚Zieh die Krallen ein, ich hab selber welche.’ Es sollte schroff klingen, aber sie konnte selbst durch das Telefon hören, dass er erschöpft war. ‚Jean hat ihr Handy abgeschaltet, und der Professor würde mir einen Vortrag darüber halten, dass man während des Fahrens nicht telefoniert. Also sag den anderen kurz Bescheid, ja? Alles klar bei dir? Hast du Emma heute schon in Tränen gestürzt?’

Katja musste grinsen. Logan teilte anscheinend die noch sehr… zurückhaltende Meinung der anderen über Emma. Und diese Antipathie beruhte auf schönster Gegenseitigkeit. „Noch nicht. Aber habe ja noch Zeit. Ich besuche euch dann morgen.“ Das hatte sie eigentlich so schnell nicht wieder vorgehabt, zumindest nicht, bevor sie am Telefon kurz mit Scott über diese Sache gestern gesprochen hatte, aber dieses Wiedersehen ging definitiv vor. Vielleicht konnte ihr Logan ja auch bei einem gemeinsamen Glas Gin Tonic den Kopf geraderücken. Er gehörte zu den wenigen, die das beherrschten. „Ich will doch hören, was du herausgefunden hast.“

‚Herausgefunden?’ Der für Logan so typische Zynismus kam nach dem kurzen, freundlichen Geplänkel bereits zurück. ‚Nächstes Mal, wenn der Professor mich für ein paar Tage loswerden will, soll er es mir direkt sagen. Diese Reise war genauso nutzlos wie die erste. Es gibt da oben einfach nichts zu finden. Bis morgen, Cat.’ Er legte auf.

Der erste Fettnapf für heute war damit gefunden. „Ich hab dich auch vermisst“, murmelte Katja, leicht gekränkt. Diese anhaltende schlechte Laune im ganzen Team schlug ihr langsam wirklich aufs Gemüt. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie ihrem ersten Impuls von letzter Nacht doch nachgegeben und ihre Zeit bei Emma vorzeitig abgebrochen hätte, auch wenn ihr das schwer gefallen wäre, weil sie hier nun mal auch einiges zurücklassen würde. Von Scott wusste sie, dass der Professor darüber schon nachgedacht hatte.

Die Angriffe der Bruderschaft auf sie wurden nämlich seit einigen Wochen immer seltener, wie Emma und sie bei einem kurzen Lagegespräch heute morgen festgestellt hatten. Die Gegner waren mit anderen Dingen beschäftigt. Wo Magneto festgehalten wurde, wusste nicht einmal Mystique, und die hatte auch zuviel mit ihrer Rolle als Senator Kelly zu tun. Sabretooth war anscheinend verschwunden, wie Emmas Bodyguards und Späher berichteten, Toad ebenfalls untergetaucht, und der Liquidator hatte sich ewig nicht mehr blicken lassen.

Das traf leider auch auf einige andere Leute zu, die Katja seit ihr Leben in New York begonnen hatte, lieb gewonnen hatte. Der Vater von Angelica, ihrer engen Freundin aus der Universität, war vor ein paar Tagen schwer krank geworden. Völlig überstürzt war Angelica daraufhin zu ihm geflogen, in seine Heimatstadt am anderen Ende des Kontinents, und musste dort auch erstmal bleiben. Das hieß für Katjas und ihren durch die Sache mit Emma sowieso vorerst eingeschlafenen Kontakt, dass sie sich nun noch seltener sehen würden. Das war hart. Ohne Angelica wollte Katja eigentlich gar nicht mehr auf die Uni. Am besten zog sie das mit dem Fernstudium wohl bis zum Ende durch…

Der junge Remy LeBeau war auch nicht wieder aufgetaucht, seit er vor der Bruderschaft in New Yorks Untergrund geflüchtet war, um mit ein paar alten Dingen aus seinem früheren Leben aufzuräumen…
Und dann Hank, Henry McCoy. Der Arzt, der den X-Men schon zweimal in einer brenzligen Situation ausgeholfen hatte, war von der Bildfläche verschwunden. Ororo und Jean, die ihn ja sehr gut von früher kannten, hatten die Vermutung geäußert, dass seine äußerst instabile, animalische Mutation, die er immer wieder mit seinen eigenen Forschungen zu unterdrücken versuchte, zurückgekommen war und er sich deshalb schämte, auf die Straße zu gehen. Bei der unangenehmen Stimmung gegen die Mutanten in der restlichen Bevölkerung kein Wunder.

Die Dingen änderten sich im Moment im Takt von wenigen Wochen, und es war kein Ende abzusehen. Deswegen wollte Katja jetzt auch nichts überstürzen. Sie wollte zuerst die endgültige Erforschung ihrer Kräfte bei Emma beenden und zumindest die wichtigsten Prüfungen in der Uni bestehen. Sie wollte auch sicher sein, dass sie im X-Team kämpfen konnte, ohne ständig die Bruderschaft im Nacken zu haben. Die Dinge mussten klarer werden. Aber im Gegenteil erschien es ihr in diesem Augenblick wieder einmal, als würde täglich alles komplizierter werden.





Am nächsten Tag hatte Emma keine wichtigen Aufgaben für sie, also fuhr Katja nachmittags spontan zum Kunsthistorischen Museum. Scott hatte in einer SMS erwähnt, dass Ororo eine Gruppe Schüler dort unterrichten wollte. Eine etwas unsichere Angelegenheit, weshalb das ganze Team mitkam. Die perfekte Gelegenheit, ein paar Minuten alleine mit Scott zu reden. Also schnappte Katja sich ihr Motorrad und machte sich auf den Weg in die Innenstadt. Es war der erste Ausflug seit langem, den sie ohne Begleitung unternahm. Emma und sie waren überein gekommen, dass man es im Moment riskieren konnte, und es geschah dann ja auch nichts.
Sie brauchte nicht lange, um Jean und Scott in dem hellen, großflächig verglasten Gebäude zu finden.

Die beiden standen in einem Vorraum mit Verkaufsständen und Videodokumentationen, etwas abseits von den anderen. Jean mit einem neuen, sehr flotten Kurzhaarschnitt war nicht zu übersehen. Um genau zu sein, sah sie umwerfend aus mit einem sehr eleganten Make up, figurbetonter Kleidung und dazu passendem Schmuck, der genauso Stil wie Geschmack bewies- zwei Eigenschaften, die Katja trotz Emmas Schulung auf diesem Gebiet definitiv fehlten…

Sie seufzte über ihre eigenen, oberflächlichen Gedanken und gab sich einen Ruck, ging weiter. Nicht nur wegen der Probleme zwischen Scott und ihr wollte sie diese Sache geklärt haben. Auch Jean fehlte ihr. Am Anfang waren sie so gut miteinander klar gekommen… Jean hatte ihr so dabei geholfen, ihre Mutation unter Kontrolle zu bekommen… Stundenlang hatten sie im Wohnzimmer sitzen und genauso über die Arbeit mit den Kleinen wie über einen seichten Kinofilm quatschen können. Katja vermisste diese selbstverständliche Vertrautheit. Emma hatte schon Recht: Einmal über diesen ganzen Mist reden, dann war das hoffentlich vorbei. Sie bemühte sich um ein Lächeln, beschleunigte ihren Schritt- und zögerte erneut. Selten zuvor hatte sie das Gefühl gehabt, bei irgendetwas so sehr zu stören.





Merk dir, wo wir aufgehört haben.
Das war der letzte Satz gewesen, begleitet von einer kühlen, lustlosen Abschiedsgeste, und schon an diesem Morgen vor wenigen Wochen, als Logan wieder einmal aus Jeans Leben verschwunden war, hatte die sicher tröstlich gemeinte Bemerkung eher Bitterkeit hinterlassen. Wo sie sich eigentlich gerade aufgeregt daheim hätte schön machen sollen, am Fenster stehen und sehnsüchtig in die Ferne starren, hatte sie darauf bestanden, mit ins Museum zu kommen, obwohl Ororo ihr angeboten hatte, das auch ohne sie zu schaffen. Im gerade an Tagen wie heute viel zu großen Anwesen wäre sie wahnsinnig geworden. Der Ausflug mit den Kleinen lenkte sie ab, und sie musste sich nicht ständig fragen, wo die Vorfreude auf das Ende einer kurzzeitigen Trennung blieb. Wenn es denn das Ende gewesen wäre. Wenn sie nicht bereits aus einer reichlich kurz abgefassten SMS aus Frost Ltd. bereits gewusst hätte, dass Logans Mission erneut erfolglos ausgegangen war und sein Aufenthalt in Westchester damit wieder nur den Charakter einer Durchreise hatte.

Er würde es ein paar Wochen, vielleicht Monate aushalten, ihr zuliebe, aber irgendwann würde ihn die Unruhe erneut lostreiben, der eiserne Wille, endlich seine Vergangenheit wiederzufinden. Nachdem Alkali Lake eine kalte Spur gewesen war, vermutlich diesmal völlig ohne jeden Anhaltspunkt. Eine Reise, die Jahre dauern mochte… Logan mit seiner stark verlangsamten Alterung musste sich um solche Zeitspannen nur marginal Gedanken machen. Jean war nicht gewillt, ihr halbes Leben mit der Ungewissheit zu verbringen, wo er war, wann er wiederkommen würde. Sie hatte ihm das gesagt, aber so richtig war er eigentlich nie auf diese Warnung eingegangen. Er wollte wohl nicht darüber nachdenken. Vermutlich passte das nicht in sein unkompliziertes Konzept einer Beziehung zu einem treuen Weibchen, das daheim auszuharren hatte, während er jagen ging... Er hatte zu lange alleine gelebt, um sich so schnell daran zu gewöhnen, dass da jetzt jemand war, der auch in seinem Denken gehört, in seine Handlungen mit einbezogen werden wollte.

Manchmal wünschte sich Jean, es wäre so einfach mit ihm zu kommunizieren wie mit Scott damals. Aber dazu hatten sie beide zuwenig Zeit miteinander verbracht, kannten sich einfach noch zuwenig. Freuen hätte sie sich also eigentlich sollen, dass sie ab heute wieder Zeit mit ihrem Partner verbringen konnte, aufholen, was sie während seiner Abwesenheit versäumt hatten. Doch der Schatten der Unsicherheit, wie lange das Glück diesmal anhalten würde, blieb.
Ein fragender Seitenblick ließ sie mit einem beschwichtigenden Lächeln zu Scott hinsehen. Er schien ihre traurige Unruhe gespürt zu haben, er war immer so besorgt um sie letztens. Ihr Verhältnis hatte den Dämpfer wegen ihrer Trennung überstanden, hieß das wohl, und war im Grunde sogar enger als früher. Der Ärger wegen Kleinigkeiten, an denen man sich störte, blieb aus, und der krampfhafte Versuch, es einander recht machen zu wollen, damit bloß kein Streit entstand. Jeans Lächeln wuchs in die Breite, als sie Scott da ganz vertieft in diesen süßen Cartoon stehen sah. Er konnte so ein Kindskopf sein… Das war der Ausgleich, den er zu seinem sonst so vorbildhaften Auftreten brauchte. Eigentlich war es charmant, aber vor ein paar Monaten hätte sie ihn vermutlich noch getadelt, weil er Ororo allein die ganze Arbeit machen ließ. Dabei kam die mit Charles an ihrer Seite gut zurecht, so groß war die Schülergruppe heute auch nicht. Da konnten sie beide sich ruhig ein paar Minuten Auszeit erlauben. Bei der Sache waren sie sowieso nicht. Scott vermisste Flashwind, und sie selbst… viele Dinge. Warum mussten ihr Leben nur so kompliziert sein?
Sie hatte diesen rauen, unberechenbaren Kerl an ihrer Seite doch eigentlich gern, über alle Maßen, vermutlich liebte sie ihn sogar schon ein wenig, sonst hätte es nicht so geschmerzt, wenn er sie allein ließ. Soviel gegenseitige Anziehung, soviel Faszination… und sowenig, das sie über ihn wusste. Wie auch? Er wusste ja selbst nichts.
Diese Situation war ihr fremd. Scott hatte sie in- und auswendig gekannt, so wie sie auch ihn, und er war nach wie vor derjenige, der immer für sie da war, sie stützte, wenn es ihr schlecht ging. Wie vorletzte Nacht. Es war oft, als hätte es den Bruch zwischen ihnen nie gegeben. Die Gefühle füreinander waren sowieso immer geblieben, daran war es nicht gescheitert. Vielleicht hätten sie damals nur einen Weg finden müssen, der ihnen in ihrer hoffnungslosen Lethargie verborgen geblieben war. Es tat weh, darüber nachzudenken, eben weil die Dinge jetzt ganz anders aussehen könnten, wenn nur irgendetwas damals anders abgelaufen wäre. Und weil Jean sich mit Schrecken fragen musste, während sie sich selbst zuhörte, wann verdammt noch mal sie solche Zweifel an der Sache mit Logan bekommen hatte.
‚Vielleicht, als du bemerkt hast, dass jemand mit deinen Kräften einen hundertprozentig verlässlichen Mann braucht.‘
Es gab innere Stimmen, die hasste sie regelrecht. Schrill, viel zu laut, und sie sprachen immer die Wahrheit aus, so unangenehm sie auch sein mochte. Warum war der Link zu Scott denn sonst nicht einfach verschwunden, wie das hätte passieren sollen, als sie beide auf Distanz gegangen waren? Warum wollte sich so eine Verbindung zu Logan nicht aufbauen? Und warum war sie so wütend auf Logan, der im Grunde genau wie sie nur mit seinen Fähigkeiten zu kämpfen hatte? Schließlich hatte sie von Anfang an gewusst, worauf sie sich einlassen würde.
Sie erkannte sich selbst nicht wieder, vermisste ihre Rationalität, ihr klares Urteilsvermögen, und das störte sie am meisten. Als würde etwas ihre Gedanken verwirren, ihre Konzentration auf ihr kompliziertes Inneres vernebelten, bis sogar ihr Fokus auf ihre Telepathie verloren ging, so wie jetzt, wo sie plötzlich alles zu hören begann. Sie hatte einfach zuviel erlebt seit Liberty Island. Sie hätte eine Auszeit gebraucht, Ruhe, um sich zu sammeln, ihre Energie wiederzufinden… Sie schaffte es ja nicht einmal mehr, ihren Geist abzuschirmen, wenn die fremden Stimmen wie heute so laut wurden, dass Schmerz in ihrem überbelasteten Gehirn explodierte. Und es waren nur hässliche Schwingungen, die sie erreichten. Soviel Ablehnung ihrer Gruppe, ihr selbst gegenüber, soviel unbegründeter Hass… Jeder Satz, vor dem sie sich nicht abschirmen konnte, war wie ein Messerstich an dieser Stelle hinter ihrer Stirn. Ein Überfluss an Eindrücken, der nicht aufhören wollte, so sehr sie versuchte, den Grauschleier ihrer Abschirmung darüber zu legen.
Im Gegenteil. Je intensiver sie das tat, umso lauter wurden andere Stimmen, die aus ihren Träumen, fast noch schlimmer als die abfälligen Bemerkungen von kurzsichtigen, intoleranten Menschen, weil sie diese nicht einordnen konnte. Sie waren nicht real… und doch irgendwie. Nicht einmal die genialsten Mutantenforscher konnten über das geheimnisvolle Phänomen von Visionen verlässliche Angaben machen. Das war eine Sache, das wohl nur Telepathen wirklich nachvollziehen konnten. Jean wünschte sich in solchen Momenten mehr denn je, nicht zu dieser angeblich so begnadeten Gruppe zu gehören. Nicht mit dieser Ungewissheit leben zu müssen, wo diese nie gesprochenen Worte in ihr herkamen, von Leuten die sie seit ewigen Zeiten kannte und die ihr unendlich lieb waren. Warum diese Sätze immer nur nach Angst klangen, nach Verzweiflung, Wut, Hass
Erneut war es Scotts kurze Berührung, die sie in die Gegenwart zurückholte. Oder in die Wirklichkeit. Je nachdem. Er fragte, natürlich, und sie antwortete, sonst hätte er ohnehin keine Ruhe gegeben, sowenig wie möglich natürlich nur. Was nützte es, wenn sie ihn mit Dingen belastete, die nur ein Hirngespinst ihrer überspannten Gefühlswelt waren? Wie hätte sie ihm davon erzählen sollen, ohne ihn in eine Panik zu stürzen, die vermutlich am Ende sowieso unbegründet war? Vermutlich… vielleicht. Es musste einfach so sein... Damit tröstete sie jedenfalls ihr schlechtes Gewissen, weil sie schwieg. Sie hätte einfach die Worte nicht gefunden. Oder wie sagte man seinem Teamanführer, dass man davon träumte, dass einer aus seiner Gruppe bald sterben würde?





Jean sprach sehr leise, aber Katja konnte sie trotzdem problemlos bis zu ihr hinüber verstehen.

Einen Moment lang war sie sicher, Scott würde seine Ex-Verlobte tatsächlich küssen, so wie er sich ihr näherte, aber er beließ es zum Glück bei einer festen Umarmung, mit so tiefer Sorge und Entschlossenheit im Blick, dass sie schon fast an Schmerz grenzte.

Jean weinte, hier, mitten in der Öffentlichkeit, sie stand so völlig neben sich, dass sie nicht einmal zu merken schien, wie die Leute sie anstarrten. Oder wie sie sich an Scott festkrallte, als wäre er der einzige Ankerpunkt in ihrem Leben. Vermutlich war das auch so. Es würde irgendwie immer so sein.

Katja schluckte. Einmal. Noch einmal. Es half nicht. Das zweite Mal innerhalb von 48 Stunden sah sie ein Bild, in das man alles Mögliche hineininterpretieren hätte können und hatte ihre Fantasien einfach nicht unter Kontrolle. Was Jeans Wankelmütigkeit betraf, war sie sich inzwischen sicher, aber Scott… Er hatte sich in den letzten Wochen definitiv verändert, und sie wünschte sich sehnlichst, sie hätte gewusst, woran das lag. Was er wollte, für wen er sich klar entschieden hatte, das bezweifelte sie nicht, sie hätte sonst nicht Ja zu seinem Antrag gesagt. Aber jetzt, wo sie ihn schon wieder so eng, so unendlich vertraut und innig mit Jean zusammen sah, stellte sich ihr so langsam die nagende Frage, ob es auch das Richtige war. Ob sie sich damals nicht alle etwas vorgemacht hatten und er nicht in Wahrheit immer noch sehr an seiner Ex-Verlobten hing. Ob Scott sich auf lange Sicht nicht unglücklich machen würde.
Wenn nicht Ororo dazu gekommen wäre, wäre sie noch am selben Fleck gestanden, wenn die drei schon weg gewesen wären. Sie riss sich zusammen und eilte Richtung Ausgang. Sie spürte, dass sie hier gerade fehl am Platz war. Jean belastete irgendetwas stark, das war klar, da brauchte ihre Freundin jetzt ohne Zweifel den richtigen Gesprächspartner, niemanden, der mit noch mehr Problemen um die Ecke kam.

„Cat?“ Das war Ororos verwunderte Stimme aus der Ferne. „Cat, warte doch!“

Katja hob kurz die Hand, als Zeichen, dass sie den Ruf gehört hatte, hielt aber nicht an. Sie war jetzt nicht in der Stimmung zum Reden, zumindest nicht mit den anderen, nicht gleich.

Als sie ihre Maschine auf dem Parkplatz vor dem Museum erreichte, holte Scott sie ein. „Katja, was sollte das eben?“ Er klang gereizt, überaus gereizt, das Gespräch mit Jean eben schien ihn stark zu belasten. In einer besitzergreifenden Geste stützte er sich auf den Lenker ihrer Honda auf, als könnte er sie so davon abhalten, loszufahren. Als wüsste er nicht genau, wie Katja es hasste, wenn er sie mehr oder weniger subtil zu etwas zwingen wollte. „Willst du mir mit deinem überaus dramatischen Abgang was Bestimmtes mitteilen?“

„Ich wollte nur nicht stören.“ Es war eine wertfreie Feststellung, kein bisschen zynisch gemeint, aber leider verloren Scott und sie immer mehr ihre Gesprächsbasis, was dieses Thema betraf.

Ein fester Griff schloss sich um ihren Unterarm, bevor sie den Schlüssel ins Zündschloss stecken konnte, und zum ersten Mal war ihr eine Berührung von Scott wirklich unangenehm. Es fühlte sich an, als wollte er mit Gewalt etwas eintrichtern, was sie nun mal einfach nicht so unbeschwert und klar wie er sehen konnte. „Willst du jetzt wieder mit diesem Mist wegen Jean anfangen?“

„Keineswegs.“ Jedenfalls nicht auf dieser Basis, wo Scott wirkte, als würde er gleich explodieren, in dieser Haltung mit vorgeschobenen Schultern und aggressiv arbeitendem Kinn. Katja bezweifelte, dass sie ihm in diesem Moment hätte klarmachen können, was sie störte. Es war auch kaum der richtige Zeitpunkt, Jean zu kritisieren. Katja wollte das in Ruhe klären, nicht mitten auf der Straße, aber ihr Zaunpfahl schoss leider meilenweit am Ziel vorbei.

„Warum tust du es dann?“

„Vielleicht, weil dieser Mist nie wirklich aufgehört hat.“ Und sie ließ sich doch von seiner aufgebrachten Stimmung anstecken, stieg auf die Debatte ein, die sowieso fruchtlos war. Zuviel hatte sich in ihr angesammelt, das endlich einmal ausgesprochen werden wollte. Sie biss sich fast die Zunge blutig, um sich zu besinnen, dass Scott und sie beide verdammt temperamentvoll sein konnten. Das mochte beim Tanzen ganz nützlich sein, hier war es fehl am Platz.
„Vergiss es einfach, okay?“ Sie stieg auf und starrte äußerst konzentriert ihren schwarzsilbernen Helm an. „Ihr habt da Dinge zu besprechen, so wie ich das sehe, und ich muss ein wenig allein sein. Wir sehen uns später in Westchester. Ich hab Logan versprochen, da zu sein.“ Als er ihr wieder eine Hand auf den Arm legte, musste sie jetzt wirklich dem Reflex widerstehen, ihn einfach wegzustoßen. Sie hasste es, wenn sie so gedrängt wurde. „Lass mich bitte, Scott.“

„Katja, Jean geht es verdammt schlecht, sollte dir das entgangen sein. Du verhältst dich gerade ziemlich albern... und nicht gerade fair. Jean und Ororo sind meine Familie, die einzige, die ich außer dir habe.“ Wieder derselbe Gesichtsausdruck wie vorhin, als er seine Ex-Verlobte umarmt hatte. Tief bestürzt, fast ängstlich. Unglaublich hilflos.

Katjas Widerstand schmolz. Seufzend beugte sie sich über den Lenker, näher zu Scott hin, damit wenigstens nicht mehr die halbe Straße mitbekam, dass sie stritten. Jeans Rosenparfum stieg ihr in die Nase, sie musste sich bemühen, nicht zurückzuzucken. Auch wenn sich inzwischen ein gewisser Gewöhnungseffekt eingestellt hatte, es war einer dieser Tage, wo sie sich sehnlichst wünschte, Scott in die Augen sehen zu können. Sie konnte umgekehrt nur hoffen, dass er ihr sehr wohl ansehen würde, dass ihre Bedenken nicht in seine Richtung abzielten. „Ich soll dich verstehen, dann will ich auch verstanden sein. Ihr wart jahrelang zusammen. Erwarte nicht von mir, dass ich das einfach vergesse.“

„Ich liebe dich, Katja.“ Das klang ehrlich, und das war ehrlich gemeint. Diese Tatsache bezweifelte sie ja auch nicht.

„Ich weiß.“ Sie startete ihre Maschine, mit Tränen kämpfend. „Und ich liebe dich. Ich hoffe nur, dass das auch genug sein wird. Nicht nur Jean ahnt, dass bald irgendwas Schlimmes passieren wird.“

„Aber sie spürt es am deutlichsten.“ Immer noch machte Scott keine Anstalten zurückzutreten. Er schien fest entschlossen, sie nicht gehen zu lassen, bevor sie seinen Standpunkt teilte. „Du bist im Moment nicht da, Katja. Du siehst sie nicht, wenn sie sich panisch vor Angst in ihrem Bett wälzt. Ich muss wenigstens versuchen, ihr zu helfen.“

„So wie vorletzte Nacht?“ Sie hatte es wirklich nicht sagen wollen, nicht so und nicht jetzt, es rutschte ihr einfach heraus, weil er keine Ruhe gab. Hätte sie gewusst, dass Scott auf diese Bemerkung so heftig reagieren würde, hätte sie sie vermutlich für immer im tiefsten, schwärzesten Winkel ihres Herzens vergraben, vor allem, weil es in Wahrheit weder eine Unterstellung noch ein Vorwurf gewesen war. Nur eine sachliche Feststellung, aber dass ihr dieses Bild vorgestern wehgetan hatte, konnte sie trotzdem nicht ganz aus ihrer bedrückten Stimme heraushalten.

Scott wurde so blass, dass sie für einen Augenblick überzeugt war, er würde gleich umfallen, hier, mitten auf dem Bürgersteig. Es war nicht etwa Schrecken, der ein kurzes, heftiges Zittern durch seinen Körper jagte. Es war Zorn. Jeder einzelne angespannte Muskel, jedes geradezu mit Gewalt hinuntergeschluckte wütende Wort verriet, wie tief er getroffen war. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder, sichtlich mühsam beherrscht, nicht auszusprechen, was ihm auf der Zunge lag. Er stieß sich von der Honda ab, als wäre das Metall plötzlich brühend heiß geworden, straffte seine Schultern in einer übertriebenen Bewegung und wandte sich dann einfach ab, ging zurück ins Museum hinein, ohne sich auch nur noch einmal umzudrehen.

Katja starrte ihm mit einer Mischung aus Schuld und Ärger nach, sekundenlang versucht, ihm nachzugehen, entschied dann aber, das Schlachtfeld ebenfalls zu verlassen, bevor darauf noch mehr Schaden entstand. Es war abzusehen gewesen, dass dieser Streit irgendwann kommen würde, trotzdem tat es verdammt weh, wenn ausgerechnet Scott auf sie wütend war, es war wie eine kalte Schlinge, die sich um ihr Herz zog. Sie liebte diesen Mann verdammt noch mal, sie hasste es, ihm wehzutun. Und sie hasste es, dass sie nichts daran ändern konnte. So gern hätte sie das geklärt, die Sache aus der Welt geschafft, sodass alles wieder in Ordnung zwischen ihnen war… Aber das würde nicht klappen, solange sie beide völlig unterschiedlicher Meinung waren. Und warum sonst sollte Scott das Gespräch einfach abbrechen, wenn an ihren dunklen Ahnungen nicht irgendetwas dran war? Er war gut mit Worten, er hatte sie bis jetzt noch immer von Dingen überzeugen können. Diesmal machte er nicht einmal den Versuch einer Verteidigung. Damit half er ihr nicht gerade, ihre Paranoia loszuwerden. Fest stand jedenfalls, dass während ihrer Abwesenheit in der Mutant High irgendetwas passiert war, das sie einfach noch nicht greifen konnte, das aber schnellstens bereinigt werden musste, bevor ihre Beziehung ernsthaft gefährdet wurde.
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