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von StormXPadme
erstellt: 25.02.2009
letztes Update: 04.04.2009
Geschichte, Drama / P16
(fertiggestellt)
b) bisherige und Nachfolgeteile dieser Serie:
- Pilot: http://www.fanfiktion.de/s/4943da490000161f069003e8
- Teil 1: http://www.fanfiktion.de/s/4947fa690000161f069003e8
- Teil 2: http://www.fanfiktion.de/s/495680680000161f069003e8
- Teil 3: http://www.fanfiktion.de/s/495bb4ff0000161f069003e8
- Teil 4: http://www.fanfiktion.de/s/49734e760000161f069003e8
- Teil 5: http://www.fanfiktion.de/s/4992100f0000161f069003e8
- Teil 7: http://www.fanfiktion.de/s/49dd016a0000161f069003e8
- Teil 8: http://www.fanfiktion.de/s/4a3e2b620000161f069003e8
- Teil 9: http://www.fanfiktion.de/s/4ae1a8930000161f069003e8
- Teil 10: http://www.fanfiktion.de/s/4b757c0b0000161f069003e8
Outtake:
- 'Snow angel (Storm)': http://www.fanfiktion.de/s/4bffe7450000161f069003e8
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Serie: X-Men: Weathered I
Titel: FALL FROM GRACE (#6)
Titelbild: http://i296.photobucket.com/albums/mm194/stormxpadme/art/ffg.jpg
Autor: Storm{X}Padmé
Disclaimer: Alle originalen Charaktere und Elemente gehören Marvel, den Rechteinhabern und allen, die dafür bezahlen. Ich geb sie ja wieder zurück, ich leih sie mir doch nur... Ich tu ihnen auch nicht weh… Jedenfalls nicht sehr *G*.
Universum: Realfilme Teil 1 und 2; Teil 3 schließe ich aus meinem persönlichen Canon aus.
Zeitlinie: kurz vor und während des Films ‚X2‘
Zensur: P-16 (Gewalt, Erotik)
Zusammenfassung: Nach dem Mutantenattentat auf Präsident McKenna stehen die X-Men einem ihrer schwierigsten Kämpfe gegenüber. Jene, die anders sind, müssen sich nun zusammenschließen, um in einer ebenso rasanten wie gefährlichen Schlacht ihr Überleben zu sichern. Eine Extremsituation, in welcher auch Gefühle und Konflikte hervorbrechen, die bis dorthin unter Kontrolle gehalten wurden…
formale Bemerkungen:
- kursive Sätze = Erinnerungen, Träume oder zur Betonung
- Sätze in ‚ ‚-Zeichen = eigene Gedanken, Telepathie oder indirekte Rede
Feedback: Ist nicht nur erwünscht sondern wird auch geknuddelt, abgeschmust, gestreichelt und George genannt :D
X-Men: Weathered I
FALL FROM GRACE
(#6)
FALL FROM GRACE
(#6)
1
Als Ororo Scotts Wohnung an diesem Abend betrat, nach langem Zögern ohne anzuklopfen, weil er darauf sowieso meistens gar nicht mehr reagierte, war es darin stockdunkel, bis auf den Schein einer kleinen Lampe auf dem dunklen Holzschreibtisch vor dem Fenster. Dort saß er, mit dem Rücken zu ihr und sah kaum auf. Wieder einmal korrigierte er Hausaufgaben seiner Schüler statt mit den anderen im Wohnzimmer zu sitzen, bei einem Licht, das seinen von seiner Mutation konstant empfindlichen Augen sicher mehr schadete als nutzte.
„Hey.“ Er nickte ihr kurz zu und wandte sich wieder ab.
„Störe ich?“, fragte sie vorsichtig.
„Wenn du so direkt fragst, ja.“ Scott gab sich Mühe, voll konzentriert zu wirken, aber Ororo konnte seine unordentliche Handschrift auch von der Weite erkennen und sah sofort, dass die kurzen Notizen, die er da machte, in Wirklichkeit nichts mit Mathematik zu tun hatten. „Was gibt’s? Hören Kitty und Jubilee wieder mal zu laut Musik?“
„Nein. Der Platz neben mir auf dem Sofa ist zu leer.“ Ororo legte ihm sanft eine Hand auf eine erschreckend ausgemergelte Schulter. Unauffällig ließ sie ihren Blick durch den Raum gleiten, und das Ergebnis der Musterung fiel nicht befriedigend aus. Scott war eigentlich ein ungemein ordentlicher Mensch. Wenn das breite, edle Metallbett hier drin staubig und nicht gemacht war, Kleidung verstreut auf dem Boden herumlag und sich in der Ecke ein paar leere Flaschen türmten, war das ein verdammt schlechtes Zeichen. Es war richtig gewesen, heute Abend hier zu bleiben, ihrem Partner schweren Herzens ihr Date abzusagen, um sich endlich wieder einmal um ihre Teamkollegen zu kümmern. Das war in den letzten Monaten sträflich zu kurz gekommen, viel zu sehr war sie mit sich selbst beschäftigt gewesen. Das musste endlich ein Ende haben. Jean schlief bereits, die Kinder waren jetzt auch endlich im Bett, und die Jugendlichen waren mit ein paar alten Missionsaufzeichnungen und Nachstellungen aus dem Danger Room versorgt. Blieb nur noch ein Sorgenkind. „Wir vermissen dich. Die Kinder fragen die ganze Zeit nach dir.“
„Ich kann nicht unten sitzen als wäre nichts gewesen. Ich würde die ganze Zeit nur daran denken, dass wir nicht komplett sind. Das hier lenkt mich wenigstens ab.“
Scott legte seine zusammenhanglosen Aufzeichnungen über die Verbesserung des Sicherheitssystems im Xavier-Anwesen beiseite und strich mit einem genervten, fetten Strich einen zugegebenermaßen sehr dummen Fehler in einer Hausaufgabe an. „Marie sollte weniger mit Bobby rummachen und sich mehr auf die Schule konzentrieren.“
„Sie macht das gleiche wie du. Sie lenkt sich ab“, erwiderte Ororo mahnend. „Das braucht sie, jetzt wo Logan und Remy nicht da sind. Unser Cajun hat sie eine Zeitlang von ihrer Mutation abgelenkt, und Logan ist wie ein Vater für sie. Bobby lässt sie vergessen, wie sehr sie die beiden vermisst, darüber sollten wir froh sein.“
„Wie lange? So lange bis er sie zum ersten Mal küssen will und sie ihm seine überschüssigen Hormone aus dem Körper saugt?“, fragte Scott gereizt. „Spätestens dann gehen nämlich die richtigen Depressionen los. Außerdem passen die zwei überhaupt nicht zueinander.“
„Da spricht ein echter Macho“, prustete Ororo, obwohl ihr eine weit unfreundlichere Bemerkung auf der Zunge lag. Soviel Sarkasmus kannte sie von Scott nicht, so war er nie gewesen, seit sie ihn kennen gelernt hatte. Er war gerade auf einem Weg, der definitiv nicht gut für ihn war. Aber sie war nicht die Richtige, um ihm das zu sagen. Das musste der Mann tun, der ihm nach dem Tod seiner Eltern schon von dem ungehobelten Jungen von der Straße zu dem starken Teamanführer gemacht hatte, der er jetzt war. Sie durfte nicht vergessen, dass Scott eine verdammt harte Zeit hinter sich hatte, und die war noch nicht vorbei. Erst die Trennung von Jean, jetzt der räumliche Abstand zu seiner neuen Liebe, den die Bruderschaft ihnen beiden durch ihre gefährlichen Pläne mit Katja aufzwang... Nicht zu vergessen die mutantenfeindlichen Maßnahmen wie die drohende Wiedereinführung der Registrierungsdebatte, die in Washington seit einiger Zeit Thema waren und den Jugendlichen und Kindern genauso wie den X-Men selbst Angst machten. Scott brauchte dringend Ablenkung. „Komm, weg mit dem Heft. Es ist Samstagabend. Was machst du überhaupt hier? Hält Emma Cat jetzt schon zum Wochenenddienst an?“
So unmöglich war das gar nicht. Seit ihr jüngstes Teammitglied zu seinem eigenen Schutz bei der White Queen am anderen Ende der Stadt wohnte, hatte es kaum noch Gelegenheit für Treffen gegeben. Emma hatte schnell Katjas natürliches Talent für die Arbeit mit jungen Leuten entdeckt und spannte sie immer öfter für Aktivitäten mit den Kindern und Jugendlichen in ihrer Schule ein, oft zu den unmöglichsten Zeiten.
Scott nickte finster. „Emma hat ein wichtiges Geschäftstreffen. Sie lässt ihre Schüler ungern unbeaufsichtigt.“
„Das ist eine Ausrede“, sagte Ororo ihm unbarmherzig auf den Kopf zu. „Auf die Kleinen könntet ihr auch gemeinsam aufpassen. Warum bist du nur sowenig dort? Das verletzt Cat, merkst du das nicht? Sie braucht dich im Moment mehr denn je. Das mit Jean letztens hat sie ziemlich mitgenommen. Ihr hättet ihr von dem Link erzählen sollen.“
Scotts Gesichtsausdruck verhärtete sich sofort. „Ich habe genug von dieser dummen Eifersuchtsgeschichte, ‘Ro. Sie muss selbst begreifen, dass es dafür keinen Grund gibt.“
„Sie hat ein paar ziemlich schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht, weißt du.“ Ororo zögerte. Im Detail wollte sie Scott nicht weitergeben, was Katja ihr da im Vertrauen von ihrer letzten Beziehung erzählt hatte. Es war die Entscheidung ihrer Freundin gewesen, dass sie Scott mit alten Geschichten von längst beendeten Liebschaften nicht belasten wollte. Eben weil sie beide genug mit dieser Sache wegen Jean zu kämpfen hatten und weil sie ihm nicht das Gefühl geben wollte, dass sie ihm wegen Fehlern von anderen nicht vertraute. Aber in diesem Fall wäre es wohl besser gewesen, sie hätte ein wenig mehr von sich preisgegeben, denn ob sie es wollte oder nicht: Sich voll und ganz auf Scott einzulassen fiel ihr noch schwer. „Kümmer dich mehr um sie, ja? Das ist im Moment das Wichtigste.“
„Es verletzt sie auch, wenn wir uns treffen.“ Scott lehnte sich im Sessel zurück und schob seine Brille nach oben, um über seine schmerzenden Augen zu reiben. Seine andere Hand lag wie so oft verkrampft auf dem linken Knie, das Mystique vor kurzem ramponiert hatte. An Abenden wie heute, wo er unter normalen Umständen mit Katja auf irgendeinem Tanzwettbewerb gewesen wäre, waren die Schmerzen schlimmer als sonst. „Sie ist richtig heimwehkrank. Es bricht ihr jedes Mal das Herz, wenn wir uns verabschieden. Mir auch, um ehrlich zu sein. So ist es leichter für uns.“
„Dann komm wenigstens mit nach unten. Du änderst auch nichts an dem Ganzen, wenn du hier herumsitzt und die Wand anstarrst. Die Teenager wollen wieder mal ein paar gute Geschichten von uns hören.“ Ororo ließ nicht locker, bis Scott sich mit einem abgrundtiefen Seufzen erhob, um sich umzuziehen. Auch aus den Augenwinkeln bemerkte sie sofort, dass die Hälfte seines Schranks immer noch auffallend leer war.
„Nervensäge“, knurrte er ihr zu, aber es klang wenigstens nicht mehr ganz so abweisend. „Heute kein Tanzkurs?“
„Dienstag wieder.“ Ororo erklärte ihre geheimen Treffen mit Avery mit einem Tanzkurs, den die beiden sogar tatsächlich besuchten. Scott wäre vermutlich ausgeflippt, hätte er die Wahrheit darüber erfahren, so wie er mit Avery auf Kriegsfuß stand. Wenn der ironische Tonfall bei seiner Frage Ororo auch erkennen ließ, dass er ihr kein Wort glaubte, was ihre nächtlichen Aktivitäten anging und die Wahrheit vermutlich insgeheim schon ahnte, vorläufig wollte sie ihm nicht auch noch dieses Problem offen aufbinden. Das konnten sie irgendwann hinter sich bringen, wenn sich der Ärger mit der Regierung und Magneto gelegt hatte.
Vorerst zog sie nette Unterhaltung vor dem Fernseher mit einem Glas Wein in der Hand vor. „Komm schon. Wir...“
Sie stockte, als aus einem Zimmer am Ende des Gangs plötzlich seltsame Geräusche zu hören waren. Ein Rücken und Poltern, als würde dort jemand am späten Abend Möbel durch die Gegend schieben. Nicht schon wieder. So schlimm, dass man es bis hier hörte, war es noch nie gewesen. „Jean. Sie hat Albträume“, erklärte sie mit einem missmutigen Kopfschütteln, als Scott sie fragend musterte. Dass er das noch nicht mitbekommen hatte, zeigte erneut, wie gleichgültig er sich in den letzten Wochen verhalten hatte.
„Warum ist dann keiner bei ihr, wenn es so extrem ist?“ Auf einmal kam sehr schnell wieder Leben in Scott. Mit ein paar hektischen Bewegungen hatte er sich ein frisches Hemd übergezogen und eilte zur Tür, ohne auch nur daran zu denken, die Schreibtischlampe auszumachen.
Ororo übernahm das für ihn und ignorierte mühsam den kaum versteckten Vorwurf in seiner Stimme. Sie waren alle überspannt, und es nützte sicher nichts, wenn sie sich auch noch gegenseitig an die Gurgel gingen. „Denkst du, das habe ich nicht probiert? Sie blockiert die Tür. Der Professor versucht Nacht für Nacht, mit seiner Telepathie in ihre Träume einzudringen und zu sehen, was ihr solche Angst macht, aber ihre Kräfte werden immer stärker. Er kann sie kaum noch durchleuchten. Es ist, als wehrt sich irgendetwas in ihr, dass man ihr hilft.“
„Oder wir haben es nicht genug versucht.“ Die Sorge um Jean vermochte, was Ororos kleine Standpauke nicht geschafft hatte: Scott vergaß für einen Augenblick die ganzen anderen Probleme und lief so schnell zu ihrem Apartment voraus, dass Ororo kaum noch nachkam. Selbst durch die geschlossene Tür konnte man hören, wie in der kleinen Wohnung Gegenstände umfielen, an Fenstern gerüttelt wurde, gläserne Dinge zerbrachen, alles ausgelöst von dieser unsichtbaren, unkontrollierten Macht, die auch mit eiserner Kraft die Tür geschlossen hielt. „Das bringt so nichts.“ Nachdem sich Scott ein paar Mal erfolglos gegen das massive Holz gestemmt hatte und Jean auch auf Rufe nicht reagierte, bat er Ororo, zurück ins Wohnzimmer zu gehen. Er hätte sich auch einfach mit Hilfe seiner Kräfte Zutritt verschaffen können, die Barriere hätte seinen Laserstrahlen keine Sekunde Stand gehalten. Dann hätte allerdings auch die Gefahr bestanden, dass er Jean verletzte, zumindest mit den Splittern, und das Risiko musste nicht sein, solange es noch andere Wege gab. „Ich muss es anders versuchen. Vielleicht hört sie mich.“ Er tippte kurz, bezeichnend mit den Fingerspitzen an seine in besorgte Falten gelegte Stirn.
„Ruf mich, wenn ihr mich braucht.“ Ororo nickte ihm dankbar zu und machte sich auf den Weg zurück zu den Jugendlichen, die sie dann wohl doch vorerst alleine würde unterhalten müssen. Dabei war sie im Geschichten erzählen noch nie sonderlich gut gewesen. Wie so oft wünschte sie sich, Hank würde noch hier im Haus leben, würde wieder zu den X-Men gehören. Er mit seiner eisernen Kampfstärke, seiner messerscharfen Logik und seinem großen Herzen wäre ihr eine große Hilfe im Kampf und mit den Kindern gewesen. Aber Hank war nicht mehr Teil des Lebens hier, wie so viele andere. Er hatte genug mit sich selbst zu tun, und sie konnte nur hoffen, dass es ihm gut ging, wo immer er sich gerade herumtrieb. Die X-Men würden mit ihren Problemen selbst fertig werden müssen.
‚Jean? Ich bin’s. Hörst du mich? Du musst aufwachen!‘
‚Scott…‘ Kaum mehr als ein sehr fernes Flüstern war die Antwort in seinem Geist, aber sie schien ihn über ihre alte telepathische Verbindung zumindest gehört zu haben, nach vielen fehlgeschlagenen Versuchen, zu ihr Kontakt aufzunehmen. Der Link funktionierte nicht mehr so problemlos wie früher, und Jean war tief gefangen in diesen Bildern von Dunkelheit und Schmerz, von denen Scott kaum mehr als schemenhafte Schatten durch ihre mentale Verbindung erkennen konnte. Es dauerte noch einige Sekunden, die sie vermutlich brauchte, um ganz orientiert zu werden und sich einigermaßen öffentlichkeitstauglich herzustellen, dann endlich gab die Schlafzimmertür nach.
„Was machst du denn für Sachen?“ Scott bemühte sich, nicht zu schockiert auszusehen, als er das Zimmer betrat. Der kaputte Spiegel war noch das harmloseste. Sämtliche Bilder waren von den Wänden gefallen, Türen von Schränken und Kommoden standen offen, innen war heilloses Chaos zu erkennen. Was immer Jean in ihren Träumen sah, es versetzte sie in Panik. Und sie war völlig allein damit. Nicht einmal ihm hatte sie sich anvertraut. Das tat weh. „Warum hast du nichts gesagt?“ Er ließ vorerst alles liegen, wo es war und setzte sich neben Jean aufs Bett, wo sie völlig stocksteif, in ihre Decke gehüllt saß, ihre Knie umarmte und ins Leere starrte. Aufräumen konnte man hinterher. Zuerst gab es da eine offensichtlich im Moment sehr aufgewühlte Seele zu beruhigen. Als sie nicht gleich reagierte, zog er sie sanft in seine Arme, einerseits erleichtert, dass sie sich sofort an ihn klammerte, wenigstens diese Starre verschwand, andererseits erschrocken zu fühlen, dass sie fast sofort in Tränen ausbrach. Jean weinte nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, und sicher nicht vor anderen, auch nicht vor ihm. Es schmerzte, sie so zu sehen, so neben sich stehend, mit Ringen unter den Augen, die in diesem Haus in letzter Zeit in Mode zu kommen schienen, zitternd, obwohl der Raum eher überheizt war. Er schob sie sanft etwas von sich und versuchte vergeblich in ihrer gehetzten, verwirrten Miene zu lesen, was ihr Unterbewusstsein ihr gerade so Schreckliches gezeigt hatte. „Was ist los? Warum bist du nicht zu mir gekommen, wenn es dich so belastet?“
„Es ist schon in Ordnung.“ Sein vorwurfsvoller Tonfall ließ Jean sofort auf Abwehr gehen. Sie befreite sich hektisch aus seiner Umarmung und wischte sich übers Gesicht. „Träume vergehen.“
„Es ist nicht in Ordnung. Wie lange willst du dir das noch einreden?“ Scott begann zähneknirschend ein paar Sachen vom Boden aufzuheben, nicht einmal so sehr, weil das Chaos seinem ordnungsliebenden Herzen wehtat sondern um Jean daran zu erinnern, dass das eben nicht normal war, was bei ihr im Moment los war.
Nachdem sie ihn kurz beobachtet hatte, erhob sie sich umständlich und ging ihm zur Hand, mit einer Routine, die bewies, wie oft sie das in letzter Zeit hatte tun müssen. In dieser Hinsicht hatten sie immer schon sehr ähnlich getickt. Wenn man schon keine Kontrolle über elementare Dinge wie die eigene Mutation hatte, wollte man wenigstens in seinem Umfeld keine Unordnung haben. Es beruhigte auch die Nerven, Sachen in Ordnung zu bringen. Und man musste sich nicht zwingend ansehen, wenn man lieber redete, ohne dabei beobachtet zu werden. „Heilmittel für so was gibt es nun mal nicht. Wäre es dir lieber, ich stopfe mich mit Tabletten voll?“ Ihre Hände zitterten immer noch, so sehr, dass sie kaum das Bild auf ein Nachtkästchen stellen konnte, ohne dass es umfiel. Ein Bild von ihr und Logan, aus Anfangszeiten, wo sie noch sehr zufrieden und mit sich im Reinen wirkten.
„Du solltest überlegen, es anzunageln.“ Scott nahm ihr die eigentlich so einfache Arbeit ab, lehnte das Bild gegen die Wand, bevor er Jean an der Hand zurück hinunter auf die Matratze zog. „Ich mache mir Sorgen um dich.“
„Das musst du nicht.“ Aber ihre eigene kraftlose Stimme strafte ihre Worte Lügen. Sie hatte Angst. Vor ihren Träumen und davor, noch wochenlang damit alleine in diesem Bett aushalten zu müssen. Da war eine unbestimmte Dunkelheit in ihren Augen, die Scott nicht von ihr kannte. Sie war immer die Stärkere von ihnen beiden gewesen, aber jetzt hatte sie einen Punkt erreicht, wo sie nicht weiter wusste. Ihre Fähigkeiten, die Schwierigkeiten mit den Menschen und vor allem die plötzliche erneute Einsamkeit, die sie so hart traf in dieser schwierigen Zeit... Auch eine gefestigte Persönlichkeit wie Jean, die sich immer für andere aufopferte, immer als eine der optimistischsten von ihnen in die Zukunft geschaut und dafür gekämpft hatte… Auch so jemand hatte irgendwann keine Kraft mehr.
Scott konnte nicht abstreiten, dass es ihn rasend machte, dass Logan ausgerechnet jetzt nicht da war. Dabei war das zu erwarten gewesen, es war so ungemein typisch für diesen unzuverlässigen Rowdie… Es machte sie beide wütend. Vor allem die Tatsache, dass sich Logan kein einziges Mal von unterwegs gemeldet hatte. Ausflug in die Wildnis gut und schön, aber die Erfindung von Mobiltelefonen vergaß man anscheinend auch, wenn man eine Zeitlang seinen Urinstinkten als Jäger und Sammler nachging.
„Ich wünschte nur, ich könnte endlich mal wieder eine einzige verdammte Nacht durchschlafen.“ Erschöpft stützte Jean den Kopf auf die Hände und fuhr sich durch ihre strähnigen, stumpfen Haare. Diese leichenblasse Haut dazu… Es war nicht zu übersehen, dass sie seit Wochen kaum mehr vor die Tür kam.
Scott machte sich eine mentale Notiz, Ororo morgen mit ihr in die Stadt zu schicken, zum Einkaufen, zur Kosmetikerin und was Mädchen eben sonst so anstellten, wenn sie Seelenbalsam brauchten. Aber was konnte er selbst tun? Vermutlich hatte Jean Recht damit, dass ihre Träume von selbst wieder aufhören mussten. Was Logan anging, war Scott der denkbar schlechteste Gesprächspartner, und an allem anderen konnten sie beide im Moment ohnehin nichts ändern. Aber zu zweit in der Dunkelheit zu sitzen war immer noch besser als allein. „Komm.“ Er hob die Decke an, damit Jean darunter schlüpfen konnte und legte den Arm um sie. „Ich wecke dich, wenn es wieder losgeht.“
„Danke.“ Nach der ersten Überraschung machte sie es sich bereitwillig bequem, froh um die Aussicht, sich wenigstens ein paar Stunden ausruhen zu können. Solche Unterstützung hätte sie öfter gebraucht, aber Scott bezweifelte, dass Logan an solche kleinen Selbstverständlichkeiten dachte. Der Karl schaffte es, ihn wahnsinnig zu machen, ohne dass er überhaupt in der Nähe war. Nach einigen Minuten konnte er tatsächlich spüren, dass Jeans Arm unter seiner beruhigend streichelnden Hand nicht mehr so kalt war und dass ihr Atem um einiges ruhiger ging. „Wenn du die ganze Nacht so bleibst, muss ich dir morgen eine Nackenstütze anlegen“, murmelte sie irgendwann undeutlich, mit einem kritischen Blick auf seine halb aufrechte, gegen den Bettrahmen gelehnte Haltung. „Leg dich hin. Du brauchst genauso Erholung. Du merkst ja nicht einmal mehr, wenn deine Schüler untereinander abschreiben.“
„Gib’s zu, du hast ihnen wieder mal die Lösungen zugespielt.“ Scott gab ihr einen liebevollen Rippenstoß. Den Anweisungen seiner Ärztin sollte man sich ja bekanntlich nicht widersetzen, also folgte er der Aufforderung nach kurzem Zögern, obwohl sich der Gedanke ein wenig seltsam anfühlte, nach all diesen Monaten plötzlich wieder mit Jean in einem Bett zu liegen. Und so eine enge Umarmung hatte es damals auch seit Jahren nicht gegeben. Aber damals waren die Dinge auch anders gewesen. Sie brauchte Trost, da würde er sich nicht von irgendwelchen selbst auferlegten Tabus abhalten lassen. Der einzige Unterschied zwischen Jean und einem der Kinder, die auch oft nachts Trost brauchten und in den Arm genommen werden wollten, war, dass Jean und er dem Himmel sei Dank erwachsen waren und nicht wie Teenager darüber zu kichern brauchten, wenn man sich eine Bettdecke teilte.
„Weckt Erinnerungen, was?“ Ihr Lächeln wirkte traurig, eine gute Spur melancholisch, wie meistens, wenn sie an ihre gemeinsame Vergangenheit dachte, als sie es sich mit ihrem Kopf auf seiner Schulter gemütlich machte. So einfach konnte man eben doch nicht mit etwas abschließen, das so lange gehalten hatte. Gerade bei den Problemen mit Logan jetzt dachte sie vermutlich noch öfter daran, wie das bei ihnen damals alles so gewesen war. Als es irgendwann bergab nur noch gegangen war. Eigentlich schade, dass es ihr so schwer fiel, sich an die schönen Tage zu erinnern. Das hätte ihr vielleicht ein wenig Mut dafür gegeben, ihre derzeitige Situation zu meistern. Für Logan und sie gab es keinen Grund, gleich mit Schwarzseherei anzufangen, nur weil sie sich über diese Reise jetzt uneinig gewesen waren.
Scott hätte ihr das sagen können, aber so stur wie Jean immer damit war, sich helfen zu lassen, wäre, vor allem in diesem Zustand, vermutlich sowieso kaum etwas zu ihr durchgedrungen. Er musste sich einfach mehr Zeit für sie nehmen, um sie aus diesem schwarzen Loch herauszuholen, das sie zu ersticken drohte. Sie war ihm viel zu wichtig, um da noch länger zuzusehen. Sie würden reden. Bei Tageslicht, in weniger düsterer Stimmung. „Erinnerungen an gute Zeiten“, nickte er so nur. „Schlaf jetzt.“
„Danke“, flüsterte sie noch einmal sanft, den Kopf in seine Richtung gewandt, sodass der angenehmer Schauer ihres warmen Atems über seinen Hals strich.
Eine Empfindung, die unweigerlich Sehnsucht nach jemand anderem in Scott auslöste. Nach der Person, die jetzt eigentlich neben ihm liegen sollte und die im Moment fast so unerreichbar für ihn war wie Logan für Jean. Die Traurigkeit begleitete ihn in den Schlaf, keine paar Minuten, nachdem Jean endlich die Augen zugefallen waren.
In dieser Nacht hatte sie keine Albträume mehr.
Es war eine dieser Nächte, wo Katja wirklich dankbar war, dass die Exekutive der Stadt die Mutantenwelt viel zu sehr fürchtete, um wegen Kleinigkeiten wie Geschwindigkeitsübertretungen Probleme zu machen. Auf der Schnellstraße zwischen der Mutant High und Frost Ltd. konnte man sich zum Beispiel nach Herzenslust austoben. Der Weg diente seit jeher als Spielplatz für technische Errungenschaften, die einem Mutanten das Leben retten konnten, so wie der berüchtigte Hyperantrieb, den Xaviers hauseigener Fahrlehrer für sämtliche X-Fahrzeuge konstruiert hatte. Der Gedanke an diesen gewissen Fahrlehrer ließ Katja ihre kleine Honda gleich noch schneller antreiben. Als unbeteiligte Beobachterin sich unweigerlich gefragt, ob sie heute ein wenig verwirrt und vielleicht auf die falsche Spur gekommen war- denn die rasante Fahrt, bei dem die verlassenen Wälder der Gegend nur so an ihrem Helmvisier vorbeisausten, führte zurück zu Emma, nicht zu dem Mann hin, dem sie sich normalerweise mit diesem Tempo zu nähern pflegte. Aber das war vor ihrem kleinen Besuch in ihrem ehemaligen Zuhause gewesen. Vor ihrer Suche nach Scott, ihrem Vorhaben, ihn heute zu überraschen… Nun, die Überraschung war geglückt. Tief über den Lenker gebeugt überholte Katja einen empört hupenden Lkw-Fahrer, mit keinem Gedanken bei der Tatsache, dass die Straße eng und kurvig war und ihr hinter der breiten Silhouette des Kraftwagens gleich die Lichter eines weiteren entgegenkommen könnten. Und wenn schon. Diese Maschine war schnell genug, um auch so eine brenzlige Situation zu meistern. Sie war für die Flucht konzipiert und würde auch auf dem unebenen Waldweg neben der Straße einem Ausweichmanöver standhalten. Die Überlegung, was ihr fahrbarer Untersatz zu dem von heftigem Regen glitschigen Untergrund sagen würde, verdrängte sie. Im Grunde war es ihr in diesem Augenblick auch schlicht egal. Sie wollte nur noch nach Hause.
Das helle Blinken eines Scheinwerfers direkt hinter ihr erregte zum ersten Mal seit ihrem überstürzten Aufbruch ihre Aufmerksamkeit. Zuerst dachte sie, dass sie vielleicht ein wenig zu gutgläubig gewesen war und doch ausgerechnet heute eine Polizeistreife sich auf diese Straße verirrt hatte- es hätte zu den Ereignissen vorhin gepasst. Das war heute schließlich ihr absoluter Glückstag, nicht wahr?
Ein genervter Blick in den Rückspiegel zeigte ihr zum Glück eine pechschwarze Harley und einen in derselben Tarnfarbe gekleideten Fahrer, der ihr hektisch bedeutete, rechts ranzufahren. Nur ein winziges, neongelb leuchtendes ‚F‘ am Lenker, auf das man nur achtete, wenn man wusste, dass es da war, verriet die Identität ihres Verfolgers.
Nachdem Gregory einfach nicht locker ließ, sie schließlich sogar überholte und sie so zwang, langsamer zu fahren, tat sie ihm schließlich den Gefallen und hielt an einer kleinen Aussparung, die für solche kurzen Stopps gedacht war. „Was?“ Sie bemühte sich um einen ungeduldigen, abweisenden Gesichtsausdruck, als sie ihren Helm abnahm.
„Wenn du keine Lady wärst, würde ich dir für diese blöde Frage jetzt eine verpassen.“ Auch ihr Bodyguard riss sich wütend seinen Helm vom Kopf. Seine langen blonden Haare fielen schwer und nass vom Regen bis zu seiner Taille hinunter. Er hielt sich so mühsam von einem weit unhöflicheren Ausbruch ab, dass sein Zorn die Regentropfen von Katjas Traurigkeit in ein Graupelmeer verwandelte, welches Kratzer und Dellen auf ihren Maschinen hinterließ.
Normalerweise hätte er sich jetzt eine Standpauke anhören dürfen- die Honda war Katja heilig. Schließlich war sie Scott Abschiedsgeschenk gewesen, als sie zu Emma gezogen war. Heute war dieser Gedanke nur noch mehr Anlass für Regen, ein sich zusammenbrauendes Gewitter am Himmel und Hagel, der sich zu Gregorys gesellte und schmerzhaft auf ihre Ledermonturen prasselte. „Tu dir keinen Zwang an“, zischte sie. „Mir ist ohnehin gerade nach einem Duell.“
„Was war denn vorhin? Nein, geht mich nichts an.“ Gregory unterbrach ihre Erklärung mit einer scharfen Handbewegung, bevor sie noch den Mund geöffnet hatte. „Aber du gehst mich was an, du bist…
Ja doch jetzt, ich hab mitbekommen, dass du sauer bist, in Ordnung?“ Mit einem genervten Augenrollen hob er seine Hände zum Himmel und erschuf mit Hilfe seiner Wassermanipulationskräfte eine schützende Kuppel vor dem seltsamen Wetterphänomen in Katjas Mutationskreis, damit sie wenigstens nicht noch nasser wurden.
„Es ist mir scheißegal, mit wem du dich gestritten hast, du verlässt nicht einfach die Mutant High, ohne mir Bescheid zu sagen! Bist du wahnsinnig? Wenn ich dein Peilsendersignal nicht als Alarm auf meinem Handy hätte, wäre es mir nicht mal aufgefallen. Weißt du, was Emma mit mir macht, wenn ich dich allein durch die Gegend fahren lasse?“
„Wenn dass deine einzige Sorge ist, bitte ich Emma gern, dich von deinen Pflichten zu entbinden“, gab Katja eisig zurück. Sie wusste, dass sie unfair und viel zu hart zu diesem jungen Mann war, der seit ihrer Ankunft in Frost Ltd. immer für sie da gewesen war, aber für Rücksicht und Umgänglichkeit hatte sie heute ganz sicher keinen Nerv mehr.
„Du riskierst es, dass ich dir heute wirklich noch eine reinhaue. Was soll das, Cat? Willst du dich absichtlich auf den Präsentierteller setzen?“ Gregory zog es vor, seinen Zorn mit einem harten Tritt gegen einen Stein abzureagieren, ein in der Stille der Nacht viel zu lautes Geräusch, das einige Tiere im Unterholz aufschreckte. Vielleicht sogar metergroße, gefährliche Raubtiere, die nur auf so eine Gelegenheit wie jetzt gewartet hatten, dass sie allein unterwegs waren, dass sie in ihrer Unvorsichtigkeit auch noch angehalten hatten und Emmas Bodyguards viele Minuten entfernt waren.
Das alles war Katja eigentlich klar, und es rückte spätestens bei Gregorys unruhiger Sondierung der Umgebung auch wieder voll in ihr Bewusstsein vor, wo bis eben nur der Sturm ihrer Emotionen vorgeherrscht hatte. Trotzdem fühlte sie heute nicht einmal die sonstige Angst vor der Bruderschaft. Nur noch mehr Zorn. „Sollen sie doch kommen“, erwiderte sie hart, ihre Hände aggressiv um den Lenker ihrer Maschine gekrallt, mit einem geradezu herausfordernden Blick rundum. „Ich werde ihnen mit Freuden zeigen, was ich von ihnen halte.“
„Werd nicht wieder größenwahnsinnig.“ Gregory als einer von Emmas Musterschüler, ebenso trainiert im Kampf wie intelligent und erfahren im Untergrund der Mutantenwelt, hatte für solche halbherzigen Ansagen nur ein ungeduldiges Schnauben übrig. „Du hast dich schon einmal mit Magneto angelegt, schon vergessen? Mit dem Ergebnis, dass du jetzt von seinen Leuten wie ein Tier gejagt wirst und sein gottverdammtes Brandzeichen auf dem Bauch trägst. Du bist den Kerlen allein nicht gewachsen, das ist keiner von uns.“
„Also was? Soll ich für immer vor ihnen davonlaufen? Vergiss es.“ Katja geriet nur noch mehr außer sich. All diese Aggressionen, die sich seit ihrem Umzug in ihr angesammelt hatten, suchten sich plötzlich einen Weg nach außen, ließen abwechselnd Blitze und Donner über den Himmel zucken, ihr Herz so laut in ihren Ohren rasen, dass sie kaum noch ihre eigene Stimme hören konnte. Es hielt sie nicht mehr auf ihrem Motorrad. Mit geballten Fäusten lief sie auf dem kleinen Rastplatz auf und ab, schleuderte und trat weitere Steine in die Richtung, die eben Gregory schon anvisiert hatte, in den Wald, von dem aus sich ihre Feinde meistens näherten und ein paar Mal nur knapp von Emmas Bodyguards aufgehalten worden waren. Am liebsten hätte sie auch ein paar Blitze auf diesen Ort niedersausen lassen, der jede Fahrt zur Mutant High zum Spießrutenlauf machte. Nur dass die Bäume auch nichts dafür konnten, sodass sie sich schließlich mit einem unbeherrschten Spucken in diese Richtung begnügte.
Es reichte. Sie würde dieses Davonlaufen, dieses Versteckspiel nicht mehr länger mitmachen. Der Preis für ein wenig mehr Sicherheit war einfach zu groß. Wenigstens ansatzweise etwas ruhiger drehte sie sich wieder zu Gregory und lächelte bitter, als sie bemerkte, wie verunsichert sie dieser musterte, wie sein Blick immer wieder zum Himmel ging. So unbeherrscht kannte man sie in Frost Ltd. nicht, und ihre Fähigkeiten hatte sie dort bisher auch nicht in diesem Ausmaß eingesetzt. Nun, es gab immer ein erstes Mal. „Ich will mein Leben zurück, Greg. Bevor das nicht mehr geht.“
„Was hast du in der Mutant High gesehen?“ Der junge Mann trat vorsichtig an sie heran, als sich das Unwetter am Himmel zurückzog und dafür der Regen wieder einsetzte, so stark, dass seine Kräfte ihn kaum noch zurückhalten konnten. „Was ist passiert? Stimmt etwas mit Scott nicht?“
Katja schüttelte müde den Kopf. Das war kein Thema, das sie mit einem Siebzehnjährigen bereden wollte, der zwar in Sachen Krieg schon einige Erfahrung hatte aber auf emotionalem Level noch nie über Händchenhalten hinausgekommen war. Sie bezweifelte, dass er verstanden hätte, wenn sie es ihm erzählt hätte. Vermutlich hätte sie sich ein weiteres Mal von jemandem anhören dürfen, dass sie überreagierte. Vor allem ein Teenager hätte es vermutlich nur belächelt, dass sie gerade so auf 180 war, weil zwei gute Freunde im selben Bett schliefen. Sie wünschte, sie hätte darüber lächeln können. Aber das war ihr gründlich vergangen. Der Schock hatte nicht einmal genug Energie hinterlassen, um die beiden zu wecken. Zum Glück. Diese peinliche Szene hatte sie ihnen damit erspart. Sie war gar nicht sicher, dass sie wissen wollte, was Jean zu ihrem Auftauchen gesagt hätte, die sich im Traum mit diesem seligen Lächeln an Scotts Körper geschmiegt hatte, als wäre seit dem Tag der Trennung der beiden keine Stunde vergangen. Oder als hätte diese nie stattgefunden. Sie hätte darüber sprechen sollen, aber mit wem? Logan war seit Wochen unbekannt verschollen, Ororo hatte genug mit sich selbst zu tun, die Teenager hätten das Ganze vermutlich noch lustig gefunden und es zur X-Men-eigenen Soap Opera ernannt... Blieb nicht mehr viel Auswahl.
„Fahren wir.“ Mit einer ruckartigen Bewegung zog sie sich ihren Helm über. Wenn es jemanden gab, der sie auf den Boden der Tatsachen hinunter holen konnte, dann die Frau, die ihr vor kurzem durchaus nützliche Tipps gegeben hatte, wie sie mehr von Scotts Aufmerksamkeit bekam. Hoffentlich waren diese Ratschläge nicht zu spät gekommen.
„Was macht ihr denn schon zurück?“ Verwirrt streckte Emma ihren blonden Pagenkopf aus der Wohnzimmertür, als ihre beiden Schützlinge ins Haus stürmten, so schnell, dass die elektronische Sicherheitskontrollen am Eingang kaum Zeit hatten, ihr Bild durch die Gesichtererkennung des Hauptcomputers zu jagen und schrill vor sich hin piepsten. Mit pikiert hochgezogener Augenbraue sah sie Katja nach, die an ihr vorbei zur breiten Marmortreppe hechtete. „Hättet ihr die Güte, euch wenigstens draußen umzuziehen, wenn ihr schon eure Kräfte nicht im Griff habt?“ Missmutig betrachtete sie die Spur aus Wasserpfützen auf dem teuren Kaschmirteppich im Gang. Die etwas taktlose Bemerkung ließ durchblicken, dass sie auch nicht gerade die Nacht ihres Lebens hatte. Sie hatte das gleiche kurze weiße Kleid wie heute Morgen an, sogar mit ein paar Essensflecken von den Kleinen darauf. Sehr verdächtig. Der Klang einer hellen Kinderstimme um diese späte Uhrzeit aus dem hell erleuchteten Aufenthaltsraum war auch kein gutes Zeichen.
„Hey, schauen Sie nicht mich an, das war ihr Regen“, beschwerte sich Gregory beleidigt.
„Cat?“ Emmas scharfer Ruf ließ nicht zu, dass ihr neuester Schützling in ihr Zimmer flüchtete, auch wenn sie das gerade am liebsten getan hätte, heute eigentlich nicht mehr gewillt, sich um Probleme von anderen zu kümmern.
Aber als sie sich kurz umdrehte, schon irgendwas murmelnd, dass sie ihre Ruhe wollte, sah sie das schneeweiße Gesicht eines Mädchens aus ihrer Kindergruppe, das versuchte, an Emma vorbeizusehen, um zu erfahren, warum es auf dem Gang so laut war. Nachts hatte man in diesem Haus nicht laut zu sein, nicht in einem Anwesen, wo dutzende sowieso schon traumatisierte und sensible Wesen unter einem Dach lebten. Katja ging noch eine Stufe weiter, blieb wieder stehen, als ihr klar wurde, dass sie sich nicht einfach zurückziehen konnte. Dafür waren ihr die Kleinen hier zu sehr ans Herz gewachsen, genau wie die Kinder und Jugendlichen bei Xavier eben. Die hatte sie mit ihrer überstürzten Abreise letztens schon genug verletzt, das sollte sie hier nicht wiederholen. Auch wenn die Bewohner von Frost Ltd. durchaus wussten, dass sie hier nur auf der Durchreise war, genau deswegen sollte sie versuchen, soviel wie möglich für die Kleinen da zu sein. Das war die Aufgabe, die sie sich neben ihrer Berufung als Kämpferin schon früh in ihrem Mutantenleben ausgesucht hatte, die konnte sie nicht mal eben so vergessen, nur weil es ihr nicht gut ging. Das Mädchen hatte geweint, ziemlich heftig sogar, das sah sie bis hier oben. „Ich bin gleich da.“
„Warte.“ Emma fing Katja an der Wohnzimmertür ab, bevor sie zu dem niedergeschlagen wirkenden Mädchen auf dem Sofa hingehen konnte. „Nicht so hektisch und wütend. Hast du denn alles vergessen, was ich dir beigebracht habe? So machst du ihr nur noch mehr Angst.“
„Was hat sie denn?“ Da Emma leider wie meist ekelhaft Recht hatte, zwang sich Katja, sich gegen die Wand gegenüber der Tür zu lehnen, mit verschränkten Armen, tief und gleichmäßig atmend, um wenigstens äußerlich ruhig genug für ein Gespräch mit einem aufgebrachten Halbwüchsigen zu wirken. Vergeblich versuchte sie, der hübschen Zehnjährigen mit den hüftlangen blonden Zöpfen anzusehen, was sie so mitgenommen hatte. Die Schülerin war trotz ihrer belastenden, geheimnisvollen Fähigkeiten eigentlich immer ein kleiner Sonnenschein in der Spielgruppe. Emma war eine Spezialistin, wenn es darum ging, den Kleinen den Umgang mit Mutationen beizubringen. Nur Jean damals hatte sie kaum helfen können… Ganze zwei Minuten hatte Katja es geschafft, nicht daran zu denken. Jetzt vergruben sich ihre Fingerspitzen schon wieder vor Wut hart in ihren Oberarmen.
„Darf ich?“ Emma trat an sie heran und hob, ohne eine Antwort abzuwarten, die Hand zu ihrer Stirn, berührte mit zwei warmen Fingerspitzen ihre Haut, um die Bilder des Abends zurückzuverfolgen. Als sie mitbekam, dass Katja allein von der Mutant High losgefahren war, huschte ein unwilliges Stirnrunzeln über ihr Gesicht, aber zum Glück schwieg sie dazu. Das nächste Mal gingen ihre Augenbrauen keine Sekunde später in die Höhe, als sie in Katjas Erinnerung mit ihr in Jeans Schlafzimmer stand. „Da war wohl jemand einsam. Ist dieser Halbwilde noch nicht zurück?“
„Sieht nicht so aus, oder?“ Katja trat rasch beiseite, weil Emmas Geist in ältere Erinnerungen vordrang, die sie eigentlich nichts angingen. Diese anmaßende Telepathie ging ihr oft gehörig auf den Senkel. „Das war’s.“
„Korrigier mich, wenn ich falsch liege, Cat, aber für mich hat das ausgesehen, als ob die beiden geschlafen haben.“ Emma rieb sich unverständlich über eine heute auffallend gräuliche, ungeschminkte Stirn. „Wenn du mir schon Greg ohne Vorankündigung entführst, hör mit diesen Zickereien auf und bleib auch über Nacht in der Mutant High. Spiel nicht immer die Drama-Queen, frag die zwei das nächste Mal einfach.“
„Was? Ob ich sie gerade bei irgendwas gestört habe?“, erwiderte Katja giftig.
„Dann hättest du jetzt wenigstens Gewissheit“, stellte Emma nüchtern fest. Wenigstens schien ihr diese Sache auch etwas suspekt vorzukommen, aber die Geduld, mit der sie sonst für Katja da war, fehlte ihr heute. Sie war gereizt, von der steigenden negativen Stimmung in Washington, die ihrem Finanzunternehmen Knüppel zwischen die Beine warf und die Kinder beunruhigte, von den Problemen mit irgendwelchen Liebschaften, die nicht so wollten wie sie und vor allem von dem, was immer heute Nacht geschehen war, während Katja einfach abgehaut war. „So weißt du nichts. Vertrau ihm oder konfrontier ihn damit. Aber gib nicht das stille, arme Opfer. Es gibt kaum etwas, womit du einen Mann schneller vertreiben kannst. Fangt endlich an, miteinander zu reden, bevor es zu spät ist. Die Kindereien, die ihr da im Moment veranstaltet, dafür hat in diesen Tagen wirklich niemand von uns Zeit.
Jetzt geh schlafen, du bist mir im Moment keine Hilfe.“
„Soll ich nicht…?“ Obwohl Katja selbst bezweifelte, dass sie in ihrem Zustand groß von Nutzen sein konnte, widerstrebte es ihr, einfach wieder zu gehen, wo die Kleine längst wusste, das sie da war. Sie brach ab, als sie das Mädchen wieder in der Tür stehen sah.
Die Kleine hatte die Diskussion wohl mitbekommen und sah jetzt verunsichert zwischen ihr und Emma hin und her. „Hey, Lil. Geht es dir nicht gut?“
„Ich hab von dem bösen Mann geträumt. Dem mit dem Bart.“ Das Mädchen kuschelte sich eng an Emma und ließ sich auch von deren sanftem Streicheln über ihre dicken weichen Haare nicht beruhigen. „Er will alle Mutanten umbringen.“ Schon wieder brach sie in Tränen aus und ließ sich nur zu gern in den Arm nehmen.
„Sie denkt, es sind Visionen.“ Emma küsste die Kleine zärtlich auf die Stirn und schenkte ihr ein Strahlen, das selbst Katja, die sie noch nicht lange kannte, als erzwungen erkannte. Visionen waren nichts, das man auf die leichte Schulter nahm. Das erklärte wohl auch Emmas blendende Laune. Sie nahm jede etwaige Bedrohung für ihr Anwesen sehr ernst. Aber das konnte man einem so jungen Mädchen noch nicht klarmachen, vor allem, wenn man keine Beweise in der Hand hatte. „Niemand wird die Mutanten umbringen, Sternchen. Dafür haben die Leute viel zuviel Angst vor uns. Wenn jemand uns etwas Böses will, können wir uns ganz leicht wehren, das weißt du doch.“ Ein wütendes, fast schon vorfreudig wirkendes Funkeln in ihren hellen Augen verriet, dass sie sich so einen Tag durchaus einmal herbeisehnte. „Wir träumen alle manchmal so etwas.“
„So ist es.“ Katja trat angestrengt lächelnd näher an die beiden heran, strich Lilian über ihre rundliche Wange. „Alles in Ordnung. Albträume hat jeder mal. Ich träume auch oft von Magneto. Dem bösen Mutanten mit dem Metall, weißt du noch? Ich hab dir von ihm erzählt. Aber der ist schon lange weggesperrt, der kann uns allen nichts mehr tun.“
Lilians kleine Hände verkrampften sich nur noch fester in Emmas Kleid. Sie sah sich nach allen Seiten im Flur um, als könnte sie dort bereits denjenigen entdecken, der ihr so Angst machte und flüsterte dann erstickt: „Aber… aber ich träume jeden Tag von ihm!“ Immer lauter schluchzte sie vor sich hin, ihr dünner kleiner Körper erbebte regelrecht vor Furcht und auch Kälte. Emmas tröstende Worte schien sie schon gar nicht mehr zu hören.
„Ich bringe sie zur Ärztin, damit sie ein bisschen schlafen kann.“ Katja nahm Emma das Kind vorsichtig ab, das sich sofort auch an sie klammerte wie eine Ertrinkende. Sie spürte, dass ihre Mentorin einen Moment allein brauchte, um sich zu sammeln, vielleicht auch ein kurzes Gespräch mit dem Professor, um diese beunruhigenden Neuigkeiten zu verarbeiten. Um sicherzugehen, dass es wirklich nur ein Hirngespinst war.
Emma nickte ihr dankbar zu, wandte sich ab, hielt aber inne, als Lilians Schluchzen leiser wurde, das Mädchen sich unruhig auf Katjas Armen zu winden begann. Vielleicht spürte sie doch zu sehr die Unruhe der jungen Frau mit ihren Fähigkeiten und wollte zurück zu ihrer eigentlichen Ziehmutter…
Nein, Lilian wollte nicht weg. Zur Furcht hatte sich unbestimmte Sorge auf ihr kleines, viel zu ernstes Kindergesichtchen gesellt, irgendetwas, das sie spürte, als sie Katja so nahe war. Verwirrt von den Eindrücken in ihrem Kopf, die sie selbst nicht zuordnen konnte, sah sie ihr ins Gesicht und wisperte etwas, das kaum mehr Sinn machte als die Erzählungen von ihrem Albtraum. „Das Baby ist krank.“
„Sternchen?“ Völlig überrumpelt merkte Katja nicht einmal, dass sie ganz automatisch Emmas Lieblingskosenamen für das Kind übernommen hatte. „Was meinst du? Welches Baby?“ Ihr entging nicht Emmas kritischer Seitenblick auf ihren Körper, aber sie konnte auch nur ratlos mit den Achseln zucken. In dieser Hinsicht hatte sie ein völlig reines Gewissen, diese Komplikation brauchte sie im Moment ganz sicher nicht in ihrem Leben.
Lilian murmelte noch irgendetwas viel zu Leises, Unverständliches, schluchzte dann aber auf einmal wieder schrill auf, als Katja nachfragte, sich näher zu ihr hin beugte. „Ich weiß es nicht!“ Sie weinte den ganzen Weg hinunter bis zum Zimmer der Ärztin im Keller und konnte sich erst wieder beruhigen, als diese ihr ein leichtes Sedativum gespritzt hatte.
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