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von StormXPadme    erstellt: 11.02.2009    letztes Update: 22.02.2009    Geschichte, Romanze / P16    (fertiggestellt)
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Dass es gar nicht um einen Notfall mit den Kleinen ging, wurde Katja schon bei ihrer kurzen Suche nach Emma klar. Wenn die Schüler sie brauchten, war diese immer in den allgemeinen Schulräumlichkeiten zu finden, die sich von den zwei Etagen im Keller über das Erdgeschoß bis in den ersten Stock zogen. Nur das Dachgeschoß war für die wenigen Lehrer reserviert, die hier wohnten, dort befand sich auch Katjas Apartment, die Schüler hatten dort keinen Zutritt. Genauso wenig wie zu dem schmalen marmornen Turm, der sich über die ganze linke Gebäudehöhe erstreckte- die Residenz der Königin, es war schon von weitem zu erkennen. Innen genauso pompös eingerichtet wie außen, fast ein wenig zu schade dafür, dass Emma sowieso kaum hier war. Sie verbrachte den größten Teil ihrer Zeit aufopfernd mit ihren Mündeln. Wenn sie sich dann einmal zurückzog, wollte sie von niemandem gestört werden. So wusste Katja die kleine Ehre durchaus zu schätzen, dass sie zwischendurch in den Westflügel eingeladen wurde, wohl fühlte sie sich deswegen aber trotzdem nicht. Mangelte es in ganz Frost Manor schon nicht an teurer und qualitativ hochwertiger Einrichtung, die sogar so lebhaften Bewohnern wie drei Dutzend Kindern und Jugendlichen standhielten, Emmas Räumlichkeiten strahlten Luxus pur aus. Katja, von jeher zu Bescheidenheit und Sparsamkeit erzogen, fühlte sich wie ein Landstreicher im Buckingham Palast, wenn sie eingeschüchtert die steile schmiedeeiserne Wendeltreppe hinauf schlich, welche durch den ganzen Turm führte. Schon in den Gängen stieß man auf teure Vasen aus dem asiatischen Raum, deren Import allein ein Vermögen gekostet haben musste, auf Gemälde, die selbst Katja als Kunstbanause als Originale von großen Namen der Vergangenheit erkannte... Waffen wie Schwerter und Morgensterne aus längst vergangenen Zeiten an den Wänden… Emmas Faible für kostspielige Dekoration war nicht zu übersehen.
Und dieselbe Dekadenz setzte sich in ihren persönlichen Räumen fort, egal, ob es die High Tech Computer-Zentrale war, von der aus sie ihr Finanzimperium leitete, der beheizte Swimmingpool im Keller, das Fitnessstudio gleich neben ihrem Schlafzimmer, eine Küche in Chrom und Kiefer, in der sie sowieso selbst noch nie einen Finger gerührt hatte… Und natürlich das Wohnzimmer, der erklärte Höhepunkt ihrer Sammlerleidenschaft, wo Katja regelmäßig mit offenem Mund herumstand. Immer noch entdeckte sie faszinierende Kleinigkeiten, jedes Mal, wenn sie diesen Raum betrat. Einen besonders fein geknüpften Wandteppich mit dem Motiv der französischen Revolution. Das silberne Muster in keltischen Schriftzeichen an den Brokatvorhängen. Mehrere Skulpturen, die auf Emmas ungewöhnlichem Interesse für den Buddhismus hindeuteten. Ein Guss aus purem Adamantium zweier Mutanten beim Liebesspiel. Soviel zu sehen, zu bewundern... Langweilig wurde es hier drin jedenfalls nie bei einem Drink am Abend…
Nicht, dass Katja selbst jemals so ein protziges Heim hätte haben wollen, aber schön anzusehen war es, zugegeben. Emma gab zudem auch genug von dem, das sie sich mit ihrem Ehrgeiz und auch ihren telepathischen Fähigkeiten erarbeitete. Die Schüler hier konnten sich nicht über fehlenden Komfort beschweren. Sie wurden genauso großzügig für ihre Mühen belohnt wie sie sich in der Schule anzustrengen hatten- schlechtere Noten als ein Sehr Gut gab es hier ungestraft nur mit Sonderbegründung wie Angeschlagenheit durch Krankheit oder persönliche Verluste. Die Kinder arbeiteten mit den neuesten Technologien, hatten Computer, Fernseher und Spielekonsolen in ihrem Zimmer stehen, konnten Sportarten betreiben, die anderen ihres Alters aus Geldmangel verwehrt blieben und kauften in Läden ein, in denen sich Katja nicht einmal Handschuhe hätte leisten können. Nicht dass sie es gewollt hätte. Es war eine andere Welt, das war Emmas Leben, ihr Stil, sie war stolz darauf, was sie alles erreicht hatte und wollte, dass ihre Schützlinge und sie selbst das deutlich nach außen zeigten. Auch als ein Zeichen an die Menschen- und Mutantenwelt, dass niemand dazu verdammt war, sich im Mittelstand oder gar in Armut zu verkriechen, nur weil er besondere Fähigkeiten hatte. Grundsätzlich also ganz positive Motive, aber davon abgesehen genoss sie es natürlich in vollen Zügen.

Es war einer der großen Unterschiede zwischen Katja und ihr und mit der Hauptgrund, warum Katja sich hier einfach nicht heimisch fühlen konnte. Es war ja eine ganz nette Abwechslung, sich zum Beispiel durch sämtliche kulinarischen Besonderheiten dieses Planeten zu kosten, nach einem langen Trainingstag ein ausgiebiges Wellnessprogramm zu genießen oder auch zwischendurch eine kleine Überraschung von Emma im Kleiderschrank vorzufinden, wie die, die sie gerade anhatte. Aber es hätte ihr nicht gefehlt. Was ihr fehlte war das, was man in diesem Haus eben nicht finden konnte. Wärme. Gemütlichkeit von abgenützten Möbeln, die Geschichten erzählten. Eine Umarmung von einem Kind mit strahlenden, überraschten Augen, wenn man ihm eine Kleinigkeit zum Geburtstag schenkte. Ausgelassenes Lachen auf den Fluren von Jugendlichen, die eben doch lieber miteinander spielten, Spaß hatten, ihr Leben genossen anstatt immer nur für ihre zukünftige Laufbahn als Ärzte, Wissenschaftler, Anwälte oder Konzernbosse zu lernen. Und der zärtliche Kuss eines Mannes, der sie liebte und es liebend gerne übernahm, sie höchstpersönlich zu massieren, wenn sie völlig kaputt vom Training mit Logan in ihr Bett fiel.

Jeglicher Anflug von Neid, der einem vielleicht auf den ersten Blick gekommen wäre, wenn man sich in Frost Manor umsah, verging zumindest Katja immer augenblicklich, wenn sie Emma so wie heute mit angezogenen Beinen und leeren Blick auf ihrer Chaiselongue sitzen sah, ein Glas Scotch in der Hand und die Fernbedienung für den riesigen LCD-Fernseher an der Wand in der anderen. Mit einer Perlenkette um den Hals, die ihr niemand geschenkt hatte und einen Ring am Finger, den sie selbst kreiert und in Auftrag gegeben hatte. Mit diesen immer so perfekt sitzenden, weichen blonden Haaren und dezentem Make up, das ihre helle, reine Haut leuchten ließ, wunderhübsch anzusehen, sogar um diese unmenschliche Uhrzeit, in ihrem kurzen, hellen Nachthemd, mit einem leichten, silbernen Cape darüber… Und niemand da, der ihr auch nur einen zweiten bewundernden Blick zugeworfen hätte. Schon gar nicht der Mann aus Gotham City, für den sie schon so lange mehr oder weniger heimlich schwärmte.

„Ich bin nicht einsam, Cat.“ Emmas sanfte, traurige Stimme holte sie von ihrem Beobachtungsposten und ließ sie sich schnell in Bewegung setzen. Und wieder einmal hatte die White Queen ungefragt ihre Gedanken gelesen. Katja hatte es inzwischen aufgegeben, sie deswegen zu ermahnen. „Ich habe achtunddreißig Kinder, drei Liebhaber, Freunde, die zu mir halten, obwohl ich jahrelang für die falsche Seite gekämpft habe und wenn es hart auf hart kommt sogar ein paar entferne Onkel und Tanten, die sich über einen Besuch an Weihnachten freuen. Und wenn ich einmal wirklich am Boden bin, setze ich mich ein paar Stunden hin und meditiere, das rückt den Kopf gerade. Das ist für jemanden wie mich das meiste, das ich mir erhoffen kann, das muss ich immer wieder feststellen. Ich bin nicht gemacht für Liebe.“

„Klingt ziemlich zynisch“, stellte Katja fest. „Danke.“ Sie nahm Emma ein weiteres Glas mit eisgekühlter, bernsteinfarbener Flüssigkeit darin ab und ließ sich auf ihrem üblichen Platz nieder. Ein weißer Ledersessel mit einem Schaffell darüber, in dem man regelrecht versinken konnte und sich vor allem nicht ganz so verloren wie auf dieser übergroßen Chaiselongue vorkam. Wie meist nippte sie nur kurz an dem hochprozentigen Alkohol, bevor sie ihn beiseite stellte. Von dem Zeug bekam sie nur Kopfweh, sie behielt lieber einen klaren Geist. Aber für ein wenig angenehme Schwere in Körper und Geist war so ein – langsam verzehrter – Drink zwischendurch gar nicht schlecht.

„Nur realistisch.“ Emma nahm selbst einen tiefen Schluck, mit geschlossenen Augen, um das leichte Glitzern darin zu verbergen, stellte den Scotch aber dann ebenfalls beiseite und schaltete mit einer energischen Bewegung den Fernseher aus, wo zum zigsten Mal an diesem Tag ein Bericht aus Gotham gezeigt wurde. Der schwarze Ritter war zeitgleich mit der Rückkehr des völlig durchgeknallten Jokers wieder aufgetaucht, und wo der war, war Bruce nie weit. Soviele Freaks wie Gotham konnte nicht einmal New York mit seinem außergewöhnlich großen Mutantenanteil aufweisen. „Das ist in Ordnung. Ich hab sowieso zuviel für solchen Unsinn zu tun.“ Der kurze Moment der Traurigkeit wurde schon wieder von Emmas energischen Auftreten zu jeder Tages- und Nachtzeit ersetzt.
„Aber du machst mir Sorgen. Was war denn vorhin wieder los?“ Sie hob abwehrend die Hände, bevor Katja auch nur ein Wort gesagt hatte, das gereizte Aufblitzen in deren Augen sagte genug. „Deine Aggressionen habe ich bis hierher gespürt, dafür brauche ich nicht deine Gedanken zu lesen. Du weißt ja, dass wir im Moment jede eingehende Verbindung in unser Netzwerk prüfen. Und so schnell, wie du schon wieder auf 180 warst… Da dachte ich, ich erlöse dich lieber.
Setz dich bitte ordentlich hin, Cat. Mir tut der Rücken weh, wenn ich dich ansehe. Wenn du so weitermachst, kannst du in zehn Jahren Kampftraining vergessen.“

„Da könntest du Recht haben. Mit beidem.“ Katja knirschte genervt mit den Zähnen, folgte der Aufforderung aber trotzdem, stellte die Beine auf den Boden und nahm die Schultern nach hinten, weil Emma wie meist bei solchen Dingen ekelhaft Recht hatte. Und wegen dieser Telepathiesache konnte sie ihr auch nicht wirklich böse sein. Manchmal war die sogar ganz nützlich. Es hätte vorhin sonst sicher einen bösen Streit gegeben. Das musste wirklich nicht sein, wo Scott und sie sich ohnehin kaum mehr sprechen konnten. „Das Übliche. Er fehlt mir eben.“

„Kein Wunder, so selten, wie er sich hier blicken lässt.“ Emma hatte dieses unangenehme Talent, den Finger mit Präzision auf den wundesten Punkt zu legen. „Was ist denn in Westchester los, dass er nie dort wegkommt?“

Katja zögerte. Ganz wohl fühlte sie sich nicht dabei, solche Dinge ausgerechnet mit dieser Frau zu besprechen, mit der sie nicht allzu viel gemeinsam hatte. Und trotzdem verstanden sie sich beide fast immer problemlos. Emma half ihr mit ihrem Studium und brachte ihr mehr bezüglich des Umgangs mit Kindern bei, als selbiges vermocht hätte. Außerdem in langen, anstrengenden mentalen Sitzungen, die Kontrolle über ihre Emotionen zu verbessern- oder diese so fallen zu lassen, dass ihre Gefühle Wind erzeugen konnten, ein komplizierter Vorgang, den sie allein nach dem ersten Glückstreffer vor kurzem vermutlich nie wieder geschafft hätte. Inzwischen klappte es fast jedes Mal. Genau wie Jean damals, als Katja in der Mutant High angekommen war, erfuhr Emma durch die geistige Verbindung zu ihr bei solchen Lehrstunden viel über sie und kannte sie so bereits sehr gut, vor allem ihre Vergangenheit, ihre Sorgen, Ängste und Wünsche. Ihre Ratschläge hatten sich deshalb bisher auch immer als sehr nützlich erwiesen.
Außerdem war es ihrerseits ein gewisser Vertrauensbeweis gewesen, dass sie ein paar Mal über ihr eigenes Liebesleben gesprochen hatte. Katja bezweifelte, dass sie sich sonst vielen Leuten gegenüber öffnete. Das war auch nicht ratsam in ihrer Position in der Öffentlichkeit. Dabei kamen dann nur böse Zeitungsberichte wie der über ihr unglückliches letztes Treffen mit Wayne heraus. Ihre Gespräche hatten sich einfach ergeben, in Nächten wie dieser, wo sie beide zusammensaßen und sich über die schwierige Situation im Moment hinwegzutrösten versuchten. Es stimmte vielleicht doch ein wenig, was Ororo Katja oft nachsagte: Sie war der geborene Zuhörer. Deswegen arbeitete sie ja auch so gern mit den Kindern und Jugendlichen und ackerte an ihrem Studium: Sie freute sich, wenn sie anderen helfen konnte. Wenn Emma es ihr schon anbot, war es da nur fair, sich auch umgekehrt einmal Rat zu holen.
„Eigentlich nicht viel, soweit ich das mitbekomme. Ich hoffe, er erzählt mir auch alles und will mich nicht nur schonen.“ Katja begann unruhig mit dem Ende ihres hüftlangen, schlampigen Zopfs zu spielen. „Wir sind beide überreizt. Vorhin hat er einfach aufgelegt. Das hat er noch nie gemacht. Ich weiß nicht, was im Moment falsch läuft.“

„Doch, weißt du. Du willst es nur nicht aussprechen, weil du denkst, dann bleibt es nur ein Hirngespinst. Vorsicht davor, Cat. Wir Frauen haben diese Kunst perfektioniert, die Augen zu schließen. Das ist das kleine Mädchen in uns, das sich unter der Bettdecke vor den Monstern versteckt, weil sie dort sicher nicht hinkommen können. Das läuft im Erwachsenenleben nicht. So ignoriert man Gefahren nur solange, bis sie einen von hinten niederstechen.“ Emma zerschmetterte den schwachen Versuch erbarmungslos, nur Halbwahrheiten zu erzählen.
„Und nimm die Hände aus den Haaren, das wirkt ordinär. Komm mal mit, ich hab was für dich, fällt mir da ein.“ Mit einem weiteren, langen Zug, der von jahrelangem Genuss dieses bitteren Getränks sprach, leerte Emma ihr Glas, auf dem nicht die kleinste Spur ihres zartrosafarbenen Lippenstifts haften blieb. Dann winkte sie Katja mit sich zu einem großen, kunstvoll bronzen gerahmten Spiegel in der Ecke und schob eine der handgeschnitzten Stühle vom Esstisch davor hin. „Setz dich. Jetzt schau nicht so erschrocken, ich hab dich noch nie verstümmelt, oder? Ich weiß, die in Westchester denken da anders. Aber siehst du hier irgendwo ein Skalpell oder eine Achtunddreißiger rumliegen?“

„Die X-Men rechnen sowieso eher mit Gehirnwäsche“, gab Katja schief grinsend zurück. Diese Angst hatte sie den anderen bisher nicht nehmen können. Nach dem, was Emma vor ein paar Jahren mit ihren Kindern, unter anderem mit ihrer Freundin Angelica angestellt hatte, konnte sie das auch verstehen. Es würde noch Zeit brauchen, bis sich da wieder Vertrauen aufbauen konnte. Sie jedoch hatte keinen Grund, vor irgendetwas Angst zu haben. Höchstens davor, dass sie sich in diesem Spiegel gleich selbst nicht mehr erkennen würde. „Ich spiele nicht gerne die Anziehpuppe.“ Trotzdem ließ sie sich mit einem abgrundtiefen Seufzen auf den Stuhl fallen. Schlafen konnte sie sowieso nicht, da konnte sie ihre Zeit auch mit so einem Quatsch verbringen und sich nebenher anhören, was Emma gerade mit ihrer kryptischen Andeutung gemeint hatte. Dumm war die Idee nicht, wie sie gleich feststellte. Auf diese Weise war es viel leichter, über Dinge zu reden, die sie bedrückten, wenn sie nur ihr eigenes, blasses und eingefallenes Bild vor sich sehen musste. Und die schlanke, durchtrainierte Silhouette im halb durchsichtigen, engen Kleidchen hinter sich natürlich, die sich sofort mit einer Haarbürste bewaffnete, kaum, dass sie nachgegeben hatte, und erbarmungslos, ohne auf ihr zwischenzeitiges Murren zu achten, ihre dichte schwarze Mähne durchkämmte.

„Schon klar. Du denkst, dass dein Aussehen nichts mit deinem Leben zu tun hat“, bemerkte Emma halb amüsiert, halb ärgerlich, ohne in ihren Bemühungen innezuhalten. Diese Diskussion war nicht wirklich neu.

Und Katja hatte aus ihr gelernt, so war das nicht. Immerhin hatte sie vorhin ganz von selbst daran gedacht, dieses Nachthemd anzuziehen, das sie von Emma bekommen hatte und wirklich gern hatte. Die rabenschwarze Farbe war genau ihr Geschmack, unter der Brust wurde es mit einem silbernen Band leicht geschnürt und fiel dann in einem Rock mit einer silbernen Borte, der immer durchsichtiger wurde, bis zum Boden hinunter. Bequem zum Schlafen, auch wenn sie das selten tat, weil sie das Kleidungsstück zu schade dazu fand, und vor allem konnte man damit gut durchs Haus laufen, ohne dass die Kinder Ärger witterten, weil einer der Lehrer in voller Montur mitten in der Nacht spazieren ging. Es waren nur Kleinigkeiten, aber Emma hatte diese Art, ihr solche Dinge zu erklären, dass sie sogar ihr einleuchteten, die eigentlich bevorzugt mit weiten T-Shirts und Jeans herumlief. Inzwischen waren es eben Markenjeans und ärmellose, enge Tops. Ihren Stil hatte Emma ihr nicht ausreden können, aber Katja sah selbst ein, dass sie nicht mit Jugendlichen trainieren konnte, wenn diese sie nicht für voll nahmen. Diese Kinder stammten fast alle aus gutem Hause und waren in materiellem Sinne unerträglich verwöhnt, sie erwarteten auch von ihren Respektpersonen entsprechendes Auftreten. Wenn Katja auch sonst nicht viel von Emmas Schönheitswahn hielt, diese Bewusstsein, dass sie sich immer dem Anlass entsprechend zu zeigen hatte, hatte inzwischen sogar sie verinnerlicht. So zeigte sie auch jetzt nur demonstrativ auf ihre Kleidung und verzog ihre vollen Lippen zu einer beleidigten Schnute.

„Kleid perfekt, Haare eine Katastrophe, Make up fehlt, und ein Parfum haben wir auch noch nicht für dich gefunden. Mit Wasser und Deo kommt die Bäuerin aus deinem Heimatdorf beim Dorffest aus. Du musst dich mehr hervorheben, Cat.“ Emma beugte sich ein wenig zu Katja hinunter, sodass ihre beiden Gesichter nun nebeneinander in der Reflektion zu sehen waren und Katja ihr unverständliches Stirnrunzeln sehen konnte. Eine schmale Hand mit spitz und scharf manikürten Nägeln, in genau demselben Rosa wie Emmas Lippenstift, legte sich kurz an ihr Kinn und verhinderte, dass sie verlegen wegsah. „Du hast ein Gesicht, das keiner Generalrestaurierung jeden Morgen bedarf, dann schmück das doch auch. Es muss nicht jeder sehen, dass du im Moment leidest wie ein Hund. Da darfst du dich nicht wundern, wenn sich jeder Sorgen macht oder dich nicht mit noch mehr Problemen belasten will. Das werden auch die Kinder nicht, denen du einmal helfen willst. Für sie musst du immer stark und perfekt wirken.“ Sie zupfte an dem losen Band des Nachthemds, das die Schnürung hielt. „Das geht auch noch um einiges enger. Wofür rackerst du dich eigentlich täglich stundenlang beim Sport ab, wenn du dann keinem deinen Körper zeigst?“

„Soviel ist da nicht zu zeigen.“ Katja rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Emmas Worte klangen einleuchtend, trotzdem widerstrebte es ihr, etwas aus sich zu machen, das sie nicht war. „Soll ich vielleicht im Minirock und bauchfrei vor den Kindern herumlaufen? Nicht gerade seriös, oder? Außerdem bekommen die dann einen Schock fürs Leben.“ Mit einem bitteren Schnauben deutete sie auf ihre Mitte, wo eine hässliche kreuzförmige Narbe aus dem letzten Kampf mit Magneto saß. Die Verletzung war inzwischen verheilt, aber jedes Mal, wenn sie dieses Ding sah, das sie entstellte, kam heißer Zorn auf ihre Feinde in ihr hoch. Sie hatte schon Probleme mit dem Gedanken, dass Scott diese Stelle in hoffentlich naher Zukunft zum ersten Mal nach dem Kampf wieder sehen würde. Es sah grotesk aus, völlig abstoßend, und sie konnte nur hoffen, dass er darüber hinwegsehen würde. Da würde sie sich sicher nicht auch noch anderen Leuten damit präsentieren. „Wirklich unglaublich sexy.“

„Ganz falsch, Cat. Beide Annahmen.“ Mit einem theatralischen Kopfschütteln, das verriet, wie wenig Hoffnung Emma für ihr Sorgenkind in Sachen Mode hatte, richtete sie sich wieder auf und begann Katja weiter mit der Bürste zu traktieren, als wollte sie sie mit der Entfernung der vielen kleinen Knoten in ihren Haaren für ihr Widersprechen bestrafen. „Wir sind Mutanten. Wir werden nie so sein, wie es die Normen der Menschen vorgeben. Die Kinder legen keinen Wert darauf, dass du so formell wie möglich vor ihnen sitzt. Sie wollen jemanden, mit dem sie sich identifizieren können. Jung, frisch, hip, zu so jemandem fassen sie viel schneller Vertrauen. In der Schule ist das was anderes, da sollen sie lernen, dass sie sich zumindest in ihrem Beruf später vielleicht ein wenig anpassen müssen. Aber zu dir kommen sie in ihrer Freizeit. In ihrem Leben als Mutanten, wo gesellschaftliche Vorgaben nur selten eine Rolle spielen.
Und das ist auch gut so. Die Menschen versuchen oft genug, uns unsere Freiheit und Individualität zu nehmen. Das dürfen wir nicht zulassen.“ Das leise Klirren von Edelmetall verriet, dass Emmas Hand leicht zitterte, als sie in eine mit kleinen Edelsteinen verzierte silberne Schmuckschatulle hineinlangte. Ein kurzer Blick nach hinten zeigte Katja nervöse, tiefe Falten des Alters und des Ärgers auf ihrer Stirn, die nicht einmal ihre dicke Make up-Schicht verstecken konnte und die genau zu dem hasserfüllten Zischen bei ihren letzten Worten passte. In solchen Augenblicken konnte Emma eben doch nicht verstecken, dass sie in Sachen Menschheit eher Magnetos als Xaviers Meinung teilte.
„Und was Narben betrifft…“ Emma hielt kurz bei ihrer Suche inne und drehte ihren Arm in Katjas Richtung, schob den leichten, weißen Seidenstoff, der diesen einhüllte zurück, sodass ihr Schützling die vielen langen, durchbrochenen Spuren von Krallen dort sehen konnten, die vor langer Zeit einmal die Schlagader regelrecht zerfetzt haben mussten. Bei Katjas schockiertem Luftholen lächelte sie nur traurig. „Ich habe in meinem Leben auch nicht nur Vorstellungsgespräche geführt, mit Geschäftspartnern geschlafen oder Kosmetikkurse gemacht. Narben erzählen von aufregenden Leben. Sie sind nichts, wofür man sich schämen muss. Sieh sie als Dekoration an, genau wie ein bisschen Farbe auf deinen Leichenwangen, ein hübsches Kleid oder…“ Zufrieden zog sie das endlich gefundene Utensil aus ihrer Schmuckschachtel hervor, das im hellen Licht des Kronleuchters silbern aufblitzte wie ein weiterer kleiner Spiegel, besetzt mit winzigen aquamarinblauen Edelsteinen. „…eine Haarspange, damit du nicht ständig herumläufst, als würdest du gerade aus einem Hurrikane kommen.“

„Das kann ich nicht annehmen, Emma.“ Katja versuchte es mit einem schwachen Protest, auch oder gerade weil ihr die Spange zur Abwechslung einmal wirklich gefiel. Aber die war unzweifelhaft genauso teuer wie sie aussah.

„Weiß ich, ihr tickt da alle so merkwürdig, die von Charles kommen.“ Emma verdrehte die Augen himmelwärts. „Darum bekommst du ja auch keine neuen Sachen sondern nur welche von mir, von denen ich froh bin, wenn jemand Freude daran hat. Kopf nach unten.“ Mit geschickten, schnellen Bewegungen hatte sie Katjas Haare zu einem gewundenen Kranz zusammengesteckt und mit den langen, starken Stäben der Spange fixiert, die schließlich kaum noch unter der Frisur zu sehen war. „Besser. Und wenn ich gerade einmal nicht bei dir bin, und du ziehst wieder mal den Hass von irgendeinem psychopathischen Schwerverbrecher auf dich…“ Sie nahm eine von Katjas schüchtern auf ihrem Schoß verschränkten Händen und führte sie an die Hinterseite der Spange, sodass sie die kleine, quadratische Erhebung dort fühlen konnte. „Peilsender.“

„Das ist… wow. Danke.“ Damit hatte Katja nun wirklich nicht gerechnet. Sie drückte Emmas Hand kurz, erleichtert zu wissen, dass sie in einer eventuellen bedrohlichen Situation nun noch eine Hilfe an ihrer Seite hatte, auch wenn sie Frost Ltd. irgendwann wieder verlassen würde.

„Jetzt müssen wir dich nur noch wieder zum Strahlen bringen“, kommentierte Emma ihr angestrengtes Grinsen, dem man eben doch sofort ansah, dass es von jemandem kam, der lange nicht mehr richtig gelacht hatte. „Wem muss die böse Herzkönigin beibringen, dass man nicht in fremden Revieren wildert?“

Katja verkniff sich die Frage, woher Emma wusste, dass es um Eifersucht ging. Sie mit ihren hervorragenden mentalen Fähigkeiten las vermutlich die Hälfte der Zeit wirklich ungewollt in ihrer neuesten Schülerin, die gerade im Moment so wenig Kontrolle über ihre Emotionen hatte, dass draußen fast sofort heftiger Regen einsetzte, gepaart mit einem verdächtigen leisen Grollen von Wut am Himmel. Und es war nicht nur Wut auf Scott, weil dieser sich zurückzog oder auf Jean, weil sie ahnte, dass diese dahintersteckte. Es war auch der altbekannte Zorn auf sich selbst, dass sie eigentlich gar nicht sauer auf die beiden sein durfte, weil diese sich im Endeffekt ja nur zurückeroberten, was Katja vor einem halben Jahr zerstört hatte. „Dann fang am besten mal bei mir an.“

„Dafür ist es ein wenig spät, würde ich meinen.“ Emma zog sich ebenfalls einen Stuhl heran und ließ sich überschlagenen Beinen darauf nieder, eine Haltung, die ihr Nachtkleid ein gutes Stück nach oben rutschen ließ. Katja bezweifelte, dass so etwas aus Versehen passierte. Das war eben Emmas Stil, ihr Auftreten, sie zeigte gerne, was sie hatte und nutzte die Vorteile, die sie gerade in der Männerwelt damit hatte. In dieser Beziehung war sie um einiges kaltschnäuziger als Katja. Sie redete zwar nicht – wie Scott zum Beispiel immer – schön, dass Katja dessen Beziehung zu Jean zerstört hatte, aber für sie schien sowas keinen Fehler darzustellen, nichts, wofür man sich schämen musste. „In der Liebe ist so gut wie alles erlaubt, wenn es beidseitig ist. Nimm, was du kriegen kannst, gib aber vor allem nichts zurück, wenn du dich nicht todunglücklich machen willst. Das führt nur zu noch mehr Streit und Missverständnissen, glaub mir.“ Sie lehnte einen Arm auf die Stuhllehne und stützte den Kopf darauf, strich sich abwesend über die Wange, mit den Gedanken merklich in ihrer eigenen Vergangenheit. Bei ihr war so eine Geschichte wohl nicht ganz so glücklich abgelaufen, soviel Verbitterung und verletzter Stolz, wie da in ihren schmalen hellen Augen leuchteten.
„Wo ist jetzt das Problem? Ach, komm schon.“ Sie hob konsterniert eine Augenbraue, als die Antwort, ein einziger Name, in Katjas Gedanken aufblitzte, ein regelrechter trauriger Ausruf, den Emma hören konnte, ohne sich groß anzustrengen. „Was ist mit Jean? Du hast doch seinen Ring am Finger, und nicht sie.“

„Jetzt, ja.“ Katjas Fingerspitzen umspielten den tropfenförmigen Edelstein an ihrem linken Ringfinger, das schmale, silberne Band. Heute konnte sie nicht halb soviel Freude und Aufregung bei diesem Anblick wie sonst empfinden. Es war ein Beweis für Scotts Liebe zu ihr, natürlich, sonst hätte er sie nicht gefragt, ob sie ihn heiraten wollte… Aber sie fühlte sich eben doch ein wenig allein gelassen von ihm. Da half es nicht, wenn er für Jean viel öfter da war. „Mit ihr war er auch verlobt, ziemlich lange sogar. Zu lange. Ich weiß manchmal nicht, wie ernst er es wirklich meint. Ob er sich nicht nur etwas vormacht. Sie ist jetzt immer da, verstehst du? Die beiden kennen sich so gut…“

„So gut, dass Scott genau weiß, warum er nicht mehr mit ihr zusammen ist, ja.“ Emma hörte sich das Gestammel nicht länger an. Ihre Hand war hinauf zu ihrer Stirn gewandert und schlug rhythmisch dagegen. Ihr Tonfall schwankte zwischen Amüsement und Ärger. „Hörst du dir eigentlich zu, Cat? Der Kerl hängt eher zu sehr als zuwenig an dir, sonst wärst du jetzt nicht hier. Sie ist bei ihm, ja, wird sie auch immer sein. Wenn du nicht selbstbewusst genug bist, das zu ertragen, ohne dass du dir in deinem paranoiden Kopf ausmalst, was die beiden gerade anstellen, dann verlierst du ihn.
Du weißt, dass Jean und Scott kurzzeitig meine Schüler waren, als sie zu Charles gekommen sind, oder?“

„Sicher, wieso?“ Katja war zu erschrocken von dieser schonungslosen Einschätzung, um den abrupten Themenwechsel zu verstehen. Normalerweise bekam sie von Scott oder auch von Jean mit ihrem ständigen Abstreiten des Offensichtlichen nur zu verstehen gegeben, dass sie einen Knall hatte. Emma war die erste, die ihr so klar sagte, dass sie sich tatsächlich auf einem gefährlichen Pfad begab. Scotts heftige Reaktion, als sie ihn das erste Mal mit ihrem Verdacht konfrontiert hatte, fiel ihr wieder ein. Vielleicht war sie es ja selbst, die ihn in Jeans Arme zurücktrieb? Wenn er nun zu Tode genervt von ihrem Verhalten war und es ihr nur nicht gesagt hatte? Die plötzliche Unruhe ließ sie kaum mehr auf ihrem Stuhl sitzen bleiben. Irgendetwas musste sie ändern, das war offensichtlich, nur was? Am liebsten wäre sie sofort zur Mutant High losgefahren, wenn sie nicht genau gewusst hätte, dass solche Spontanaktionen für sie im Moment nicht drin waren. Noch so ein Gedanke, der ihren Blutdruck gefährlich in die Höhe trieb.

„Das soll nur heißen, ich kenne sie beide, und die beiden haben damals schon nicht zusammengepasst.“ Emma legte ihr beide Hände auf die Schultern, bevor sie weiter unruhig durch den Raum tigern konnte. „Sie haben sich beide viel zu sehr aneinander angepasst. Sie konnte ihm nie zeigen, was für eine Energie in ihr steckt, und er dachte immer, er muss sie schonen. Und so wie sie jetzt mit diesem Halbwilden ist, damit wäre er erst recht nicht zurechtgekommen.“ Emmas angewiderte Grimasse machte ihre Abneigung gegen Logan sehr deutlich, der mit seinem rauen Auftreten für sie natürlich ein besonders rotes Tuch war. „Dafür hat er nun wieder viel zuviel Ruhe in sich. Die beiden würden sich immer aneinander verbiegen, bis einer von ihnen daran zerbricht.
Jean ist keine Gefahr für dich. Fall nur nicht in diese gleiche stille Mauerblümchenschiene wie sie vor ihrem Wolverine. Scott Summers braucht kein kleines Mädchen, er will eine Frau. Jemand, der stark ist, nicht so scheu wie Jean damals. Jemand, der seine unkontrollierte Seite fördert, damit er nicht an seiner eigenen Beherrschung erstickt, und ihm auch mal widerspricht. Und vor allem…“ Noch einmal wanderte ihr Blick schaudernd über Katjas schmucklose Erscheinung. „…lass dich nicht so gehen. Zeig ihm, was er an dir hat. Männer muss man vor Augen führen, was sie alles von einem haben können, wenn sie mitspielen. Wenn er gerade mehr an sie als an dich denkt, dann änder das eben. Reiz ihn ein wenig, lass ihn zappeln, dann zeig ihm den Himmel, und schon vergöttert er dich.
Nicht. Dafür hast du keinen Grund. Noch ist keine Katastrophe passiert.“ Mit einer liebevollen Berührung wischte sie Katja die Träne weg, die sich über ihre Wange schwindeln wollte. „Ihr seid verliebt ineinander, du bist jung, schlau, mitfühlend, liebenswert, und du bist wunderschön, Cat. Du musst nur noch lernen, das nach außen zu tragen. Aus dir mache ich schon auch noch eine Frau, der niemand widerstehen kann.“

Katja schniefte leise, noch zu mitgenommen von dieser kleinen Ansprache, um etwas Intelligentes zu erwidern. Sie musste sich das erst einmal durch den Kopf gehen lassen. Aber ein kleiner, wenn auch noch widerspenstiger Teil von ihr ahnte schon, dass Emma nicht unrecht hatte. Zumindest wusste diese Frau immer, wie man sich interessant machte, und das war für jemanden wie sie, der sich manchmal regelrecht farblos neben Jean mit all ihren Vorzügen vorkam, gar nicht schlecht. Eins musste sie aber gleich klarstellen, schließlich hatte sie nicht vor wie Emma ein halbes Dutzend Männer zu bezirzen, um sich Vorteile im Geschäftsleben zu erschwindeln. Sie brauchte nur einem einzigen ein wenig den Kopf zu verdrehen. Und der war bisher eigentlich mit ihrem braven, biederen Outfit ganz zufrieden gewesen. „Nicht falsch verstehen, aber ich bezweifle, dass Scott auf Korsetts steht.“

„Bist du da ganz sicher?“ Emma hob herausfordernd eine Augenbraue. Nach einem kurzen Blick auf die Standuhr zuckte sie seufzend mit den Achseln. Das Thema Schlaf hatte sich für heute Nacht sowieso erledigt, wie es aussah. „Komm. Wir haben einiges vor.“
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