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von StormXPadme
erstellt: 11.02.2009
letztes Update: 22.02.2009
Geschichte, Romanze / P16
(fertiggestellt)
a) An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Diese Story enthält zwei explizite Nc 17-Szenen. Wie immer in meinen Geschichten kommen diese Szenen nicht online sondern werden nur privat verschickt. Reviewer, die über 18 sind, können mich einfach mit ihrer E-Mail-Adresse kontaktieren, dann bekommen sie die entsprechenden unzensierten Kapitel zugeschickt.
b) bisherige und Nachfolgeteile dieser Serie:
- Pilot: http://www.fanfiktion.de/s/4943da490000161f069003e8
- Teil 1: http://www.fanfiktion.de/s/4947fa690000161f069003e8
- Teil 2: http://www.fanfiktion.de/s/495680680000161f069003e8
- Teil 3: http://www.fanfiktion.de/s/495bb4ff0000161f069003e8
- Teil 4: http://www.fanfiktion.de/s/49734e760000161f069003e8
- Teil 6: http://www.fanfiktion.de/s/49a5a7210000161f069003e8
- Teil 7: http://www.fanfiktion.de/s/49dd016a0000161f069003e8
- Teil 8: http://www.fanfiktion.de/s/4a3e2b620000161f069003e8
- Teil 9: http://www.fanfiktion.de/s/4ae1a8930000161f069003e8
- Teil 10: http://www.fanfiktion.de/s/4b757c0b0000161f069003e8
Outtake:
- 'Snow angel (Storm)': http://www.fanfiktion.de/s/4bffe7450000161f069003e8
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Serie: X-Men: Weathered I
Titel: ON SILENT WING (#5)
Titelbild: http://i296.photobucket.com/albums/mm194/stormxpadme/art/osw.jpg
Autor: Storm{X}Padmé
Disclaimer: Alle originalen Charaktere und Elemente gehören Marvel, den Rechteinhabern und allen, die dafür bezahlen. Ich geb sie ja wieder zurück, ich leih sie mir doch nur... Ich tu ihnen auch nicht weh… Jedenfalls nicht sehr *G*.
Universum: Realfilme Teil 1 und 2; Teil 3 schließe ich aus meinem persönlichen Canon aus.
Zeitlinie: ca 6 Monate nach dem Film ‚X-Men‘, kurz vor dem Film ‚X2‘
Zensur: P-16
Zusammenfassung: Kurz bevor Logan ein zweites Mal nach Alkali Lake aufbricht, um seine Vergangenheit zu suchen, konfrontiert Jean ihn mit ihren Ängsten, ihn zu verlieren, ausgerechnet in einer Situation, in der sie ihn am meisten braucht. Und auch zwei weitere X-Men haben mit schwelenden Schwierigkeiten in ihrer Beziehung zu kämpfen…
formale Bemerkungen:
- kursive Sätze = Erinnerungen, Träume oder zur Betonung
- Sätze in ‚ ‚-Zeichen = eigene Gedanken, Telepathie oder indirekte Rede
Feedback: Ist nicht nur erwünscht sondern wird auch geknuddelt, abgeschmust, gestreichelt und George genannt :D
X-Men: Weathered I
ON SILENT WINGS
(#5)
ON SILENT WINGS
(#5)
1
Ich werde fürchte ich das kleinste Problem in deinem Leben sein.
Keine paar Wochen war es her, dass mit dieser besorgten Eröffnung ihrer neuen Mentorin Katjas neues Leben in der Frost Ltd. High begonnen hatte, und immer noch verfolgte diese Warnung sie in ihren Träumen. Träume über die letzten Monate, von Blut, Gewalt, von skrupellosen, brutalen Mutanten, die den Mann folterten, den sie liebte und sie selbst zwangen, sich in einer Festung zu verkriechen, um nicht demselben Schicksal zu erliegen. Wann sie das letzte Mal richtig geschlafen hatte, wusste sie eigentlich gar nicht mehr, wie sie mit einem resignierten Kopfschütteln feststellte, als sie sich in dieser Nacht wieder einmal im Bett aufsetzte, keine halbe Stunde, nachdem sie sich hingelegt hatte. Diese Bilder im Kopf, die ihr Unterbewusstsein ihr immer und immer wieder zeigte, als wollte es sie für ihr Versagen in so vielen Kämpfen schon bestrafen, ließen keine Ruhe aufkommen. Früher hatte sie Scott gehabt, wenn sie zitternd aus so einem Albtraum aufgewacht war. Der sie in den Arm genommen hatte, ihr solange beruhigend über den Rücken gestreichelt hatte, bis sie ihre Orientierung wiedergefunden hatte und sie Trost in der Nähe des Mannes finden konnte, dem sie vor kurzem das Versprechen gegeben hatte, ihn zu heiraten, wenn dieser ganze Wahnsinn des Ärgers mit der Bruderschaft vorbei war. Aber diese Hoffnung schien mit jedem Tag mehr in weitere Ferne zu rücken.
Das grelle Aufleuchten ihres Handy-Displays konnte sie selbst durch ihre Handflächen erkennen, in die sie ihr von Erschöpfung gezeichnetes Gesicht gelegt hatte. Sie fuhr zusammen, ihr Nervenkostüm extrem dünn, als hätte sie jemand mit einer Taschenlampe angeleuchtet. Etwa jemand wie Mystique mit ihren Tarnfähigkeiten, die vermutlich in Form eines Kleiderständers neben ihr hätte stehen können, und sie hätte es erst gemerkt, wenn sie im Stützpunkt der Bruderschaft wieder aufgewacht wäre, gefesselt an eine Maschine, die sie im gelähmten Wachzustand halten und ihr Blut abzapfen würde, jeden Tag wieder, bis an ihr Lebensende vermutlich… Kein echtes Bild von dieser Vorrichtung wie etwa das, das Scott im Computernetzwerk der Bruderschaft damals entdeckt hatte, hätte ihr grausamere Vorstellungen von diesem Schicksal einpflanzen können als die, die ihr eigener paranoider Geist erzeugte. Die Träume häuften sich, in denen sie in bedrohlichen Situationen keinen Muskel rühren konnte, nicht schreien, nicht weglaufen, hilflos völlig Geisteskranken ausgeliefert… Bei jeder dieser Eskapaden ihres Unterbewusstseins wachte sie schweißgebadet auf, mit diesem grausamen Gefühl, an ihrer eigenen Panik zu ersticken, mit Taubheit im ganzen Körper, welche das pure Adrenalin ihrer Furcht hinterlassen hatte, als hätte man sie bereits an einen Litertropf Betäubungsmittel gehängt. Sie brauchte nicht Siegmund Freud studiert zu haben, um diese Angstzustände zu deuten. Mit nichts hätte Magneto sie mehr einschüchtern können als mit seinem Vorhaben, ihr ihre Freiheit zu nehmen.
Und genau aus diesem Grund nahm sie es zähneknirschend als nötig und richtig an, dass sie sich in diesem Anwesen verstecken musste wie ein Schwerverbrecher und inzwischen sogar von hier aus studierte. So gefangen, so eingesperrt sie sich auch vorkam in ihrem Zimmer mit den Bewegungsmeldern, den Kameras und den ständig geschlossenen Jalousien. Mit dem Bodyguard, der ihr auf Schritt und Tritt folgte, auch wenn es ein so charmanter Bodyguard wie Emmas Musterschüler war. Gregory, der vor kurzem schon dabei geholfen hatte, Magneto dingfest zu machen, hatte sie wirklich ins Herz geschlossen, aber selbst sein aufgewecktes Gemüt und seine lockeren Scherze konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Katja im Moment hauptsächlich eine Gefahr für sie alle und für die Menschheit darstellte. Und dass sie bewacht, nicht beschützt wurde. So schlimm hatte sich das keiner von ihnen vorgestellt, als Emma Katja damals von der Mutant High hierher eskortiert hatte. Aber die Dinge hatten sich wie meistens in der Mutantenwelt erschreckend schnell geändert.
Wie auch immer, um diese späte Uhrzeit gab es nicht viele Leute, die ihr SMS schreiben würden, so hatte sie wenigstens etwas zu lächeln, als sie nach ihrem Telefon griff. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich erinnerte, welcher Knopf direkt die Nachricht aufrief. Bei ihrem Handy-Verschleiß, den hauptsächlich ihre Mutation und deren Einsatz von Blitzen verursachte, kam sie da beizeiten etwas durcheinander. Das Technik-Labor in Kanada, des den X-Men immer ihre Ausrüstungsgegenstände lieferte, hatte sie und ihre ehemalige Teamkollegin Ororo schon auf seiner schwarzen Liste, weil sie beide auch ständig neue Multifunktions-Armbanduhren brauchten.
Absender: Jonny Castle
Text: Lust auf einen Kaffee an der Bar?
Ein Außenstehender, der das gelesen hätte, hätte vermutlich verwirrt den Kopf geschüttelt und an Scotts und Katjas geistiger Gesundheit gezweifelt, aber sie hatten ihre kleine Codesprache schon aus einem bestimmten Grund entwickelt. Und wenn es nur war, dass man seine engsten Vertrauten nicht unter ihrem richtigen Namen einspeicherte, damit solche Daten nicht etwa bei einer möglichen Gefangenschaft in die falschen Hände fielen. Während ihr Laptop hochfuhr, kniete sich Katja rasch neben den Mini-Kühlschrank neben ihrem Bett. Licht brauchte sie dafür keins, sie wollte auch keins machen. Die Schüler hätten nur wieder besorgt nachgefragt, Emma sowieso. In diesem kleinen, karg mit einem Bett, einem Schreibtisch, einem einzigen Stuhl und einem Schrank eingerichteten Apartment, das Emma ihr zur Verfügung gestellt hatte, kannte sie sowieso jeden Winkel. Es war ihr eigener Wunsch gewesen, weder persönliche Möbel noch irgendwelche Dekoration hier einzubringen. Immerhin hatte sie nicht vor, ewig hier zu bleiben, und daran wollte sie auch jeden Tag erinnert werden. Durch das ständig diffuse Licht hier drin war ihre Nachtsicht hervorragend geworden. Vielleicht hatte man sie ja am Ende doch zurecht mit ihrem Spitznamen als Katze getauft... Sie griff blind nach einer Dose von ihrem geliebten Ice-Latte, der Droge, die sie im Moment einigermaßen wach hielt. Mit Betonung auf einigermaßen. Um ihren Körper und ihrem Geist aus dieser bleiernen Müdigkeit zu ziehen, hätte es vermutlich einer Dauerinfusion mit purem Koffein bedurft. Scott fand dieses Gesöff sowieso pervers, er hielt sich da eher klassisch an tiefschwarze Brühe, die von selbst stehen blieb, wenn man sie nicht hin und wieder umrührte. Was wiederum Katja regelmäßig erschaudern ließ. Es gab Dinge, da konnten sie gar nicht unterschiedlicher sein.
Und andere, da konnten sie nicht ähnlicher sein. Scott saß genau wie sie im Dunkeln vor seinem Computer, leerte gerade die Hälfte seiner Jumbo-Tasse mit dem freakigsten Power Rangers-Aufdruck aller Zeiten in einem Zug und war dem für ihn ungewöhnlich verwuschelten Zustand seiner Frisur nach zu urteilen auch gerade aus dem Bett gekrochen. Die Nacht wurde immer mehr zu ihrer beider Freundin. Sie versteckten sich oft in diesem Halbdunkel seit Katjas Umzug, wenn ihnen der Sinn nach wenigstens dieser spröden Kommunikation stand, die leider im Moment die beste Alternative darstellte. Auf eine gewisse Art wirkte es beruhigend, dieses flimmernde Licht. Man konnte sich Bilder in dieses Grau hineindenken, deren Farben im momentanen Regensturm verblassten. Bilder aus besseren Zeiten. Und man konnte in dem einlullenden Dämmerlicht die Trägheit seiner Gedanken genießen, mit seichtem Flachs wenigstens kurz vergessen, was das Leben im Moment so schwierig machte.
Viel mehr als das Aufblitzen von roten Brillengläsern im Schein des Monitors konnte Katja nicht erkennen, aber sie wusste auch so, wie Scott gerade aussah, blass und angespannt, mit diesen nervösen Falten um die Mundwinkel. Es belastete auch ihn, dass sie sich kaum treffen konnten und er das auch noch selbst hatte anordnen müssen, weil jedes Verlassen von Emmas Anwesen für Katja zum Spießrutenlauf wurde. Dass er im Moment wegen seiner Verletzungen aus dem letzten Kampf nicht trainieren konnte, tat sein übriges. Seine Silhouette wirkte schmäler als sonst. Katja konnte das nur zu gut beurteilen, sie hatte den Umriss seiner Schultern oft genug mit ihren Fingerspitzen nachgestrichen, egal ob bei ihrem leidenschaftlichen Tanztraining oder wenn sich ihre Nägel in Momenten der Leidenschaft darin vergraben hatten. Oder sie ihren Kopf daran gelehnt hatte. Scott wusste schon, warum er sich ihr nicht ganz zeigte. Er ahnte wohl, dass er sich dann einiges darüber hätte anhören dürfen, dass er sich gehen ließ.
Er war er allerdings wie immer dreist genug, selbst durchaus sein Recht einzufordern. Dieses sexistische Grinsen bei seiner Frage, warum Katja ihm den Anblick ihres Nachthemd vorenthielt, sah sie auch ohne Licht wunderbar vor sich.
„Glaub mir, das willst du nicht sehen.“ Ganz abgesehen davon, dass Scott nicht unbedingt bemerken musste, dass sie schon wieder beizeiten auf so Kleinigkeiten wie Essen vergaß und kaum in die Sonne kam, dieses verknitterte, überlange Roadrunner-T-Shirt würde sie ihm gleich schon dreimal nicht präsentieren. Es gab Dinge, die einem in Frost Ltd. gleich von Anfang an eingetrichtert wurden. Dazu gehörte Anspruch an das eigene Auftreten in jeder Situation. Vor allem, wenn man jemandem lieber die Erinnerung an ein eigentlich ganz hübsches Gesicht, wie sie hoffte, in einer Zeit der Trennung erhalten wollte anstatt ihn mit Eindrücken à la Frankensteins Schwiegertochter abzuschrecken. „Ich schlafe im Moment nicht besonders gut.“ Sie hielt sich das kühle Metall der Dose an ihre Schläfe, um wenigstens ansatzweise wach zu werden, zeichnete abwesend die Reihen ihre Tastatur nach. Die Buchstaben waren kaum noch zu erkennen, soviel wie sie ständig darauf einhackte. Sie hatte in ihrem ganzen Leben nicht soviel privat getippt wie in den letzten Wochen E-Mails und Instant Messenger-Nachrichten.
‚Ach, Tatsache?‘ Bei diesem sarkastischen Tonfall brauchte sie keine Sekunde Scotts Augen sehen zu können, um zu wissen, dass er diese gerade ungeduldig verdrehte. ‚Ich will dich ansehen, wenn ich mir dir spreche. Wenn du auf einmal denkst, ich lege auf Äußerlichkeiten mehr wert als darauf, bist du zuviel mit Emma zusammen.‘
„Das lässt sich nicht vermeiden, wenn man mich als Assistentin in die Residenz der Dame zwangsversetzt, ja.“ Zickig werden konnte Katja auch, auch wenn es ihr meist hinterher sofort leid tat. Sie ließ sich zwar nur ungern vorhalten, sie würde Züge von jemandem annehmen, der nun mal im Moment als ihr Ratgeber an ihrer Seite stand, aber Scott und sie sollten diese wenigen Gelegenheiten, miteinander zu reden, wirklich nicht mit solchen völlig unsinnigen Sticheleien verbringen. „Verzeih. Ich bin nur…“
‚…müde, wie wir alle.‘ Scott winkte mit einer Geste ab, die Katja mehr erahnte als sehen konnte. ‚Sogar die Teenager schlagen sich die Nächte um die Ohren. Bobby und Kitty geben die Hoffnung nicht auf, dass sie euch helfen können.‘
„Wer weiß… Die beiden haben der Bruderschaft immerhin schon einmal ein Schnippchen geschlagen.“ Ein kurzes, bei dem unweigerlich wieder aufflammenden Trennungsschmerz in ihrem Herzen sehr melancholisches Lächeln huschte über Katjas Lippen, als sie sich daran erinnerte, wie im letzten Konflikt die Jugendlichen einen großen Teil dazu beigetragen hatten, dass Scott überhaupt erst von den Plänen der Bruderschaft bezüglich Katja erfahren hatte. Auch wenn die Chancen wirklich nicht sehr groß waren, dass die beiden jungen Computerfreaks des Xavier-Anwesen noch einmal das Glück haben würden, das Netzwerk der Bruderschaft sabotieren zu können, es freute sie, dass ihre Freunde sie noch nicht vergessen hatten.
Emma konnte jedenfalls jede Unterstützung brauchen, um sich vor Angriffen auf ihr eigenes Netzwerk zu schützen. Diese hatten natürlich zeitgleich mit dem Tag von Katjas Einzug begonnen. Ihre Spezialisten hatten Tag und Nacht zu tun, die Hacker-Versuche abzuwehren. Im schlimmsten Fall konnte so ein Eindringen das Sicherheitssystem des Hauses lahmlegen- und dann war keiner mehr hier drin von dem unweigerlich auf sie alle niederfahrenden Zorn von Magnetos Leuten mehr sicher. Emma und Katja waren es gewesen, gemeinsam mit dem jungen Remy LeBeau, der nun seinerseits Schutz in der Unterwelt der Stadt vor der Bruderschaft suchte, die Magneto zurück in sein Plastikgefängnis an einem streng geheimen Ort geschickt hatten. Und seine Mitstreiter verziehen genauso wenig wie Erik selbst, dessen Geist über jedem Übergriff der Bruderschaft auf Frost Ltd. schwebte. Diese Besessenen wollten nicht nur die Pläne bezüglich ihrer Mutationswaffe weiter vorantreiben, sie wollten auch Rache. Rache an Emma, die sie hintergangen hatte, Rache an Katja, die ihnen soviele Probleme bereitet hatte. Und wenn sie dabei über die Leichen von ein paar Mutantenkindern gehen mussten- nun, Erik war nicht da, um sie zu bremsen.
Allein bei der Vorstellung, dass eins dieser so liebenswerten jungen Wesen in diesem Haus diesen Terroristen zum Opfer fallen könnte, verkrampfte sich Katjas Hand so hart um ihre Kaffeedose, dass der halbe Inhalt sich über ihre Tastatur verteilte. Niemals. Nicht die Kinder, die sie in ihrer kurzen Zeit hier schon so lieb gewonnen hatte, die ihr einziges Lächeln in diesem Jahr weg von ihrem eigentlichen Zuhause waren.
So wie die Kleine mit den dicken, hüftlangen blonden Zöpfen und den roten Wangen, die als wandelnde Jukebox durchs Anwesen lief, immer ein fröhliches Lied aus den aktuellen Charts auf den Lippen. Der Ire mit den feuerroten Haaren und dem kaum zu verstehenden Akzent, der die Lehrer mit seinen Streichen in den Wahnsinn trieb. Gregory, so jung, so energiegeladen, so unglaublich talentiert mit seiner Wassermanipulation…
Altbekannter Zorn, kaum gezügelter Hass auf ihre Feinde begleitete das grausame Bild in Katjas Kopf, wie diese unschuldigen Kinder und Jugendlichen Mystiques brutalen Prügeleien oder gar Sabretooths animalischen Instinkten ausgesetzt werden könnten. Nicht wenn sie es verhindern konnte. Da würde sie sich diesen Psychopathen lieber alleine stellen, wenn es sein musste. Aber dafür bestand zum Glück im Moment noch keine Notwendigkeit. Emma wachte wie eine Löwin über dieses Anwesen und die Kinder, die Charles ihr vor ein paar Jahren nach langem Zögern wegen ihrer schwierigen Vergangenheit anvertraut hatte. Solange sie alle zusammenhielten und an ein paar unangenehme aber im Moment nun mal leider nötige Regeln hielten, waren sie sicher in ihrer kleinen Festung hier.
Und solange wollte Katja auch nicht ständig daran erinnert werden, dass ihr Leben im Moment ein wahres Pulverfass war. Darüber konnte sie auch mit Emma philosophieren. Von Scott wollte sie lieber Neuigkeiten aus dem Leben hören, an dem sie im Moment nicht teilhaben konnte. „Was machen die anderen?“
‚Sich gegenseitig auf die Nerven gehen. Mich eingeschlossen.‘ Vermutlich ohne es überhaupt zu registrieren begann Scott in seiner etwas schlampigen Schrift auf die Vorderseite eines Schulhefts ein paar Hieroglyphen zu malen. Der grellpinken Farbe des Hefts nach zu urteilen, waren es Jubilees Mathematikhausaufgaben. Die nervöse Geste wollte nicht zu Scotts sonstiger Ruhe passen. Dieses Warten auf etwas, das man unter allem Umständen zu verhindern versuchte, machte sogar einen Teamanführer mit seiner Routine wahnsinnig, vor allem, wenn er vorläufig zum Zusehen verdammt war. ‚Hank meint, ich kann nächste Woche mit leichtem Lauftraining anfangen. Das wird auch höchste Zeit. Sei froh, dass du nicht mit mir in einem Zimmer leben musst, Süße. Ich bin unerträglich im Moment.‘
„Wer sagt, dass du das früher nicht warst?“, erwiderte Katja mit einem Anflug von Humor und zog unwillkürlich sofort den Kopf ein, in Erwartung eines Klapses auf den Hinterkopf, der nicht kommen würde- die kleine Ernüchterung zerstörte die angenehme Täuschung eines wirklichen Gesprächs auf der Stelle.
Auch Scott hatte nur ein kurzes, schiefes Grinsen für die Witzelei übrig. ‚Sie trainieren die Hälfte der Zeit, die andere Hälfte streiten sie sich, vor allem die Teenager. St. John wird immer unerträglicher, er hat überhaupt keinen Respekt mehr vor uns. Marie steht zwischen Bobby und ihm, das zieht sie alle drei ziemlich runter. Ororo fliegt aus, sobald sie in der Schule nicht mehr gebraucht wird, und sagt niemanden, wo zur Hölle sie eigentlich zu finden ist, und Jean weckt mit ihren Albträumen jede Nacht das halbe Haus. Es ist zum Kotzen, Süße, ganz ehrlich. Truppenübungen in der Schweiz, wenn du verstehst, was ich meine.‘
„Mein ehemaliges Nachbarland“, gab Katja halbherzig kichernd zurück. „Glaub mir, ihr redet alle viel zu schnell, als dass man euch das abnimmt.“ Es war einer dieser Augenblicke, wo sie wirklich froh war, dass nicht einmal die Nachttischlampe brannte. Sie war nicht sicher, ob sie vor Scott hätte verbergen können, wie unangenehm ihr speziell das Thema Ororo war. Sie wusste ja, wo diese ständig hinging, und das für sich zu behalten, wurde immer schwieriger, je mehr Fragen die anderen X-Men stellten. Bei diesem Hickhack, das Scott da beschrieb, war die Eröffnung, dass ausgerechnet ein mutmaßlicher Feind Ororos Lebensgefährte war, allerdings das letzte, was die Mutant High brauchte. „Seien wir froh, dass wenigstens ihr nicht unter Beschuss steht. Die nächste Katastrophe kommt sicher früh genug.“
‚Wenn die in Washington so weitermachen, bald, ja. Die tagen morgen schon wieder wegen der Mutantenregistrierungspflicht.‘ Gefährlich leise kamen diese Worte über Scotts Lippen. Seine Geduld bezüglich der Toleranz der Menschen, vor allem der Regierung, war an einem Tiefpunkt angekommen. ‚Aber bis diese Welle uns erreicht, haben wir noch einige Monate, hoffe ich.‘ Er versuchte, die unbeherrschte Wut hinunterzuschlucken, die emotionale Gelassenheit wiederzufinden, die ihm immer mehr verloren ging, indem er seine Nase wieder in seine Tasse steckte, vermutlich auch, um nicht zu zeigen, dass die nächste Eröffnung ihn ebenfalls nicht halb so kalt ließ, wie er das gern gehabt hätte. ‚Zeit, die wir nutzen sollten. Logan reist in den nächsten Tagen ab.‘
„Wollte er das nicht schon lange?“ Katja hielt erstaunt in ihren Bemühungen inne, mangels anderer Utensilien in Reichweite mit einem Zipfel ihres T-Shirts ihren Laptop vor einer Koffeinüberdosis zu retten. Tatsächlich war sie eigentlich der Meinung gewesen, Logan hätte die Mutant High bereits verlassen, um sich ein zweites Mal auf die Suche nach seiner Vergangenheit zu machen. Sie hatte nicht gefragt, und Scott sprach nicht oft über ihn, dafür war die ständige Rivalität zwischen den beiden wegen Jean früher und ihrem Status im Team jetzt einfach zu groß, aber eigentlich war diese kurze Auszeit schon vor längerem geplant worden.
‚Wollte er.‘ Scott zuckte mit den Achseln. Wider Willen nickte er anerkennend in die ungefähre Richtung von Jeans und Logans Apartment. ‚Ich nehme an, er wollte abwarten, ob du okay bist.‘
„Ich bin okay. Sag ihm das, ja?“ Katja hätte Logan auch selbst anrufen können, aber sie scheute sich in diesen Tagen davor, Kontakt mit den anderen aufzunehmen. Jedes Gespräch erinnerte sie nur daran, wie sehr sie das Leben bei Xavier vermisste, mit den Leuten, die ihr so ans Herz gewachsen waren, den Kindern und Jugendlichen, die sie sehr lieb gewonnen hatte. Wie ihr das aufregende Danger Room Training fehlte. Das belebte Haus, wo nicht so wie hier alles an seinem vorbestimmten Platz stand sondern man schon mal über einen Fußball oder ein Bobbycar im Gang stolperte und Eisskulpturen mitten im Sommer im Garten entdeckte. Das laute Wohnzimmer, wo man selbst an einsamen Tagen die Wärme eines familiären Zuhauses fand... Besser gar nicht daran denken. „Ich bin sowieso meistens hier. Und Emmas Wachhunde begleiten mit ihren gepanzerten Autos jeden von uns, sobald wir das Gelände verlassen. Die schießen, bevor sie fragen. Emma will kein Risiko eingehen. Der Bruderschaft ist es zuzutrauen, dass sie die Kinder entführen, um sie zu erpressen. Das ist das zweite Arkham Asylum hier, Baby. Macht euch keine Gedanken.“
Es hätte wirklich beruhigend klingen sollen, aber Scott kannte sie inzwischen ein wenig zu gut, um nicht den bitteren Unterton in ihrer Stimme zu hören, nicht zu bemerken, wie ihr Blick vernichtend auf das regelrecht verbarrikadierte Fenster fiel. Er beugte sich näher zum Monitor hin, als könnte er sie so erreichen, berühren, irgendwie, und wieder blieb Katja nur, soviel Zuspruch wie möglich aus seiner mitfühlenden, liebevollen Stimme zu ziehen. ‚Eigentlich habe ich dich doch zu Emma geschickt, damit ich dich eben nicht einsperren muss.‘
„Es ist okay. Wir mussten damit rechnen.“ Okay war es nicht, kein bisschen, aber was hätte es jetzt gebracht, Scott auch noch ein schlechtes Gewissen einzureden? Es würde ja hoffentlich nicht für immer bei diesem Verstecken bleiben. Von Scott war die Idee Frost Ltd. zudem nicht gekommen, das hatte sich der Professor zuzuschreiben.
Und vermutlich hatte der schon Recht damit gehabt, dass Emma mehr Übung damit hatte, Feinde abzuwehren. Die kühle Skrupellosigkeit, mit welcher ihre – vermutlich nur von ihren mentalen Fähigkeiten vor der Verfolgung durch die Polizei geschützten – Securitys vorgingen, zeugte von jahrelanger Übung im Umgang auch mit mächtigen Gegnern. Und bis jetzt hatte es ja auch keine der schwachen und ziellos wirkenden direkten Attacken der Bruderschaft näher als ein paar Meter an ihre Zielperson herangeschafft, bevor heftiger Beschuss ihr Vorhaben zunichte gemacht hatten. Bei solchen Konflikten hätte gut und gerne bereits jemand sein Leben lassen können, und das war der Punkt, an dem Xavier solche Maßnahmen nicht mehr billigte, das war Katja klar. Das war nicht die Art von Verteidigung, die er seinen Kindern vorlebte. Damit bewahrte er ihnen immerhin auch ein gutes Stück Menschlichkeit, zudem Unbeschwertheit und Lebensfreude, die den oft so ernst und verbissen wirkenden Bewohnern der Frost Ltd. High zu fehlen schienen.
Ihr Platz war in ihrer derzeitigen Situation somit hier, damit musste sie sich abfinden. Das wäre allerdings um einiges leichter gewesen, wenn sie zur Abwechslung wieder einmal eine reale Umarmung von Scott bekommen hätte anstatt gut gemeinte Worte. „Kommst du am Wochenende?“ So ganz konnte Katja ihre Sehnsucht nach wenigstens ein paar Tagen Normalität nicht verbergen.
Umso enttäuschter war sie, als Scott mit seiner Antwort zögerte. ‚Ich würde unglaublich gern, das weißt du. Aber wenn Logan wirklich übermorgen schon wegfährt… Jean wird mich in dieser Zeit brauchen. Es geht ihr wirklich nicht gut. Ihre Fähigkeiten geraten wieder außer Kontrolle…‘
„Du willst für sie da sein. Dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen.“ Und es war ja nicht so, als ob Katja an solche enttäuschende Absagen nicht inzwischen gewöhnt gewesen wäre. Sie bezweifelte zwar, dass ausgerechnet Scott Jean viel bei ihrer Telepathie helfen konnte, das war das Gebiet des Professors… Aber Scott und Jean waren nun mal eng befreundet. Sie wünschte, dieser Gedanke würde nicht immer diesen unangenehmen Stachel in ihr Herz treiben. Vor allem diesmal tat es weh. Scott musste doch wissen, wie sehr er ihr fehlte. Und Katja musste sich auch ein wenig nach Emmas Zeitplan richten, nach den Stunden, in denen sie die Kinder bei ihren Hausaufgaben beaufsichtigte, mit den ganz Kleinen spielte oder banalen Bürokram erledigte. Da setzte Scott seine Prioritäten anscheinend im Moment anders… Sie hätte damit leben können, wenn nicht schon ein paar Mal Dinge bezüglich Jean vorgefallen wären, die ihr wehgetan hatten. Und wenn Scott wenigstens verstanden hätte, warum sie geschmerzt hatten.
Das konnte er bis heute nicht, dafür hatte er leider ein ganz besonderes Gespür dafür, wenn sie solche eifersüchtigen Gedanken hegte, und seine Warnung, dass das ein todsicheres Mittel war, ihn abzuschrecken, klang Katja noch in den Ohren nach. Wenn sich seine Augenbrauen so gereizt zusammenzogen und sein Rücken diese unerträgliche Lehrerspannung bekam, war es Zeit, ganz schnell wieder zu lächeln und zu winken. ‚Genauso wie für dich, das solltest du eigentlich wissen. Wir können doch…‘
Ein warmes, polytones Rufsignal in E-Dur aus Katjas Armbanduhr unterbrach ihn, eine angenehme Abwechslung zu dem schrillen Warnpiepsen, mit dem sie früher bei Notfällen im X-Team verständigt worden war. „Emma. Ich muss los.“ Erleichtert, dass die drohende Diskussion im Anfangsstadium abgewendet wurde, antwortete Katja der Anfrage mit einem kurzen, zweimaligen Druck auf das Display der Uhr, was soviel hieß wie: Gib mir fünf Minuten.
‚Jetzt‘, stellte Scott mit einem bezeichnenden Blick auf die Zeitanzeige seines Laptops fest. ‚Kampftraining vielleicht? Fechtstunden? Modeberatung? Oder doch nur Frustschokoladeneis im Wohnzimmer, weil sie sich an der Börse verspekuliert hat und nicht einmal bei Bruce Wayne landen konnte?‘ Was er davon hielt, dass seine Partnerin nun mal nicht nur in der Frost Ltd. High lebte sondern auch arbeitete, machte er ihr auch ohne viel offene Kritik klar. Die X-Men und Emma, das war eine noch sehr unsichere Freundschaft.
Aber da war nun wiederum Katja genauso eiskalt, wie sie damals mit nichts als ein paar seichten Warnungen hierhergeschickt worden war. Sie jedenfalls hatte bisher nur gute Erfahrungen mit ihrer Mentorin machen dürfen. „Eigentlich holt sie mich nachts nur, wenn eins der Kinder schlecht schläft, aber ich frage sie gern auch danach, wenn dich das so brennend interessiert." Ihre leere Kaffeedose landete zielsicher im Müllkorb unter dem Schreibtisch. Mit zwei flinken, geschmeidigen Schritten über Kabelstolperfallen, Pädagogikbücher und lose Kleidungsstücke hinweg stand sie vor dem Schrank und suchte nach einem etwas alltagstauglicheren Outfit. Scott hatte etwas geschafft, was er mit seiner Einladung zu diesem Gespräch ursprünglich sicher nicht hatte bewirken wollen: Sie war jetzt wirklich gereizt. Ein dankbarer Blick aus hübschen Kinderaugen und vielleicht noch ein Glas Scotch mit Emma in der Küche, das klang nach einem guten Plan, um dieses ständige Misstrauen in Jeans Richtung zu vertreiben, das ihr selbst am allermeisten an die Substanz ging.
„Nächstes Wochenende dann?“ Aber als sie sich wieder zum Monitor drehte, war die Verbindung zur Mutant High bereits einseitig beendet worden.
Nur ein paar wenige Worte hatte Scott ihr noch als Abschied geschrieben, in dem Textfenster, das zu dem Videokommunikationsprogramm dazu gehörte.
JohnnyCastle: Vielleicht sollten wir beide doch ein wenig mehr schlafen, Süße. Wir haben bereits genug Gespenster, die uns verfolgen, ohne auch noch selbst welche zu sehen.
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