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von Lunita
erstellt: 22.01.2009
letztes Update: 07.03.2011
Geschichte, Allgemein / P12
(abgebrochen)
„Nun kommt, lassen wir nicht die kalte Luft herein.“, sagte der blonde, junge Mann. Er sah immer noch freundlich aus. Aber irgendetwas hatte er an sich, dass sie nicht normal mit ihm umgehen konnte. Sie fühlte sich unterwürfig bei ihm, als müsse sie ihm Respekt zollen. Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass sie immer noch nicht fassen konnte, dass er freundlich zu ihr war, nach allem, was er da draußen von ihr gesehen hatte.
Sie zog seinen Mantel enger und nickte. „Verzeiht.“, sagte sie leise und trat ein, immer noch zögerlich. Dann schloss er die Tür und erstmals seit Wochen spürte sie Wärme. Eine angenehme Wärme, die sie umgab, fast schon umarmte. Sie seufzte unwillkürlich. Der Mann lächelte. Er ging an ihr vorbei und rückte ein Stuhl zurecht. „Setzt euch, wenn ihr mögt.“
Wieder schaffte sie es nur zu nicken und nichts zu sagen. Es mag unhöflich gewesen sein, aber sie traute sich nicht mehr zu. Und sie hatte immer noch Angst, wenn sie ehrlich war. Dennoch setzte sie sich. Dabei sah sie sich im Zimmer um. Sie saß an einem Tisch, der vor dem Kamin aufgestellt war. Es gab nur ein Bett und einen großen Sessel. In dem Bett lag ein junger Mann. Er war jünger als der Blonde. Er war unglaublich zierlich, sicher dünner als sie selbst. Er atmete schwer und hustete heftig. Sie erkannte das Husten. Es war das gleiche, das sie in der Gosse schon gehört hatte.
Der junge Mann sah zu jenem im Bett hinüber und schien besorgt. Dann sah er zu ihr. „Hier, trinkt etwas davon. Dann wird euch gleich wärmer.“ Er stellte ihr einen Becher mit heißem Tee hin. Sie nahm ihn nur zögerlich in die Hand, dann aber hielt sie ihn erst einmal fest und schien ihre Hände aufzuwärmen. Sie sah nicht so aus, als würde sie sich behaglich fühlen. Immer wieder sah sie zu dem jungen Mann auf, unsicher, ängstlich. Und immer wieder glitt ihr Blick zu dem kranken Mann im Bett zurück.
„Wie heißt ihr?“, fragte er irgendwann nach. Sie schwieg eine Minute, als wolle sie nicht sagen, wie ihr Name war oder als überlege sie, ob sie dies verraten sollte.
„Shila.“, sagte sie dann leise. Er nickte. Es war kein geläufiger Name für ihn. Aber er klang schön in seinen Ohren. „Ich heiße Caedmon.“, sagte er. Die junge Frau namens Shila nickte. „Es freut mich wirklich sehr.“, gab sie zurück. Dann herrschte eine Weile Schweigen.
„Ihr müsst nicht reden, wenn ihr nicht wollt.“, sagte der blonde junge Mann dann, als sehe er ihr an, dass sie nicht wusste, wie sie sich verhalten soll. Sie sah auf, fast überrascht. Dann nickte sie. „Danke.“, sagte sie leise. „Ihr seid sehr freundlich.“ Nun sah sie wieder zu dem kranken Mann; oder sollte sie sagen Jungen; hinüber. „Was fehlt ihm?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht. Er hustet seit ich ihm getroffen habe. Seitdem geht es mit ihm stetig bergab.“, sagte er und beobachtete sie dabei. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich. Er wurde von unsicher und ängstlich zu sehr selbstbewusst und ernst. Sie stand auf und ging zu jenem kranken Mann hinüber. Er stand ebenfalls auf. Was hatte sie vor? Sein Blick traf sie und sie hielt inne. Sie hatte den Blick aufgefangen und sie kannte diese Blicke. Sofort konnte er wieder so etwas wie Angst in ihren Augen sehen. „Ich… Ich kann ihm helfen.“, sagte sie jedoch dieses mal mutig. Einen Augenblick wartete sie noch ab, dann kniete sie sich zu dem kranken Mann nieder. Sie fühlte seine Stirn und seinen Puls.
„Er fiebert stark. Ich brauche warmes Wasser und Lappen. Irgendetwas. Feuchte Tücher auch.“, sagte sie nun wieder selbstbewusst. Als wüsste sie genau, was sie da tat. Und dem war auch so. Sie wirkte ungeheuer konzentriert.
„Seid ihr eine Heilerin?“, fragte der junge Mann skeptisch und trat näher. Er musterte sie ernst. Keinesfalls wollte er seinem jungen Freund noch mehr zumuten. Allerdings, wenn sie wirklich etwas davon verstand, konnte es ihm nur helfen. Denn schlecht schien es ihm schon mehr als genug zu gehen.
Sie sah zu ihm auf. Lange schien es. „Ja, wenn ihr es so nennen wollt. Jedenfalls kann ich ihm helfen. Und er braucht Hilfe.“, sagte sie.
Er nickte. „Das habe ich mir schon gedacht.“ Erfreut schien er nicht. Dann sah er wieder genauer hin, was sie tat. Sie holte einen kleinen Beutel heraus, in dem sie Pflanzen hatte. Kräuter, wie sich herausstellte. Sie sah auf. Ihr schien klar, dass sie erklären musste, was sie tat, sonst würde er es nicht zulassen.
„Das ist Minze. Ich werde ihn damit einreiben. Oder ihr tut es, wenn ihr mir nicht traut. Es wird ihm das Atmen erleichtern.“ Nun war ihr Blick ernst und fest auf ihn gerichtet. Plötzlich konnte er einen Willen in ihren Augen sehen und sie leuchteten förmlich auf. Das zaghafte Wesen dahinter war verschwunden.
„Tut was ihr müsst, wenn ihr etwas davon versteht. Sagt mir nur, was ihr braucht.“
Und das tat sie. Sie sprach nicht viel, außer wenn sie ihm erklärte, was sie tat. Sie rieb den Kranken ein und gab ihm eine andere Kräutermischung zum Einnehmen. Sie kühlte sein Gesicht und legte ihm die feuchten Tücher um.
„Er wacht auf.“, sagte sie irgendwann. Es war bereits mitten in der Nacht. Caedmon hatte im Sessel gesessen und schien eingenickt. Nun war er sofort wach. Er stand auf und kam hinüber. Der Kranke schien wirklich aufzuwachen. Sein Husten war etwas abgeebbt. Langsam machte er die Augen auf. Er schien fast zu erschrecken, als er zuerst die junge Frau vor sich sah.
„Habt keine Angst. Es ist alles gut.“, sagte sie leise, mit sanfter Stimme, bei der auch Caedmon sofort zu ihr hinab sehen musste. Bei dieser Stimme konnte man fast nicht anders als ihr Glauben schenken. Der Kranke schien einen Versuch zu machen sprechen zu wollen, als er Caedmon sah.
„Sprich nicht. Schone dich und lass sie dir helfen.“, sagte er leise. Nun war Shila sehr bewegt von seiner Stimme. Er sprach genauso sanft, wie er es zuvor bei ihr getan hatte. Eine weiche, melodische Stimme. Und doch männlich.
„Wie heißt euer Freund?“, fragt sie.
„Chandelle, so ist sein Name.“, sagte er nach einem Augenblick Schweigen. Sie nickte, dann beugte sie sich wieder über den Kranken.
„Chandelle, könnt ihr mich hören?“, fragte sie leise. Sie nahm ein Nicken wahr. „Gut. Ich bin hier, um euch zu helfen. Keine Angst. Morgen wird es euch schon besser gehen.“ Ein weiteres Nicken. Dann schien er schon wieder eingeschlafen zu sein.
Und so verging die Nacht. Shila saß am Bett des Kranken und wachte über ihn, wie es ihre Aufgabe als Heilerin war. Sie war zufrieden mit sich. So zufrieden, wie schon lange nicht mehr. Einst hatte sie die Kunst des Heilens von ihrer Großmutter gelernt, doch in letzter Zeit hatte sie kaum mehr die Chance oder Gelegenheit gehabt sie anzuwenden, geschweige denn etwas Geld damit zu verdienen.
Caedmon konnte sich kaum mehr wach halten. Mehrere Wochen war er schon unterwegs und die letzten Tage, seit der junge Chandelle an seiner Seite war, hatte er nicht mehr geruht. Jetzt schlief er ihm Sessel.
Shila sah zu ihm hinüber und lächelte. Nun, wenn dies heute der Sinn ihrer Begegnung sein sollte, wenn auch nur der, dass der junge Mann etwas Schlaf finden konnte, dann sollte es so sein. Die Wege des Herren…, dachte sie bei sich und lächelte.
Doch irgendwann schlief auch sie in der angenehmen Wärme des Feuers ein.
Sie schlug die Augen auf. Sie lag weich, obwohl sie auf den Boden lag. Alles um sie herum war ruhig. Und warm. Und trocken. Ja, es war trocken. Sie setzte sich auf. Es dauerte einen Moment, ehe sie wusste, wo sie war. Das Gasthaus. Ja, genau. Sie war im Gasthaus und sie musste eingeschlafen sein. Sie sah sich um. Sie hatte eingewickelt in dem weichen Mantel geschlafen, den ihr der nette junge Mann, der den Namen Caedmon trug, gegeben hatte. Allerdings war er nun weg. Genau wie der kranke junge Mann, Chandelle. Wo waren sie? Was war geschehen? Das Zimmer war leer. Sie war allein.
Als sie zu dem Wirt hinunter kam, sah er sie seltsam an. Aber er hatte eine Nachricht für sie. „Braucht euch keine Sorgen machen. Das Zimmer ist bezahlt.“, sagte er mit argwöhnischem Ausdruck im Gesicht. Und gleichzeitig hinterhältigem. Shila kannte solche Leute. Wahrscheinlich hatte er dem armen Mann viel zu viel berechnet.
„Aber wo sind sie denn hin?“, fragte sie verwirrt.
„Mussten los. Hatten es wohl eilig.“, sagte er knapp, aber sein Blick musterte sie von oben bis unten. Shila versuchte das zu ignorieren. Es war ihr nicht begreiflich, warum die beiden Männer es so eilig gehabt hatten. Sicher, sie waren wohl nicht scharf darauf ihren Tag mit einer wie ihr zu verbringen, aber war es denn nötig mit einem so kranken Mann bei dem Wetter gleich weiterzuziehen? Auch wenn sie es eilig hatten? Gesundheit war doch wichtiger. Nun ja, sie konnte es nicht ändern. Sie hatte getan, was sie konnte. Doch wenn sie ehrlich war, bedauerte sie es, dass die beiden weg waren. Ein wenig Gesellschaft, und dann so nette, war ihr doch willkommen gewesen. Langsam, hatte sie das Gefühl, starb sie innerlich vor Einsamkeit.
Sie wollte gerade gehen, da sagte der Wirt noch etwas. „Ich soll euch noch sagen: Er dankt euch. Und ihr sollt ‚es’ als ein Geschenk ansehen, für eure Hilfe.“, sagte er. Shila drehte sich um. Sie wollte ihm gerade danken. „Kann mir schon vorstellen, für was.“, sagte der Wirt herablassend. Und obwohl Shila diese Sprüche langsam gewöhnt war, wirkten sie immer noch wie ein Schlag ins Gesicht auf sie. Sie drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort.
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