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von Lunita
erstellt: 22.01.2009
letztes Update: 07.03.2011
Geschichte, Allgemein / P12
(pausiert)
Das Fauchen und knurren hatte aber Aufmerksamkeit erregt. Ein junger Mann trat aus der Stallung heraus. Er war großgewachsen und sah müde aus. „Was ist denn…?“, wollte er gerade fragen, da sah er den Tiger. In seinen Augen nur eine riesige Katze, die scheinbar sehr hungrig war. Einen Tiger hatte der Mann bis dato nie zuvor in seinem Leben gesehen.
„Oh mein Gott…“, hauchte der Mann. Er sah sich um, hilfesuchend und ein wenig verwirrt. Aber es war mitten in der Nacht, sein Begleiter lag in seinem Zimmer krank im Bett und der einzige, der jetzt noch wach sein dürfte, war der Wirt. Und er glaubte nicht, dass dieser ihm sehr hilfreich sein würde. Also zog er ohne viel zu überlegen sein Schwert. Seine einzige Chance. Das Untier sah ihn, sah das Schwert und blieb stehen. Fast so, als würde es wissen, was er da ihn den Händen hielt. Gefahr! Kann weh tun! Achtung! So stand es da, unentschlossen ob es weiter gehen sollte oder flüchten. Das machte dem jungen Mann Mut. „Ja, hau ab! Verschwinde!“, hauchte er. Der Tiger stellte die Ohren auf und hob den Kopf, als wolle er genau verstehen, was er da gesagt hatte. Eine merkwürdige Situation. Da stand ein Mann einem Tiger gegenüber, kampfbereit. Doch der Tiger schien gar nicht auf einen Kampf erpicht, sondern nur auf eine leichte Beute. Als fürchte er sich einen Menschen anzugreifen.
Sie war noch da drin. Sie sah alles und nichts. Sie konnte nichts unternehmen. Sie hatte absolut keine Kontrolle. Es war, als würde sie über diesem Tier schweben und nur zuschauen können, bei dem was es tat, aber dennoch tat sie es auf eine Weise auch. Sie war ein Teil von diesem Untier. Dann aber hatte sie den Menschen entdeckt. Und von da an wehrte sie sich mit all ihren Willen. Nein, nein! Nicht einen Menschen! Nie wieder einen Menschen angreifen!, schrie sie innerlich. Das durfte nicht geschehen. Nicht noch mal. Sie hasste sich dabei so sehr. Sie war selbst überwältig davon, dass er Tiger stehen blieb. Doch es war schwer und anstrengend diesen Willen aufrecht zu halten. Vor allem, wenn sie in das Gesicht des Menschen sah. Angst lag darin, aber nicht nur die. War es Hass? Verachtung? Sie konnte es nicht sagen, aber es tat weh. Wäre es nur Angst gewesen, wäre es okay. Angst war verständlich. Aber warum Hass? Warum war es immer wieder Hass? Sie konnte doch nichts dafür. Sie hatte es sich nicht ausgesucht. Ganz im Gegenteil! Sie hatte so ein Leben nie gewollt. Es tat ihr weh. Sie kannte den Mann nicht. Oder doch? Etwas kam ihr bekannt an ihm vor, aber jetzt war keine Zeit um über so etwas nachzudenken. Später vielleicht. Später war okay. Denn eines war sicher; ein Später gab es immer. Zu sterben und das alles hinter sich zulassen war ihr nicht vergönnt.
Das alles ging ihr in jenen Momenten durch den Kopf. Und wieder erfüllt sie all das mit Verzweiflung und Trauer. Es tat so weh immer und überall abgelehnt zu werden. Sie hatte das Bedürfnis zu schreien und zu weinen. Der Zorn war nun völlig verflogen. Sie war einfach nur noch traurig. Und so brach sich auf dem Hof vor dem jungen Mann zusammen. Und war wieder Sie.
Er traute seinen Augen nicht. Nein! Sicher lag er in seinem Bett und hatte wieder einen dieser Alpträume. Denn das hier, das konnte einfach nicht wahr sein. Da hatte eben noch eine riesige Katze knurrend und fauchend vor ihm gestanden, bereit ihn anzugreifen und nun lag genau an der selben Stelle eine junge Frau schluzend auf dem Boden. Nicht nur, dass sie einfach da war. Sie war der Tiger. Sie hatte sich vor seinen Augen aus einem Tier in einen Menschen verwandelt. Nie hätte er gedacht, dass er da draußen in der Welt noch mehr gab, die unter einem solchen Fluch litten. Doch was hier gerade geschehen war – das war schlichtweg nicht anders zu erklären, wenn es nicht gerade wirklich nur ein Traum war.
Als er seine Fassung wieder erlangt hatte, machte er einige Schritte nach vorn. Zaghaft. Vorsichtig. Das Schwert noch immer in der Hand. Nun stand er fast vor ihr. Ihr Kopf hob sich ein wenig. „Bitte…“, hörte er eine leise Stimme. Sie klang zittrig und schwach. Fast schon erstickt. Mitleid regte sich sofort in ihm. „Bitte, tötet mich nicht.“, flehte sie leise. Sie wusste nicht, warum. Sterben wäre ihr doch ein willkommener Weg gewesen aus dem, was sich ihr Leben schimpfte. Sie wollte so nicht weitermachen. Sie hatte keine Kraft mehr. Alles könnte so viel einfach sein. Wenn es jetzt ein Ende haben würde, wäre alles vorbei. Aber sie konnte dem Tot nicht so einfach ins Auge blicken. Sie war nicht so furchtlos wie sie es gern wäre. Und sie war zu gottesfürchtig. Selbstmord ging demnach nicht. Und Betteln nach dem Tot war im Endeffekt nichts anderes. Und, so sehr sie es auch abschritt, sie wollte noch leben. Etwas Hoffnung lebte noch in ihr.
Der Mann sah sie an. Sah von oben auf sie herab und wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Sie fürchtete sich vor ihm. Es regnete immer noch und der Mann war mittlerweile völlig nass. Aber sie sah aus wie eine Wasserleiche. Es sah nicht so aus, als wäre sie die letzten Tage einmal trocken gewesen. Er beugte sich zu ihr hinab, nachdem er sein Schwert weggesteckt hatte. Er legte ihr seinem Mantel um. „Warum sollte ich euch töten? Habt keine Angst.“, sagte er.
Sie konnte ihren Ohren nicht trauen. Er wollte ihr nichts tun, obwohl er gerade erlebt hatte, dass sie verflucht war. Sie war anders und bisher hatte das alle verschreckt. Alle, die dies von ihr wussten, hatten bisher versucht sie zu töten oder hatten sie verstoßen.
Sie sah auf. Als erstes sah sie seine Stiefel. Er…, schoss es ihr durch den Kopf. Sie kannte ihn. Er war es, der ihr in der Gasse das Geld zugeworfen hatte. Dann blickte sie an ihm hinauf und sah zuletzt sein Gesicht. Sie war vor dem Kopf gestoßen. Sie blickte in ein freundliches, sanftmütiges und doch strenges Gesicht. Grüne Augen sahen sie an, ein Lächeln machte die Augen freundlicher. Blonde Locken umrahmten sein Gesicht. Für einen Moment schien die Nacht freundlich, wie ein Schimmer Hoffnung und sie vergaß ihre Tränen. Sie wusste ohnehin nicht mehr, ob es nun ihre Tränen oder der Regen war, das ihr über das Gesicht lief.
„Ihr… Ihr wollt nicht…?“ Sie sah verwirrt drein. Ihre nassen Augen blickten in sein Gesicht. Das schmutzige Haar klebte ihr in Strähnen am Gesicht und fiel nass und schwer über ihren Rücken. Sie zitterte. Doch im Moment war das okay. Es war okay, weil sie am Leben war und gute Aussichten, dass es auch vorerst so blieb. „Aber… ihr saht doch, was ich…“ Sie beendete den Satz nicht.
Er antwortete nicht darauf. Was hatte er auch sagen sollen? Macht doch nichts; willkommen im Club!? Es war besser erst einmal nicht zu viel zu sagen. Wer wusste schon, was passieren würde oder könnte. Als er so von oben auf sie hinab blickte, wie sie im Regen auf dem Boden kauerte, wusste er, dass er sie schon einmal gesehen hatte. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, als er die Haare sah, die fast so schwarz wie die Nacht waren. Ein langer, locker geflochtener Zopf fiel ihr schwer und nass auf den Rücken. Strähnen hingen ihr in das Gesicht. Und dann hob sie den Kopf und sah ihn an. Sie war blass, aber er sah, dass dies nicht ihrer richtigen Hautfarbe entsprach. Sie war viel brauner als er. Ihre Augen waren dunkelgrün, fast so, als wäre ein wenig braun darin. Ihr Gesicht wirkte müde, aber es war ein ebenmäßiges Gesicht. Er sah sofort, dass sich unter all dem Kummer in ihren Augen, unter dem Schmutz und der Müdigkeit, ein schönes Gesicht verbarg.
„Kommt!“, unterbrach er das Schweigen. Er hielt ihr die Hand hin. „Lasst uns reingehen. Es ist nicht gut, solange im Regen zu stehen.“
Sie sah zu ihm, immer noch. Und sie würde sich gern ins Gesicht schlagen, wenn dann dieser dümmliche Ausdruck daraus verschwinden würde. Denn so fühlte sie sich im Moment; dümmlich, wie ein kleines Kind. Und sicher sah sie ihn genau so an. Verdammt, sie war 22 Jahre. Konnte sie sich dann nicht auch dementsprechend verhalten? Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht.“, sagte sie leise. Er sah sie fragend an. Sie wich aber seinem Blick aus. Dann verstand er. „Macht euch keine Sorgen. Ihr müsst nichts bezahlen.“
„Nein.“, sagte sie aber, nun wieder aufsehend. Sie schüttelte abermals den Kopf. „Das geht nicht.“ Er schwieg. Scheinbar hatte sie ihre Prinzipien. Auch hatte sie ja etwas früher an diesem Abend das Geld weggeschoben, das er ihr zugeworfen hatte. Das war ungewöhnlich für jemand, der auf der Straße lebte.
„Dann kommt wenigstens mit rein und wärmt euch etwas auf. Nur, bis eure Kleider getrocknet sind.“, sagte er und nickte, um darauf zu deuten. Nun ja, Kleider würde er das eigentlich nicht nennen. Irgendwann einmal waren er wohl wirklich Kleider gewesen, aber jetzt waren sie nicht nur abgetragen, sondern auch zerrissen und kaputt. Und sie hatte zu wenig an. Ein Wunder, dass sie noch am Leben, geschweige denn gesund war. Sie wollte widersprechen, wollte weg. Die Situation war ihr peinlich. Aber sie konnte nicht abstreiten, dass sie sich nach einem warmen Zimmer und etwas Warmen zu trinken sehnte. Und wenn es nur kurz war. Nur einmal sich wieder richtig aufwärmen.
„Nun kommt. Bezahlt ist das Zimmer nun ohnehin schon.“, sagte er freundlich lächelnd und hielt ihr die Hand hin. Erneut. Und dieses Mal ergriff sie diese. Sie ließ sich auf die Beine ziehen. Diese sahen auch nicht besser aus, als der Rest ihres Körpers. Aufgekratzt und verschrammt. Sie war nicht ungepflegt, aber auch nicht sauber. Sie tat ihm leid. Irgendwie hatte er im Gefühl, dass es nicht ihre Schuld war, dass sie nun so ein Leben führte.
So gingen sie in das Gasthaus, er vorneweg und sie hinterher, sehr zaghaft. Der Wirt sah um die Ecke, als sie am Empfang vorbei gingen. „Alles in Ordnung? Ich dachte, etwas gehört zu haben…?“, fragte er, verstummte aber, als er sie neben den jungen Mann sah. Es war nicht schwer zu erraten, was er dachte, als er sie musterte. Sie wandte den Blick ab. Sie konnte es ertragen. Aber schön war es nicht. Der junge Mann nickte nur ab und ging die Treppe hoch. Sie folgte ihm, als sie noch die Worte des Wirtes hörte: „Wir sind ein anständiges Haus.“ Sie schloss die Augen. Einfach nicht hinhören. Doch das sagte sich einfacher als es war.
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