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von StormXPadme    erstellt: 18.01.2009    letztes Update: 01.02.2009    Geschichte, Allgemein / P16    (fertiggestellt)
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Katja hatte die ganze Zeit geahnt, dass etwas passieren würde, dass etwas anders war als sonst. Es war einfach viel zu ruhig, das war das eine. Nach den letzten Kämpfen mit der Bruderschaft, der Sorge, dass Magneto bald seine Pläne verwirklichen würde, die Menschheit zu mutieren, dem Vorfall mit Ororo und Sabretooth und der Unsicherheit, wie Katja mit dem Wissen umgehen sollte, dass ausgerechnet Ororo nun in Avery verliebt zu sein schien, Scotts Erzfeind… Die Ereignisse hatten sich letztens regelrecht überschlagen.

Ganz abgesehen von der wachsenden Mutantenfeindlichkeit in den Medien, die sich naturgemäß auch auf die Bevölkerung übertrug. In der Regierung saßen im Moment ein paar kritische Stimmen zuviel, und einige davon machten Druck. Jean versuchte immer wieder mit ihren Vorträgen in der Stadt Aufklärung zu schaffen, aber Appelle an Vernunft und der Ruf nach einer friedlichen Lösung wurden im Augenblick nicht gehört. Zu sehr saß den Menschen noch der Schreck von Liberty Island in den Knochen. Dass die Bruderschaft immer wieder mit kriminellen Machenschaften wie Raubzügen auf sich aufmerksam machte, tat nichts, um die Gemüter zu beruhigen. Magneto würde nicht einfach aufgeben. Man konnte den Menschen ihre Angst nicht verdenken.

Umso mehr musste es die Bemühung der X-Men sein, einen Weg zu finden, die Bruderschaft aufzuhalten, aber der offene Kampf barg zu große Gefahr für das Team. Sie mussten subtil an diese Sache herangehen. Der Weg führte über das Versteck der Bruderschaft, den Versuch, an jene entscheidenden Daten zu kommen, welche die Menschheit so gefährdeten. Die Möglichkeit dazu hatten ihre Gegner ihnen selbst in die Hand gespielt, mit einem Peilsignal, das sie in den Computer der Blackbird eingespeist hatten. Seit Wochen schon versuchte der hauseigene Computerfreak des Xavier-Anwesens, Bobby, über dieses Signal herauszufinden, von wo aus es gesendet wurde. Und genau in diesen Wochen war es still geworden. Keine Reibereien, nicht einmal zwischen Scott und Logan, keine von den albernen Eifersüchteleien, die es manchmal zwischen Scott und Katja, Jean und Logan gab, keine beunruhigenden Nachrichten aus dem Senat vorerst… Es lag etwas in der Luft. Seit Liberty Island war es nie so ruhig in Westchester gewesen.

Und seit Anfang dieser Woche war Katja ganz sicher, dass etwas vorging, von dem sie und die anderen Teammitglieder bis jetzt nichts wissen sollten. Scott war anders als sonst, er mied sie regelrecht. Das hatte er bis jetzt noch nie getan. Nach dem Unterricht verschwand er sofort mit Bobby in den Haupt-Computerraum des Anwesens, gleich über dem Danger Room, und ließ sich bis spätabends nicht mehr blicken. Ihr Kampftraining musste Katja bei Logan statt bei ihm absolvieren, der in diesen Tagen ebenfalls etwas abwesend wirkte, friedlicher, manchmal regelrecht umgänglich. Das war ein wenig unheimlich bei einem sonst so schroffen und aggressiven Mann. Und wenn Katja dann nach dem Training todmüde in ihr Apartment kam, schlief ihr Partner bereits.

Auch der Professor hatte sich zurückgezogen. Immer öfter war er in Cerebro zu finden, jenem mächtigen, kreisrunden Raum, mit dem er Mutanten weltweit zu lokalisieren vermochte. Aber auch ihm war kein Wort darüber zu entlocken, ob bald irgendetwas Besonderes passieren sollte.

Es war eine unangenehme Situation vor allem für Katja, Jean, Marie und Ororo, aber es hatte auch etwas Gutes. Sie hatten endlich wieder einmal ein wenig Zeit für sich. Für Ausritte durch den Wald, für Gespräche unter Freundinnen, bei denen alte Unstimmigkeit ausgeräumt werden konnten. Marie gab nach langem Drängen mit hochroten Ohren zu, dass Bobby und sie jetzt tatsächlich fest zusammen waren, weshalb es sie auch umso mehr kränkte, dass er sie so aus seinem derzeitigen Projekt ausschloss. Aber die vier predigten sich gegenseitig mühsam Geduld. Vielleicht war diese kurze Zeit des Luftholens vor einem großen Ereignis, welcher Art auch immer, gar nicht das Schlechteste.

Zumindest Ororo tat sie sehr gut. Sie gab sich nicht mehr so verschlossen wie in den letzten Monaten nach ihrer schlimmen Begegnung mit Sabretooth. Es war immer noch kein Thema, das sie mit den anderen bereden wollte, aber sie nahm wieder mehr an Gesprächen teil, fachsimpelte über die Schule und die Situation im Senat und stimmte in Blödeleien mit ein, wie einer kleinen, albernen Wette, wem von den Schülerinnen der neueste Teamzuwachs Gambit wohl als nächstes das Herz brechen würde. Es ging ihr besser. Viel besser. Das war eine große Erleichterung, auch wenn an Katja immer noch die Sorge nagte, was für einen großen Streit es erst geben würde, wenn alle herausfinden würden, wer an diesem eigentlich doch sehr positiven Zustand ‚schuld‘ war.

Sie hatte sich für Schweigen über ihr Wissen bezüglich Avery entschlossen, um Ororos Willen. Sie hatte gehofft, dass ihre Freundin gerade nach diesen angenehm ruhigen Tagen der Einigkeit und der Normalität von sich aus darüber sprechen würde, aber es geschah nicht. Vielleicht war es auch besser so. Solange zwischen Scott und Avery soviel Misstrauen und Aggressionen vorherrschten, hätte es dadurch nur Ärger gegeben. Im Moment blieb ihnen dreien wohl nur, auf die Zukunft zu hoffen…
Und Katja, mit ihrem schlechten Gewissen fertig zu werden, weil sie Scott nicht einweihen konnte. Eigentlich wäre es ihre Pflicht gewesen, als seine Freundin zum einen und die Person zum anderen, der er als einzige anvertraut hatte, was zwischen ihm und Avery damals gewesen war. Aber sie hatte auch Ororo gegenüber eine Verpflichtung. Ihrer Freundin ging es gut im Moment, sie hatte wieder lachen gelernt. Sie war wieder so für die Kinder da wie früher und ging in ihrer Aufgabe im X-Team auf, als hätte es den Zwischenfall mit Sabretooth nie gegeben. Sie hatte begonnen, es zu verarbeiten, schwieriger und umständlicher als sie es mit einer Therapie gekonnt hätte, aber vielleicht schaffte sie es ja auch so. Dieser Zustand würde sich vermutlich radikal wieder verschlechtern, wenn erst alles auffliegen würde. Das konnte Katja nicht riskieren. Sie würde vorerst abwarten, sehen, ob Avery wirklich eine Gefahr für die X-Men und vor allem für sie darstellte, wie Scott dachte. Wenn sich alles als Irrtum herausstellte, wenn Scott dem jungen Mann unrecht tat… Dann würde man weitersehen. Dann musste Katja dazu stehen, dass sie diese Sache verheimlicht hatte. Sie konnte nur hoffen, dass Scott es verstehen würde.

Es war an einem dieser gemütlichen Nachmittage, als sie wieder einmal im großen Gemeinschaftswohnzimmer des Xavier-Anwesens zusammensaßen. Zu einer Zeit, als die Schüler über ihren Hausaufgaben saßen oder beim Sport waren, sodass sie den Raum und vor allem den Fernseher ganz für sich hatten. Über einer großen Packung Pralinen, Milchshakes und dem schmachtenden Blick auf den riesigen Monitor an der Wand vergaß man schon mal diversen Ärger über schweigsame Teamkollegen. Den Film hatten sie vier natürlich aus rein geschichtlichem Interesse ausgesucht, es hatte nichts, aber auch gar nichts damit zu tun, dass ständig ein halbnackter, durchtrainierter Gerard Butler durchs Bild flimmerte…
Als plötzlich das Bild schwarz wurde, gerade in dieser einen, verboten anzüglichen Szene, als sich der heldenhafte Krieger über seine willige Amazone hermachte, sahen sie alle vier gleich empört auf, ihre Hände noch in ihrer redlich geteilten Süßigkeitenpackung vergraben, um herauszufinden, wer es gewagt hatte, den Stecker zu ziehen.

Scott hatte für die vernichtenden Blicke nur ein kurzes Grinsen übrig. „Ich störe euren Kunstgenuss wirklich nur ungern, aber der Professor braucht uns.“

„Ach, jetzt auf einmal?“, konnte sich Katja eine spitze Bemerkung nicht verkneifen. „Wozu? Zum Kaffee kochen?“

Normalerweise gab Scott ihr mindestens ebenso scharf Konter, wenn sie wieder einmal herum zickte, aber jetzt hatte er nur ein müdes Lächeln für ihren Vorwurf übrig. Ganz schlechtes Zeichen. „Der Professor hat gesagt, sofort.“





Dass ihr nicht gefallen würde, was sie hören würde, hatte Katja schon angenommen. Sonst hätte Scott kein so ein großes Geheimnis um diese Sache gemacht. Aber womit er sein Team konfrontierte, als sie sich im Büro des Professors versammelt hatten, damit hatte sie in ihren schlimmsten Fantasien nicht gerechnet.

Es war schon eine unangenehme Stimmung, als sie auf ihren üblichen Plätzen in der dunklen Sitzgruppe Platz nahmen. Der Professor hatte sich mit seinem Rollstuhl ganz ans Fenster zurückgezogen und verbarg seine überaus besorgte Miene im Zwielicht der halb zugezogenen Vorhänge. Logan stand ungewöhnlich defensiv, mit seinen Armen vor seinem kräftigen Oberkörper verschränkt, in der Ecke und sah noch missmutiger als sonst aus.
Und Scott stellte sich direkt neben seinen Mentor hinter den Schreibtisch, statt sich neben Katja zu setzen, als wollte er unbewusst eine Distanz, eine Mauer zwischen den anderen und sich aufbauen, um von dort aus mit den vernichtenden Worten die lockere Unbeschwertheit der letzten Tage zu zerstören.
Nicht einmal Remy, der ebenfalls dazu gerufen worden war, war zu seinen üblichen charmanten Scherzen aufgelegt.

Die erste Eröffnung jedoch kam von Bobby, der, etwas eingeschüchtert wie meist von den fragenden Mienen der Teammitglieder, ganz im Sofa zurückrutschte und sich regelrecht hinter seinem Laptop verschanzte. Marie bekam ein versöhnungsheischendes Lächeln zugeworfen, das aber mit einer so beleidigten Schnute erwidert wurde, dass er sich schnell wieder seinem Monitor zuwandte. Ein paar winzige Eiskristalle tanzten in einem unsichtbaren Takt auf seiner Hand, was verriet, wie nervös der junge Mann war. „Ich denke, ich weiß, wo sie sind“, begann er nach einem Nicken von Scott in seine Richtung. „Ich bin in ihrem Computersystem drin, aber das ist gut geschützt. Sie sind mir meistens einen Schritt voraus. Auf die wichtigsten Daten kann ich von hier aus nicht zugreifen. Außerdem muss ich immer aufpassen, dass sie ihrerseits das Signal nicht zurückverfolgen und womöglich in unseren Hauptcomputer eindringen. Darum habe ich die Arbeit für den Moment auch eingestellt. Es ist zu riskant. Aber ich habe ein Programm entwickelt, mit dem ich über diesen Trojaner zielgenau ihr Versteck orten kann. Dazu muss man allerdings schon in unmittelbarer Nähe sein. Wenn ihr die Kanalisation betretet, wird ein eingebauter GPS-Orter im Notebook das Signal auffangen und euch direkt zur Quelle hinlotsen. Von dort aus könnt ihr euch mit meinem Programm dann auch direkt in ihr Netzwerk einwählen und auch auf die geschützten Daten zugreifen. Das Notebook darf nur keinerlei Netzverbindung zu unserem Computer haben, sonst sind wir hier im Haus vor Übergriffen nicht mehr geschützt. Das kann ich von hier aus eben nur alles nicht tun. Es ist eine Sache der Reichweite.“

Sie sollen das tun?“, mischte sich Marie hörbar missmutig ein. „Heißt das, wir müssen wieder mal zuhause bleiben?“

„Das haben wir letztes Mal schon zur Genüge diskutiert, Kleines“, wies Logan sie zurecht.

„Es wird wieder der Tag kommen, wenn wir froh um eure Hilfe sein werden.“ Scott versuchte es ihr auf etwas diplomatischerem Weg klarzumachen. „Aber nicht bei einem Angriff auf das Hauptquartier der Bruderschaft. Das ist schon für uns gefährlich. Keiner weiß, wie viele Waffen und andere Erfindungen Magneto dort lagert. Außerdem ist mit jemandem wie Sabretooth auf der Gegenseite eine unbemerkte Annäherung sogar für ein kleines Team schwierig.“

„Was machen wir dann noch hier?“, mischte sich Katja ein. „Wir könnten schon längst da sein.“

„Und was genau willst du dort tun, Flashwind?“, fragte der Professor aus seiner stillen Ecke, mit einer Härte und Strenge in der Stimme, mit der er bisher nur selten mit ihr gesprochen hatte. „Sie alle töten?“

„Ich habe darüber nachgedacht“, gab sie mit einem zynischen kleinen Lächeln zurück. Und schon wieder war er ungefragt in ihrem Kopf gewesen. Langsam wurde das zu einer wirklich ärgerlichen Angewohnheit. Jean war da anders, die hielt sich an Telepathenethik. Ja, verdammt, an manchen Tagen wollte sie nichts anderes als diese Bastarde tot zu sehen, die so viele unschuldige Menschen auf dem Gewissen hatten. Remys Freunde zum Beispiel, der junge Mann hätte ihr sicher mit Freuden geholfen. Und nicht einmal nur um Tote ging es. Es ging auch um Vorfälle wie Ororos schlechtem Zustand, nachdem Sabretooth sich mit ihr vergnügt hatte. Oder um die stille Gefahr, in der ihr liebe Menschen wie ihre Familie immer durch Terroristen wie Magneto schwebte.
Katja wusste aber auch ganz genau, dass sie am Ende in diesem Team war und nicht etwa bei einer Gruppierung wie den Avengers oder auch der Bruderschaft, weil sie keine Killerin war. Sie wusste sich zu wehren und riskierte dabei auch, so wie mit Toad damals, dass ihr Gegner sterben konnte, wenn es um ihr eigenes Leben ging… Aber wissentlich und willentlich, unprovoziert, jemanden umzubringen… Das war eine ganz andere Sache. Nicht einmal Ororo hatte das geschafft, sie hatte Sabretooth verschont, als sie die Möglichkeit gehabt hatte, ihn zu töten. Und Ororo war weit länger in diesem Geschäft, hatte mehr gesehen als sie. Es war leichter, solche Mordgedanken zu hegen als dann tatsächlich danach zu handeln, das spürte Katja selbst bei Leuten wie den Mitgliedern der Bruderschaft immer wieder. Dazu lebten die X-Men eben doch zu sehr nach Xaviers Idealen, und es tat ihr weh, dass ihr Mentor ihr anscheinend zutraute, dass sie diese verraten würde. Ein leises Grollen am Himmel verriet, dass sich Zorn in ihr ansammelte. Zorn wegen den letzten Tagen vor allem, darauf, dass hier irgendetwas beschlossen worden war, ohne dass man sie gefragt hatte. Etwas, das ihr nicht gefallen würde. Die Sorge, worum es sich drehen würde, schwächte ihren Fokus auf ihre Fähigkeiten, sodass sich ungehindert ein Gewitter zusammenbrauen konnte. „Darüber nachgedacht, ja, mehr aber auch nicht. Wenn sie es herausfordern, ist es nicht unsere Schuld, aber aufhalten müssen wir sie, bevor sie noch mehr anrichten. Wenn wir sie überraschend erwischen können, wenn wir alle gemeinsam hingehen…“

„Dann geht ihr hin, um zu töten, versuch dir das nicht schönzureden“, wies Xavier sie erneut zurecht. „Dann kommt es zu einer Schlacht, in der es nur Verlierer geben kann. Wir werden nicht mit Eriks Waffen kämpfen. Wir haben ohnehin nicht die Stärke, sie alle zu vernichten. Und Eriks Rache, wenn auch nur einem von ihnen etwas passiert, würde genau den Krieg beginnen, den wir alle so fürchten.“

„Was sollen wir dann tun? Einfach weiter abwarten?“ Damit war auch Ororo nicht einverstanden. Sie hatte nicht die Kälte gehabt, ihren größten Feind aus dem Weg zu schaffen, umso mehr war ihre Entschlossenheit gewachsen, auf anderem Weg gegen die Bedrohung durch die Bruderschaft vorzugehen.

„Das hat niemand gesagt, Windreiterin.“ Logan war genervt von dem Tanz ums Feuer, er war nun mal mehr ein Mann der klaren Worte. „Scooter und ich erledigen das.“ Den letzten Satz würgte er regelrecht hervor, mit einer Grimasse, die verriet, wie sehr er sich darauf freute, etwas allein mit seinem Lieblingsrivalen zu unternehmen.

Und die Begeisterung hielt sich auch bei den anderen in Grenzen. „Ach. Ihr erledigt das.“ Jean kam Katja mit einem sarkastischen Kommentar noch zuvor. „Weil du weniger Skrupel hast, einen Feind abzuschlachten oder weil du mit deinem Adamantium im Körper so unglaublich geeignet für einen Einsatz in Magnetos Nähe bist?“

„Erspar mir das, Rotschopf.“ Es war ein regelrechtes Knurren, mit dem Logan ihr antwortete, das sich Katja an ihrer Stelle nicht hätte gefallen lassen. „Ich bin genauso wenig scharf darauf, mit diesem Kerl zu tanzen wie ihr.“

„Darum gehen wir zu zweit“, ergriff Scott wieder das Wort, bevor der Streit noch richtig beginnen konnte. „Mit Hilfe von Bobbys Programm können wir die Daten aus ihrem System herunterladen, die wir brauchen, um vielleicht ein Gegenmittel gegen Magnetos Mutationsmaschine zu finden. Zumindest wissen wir, was er in nächster Zeit vorhat und sind vorbereitet. Kein Konflikt, keine Annäherung an ihr Versteck und vor allem kein offener Kampf, wenn es sich vermeiden lässt. Wir gehen nur hin, um Daten zu sammeln. Logan kann als einziger von uns rechtzeitig voraussagen, wenn sich diese Kerle nähern.“

„Nicht als einziger.“ Jean hatte für den Moment genug gehört. Es war eine unfaire Überrumpelungstaktik, mit der die Männer sie hier einzulullen versuchten, ein ganzer Schlachtplan, den sie schon im Vorfeld entworfen hatten, weil sie genau wussten, dass sie anders vermutlich nicht einmal hätten ausreden können. So einfach, wie die beiden das gerade vorstellten, würden ihre Partnerinnen sicher nicht schlucken, dass sie bei diesem Plan nur die Füße stillhalten und abwarten sollten, wenn besagter Plan so große Lücken aufwies. „Ich bin die Telepathin von uns. Und ich laufe nicht mit Metall im Körper herum.“

„Deine Fähigkeiten sind zu instabil, Jean.“ Für eine seiner ersten Schülerinnen hatte der Professor einen weit milderen Tonfall übrig. „Du und ich, wir wissen beide, was du alles tun kannst, aber auch, dass du deine mentalen Fähigkeiten noch nicht genug trainiert hast. Gerade in einer so gefährlichen Situation wäre es gefährlich für das Team, wenn du an irgendeiner Stelle die Konzentration verlieren würdest.“

„Also wollt ihr lieber in der Unterzahl losziehen.“ Katja war selbst überrascht, wie ruhig, wie dumpf sich ihre Stimme anhörte, während in ihr ein Sturm tobte, der sich in heftigen Blitzen und Donner draußen bemerkbar machte. Sie war nicht nur wütend, sondern auch enttäuscht. Scott hatte das absichtlich so eingefädelt, weil er schon geahnt hatte, was sie davon halten würde. Und sie konnte nicht einmal richtig aufgebracht sein, weil er Geheimnisse vor ihr hatte- machte sie gerade bezüglich Ororo nicht dasselbe? Das änderte aber nichts daran, dass Logan und er sich absichtlich in große Gefahr begeben wollten, und dass das offensichtlich schon beschlossene Sache war.

„So sind wir unauffälliger.“ Scott ließ sie gar nicht erst weitersprechen. „Ich wiederhole es gern noch einmal, für alle, die nicht richtig zugehört haben…“ Ein Seitenhieb, bei dem ihm nicht nur Katjas giftiger Blick sicher war. Leichte sexistische Anwandlungen hatte Scott ja schon immer gehabt, aber mit Logan im Haus war es sogar noch schlimmer geworden, als würde er bei aller Antipathie ein wenig von seinem Rivalen annehmen. „Wir ziehen nicht in den Kampf. Wir müssen auf ihren Stand kommen, um ihre Pläne zu sabotieren. Und dafür brauchen wir diese Informationen.“

Der Professor fuhr nun doch ein Stück nach vorne, um die anderen direkt anzusehen. Und sie die Sorge sehen zu lassen, die in seinem weisen Gesichtszügen vorherrschte. Natürlich machte auch er sich Gedanken um seine Schützlinge. Aber er hatte in seinem lebenslangen Kampf eben auch gelernt, dass es nicht immer nur mit Sicherheitsdenken klappen konnte. „Erik kann eine Maschine wie die, die er bei Liberty Island verwendet hat, nicht in der Kanalisation bauen. Er braucht Platz. Wenn wir herausfinden, von wo aus er agieren wird, können wir ihn vernichtend schlagen, bevor er überhaupt noch begonnen hat. Dazu muss diese Mission jedoch völlig top secret sein. Es kann kein anderer tun. Scott hat das nötige Computerwissen, Logan die Instinkte, um unentdeckt zu bleiben.“

„Die Kanalisation ist unser Vorteil“, ließ sich auch Logan noch einmal zu einer Erklärung herab. „Dieses chaotische Tunnelsystem, das die Morlocks erschaffen haben, bietet uns die Möglichkeit, ganz in ihrer Nähe zu sein, in einem parallelen Kanal, und trotzdem den Schutz der Mauern zu haben, falls sie uns bemerken sollten. In dem Gestank da unten bemerkt uns hoffentlich nicht einmal Creed, wenn wir auf den Paralleltunneln bleiben. Bis sie uns gefunden haben, sind wir schon längst da weg.“

„Wenn alles so läuft, wie ich mir das vorstelle, sind wir denen danach haushoch überlegen.“ Bobby konnte einen gewissen Stolz nicht aus seiner Stimme heraushalten. „Vorausgesetzt, sie bemerken nicht gleich, dass jemand so tief in ihrem System ist, bekommen wir nicht nur ihre Daten, wir können auch die Festplatte ihres Hauptcomputers komplett löschen. Dann muss Magneto mit allem von vorn anfangen.“

„Magneto hat Toad und Mystique als Computergenies“, dämpfte Scott diese optimistische Hoffnung. „Er wird Sicherheitskopien haben. Darum möchte die Gelegenheit auch nutzen, wenn das Versteck verlassen ist, um uns dort umzusehen. Wir müssen soviel wie möglich von ihrem Material vernichten.“

„Werdet nicht übermütig.“ Hier schaltete sich nun sogar der Professor ein, der den Plan ja offensichtlich bereits genehmigt hatte. Dieses Vorhaben schien allerdings bis jetzt nicht Teil davon gewesen zu sein. „Es wäre großes Glück, wenn ihr das Versteck verlassen vorfindet. Ihr riskiert keine Feindbegegnung.“

„Das riskieren sie, sobald sie da hineingehen, Professor, das wissen Sie.“ Sogar Ororo, die eigentlich ein sehr enges Verhältnis zu ihrem Mentor pflegte, wurde diese Beschönigung jetzt zuviel. „Ihr könnt soviel Argumente dafür bringen, wie ihr wollt, ihr habt keine Ahnung, was euch da erwartet.“

„Wir haben keine Wahl, die hat uns Magneto lange genommen.“ Scotts monotoner Tonfall, seine ganze Haltung, wie er immer noch völlig unbeweglich an der Wand neben dem Fenster lehnte und hauptsächlich den hellen Teppich einer genauen Betrachtung unterzog, verriet, dass die Diskussion müßig war. Er würde es tun und auch riskieren, dass ihm sein Team deswegen zürnen würde. „Sie sind auf dem Vormarsch, das wissen wir schon lange. Magneto wird nicht aufgeben, bis er sein Ziel erreicht hat. Wenn wir unseren Eid ernst gemeint haben, diese Welt vor Leuten wie ihm zu beschützen, dann müssen wir jetzt handeln. Wenn er erst das nächste Mal eine Strahlung wie bei Liberty Island auf New York loslässt, ist es zu spät.“

„Wenn ihr das schafft… Und wenn sie euch finden… Dann kommt ihr da nicht mehr raus.“ Es war nicht zum ersten Mal ausgerechnet die Stimme des jüngsten Teammitglieds, die aussprach, was den anderen nur als angstvoller Gedanke durch den Kopf ging und was niemand wirklich erwähnen wollte, als würde es dann weniger wahr, weniger real sein. Marie hatte solche Skrupel nicht. Das Leben hatte ihr schon sehr früh gezeigt, dass es eine verdammt große Handschuhnummer hatte und dass es einen immer mit voller Kraft erwischte, wenn es sich entschied, zuzuschlagen.
Das hatte sie mit ihrer tödlichen Mutation, die ihr nicht einmal erlaubte, ihren Freund ohne Schutz anfassen zu dürfen, lernen müssen zu akzeptieren, aber das hieß nicht, dass es ihr deswegen nicht nahe gegangen wäre. Ihre Stimme zitterte vor Sorge, vor Angst, und als Bobby sie zögernd in den Arm nehmen wollte, stieß sie ihn zurück. „Ich kann nicht glauben, dass du diesen Wahnsinn auch noch förderst! Bobby! Verstehst du nicht…“ Sie brach ab, schüttelte den Kopf und fuhr sich rasch mit einem behandschuhten Handgelenk über die Augen. „Ist doch egal. Was wir sagen, zählt hier doch sowieso nicht. Wir sind ja nur die Kinder.“

„Das stimmt nicht, und das weißt du.“ Der unerwartete Ausbruch bei der sonst immer so fröhlichen, aufgeweckten jungen Frau, ließ Scott endlich aus seiner abwehrenden Starre erwachen, in der er sich regelrecht gewehrt hatte, auch nur irgendjemandem richtig zuzuhören, um seinen Entschluss nur ja nicht wanken zu lassen. Jetzt verließ er seinen Rückzugsposten und blieb vor Marie stehen, legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Wir wissen alle, was du für Fähigkeiten in dir trägst. Und mir ist auch klar, dass wir mit dir an unserer Seite sicherer wären. Denkt ihr wirklich, uns ist das Risiko nicht klar? Wir überlegen seit Tagen hin und her. Aber eben gerade weil es verdammt böse ausgehen kann, wenn wir auffliegen, ziehen wir da niemanden von euch mit hinein. Wir brauchen euch hier, als Backup. Unsere Chancen stehen am besten, wenn wir mit Minimalbesetzung losziehen, dass wir unsere Mission erfüllen. Und wenn wir das nicht können, stehen die Chancen am besten, dass wir da wieder rauskommen, wenn ihr dann alle bereit steht.“

Für einen Moment herrschte Stille vor. Diese ehrlichen Worte erreichten die anderen mehr, als es noch mehr beruhigende Floskeln getan hätte. Die Entscheidung war gefallen, jetzt war es an ihnen, das Beste zu hoffen. Und ihr Bestes zu tun, falls das nicht reichen würde.

In allen Gesichtern konnte Scott diese stille, widerstrebende Zustimmung erkennen, als er fragend in die Runde sah.

Nur Katja ertrug diese stumme Bitte nicht, die sie trotz seiner Brille in seinen Augen zu sehen glaubte. Ihre Vernunftseite kämpfte mit ihrem Herzen, und sie hatte keine Chance. Sie musste gehen, nicht nur das Büro sondern auch die Villa für ein paar Stunden verlassen, sonst wäre sie die einzige gewesen, die wohl noch Stunden weiter diskutiert hätte, obwohl sie doch genau wusste, dass Scott Recht hatte. Sie war selbst schon solche Risiken eingegangen. Das gehörte zu ihrem Leben als X-Man. Wenn sie das nicht ertrug, hätte sie nicht dem Team bei Liberty Island beitreten und vor allem niemals mit Scott zusammenkommen dürfen. Sie beide würden immer wieder in Situationen sein, wo sie dem anderen dabei zusehen mussten, wie er in Gefahr war. Irgendwie würde sie das akzeptieren lernen müssen.
Aber in diesem Moment konnte sie es nicht. Eine schmerzhafte Leere hatte sich in ihr ausgebreitet, seit ihr klar geworden war, dass sie Scott nicht aufhalten können würde. Eine Leere, in deren Mitte wie ein heißer Klumpen heftig ihr Herz pochte. Vor Wut, vor Enttäuschung. Vor Angst. Nicht einmal mit größter Anstrengung konnte sie das Gewitter in ihrem üblichen Mutationskreis stoppen. Oder den heftigen Regen. Kein Kampf mit Mitgliedern der Bruderschaft, nicht einmal ihre Gefangenschaft bei Magneto hatten sie so sehr gefordert wie dieses spezielle erste Mal jetzt. Es war Sorge um Scott gewesen, die ihr damals bei Liberty Island klar gemacht hatte, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Es waren die wachsenden Gefühle für ihn gewesen, die sie dazu getrieben hatten, mit ihm zusammenzukommen, obwohl ihr immer klar gewesen war, dass das solche Situationen wie heute bedeuten konnte. Und es war das heftige Zittern ihrer Hände, ihr stundenlanges rastloses Laufen durch das Haus, den Garten, das umliegende Gelände, ohne Ziel, ohne einen einzigen klaren Gedanken, den sie hätte fassen können, bis ihr ihre Haare und ihre Kleidung irgendwann tropfnass am Körper klebten und sie trotz ihrer Immunität gegen Temperaturen fror… Nur erfüllt von dieser grausamen Angst, den Bildern aus ihrer Erinnerung an den grenzenlosen Hass, den die Mitglieder der Bruderschaft den X-Men entgegenbrachten… Der Rücksichtslosigkeit und Gewalt, mit denen sie gegen diese vorgingen… Dieser Nachmittag war es, der ihr klar machte, dass sich schon längst, trotz ihrer erst relativ kurzen Zeit zusammen, ein viel tieferes Gefühl für Scott in ihr entwickelt hatte als das schüchterne Verliebtsein von anfangs. Eins, dem sie noch keinen Namen zu geben wagte, nicht einmal im Stillen, nur für sich selbst… Aus purer Angst, dass sie sich dann mit diesem Gefühl vielleicht schon in wenigen Tagen von ihm würde verabschieden müssen.
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