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von StormXPadme
erstellt: 27.12.2008
letztes Update: 31.12.2008
Geschichte, Allgemein / P12
(fertiggestellt)
2
Das Ende des Seminars an diesem Tag war eine regelrechte Erlösung für die dreißig Psychologiestudenten, die daran teilnahmen. Obwohl es schon fast sechs Uhr abends war, hatte es gut 25° draußen. Und das im Frühjahr. Unmenschliche Temperaturen für einen sowieso nur mäßig interessanten Vortrag jedenfalls.
Angelica Jones und ihre Freundin Katja Ninaus waren wohl die einzigen Anwesenden im Saal, denen solche Umstände nichts ausmachten. Ihre Mutationen beinhalteten nicht nur die Kontrolle über gewisse Elemente sondern auch Resistenz gegen Wärme. Trotzdem waren auch die beiden wie jedes Mal froh, das Universitätsgebäude verlassen zu können, den argwöhnischen Blicken der anderen entgehen zu können, die an manchen Tagen alles andere als harmlos waren. Katja war als Mutantin in der Universität bekannt und wurde die meiste Zeit von ihren Kommilitonen gemieden, und Angelica, die solidarisch an ihrer Seite blieb, traf unweigerlich dasselbe Schicksal.
Die junge Frau war jedoch von jeher eine Außenseiterin und ließ sich von solcher Anfeindung nicht die Laune verderben. Und seitdem sie vor kurzem ihre alte Freundschaft zu ihrem Jugendfreund Bobby wieder aufgenommen hatte, welcher genau wie Katja in Xaviers Mutanten-Anwesen lebte, war sie sowieso immer auffallend gut gelaunt. Die gemeinsame Bekanntschaft hatte die drei jungen Leute noch mehr zusammengeschweißt. „Hey, Cat, kommst du noch mit in die Stadt zum Shoppen?“
„Keine Zeit, leider. Scott holt mich ab, wir haben Tanztraining“, antwortete Katja entschuldigend. „Du weißt doch, dieser Mambo-Wettbewerb ist in drei Wochen…
Passt doch auf!“ Verärgert sprang sie zur Seite, als ein paar männliche Studenten auf ihren Tretrollern an ihr vorbei flitzten und sie dabei fast gerammt hätten.
Die Studenten hatten jedoch nur ein freches Grinsen in ihre Richtung übrig, das sehr deutlich machte, dass der gerade noch vermiedene Unfall Absicht gewesen war. „Sonst was? Wirft die arme kleine Mutantin mit einem Blitz nach uns?“ Seit die Universität eine neue Hausordnung erlassen hatte, die den Einsatz von Mutantenkräften im gesamten Uni-Areal bei sonstigem Ausschloss verbot, fühlten sich die jungen Leute noch sicherer mit ihren offenen Anfeindungen in Richtung der wenigen bekannten Mutanten.
Katja wäre es nicht im Traum eingefallen, eine entsprechende Antwort zu geben oder den Rowdies gar nachzusetzen. Was hätte das schon gebracht? Sie fragte sich nur mit einem zynischen Lächeln, wie die Dekane der Universität wohl reagiert hätten, wenn noch einmal ein Angriff wie der von Toad auf sie damals erfolgte, der erst Auslöser für diese neue Hausordnung gewesen war... Wenn Katja sich dann brav an die Regeln halten und eben nicht eingreifen würde. Dann würde es um einige Verletzte, vielleicht sogar Tote mehr als beim letzten Mal geben. Vielleicht brauchten die Menschen genau so einen mahnenden Schubs in die richtige Richtung sogar einmal. „Flachwichser.“
„Nicht ärgern, Cat. Du weißt doch, wie sie sind.“ Angelica legte ihr kurz, tröstend einen Arm um die Schultern.
„Ich weiß nicht, woher du deine Gelassenheit nimmst“, antwortete ihre Freundin kopfschüttelnd. „Kann ich dich eigentlich irgendwie davon abhalten, mich so zu nennen?“ Angelicas Vorliebe für seltsame Spitznamen hatte nun leider auch sie erwischt, und auch wenn sie Katzen grundsätzlich mochte… Das mit den Krallen überließ sie lieber Logan.
„Nein. ‚Katja’ ist mir zu kompliziert“, grinste Angelica.
„Und vielleicht habe ich einfach schon zu viele andere, schlimmere Probleme erlebt, die man als Mutant haben kann, um mich über ein paar Primitive noch zu ärgern.“ Eine steile Ärgerfalte erschien zwischen ihren Augenbrauen. Sie musste nicht erwähnen, worauf sie anspielte. Ihre ständige Feindschaft zu Emma Frost, jener Mutantin, die genau wie Xavier ein Asyl für Mutanten aufgebaut hatte, war unter den X-Men hinläufig bekannt. Katja und sie hatten nie viel darüber geredet, aber von den anderen hatte diese genug darüber gehört.
„Sicher, dass du nicht mitkommen willst? Dann muss ich ja ganz allein mit dem da fertig werden.“ Angelica zeigte auf den neuen Studenten, der seit dieser Woche den gleichen Kurs wie sie besuchte. „Ich zeig unserem Landei die Gegend.“
„Pass bloß auf, dass Bobby nicht eifersüchtig wird.“ Katja zwinkerte ihr zu.
„Keine Angst“, kommentierte der attraktive blonde Junge neben Angelica. „Solange das Mädchen nicht aufhört, mich Av zu nennen, läuft da sowieso nichts.“
„Ich finde, ‚Av’ klingt viel süßer als ‚Avery’“, verteidigte Angelica ihre kleine Macke gekränkt. „Hast du was dagegen, wenn ich Scott noch schnell hallo sage?“
„Ganz und gar nicht.“
Katja hätte schwören können, ein kurzes Zusammenzucken bei Avery zu sehen, als er den Namen ihres Partners hörte, tat es aber mit einem kurzen Schulterzucken ab. Woher sollten sich die beiden kennen? New York war kein Dorf wie ihr Heimatort in Deutschland, wo praktisch jeder über 10 Ecken mit jedem verwandt war. Und Avery kam ja ursprünglich gar nicht von hier. Als sie ihm kurz, forschend in die Augen sah, fiel ihr – nicht zum ersten Mal – auf, wie groß der junge Mann war. Sabretooth hätte er fast ins Gesicht sehen können…
Der Gedanke an Victor jagte ihr sofort eiskalte Schauer über den Rücken. Als sie letztens in Gefangenschaft bei der Bruderschaft gewesen war, hatte der Kerl sie umbringen wollen, daran hatte sie keinerlei Zweifel, egal, was Magneto sagte. Und auch Ororo würde er nicht so einfach aufgeben, die er als erklärtes Primärziel auserkoren hatte. Es war nur eine Zeitfrage, bis es zur nächsten Konfrontation kommen würde.
Das Gedränge auf dem Gang war fürchterlich. Wieso mussten die Professoren eigentlich alle ihre Kurse gleichzeitig schließen? Wenn Marie anfangen würde, hier zu studieren, würde sie sich mit ihren hautreaktionären Kräften alles andere als wohl fühlen. Es waren solche Ängste und Unsicherheiten, über die Katja mit den Jugendlichen und in ersten, vorsichtigen Gesprächen auch mit den Kindern oft diskutierte. So wie die anderen in ihrem Team versuchte sie, für die Jüngeren da zu sein, ihnen Hoffnung und Optimismus zu vermitteln… Gerade nach solchen Erlebnissen wie eben fühlte sich das manchmal an wie ein regelrechtes Schauspiel.
Katja war erleichtert, als sie das barocke, hoheitliche Gebäude endlich verlassen konnten, gegen das sie trotz seiner Schönheit mit den vielen hohen Säulen und den riesigen Gemälden an den Wänden große Abneigung entwickelt hatte. Sie entdeckte Scotts derzeitiges Lieblingsauto – einen tiefschwarzen Ford Probe – sofort am Parkplatz vor dem Eingang. „Hi. Schön, dass du da bist.“ Sie umarmte ihren Partner liebevoll und begrüßte ihn mit einem kurzen Kuss. Seine Anwesenheit verdrängte die unangenehmen Gedanken an den Kampf mit der Bruderschaft sofort.
„Darf ich vorstellen...“ Sie brach ab. Als sie den Blick auf ihre Kommilitonen freigab und Scotts Gesicht sah, wurde ihr klar, dass sie in der Tat niemanden vorzustellen brauchte. „Ihr kennt euch?“
„Summers.“ Averys freundliches Lächeln von eben war verschwunden. Jetzt war sein Gesicht zu einer Grimasse der Wut verzerrt. Seine Fäuste waren geballt. Er war offensichtlich kurz davor, Scott an die Gurgel zu gehen. „Es war mir so klar... Ich hätte nicht zurückkommen sollen.“ Er wandte sich abrupt ab und marschierte davon.
„Av, warte…“
Avery drehte sich nicht einmal um. Scotts Aufforderung hatte zugegebenermaßen auch eher halbherzig geklungen.
Völlig überrumpelt wollte Katja dem jungen Mann folgen, besann sich dann aber eines besseren. Zuerst wollte sie von Scott wissen, was da zwischen den beiden war. Sie musterte ihren Partner besorgt. Selten hatte sie soviel Schmerz in seiner Stimme gehört, und einen ganzen Ton blasser war er unter seiner obligatorischen Sonnenbrille auch geworden. „Ich weiß ja nicht, was zwischen euch vorgefallen ist, aber ihn ‚Av’ zu nennen, bringt dir keine Sympathiepunkte…“
„Hauen wir ab.“ Scott ging nicht einmal auf den schwachen Versuch eines Scherzes ein sondern wies unmissverständlich zur Beifahrertür.
„Bis bald, Angelica.“ Ohne die junge Frau auch nur richtig anzusehen, stieg er ins Auto. Seine Gedanken waren offensichtlich meilenweit weg von der Universität.
Katja zuckte verwirrt mit den Achseln und folgte seinem Beispiel, nickte ihrer Freundin nur rasch zum Abschied zu. „Ich ruf dich später an.“
Das Tanztraining an diesem Tag fiel aus. Scott verpasste zweimal die richtige Abfahrt. Er murmelte eine lahme Entschuldigung, nachdem er es bemerkte... und bog dann unvermittelt in Richtung eines Kaffs ab, das Katja gar nichts sagte, obwohl sie die Gegend um New York inzwischen eigentlich recht gut kannte. Es war ein richtig romantischer Ort, an den er sie brachte. Ein kleiner verlassener See, der wie eine Oase zwischen den ganzen Mittel- und Großstädten rundherum wirkte. Die Gegend erinnerte Katja an ihr Heimatdorf. Es dämmerte langsam. Die untergehende Sonne warf einen wunderschönen orangefarbenen Schein auf das ruhige Wasser. Sie waren völlig allein an dem kleinen Kieselstrand. Ein bezauberndes Bild eigentlich... Wäre da nicht der Vorfall bei der Uni gewesen.
„Was ist los?“ Sie legte Scott eine Hand auf den Arm, als er den Motor abstellte und abwesend zur Windschutzscheibe hinaus starrte. „Was auch passiert ist, du kannst mit mir darüber reden.“ Inzwischen war ihr klar geworden, dass es hier um keine harmlose Sache wie etwa einen Streit unter Jugendlichen um eine Frau gehen konnte. So völlig geistesabwesend hatte sie Scott noch nie erlebt. Und nie hatte sie gesehen, dass seine Hände so zitterten. Eigentlich war er ein relativ sicherer Fahrer, wenn auch nicht der langsamste, aber eben hätte sie sich am liebsten selbst ans Steuer gesetzt. Avery schien ein verdammt dunkles Kapitel in seinem Leben zu sein. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, dass die beiden sich zufällig wieder getroffen haben sollten. Avery hatte vorhin überrascht gewirkt… Aber den jungen Mann kannte sie ja auch noch nicht wirklich und konnte ihn schlecht einschätzen. Sie hatte auf der Fahrt nicht anders gekonnt als sich irgendwelche paranoiden Szenerien auszumalen. Wenn nun Magneto hinter dieser Sache steckte? Dass er im Moment versuchte, das X-Team an allen Ecken und Enden zu schwächen, war ja nichts Neues. Und Scott war gerade völlig neben der Spur…
„Komm mit.“ Statt einer Antwort stieg Scott einfach aus und holte eine Decke aus dem Kofferraum. Direkt beim Wasser ließen sie sich darauf nieder.
Katja nahm die stumme Einladung gerne an, als Scott ihr seine Hand hinstreckte und setzte sich vor ihn hin, zwischen seine Beine, lehnte sich mit einem leisen Seufzen an seinen breiten Oberkörper. Es dauerte nur Sekunden, bis sie fühlte, wie die Anspannung, die leise Angst von ihr abfielen und sich die übliche Stille in ihrer Seele einstellte, die nur ihr Partner in ihr auslösen konnte. Ihr Training für das X-Team, die Universität, der ständige Konflikt der Anfeindung durch die Menschen… Das alles hielt sie im Alltag ständig auf Trab, manchmal kam ihr vor, sie stand nur noch unter Strom. Umso mehr genoss sie diese wenigen Minuten der Entspannung zwischendurch, wenn sie die Wärme von Scotts schlankem, starkem Körper an ihrem fühlen konnte, die zärtliche Berührung seiner geschickten Streicheleinheiten und das tiefe Gefühl der Zuneigung, wenn ihre Lippen zu einem Kuss verschmolzen.
Auch Scott schien die enge Umarmung zu helfen, zumindest wirkte er nicht mehr ganz so aufgewühlt. Er hielt die Arme vor Katjas Bauch verschränkt, hatte sein Kinn auf ihre Schulter gestützt und ließ sich vom Anblick der einsamen Landschaft genauso wie von ihrer Nähe zur Ruhe bringen. Minutenlang genossen sie einfach schweigend den Moment. In letzter Zeit waren sie viel zu wenig allein gewesen. „Was weißt du über mich?“, fragte Scott dann unvermittelt.
„Hm?“ Verwirrt wandte Katja den Kopf in seine Richtung, eine reflexartige Bewegung, obwohl sie durch seine Brille seine Augen sowieso nicht sehen konnten. An Tagen wie diesen war das schwerer als an anderen. Sie konnte nie ganz einschätzen, was in ihm vorging, wie es ihm wirklich ging und wie sie ihm helfen konnte. Manchmal fühlte sie sich, als wäre sie diejenige, deren Sicht durch Scotts unkontrollierbare Laserstrahlen-Mutation eingeschränkt wäre.
„Ich möchte, dass du mir sagst, was du über mich weißt. Es ist wichtig für das, was ich dir erzählen will. Obwohl ich ehrlich gesagt noch nicht weiß, ob ich das wirklich schaffe.“ Ein heiseres, trockenes Schnauben begleitete diese Worte, das Katja noch mehr beunruhigte, weil sie genau merkte, dass Scott sich gerade von ihr zurückzog. Mochte er auch in der Schule als strenger und unnahbarer Lehrer bekannt sein, mochte er sich bei der Öffentlichkeitsarbeit der X-Men distanziert gerade gegenüber Menschen verhalten, die ihn aufgrund seiner auffälligen Brillen sofort als gefährlichen Freak abstempelten… Zumindest Katja gegenüber versuchte er eigentlich immer, sich so offen und emotional wie möglich zu geben, seit sie sich immer näher kamen.
„Wie du meinst...“ Sie war immer noch verwirrt, beschloss aber vorerst, auf das kleine Spielchen einzugehen. Es schien ihm wichtig zu sein. Sie überlegte kurz, wo sie anfangen sollte. Da waren ein paar Dinge dabei, die man nicht gerade als harmlos bezeichnen und mit einem fröhlichen Lächeln erzählen konnte, aber wenn Scott über seine Vergangenheit sprach, wirkte er immer sehr beherrscht, als hätte er mit den vielen Unglücken damals längst abgeschlossen. Er hatte es nun mal nicht so mit den ganz großen Gefühlsausbrüchen, und gerade schien er schon bedrückt genug, da war es vielleicht am besten, wenn sie sich dieser Distanz zu diesen vielen schlimmen Ereignissen einfach anschloss, ohne viel Herumdrucksen. Nur ihre Hände schloss sie ein wenig fester um seine, streichelte sanft darüber. „Ich weiß, dass du deine Kräfte als Teenager bekommen hast. Du und dein Bruder Alex, ihr seid bei einem Flugzeugunfall fast ums Leben gekommen, bei dem eure Eltern gestorben sind. Ihr seid mit einem kaputten Fallschirm auf den Boden zugerast, und du wärst fast gestorben.
Du hast teilweise auf der Straße und teilweise in Heimen gelebt, als Charles dich aufgenommen hat. Jean und Ororo kamen auch ungefähr um diese Zeit dazu. Ihr drei wart seitdem die besten Freunde. Ihr habt euch gegenseitig unzählige Male das Leben gerettet.
Ich weiß, dass du trotz dieser Freundschaft Alex sehr vermisst, weil du nicht weißt, wo er heute ist und ihn schon lange nicht mehr gesehen hast. Du sprichst nie über ihn, aber ich merke jedes Mal, wenn meine Mom oder meine Geschwister anrufen, dass da ein riesiges Loch in deinem Leben ist.“ Scotts erstauntes Augenbrauenheben beantwortete sie nur mit einem kurzen, sanften Kuss auf seinen Hals. Sie sagte nicht immer etwas, aber einige Dinge wusste sie auch trotz ihrer erst kurzen Zeit zusammen schon sehr gut.
„Du bist schnell nach eurer Ankunft in der Mutant High mit Jean zusammengekommen. Eine Zeit lang wart ihr sogar verlobt. Ihr seid lange sehr glücklich gewesen, bis vor ein paar Wochen, als eine neue Mutantin namens Katja Ninaus zu Xavier gekommen ist und Teil des Teams wurde. Eine Mutantin, die praktisch alles zerstört hat, was zwischen dir und Jean war...“
„Katja... nicht.“ Scott hielt sie sofort etwas fester, suchte nach Worten.
„Oh, warum nicht?“, fragte sie ruhig. „Sagen wir doch die Wahrheit, und beschämen wir den Teufel. Ihr habt mir beide immer wieder versichert, dass eure Beziehung nicht mehr glücklich war, als wir beide uns verliebt haben, aber schließlich kann keiner sagen, wie das Ganze ausgegangen wäre, wenn ich nicht aufgetaucht wäre, nicht wahr?
Wie auch immer. Jean hat ihr Herz an einen anderen Mutanten namens Logan verloren, ein Mutant, mit dem du dich nicht sonderlich gut verstehst, um es vorsichtig auszudrücken. Du hast Angst, dass er sie eines Tages verletzen wird, obwohl er sie hütet wie seinen Augapfel. Du hast Angst um sie, weil sie für dich wie eine Schwester ist.
Trotz dieser Geschichte, die mich belastet, weil Jean für mich ebenfalls eine gute Freundin ist, möchte ich keinen einzigen Tag unserer Beziehung missen. Du bist mir wichtiger als irgendein Mann zuvor in meinem Leben. Das ist es, was ich über dich weiß.
Und ich weiß, dass du gerade einen jungen Mann namens Avery Anderson getroffen hast und seitdem aussiehst wie ein Zombie. Ich weiß, dass ich mir Sorgen um dich mache, weil du seit dieser Begegnung aufgehört hast, mit mir zu reden, obwohl ich eigentlich gedacht habe, dass wir uns alles sagen können.“
„Tut mir leid.“ Scott gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Schläfe. „Diese Dinge... sind sehr schwer auszusprechen für mich. Aber ich möchte es trotzdem versuchen, weil ich Angst um dich habe. Ich will, dass du weißt, was damals zwischen Avery und mir passiert ist. Dass du verstehst...“ Er brach ab, versuchte sich zu sammeln.
„Ich hatte seit diesem Unfall mit Alex damals kein Zuhause mehr. Mir blieb nur die Straße, wenn ich nicht ständig in irgendwelchen Heimen verprügelt werden wollte. Das war bei Gott nicht immer einfach. Ich habe viel gesehen und erlebt, bis der Professor mich dann gefunden hat. Aber nichts war so schlimm wie die Begegnung mit den Andersons.“
„Du kennst ihn also aus dieser Zeit?“ Katja runzelte verwirrt die Stirn. „Avery hat uns erzählt, dass er aus Iowa stammt und erst vor kurzem hergezogen ist.“
„Ich nehme an, er möchte seine Vergangenheit hier vergessen“, nickte Scott. „Nein, Avery ist gebürtiger New Yorker. Ich muss das wissen, ich habe gut zwei Jahre mit ihm verbracht. Er war völlig zerstritten mit seinen Eltern, hat fast jeden Tag die Schule geschwänzt und seine Zeit mit uns auf der Straße verbracht. Kurz vor seinem vierzehnten Geburtstag haben sie sich dann versöhnt. Er hat sie eben trotz allem sehr geliebt. Da gab es sonst niemanden, keine restliche Familie, und auch in der Schule war er immer ein Außenseiter. Es war eine große Erleichterung für ihn, als dieser Ärger endlich begraben war. Seine Eltern wollten an seinem Geburtstag für ihn eine große Party in ihrem Haus veranstalten. Avery hat die Bedingung gestellt, dass er unsere Gang auch einladen durfte. Es hat ihnen zwar nicht gefallen, aber sie haben schließlich doch zugestimmt.“
„Du bist fast zwei Jahre älter als er... Also war das kurz, bevor du Xavier getroffen hast“, stellte Katja nachdenklich fest. Ihre Arme waren von Gänsehaut überzogen.
Soviel Dunkelheit, soviel Schmerz war in Scotts Stimme… Er hielt sie so fest, dass es fast schon wehtat. Sie bezweifelte, dass er oft über diese Sache sprach, dass viele Leute davon wussten. Es belastete ihn merklich. Er schien sich regelrecht an ihr festzuhalten. „Richtig. Aber lass mich auf meine Weise darauf kommen. Ich muss mich dieser Sache langsam nähern.“ Er zitterte immer noch leicht, am ganzen Körper, obwohl es alles andere als kalt war.
„Du musst wissen... Avery und ich waren sehr gut befreundet. Ich habe ihm geholfen, in unserer Gang Fuß zu fassen, und er hat mir geholfen, wenn sich andere über meine Brille lustig gemacht haben. Ich habe ihn mit seiner damaligen Freundin zusammengebracht, und er hat mir die wenigen Sachen aus der Schule weitergegeben, die er mitbekommen hat, wenn er mal dort war. Es war nicht so, als ob mich Bildung nicht interessiert hätte. Ich hatte nur keine Lust auf eine Gemeinschaft, in der mich ohnehin alle nur auslachen und verstoßen würden. Wir haben zusammengehalten wie Pech und Schwefel. Ich war so ziemlich der einzige, dem er vertraut hat, und umgekehrt war es genauso. Deswegen wollte ich ihm zu seinem Geburtstag auch etwas ganz Besonderes schenken. Es war ein Schaukampf-Schwert, das ich einmal in einem Kaufhaus hatte mitgehen lassen. Er hat dieses Schwert immer geliebt. Kampfsport war immer sein großes Hobby. Damit er es nicht gleich sehen würde, wenn ich abends zu ihm kommen würde, wollte ich es zu ihm nach Hause bringen, als er in der Schule war. Ich wollte seine Eltern bitten, es zu verstecken.“ Scott sprach immer schneller, seine Stimme überschlug sich.
„Wenn es zu schwer ist...“ Katja schmiegte sich eng an ihn, versuchte, ihm ihrerseits mit ihrer Anwesenheit Trost zu spenden, wie er das immer bei ihr schaffte, irgendwie.
„Nein... Ich will das hinter mich bringen.“ Scott holte tief Luft, versuchte sich zu sammeln, nahm Katjas Hände erneut fest in seine. Sie waren eiskalt.
„Seine Mutter ist regelrecht durchgedreht, als sie mich gesehen hat. Sie wollte wohl die Gelegenheit nutzen, dem schlechten Umgang ihres Sohnes eine Lektion zu erteilen. Sie hat behauptet, ich hätte sie mit dem Schwert angreifen wollen und hat hysterisch nach ihrem Mann gebrüllt. Der hat mir den Umgang mit Avery verboten. Ich wollte es erklären, mich verteidigen... Da ist er mit einem Baseballschläger auf mich losgegangen.“ Wieder stockte er.
Katja fühlte etwas Warmes, Kleines auf ihrem Hals tropfen, zuckte erschrocken zusammen. Scott weinte nicht so einfach, er hatte sich normalerweise viel besser im Griff. Sie bekam immer mehr eine Ahnung, wie diese Sache ausgegangen war. So gut es ging drehte sich um und umarmte ihren Partner fest. „Was ist passiert?“
„Die Sonnenbrillen, die ich damals hatte, waren sehr einfach, verspiegelt, was man eben so für ein paar Dollar im Laden bekam. Nicht wie die, die der Professor und ich später entwickelt haben. So eine, wie ich sie jetzt aufhabe, kann ich fast nicht verlieren. Aber damals... Ich bin mit dem Kopf gegen eine Wand gestoßen, die Brille wurde weggeschleudert... Ich konnte meine Augen nicht rechtzeitig schließen...“ Jetzt weinte er wirklich, lautlos, nur sein Oberkörper bebte vor zurückgehaltener Spannung.
„Hast du sie getroffen?“ Auch Katjas Stimme zitterte, sie war nicht sicher, ob sie die Antwort hören wollte.
„Nicht seine Eltern, aber das Haus. Irgendeine Gasleitung. Während ich noch von der Schwelle in den Garten hinaus getorkelt bin, ist ein Brand ausgebrochen. Bis ich meine Ersatzbrille aufgesetzt hatte, war die Explosion schon erfolgt. Genau das ist später auch in der Zeitung gestanden: nur eine Explosion, ein Unfall.“ Wut, regelrechter Selbsthass klang durch Scotts Stimme. Es war offensichtlich, dass er sich selbst die meisten Vorwürfe wegen dieser Sache machte. „Das Gebäude ist zusammengefallen wie ein Kartenhaus. Die beiden Leute hatten nie eine Chance. Sie sind da drin gestorben, bevor noch die Feuerwehr da war. Man hat nur mehr ihre Leichen bergen können.
Ich bin die ganze Zeit dageblieben. Ich wäre nicht fähig gewesen, wegzulaufen. Als Avery heimgekommen ist, hat er sofort gewusst, dass ich für alles verantwortlich war. Er hat mir nicht geglaubt, dass es ein Unfall gewesen ist, obwohl er es nie jemandem erzählt hat. Er wollte das allein regeln. Er hat gewusst, wie seine Eltern über mich gedacht haben, und auch, dass ich ihn immer ein wenig beneidet habe, weil er noch eine Familie hatte. Er hat gedacht, ich wäre einfach ausgerastet. Ab diesem Moment hat es nur noch Hass auf mich in ihm gegeben. Von seinem Standpunkt aus verständlich. Ich habe ihm das Wichtigste im Leben genommen, gerade, als er gedacht hat, jetzt würde alles gut werden. Wir haben uns geprügelt, bis sie uns auseinander gerissen haben.
Danach sind wir in verschiedene Heime gekommen. Die Leiter in meinem Heim wollten mich gleich wieder loswerden. Sie haben mich schon am ersten Tag gezwungen, meine Brille abzunehmen, woraufhin ich aus Versehen das halbe Haus zerstört habe. Es gab einen Riesenwirbel in den Medien, man wollte Testlabors und Forschungszentren einschalten. Am liebsten hätten sie mich wohl weggesperrt.“ Scott lachte bitter auf. „Ich wäre sowieso geflohen, wenn nicht irgendwann der Professor gekommen wäre. So habe ich endlich das Zuhause bekommen, nach dem ich so lange gesucht hatte. Ich habe nie jemandem erzählt, was passiert ist. Der Professor hat meine Psyche in der Vergangenheit so oft gescannt, dass er vielleicht ein paar Dinge gesehen hat… Aber seit Avery aus meinem Leben verschwunden ist, habe ich alles, was mit ihm zu tun hat, so sehr verdrängt, dass auch er die volle Wahrheit nicht kennen kann.
Ich denke kaum mehr an damals, aber eins habe ich nie vergessen: Averys Drohung, sich eines Tages an mir zu rächen. Er will mein Leben zerstören so wie ich damals seins zerstört habe, das weiß ich. Der Gedanke, dass du ihm jetzt plötzlich so nahe bist, gefällt mir überhaupt nicht. Es ist sicher kein Zufall, dass er wie aus dem Nichts in deinem Seminar aufgetaucht ist.“
„Das können wir nicht wissen“, widersprach Katja, obwohl ihr dieser Gedanke vorhin ja auch gekommen war. Aber sie wollte Scott nicht noch zusätzlich beunruhigen. Diese Sache war hart genug für ihn. „Ich werde aufpassen“, versprach sie nach Sekunden des bedrückten Schweigens. „Er hat auf mich nicht gerade aggressiv gewirkt. Vielleicht hat er nach all dieser Zeit mit der Sache abgeschlossen.“
„Er ist ein hervorragender Schauspieler, das war er immer“, dämpfte Scott diese Hoffnung sofort. „Er wird sich nichts anmerken lassen. Aber ich bin sicher, im Stillen schmiedet er bereits einen Racheplan. Katja, halt dich von ihm fern.“ Jetzt klang seine Stimme wieder fest, entschlossen. „Hörst du! Ich hab Angst um dich! Versprich es mir, bitte!“
Die Panik, die sich auf seinem Gesicht widerspiegelte, zerriss ihr fast das Herz. Was blieb ihr schon anderes übrig? Avery würde es hoffentlich verstehen. Vermutlich war das so für alle Beteiligten am besten. „Ich verspreche es. Ich bin froh, dass du es mir gesagt hast, Scott.“
„Ich hatte Angst, du könntest dich von mir abwenden“, gab er zu.
„Warum? Es war ein Unfall. Du hast sie nicht absichtlich getötet.“ Eine schwache Erinnerung streifte Katja. Sie sah sich selbst an ihrem ersten Tag in der Mutant High mit Jean im Garten sitzen, verstört, weinend. Sie hörte Jean dieselben Worte sagen, die sie Scott gerade gesagt hatte… Jetzt wusste sie, dass es stimmte, auch wenn sie es damals nicht hatte glauben können. Es war grausam für jeden einzelnen Mutanten, dem so etwas widerfuhr, aber man war nun mal nicht verantwortlich für seine Kräfte oder dafür, dass man sie nicht sofort kontrollieren konnte. Es war eine Verantwortung, mit der man leben musste, aber keine Schuld. Nicht, dass das die Sache viel leichter machte.
„Mag sein. Nur macht es das nicht besser“, sprach Scott ihre Gedanken aus. Er hatte sich wieder gefasst, so schnell, wie das auch sonst immer geschah. Nur das Zittern wollte nicht ganz weggehen.
Vereinzelte Regentropfen fielen auf sie beide herab. In der Ferne grollte leiser Donner. „Bist du jetzt so sauer?“ fragte er, schief grinsend. „Das wollte ich eigentlich mit der Geschichte nicht erreichen.“
„Schau mich nicht so an.“ Irgendwie brachte auch Katja ein Lächeln zustande. „Das war ich nicht. Ausnahmsweise. Es waren Gewitter gemeldet für heute.“
Scott zog sie sanft hoch. „Dann fahren wir besser heim. Du hast deine Kräfte überhaupt viel besser unter Kontrolle als am Anfang, nicht?“
„Das mentale Training mit Jean hat sehr geholfen, das habe ich zuerst selbst gar nicht erwartet“, nickte Katja. „Marie sollte das auch einmal versuchen. Es ist ein hervorragender Weg, eine Mutation zu kontrollieren.“
Sie hatte das Gefühl, noch etwas zu der Geschichte vorhin sagen zu müssen. Besonders viel helfen hatte sie Scott nicht können... „Tut mir leid. Ich fürchte, ich war gerade keine große Unterstützung.“
„Ganz falsch.“ Er nahm sie noch einmal in den Arm, legte seine Stirn an ihre. Einmal mehr störte das glatte, kühle Material seiner Brille jede noch so einfache Zärtlichkeitsgeste. „Du weißt gar nicht, wie gut es getan hat, das Ganze endlich loszuwerden. Ich versuche seit Jahren, damit zurecht zu kommen. Ich schaffe es auch weiterhin. Meine Sorge gilt nur dir.“
„Keine Angst, Baby. Ich kann auf mich aufpassen. Wenn Avery meint, mir blöd kommen zu müssen, werde ich ihm eine entsprechende Antwort geben.“ Katja grinste verschmitzt. „Ich bin auch ein X-Man, weißt du.“
„Ja. Genau das wird das Problem sein, fürchte ich.“ Mit diesem Satz war für Scott das Thema erledigt. Sie verloren beide kein Wort mehr darüber.
Dabei hatte der Konflikt in Wahrheit erst begonnen.
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