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von Lyssa    erstellt: 26.12.2008    letztes Update: 11.04.2010    Geschichte, Allgemein / P12    (fertiggestellt)
„ Charlotte! CHARLOTTE!“ Es gibt Tage, da hasse ich meinen Namen. Warum auch mussten meine Eltern mich ausgerechnet nach meiner Großtante Charlotte benennen? Der Name klingt so altmodisch wie Reifröcke und Korsetts. Ich weiß schon, warum ich lieber einfach nur `Charlie` gerufen werde. Wenn jemand meinen vollen Namen nennt, von einigen Lehrern mal abgesehen, weiß ich, dass Ärger ins Haus steht.
„Ich komme ja schon!“, brüllte ich den Gang hinunter, vorbei an zahlreichen Kisten mit unausgepackter  Kinderkleidung, Unterwäsche und Hosen. Seit ich in diesem Kaufhaus jobbte, hatte ich meinen vollen Namen mehr als einmal gehört. Egal um was es ging- Regale einräumen, Preisschilder und Etiketten befestigen, ja sogar wenn ich den Fußboden putzte, immer hatte meine Chefin was daran auszusetzen.
Grummelnd machte ich mich auf den Weg. „Na endlich! Sie werden an der Kasse gebraucht, die Kunden stehen schon bis zu den Herrenhosen Schlange! Also, Tempo!“
Jaja. Als ob ich was dafür könnte, dass zwei Leute gleichzeitig ausgefallen waren.  Aber Frau Gottrup, die Abteilungsleiterin dieser Etage, nahm jede schief hängende Hose persönlich und jeden Schmutzstreifen bekämpfte sie wie einen persönlichen Feind.

Seit ich von meiner verrückten Reise aus Mittelerde zurückgekehrt war, hatte ich gedacht, nichts und niemand könne mich mehr aus der Ruhe bringen oder überraschen. Diese Frau schaffte es aber tagtäglich aufs Neue, sie war nerviger, als Merry oder Pippin es je gewesen waren.

Während ich mechanisch die Ware über den Scanner zog,  kassierte und Wechselgeld ausgab, schweiften meine Gedanken ab. „He was ist? Hast du mal wieder Ärger mit der Gottrup gehabt?“, flüsterte Melanie mir zu, als gerade niemand in der Nähe war. Sie war nur ein paar Jahre älter als ich und hatte mich quasi unter ihre Fittiche genommen, seit ich meinen Dienst hier angetreten hatte.  „ Ne, lass mal, schon gut“, brummte ich und drückte einer alten Dame die Einkaufstüte in die Hand.  Ich mochte meinen Job nicht. Es war zu eng, zu voll und vor allem zu laut. Dieses ständige Gedudel aus den Lautsprechern ging mir auf den Geist und immer öfter suchte ich Zuflucht auf Wiesen und Feldern auf Kobolds Rücken. Und mir fehlten auch die Gespräche mit meinem Friesen. In Mittelerde hatte Galadriel ihm die Gabe verliehen, sprechen und meine Gedanken lesen zu können, diese Fähigkeit aber hatte er mit unserer Rückkehr offenbar wieder verloren. Ich konnte zwar einiges aus seinem Verhalten heraus deuten, doch es war nicht dasselbe. „CHARLOTTE!“ Uff, was nun? „ Sie haben die Kisten ja gar nicht fertig ausgepackt“, empfing sie mich mit einem so vorwurfsvollen Blick, als hätte ich Blutkonserven aus der Tiefkühlung geholt und dann einfach stehen lassen. „Sie haben mich doch gerade an die Kasse…“, weiter kam ich nicht. „ Na, dass sie so viel Zeit für das bisschen brauchen, konnte ich ja nicht ahnen.“
Das Bisschen?
Das Bisschen waren 25 Kisten von verschiedenen Firmen mit gemischtem Inhalt, die ich sortieren musste nach Größen, Farben und Mustern, Wäsche, Kinder- oder Damenbekleidung und Firma.  Das Gelieferte wurde  mit der Lieferliste abgeglichen und auf Fehler untersucht. Anschließend musste die Ware entweder schon auf einen der Ständer oder auf den Wagen- natürlich sorgfältigst zusammen gelegt- verfrachtet werden. Ich hatte in etwas weniger als einer Stunde 7 von den Dingern komplett geschafft und die Wagen und Ständer ordentlich bestückt und gedacht, dass ich gut in der Zeit lag. Aber anscheinend war ich mal wieder nicht schnell genug gewesen….
Als Frau Gottrup ihre vollschlanke Linie schließlich von dannen trug, machte ich mich murrend wieder an die Arbeit und dachte noch, wie viel überflüssiges der Mensch eigentlich kaufte. In Mittelerde war ich mit weit wenigerem ausgekommen, auch wenn ich mir doch gelegentlich etwas mehr Wechselkleidung gewünscht hätte.  Ach ja, Mittelerde… Pappkartons aufreißen, Ware mit Bestellzettel vergleichen, sortieren, auszeichnen und zusammenlegen- ein monotoner und einfältiger Job. „CHARLOTTE!“ Was denn nun schon wieder?

Am Abend schnappte ich mir entnervt meinen Rucksack, radelte zu unserem Häuschen am Ortsrand, wild entschlossen, mir heute keine Gedanken mehr über Mittelerde, seine Bewohner oder magische Dolche zu machen.  Den in den letzten Tagen hatten diese Gedanken überhand genommen und ich hatte mich öfters dabei ertappt, wie ich den Dolch, der damals die ganze Reise ausgelöst hatte, in die Hand nahm, betrachte und überlegte, wie es der ehemaligen Gemeinschaft des Ringes wohl jetzt ging. Ich hatte den Verlauf der ursprünglichen Geschichte verändert, also auch die darauf folgende Zeit.

Meine Eltern waren nicht da, ein Zettel auf dem Küchentisch informierte mich, dass sie kurzfristig eine Einladung von Bekannten zum Essen angenommen hatten.

Na toll, jetzt war ich mit meinen Gedanken doch wieder allein. Kati, meine beste Freundin, war auch nicht da, sie und ihre Eltern verbrachten das kommende Wochenende bei Verwandten.
Was sollte ich nun machen?  Nach dem Essen saß ich am Laptop und surfte auf einigen meiner Lieblingsseiten herum. Ich stieß auf einige neue Fanfictions über  den Herren der Ringe und musste grinsen, als ich sie überflog. Manche Autoren hatten die Charaktere der Ringgemeinschaft wirklich so gut getroffen, dass ich glaubte, sie reden zu hören. Aber gleichzeitig lösten sie eine Art von Heimweh in mir aus.  Trotz allem, war es eine gute und schöne Zeit gewesen, die ich bei ihnen verbracht hatte. Ich hatte zwar einige winzige Narben zurückbehalten, aber zum Glück war meine Beinwunde, die ich mir in Moria zugezogen hatte, dank der Heiler in Lorien so gut verheilt, dass man quasi nichts davon sah. Ich hätte auch nicht gewusst, wie meinen Eltern spätestens im Sommer eine fast 7 cm lange Narbe an meinem linken Oberschenkel hätte erklären sollen…..

Nach einer Weile schaltete ich den Computer ab und ging todmüde ins Bett. Morgen wollte ich mit Kobold ausreiten und daher früh aufstehen. Als ich das Licht ausmachte, hatte ich einen Moment, das Gefühl, als würde jemand meinen Namen rufen. Mich aufrichtend, knipste ich die Lampe wieder an und horchte, ob meine Eltern etwa wieder da waren. Nein, im Haus war alles ruhig. „ ~ Das hast du dir jetzt bestimmt wegen der Gottrup heute Mittag eingebildet~“, dachte ich, machte das Licht wieder aus und drehte mich auf die Seite, um endlich zu schlafen.
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