Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
«
»
von StormXPadme    erstellt: 13.12.2008    letztes Update: 14.12.2008    Geschichte, Allgemein / P12    (fertiggestellt)
2



Du wolltest mich umbringen.

Schweißgebadet schreckte Katja aus dem Schlaf hoch, so ruckartig, dass ihr Kater, der neben ihr schlief, erschrocken aufsprang und protestierend fauchte. Der Traum, wieder hatte sie davon geträumt. Sie fror, obwohl ihr Zimmer eher überheizt war, hatte einen schalen Geschmack im Mund. Angst. Immer noch hatte sie Angst.
Was war nur passiert an diesem Tag vor dem Jugendzentrum?

Die Zuschauer, die bei dem Streit auf dem Parkplatz dabei gewesen waren, waren sich inzwischen einig, dass es ein Unfall gewesen war. Es hatte keine Vorfälle mehr gegeben seitdem, keinen Grund, anzunehmen, dass das mit dem Blitz mehr als Zufall gewesen war. Sogar Fabian hatte aufgehört, Katja zu beschuldigen, aber wohl eher, weil ihm einige Leute gehörig die Meinung gesagt hatten. Sie beide waren gleich beliebt bei ihren Freunden, und das eine oder andere Mitglied der Clique war alles andere als erfreut darüber, was Fabian mit Katja abgezogen hatte.

Trotzdem konnte sie es genauso wenig vergessen wie er.
Immer noch fröstelnd stand sie auf, nahm Morpheus liebevoll auf den Arm, der es sich nach dem kleinen Protest auf ihren Schoß gemütlich gemacht hatte, in der optimistischen Hoffnung auf Streicheleinheiten. Sie stellte sich ans Fenster und lehnte sich schwer gegen das breite Fensterbrett, versuchte, ihre innere Ruhe wiederzufinden… vergeblich. Der Anblick des Wetters hob ihre Stimmung nicht gerade. Seit einer Woche regnete es fast ununterbrochen. Genauer gesagt seit diesem einen Abend, seit sie von dem Treffen mit Fabian heimgekommen war, völlig verstört und verängstigt, nervlich so mitgenommen, dass sie seit Tagen krank geschrieben war. Morgen musste sie wieder zur Arbeit, sonst kam sie in Gefahr, gekündigt zu werden. An ihrem Stuhl in dieser wirtschaftlich sehr schlecht stehenden Anwaltskanzlei, wo sie erst seit ein paar Monaten angestellt war, wurde sowieso schon lange gesägt.
Warum konnte sie nicht auch einfach glauben, dass es ein Unfall gewesen war, so wie die anderen? Warum machte sie sich soviele Gedanken darum? Sie lehnte müde ihre Stirn an die Scheibe. Weil sie es besser wusste. Weil sie dabei gewesen war. Sie hatte die Hand ausgestreckt und einen Blitz auf Fabian geleitet. Irgendwie. Wenn sie nun...
Nein. Definitiv nicht. Mutationen traten fast immer in der Pubertät auf. Oder waren von Geburt an vorhanden. Katja war schon über 20 und hatte nie irgendwelche Anzeichen gezeigt. Das war völlig unmöglich. Außerdem gab es – soweit bekannt – auch nur etwa ein paar zehntausend Mutanten weltweit. Warum sollte ausgerechnet sie dazu zählen, und dann von einen Tag auf den anderen? Es war lächerlich...
Seufzend setzte sie sich nach Minuten des ratlosen Herumstehens an ihren Schreibtisch und schaltete ihren Computer an. Sich ein wenig zu informieren konnte nie schaden, nicht wahr? Nur für alle Fälle.

http://www.mutants.com...

Die Seite brauchte eine halbe Ewigkeit zum Laden. Was zum Teufel machte sie da eigentlich? Wahrscheinlich gab es die Seite nicht mal, oder es ging darauf nur darum, wie man sich am besten vor Mutanten schützen konnte… Die Welt lebte in Angst, seitdem diese neue Gruppierung von Menschen aufgetaucht war. Niemand fühlte sich mehr sicher. Bis jetzt hatte sich Katja nicht sehr mit dem Thema beschäftigt, wenn sie ehrlich war. In ihrer Heimat Deutschland hatte es kaum bekannte Fälle gegeben, auch die wenige Medienberichterstattung erfolgte meist sehr nüchtern und unparteiisch. Über gewisse unangenehme Dinge dachte man einfach nicht nach. Bis sie einen auf einmal selbst betrafen.
Schon bei einem ersten kurzen Blick auf die Hauptpage erkannte Katja, dass nur ein paar Grundsatzinformationen angeführt waren, welche ihr allesamt schon bekannt waren. Das nutzte ihr nichts. Sie wollte die Seite schon wieder schließen, als sie ganz am untersten Ende eine Telefonnummer stehen sah. Seltsam. Als Inhaber einer nicht kommerziellen Seite führte man eigentlich keine reale Nummer im Internet an, wenn man nicht wollte, dass dort alles Idioten anriefen. Aber das hier war ungewöhnlich. Außer einem einzigen Wort stand nichts dabei. Eine einfache Nummer in ganz kleiner Schrift. Davor, noch kleiner, das Wort ‘help’- Hilfe. Vielleicht... Wenn man sich nun nur allgemein einmal erkundigte... Das musste ja immer noch nichts heißen. Noch war ja nichts bewiesen. Sie war nur neugierig, richtig? Zwei Sekunden später hatte sie ihr Handy in der Hand und wählte. Es läutete. Einmal. Noch einmal.

Dann fragte eine freundliche, sehr junge Mädchenstimme auf Englisch: ‚Hallo, wie kann ich Ihnen helfen?’

Zuerst wollte Katja auflegen. Sie war wirklich schon drauf und dran.

Aber dann sah sie Fabians Gesicht vor sich, wie er ausgesehen hatte, als der Blitz eingeschlagen war. Fassungslosigkeit, Schock… Das Spiegelbild ihrer eigenen Gefühle.
Du wolltest mich umbringen, Katja.

Sie schluckte schwer und schloss die Augen, wollte ihre eigene Reflektion nicht im Monitor sehen, wenn sie die Worte aussprach, vor denen sie sich so scheute. „Ich glaube, ich könnte ein Mutant sein. Ich habe Angst.“

‚Moment, ich stell Sie durch.’ Es knackte kurz in der Leitung- dann wurde aufgelegt.

Natürlich. Hatte Katja wirklich erwartet, dass sich da ein Mutant melden würde und Antworten auf alle ihre Fragen aus dem Hut zaubern würde? Sie musste komplett durchgedreht sein. Sie hatte keinen Beweis in der Hand, nicht mal Indizien, und rief einfach eine wildfremde Nummer in den Staaten an! So ein Blödsinn! Sie beschloss, wieder schlafen zu gehen. Sie brauchte ihre Kraft für die nächsten Tage im Büro, um alles aufzuarbeiten, was in ihrer Abwesenheit auf ihrem Schreibtisch liegen geblieben war.
Das Läuten ihres Handys ließ sie hart zusammenzucken. Der Klingelton – das feierliche Hauptthema aus ‚Star Wars‘-Filmhexalogie – sollte ihr Leben für immer verändern. Es war eine unterdrückte Nummer, die ihr Display nicht anzeigen konnte. Zögernd nur drückte sie die ‚Annehmen’-Taste. „Katja hier.“

‚Hey, Katja, ich bin Jubilee. Du hast gerade angerufen, weil du Probleme hast, oder?’ Die Stimme sprach ihren Namen so falsch aus, dass Katja sofort klar war, dass es sich wirklich um eine Amerikanerin handelte.

Aber wie war das möglich? Wenn sie jemanden anrief, wurde ihre Nummer auf dem Empfängerdisplay ebenfalls nicht angezeigt. Für wen auch immer diese Frau arbeitete, er machte seine Sache gut. Sollte sie auflegen? Das alles vergessen? Oder sich auf ein Spiel einlassen, von dem sie nicht wusste, wohin es führen würde?

‚Katja? Noch dran?’

„Ja.“ Sie atmete tief durch, gab sich selbst Galopphilfe und ging über die Hürde, wie es in der Reitersprache so schön hieß. „Mit mir passieren seltsame Dinge. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“

‚Okay, pass auf. Ich geb dir eine Adresse, zu der du jederzeit hinkommen kannst. Wenn du ein Fake bist, lass es lieber. Das haben schon viele versucht. Wir hatten hier von den States bis zum FBI schon alles stehen. Alle haben sich wieder verpisst, ohne auch nur eine Anzeige zu erstatten. Es ist nichts Illegales daran, eine Beratungsstelle anzubieten, also probier’s erst gar nicht. Damit verschwendest du nur Zeit, und da du aus Deutschland bist, wie mir mein Computer gerade sagt, auch ne Stange Geld.
Falls du es aber ernst meinst, pack deine Sachen und nimm den nächsten Flieger nach New York. Als Mutantin kannst du eine Gefahr für dich und andere werden, wenn du niemanden hast, der dir hilft. Denk darüber nach.
Die Adresse ist...’

Katja notierte mechanisch, ohne groß darüber nachzudenken. Nur zur Sicherheit. Es konnte sich ja immer noch alles als Hirngespinst herausstellen. Würde es sicher auch. Aber wenn nicht… nur mal angenommen… Dann war es gut, eine Sicherheit in der Hand zu haben. Westchester, nahe New York. Am anderen Ende der Welt, weit weg von ihrem kleinen Dorf in den Bergen hier, wo sie ihre Familie und ihre Freunde hatte. Noch ein Grund, gar nicht erst in Erwägung zu ziehen, dass an diesem ganzen Unsinn etwas dran war. „Danke.“

‚Kommst du?’ Jubilee ließ leider nicht so einfach locker. Was war das eigentlich für ein seltsamer Name, Jubilee? Besonders seriös klang das Ganze jedenfalls nicht. Schließlich waren sie hier nicht auf einer High School, wo man sich nur mit dem Vornamen ansprach. Das Mädchen war sicher selbst noch grün hinter den Ohren, was erwartete sich Katja von so einer dubiosen Organisation überhaupt für eine Hilfe?

„Ich... ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts im Moment.“

Jubilee hörte sich besorgt an, so ernstlich besorgt und mitfühlend, dass Katja ihre unfreundlichen Gedanken sofort leid taten. ‚Hör auf mich. Du hättest nicht angerufen, wenn nichts passiert wäre. Da kann noch viel Schlimmeres passieren. Vergiss das nicht.’

„Ich überlege es mir.“ Damit legte Katja auf, bevor das fremde Mädchen womöglich noch weiter auf sie einreden konnte, ihr Zweifel und Angst einreden konnte, die sie seit Tagen beinahe mit Gewalt versuchte zu unterdrücken. Das Handy läutete nicht noch einmal, zum Glück.

Noch verwirrter als vorher ging Katja zurück zum Bett. Sie musst endlich schlafen. Wenn sie nicht noch etwas Ruhe fand, würde sie morgen völlig k.o. im Büro sein. Darüber grübeln, in was für eine seltsame Geschichte sie da hineingestolpert war, das konnte sie morgen immer noch... Ein stechender Schmerz im Fuß ließ sie leise aufschreien, als sie auf etwas Spitzes trat. Was zur Hölle...? Sie kniete sich hin, tastete auf dem dunklen Teppich herum. Ein Ohrring. Sie hätte es wissen müssen, sie trug doch selbst nie Ohrringe. Aber anstatt das Ding einfach in den Müllkorb zu werfen, machte sie natürlich Licht und sah es sich genauer an. Er gehörte Fabian.
Es war der reinste Flashback. Schon war wieder alles da, was sie in den letzten Tagen so eisern verdrängt hatte. Die tiefen Gefühle... Die vielen schönen Wochen zusammen... Wie sie über den Flohmarkt geschlendert waren, um sich nach Verlobungsringen umzusehen… Leidenschaftliche Nächte… Und dann dieses Foto von seiner Ex-Freundin und ihm, ein Bild, das sich für immer unauslöschlich in Katjas Gedächtnis eingeprägt hatte. Seine abfälligen Worte, wie er immer noch versucht hatte, sich herauszureden… Nicht einmal soviel Ehrlichkeit war sie ihm wert gewesen…
Katja pfefferte den Ohrring mit einem lauten Aufschluchzen gegen die Wand.

Ein ohrenbetäubend lauter Donnerschlag weckte das halbe Dorf. Die Digitalanzeige auf Katjas DVD-Player erlosch, genau wie das Licht. Stromausfall. Ein Blitz hatte im ganzen Haus die Energie lahm gelegt.





Es war ein herber Schock gewesen, aber am nächsten Morgen kam es Katja schon wieder vor, als wäre sie aus einem schlechten Traum erwacht. Im Verdrängen war sie immer schon große Spitzenklasse gewesen. Es passierte ja auch nichts außer diesen seltsamen Gewittern. Ihr Körper hatte sich nicht verändert, ihr wuchsen keine Hörner oder Stacheln, wie man es sonst manchmal auf erschreckenden Bilder von Mutanten sah, sie hatte auch nicht plötzlich grüne Haut oder schoss Gift aus dem Mund und Feuer aus ihren Händen. Alles war normal.
Sie hatte einfach viel zuviel Zeit, über solchen Unsinn zu grübeln, seit es Fabian nicht mehr gab und sie sich auch kaum mehr mit ihrer alten Clique traf, weil sie dabei ständig fürchten musste, ihrem Ex-Freund über den Weg z laufen. Sie musste sich einfach eine neue Beschäftigung suchen, noch mehr Sport treiben, morgens eine halbe Stunde länger laufen gehen und wieder mit dem Schwimmtraining anfangen… Und wann war sie eigentlich das letzte Mal im Reitstall gewesen? Sie hatte sich durch diesen Freundeskreis sowieso viel zuviel von ihren alten Hobbys abgewandt. Ihre Kondition war im Moment unter aller Sau, das war beschämend, wenn man trainierte, seit man ein kleines Kind war, weil man immer schon einen irrsinnigen Bewegungsdrang gehabt hatte. Irgendwie waren in letzter Zeit nur noch schwarze, ausgeflippte Klamotten und viel zu deprimierende Musik wichtig gewesen. Schluss damit. Sie würde sie diesen Kerl und alles, was damit zusammenhing, schon aus ihrem Kopf vertreiben.
Ihre Mutter erwischte sie an diesem Abend bei der Umsetzung ihres Entschlusses, als sie gerade haufenweise Fotos von Fabian in eine Schachtel warf und schon einmal überlegte, ob sie diese lieber feierlich verbrennen oder sich damit Dartscheiben basteln sollte.

Ein paar Minuten beobachtete Maria Ninaus ihre Tochter schweigend, mit einem verwunderten Kopfschütteln, fragte aber nicht. Obwohl sie natürlich wusste, dass zwischen Fabian und Katja Schluss war, hatte sie bis jetzt nie gefragt, nie gedrängt- eigentlich sehr untypisch bei ihrem ausgeprägten Gluckeninstinkt. Sie hatte wohl gespürt, dass diese gescheiterte Beziehung ihrer Tochter näher ging als alle bisherigen. Und besonders gut war ihr Verhältnis seit Fabian sowieso nicht gewesen. Katja hatte sich zu oft eingeengt, bedrängt von ihr gefühlt, in diesem viel zu kleinen Haus, das sie seit dem Tod ihres Vaters zu dritt bewohnten, aber für eine eigene Bleibe hatte sie noch kein Geld. Immer wieder Reibereien, da waren einige böse Worte gefallen, die Katja jetzt im Nachhinein leid taten, nur weil sie nicht hatte hören wollen, was ihre Mutter schon längst gewusst hatte: dass Fabian nichts für sie war. Aber ihre Mutter hätte ihr das nie vorgehalten oder triumphiert, dass sie Recht gehabt hatte, und das war etwas, das sie wirklich sehr an ihr schätzte, so sehr sie ihr manchmal auf die Nerven ging. „Für Frühjahrsputz ist es noch ein wenig früh“, meinte sie schließlich, als Katja keine Anstalten machte, von sich aus das Wort zu erheben, mit einem verständnislosen Blick auf die vielen weiten Röcke und durchsichtigen schwarzen Blusen, die verstreut auf dem Boden herumlagen, so ziemlich das einzige, mit dem Katja in den letzten Monaten außer Haus gegangen war.

„Ist es dir lieber, wenn ich weiter so rumlaufe?“, grinste Katja schief.

„Was du anhast, ist deine Sache.“ Ihre Mutter versuchte vergeblich, gleichgültig zu klingen. Natürlich war es ihr nicht egal, nicht in einem Dorf, wo sich jeder kannte und wo schon lange über Katjas zweifelhafte Außenseiterclique gelästert wurde. „Wenn deine Chefs nichts dagegen haben…“ Dieser Unterton klang allerdings schon etwas schärfer.

„Ich weiß, dass ich den Job brauche, okay?“ Katja ließ sich seufzend auf ihr Bett fallen. „Deswegen war ich heute doch schon wieder da. Begeistert waren sie nicht, dass ich krank war. Vielleicht stimmt es sie ja milde, wenn ich mich ein bisschen angepasster anziehe.“ Sie zog eine kleine Grimasse. Eigentlich hasste sie formelle Bürokleidung, am liebsten hatte sie ihre weiten Schlabberklamotten an. „Zeit, etwas seriöser zu werden, hm?“

„Kann nicht schlecht sein.“ Ihre Mutter setzte sich neben sie und streichelte ihr kurz über die Hand, bevor sie abwesend Katjas Kater auf den Schoß nahm und ihn nebenbei kraulte. „Reden?“

„Nicht jetzt“, meinte Katja nach kurzem Zögern. Sie wollte ihre Mutter nicht verletzen, aber im Moment war ihr nicht danach, die Sache mit Fabian durchzukauen. Dazu gab es nichts mehr zu sagen, der Typ war Geschichte. Sie wollte ihm nicht nachtrauern, deswegen auch diese Veränderung jetzt. Sie musste wieder zu sich selbst finden.

„Na, dann komm. Sabrina ist da.“ Nach einer kurzen, tröstenden Umarmung zog ihre Mutter sie energisch hoch, mit nach draußen ins Wohnzimmer, wo Katjas älteste Schwester mit ihren beiden Kindern bereits auf sie wartete, um sie über den neuesten Klatsch und Tratsch im Dorf auf dem Laufenden zu halten.

Vermutlich hatte ihre Mutter bereits wegen Fabian vorgewarnt, denn Sabrina fragte mit keinem Wort nach dem sowieso immer eher bescheidenen Liebesleben ihrer Schwester sondern lud Katja im Gegenteil ein, in den nächsten Wochen einmal in eine Disco außerhalb, in der nächsten Stadt zu fahren, wo sie keinen aus ihrer Clique sehen musste.

Und spätestens als ihr dann ihre kleinen Nichten fröhlich um den Hals fielen und von ihrem Tag erzählten, von der Schule und ihren Freunden, von dem Pony, das sie gemeinsam betreuten und auf dem sie reiten lernten…

Da konnte Katja dann ehrlich wieder lächeln.
Ihr ging es soweit eigentlich ganz gut, sah man von ihrem Liebeskummer ab. Es musste einfach alles Einbildung sein, was mit dieser Mutantensache zusammenhing. Sie reagierte ihre Wut und ihre Traurigkeit genauso wie ihre Angst bei ihrem vermehrten Fitnesstraining ab, nahm ein paar zusätzliche Reitstunden, um an ihren Springkünsten zu feilen und traf sich nach der Arbeit ohne Fabian mit alten Freunden, um auf ein paar Drinks zu gehen, sodass sie im Büro am nächsten Morgen hundemüde war und gar nicht erst ins Grübeln verfiel. So brachte sie die Woche gut herum, und der Alltag begann sich wieder einzustellen.





Bald verlief alles wieder normal, so normal, dass Katja dachte, der Spuk wäre sicher vorbei. Erst viel später würde sie wissen, dass sie nach den ersten seltsamen Vorfällen nur deshalb nichts Ungewöhnliches mehr bemerkt hatte, weil ihr auch eine Weiterbildungs-Prüfung in ihrem Beruf bevorstand und sie deshalb mit Lernen beschäftigt war, wenn sie sich nicht gerade krampfhaft anderweitig beschäftigt hielt. Sie fiel abends todmüde ins Bett und schlief auf der Stelle ein, wachte am nächsten Tag aber trotzdem völlig gerädert auf. Ihre Gedanken waren wie betäubt.

Aber dann kam das Wochenende. Freitagnachmittags musste Katja in einer Kleinstadt in der Nähe ihres Dorfs ihre Prüfung ablegen. Sie bestand mit ausgezeichnetem Erfolg, was sie selbst genauso überraschte wie freute, und konnte sich mit ihrem neuen Wissen jetzt in aller Ruhe nach einem sicheren und besser bezahlten Job in einer neuen Rechtsanwaltkanzlei umsehen. Jetzt würde es steil aufwärts gehen, davon war sie überzeugt.
Müde von einer langen Feier mit den anderen Prüflingen spazierte sie schließlich am späten Abend von der Bar zur Bushaltestelle. Sie freute sich auf ihr Bett. Wieder einmal hatte ihre Linie allerdings Verspätung. Geschlagene 20 Minuten lang stand sie in der Abendkälte. Sie wurde immer gereizter. Die letzten Wochen der ständigen Angst, dass etwas mit ihrer Beziehung nicht stimmte, schließlich die Wut, als sie herausgefunden hatte, wie Recht sie damit gehabt hatte, dann dieser eine surreale Abend… Das alles hatte sie ausgelaugt, auch emotional. Die Leute aus Fabians Clique fehlten ihr, die sie im Moment schon aus Selbstschutz mied. Ihr fehlte jemand, der sie in den Arm nahm, wenn sie frustriert und gelangweilt vom Büro nach Hause kam, jemand, an den sie sich nachts kuscheln konnte, wenn ihr Kopf wieder einmal nicht abschalten wollte… Ja, auch Fabian fehlte ihr. Und auch das ärgerte sie, weil der Kerl diese Sehnsucht nicht wert war. Und trotzdem bekam sie sekundenlang nicht das Bild aus dem Kopf, wie er sonst an solchen Abend neben ihr gesessen war und sie mit ein paar für die Öffentlichkeit schon fast zu leidenschaftlichen Küssen von der viel zu langen Fahrt abgelenkt hatte. Sie realisierte gar nicht richtig, dass es in der Ferne am Himmel schon wieder leise grollte. Als der Bus endlich ankam, war sie gelinde gesagt auf 180.

Bevor sich noch die Tür richtig hinter ihr geschlossen hatte, kam auf der anderen Straßenseite ein anderer Bus an. Die beiden Fahrer kurbelten die Seitenfenster herunter, begrüßten sich fröhlich und begannen einen kleinen Plausch, als wäre ihre Schicht für heute schon vorbei.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte... Katja öffnete den Mund, um etwas nach vorne zu rufen, irgendetwas Ironisches, Beleidigendes... Sie kam nicht mehr dazu.

Im nächsten Augenblick stand der ganze Bus unter Strom. Gleißend helle Blitze, Funken sprühten, Leute schrieen... Ein schrecklicher Geruch zog durch das Fahrzeug- verbrannte Haut.

Nun wusste sie, was Jubilee gemeint hatte. Mit fassungslosen Augen starrte Katja auf das schreckliche Szenario, die das sich ihr bot, nur wenige Meter weiter- und trotzdem war sie kein Teil davon. Es war sie selbst gewesen, die diesen schlimmen Vorfall ausgelöst hatte. Ihre fremdartigen, unnatürlichen Kräfte, an die sie nicht hatte glauben wollen. Jetzt konnte sie sich nicht mehr davor verstecken. Es war wahr… Sie war eine Mutantin… Und sie hatte mit ihrer kindischen Furcht vor dieser Tatsache eine Katastrophe ausgelöst. Eine Welle aus Panik ließ ihren Körper erzittern. Regentropfen klatschten gegen die Scheibe, in der sich ihre leichenblasse Erscheinung spiegelte. Eine Mutantin… Sie hatte diese Leute verletzt, ihre Fähigkeiten... Sie war eine Verbrecherin…

Eine schwer verletzte Frau taumelte ihr stöhnend und weinend über den Gang entgegen, eine Frau, die sie aus ihrem Dorf flüchtig kannte. Es war ein einst sehr hübsches junges Mädchen, dessen Gesicht und Arme jetzt von riesigen Brandblasen entstellt waren. Die Frau streckte hilfesuchend die Hände nach ihr aus, stöhnte immer lauter, als nach dem ersten Schock erst so richtig die Schmerzen einsetzten. Sie brach zusammen, bevor sie Katja in ihrer erstarrten Regungslosigkeit erreichen konnte.

Katja begann ebenfalls zu schreien.





„Sie haben Riesenglück gehabt, Fräulein.“ Ein noch sehr junger Polizist legte Katja tröstend eine Hand auf die Schulter, nachdem er sichergestellt hatte, dass ihr nichts fehlte.

Sie ignorierte ihn, sie hatte seit dem Vorfall kein Wort mehr gesprochen. Völlig apathisch, abwesend stand sie neben dem von der Hitze und dem Strom völlig zerstörten Fahrzeug und beachtete den Mann überhaupt nicht. Was sollte sie auch sagen? Dass sie es gewesen war, die an diesem Desaster schuld war? Und was würde dann mit ihr passieren?

„Irgendetwas an dem Sessel muss den Blitz abgeleitet haben. Ich fahre Sie nach Hause, kommen Sie.“

Katja ließ sich willenlos mitführen, auf den Rücksitz des Wagens fallen und starrte stumpf zur Windschutzscheibe hinaus, zum Krankenwagen hinüber.

Die Liege mit dem letzten Verletzten wurde gerade hinein gehoben. Alle Insassen hatten schwerste Verbrennungen erlitten, würden für immer entstellt bleiben. Dreizehn Opfer, dreizehn zerstörte Leben. Es grenzte an ein Wunder, dass niemand getötet worden war.
Und jeder würde wissen, dass es Katjas Schuld gewesen war. Spätestens, wenn morgen der Zeitungsbericht erscheinen würde, in dem stehen würde, dass sie als einziger Fahrgast unverletzt geblieben war. Ihre Freunde würden Bescheid wissen, sie würden sich an den Abend mit Fabian erinnern- und reden… Bald dann auch das ganze Dorf…

Und dann? Katja wusste nicht einmal, wie die rechtliche Lage in so einem Fall war- gab es überhaupt eine? Hier in Deutschland, wo es bisher kaum Mutantenfälle gegeben hatte? Jetzt würden die Leute auf jeden Fall anfangen, Fragen zu stellen, nach Gesetzen zu verlangen. Sie würden nach Strafe verlangen- und zurecht. Verzweifelt schlug Katja die Hände vors Gesicht und weinte still in ihre Handflächen hinein. Was hatte sie da nur getan?
Es war Zeit höchste Zeit, von hier abzuhauen, bevor noch mehr passierte. Wie hatte sie sich nur so lange etwas vormachen können? Irgendetwas war an diesem Abend auf dem Parkplatz mit ihr passiert, und es würde nicht einfach weggehen. Jedes einzelne seltsame Wetterphänomen in den letzten Tagen war ihr plötzlich klar. Sie war das alles gewesen. Sie musste fliehen, auf der Stelle. Vor sich selbst und auch vor der Verfolgung durch die Behörden, auch wenn sie sich danach nicht mehr im Spiegel würde ansehen können. Sie war keine Heldin, keine reumütige, geständige Täterin, die sich freiwillig dem aussetzen konnte, was unzweifelhaft folgen würde, wenn sie hier bleiben würde. Dann war sie eben feige. Sie konnte es nicht. Sie war noch nie im Konflikt mit dem Gesetz gewesen. Wenn man sie nun einsperren würde… Das würde sie nicht ertragen… Ihre Strafe würde schwer genug auf ihr lasten, ihr ganzes Leben lang. Zu wissen, dass sie für das schlimme Schicksal dieser dreizehn Leute verantwortlich war… Sie musste weg, musste irgendwohin gehen, wo sie niemandem mehr schaden konnte.

Die Nacht verging ziemlich schnell. Zuerst das teure Flugticket in die Staaten bestellen, das so ziemlich alle finanziellen Reserven auffraß, die Katja sich jemals zurechtgelegt hatte… Ein paar ihrer Sachen packen… Sie warf wahllos Dinge in den Koffer, ein paar Hosen, Pullover, Shirts, sie sah nicht einmal richtig hin. Wie sollte sie auch planen, wenn se nicht einmal genau wusste, was sie jetzt vorhatte? Die Reiseroute im Internet planen, eins von diesen kurzfristigen Notfall-Visa für eine Woche beantragen, die vor einigen Jahren eingeführt worden waren, auch wenn sie noch keinen blassen Schimmer hatte, wie sie dann innerhalb von drei Tagen bei der zuständigen Ausländerbehörde vorstellig werden sollte... Und dann stand die lange, einsame Fahrt zum Flughafen in München bevor.

Niemand zuhause bemerkte etwas von ihrer Abreise. Ihre Mutter hatte Spätschicht im Altenheim, und ihre große Schwester schlief bereits.

Katja hinterließ ihnen einen kleinen Zettel, auf welchem stand, dass sie sich bei ihnen melden würde, bevor sie die Haustür hinter sich zuzog. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als ihr klar wurde, dass sie nicht wusste, ob und wann sie je zurückkommen konnte. Für einen Moment wollte sie der Mut verlassen, wollte sie schon die Wohnungstür wieder aufsperren und alles rückgängig machen… Aber was hätte das gebracht? Die Probleme würden nicht einfach weggehen. In wenigen Stunden würde das halbe Bundesland wissen, dass eine Verbrecherin in dieser Gegend wohnte, eine Abartige, eine Mutantin… Katja flüchtete regelrecht die Treppen des Wohnhauses hinunter.
Wenige Stunden später war sie am Flughafen und checkte ein. Es war das erste Mal, dass sie eine solch lange Strecke flog, aber nichts hätte sie weniger berühren können. Sie nahm Schlaftabletten, zum ersten Mal in ihrem Leben, und ließ sich absichtlich keinen Fensterplatz zuweisen. Kaum war die Maschine in der Luft, schloss sie die Augen. Sekunden später döste sie weg und wachte auch nicht mehr auf, bis die Landedurchsage für New York kam.
Sie träumte nicht.





Die körperliche Schwäche begann eigentlich erst am Ende der langen nervenaufreibenden Fahrt in einem klapprigen, billigen Leihwagen, eine Fahrt, bei der Katja sich dreimal verirrte. Als sie in den riesigen Hof des Anwesens einfuhr, dessen Adresse ihr Jubilee am Telefon gegeben hatte, fühlte sie fühlte sich plötzlich, als würde sie gleich ohnmächtig werden. In ihrem Kopf drehte sich alles, jede Bewegung kostete Kraft, sogar simple Sachen wie auf das Bremspedal zu treten. Ihr war speiübel, und ihre Hände zitterten noch mehr als damals bei dem Streit mit Fabian. Es machte ihr Angst. Sie hatte immer intensiven Sport betrieben, seit sie laufen konnte, und achtete auf ihre Ernährung. Sie war eigentlich in sehr guter Verfassung. Noch nie hatte ihr Körper sie so dermaßen im Stich gelassen. Vielleicht war das schon die erste Strafe für das, was sie getan hatte… Sie wusste, dass es ein paranoider Gedanke war, aber sie wurde ihn nicht mehr los. Es war nur gerecht, dass es ihr jetzt so beschissen ging. Diese Leute aus dem Bus, denen ging es jetzt noch viel schlechter…
Sie ordnete sich windschief auf irgendeinem Parkplatz ein und schleppte sich zum Haus hin. Schleier tanzten ihr vor den Augen. Wenn sie länger nach dem richtigen Eingang hätte suchen müssen, hätte sie es nicht geschafft.

Eine halbe Ewigkeit schien zu vergehen, bis jemand auf ihr Klingeln reagierte.
Endlich ging die riesige, dunkle Holztür auf, und vor ihr stand ein zierliches, fast feenhaft dünnes Wesen mit weißen Haaren und dunkler Haut. Ihre Augen leuchteten für einen kurzen Augenblick schneeweiß auf, als sie die Besucherin sah. Eine leichte Windbrise fuhr durch Katjas hüftlange, schwarze Haare. Die Frau runzelte verwirrt die Stirn, offensichtlich genauso verblüfft von ihrer Reaktion auf die Fremde wie Katja es war. Sie schloss für einen Moment die Augen, und das Weiß verschwand. „Ja, bitte?“

„Ich suche... Jubilee.“ Das waren die letzten Worte, die Katja herausbrachte, bevor sie bewusstlos wurde.
«
»
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.3-6311