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von Aelphaba    erstellt: 22.11.2008    letztes Update: 13.03.2012    Geschichte, Allgemein / P18 Slash    (fertiggestellt)
Glinda and Nessa



Man musste ihr nicht sagen, dass etwas Schreckliches geschehen war, als der Wirbelsturm hereinbrach. Aber als sie von Nessas Tod erfuhr, konnte sie es nicht glauben.

Sie ließ sich sofort einen PHÖNIX rufen, einen WEIßEN PHÖNIX, denn nur diese Art war groß genug, um ihre Kutsche zu ziehen. Glücklicherweise fand sich ein Exemplar im nahen TIER-Park. Das TIER war unendlich dankbar für seine Befreiung, schaute Glinda himmelnd an und ließ sich bereitwillig für sie in Riemen und Ketten legen.

Ihr Auftritt in der fliegenden Kutsche würde sicher für Aufsehen sorgen. Aber wie die Leute auf die Idee kommen konnten, dass sie in einer Seifenblase herumflog, konnte sie sich beim besten Willen nicht erklären. Der einzige Zauber, den sie bis zur Perfektion beherrschte bestand schließlich darin, hundert Autogrammkarten auf einmal zu unterschreiben.

Der Flug vom Städtchen Drachenschrank am Ufer des Moossees bis Mittelmunch war nicht weit, aber immer noch lang genug um von Erinnerungen heimgesucht zu werden, für die sich Glinda schämte.

Je mehr sie darüber nachdachte, desto weniger wusste sie, wie es genau passiert war. Aber sie wusste warum: In einer Nacht, in der das Mischungsverhältnis von Champagner und Safransahne eindeutig zugunsten des Alkohols überwog, war ihr grimmiger Wunsch eine Thropp zu besitzen übermächtig geworden. Auch wenn es nicht die Thropp war, die sie wollte.

Sie sprach Nessarose nie mit dem Familiennamen an, dabei kamen nur schmerzhafte Erinnerungen an die Schwester hoch. Ebenso wenig wäre sie auf den Gedanken gekommen, den Titel Eminenz zu benutzen. Der gehörte nur Elphaba. Für Glinda würde sie immer nur Nessa sein.

Aber damals in dieser Nacht, in dieser vollkommenen Dunkelheit, konnte sie sich einreden, dass die Haut die sie berührte ein sattes, lebendiges Grün hatte.

Ihr Herz war vom Alkohol oder vielleicht von Ihren Wünschen zu betäubt, um zu widersprechen. Sie konnte sich vorstellen, dass der bittere, scharfe Geruch, den Sie einatmete, mehr Nuancen von Erde enthielt. Dass die Haare, in die sie sich krallte, schwarz und schimmernd wie Seide waren. Sie musste sich auf die Zunge beißen, um nicht Elphabas Namen zu rufen.

Erinnerungen an ein Zimmer in Shiz wurden wach, an schäbige Gasthäuser auf dem Weg zur Smaragdstadt. Zu keinem Zeitpunkt hatte sie damals die Grenze überschritten, auch wenn sie oft darüber nachgedacht hatte. Aber ihre Angst vor der übermächtigen, allwissenden Elphaba mit ihren durchdringenden Augen, vor denen sie sich immer so nackt gefühlt hatte und ihrer noch schärferen Zunge hatte sie wie gelähmt.

Zwischen ihnen herrschte ein stilles Übereinkommen, nie über diese Nacht zu sprechen.

Und als sie Kolkengrund später verließ, war Nessarose nicht erschienen. Ämmchen hatte beim Abschied etwas gemurmelt das klang wie: „Lurlina sei Dank! Endlich hat sie bekommen, was sie gebraucht hat, es wurde aber auch Zeit!“

Glinda war rot angelaufen und schnell gegangen. Nessarose hatte sich stundenlang in ihre Kapelle zurückgezogen, um zu beten und ihre Sünden dem Namenlosen Gott zu bekennen.

Glinda empfand diese religiöse Inbrunst immer als abstoßend. Sie betrachtete sich in dieser Hinsicht eher als Freigeist. Natürlich besuchte sie die unionistischen Gottesdienste, wie es sich für eine Frau ihres Standes gehörte. Aber die monotonen Stimmen der Prediger und die immer gleichen Lieder ließen ihre Gedanken schnell abschweifen, so dass sie am Ende eines Gottesdienstes nie hätte sagen können, worum es eigentlich ging. Unverständlicher war ihr nur Elphabas Atheismus.

Viel mehr Freude bereiten ihr hingegen die lurlinistischen Feste, in denen das Leben sich selbst feierte, und die sie an eine unbeschwerte Kindheit erinnerten. Und sie bediente sich ein wenig beim Tiktokismus, nur um der Effekte willen. Aber da war sie ja nicht die Einzige.

Inzwischen war es dunkel geworden. Sie konnte die Landschaft nicht mehr erkennen, über die sie hinwegflog. Nur ihr perfektes Spiegelbild schwebte auf der gegenüberliegenden Seite der Scheibe. Sie gab dem PHÖNIX ein Zeichen und er schrie auf und entflammte in einem hellen, eisblauen Licht. Unter ihr wurde ein Chaos aus zerbrochenem Holz und zerrissenem Stoff sichtbar und eine aufgebrachte Menschenmenge starrte sie mit weit aufgerissenen Mündern an.

Der PHÖNIX flog einen weiten Bogen, nur für den Effekt, bevor er sanft vor dem Trümmerhaufen landete. Als Glinda den ersten Fuß aus der Kutsche setzte, brandete ihr tosender Jubel entgegen. Die Menge beugte sich ehrfurchtsvoll vor ihr nieder und ein blechener Holzfäller, zweifellos ein Tiktak-Ding, ließ seine Axt sinken, mit der er gerade die roten Schuhe von Nessas Beinen hacken wollte - mitsamt ihren Füßen.

„Großer Oz!“, rief sie aus. Das hatte sie sich einfach nicht vorstellen können. Ein Haus war auf Nessarose gestürzt und hatte sie unter sich begraben. Nur ihre Beine in den geringelten Strümpfen und den berühmten Schuhen schauten heraus. Glinda war froh, dass das Haus den schlimmsten Teil des Unglücks verdeckte.

Ein verheultes Mädchen mit blonden Zöpfen warf sich ohne Vorwarnung in ihre Arme und schien nicht mehr loslassen zu wollen. Ein kleiner nerviger Hund kläffte um sie herum.

„Jetzt beruhige dich erst mal. Wie ist das denn passiert?“ fragte Glinda.

„Ich habe das nicht gewollt! Bitte Mam’, bestraft mich nicht, ich wollte ganz gewiss niemand umbringen! Der Tornado hat einfach das Haus mitgerissen, ich habe mich nur mit meinem kleinen Toto darin versteckt. Meine Tante und mein Onkel werden mich bestimmt zurück ins Waisenhaus schicken, wenn sie davon erfahren!“ Das Mädchen war völlig aufgelöst.

Eine Schönheit war sie wirklich nicht, mit groben, bäuerlichen Gesichtszügen und stämmigen Gliedmaßen. Aber da war noch mehr, das nicht stimmte, Glinda konnte es nur noch nicht richtig benennen.

„Wie heißt du? Du bist doch kein Munchkin, oder?“

„Nein“, schniefte das Mädchen. „Ich bin Dorothy, Mam’, aus Kansas.“

„Kansas“, wiederholte Glinda. Von einem solchen Ort hatte sie noch nie etwas gehört. Handelte es sich hier vielleicht um einen Anschlag aus dem Ausland? Dann war das ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt.

„Kansas in den Vereinigten Staaten von Amerika!“ beharrte das Mädchen.

Eine uralte Frau trat aus der Menschenmenge hervor und zog Dorothy mit ihrer krallenartigen Hand von Glinda weg. Glinda blickte die Alte dankbar an. Dann sah sie an sich herunter. Na toll, Rotzflecken, und der Köter hatte gerade begonnen, an ihrem lachsfarbenen Kleid herumzuzerren. Sie stieß ihn mit ihrem Zepter weg, dass er jaulte.

„Die Hexe des Ostens ist tot!“, schrie der Blechmann neben Nessas Beinen. „Kommt, lasst uns die verdammten Schuhe verbrennen! Sie wird nie wieder über uns herrschen!“

Die Menge löste sich aus ihrer Erstarrung. Es wurden Flüche über die verhasste Hexe gekeift. Jemand riss Nessa die Schuhe herunter. Sie wanderten durch viele Hände weiter bis sie vor Glinda lagen. Es war ein Angebot. Das Land war jetzt führungslos und der Willkür des Zauberers ausgeliefert.

Dorothy weinte sich an der lumpigen Schürze der Alten aus und beteuerte noch lauter ihre Unschuld. „Warum versteht ihr denn nicht? Ich habe nichts getan! Ich will doch bloß zurück zu meiner Tante und meinem Onkel.“

Glindas glockenhelle Stimme schwebte über allen. „Liebe Munchkinländer! Euer Vertrauen in mich ehrt mich sehr und ich würde nichts lieber tun, als euch eine gute und gerechte Herrscherin sein...“ Wieder brandete Jubel auf, noch lauter als vorher. Glinda hob ihr Zepter und die Menge verstummte.

„Aber...“ Ein Raunen ging durch die Munchkins. Glinda schenkte ihnen ein mitfühlendes Lächeln, das alle Herzen schmolz und jedermann unwillkürlich aufseufzen ließ. „Aber diese Schuhe sind einfach zu groß für mich. Ich kann sie nicht tragen und im Herrschen habe ich keinerlei Erfahrung.“

„Die Hexentöterin!“ rief der Blechmann aus und sprang neben Dorothy. „Sie hat uns von der Hexe befreit und unsere Qualen gerächt. Sie soll uns regieren!“ Dorothys angstvolle Augen wurden so groß wie Suppenteller.

„Oh nein, ich glaube nicht...“, zwinkerte Glinda Dorothy an. Dann wandte sie sich wieder an die versammelten Munchkins.

„Ich weiß, dass es bei euch viele kluge Männer gibt, die genug Mut haben, die Geschicke eures Landes in ihre Hand zu nehmen. Von nun an soll niemand mehr über euch herrschen, keiner von euch soll mehr rechtlos sein. Ihr werdet euch selbst regieren!“

„Gütige Glinda!“

„Glinda die Gerechte!“

„Glinda als Ozma!“, stimmte die Menge begeisterte Chöre an.

Die alte Frau war mit Dorothy an der Hand zu Glinda herangetreten und flüsterte ihr etwas ins Ohr. „Ich habe eine wunderbare Idee!“ gab Glinda bekannt.

Sie beugte sich zu Dorothy hinunter, der Hund hielt respektvollen Abstand. „Es gibt einen berühmten Mann in diesem Land der dir bestimmt dabei helfen kann, den Weg zurück nach Kansas zu finden. Es ist ihm eine Ehrensache, die Herzenswünsche aller zu erfüllen, die zu ihm kommen.“ Und zum Blechmann gewandt fügte Sie hinzu. „Er weiß Warnungen zu verstehen. Nimm die roten Schuhe und gib sie ihm. Erzähl ihm, dass Munchkinland sich seiner Tyrannin entledigt hat und von nun an sein Schicksal in die eigene Hand nimmt.“

Sie drückte ihm die Schuhe an die Brust und er hielt sie wie einen Schatz fest. „Und wenn du mir noch einen winzigen Gefallen tun könntest?“ hauchte Glinda in sein Ohr, so dass er bezweifeln musste, ob er unter alle dem Blech tatsächlich so gefühllos war, wie er immer behauptet hatte.

„Pass auf, dass die kleine Dorothy und ihr niedlicher Hund sich nicht auf der Gelben Ziegelsteinstraße verlaufen...“

Er schluckte heftig. „Natürlich“, raunte er heißer zurück.
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