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von Faber    erstellt: 20.10.2008    letztes Update: 05.05.2009    Geschichte, Parodie, Fantasy / P12    (fertiggestellt)
___Kapitel 1___


Ein Jahr später, Paris.
Das nächtliche Paris bot einen atemberaubenden Anblick: Die Seine, die ruhig in ihrem Flussbett lag, wie schwarze Seide, funkelnd im Schein der Nacht.

Sicheren Schrittes überquerte eine große, dunkle Gestalt die steinerne Brücke, die die beiden Ufer der Seine miteinander verband. Eilig lief sie durch die klare Nacht über den Pflastersteinboden und blieb vor einer Wand stehen. Ein schäbiges Stück Papier war es, das die Aufmerksamkeit der Gestalt auf sich lenkte. Voulu prangte groß darauf und zeigte unwillkürlich das Gesicht der Gestalt. Besagter sah sich um und riss sich das Tuch vom Hals, das einst das Gesicht zur Hälfte verbarg.
Erneut musterte er den Gesuchtensteckbrief eingehend. „Tot oder leblos“, übersetzte er murmelnd. „Das ist nicht gut. Was, wenn mich jemand durch diesen Steckbrief erkennt?!“ Panisch tastete er mit seinem Blick die Umgebung ab und stellte mit leiser Erleichterung fest, dass er der einzige war, der sich derzeit in diesem Winkel von Paris aufhielt.
Dennoch, um auf Nummer Sicher zu gehen, zog er einen schwarzen Stift aus einer seiner Manteltaschen hervor und verpasste dem Gesicht auf dem Plakat einen üblen Bartwuchs mit Schnurrbart. Noch ein paar Falten hier und dort und er steckte zufrieden den Stift zurück. „Hoffentlich hat das keiner bemerkt.“
„Hey Sie da!“
„Uaaahhhh!!!“ Ein Schrei, der ein wenig an eine Frau erinnerte, die eine Spinne entdeckt hat, zerriss die nächtliche Stille und die Gestalt ergriff mit erhobenen Händen die Flucht.

„Was is denn mit dem los? Wollte durch nur fragen, ob er Feuer hat. Dass Raucher bereits so abschreckend sind...“ Achselzuckend trat der Mann zu dem Plakat, wo zuvor der Fremde stand. Während er es betrachtete, öffnete sich die Tür zur Kneipe erneut und eine weitere Gestalt trat hinaus in die Nacht. Widerwillig blickte der Mann diese an, als sich sein Widerwille in Ungläubigkeit verwandelte. Schwarze Locken, überwucherter Bartwuchs mit Schnurrbart und ein einziges Faltenschlachtfeld im Gesicht. Das war der Gesuchte! Mit einem Brüllen überwältigte er den Ahnungslosen.

Er bog um eine weitere Ecke, lediglich seine Flucht im Kopf. Plötzlich schrie eine glockenhelle, feminine Stimme: „Hilfe! So helfet mir doch! Ein Wahnsinniger verfolgt mich!“
„So ein Zufall! Mich auch!“, rief er lächelnd. Froh, eine Gleichgesinnte gefunden zu haben.
„Sie Idiot! Sie sind der Wahnsinnige, der mich verfolgt!“
Abrupt hielt er inne. „Oh.“

Ein ohrenbetäubender Schrei und Stille legte sich über das Geschehen. Augenblicklich rannte er weiter, bis er wenige Meter von sich eine zierliche Gestalt ausmachen konnte, die auf dem Boden lag. Schnell begab er sich zu dieser, kniete nieder und murmelte nach einer Weile: „Ruhe in Frieden.“ Andächtig bekreuzigte er sich.
„Sie Trottel! Ich bin nicht tot! Ich bin lediglich auf dieser Bananenschale dort ausgerutscht, dadurch brach der Absatz meiner neuen Guccilederstiefel, die nun freilich im Eimer sind!“ Irritiert blickte er von der Frau zu der Bananenschale, auf die sie zornig wies und wieder zurück.
Achselzuckend meinte er: „Wenn’s nur das ist.“ Als er sah, wie sich die Empörung auf dem Gesicht der Frau in rasende Wut verwandelte, fügte er schnell hinzu: „Es hätte ja schlimmer kommen können!“ Ein Rauschen ließ ihn einige Schritte von der Frau zurückweichen. Eine riesige, vorbeifahrende Droschke war der Verursacher des Rauschens und hinterließ lediglich den grausamen Übeltäter... die Bananenschale.  

Verwundert blickte er der Droschke hinterher, die die Frau verschleppt hatte. Als er nach einer Weile weiterlief, hielt er nach Kurzem erneut inne. Eine Zigarre lag zu seinen Füßen, die er sogleich aufhob. „Ein übler Kiffer treibt hier sein Unwesen... und vielleicht isst er ja auch Bananen“, schlussfolgerte er.
Da sah er einen riesigen Schatten, viel zu groß für einen Menschen und folgte diesem in ein Gebäude.
Atemlos kam er schließlich im Dachboden an, wo sich der Schatten kichernd niederließ. Einige Mondlichtstrahlen brachen die Finsternis und ließen ihn das rötliche Fleisch des Ungetüms erkennen, das erneut eine Zigarre in Händen hielt.
„Ich sehe dich, ich sehe dich!“, kicherte Mr. Hyde und wies auf die Gestalt, die wir hier schon die ganze Zeit verfolgen, ohne dass sie es bemerkt oder je bemerken wird.

„Oh man und dabei habe ich mir solche Mühe beim Anschleichen gegeben!“, fluchte er.
„Der große Van Helsinki!“, spottete Mr. Hyde und blies Besagtem einen Rauchkringel ins Gesicht.
Van Helsinki hustete ausgiebig und würgte dann wütend hervor: „Noch nie was von Passivrauchen gehört? Sie bringen mich damit in große Gefahr! Mit diesem Rauchkringel haben Sie mir nämlich 0,9 Milligramm Nikotin und 12 Milligramm Teer eingeflößt! Und damit noch nicht genug! Um nur noch ein paar weitere beinhaltete, verpestende Stoffe aufzuzählen: Acetaldehyd, Akrolein, Aminobiphenyl, Ammoniak, Anilin, diverse Arsenverbindungen, Benzanthrazen, Benzol, Benzofluranthren, Benzphenanthren, Benzpyren, Blausäure, Blei, Cadmium, Cadmiumchlorid, weitere Cadmiumverbindungen, weitere weitere Cadmiumverbindungen, Chrom, verchromte Cadmiumverbindungen, verbundene Chromverbindungen, Chrysen, Crotonaldehyd, Cyanide und Dibenzacridin! Können Sie sich vorstellen, was all diese Gifte mit meiner gesunden Lunge... mit meinem gesunden Körper anstellen können?!“
Verstört starrte Mr. Hyde seine qualmende Zigarre, Van Helsinki und wieder seine Zigarre an. Achselzuckend schob er sie sich in den Mund und schluckte den Glimmstängel, was von einem fassungslosen Blick vonseiten Van Helsinkis quittiert wurde.  

„Nun denn. Ich nehme an, dass Sie nicht geschickt worden sind, um mich dem Zigarrenentzug näher zu bringen.“
„Ganz recht. Ich bin hier, um Sie aus diesem rauchenden Ungetüm zu befreien, Mr. Jekyll.“ Er lächelte hämisch. „Versuchen Sie es.“ Damit schwang er sich von Dachbalken zu Dachbalken, was einen sehr an einen Gorilla mit Sonnenbrand erinnerte. Schließlich erreichte er Van Helsinki und schnappte sich dessen Hut. Damit verschwand er auf dem Dach. Van Helsinki folgte ihm eilig.
Oben angekommen zerrte augenblicklich der eisige Wind an ihm, dennoch verlor er sein Ziel nicht aus den Augen. Wütend blickte er seinem Feind entgegen, der lachend mit seinem Hut hin und her wedelte.
Mit Gebrüll stürzte sich Van Helsinki auf Mr. Hyde, der immer noch lachend ein paar Schritte zurück wich, als er plötzlich auf einer Bananenschale ausrutschte und in die Tiefe stürzte. Ein metallischer Klang verriet, dass Mr. Hyde in der großen Mülltonne in der Gasse, am Fuße des Gebäudes, gelandet war.

Zischend fuhr der Wind mit seinen Fingern durch diese Gasse, die sich plötzlich mit sämtlichen Polizeibeamten füllte.
„Welch eisige Nacht“, murmelte der Polizeichef und nahm genüsslich einen Schluck aus der Flasche, die er in Händen hielt. Wie auch die anderen Beamten tastete er mit seinen Augen die Umgebung ab... und stellte fest, dass es keine Leiche gab.
„Monsieur, es gibt keine Leiche“, flüsterte auch einer der Beamten dem Chef ins Ohr.
„Ich weiß. Keine Leiche bedeutet keinen lebenden Toten, was wiederum bedeutet, dass es keinen toten Lebenden gibt, der zuvor unter den Lebenden tot war und nun zu Tode gelebt war. Und weil tot nicht lebend ist und lebend nicht tot, ist der Lebende tot. Also gibt es eine Leiche!“
Verwundert tauschten die Beamten Blicke untereinander aus, was wohl zum Ausdruck brachte, dass sie alle ihren Chef für unzurechnungsfähig, um nicht zu sagen für völlig durchgeknallt hielten.

Mit zusammengekniffenen Augen blickte dieser hinauf zu Van Helsinki.
„Sie Ma... Mama... Marder! Oh, äh… Mulder… Nein. Ach! Sie Tintenkiller!!!“
Eine peinliche Stille trat ein, die nicht einmal der Wind mit seinem wehleidigen Säuseln zu brechen wagte.
„Sie Killer!“ Während der Chef nun endlich die passenden Worte gefunden zu haben schien und diese über Van Helsinki herabregnen ließ, begann die Mülltonne hinter ihnen zu beben.
„Ich lebe!“, rief die schwache Stimme des alten Mr. Jekylls.
Der Polizeichef schien seine Schimpftirade endlich beendet zu haben, nahm den letzten Schluck aus seiner Flasche und warf diese achtlos über seine Schulter in die Mülltonne, wobei er erst deren Flügel und anschließend Mr. Jekylls Kopf traf, der nun etwas benommen das Geschehen betrachtete. Durch die Wucht des Wurfs bebte der Flügel und verschloss schließlich die Mülltonne, nicht ohne Mr. Jekyll durch den Schlag auf dessen Kopf ins Innere der Mülltonne zu zwingen.  
Van Helsinki warf einen letzten Blick in die Gasse, hob seinen Hut am Rande des Daches auf und setzte sich diesen auf. In dem Augenblick, als die dicken Wolkenschleier die silberne Mondsichel verhüllten, verschmolz auch Van Helsinki mit der Nacht.
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