Was aber wenn sie Fingerabdrücke zurückgelassen hatte?
Nein, sie trug Handschuhe. Aber Hautpartikel? Haare?
Quatsch, dazu war der Kerl nicht clever genug.
Sandra wollte gerade aus ihrem Wagen steigen, als ihr Handy auf dem Beifahrersitz anfing zu klingeln. Sie zuckte zusammen als hätte jemand durch die Windschutzscheibe geschossen und atmete erleichtert aus, als sie bemerkte, dass es nur ihr Mobiltelefon war.
Ohne auf das Display zu schauen nahm sie ab. „Hallo?“
„Sandra“, kam es etwas zögerlich vom anderen Ende der Leitung.
„Felix!“, gab sie bestimmt zurück. „Alles in Ordnung?“
Seit seinen Herzproblemen wurde ihr jedesmal unwohl, wenn er sich einfach so meldete.
„Ja, ja... bei Ihnen auch? Sie klingen so... genervt?“
„Oh, nein, ich war nur grade... ähm... brauchen Sie irgendwas?“
„Ich wollte Sie eigentlich nur fragen, ob Sie noch Zeit haben?“
„Wofür?“
„Um mit mir essen zu gehen!“
Sandra warf einen Blick auf die Digitaluhr in ihrem Wagen. Es war schon 21:00 Uhr. Wie kam er auf die Idee jetzt mit ihr essen zu gehen? So kurzfristig noch dazu? Da steckte definitiv was anderes dahinter.
Besorgt richtete Sandra ihren Blick wieder geradeaus. „Sind Sie sicher, dass Sie okay sind?“
„Natürlich. Bei Ihnen hab ich da allerdings etwas gezweifelt, Sie sind seit eineinhalb Stunden nicht drangegangen!“
„Oh“ Verlegen strich Sandra sich das Haar hinter die Ohren. „Ja, ich war... weg“
„Okay. Ich nehme an es ist jetzt zu spät zum Essen, oder?“
„Nein!“, warf Sandra sofort ein. „Nein, gar nicht. Also... wenn es für Sie in Ordnung ist, dann...“
„Ja!“
„Wo denn?“
„Ich dachte an das Grand Berlin“
„Ein Hotel?“, hakte Sandra skeptisch nach.
„Ja“, antwortete Felix. „Die haben da auch ein Restaurant“
„Okay. Wann denn?“
„In einer Stunde?“
Sandra blickte an sich runter. Die Restaurierung hätte mit Sicherheit mehr als eine Stunde benötigt, doch es war ohnehin schon so spät. „Gut“
„Gut, bis dann!“
Felix ließ sich im Restaurant an einem Tisch nieder. Das Licht war gedämpft, man blickte hinab auf die Stadt. Es lag etwas höher mit wunderbarem Ausblick auf West-Berlin. Und der Tisch, der auf „Edel“ reserviert worden war lag auch noch direkt an einem Fenster.
Felix warf einen Blick auf die Uhr. Genau 22:00 Uhr. Aber Sandra war noch nicht da.
Der Kellner kam an den Tisch. „Was darf ich Ihnen bringen, Monsieur?“
„Ich warte noch auf jemanden!“, meinte Felix höflich und blickte wieder zum Fenster hinaus. Normalerweise war sie nicht unpünktlich. War es vielleicht doch keine gute Idee gewesen in einem Hotel zu speisen? Vielleicht witterte sie seinen eigentlich Plan ja. Wenn man es überhaupt Plan nennen konnte, es war eher eine Hoffnung, die der Anwalt sich machte.
Er biss sich auf die Unterlippe und seufzte bei dem romantischen Anblick, der sich ihm bot. Dann vernahm er das leise Geräusch von Stöckelschuhen auf dem Parkett. Sein Blick richtete sich auf die Eingangstür.
Eine ziemlich gestresst aussehende Sandra in schwarzem Top und weißem Rock mit schwarzem Rankenmuster bremste sich an der Bar ab und wandte sich an einen Kellner. Dieser deutete zum Tisch des Anwalts.
Sandra wandte sich in die gedeutete Richtung und lächelte, als sie ihren Partner erblickte. Langsam kam sie auf den Tisch zu. Felix erhob sich und rückte noch einmal seine Krawatte zurecht, bevor er sich räusperte.
Seine Knie wurden verdächtig weich. In seiner Magengegend brannte es. Sein Herzschlag erhöhte sich. Verdammt, nicht gerade jetzt, nicht jetzt, bitte.
„Felix, tut mir leid!“ Sandra klang etwas außer Atem.
„Schon gut“ Er lächelte und hörte sich selbst so ruhig klingen, obwohl sein Inneres brannte.
„Gut... also... hallo!“ Sie lächelte, hob ihre rechte Hand etwas und war etwas unsicher was sie tun sollte.
Er wusste es ganz genau. Todesmutig ergriff er ihre Hand, zog sie etwas zu sich und küsste sie zärtlich auf die linke Wange. „Hallo“
Perplex starrte sie ihn an und senkte ihre Hand dann schnell, nachdem sie begriff, dass er schon längst wieder von ihr abgelassen hatte.
„Setzen Sie sich“, forderte er sie lächelnd auf.
„Ja“ Sie stellte sich vor den Stuhl, Felix rückte ihn heran und Sandra setzte sich. „So ganz Gentleman-like heute“
Er grinste neckend. „Immer. Sie bemerken es nur nie!“
Sandra zog eine Augenbraue hoch und schnappte sich dann die Weinkarte. „Hmmm...“
„Ich dachte an einen Riesling“
Sie hob ihren Blick über den Kartenrand.
„Rot, nicht zu trocken“ Auch er hob seinen Blick.
„Genau“ Sie lächelte und legte die Karte wieder nieder. „Ganz genau“
Ihre Blicke schienen miteinander zu verschmelzen und nicht zum ersten Mal fiel Felix auf wie wunderschön ihre Augen waren.
„Haben Sie schon gewählt, Madame?“, wandte der Kellner sich an Sandra.
„Oh, äh...“ Sandra entriss sich dem Blickkontakt. „Ich, äh...“
„Wir hätten gerne den Riesling“, nahm Felix ihr die Antwort ab.
„Sehr wohl“ Der Kellner entfernte sich leise wieder.
Felix lächelte seine Partnerin wieder an und fühlte dann ein leichtes Stechen in der Brust, dass ihn kurz zusammenzucken ließ. Sandra war dies natürlich aufgefallen.
Alarmiert richtete sie sich kerzengerade auf ihrem Stuhl auf. „Alles okay? Ist Ihnen schwindlig?“
„Nein, Sandra, alles in Ordnung!“, versuchte er sie zu beruhigen, doch so einfach war das nicht.
„Wollen Sie lieber nach Hause und sich ausruhen?“
„Um Himmels Willen, nein, Sandra! Es geht mir gut!“, beteuerte er.
„Okay“, murmelte sie, obwohl es nicht sehr überzeugt klang.
Felix lächelte. „Haben Sie den Ausblick schon bemerkt?“
Sandra blickte ihn fragend an und der Anwalt deutete mit dem Kopf zum Fenster. Sandra richtete ihren Blick nach rechts. „Oh!“
Er lächelte und beobachtete, wie überwältigt sie den Anblick genoss. Wieder ein Stich im Herz. Felix spürte, wie das Adrenalin durch seinen Körper pumpte. Er musste etwas tun, bevor er hier noch zusammenklappte nur weil er sich wieder mal nicht traute etwas mutiger zu sein.
Sein Mund wurde trocken und seine Hände dafür feucht, als er ansetzte ihr etwas zu sagen. Jedoch kam in diesem Moment der Kellner mit dem Wein. Felix verfluchte ihn dafür. Es kam ihm wie Stunden vor, bis der junge Mann den Wein in die Gläser gegossen und sich wieder vom Tisch entfernt hatte.
Mit leuchtenden Augen schnappte Sandra das Weinglas und hielt es zum Zuprosten bereit.
Auch Felix hob sein Glas, allerdings nicht halb so enthusiastisch wie Sandra.
„Auf uns“ Sie lächelte und ließ ihr Glas leicht mit dem seinen zusammenstoßen, bevor sie voll freudiger Erwartung an dem Riesling nippte und das Glas verzückt wieder absetzte. „Mmmmmh“
„Er schmeckt Ihnen, nehme ich an“, lächelte Felix, dem der Geschmack des halbtrockenen Weines auch ganz gut gefiel.
„Sehr! Und der Ausblick ist mindestens genauso gut!“ Erneut richtete Sandra den Blick aus dem Fenster.
Felix stellte das Weinglas zurück auf den Tisch und fasste erneut seinen ganzen Mut zusammen. Er war sich sicher, dass pures Adrenalin durch seine Adern rauschte, als er geräuschlos Luft holte. „Sandra“
„Ja?“, antwortete sie ruhig, während ihr Blick jedoch an dem Anblick von West-Berlin bei Nacht haften blieb.
Erneut holte er Luft, dann wagte er es leise. „Du bist wunderschön heute Abend“
Schnell richtete er seinen Blick auch zum Fenster hinaus.
Ihr Herzschlag verdoppelte sich und für einen Moment wagte sie nicht zu atmen. Hatte sie sich hier verhört? Oder hatte er sie wirklich grade geduzt?
Sie schluckte und wagte es nicht ihn auch nur einen Millimeter anzusehen. „Danke“
Ihre Stimme klang dünn.
„Möchtest du noch was essen?“
Sie hatte sich also nicht verhört. „Ja, Felix“
„Okay“ Sein Blick streifte sie für den Bruchteil einer Sekunde, doch er wandte ihn wieder ab und rief nach dem Kellner, der sofort die Speisekarten brachte.
Schnell vertieften die beiden sich in die appetitanregende Lektüre. Gelegentlich blickte einer der beiden über den Kartenrand und schmunzelte, doch ihre Blicke trafen sich nicht mehr.
„Mit diesen ganzen französischen Namen kann ich nichts anfangen!“, seufzte Sandra nach einigen Minuten.
„Ich auch nicht“, gestand Felix grinsend. „Sollen wir auf gut Glück bestellen?“
Endlich sah sie ihn an und erwiderte das Grinsen. „Ja!“
Die beiden waren gespannt, als der Kellner die Teller auf den Tisch stellte. Felix hatte irgendein Nudelgericht mit Soße bekommen, die verdächtig nach Pilzen roch und Sandra hatte einen gebratenen Zander erwischt.
„Na dann, guten Appetit“, grinste Felix und griff sich die Gabel.
„Guten Appetit!“, gab Sandra zurück, die sich auch das Besteck schnappte und ihr Überraschungsgericht probierte. „Mmmh, sehr lecker“
„Die Nudeln auch“, gab Felix zurück. „Probieren?“
„Gern“ Sandra lächelte und spülte den Fisch noch kurz mit einem Schluck Riesling hinunter.
Felix stocherte einige Nudeln auf die Gabel und hielt sie über den Tisch. Sandra schloss ihre Lippen um die Gabel und Felix zog sie wieder aus ihrem Mund. Erwartungsvoll beachtete er ihre Reaktion.
„Mh, die sind auch lecker! Wollen... Sie auch mal probieren?“
„Ja!“
Sandra lächelte und schnitt ein Stück von dem Fisch ab, doch noch bevor sie es aufgabeln konnte hatte Felix mit dem Arm über den Tisch gelangt und es auf seine Gabel befördert.
„Felix!“
„Seien Sie doch nicht so!“ Er grinste, doch es währte nicht lange, als er bemerkte, dass sie nicht auf sein Du angesprungen war.
Er steckte sich seine Gabeln in den Mund, kaute und schaute sie noch einmal an. Dann eben auf die direkte Tour. „Sandra...“
„Schmeckt er Ihnen?“ Sie lächelte atemberaubend.
„Ja, sehr lecker! Sandra...“
„Ja?“ Sie schob sich etwas vom Beilagensalat in den Mund.
„Was halten Sie von dem... von dem Duzen?“
Sie schluckte schwer hinunter und räusperte sich dann. Doch sie schwieg. Was sollte sie nun darauf sagen?
Er merkte schon, dass sie nicht wirklich darauf antworten wollte. Wieder ein Stich im Herz, aber ein anderer diesmal. Auf einen Schlag schmeckte ihm sein Essen nicht mehr.
„Können wir gerne machen“
„Bitte?“ Er blickte erstaunt auf.
„Wir können uns gerne duzen“ Etwas unsicher lächelte sie ihn an.
„Oh“ Ein Strahlen stahl sich auf sein Gesicht. „Gut! Ja! Also, dann...!“
„Ja“ Sie lachte und aß ruhig weiter.
Auch sein Appetit war wiedergekehrt und voll Freude gabelte er Nudeln auf und ließ sie sich schmeckten.
„Wie ist das jetzt eigentlich mit Ihrem... deinem Herz?“
„Na ja, das ist... nichts Tragisches“
„Okay... aber was?“ Sie wollte ihn nicht um die Antwort herumkommen lassen.
„Das hat etwas mit meiner Umwelt zu tun, mit meinem Alltag“
Sie zog eine Augenbraue hoch, er schien sichtlich mit den Worten zu kämpfen. Doch was brachte es nun zu bohren, wenn er es nicht sagen wollte, dann tat er es ja doch nicht.
