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The Game Begins
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| von Red September erstellt: 01.09.2008 letztes Update: 07.11.2009 Romanze / P18 | 196 Reviews |
***
Mut ist, wenn man Todesangst hat, aber sich trotzdem in den Sattel schwingt
(John Wayne)
Sekundenlang geschah gar nichts.
Der Joker stand über dem Abgrund gebeugt und hielt sie fest im Griff.
Der kalte Wind zerrte an seinen blonden, strohigen Haaren und wirbelte sie wellenartig aus seinem Gesicht.
Ihr fiel auf, wie jung er noch war. Kaum älter als dreißig. Wenn überhaupt, dann machte ihn nur die unordentliche, weiße Schminke älter, als er war.
Und sie musste eingestehen, dass er attraktiv war. Sogar ziemlich. Diese lebendigen dunkeln Augen zogen sie völlig in ihren Bann, aber derzeit verschwendete er keinen Blick an sie.
Ihr wurde langsam kalt. Eine Gänsehaut hatte sich über ihr Dekollete und ihre nackten Arme gelegt.
Es war eine makabere Situation.
Sie beide standen draußen im Dunkeln und hinter ihnen war dieser große, hell erleuchtete Saal, der aussah wie ein Wachsfigurenkabinett. Trotz der großen Anzahl von Gästen ertönte kein Laut, keiner bewegte sich.
Alle starrten ängstlich, wenn nicht geschockt auf die toten Clowns und den Joker und schienen zu überlegen, ob das alles nur ein Traum war.
Die Scherben spiegelten sich in dem Licht, der Wind bauschte die Vorhänge und die Kleider der Frauen die nahe bei den kaputten Fenstern standen auf und es interessierte niemanden.
Niemand eilte ihr zu Hilfe, niemand schrie nach Batman.
Sie war ganz auf sich alleine gestellt.
Einen Moment überlegte sie, den Joker einfach in die Tiefe zu stoßen, dann wäre Gotham für immer vor ihm sicher.
Er war gefährlich, das wusste sie. Er hatte schon viele Menschenleben auf dem Gewissen und wer weiß wie viele Banken ausgeraubt.
Natürlich würde er sie mit in die Tiefe reißen, aber ein Menschenleben für hunderte?
Sie hätte die Macht dazu gehabt, aber sie wollte nicht.
Es war nicht so, dass sie sich nicht traute, nein, sie wollte einfach nicht.
Sie wollte ihn nicht töten, sie wollte, dass er lebte.
So schräg es auch klingen mochte, sie wollte nicht dass er starb.
Als unerwartet Batman von oben auf sie zuschoss, zuckte sie fiepend zusammen und drückte sich instinktiv enger an den Joker, was dazu führte, dass der sich umdrehte und so gerade noch einem schmerzhaften Fußtritt ausweichen konnte.
Der dunkle Ritter zog seine Flügel ein und startete einen neuen Angriff.
„Dann wirst du mich lieben!“, dröhnte er auf den Satz von dem Joker zuvor und trat einen großen Schritt auf sie zu.
War es ihm egal, wenn sie in die Tiefe stürzen würde?
Der Joker ließ sie los und schoss auf Batman, doch der wich der Kugel aus und warf sich auf ihn.
Keuchend fielen beide zu Boden und rollten sich über die Terrasse, bis der Joker gegen das Gelände prallte und stöhnend versuchte sich zu befreien, indem er anfing mit den Beinen zu strampeln.
Er zog ein weiteres Messer aus einer Tasche und rammte es dem Batman in die Schulter, woraufhin der zusammenzuckte und der Joker sich befreien konnte.
Der ließ das Messer fallen, hob die komische Waffe und schoss blindlings in eines der Fenster gegenüber.
Eine Stahlschnur sprang aus der Mündung, spannte sich zwischen den beiden Gebäuden und verband diese miteinander.
Ohne zu wissen warum, packte er sie um die Taille und warf sich mit ihr im Arm in die Tiefe.
Sie kreischte panisch auf, als sie die kalte Zugluft spürte und die Autos und die bunten Lichter immer näher auf sich zufliegen sah.
Das war ihr Ende, diesen Sturz würde sie nicht überleben. Sie schloss die Augen und drehte ihr Gesicht an Jokers Brust.
Sekundenlang fielen sie einfach nur steil nach unten.
Der Joker lachte wie eine verrückte Hyäne, während sie verkrampft an ihm klebte und die Zähne aufeinander biss.
Abrupt wurde ihr Fall gebremst und sie landeten in dem Zimmer, das hinter dem Fenster lag. Der Joker hatte sie im Fall durch die Glasscheibe losgelassen und so überschlug sie sich und knallte gegen einen Schrank.
Benommen blieb sie liegen.
Bunte Sternchen kreisten vor ihren Augen und ihr Kopf dröhnte.
Es war dunkel.
Sie konnte den Joker noch vergnügt lachen hören. Ganz in der Nähe.
Was war daran denn bitte lustig?, fragte sie sich und rollte sich auf den Rücken. Alles drehte sich, auch das weiße Gesicht des Jokers, das sich in ihr Blickfeld schob.
Schon wurde sie hochgerissen und mitgezogen.
Hinaus aus dem Zimmer. Ins Treppenhaus.
Der Joker hob sie ganz hoch, da sie unfähig war zu laufen und fing an zu rennen, als er ein weiteres Fenster klirren hörte.
Batman verfolgte sie. Gott sei Dank.
Der Joker trat mit dem Fuß die Eingangstür auf und hetzte auf die Straße.
Er eilte ohne nach links und nach rechts zu schauen den breiten Gehweg entlang und verschwand dann in einer schmalen Gasse.
Von Batman war nichts mehr zu sehen oder zu hören.
Am Ende der Gasse stand einer der großen, gelben Busse, die in der ganzen Stadt unterwegs waren.
Die Türen klappten auf und sie wurde in einem der Sitze verfrachtet, während der Joker sich hinters Steuer setzte und wild lachend lospreschte.
Erst jetzt realisierte sie, dass sie soeben entführt worden war.
Und zwar von dem meist gesuchten Verbrecher Gothams.
Ihre Augen weiteten sich. Panik schnürte ihr die Kehle zu.
Sie drehte sich um und ließ ihren Blick durch die Gegend schweifen.
Nirgends eine Spur von Hilfe.
Kein Batman, der aus der Gasse gerannt kam, kein Batman der sich aus einem Fenster warf um ihr zu helfen.
Sie zuckte zusammen, als ein Auto hinter ihnen hupte und der ahnungslose Autofahrer wütend mit der Hand fuchtelte. Wenn der wüsste, was los war.
„Haha haha ha!“, lachte der Joker nur und drückte das Gaspedal voll durch.
Sie wurde in den Sitz gepresst und unsanft gegen die Scheibe geworfen, als er in eine Seitenstraße abbog.
Ihre Augen waren vor Schreck geweitet.
Was würde er mit ihr machen? Hatte er jemals eine Geisel genommen? Normalerweise war töten seine Divise…
Geschockt sank sie in den weichen Sitz zurück und starrte aus dem Fenster.
Die bunten Lichter der erleuchteten Häuser zogen an ihr vorbei, es hatte angefangen zu regnen und die Autoscheinwerfer spiegelten sich in der nassen Straße wider.
„Na Schätzchen, wie gefällt’s dir?“, gurrte der Joker und sah sie aus dem Rückspiegel her an.
Ihr Mund öffnete sich, doch sie brachte keinen Ton heraus und der Joker verzog enttäuscht das Gesicht.
„Was denn? Warum so nervös? Hast du Angst vor mir?“, schmollte er und zeigte die Zähne.
Sie schüttelte stumm den Kopf und ohrfeigte sich für ihre Feigheit.
„Och, du hast keine Angst vor dem Joker? Wirklich nicht? Willst du Angst haben?“
Irgendwie betonte er die Worte komisch.
Wieder schüttelte sie den Kopf und zwang sich wegzusehen.
Ihr war immer noch eiskalt.
Sie heftete ihren Blick wieder auf die vorbeifahrenden Autos auf der anderen Straßenseite, während der Joker weiter auf sie einredete.
„Wie ist denn dein Name Schätzchen? Oder soll ich dich weiterhin Schätzchen nennen? Schätzchen.“
Nun drehte sie doch wieder den Kopf.
„Jessy Craven“, stammelte sie schließlich und spielte mit einer Falte ihres Kleides.
„Jessy...Jessy…schöner Name, wirklich.“
Wenn er den Namen aussprach hörte er sich so anders an. Sanfter und Gefühlvoller.
Sie musste grinsen.
„Was gibt’s denn zu kichern? Willst du denn nicht dass Batman dich befreit?“
Wie immer spie er den Namen des dunklen Ritters angewidert aus und verzog das Gesicht wieder zu einem Grinsen.
„Gailer Job! Gailer Job.“, murmelte er vor sich hin, als die Autos anfingen zu hupen, anscheinend um ihn auf seine überhöhte Geschwindigkeit aufmerksam zu machen.
Er wich einem großen Transporter aus, der ihm zu langsam fuhr und die Buswand versprühte funken, als sie an der Abgrenzung in der Mitte der Straße entlang schliffen.
Wieder wurde sie in den Sitz geworfen.
Hektisch krallten sich ihre Finger in die Lehne vor ihr und sie wünschte sich Heim in ihr warmes Bett, weit weg von all dem hier.
Die halsbrecherische Fahrt endete vor einem heruntergekommenen, kahlen Gebäude.
Mit quietschenden Reifen bremste der Joker den großen Bus, sprang auf und zog sie am Arm mit nach draußen.
Sie waren in einem Stadtviertel angelangt, das sie nicht kannte. Hier war sie noch nie zuvor gewesen und sie wusste auch warum.
Dies war das Stadtviertel in dem Gewalt und Terror in der Tagesordnung standen.
Die wenigen Cops scherten sich auch nicht darum, Ladendiebstähle, Überfälle und dergleichen zu lösen, hatte sie von einem Freund erfahren.
Hier wohnten angeblich die Exhäftlinge, Dealer, Irre, Mörder, Junkies und sonstige finstere Gestalten.
Kein Wunder, dass auch der Joker hier zu Hause war. Sollte dies überhaupt seine Wohnung sein. Irgendwie passte dieses Klischee nicht zu ihm. Er war nicht so wie die anderen, nein, war er nicht.
Und wieso sollte er sie auch mit zu sich nach Hause nehmen? Sie war eine akute Gefahr für ihn und sein Leben.
Vermutlich hatte er mehrere Gebäude zur Verfügung.
Den Gesprächen der Polizisten in ihrer Dienststelle nach, hatte der Joker all die Jahre über ein beachtliches Vermögen angesammelt.
Niemand wusste, wo er es versteckt hatte und ob es überhaupt existierte.
Doch mit was würde er sonst seine Clowns bezahlen? Die starben natürlich meistens unter mysteriösen Umständen bei den zahlreichen Banküberfällen, doch er musste sie mit Geld angelockt haben.
Also besaß er auch welches.
Der Joker stieß die Holztür mit dem Fuß auf und dirigierte sie hinein.
Vorsichtig trat sie über die Stufe und tapste mit kleinen Schritten in das dunkle Treppenhaus.
Die Tür schloss sich hinter ihnen.
Stille umgab sie und ihr Entführer blieb einen Moment stehen und lauschte.
Sie konnte nur seine Umrisse ausmachen und sah benommen in den schwarzen Gang, der vor ihr zu liegen schien. Ein muffiger Geruch schlug ihr entgegen.
Warum lauschte er? Hatte er Angst vor unerwartetem Besuch?
Schließlich schien er befriedigt zu sein mit dem was er nicht hörte und zog sie weiter mit sich die ersten zwei Treppen hoch.
Er bedeutete ihr leise zu sein, indem er ihr eine Hand um den Mund legte, als sie vor einer weißen Tür halt machten.
Mit erhobener Pistole betrat er die Wohnung und schloss die Tür hinter sich.
„Scheint, als wären wir alleine Lucy.“, bemerkte er und ließ sie los.
Jessy blieb wie von Sinnen einfach stehen und rührte sich nicht.
Die ganze Situation wurde langsam unwirklich.
„Wollen Sie mich nicht fesseln oder so was?“, fragte sie vorsichtig und zuckte zurück, als er herumfuhr.
Er legte den Kopf schief und grinste.
„Sollte ich?“
Hastig zuckte sie mit den Schultern und schüttelte den Kopf.
„Warum fragst du dann?“
Eine Zeit lang beobachtete er sie, dann drehte er sich wortlos um und verschwand in einem Nebenzimmer.
Jessy rührte sich nicht von der Stelle.
Sie hätte jetzt einfach abhauen können. Die Tür war keine zwei Meter von ihr entfernt und sie war alleine. Sie hätte fliehen könne.
Warum sie es nicht tat, konnte sie sich im Nachhinein auch nicht erklären. Das einzige Vernünftige, das sie zur Antwort parat hatte war, dass sie sowieso nicht wüsste wohin, wenn sie das Haus verlassen hätte.
In diesem Teil kannte sie sich nicht aus, außerdem wohnten hier nur Kriminelle und die würden ihr nicht helfen, sondern sie womöglich ausrauben und wenn noch schlimmer, vergewaltigen.
Der Joker schien das zu wissen, denn er ließ sich beachtliche Zeit, bis er wieder auftauchte.
Er lief an ihr vorbei und ließ sich auf das zerfetzte Sofa in der Ecke fallen, legte die Beine übereinander und stütze das Kinn auf die Hände.
„Und? Was ist?“, fragte er und zog eine Augenbraue nach oben.
Jessy spielte wieder nervös mit einem Rockzipfel. Was meinte er?
„Hm…nicht sehr gesprächig Schätzchen.“, meinte er dann grinsend und erhob sich. Langsam ging er auf sie zu und legte den Arm um ihre Schultern.
„Am besten zeige ich dir erst einmal dein neues Zuhause…“, erklärte er, leckte sich über die Lippen und schob sie vor sich her in das nebenan liegende Zimmer.
Dieser Raum war genauso kahl und leer wie der andere, bis auf den Unterschied, dass hier ein Doppelbett stand und kein Sofa.
Ein Doppelbett…hatte der Joker eine Frau gehabt? Oder hatte er eine?
Im nächsten Zimmer befanden sich die Toilette, eine Dusche und ein Waschbecken inklusive Spiegel.
„Und nun kommen wir zum letzten Zimmer…der wichtigste Teil in einem Häuschen, die Küche.“
Die „Küche“ war anscheinend gleichzeitig das Büro.
Neben einem Kühlschrank, einem Herd und einem Tisch für zwei Personen, stand hier ein riesiger Schreibtisch mit allerlei Hightechgegenständen, einem großen Tresor und zwei Computern.
Sie staunte nicht schlecht, als plötzlich ein Gerät laut zu piepsen anfing und der Joker sie losließ, um zu eben diesem zu eilen.
Er hob es hoch und rannte zum Fenster. Hektisch öffnete er es und lehnte sich bis zum Bauch nach draußen.
„W-Was ist los?“, fragte sie mit dünner Stimme.
Der Joker schüttelte den Kopf, kam wieder zum Vorschein und legte das Gerät zurück.
Er legte ihr wieder den Arm um die Schulter und zog sie an sich. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und ließ sie zusammenzucken.
„Hast du immer noch Angst?“, fragte er, als er ihr Zittern bemerkte.
„Nein…es…mir ist nur kalt.“, entgegnete sie langsam und nahm war, wie kalt es wirklich in diesem Zimmer war. Es lag nicht an dem Joker, oder an ihrer Angst, dass sie zitterte, sondern wirklich an der Kälte. Sie sah zu dem offenen Fenster und verfolgte die sanften Bewegungen des dunklen Vorhangs, der sich im Wind bauschte.
„Soso…dem wollen wir doch mal Einhalt gebieten, oder?“
Er ließ sie los und tappte zu einem kleinen Schrank, ganz in der Ecke, der ihr noch gar nicht aufgefallen war.
Neugierig stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um zu sehen was in dem kleinen Holzschrank alles verborgen war.
Als der Joker die Schranktür öffnete, konnte sie sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Drei maßgeschneiderte Lilaanzüge hingen ordentlich an den Kleiderbügeln und zwei paar schwarze Schuhe lagen am Boden des Schrankes.
Mehr nicht.
Mit einer raschen Handbewegung, hatte er ein lila Jackett herausgefischt und hielt es ihr auffordernd hin.
„Bitteschön.“, grinste er und schloss die Schranktür.
Jessy nahm die Jacke und zog sie zögernd an.
Wieso tat er das alles? Wieso entführte er sie und sperrte sie nicht ein, sondern gab ihr auch noch seine Jacke? Was sollte das?
Sie wollte die Fragen laut aussprechen, aber sie fand nicht den Mut dazu. Vielleicht hätte sie ihn verärgert und das beabsichtigte sie nicht.
Eigentlich konnte sie doch froh sein, dass er ihr nicht wehtat, oder sie gar irgendwo ankettete.
Womöglich ließ er sie bald wieder frei und wollte sich nur seine Zeit mit ihr vertreiben…
So lächelte sie ihn dankbar an und er erwiderte das Lächeln.
Er nahm wieder ihre Hand, zog sie mit sich und verfrachtete sie auf einem der Stühle, die um den Tisch standen.
„Und nun verrate mir doch mal, was du auf dieser Feier zu suchen hattest?“
Jessy blickte auf und sah ihm in die Augen…wie tief sie doch waren.
„Ich wurde eingeladen“, antwortete sie und senkte den Blick wieder, aus Angst in diesen Augen zu ertrinken.
„Und weiter?“
„Hm?“
Was meinte er? Wie und weiter?
„Na, ich kenne dich nicht, hab dich noch nie gesehen. Du scheinst also kein hohes Tier zu sein, wie dieser restliche Haufen Volltrottel.“
„Achso, das, ja. Ich arbeite in der Polizeistelle von Jim Gordon. Aber nur als Sekretärin in der Nachtschicht…und deswegen wurde ich eingeladen.“
Er stütze den Kopf in die Hände und sah sie auffordernd an.
Er wollte also, dass sie mehr von sich erzählte. Konnte er haben.
„Ich bin fünfundzwanzig und habe eine kleine Mietswohnung hier ihn Gotham…ich hasse Galaveranstaltungen und diese ganzen feinen Leute. Ich esse für mein Leben gern gebratene Nudeln und trinke verschiedenste Cocktails. Ich liebe Rock und lese gern und viel. Und außerdem…außerdem, habe…habe ich wenige Freunde-“
Sie stockte. Warum hatte sie das jetzt gesagt? Sie hatte wenige Freunde…
Nie zuvor hatte sie das behauptet. Nie zuvor hatte sie sich eingestehen wollen, dass das stimmte. Nie zuvor hatte sie wahrhaben wollen, dass das der Fall war. Ja, sie hatte nicht viele Freunde. Ein paar mit denen sie sich manchmal traf, plauderte und auf Partys ging, aber nichts weiter. Mit niemandem konnte sie wirklich reden, niemandem konnte sie tief in ihrem Inneren trauen.
Ein Kloß setzte sich in ihrem Hals fest, nahm ihr die Luft und sie bemerkte ärgerlich, dass ihr Tränen in die Augen traten.
„Wieso das?“, unterbrach der Joker sie.
Sie hob die Schultern. Sie wusste es nicht. Es war einfach so.
Gerade noch rechtzeitig unterdrückte sie ein Aufschluchzen, doch es war ihm nicht entgangen und er senkte den Blick.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht…und ich will es auch nicht wissen!“, flüsterte sie und eine heiße Träne lief ihr über die Wange. Sie hatte keine Freunde, niemand würde sie vermissen und nicht einmal Batman hatte ihr geholfen.
Was war nur los mit ihr?
„Ist ja gut.“, murmelte der Joker und legte ihre Hand in seine. „Ist schon gut.“
„Nein ist es nicht! Ich mache mir nichts aus diesen ganzen piekfeinen, reichen Damen, diesen vornehmen Gentleman und erst recht nichts aus diesem ach so tollen Harvey Dent!“
Ihre Stimme überschlug sich. Wieder beschleunigte sich ihr Puls, diesmal vor Wut.
„Ich weiß nicht, warum ich da überhaupt hingegangen bin!!“
Stille.
Der Joker saß einfach da, hielt ihre Hand und schwieg, während sie sich langsam wieder beruhigte. Der Wutausbruch war vorbei.
Röte stieg ihr in die Wangen. Es war ihr peinlich so etwas gesagt zu haben. Ihre tiefsten Gefühlen diesem Freak unterzujubeln. Sie bereute ihre letzten Worte.
Harvey Dent traf keine Schuld. Niemand war Schuld, keiner außer ihr selbst.
Als sie lächelnd die Träne wegwischte, schüttelte der Joker den Kopf und öffnete den Mund.
„Ach ja? Interessant.“
Der Joker grinste breit und erhob sich.
„Findest du also nicht, dass man den lieben Harvey Dent verehren sollte? An ihn glauben?“
Sie zögerte und bemühte sich um eine ehrliche Antwort.
„Doch, eigentlich schon. Immerhin hat er über hundert Straftäter auf einmal geschnappt. Er will nur Gutes für Gotham.“
„Mit der Hilfe von Batman versteht sich.“
Der Joker grinste. Jaja… Batman. Er hatte ihm gewaltig einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber das Geld war in sicheren Händen, sein Geld.
Dieses Schlitzohr von Chinesen, dessen Name ihm entschwunden war. Er hatte ihn und den Drogenboss Sal Maroni gewaltig übers Ohr gehauen.
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen.
Leider war dieser Chinese jetzt im Gefängnis. Aber ihm würde schon was einfallen, an sein Geld zu kommen.
Das Mädchen ihm gegenüber zuckte zusammen und er merkte, dass er sie erschreckt hatte.
Schnell lächelte er wieder.
Was tat er eigentlich?
Wieso hatte er sie mitgenommen?
Er wusste es nicht, reiner Instinkt. Sie hatte ihm gefallen…
„Hast du Hunger.“, fragte er und leckte sich über die Lippen.
Sie schüttelte den Kopf und begann gleich darauf zu nicken.
„Gebratene Nudeln?“, fragte er weiter und sie lächelte scheu.
„Schön, ich besorg uns welche.“, meinte er und stand auf.
Er rückte sein Jackett zurecht und klopfte ihr auf die Schulter.
„Bin gleich wieder zurück, und fühl dich ganz wie zu Hause.“
Damit ließ der Joker sie ganz alleine zurück und die Angst erwachte wieder in ihr.
***
Mut ist, wenn man Todesangst hat, aber sich trotzdem in den Sattel schwingt
(John Wayne)
Sekundenlang geschah gar nichts.
Der Joker stand über dem Abgrund gebeugt und hielt sie fest im Griff.
Der kalte Wind zerrte an seinen blonden, strohigen Haaren und wirbelte sie wellenartig aus seinem Gesicht.
Ihr fiel auf, wie jung er noch war. Kaum älter als dreißig. Wenn überhaupt, dann machte ihn nur die unordentliche, weiße Schminke älter, als er war.
Und sie musste eingestehen, dass er attraktiv war. Sogar ziemlich. Diese lebendigen dunkeln Augen zogen sie völlig in ihren Bann, aber derzeit verschwendete er keinen Blick an sie.
Ihr wurde langsam kalt. Eine Gänsehaut hatte sich über ihr Dekollete und ihre nackten Arme gelegt.
Es war eine makabere Situation.
Sie beide standen draußen im Dunkeln und hinter ihnen war dieser große, hell erleuchtete Saal, der aussah wie ein Wachsfigurenkabinett. Trotz der großen Anzahl von Gästen ertönte kein Laut, keiner bewegte sich.
Alle starrten ängstlich, wenn nicht geschockt auf die toten Clowns und den Joker und schienen zu überlegen, ob das alles nur ein Traum war.
Die Scherben spiegelten sich in dem Licht, der Wind bauschte die Vorhänge und die Kleider der Frauen die nahe bei den kaputten Fenstern standen auf und es interessierte niemanden.
Niemand eilte ihr zu Hilfe, niemand schrie nach Batman.
Sie war ganz auf sich alleine gestellt.
Einen Moment überlegte sie, den Joker einfach in die Tiefe zu stoßen, dann wäre Gotham für immer vor ihm sicher.
Er war gefährlich, das wusste sie. Er hatte schon viele Menschenleben auf dem Gewissen und wer weiß wie viele Banken ausgeraubt.
Natürlich würde er sie mit in die Tiefe reißen, aber ein Menschenleben für hunderte?
Sie hätte die Macht dazu gehabt, aber sie wollte nicht.
Es war nicht so, dass sie sich nicht traute, nein, sie wollte einfach nicht.
Sie wollte ihn nicht töten, sie wollte, dass er lebte.
So schräg es auch klingen mochte, sie wollte nicht dass er starb.
Als unerwartet Batman von oben auf sie zuschoss, zuckte sie fiepend zusammen und drückte sich instinktiv enger an den Joker, was dazu führte, dass der sich umdrehte und so gerade noch einem schmerzhaften Fußtritt ausweichen konnte.
Der dunkle Ritter zog seine Flügel ein und startete einen neuen Angriff.
„Dann wirst du mich lieben!“, dröhnte er auf den Satz von dem Joker zuvor und trat einen großen Schritt auf sie zu.
War es ihm egal, wenn sie in die Tiefe stürzen würde?
Der Joker ließ sie los und schoss auf Batman, doch der wich der Kugel aus und warf sich auf ihn.
Keuchend fielen beide zu Boden und rollten sich über die Terrasse, bis der Joker gegen das Gelände prallte und stöhnend versuchte sich zu befreien, indem er anfing mit den Beinen zu strampeln.
Er zog ein weiteres Messer aus einer Tasche und rammte es dem Batman in die Schulter, woraufhin der zusammenzuckte und der Joker sich befreien konnte.
Der ließ das Messer fallen, hob die komische Waffe und schoss blindlings in eines der Fenster gegenüber.
Eine Stahlschnur sprang aus der Mündung, spannte sich zwischen den beiden Gebäuden und verband diese miteinander.
Ohne zu wissen warum, packte er sie um die Taille und warf sich mit ihr im Arm in die Tiefe.
Sie kreischte panisch auf, als sie die kalte Zugluft spürte und die Autos und die bunten Lichter immer näher auf sich zufliegen sah.
Das war ihr Ende, diesen Sturz würde sie nicht überleben. Sie schloss die Augen und drehte ihr Gesicht an Jokers Brust.
Sekundenlang fielen sie einfach nur steil nach unten.
Der Joker lachte wie eine verrückte Hyäne, während sie verkrampft an ihm klebte und die Zähne aufeinander biss.
Abrupt wurde ihr Fall gebremst und sie landeten in dem Zimmer, das hinter dem Fenster lag. Der Joker hatte sie im Fall durch die Glasscheibe losgelassen und so überschlug sie sich und knallte gegen einen Schrank.
Benommen blieb sie liegen.
Bunte Sternchen kreisten vor ihren Augen und ihr Kopf dröhnte.
Es war dunkel.
Sie konnte den Joker noch vergnügt lachen hören. Ganz in der Nähe.
Was war daran denn bitte lustig?, fragte sie sich und rollte sich auf den Rücken. Alles drehte sich, auch das weiße Gesicht des Jokers, das sich in ihr Blickfeld schob.
Schon wurde sie hochgerissen und mitgezogen.
Hinaus aus dem Zimmer. Ins Treppenhaus.
Der Joker hob sie ganz hoch, da sie unfähig war zu laufen und fing an zu rennen, als er ein weiteres Fenster klirren hörte.
Batman verfolgte sie. Gott sei Dank.
Der Joker trat mit dem Fuß die Eingangstür auf und hetzte auf die Straße.
Er eilte ohne nach links und nach rechts zu schauen den breiten Gehweg entlang und verschwand dann in einer schmalen Gasse.
Von Batman war nichts mehr zu sehen oder zu hören.
Am Ende der Gasse stand einer der großen, gelben Busse, die in der ganzen Stadt unterwegs waren.
Die Türen klappten auf und sie wurde in einem der Sitze verfrachtet, während der Joker sich hinters Steuer setzte und wild lachend lospreschte.
Erst jetzt realisierte sie, dass sie soeben entführt worden war.
Und zwar von dem meist gesuchten Verbrecher Gothams.
Ihre Augen weiteten sich. Panik schnürte ihr die Kehle zu.
Sie drehte sich um und ließ ihren Blick durch die Gegend schweifen.
Nirgends eine Spur von Hilfe.
Kein Batman, der aus der Gasse gerannt kam, kein Batman der sich aus einem Fenster warf um ihr zu helfen.
Sie zuckte zusammen, als ein Auto hinter ihnen hupte und der ahnungslose Autofahrer wütend mit der Hand fuchtelte. Wenn der wüsste, was los war.
„Haha haha ha!“, lachte der Joker nur und drückte das Gaspedal voll durch.
Sie wurde in den Sitz gepresst und unsanft gegen die Scheibe geworfen, als er in eine Seitenstraße abbog.
Ihre Augen waren vor Schreck geweitet.
Was würde er mit ihr machen? Hatte er jemals eine Geisel genommen? Normalerweise war töten seine Divise…
Geschockt sank sie in den weichen Sitz zurück und starrte aus dem Fenster.
Die bunten Lichter der erleuchteten Häuser zogen an ihr vorbei, es hatte angefangen zu regnen und die Autoscheinwerfer spiegelten sich in der nassen Straße wider.
„Na Schätzchen, wie gefällt’s dir?“, gurrte der Joker und sah sie aus dem Rückspiegel her an.
Ihr Mund öffnete sich, doch sie brachte keinen Ton heraus und der Joker verzog enttäuscht das Gesicht.
„Was denn? Warum so nervös? Hast du Angst vor mir?“, schmollte er und zeigte die Zähne.
Sie schüttelte stumm den Kopf und ohrfeigte sich für ihre Feigheit.
„Och, du hast keine Angst vor dem Joker? Wirklich nicht? Willst du Angst haben?“
Irgendwie betonte er die Worte komisch.
Wieder schüttelte sie den Kopf und zwang sich wegzusehen.
Ihr war immer noch eiskalt.
Sie heftete ihren Blick wieder auf die vorbeifahrenden Autos auf der anderen Straßenseite, während der Joker weiter auf sie einredete.
„Wie ist denn dein Name Schätzchen? Oder soll ich dich weiterhin Schätzchen nennen? Schätzchen.“
Nun drehte sie doch wieder den Kopf.
„Jessy Craven“, stammelte sie schließlich und spielte mit einer Falte ihres Kleides.
„Jessy...Jessy…schöner Name, wirklich.“
Wenn er den Namen aussprach hörte er sich so anders an. Sanfter und Gefühlvoller.
Sie musste grinsen.
„Was gibt’s denn zu kichern? Willst du denn nicht dass Batman dich befreit?“
Wie immer spie er den Namen des dunklen Ritters angewidert aus und verzog das Gesicht wieder zu einem Grinsen.
„Gailer Job! Gailer Job.“, murmelte er vor sich hin, als die Autos anfingen zu hupen, anscheinend um ihn auf seine überhöhte Geschwindigkeit aufmerksam zu machen.
Er wich einem großen Transporter aus, der ihm zu langsam fuhr und die Buswand versprühte funken, als sie an der Abgrenzung in der Mitte der Straße entlang schliffen.
Wieder wurde sie in den Sitz geworfen.
Hektisch krallten sich ihre Finger in die Lehne vor ihr und sie wünschte sich Heim in ihr warmes Bett, weit weg von all dem hier.
Die halsbrecherische Fahrt endete vor einem heruntergekommenen, kahlen Gebäude.
Mit quietschenden Reifen bremste der Joker den großen Bus, sprang auf und zog sie am Arm mit nach draußen.
Sie waren in einem Stadtviertel angelangt, das sie nicht kannte. Hier war sie noch nie zuvor gewesen und sie wusste auch warum.
Dies war das Stadtviertel in dem Gewalt und Terror in der Tagesordnung standen.
Die wenigen Cops scherten sich auch nicht darum, Ladendiebstähle, Überfälle und dergleichen zu lösen, hatte sie von einem Freund erfahren.
Hier wohnten angeblich die Exhäftlinge, Dealer, Irre, Mörder, Junkies und sonstige finstere Gestalten.
Kein Wunder, dass auch der Joker hier zu Hause war. Sollte dies überhaupt seine Wohnung sein. Irgendwie passte dieses Klischee nicht zu ihm. Er war nicht so wie die anderen, nein, war er nicht.
Und wieso sollte er sie auch mit zu sich nach Hause nehmen? Sie war eine akute Gefahr für ihn und sein Leben.
Vermutlich hatte er mehrere Gebäude zur Verfügung.
Den Gesprächen der Polizisten in ihrer Dienststelle nach, hatte der Joker all die Jahre über ein beachtliches Vermögen angesammelt.
Niemand wusste, wo er es versteckt hatte und ob es überhaupt existierte.
Doch mit was würde er sonst seine Clowns bezahlen? Die starben natürlich meistens unter mysteriösen Umständen bei den zahlreichen Banküberfällen, doch er musste sie mit Geld angelockt haben.
Also besaß er auch welches.
Der Joker stieß die Holztür mit dem Fuß auf und dirigierte sie hinein.
Vorsichtig trat sie über die Stufe und tapste mit kleinen Schritten in das dunkle Treppenhaus.
Die Tür schloss sich hinter ihnen.
Stille umgab sie und ihr Entführer blieb einen Moment stehen und lauschte.
Sie konnte nur seine Umrisse ausmachen und sah benommen in den schwarzen Gang, der vor ihr zu liegen schien. Ein muffiger Geruch schlug ihr entgegen.
Warum lauschte er? Hatte er Angst vor unerwartetem Besuch?
Schließlich schien er befriedigt zu sein mit dem was er nicht hörte und zog sie weiter mit sich die ersten zwei Treppen hoch.
Er bedeutete ihr leise zu sein, indem er ihr eine Hand um den Mund legte, als sie vor einer weißen Tür halt machten.
Mit erhobener Pistole betrat er die Wohnung und schloss die Tür hinter sich.
„Scheint, als wären wir alleine Lucy.“, bemerkte er und ließ sie los.
Jessy blieb wie von Sinnen einfach stehen und rührte sich nicht.
Die ganze Situation wurde langsam unwirklich.
„Wollen Sie mich nicht fesseln oder so was?“, fragte sie vorsichtig und zuckte zurück, als er herumfuhr.
Er legte den Kopf schief und grinste.
„Sollte ich?“
Hastig zuckte sie mit den Schultern und schüttelte den Kopf.
„Warum fragst du dann?“
Eine Zeit lang beobachtete er sie, dann drehte er sich wortlos um und verschwand in einem Nebenzimmer.
Jessy rührte sich nicht von der Stelle.
Sie hätte jetzt einfach abhauen können. Die Tür war keine zwei Meter von ihr entfernt und sie war alleine. Sie hätte fliehen könne.
Warum sie es nicht tat, konnte sie sich im Nachhinein auch nicht erklären. Das einzige Vernünftige, das sie zur Antwort parat hatte war, dass sie sowieso nicht wüsste wohin, wenn sie das Haus verlassen hätte.
In diesem Teil kannte sie sich nicht aus, außerdem wohnten hier nur Kriminelle und die würden ihr nicht helfen, sondern sie womöglich ausrauben und wenn noch schlimmer, vergewaltigen.
Der Joker schien das zu wissen, denn er ließ sich beachtliche Zeit, bis er wieder auftauchte.
Er lief an ihr vorbei und ließ sich auf das zerfetzte Sofa in der Ecke fallen, legte die Beine übereinander und stütze das Kinn auf die Hände.
„Und? Was ist?“, fragte er und zog eine Augenbraue nach oben.
Jessy spielte wieder nervös mit einem Rockzipfel. Was meinte er?
„Hm…nicht sehr gesprächig Schätzchen.“, meinte er dann grinsend und erhob sich. Langsam ging er auf sie zu und legte den Arm um ihre Schultern.
„Am besten zeige ich dir erst einmal dein neues Zuhause…“, erklärte er, leckte sich über die Lippen und schob sie vor sich her in das nebenan liegende Zimmer.
Dieser Raum war genauso kahl und leer wie der andere, bis auf den Unterschied, dass hier ein Doppelbett stand und kein Sofa.
Ein Doppelbett…hatte der Joker eine Frau gehabt? Oder hatte er eine?
Im nächsten Zimmer befanden sich die Toilette, eine Dusche und ein Waschbecken inklusive Spiegel.
„Und nun kommen wir zum letzten Zimmer…der wichtigste Teil in einem Häuschen, die Küche.“
Die „Küche“ war anscheinend gleichzeitig das Büro.
Neben einem Kühlschrank, einem Herd und einem Tisch für zwei Personen, stand hier ein riesiger Schreibtisch mit allerlei Hightechgegenständen, einem großen Tresor und zwei Computern.
Sie staunte nicht schlecht, als plötzlich ein Gerät laut zu piepsen anfing und der Joker sie losließ, um zu eben diesem zu eilen.
Er hob es hoch und rannte zum Fenster. Hektisch öffnete er es und lehnte sich bis zum Bauch nach draußen.
„W-Was ist los?“, fragte sie mit dünner Stimme.
Der Joker schüttelte den Kopf, kam wieder zum Vorschein und legte das Gerät zurück.
Er legte ihr wieder den Arm um die Schulter und zog sie an sich. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und ließ sie zusammenzucken.
„Hast du immer noch Angst?“, fragte er, als er ihr Zittern bemerkte.
„Nein…es…mir ist nur kalt.“, entgegnete sie langsam und nahm war, wie kalt es wirklich in diesem Zimmer war. Es lag nicht an dem Joker, oder an ihrer Angst, dass sie zitterte, sondern wirklich an der Kälte. Sie sah zu dem offenen Fenster und verfolgte die sanften Bewegungen des dunklen Vorhangs, der sich im Wind bauschte.
„Soso…dem wollen wir doch mal Einhalt gebieten, oder?“
Er ließ sie los und tappte zu einem kleinen Schrank, ganz in der Ecke, der ihr noch gar nicht aufgefallen war.
Neugierig stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um zu sehen was in dem kleinen Holzschrank alles verborgen war.
Als der Joker die Schranktür öffnete, konnte sie sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Drei maßgeschneiderte Lilaanzüge hingen ordentlich an den Kleiderbügeln und zwei paar schwarze Schuhe lagen am Boden des Schrankes.
Mehr nicht.
Mit einer raschen Handbewegung, hatte er ein lila Jackett herausgefischt und hielt es ihr auffordernd hin.
„Bitteschön.“, grinste er und schloss die Schranktür.
Jessy nahm die Jacke und zog sie zögernd an.
Wieso tat er das alles? Wieso entführte er sie und sperrte sie nicht ein, sondern gab ihr auch noch seine Jacke? Was sollte das?
Sie wollte die Fragen laut aussprechen, aber sie fand nicht den Mut dazu. Vielleicht hätte sie ihn verärgert und das beabsichtigte sie nicht.
Eigentlich konnte sie doch froh sein, dass er ihr nicht wehtat, oder sie gar irgendwo ankettete.
Womöglich ließ er sie bald wieder frei und wollte sich nur seine Zeit mit ihr vertreiben…
So lächelte sie ihn dankbar an und er erwiderte das Lächeln.
Er nahm wieder ihre Hand, zog sie mit sich und verfrachtete sie auf einem der Stühle, die um den Tisch standen.
„Und nun verrate mir doch mal, was du auf dieser Feier zu suchen hattest?“
Jessy blickte auf und sah ihm in die Augen…wie tief sie doch waren.
„Ich wurde eingeladen“, antwortete sie und senkte den Blick wieder, aus Angst in diesen Augen zu ertrinken.
„Und weiter?“
„Hm?“
Was meinte er? Wie und weiter?
„Na, ich kenne dich nicht, hab dich noch nie gesehen. Du scheinst also kein hohes Tier zu sein, wie dieser restliche Haufen Volltrottel.“
„Achso, das, ja. Ich arbeite in der Polizeistelle von Jim Gordon. Aber nur als Sekretärin in der Nachtschicht…und deswegen wurde ich eingeladen.“
Er stütze den Kopf in die Hände und sah sie auffordernd an.
Er wollte also, dass sie mehr von sich erzählte. Konnte er haben.
„Ich bin fünfundzwanzig und habe eine kleine Mietswohnung hier ihn Gotham…ich hasse Galaveranstaltungen und diese ganzen feinen Leute. Ich esse für mein Leben gern gebratene Nudeln und trinke verschiedenste Cocktails. Ich liebe Rock und lese gern und viel. Und außerdem…außerdem, habe…habe ich wenige Freunde-“
Sie stockte. Warum hatte sie das jetzt gesagt? Sie hatte wenige Freunde…
Nie zuvor hatte sie das behauptet. Nie zuvor hatte sie sich eingestehen wollen, dass das stimmte. Nie zuvor hatte sie wahrhaben wollen, dass das der Fall war. Ja, sie hatte nicht viele Freunde. Ein paar mit denen sie sich manchmal traf, plauderte und auf Partys ging, aber nichts weiter. Mit niemandem konnte sie wirklich reden, niemandem konnte sie tief in ihrem Inneren trauen.
Ein Kloß setzte sich in ihrem Hals fest, nahm ihr die Luft und sie bemerkte ärgerlich, dass ihr Tränen in die Augen traten.
„Wieso das?“, unterbrach der Joker sie.
Sie hob die Schultern. Sie wusste es nicht. Es war einfach so.
Gerade noch rechtzeitig unterdrückte sie ein Aufschluchzen, doch es war ihm nicht entgangen und er senkte den Blick.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht…und ich will es auch nicht wissen!“, flüsterte sie und eine heiße Träne lief ihr über die Wange. Sie hatte keine Freunde, niemand würde sie vermissen und nicht einmal Batman hatte ihr geholfen.
Was war nur los mit ihr?
„Ist ja gut.“, murmelte der Joker und legte ihre Hand in seine. „Ist schon gut.“
„Nein ist es nicht! Ich mache mir nichts aus diesen ganzen piekfeinen, reichen Damen, diesen vornehmen Gentleman und erst recht nichts aus diesem ach so tollen Harvey Dent!“
Ihre Stimme überschlug sich. Wieder beschleunigte sich ihr Puls, diesmal vor Wut.
„Ich weiß nicht, warum ich da überhaupt hingegangen bin!!“
Stille.
Der Joker saß einfach da, hielt ihre Hand und schwieg, während sie sich langsam wieder beruhigte. Der Wutausbruch war vorbei.
Röte stieg ihr in die Wangen. Es war ihr peinlich so etwas gesagt zu haben. Ihre tiefsten Gefühlen diesem Freak unterzujubeln. Sie bereute ihre letzten Worte.
Harvey Dent traf keine Schuld. Niemand war Schuld, keiner außer ihr selbst.
Als sie lächelnd die Träne wegwischte, schüttelte der Joker den Kopf und öffnete den Mund.
„Ach ja? Interessant.“
Der Joker grinste breit und erhob sich.
„Findest du also nicht, dass man den lieben Harvey Dent verehren sollte? An ihn glauben?“
Sie zögerte und bemühte sich um eine ehrliche Antwort.
„Doch, eigentlich schon. Immerhin hat er über hundert Straftäter auf einmal geschnappt. Er will nur Gutes für Gotham.“
„Mit der Hilfe von Batman versteht sich.“
Der Joker grinste. Jaja… Batman. Er hatte ihm gewaltig einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber das Geld war in sicheren Händen, sein Geld.
Dieses Schlitzohr von Chinesen, dessen Name ihm entschwunden war. Er hatte ihn und den Drogenboss Sal Maroni gewaltig übers Ohr gehauen.
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen.
Leider war dieser Chinese jetzt im Gefängnis. Aber ihm würde schon was einfallen, an sein Geld zu kommen.
Das Mädchen ihm gegenüber zuckte zusammen und er merkte, dass er sie erschreckt hatte.
Schnell lächelte er wieder.
Was tat er eigentlich?
Wieso hatte er sie mitgenommen?
Er wusste es nicht, reiner Instinkt. Sie hatte ihm gefallen…
„Hast du Hunger.“, fragte er und leckte sich über die Lippen.
Sie schüttelte den Kopf und begann gleich darauf zu nicken.
„Gebratene Nudeln?“, fragte er weiter und sie lächelte scheu.
„Schön, ich besorg uns welche.“, meinte er und stand auf.
Er rückte sein Jackett zurecht und klopfte ihr auf die Schulter.
„Bin gleich wieder zurück, und fühl dich ganz wie zu Hause.“
Damit ließ der Joker sie ganz alleine zurück und die Angst erwachte wieder in ihr.
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