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von Dryade
erstellt: 22.08.2008
letztes Update: 24.12.2009
Geschichte, Drama / P18 Slash
(fertiggestellt)
Nachdem das grobe Gerüst endlich steht, geht es nun (hoffentlich regelmäßig) weiter! :)
Ich hoffe, dass euch die Fortsetzung ebenso gefällt. Das erste Kapitel ist zur Abwechslung direkt mal ein äußerst seichter Einstieg in die Geschehnisse.
So, und bevor ich jetzt noch anfange, groß rumzureden: Have fun! :)
~~*~~
Titel: Konsequenzen – Panta rhei (Postpostskriptum)
Genre: Drama/Allgemein
Freigabe: P18-Slash
Beta: HER
Inhaltsangabe:
Während Alexander das Amt seines verstorbenen Vaters übernimmt und als neuer König seinen Feldzug gegen Persien antritt, ist Hephaestion fern von ihm auf der Flucht vor der Vergangenheit und auf der Suche nach sich selbst.
Die Zeit heilt alle Wunden, so spricht der Volksmund, doch hat sie alleine keinen Einfluss auf die zu treffende Entscheidung, welcher Weg zu gehen ist. Der, der Alexander und Hephaestion wieder zusammenbringt oder der, der sie sich immer weiter entfremden lässt…
Anmerkung:
Die Geschichte ist die Fortsetzung zu „Konsequenzen – Postskriptum“. Es wäre daher ratsam diese vorher gelesen zu haben, da „Panta rhei“ beinahe nahtlos an die Geschehnisse anknüpft.
Figuren und Schauplätze gehören mir nicht, sie sind Teil der Historie!
Die Geschichte schreibe ich nur zum Vergnügen, ich verdiene also mit ihr kein Geld.
Natürlich lasse ich mich ebenso durch den Film „Alexander“ von Oliver Stone inspirieren – in derlei Hinsicht gehört mir natürlich auch nichts.
Wie vielleicht einige erkannt haben, habe ich mir den Titel nicht selbst ausgedacht, sondern die Worte „Panta rhei“ der Philosophie Heraklits entliehen.
Storyfolge:
Konsequenzen
Konsequenzen - Postskriptum
Konsequenzen - Panta rhei
~~*~~ ~~*~~ ~~*~~
Kapitel I
„Wo ist er?“
Der junge Page beobachtete eine weiße Wolke, die sich von der lauen Brise gemächlich nach Norden treiben ließ und überlegte, was sie darstellen könnte. Zuerst dachte er an einen Hund, besann sich dann aber etwas anderem und entschied sich dafür, dass die flauschige Formation eher einer Katze ähnelte. Vielleicht ein Tiger?
Eine Bö ließ das Blätterdach unter dem er saß aufrascheln, während ein Windstrom in den oberen Luftschichten die Wolke erfasste und vorantrieb. Der Junge kniff die Augen zusammen. Jetzt hatte sich die Form abermals verändert. Kein Tier mehr, obwohl er eindeutig Augen erkennen konnte – und eine Nase.
Er hob eine Hand und wedelte eine Fliege fort, die beständig um ihn herum kreiste. Er legte den Kopf schief. Wenn er länger darüber nachdachte, erinnerte ihn die Wolke an den Gesichtsausdruck seiner Mutter, wenn diese besenschwingend hinter ihm herlief, um ihn zur Ordnung zu rufen.
Der Page schauderte und wandte den Blick ab – daran wollte er nun wirklich nicht denken. Er zog ein Bein an, ließ das andere von dem dicken Ast baumeln, auf dem er saß und lehnte sich mit dem Rücken zurück an den Stamm des alten Baumes.
Es war ein heißer Tag und die einzige Abkühlung boten der Schatten der blattbehängten Äste und der laue Windzug, der hier und da die trockene Luft aufwirbelte. Das wohlbekannte „Bsss“ näherte sich ihm wieder und der Junge hob den Arm, ehe die Fliege Gelegenheit bekam, sich auf ihm niederzulassen. Stattdessen zog sie es vor, um seinen Kopf herumzuschwirren, was ihn bald zur Weißglut trieb. Konnte sie sich kein anderes Opfer suchen?
Murrend vertrieb er sie ein weiteres Mal, ehe er sich wieder entspannt zurücklehnte und in die Ebene vor sich blickte. Nichts. Es bewegte sich einfach gar nichts. Das Einzige, was seinen Weg gekreuzt und seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, waren zwei Hasen gewesen, die sich in wilder Jagd durch die Sträucher getrieben hatten. Und die Fliege natürlich.
Er hörte sie bereits wieder, ehe er sie sah, doch dieses Mal unternahm sie keinen Landeversuch auf seinem Kopf, sondern suchte sich sein angewinkeltes Knie aus. Die Augen des Jungen richteten sich auf das nervtötende Insekt und er selbst erstarrte zu Stein. Jetzt bloß keine falsche Bewegung. Langsam hob sich seine Hand in die Höhe, bis er sie über die Fliege gebracht hatte, die seelenruhig auf seinem Knie herumkrabbelte.
Der Junge kniff die Augen zusammen und streckte vor lauter Konzentration seine Zunge heraus, ehe er in einer blitzschnellen Bewegung seine Hand nieder und auf sein Knie fahren ließ. Gleichzeitig hatte der Wind aufgefrischt und eine weitere Bö vorbeigeschickt, die die Blätter des Baumes zum Rascheln gebracht hatte.
Der Page richtete sich auf und lehnte sich vor, die Hand noch immer auf sein Knie gedrückt. Erst dann nahm er sie fort und fing keinen Augenblick später lästerlich zu Fluchen an. Sie war entwischt. Der Wind musste sie vertrieben haben. Verärgert ließ er sich gegen den Stamm zurück fallen und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Bsss.“
Resigniert schloss er die Augen und versuchte den Quälgeist zu ignorieren. Es funktionierte nicht. Die Fliege, wenn es denn die gleiche war, was er keinen Moment bezweifelte, ließ sich auf ihm nieder, kitzelte ihn, indem sie auf seiner Haut entlang krabbelte oder belastete seine Nerven, wenn sie um ihn herum summte.
Schließlich hielt er es nicht länger aus, fuhr auf und vertrieb sie mit wildem Handgefuchtel, was dazu führte, dass er sich im nächsten Augenblick auf dem Boden wieder fand. Als er begriffen hatte, dass er von dem Ast gefallen war, rieb er sich murrend seinen Hintern und richtete sich langsam auf. Diese verdammte-… „Bsss.“
„Argh!“, stieß er hervor. „Verschwinde!“ Er wirbelte herum, hielt aber plötzlich mitten in der Bewegung inne und starrte vor sich in die Ebene, die sich vor den Gebirgen auftat. Staub wirbelte in einiger Entfernung auf und wenn er nicht irrte, meinte er, dass die aufgewehte Wolke sich näherte. Rasch näherte.
In Windeseile kletterte der Junge zurück auf den Ast, der seinen Beobachtungsposten dargestellt hatte, beschattete sich die Augen mit einer Hand und starrte wie gebannt vor sich. Reiter! Bei der Schnelligkeit konnte es kein Fußvolk sein. Doch wie viele? Bis jetzt sah er nicht viel, bis auf den Dreck, den die Ankömmlinge in einer Aufwehung hinter sich ließen.
Der Page kniff die Augen noch enger zusammen, in der surrealen Hoffnung, er könne seine Sehkraft dadurch um einiges verbessern. Ein Pferd… nein, es mussten mehrere sein. Als er genauer hinsah, erkannte er ein weiteres. Zwei also.
Das mussten sie sein! Vor Aufregung wäre er beinahe ein weiteres Mal von dem Baum gefallen. Er lehnte sich weiter vor. Sie waren es tatsächlich! Es ging gar nicht anders. Ohne länger zu überlegen, ließ er sich zu Boden gleiten und nahm die Beine in die Hand.
Er rannte durch den äußersten Torbogen und wandte sich einer Seitenstraße zu, die ihn schneller an sein Ziel bringen würde.
Einige Hausreihen später bog er in einen Hinterhof ein, kämpfte sich unter einigen mit Wäsche behängten Leinen hindurch und gelangte über diese Abkürzung auf den großen Marktplatz, der ihn direkt zu den königlichen Häusern führte. Es war früher Nachmittag und das Gedränge war nach wie vor groß, so dass er sich an den Händlern und Käufern vorbeischieben und nicht selten ein verirrtes Huhn aus dem Weg scheuchen musste, um nicht Gefahr zu laufen, über es zu fallen.
Endlich und sichtlich außer Atem erreichte er die untersten Stufen der weiten Treppen, die ihn zu den Hallen geleiten sollten und nahm immer zwei auf einmal. Die Kühle der Gänge begrüßte ihn und spornte ihn an, noch einmal schneller zu laufen. Als er um eine Ecke bog, wäre er beinahe in einen anderen Pagen gelaufen und hätte dessen Tablett hinunter gestoßen, aber beide konnten sich noch rechtzeitig auf den Beinen halten.
Der Junge entschuldigte sich und rannte weiter, ohne eine Antwort abzuwarten, bis er endlich die ersehnten Hallen erreichte und ohne zu Zögern hineinlief. Weit kam er nicht. Eine Wache, die direkt neben dem Eingang postiert gewesen war, sprang vor, zog ihn an seinem Chiton zurück und presste ihn gegen eine Wand. Dem Jungen nahm es den Atem. „Ich muss zum König!“, protestierte er, als er wieder Luft bekam.
„Ja, das sagen sie alle. Raus. Du hast hier nichts verloren“, kam die gezischte Antwort. Dem Mann war klar anzusehen, dass er nicht wünschte, dass der König etwas von dem Aufruhr mitbekam. Er warf einen raschen Blick über seine Schulter, nur, um sehen zu müssen, dass dies bereits der Fall war. Der Junge in seinem Griff wehrte sich wieder und versuchte sich dem König, der Tatsache zum Trotz, dass dieser hohen Besuch empfing, kenntlich zu zeigen.
„Bitte, es ist wichtig!“, versuchte er die Wache die ihn hielt zu überzeugen. Ein anderer Mann kam hinzu, als er nicht aufhörte sich zu wehren, doch bevor auch dieser den Jungen ergreifen konnte, hörten sie den König sprechen und befehlen, ihn loszulassen. Er hatte den Pagen schließlich erkannt, ebenso den Grund für sein plötzliches Hereinbrechen.
Ohne zu zögern entschuldigte er sich bei den beiden Stadtherren, die ihm ihre Ehrerbietung zollten, übergab sie an seinen ranghöchsten Feldherren und verließ die Hallen mit wehendem Umhang.
Als er in das grelle Sonnenlicht des Nachmittages trat, sah er bereits, wie sich Stallknechte der verschwitzten und müde gerittenen Pferde der eingetroffenen Reiter annahmen und sie fortführten. Also hatte man sie bereits herein gebracht. Auf dem Absatz kehrt machend, lief er zurück und zu dem Raum, indem sie auf ihn warten sollten. Dort angekommen stieß er die Türen auf und sah sich zwei Augenpaaren gegenüber. Zweien. Das Dritte, das er hatte sehen wollen, fand er nicht.
„Wo ist er?“, fragte er ungeduldig und trat näher zu ihnen.
„Nicht hier!“, kam Kleitos’ Antwort, der sich auf einen Sessel niedergelassen und die Beine hochgelegt hatte, während er sich müde die Schläfen rieb. Alexanders Blick glitt zu Kassander, der an einen Pfosten gelehnt da stand und bestätigend nickte. „Keine Spur von Hephaestion.“
Des Königs Schultern sanken. Er drehte sich von den beiden Männern fort und stützte die Hände in die Hüfte, den Blick auf den Boden gerichtet. Alexander nahm einige tiefe Atemzüge, ehe seine zur Faust geballte Hand ihr Ziel an der gegenüberliegenden Wand fand. Er fuhr herum und sah zurück zu den beiden heimgekehrten Männern.
„Ruht euch aus. Danach brecht auf und reitet in die andere Richtung.“
Kleitos sah Alexander an, als sei dieser dem Wahnsinn verfallen. Anschließend begann er zu lachen. „Nichts dergleichen werde ich tun!“, protestierte er.
„Kleitos?“, fragte Alexander ungläubig nach.
„Wir sind das dritte Mal zurückgekehrt – erfolglos. Noch einmal reite ich nicht aus, um Hephaestion zu suchen.“
„Es war keine Frage…!“, machte Alexander fest, doch selbst das schien Kleitos nicht zu kümmern. Er stand auf und breitete die Arme aus. „Sieh uns an! Kassander ist so dreckig, er könnte als Perser durchgehen. Ich selbst kann den Sand zwischen meinen Arschbacken knirschen hören wenn ich gehe. Wir haben unsere Pferde zu Schande geritten – nur um jemanden zu suchen, der allem Anschein nach nicht zu dir zurückkehren will!“
„Sag das nicht!“, schrie Alexander und Kassander löste sich von dem Pfosten und richtete sich etwas auf, sollte er im Zweifelsfall zwischen die beiden Männer treten müssen. Kleitos hatte schlechte Laune seit Alexander sie das erste Mal ausgesandt hatte, doch jetzt erst schien die aufgestaute Wut ihr Ventil zu finden.
„Warum nicht?“, brauste auch Kleitos auf. „Er ist nirgends aufzufinden. Wir haben fast das gesamte verfluchte Land nach ihm abgesucht, aber niemand will ihn gesehen haben!“
„Ihr wart nicht gründlich genug!“
„Nicht gründlich genug?“ Kleitos war bei Alexander, ehe dieser reagieren konnte und hatte ihn am Kragen seines Umhangs gepackt.
„Kleitos“, versuchte es Kassander, der hinter ihn getreten war, doch der Schwarzhaarige ließ sich nicht zurückrufen. Alexander wollte ihn wegstoßen, aber Kleitos packte umso fester zu. Er schnitt ihm das Wort ab, ehe Alexander den Mund weit genug öffnen konnte, um etwas zu sagen. „Wir haben jedes gottverlassene Dorf abgeritten, jeden gefragt, der uns über den Weg gelaufen ist, egal ob Greis, Krüppel oder Kind und sind jeden Spuren gefolgt, von denen wir meinten, dass sie uns annähernd in die richtige Richtung führen würden. Keine Spur von Hephaestion! Und du sagst, wir hätten nicht gründlich genug gesucht?“
„Lass mich los“, entgegnete Alexander leise und mit solch einer Ruhe, dass Kleitos es tatsächlich tat und zurück wich. Der Krieger schüttelte den Kopf. Ein verständnisloses Lächeln zierte seine Züge. „Schicke wen anderes aus. Entsende von mir aus ein ganzes Regiment, aber lass mich in Frieden!“
Kassander stand mittlerweile zwischen ihnen, doch schien seine Vorsicht unbegründet. Alexander blieb auf seinem Platz. Mit hängenden Schultern sah er geschlagen zu seinem Gegenüber. Das Feuer, das zuvor noch in seinen Augen gebrannt hatte, schien erloschen. „Ihr seid die einzigen, die wissen, dass Hephaestion nicht auf einen Erkundungsritt ausgesandt wurde.“
„Weihe noch jemand anderen ein.“
„Nein!“
„Warum nicht?“
Alexander zögerte. „Ich will nicht, dass er sein Gesicht verliert.“
Eine Stille entstand, die einzig durch ein Schnauben von Kleitos durchbrochen wurde. „Er ist weggelaufen, Alexander.“
„Es muss kein anderer wissen!“, fuhr der junge König ihn an.
„Dann lass ihn!“ Kleitos hob hilflos die Arme in die Luft. „Was willst du? Du hast ihn ziehen lassen!“
„Bevor ich wusste, was ihm widerfahren ist!“
Sie waren wieder beim Schreien angekommen und Kassander sah sich gezwungen, irgendetwas zu tun, um die beiden nicht doch noch aneinander geraten zu lassen. Kleitos war anzusehen, dass es ihn nicht im Geringsten kümmerte, dass es sein König war, mit dem er sich stritt.
„Alexander“, sagte Kassander und suchte sein Augenmerk. „Du sagtest, er würde wiederkommen.“
„Ja, aber-…“
„Dann…“, unterbrach er ihn. „… solltest du warten.“
„Und das Amt eines Königs ausüben“, kam es gemurmelt von Kleitos, aber so laut, dass Alexander ihn mühelos verstehen konnte.
„Hüte dich, Kleitos!“, warnte dieser, als er zurück in Rage verfiel.
„Was?“ Der schwarzhaarige Krieger zeigte sich ungerührt. „Ist es mir verboten offen zu sprechen? Im Namen deines Vaters, Alexander.“ Kleitos hielt inne und ging hinüber zu einem der Fenster. „Dort draußen wartet ein Feldzug auf dich!“, fuhr er fort und deutete hinaus. „Wenn du nicht bald ausreitest, verlierst du deine Glaubwürdigkeit!“
Alexander winkte ab, doch Kleitos ließ sich nicht abschütteln.
„Die Soldaten sind bereit, die Generale unruhig. Es wird erwartet, dass du fortführst, was Philipp angefangen hat.“ Er löste sich von seinem Platz und ging zur Tür. „Mit oder ohne Hephaestion!“, sagte er und verließ ohne Alexanders Zuspruch den Raum.
„Ignoriere ihn“, versuchte Kassander diesen daraufhin von dem Gedanken abzubringen, Kleitos eine Wache hinterher zu schicken und ihn meucheln zu lassen. „Er ist so, seit er unterwegs die Schlange in seinen Sachen gefunden hat.“ Der junge König sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an und Kassander zuckte mit den Schultern. „Sie hat ihn gebissen.“
Alexander lächelte trocken und schüttelte den Kopf. „Er hat Recht“, gab er zu. „Und trotzdem: Ich kann nicht ohne Hephaestion ausziehen.“ Er wandte sich von Kassander ab und ging selbst hinüber zu dem Fenster, an dem Kleitos zuvor noch gestanden hatte. Kassander seufzte leise und schloss resigniert die Augen.
„Wir waren noch nicht bei Amyntor“, sagte er dann in einem letzten Versuch und sah wieder hinüber zu Alexander, doch der schüttelte den Kopf. „Er ist nicht in der Heimat.“ Sein Blick glitt über die Stadt und zu den entfernten Gebirgshängen. „Er ist weiter weg. Viel weiter.“
Kassander blieb stumm hinter ihm stehen, ahnungslos was er darauf erwidern sollte.
„Du kannst gehen“, sagte Alexander schließlich nach einiger Zeit.
„Alexander, ich-…“
„Geh!“
Alexander drehte sich nicht zu ihm herum, aber er hörte die Schritte, die sich entfernten, dann ein Kratzen, als die Tür aufgezogen wurde und das bekannte dumpfe Klicken, als sie hinter Kassander ins Schloss fiel. Er stützte sich mit den Händen auf der Brüstung ab und ließ den Kopf sinken. Als er wieder aufsah, war sein Blick tränenverschwommen. Er fühlte sich leer wie nie zuvor.
„Komm zurück zu mir, Phae.“
~~*~~
Weit entfernt von Pella, in den nordöstlichsten Ausläufern Griechenlands, gab es tatsächlich Gegenden, in die Kassander und Kleitos nicht vorgedrungen waren. Sie hatten den Westen und die umliegenden Landen abgeritten und waren zurückgekehrt, als sie auch in der Mitte des Reiches keine Spuren gefunden hatten und Kleitos den Jüngeren davon überzeugen konnte, dass sie zu einer hoffnungslosen Suche ausgeschickt worden waren. Hephaestion wollte nicht gefunden werden.
In einer kleinen Stadt, die in einem weiten Talkessel und am Rande eines Handelsweges lag, waren ein Bauherr und seine Assistenten redselig damit beschäftigt, sich unter der glühenden Mittagssonne über die vor ihnen befindliche und gleichzeitig eingestürzte Konstruktion zu streiten.
Ein Sturm war in der vorausgegangenen Nacht über den Ort hereingebrochen und hatte durch seine Wucht für einigen Schaden gesorgt. Der Wind hatte Dachpfannen herunter gerissen, vier Schafe waren vom Blitz erschlagen worden und die sintflutartigen Regenfälle hatten dafür gesorgt, dass der erst vor kurzem angefangene Bau einer Brücke buchstäblich ins Wasser gefallen war.
Am Rande des vom Hochwasser beherrschten Flusses, der die Stadt zum Osten hin begrenzte, sammelten sich die Männer, die für den Bau der überragenden Brücke zuständig waren und sahen hinüber zu ihrem Arbeitgeber, der zu keiner akzeptablen Schuldzuweisung zu kommen schien.
„Was ist passiert?“
„Sieh selbst! Die Brücke hat nicht gehalten!“
„Der Fluss hat sie einfach weggespült!“
„Die Pfeiler sind eingestürzt!“
„Einfach weg!“
„Die ganzen Steine die wir angeschleppt haben…“
„Sie beratschlagen seit einer Stunde.“
„Wir müssen alles noch einmal machen.“
Frustriert begutachteten die Arbeiter das Ausmaß der Zerstörung ihres tagelangen Schuftens. Ionias schließlich war es, der sich aus der Gruppe löste und zu dem Mann hintrat, der etwas abseits am Flussufer stand und gedankenverloren mit einem angespülten Schilfrohr in seinen Händen spielte. Als er Ionias neben sich bemerkte, sah er kurz zu ihm und schenkte ihm ein Lächeln, ehe er den Blick erneut auf die Trümmer richtete.
„Das fehlende Fundament…“, sagte er und entlockte seinem Nebenmann ein Nicken.
„Und die falsche Vernagelung“, ergänzte Ionias. Sie schwiegen eine Weile, ehe er das Wort erneut erhob. „Warum hast du es ihnen nicht gesagt?“
„Es stand mir nicht zu. Ein Bauherr sieht es nicht gerne, wenn ein Fremder ihm in sein Handwerk hinein redet.“
„Ein Fremder… pff. Wie lange bist du bereits hier?“, fragte er und brachte seinen Gesprächspartner zum Überlegen.
„Einen halben Monat schätze ich“, antwortete dieser nach kurzem Zögern.
„Fremder…“, wiederholte Ionias und schüttelte spöttelnd den Kopf. „Du hättest ihnen deine Bedenken mitteilen sollen!“
„Sie hätten nicht auf mich gehört.“
„Vielleicht doch!“, widersprach er ihm. „Und dann hätten wir das hier verhindert.“
Sein Gegenüber warf ihm einen Blick zu und wollte gerade etwas erwidern, als sie sahen, dass der Bauherr und seine Gehilfen zu einer Einigung gekommen zu sein schienen und zu ihnen zurückkamen. Der Mann rief die Arbeiter zusammen und wartete, bis er das Gehör aller hatte.
„Wir werden von neuem beginnen. Die verkeilten Holzplanken müssen aus dem Wasser geborgen werden, damit der Fluss sich nicht weiter staut. Anschließend werden die Barren begutachtet und auf weitere Tauglichkeit geprüft. Kleinere Splitterungen werden toleriert, größere Brüche mir gezeigt. Die Taue verwendet weiterhin, sie dürften keine Mängel aufweisen.“
Er sah in die Runde, zu dem einheitlichen Nicken seiner Männer, aber auch dem Frust über die Zerstörung ihrer Arbeit. „Niemand konnte erahnen, dass sie nicht Stand halten würde“, versuchte er sie zufrieden zu stellen. „Adrianos hier meint, Notos hätte aus einer Laune heraus einen Sturm über unsere Stadt geblasen, ungeachtet unserer schweren Arbeit. Niemanden trifft die Schuld, wir werden-…“
„Einer hat es wohl gewusst.“
Der deutlich zu vernehmende Satz ließ den Bauherren inne halten und sich unter seinen Männern umsehen. Er musste nicht lange suchen, um herauszufinden, wer ihn ausgesprochen hatte. Zwei Arbeiter standen etwas abseits, einer wollte etwas sagen, der andere versuchte ihn daran zu hindern. Trotzdem fragte der Bauherr, wer gesprochen hätte und diesen Augenblick nutzte Ionias, ungeachtet der Proteste seines Nebenmannes, um sich auf die Zehenspitzen zu stellen. „Mein Freund hier hat von Anfang an bemerkt, dass der Bau nicht einwandfrei ist.“
Eine kurze Stille entstand, in der sich alle Männer zu den beiden umdrehten.
„Was sprichst du da, Ionias?“, erkundigte sich der Bauherr irritiert und bekam daraufhin die gleiche Antwort. „Er kennt eine bessere Bauweise! Eine stabilere!“
„Ist dem so?“ Die Augen ihres Arbeitgebers suchten den Mann neben Ionias, der versuchte, diesen allein durch Blicke zum Schweigen zu bringen. „Er möge vortreten“, sprach er und beobachtete, wie sich der Mann widerstrebend von seinem Platz löste und der Aufforderung zögerlich nachkam.
Der Blick des Bauherrn ruhte musternd auf ihm. Er erschien ihm nicht älter als Anfang zwanzig, er hatte braune Haare, die er Schulterlang trug und wies einen gesunden Körperbau auf. Dennoch war er ihm nur wage bekannt. Das musste der Mann sein, der vor einigen Wochen in die Stadt gekommen war und nach Arbeit gefragt hatte. Was war noch gleich sein Name gewesen…?
„Wie heißt du?“, sprach er selbige Frage aus und sorgte dafür, dass sein Gegenüber den Blick hob und ihn ansah. Blaue Augen begegnetem dem Bauherrn, als er sie mit „Asterios“ beantwortete.
„Und du maßt dir an, meine Konstruktionspläne in Frage zu stellen?“
Besagter zog die Brauen zusammen und warf einen raschen Blick über seine Schulter zu den Trümmern der eingestürzten Brücke. In Frage stellen, war vielleicht der falsche Ausdruck, schließlich lag klar auf der Hand – oder in diesem Falle im Wasser – dass die Pläne schlecht gewesen waren.
„In mancherlei Hinsicht… ja“, antwortete er wahrheitsgemäß und spürte Ionias’ Nähe in seinem Rücken, der zu ihnen vorgetreten war.
„Und hättest du die Güte, uns allen mitzuteilen, welche das wären?“, fragte der Bauherr mit ironischem Unterton. Asterios bemerkte das sehr wohl, ebenso die Zornesfalten, die sich dem Mann langsam aber sicher auf die Stirn legten. Dennoch, es würde nichts bringen, wenn sie die Brücke erneut aufbauen würden und der nächste Sturm sie abermals einreißen würde.
„Ihr habt sie nicht fundamentiert. Wie sollen die Stützpfeiler halten, wenn sie bloß in den steinigen Boden gerammt und sie ständig von Wasser umspült werden? Und die Vernagelung. Ihr treibt die Nägel in Faserrichtung in das Holz. So trocken wie es ist, splittert es leichter und reißt schneller auf.“
Er hielt inne und vernahm zustimmendes Gemurmel hinter sich. Der Blick des Bauherrn war auf die eingestürzte Brücke gerichtet. Asterios konnte mit Leichtigkeit die Selbstzweifel erkennen, die den Mann befielen und fand Ionias’ vor einigen Tagen gesprochene Worte bestätigt: Dieser Bauherr hatte noch nie eine Brücke errichten lassen.
Dennoch schien sein Auftreten so überzeugend gewesen zu sein, dass die Männer sich sogleich an die Arbeit gemacht und keine einzige noch so falsche Anweisung hinterfragt hatten. Er behielt seine Gedanken für sich. Wenn die anderen Arbeiter nicht von selbst darauf kommen würden, würde er ihren Bauherrn nicht weiter bloßstellen.
Der Mann schien in der Tat nicht zu wissen, wie er nun weiter vorgehen sollte. Schließlich wandte er sich einfach seinen Männern zu, ignorierte Asterios und Ionias auf ganzer Linie und gab Anweisungen, alle Bauelemente zu bergen und zu überprüfen. Erst dann würden sie mit dem Bau fortfahren. Mit diesen Worten ging er, seine Assistenten im Schlepptau, und ließ sie zurück.
„Ich glaube, er hat es verstanden“, meinte Ionias, als er ihm nachsah.
„Dein Glück“, entgegnete Asterios und blickte zu ihm hinüber. „Erhebe nicht noch einmal für mich das Wort!“, warnte er ihn und ließ ihn stehen. Ionias verdrehte die Augen und trottete ihm nach, als Asterios zurück zu den Überresten des Bauwerks ging. „Du solltest mir danken, Asterios. Danken!“
„Weil du den Zorn meines Geldgebers auf mich gelenkt hast?“, erkundigte sich dieser, ohne sich zu ihm umzudrehen.
„Nein, ich habe für deine Beförderung gesorgt!“, sagte Ionias und grinste ihn an, als Asterios doch stehen blieb.
„Hast du Wein getrunken heute Morgen?“
„Bei Dionysos, nein! Ich bin trocken wie ein Fluss in der Wüste!“
„Ionias…“
„Glaube mir, du kannst es noch zu etwas bringen“, sagte dieser und klopfte ihm befürwortend auf die Schulter. „Asterios, der Brückenbauer. Es wird sich herumsprechen.“ Ionias lächelte ein weiteres Mal wohlwollend, ehe er ihn nun seinerseits zurück und mit offenem Mund stehen ließ.
~~*~~
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, als er die Schenke verließ und schluckte die lauten Gespräche der geselligen Menge, so dass sie nur noch als dumpfer Geräuschpegel an sein Gehör drangen. Hephaestion schlang die Arme um seine Brust als er fröstelte und sah hinauf zum Himmelszelt.
Keine einzige Wolke war zu sehen, die die Kälte fernhalten könnte, stattdessen unzählige Sterne, die sich von der Sonne bestrahlen ließen und ihr schwaches Licht auf die Erde schickten. Er seufzte und wandte den Blick ab, ehe er sich aufmachte, zu dem Haus zu gehen, in dem er Unterkunft gefunden hatte.
Sein Weg führte ihn über die verschachtelten Straßen der Stadt, bis dieser sich entlang des breiten Flusses schlängelte. Als Hephaestion an dem bewachsenen Ufer entlang ging, sah er vor sich, wo am Morgen noch die Trümmer der Brücke aus dem Wasser geragt hatten, einen Schatten, der zwischen den gelagerten Holzbalken saß, mal aufstand, prüfend seine Hand über die Holzfasern gleiten ließ oder eine Abschnittstelle begutachtete, um sich dann am anderen Ende der Planken wieder hinzusetzen.
Hephaestion kam näher und erkannte den Bauherrn in der nachtwandelnden Gestalt. Der Mann sah von dem rostigen Nagel auf, den er begutachtend in seiner Hand gehalten hatte und zu ihm hin. Stumm musterte er Hephaestion, bis er das Interesse von ihm ab und zurück auf seinen Werksgegenstand richtete. Hephaestion tat ihm den Gefallen und ließ ihn alleine. Der Bauherr schien seine Fehler eingesehen zu haben. Ebenso Hephaestion. Das nächste Mal würde er früher einschreiten, bevor ein weiterer Bau Gefahr lief, einzustürzen.
An einer Gabelung wählte er den kleineren Weg, der ihn zurück in die Stadt führen würde. Musik drang an seine Ohren und als er weiterging, erkannte er eine kleine Gruppe von Menschen, die vor ihrem Haus ausgelassen zu dem Klang von Lyra, Flöte und reichlich Handgeklapper tanzten. Hephaestion blieb stehen und betrachtete die Szenerie vor sich mit einem sehnsüchtigen Lächeln um die Lippen.
Die Menschen schienen unbeschwert, voller Lebensfreude und glücklich über ihr einfaches Leben, das so anders war, als das am makedonischen Hofe, das er zu leben gelernt hatte. Er erinnerte sich an seine Jugend auf den Ländereien seines Vaters. Damals hatte er davon geträumt, ein großer Feldherr zu sein, Ruhm und Ehre zu erringen.
An der Seite von Alexander hatte er bereits seine erste Schlacht bestritten, damals bei Chaironeia, und all das Leid gesehen, das ein Feldzug mit sich brachte. Sie hatten wenige Verluste erlitten und dennoch: Als er gemeinsam mit Alexander die Reihen der Toten abgeschritten war, hatte er die meisten wieder erkannt.
Auch hier in dieser Stadt waren die Feiernden lediglich Männer, die das kampfesfähige Alter überschritten oder Jungen, die es noch nicht erreicht hatten und Frauen. Es schien als könne sich keiner dem Ruf seines Königs widersetzen. Hephaestion seufzte und wandte sich ab. Auch er konnte ihn vernehmen, Alexander rief nach ihm. Aber noch fühlte er sich nicht bereit ihn zu erhören. Noch nicht…
Er ging weiter, bis er zwischen einigen Tavernen eine Frau in der Dunkelheit der Schatten stehen sah. Sie lehnte mit dem Rücken an der Wand, hatte die Hände ihrerseits um ihre Mitte geschlungen und beobachtete ihn stumm. Hephaestion blieb stehen und erwiderte ihren Blick, bis er wortlos weiterging. Schritte folgten ihm bald darauf in einigem Abstand, stets darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu kommen.
Hephaestion ließ die Schenken zu seiner Rechten und bog einige weitere Mal ab, bis er das Haus erreichte, das seine notdürftige Bleibe darstellte. Er entriegelte die Tür und wurde von Dunkelheit begrüßt, die einzig von dem schwachen Mondlicht durchbrochen wurde, das durch die Läden hereindrang. In der Mitte des Raumes blieb er stehen, unschlüssig, ob er sich die Mühe machen sollte, eine Kerze zu entzünden.
Die Schritte die ihm gefolgt waren, waren verstummt und er spürte deutlich, dass er nicht alleine war. Dennoch bewegte er sich nicht, sondern schloss die Augen, als sich zwei Hände von hinten über seine Schultern schoben und sich auf seine Brust legten. Ein Körper schmiegte sich wärmesuchend an seinen Rücken und weiche Lippen strichen ihm sanft über die Haut in seinem Nacken. Hephaestion lehnte den Kopf nach hinten und erlaubte ihnen weiter vorzudringen, bis die Hände sich von seinem Oberkörper lösten und ihn herumdrehten.
Er öffnete die Augen und blickte in die grünen der Frau, die er zuvor noch in den Schatten gesehen hatte. Sie lächelte und küsste ihn auf die Wange, bevor sie sich von ihm löste und hinüber zu seinem Bett ging, zu dem er ihr bereitwillig folgte. Sie sanken gemeinsam auf die Laken, während sie ihm mit geübten Griffen das Leinen vom Körper strich und er sie ihres Gewandes entledigte.
Wortlos schliefen sie miteinander, vereinigten ihre Körper und gaben sich dem anderen hin, ehe sie erschöpft nebeneinander auf die Laken sanken. Sie blieb bei ihm, eng an ihn geschmiegt, einen Arm um seine Mitte gelegt und schlief, während er noch lange wach blieb. Wie jede Nacht.
Hephaestions Finger spielten mit einer ihrer langen Locken, während er ihr entspanntes Gesicht betrachtete. Die geschwungenen Brauen, die hervorstechenden Wangenknochen und die süßen Lippen, die er noch nie auf den seinen gespürt hatte. Sie küssten sich nicht, wenn sie einander aufsuchten, ebenso wenig wie sie sich liebten. Ihre Zusammenkünfte basierten rein auf dem Wunsch nach Nähe. Nähe nach einem Menschen, einem Gleichgesinnten, einer verlorenen Seele, die die andere ergänzte.
Sie war eine Hure und bot sich den Männern an, sollten diese Trunken aus einem der Gasthäuser torkeln und das Weib zu Hause vergessen haben. Sie hatte keine Familie und war auf das Geld ihrer Freier angewiesen. Ebenso wenig besaß sie einen Namen oder gab ihn zumindest nicht preis. Auf Hephaestions Nachfrage hin, hatte sie lediglich geantwortet, sie würde den wählen, den er ihr geben würde.
Hephaestion wandte den Kopf zur Seite und blickte ziellos durch den Raum. Auf eine andere Art und Weise tat sie das Gleiche wie er. Sie gab sich als jemand Fremdes aus. Während sie sich jedoch von anderen eine immer wieder neue Persönlichkeit geben ließ, besaß Hephaestion keine, bis auf die, die er sich selbst geschaffen hatte. Asterios.
Es war von selbst geschehen. Man hatte ihn gefragt wie er heiße und er hatte „Asterios“ gesagt. Nicht Hephaestion. Er schob es darauf, dass man ihn so nicht finden würde. Falls Alexander nach ihm suchen lassen würde, würde man sich anhand seines Namens nicht an ihn erinnern.
Hephaestion hatte es ihm nicht leicht gemacht. Er hatte bewusst keine Städte und Dörfer angeritten und sich abseits der Wege gehalten. Dies war die erste Stadt, in der er seit längerer Zeit verweilte, um seine Vorräte aufzufrischen und etwas Geld zu verdienen, damit er seine Reise fortsetzen konnte.
Es war ein völlig anderes Leben. Asterios zu sein bedeutete, das Dasein eines einfachen Mannes ohne Stand und nennenswerter Herkunft zu leben. Fern der soldatischen Erziehung, die er genossen hatte, und weitab von Intrigen, Korruptionen und Machtkämpfen.
Hephaestion lebte Asterios und mit ihm ein Leben, das er nicht kannte, eines das ihm in seiner unbekannten Art Frieden gab und die Möglichkeit, sich seinem alten Sein zu erinnern. Dem jungen Mann, der die Flucht ergriffen hatte, nicht sicher, ob er das Richtige tat und doch wissend, dass er es tun musste. Wie oft hatte er sein Pferd gewendet und zurück reiten wollen? Wie oft hatte er sich gleichzeitig gesagt, dass er es nicht durfte?
Hephaestion schluckte und wandte den Blick zu der dunklen Zimmerdecke. Es war wieder da, wie in so vielen Nächten. Ein Ziehen in seiner Brust, das ihm zeigte, dass er etwas vermisste. Jemanden. Er vermisste seine Seele. Er vermisste Alexander. Er sehnte sich nach seiner Nähe, seiner Berührung, seinem Wesen, doch gleichzeitig wusste er, dass er seine Gegenwart nicht ertragen würde.
Seine Wunden waren noch nicht weit genug verheilt. Hephaestion fühlte sich nach wie vor ehrlos, missbraucht und fern jeglichen Selbstwertes. In dieser Verfassung, unwürdig und elendig, konnte er Alexander nicht gegenübertreten. Noch nicht. Er brauchte noch etwas Zeit… und Geld, wenn er praktisch dachte, um seine Reise weiter fortsetzen zu können.
Denn weiterziehen, das musste er. Würde er noch lange in dieser Stadt bleiben, gebunden an das Dasein eines Arbeiters, drohte er Gefahr zu laufen, sich in Asterios’ und dem dazugehörigen einfachen Leben zu verlieren. Er spürte, dass ein Teil von ihm Gefallen an der kennen gelernten Alltäglichkeit gefunden hatte.
Noch war er klein, ein dumpfes Pochen nahe seinem Herzen, doch Hephaestion hatte Angst, dass es stärker werden könnte. Das durfte er nicht zulassen. Schließlich hatte er Alexander das Versprechen gegeben, zu ihm zurückzukehren und er hielt weiterhin daran fest, es nicht zu brechen.
Hephaestion spürte, wie ihm die Augen zufielen, als sich die Müdigkeit über ihn legte. Er gab ihr nach, schloss die Lider und lauschte den tiefen Atemzügen der Frau neben sich, bis er hinüber in die erlösende Schwerelosigkeit eines traumlosen Schlafes sank.
~~*~~
Fern von ihm, in der Stadt Pella, wälzte sich der neue König unruhig in seinem großen Bett umher, gefangen in Träumen, die ihm keinen Frieden bescherten.
„Hephaestion“, drang es gemurmelt über seine Lippen, als er den schemenhaften Reiter in seiner Phantasie immer weiter von sich fort reiten sah. Er streckte die Hände nach ihm aus, rief nach ihm, doch aufhalten konnte er ihn nicht.
Hilflos musste er zusehen, wie er ihm entglitt, sich weiter entfernte, bis er am verblassenden Horizont verschwand und ihn alleine in fremden Gestaden zurückließ.
„’Phaestion…“
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