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von Einsamer Wolf
erstellt: 19.08.2008
letztes Update: 18.12.2008
Geschichte, Drama / P18 Slash
(fertiggestellt)
Disc.: Es ist natürlich wieder alles frei erfunden und verdient wird auch nix.
Also, auf ein Neues … ;-)
--
Er hätte es wissen müssen. Dieser Typ war ihm schon in dem Club so merkwürdig vorgekommen. Aber er hatte sich hinreißen lassen. Seine Triebe hatten gesiegt und er war mitgegangen. Zu dem Kerl nach Hause. Der Sex war dann gar nicht mal schlecht gewesen. Eine Wiederholung hätte er noch nicht mal ausgeschlossen, obwohl ihn der Typ nicht wirklich interessiert hatte. Er sah halt ganz gut aus, hatte einen knackigen Hintern und wusste im Bett, was er tat. Und trotzdem hatte er ein mulmiges Gefühl gehabt, als er gegen Morgen die Wohnung verlassen hatte – ohne sich zu verabschieden.
Und nun hatte er es schwarz auf weiß bzw. besser gesagt: pink auf weiß! In schönen großen Buchstaben. Die BILD-Zeitung leistete ganze Arbeit. Und irgendein scheinheilig-freundlicher Nachbar hatte ihm das Schmierblatt vor die Wohnungstür gelegt, geklingelt und war wieder in seine Anonymität verschwunden.
„CLEMENS FRITZ SCHWUL!
29jähriger: Ja, ich hatte Sex mit ihm.
Es ist raus! Der erste Nationalspieler …“
Clemens ballte die Faust und war schon dabei, die Zeitung zu zerknüllen, doch dann holte er einmal tief Luft, ließ die Zeitung wieder los und faltete sie schließlich sorgsam zusammen. Sein Herz schlug allerdings heftig. Und als er den Kaffeebecher wieder zum Mund führte, zitterte seine Hand.
„Verfluchte Scheiße!“ murmelte er.
Er hatte das Gefühl, als würde sich alles um ihn herum drehen. Kotzübel war ihm. Dabei hatte er noch keinen Bissen intus. Das durfte doch nicht wahr sein! Das musste ein Albtraum sein. Nur irgendwie gelang es ihm nicht, aufzuwachen. So sehr er sich auch bemühte – er war schon wach. Leider! Und die Zeitung vor ihm auf dem Tisch war die knallharte Realität.
Und das alles für einen billigen Orgasmus. Und dann auch noch ausgerechnet nach dieser Nacht. Er wusste, dass er mit dem Feuer spielte, wenn er in Hamburg oder sonst wo in einen schwulen Laden ging. Aber bislang war es immer gut gegangen. Und in Bremen machte er so was nicht. Da hätte ihn nun wirklich jeder sofort erkannt. Und dieses Mal? Es war eine stinknormale Disco gewesen. Ein Heten-Laden in Bremen. Und er war auch nur dort gelandet, weil Sebastian Boenisch, Peter Niemeyer, Aaron Hunt und ein paar andere vor dem Saisonstart noch mal einen drauf machen wollten. Unauffälliger hätte er es also gar nicht machen können. Gut, der Typ war ihm gleich zu Anfang aufgefallen. Und als sie sich zufällig an einer der Bars getroffen hatten, hatten sie sich als „ihresgleichen“ auch sofort erkannt. Schwule halt! Und dann hatte der Kerl ihn beim Gehen abgepasst. Ihn einfach angequatscht. Und er hatte sich überreden lassen, noch etwas zu trinken. Dann war eins zum anderen gekommen. Da die anderen schon weg waren, hätte niemand etwas mitbekommen. Tja, hätte, hätte – offensichtlich brauchte der Typ Geld oder war einfach nur geil darauf gewesen, einen Fußball-Profi zu outen.
Clemens lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. In einer knappen Stunde war Training. Vermutlich lief die Geschichte sogar im Frühstücksfernsehen. Und mit Sicherheit hatte die halbe Mannschaft schon Wind davon bekommen. Der Rest würde es spätestens in der Umkleidekabine erfahren. Und der Verein? Die Presseleute liefen bestimmt schon Sturm in der Geschäftsstelle.
Was für eine Chance hatte er also? Keine. Die Sache war raus. Das ließ sich nicht mehr zurückholen. Und wenn er es dementierte, würden die Medien anfangen, zu graben. Und sicher auch was finden. Glücklich würde er damit definitiv nicht. Das „normale“ Versteckspiel war eh schon schlimm genug. Nach diesem Artikel würde er gejagt werden, bis ihn irgendwer endlich fotografiert und sozusagen der Beweis erbracht hatte, dass er auf Männer stand. ‚Abgeschossen’ – so hieß das doch im Fachjargon.
Und das konnte – nein, wollte er sich nicht antun. Er wollte auch nicht öffentlich leugnen, wer oder was er war. Er war schließlich schon so lange schwul, wie er „sexuell“ überhaupt denken könnte. Und ein Staatsgeheimnis hatte er daraus sogar noch nicht einmal gemacht. Seine Eltern wussten Bescheid. In Erfurt hatte er sogar einen richtigen Freund gehabt. Wenn auch nur für ein paar Monate. Den hatte er seinen Eltern auch tatsächlich vorgestellt. Und es war in Ordnung gewesen. Sie hatten ihn sogar an Weihnachten eingeladen. Gut, seit er Profi war, hatte er sich zurückgehalten. Hier und da mal eine Affäre. Billiger Sex. One night-stands. Nichts Festes. Wie auch? Aber er war halt auch nur ein Kerl, der ab und an mal Sex brauchte. Und wie gesagt, bislang hatte er sich dabei offenbar so geschickt verhalten, dass keiner was mitbekommen hatte.
Ja, er hatte sogar richtig lachen müssen, als die BILD-Zeitung die Single-Story beim EM-Trainingslager auf Mallorca brachte. Vier Singles spielten in der Mannschaft. Per, Christoph, Thomas – und er. Einen Augenblick hatte er sogar überlegt, ob vielleicht einer der drei auch schwul war, aber da wäre der Zufall dann doch reichlich groß gewesen. Und dann diese komische Szene nach dem Sieg gegen die Türkei, wo er erst lange mit seiner Mutter im Stadion geredet hatte und dann dabei gefilmt worden war, wie er im Kabinengang eine Frau geküsst hatte. Tja, eine gute Freundin aus Erfurt, die mit seinen Eltern das Spiel besucht hatte. Sie küssten sich schon immer auf den Mund – zur Begrüßung und zur Verabschiedung. Aber er war hinterher tatsächlich darauf angesprochen worden, ob er aus der Single-Fraktion ausgeschieden sei. Verrückt!
Clemens stand auf und schaute aus dem Küchenfenster auf die Straße. Dort war niemand zu sehen.
„Noch nicht!“ brummte er.
Das Telefon klingelte.
„Ach, geht’s los?“ fragte er sich selbst halblaut.
Zögernd nahm er das Telefon von der Ladestation und schaute auf das Display. ‚Unbekannt’. Gut, da würde er jetzt definitiv nicht drangehen. Jeder, mit dem er vielleicht hätte reden wollen, hatte seine Handy-Nummer und war hoffentlich so klug, seine Nummer nicht zu unterdrücken. Er schaltete das Telefon auf stumm. In einer halben Stunde musste er eh los.
Ihm wurde heiß und wieder kalt. Er spürte, wie seine Durchblutung sich steigerte und dann offenbar wieder verlangsamte. Wie würde die Mannschaft wohl reagieren? Niemand wusste bislang davon. Und er hatte keine Ahnung, was die Jungs so über das Thema dachten. In letzter Zeit war Homosexualität im Profi-Fußball ja irgendwie en vogue. Aber trotz aller Medienberichte hatten sie im Team nie darüber gesprochen. Er wusste sogar noch nicht mal, was jemand wie Per darüber dachte. Und mit dem war er immerhin wirklich befreundet.
„Tja, jetzt müssen sie zeigen, was sie davon halten“, dachte er grimmig.
Oder sollte er zurücktreten? Aufhören? Jetzt? Sofort? Er könnte Allofs anrufen und um eine Vertragsauflösung bitten. Und vermutlich würde der sogar einwilligen. Dann wäre Werder den ganzen Ärger los. Finanziell würde er das sogar eine ganze Weile aushalten, ohne dass er etwas ändern müsste.
„Ich kann ja meine Knete erst mal mit Talkshow-Auftritten verdienen!“
Ihm wurde fast schlecht, als er darüber nachdachte, wie sehr sich alle um ihn reißen würden. Beckmann, Kerner und wie sie alle hießen. Jeder würde ihn in seiner Sendung haben wollen. Egal, was er jetzt tat. Und jeder, der ihn bislang nicht kannte, kannte ihn spätestens seit diesem Morgen.
Sein Blick fiel auf ein paar Briefumschläge, die auf dem Küchentisch lagen. Ein Schreiben der Citi-Bank war auch dabei.
„Die werden sich freuen“, lachte er freudlos.
Seit ein paar Tagen hingen die Werbeplakate überall in Deutschland. „Wunschspieler“. Das er nicht lachte. Er zwischen zwei Frauen, die ihn auf die Wangen küssten. Er sah so scheiße auf dem Bild auf. Jeder mit Verstand konnte sehen, dass er dieses Shooting zum Kotzen gefunden hatte. Und wie geheuchelt diese Bilder waren. Aber was tat man nicht alles für den Sponsor. Tja, und nun? Der Werbe-Effekt war jetzt jedenfalls ein anderer, als geplant.
Clemens stand auf. Aufgeben? Sollte er jetzt wirklich kneifen? Den Schwanz einziehen? Er musste grinsen. Das hätte er vielleicht vorher tun sollen.
In gewisser Weise hatte er ja gar keine Entscheidung zu treffen. Der erste schwule Profi. Ja, der erste schwule Nationalspieler war er jetzt in jedem Fall. Egal, ob er aufhörte oder versuchte, es auszuhalten. Wobei er keine Vorstellung davon hatte, was es bedeuten würde, es zu versuchen. Vielleicht wurde er am Ende der Held. Er, der es auf sich genommen hatte, und die Fußball-, vielleicht die ganze Sportwelt verändert hatte.
„Pah!“
Auf derlei Ruhm konnte er auch verzichten. Aber jetzt so sang- und klanglos verschwinden. Alles hinschmeißen, wofür er nach seinem Beinbruch so lange gekämpft hatte? Wofür er erst im Winter eine Leisten-OP auf sich genommen hatte? Das passte eigentlich nicht zu ihm. Zu seinem Dickschädel.
Gut, dass es im Stadion die Hölle werden würde, war klar. Und auch aus anderen Mannschaften würde ihm so einiges blühen. Aber wie seine eigenen Leute reagieren würden, da war er sich nicht so sicher. Bestimmt waren ein paar Vollidioten dabei, die jetzt nicht mehr mit ihm gemeinsam unter die Dusche gehen würden. Sprüche wie „Nie nach der Seife bücken“ oder „Immer schön mit dem Arsch zur Wand“ würden sicher kommen. Aber würde ihn seine Mannschaft wirklich ablehnen, ausgrenzen, verbannen? Es waren schließlich eine ganze Reihe junger und kluger Typen dabei, die in Sachen Homosexualität eigentlich schon ziemlich modern aufgewachsen waren. So Leute wie Sebastian, Aaron oder Per – die hatten schon in jeder Fernsehserie den Quoten-Schwulen erlebt, die hatten über Hape Kerkeling gelacht, Elton John gehört oder sich Rupert Everett im Kino angesehen. Hatten sie dann wirklich etwas gegen Schwule?
Ja, er wusste auch, dass es einen Unterschied machte, ob es im Fernsehen oder sonst wo auftauchte oder ob es einen in der eigenen Mannschaftsdusche betraf. Aber mal ehrlich! Konnte es ihnen nicht auch eigentlich total egal sein? Bislang hatte er sich doch auch nicht an ihnen vergriffen oder mit ’nem Ständer in der Dusche gestanden. Auch wenn der ein oder andere durchaus einer war, den er nicht von der Bettkante schubsen würde.
Clemens seufzte.
Sollte er vielleicht doch vorher mit jemandem reden? Aber mit wem? Per war dummerweise noch in Bayern bei seiner Reha. Und sonst? Marco? Der konnte ihm vielleicht gut zureden, wenn er noch mit ihm reden würde, aber er war schließlich beim Training nicht dabei.
„Womit hab ich das verdient?“ murmelte Clemens und sah auf die Uhr.
Wenn er pünktlich sein wollte, dann musste er jetzt los. Und vor dem Trainingsgelände war die Journalistentruppe bestimmt in Regimentsstärke angetreten, um ihren verfickten O-Ton einzufangen.
Er zog sich seine Trainingsjacke über. Eigentlich hatte er noch ein paar Runden drehen wollen, bevor das Training richtig angefangen hätte, aber das konnte er jetzt in jedem Fall vergessen.
Vorsichtig öffnete er seine Wohnungstür. Im Treppenhaus war nichts zu hören.
„Also, los jetzt! Aufhören kann ich nachher immer noch!“ machte er sich selbst Mut.
Er kam sich beobachtet vor. Als ob jeder Nachbar hinter seinem Türspion stand und dem schwulen Clemens Fritz dabei zusah, wie er zum Training fuhr. Paranoia! Aber so würde sein Leben vielleicht in Zukunft sein. Ab sofort! Ab dem Moment, als die BILD-Zeitung sein Privatleben zur öffentlichen Angelegenheit gemacht hatte.
Es überraschte ihn wirklich, dass niemand vor dem Haus auf ihn wartete. Gut, die Privatadressen der Spieler waren nicht allgemein bekannt, aber die Presse würde doch trotzdem herausfinden können, wo er wohnte. Offenbar machten sie es sich leicht und warteten einfach bei Werder auf ihn. Aber sie würden schon früh genug bei ihm zu Hause auf der Lauer liegen. Sein Wagen stand gegenüber. Die Parkplatzsuche am Vorabend hatte ein glückliches Ende gehabt. Das war im Viertel ja gar nicht so einfach. Aber wegziehen, um in den Genuss einer Tiefgarage zu kommen, das war bislang nie für ihn in Frage gekommen. Und seit er einen Dienst-Polo fuhr, ging es auch leichter. Sein eigentliches Auto stand tatsächlich in einer angemieteten Garage.
„Auf in den Kampf!“ brummte Clemens, aber eigentlich war ihm zum Heulen zumute. Nichts würde mehr so sein, wie es bis vor ein paar Stunden gewesen war.
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Dieses Mal trau ich mich wirklich an eine Coming out-Geschichte heran. Bin mal gespannt, ob mir das gelingt. Eine rosarote alles easy-Geschichte wird es jedenfalls nicht… Bin neugierig, was ihr davon haltet… ;-)
Also, auf ein Neues … ;-)
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Er hätte es wissen müssen. Dieser Typ war ihm schon in dem Club so merkwürdig vorgekommen. Aber er hatte sich hinreißen lassen. Seine Triebe hatten gesiegt und er war mitgegangen. Zu dem Kerl nach Hause. Der Sex war dann gar nicht mal schlecht gewesen. Eine Wiederholung hätte er noch nicht mal ausgeschlossen, obwohl ihn der Typ nicht wirklich interessiert hatte. Er sah halt ganz gut aus, hatte einen knackigen Hintern und wusste im Bett, was er tat. Und trotzdem hatte er ein mulmiges Gefühl gehabt, als er gegen Morgen die Wohnung verlassen hatte – ohne sich zu verabschieden.
Und nun hatte er es schwarz auf weiß bzw. besser gesagt: pink auf weiß! In schönen großen Buchstaben. Die BILD-Zeitung leistete ganze Arbeit. Und irgendein scheinheilig-freundlicher Nachbar hatte ihm das Schmierblatt vor die Wohnungstür gelegt, geklingelt und war wieder in seine Anonymität verschwunden.
„CLEMENS FRITZ SCHWUL!
29jähriger: Ja, ich hatte Sex mit ihm.
Es ist raus! Der erste Nationalspieler …“
Clemens ballte die Faust und war schon dabei, die Zeitung zu zerknüllen, doch dann holte er einmal tief Luft, ließ die Zeitung wieder los und faltete sie schließlich sorgsam zusammen. Sein Herz schlug allerdings heftig. Und als er den Kaffeebecher wieder zum Mund führte, zitterte seine Hand.
„Verfluchte Scheiße!“ murmelte er.
Er hatte das Gefühl, als würde sich alles um ihn herum drehen. Kotzübel war ihm. Dabei hatte er noch keinen Bissen intus. Das durfte doch nicht wahr sein! Das musste ein Albtraum sein. Nur irgendwie gelang es ihm nicht, aufzuwachen. So sehr er sich auch bemühte – er war schon wach. Leider! Und die Zeitung vor ihm auf dem Tisch war die knallharte Realität.
Und das alles für einen billigen Orgasmus. Und dann auch noch ausgerechnet nach dieser Nacht. Er wusste, dass er mit dem Feuer spielte, wenn er in Hamburg oder sonst wo in einen schwulen Laden ging. Aber bislang war es immer gut gegangen. Und in Bremen machte er so was nicht. Da hätte ihn nun wirklich jeder sofort erkannt. Und dieses Mal? Es war eine stinknormale Disco gewesen. Ein Heten-Laden in Bremen. Und er war auch nur dort gelandet, weil Sebastian Boenisch, Peter Niemeyer, Aaron Hunt und ein paar andere vor dem Saisonstart noch mal einen drauf machen wollten. Unauffälliger hätte er es also gar nicht machen können. Gut, der Typ war ihm gleich zu Anfang aufgefallen. Und als sie sich zufällig an einer der Bars getroffen hatten, hatten sie sich als „ihresgleichen“ auch sofort erkannt. Schwule halt! Und dann hatte der Kerl ihn beim Gehen abgepasst. Ihn einfach angequatscht. Und er hatte sich überreden lassen, noch etwas zu trinken. Dann war eins zum anderen gekommen. Da die anderen schon weg waren, hätte niemand etwas mitbekommen. Tja, hätte, hätte – offensichtlich brauchte der Typ Geld oder war einfach nur geil darauf gewesen, einen Fußball-Profi zu outen.
Clemens lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. In einer knappen Stunde war Training. Vermutlich lief die Geschichte sogar im Frühstücksfernsehen. Und mit Sicherheit hatte die halbe Mannschaft schon Wind davon bekommen. Der Rest würde es spätestens in der Umkleidekabine erfahren. Und der Verein? Die Presseleute liefen bestimmt schon Sturm in der Geschäftsstelle.
Was für eine Chance hatte er also? Keine. Die Sache war raus. Das ließ sich nicht mehr zurückholen. Und wenn er es dementierte, würden die Medien anfangen, zu graben. Und sicher auch was finden. Glücklich würde er damit definitiv nicht. Das „normale“ Versteckspiel war eh schon schlimm genug. Nach diesem Artikel würde er gejagt werden, bis ihn irgendwer endlich fotografiert und sozusagen der Beweis erbracht hatte, dass er auf Männer stand. ‚Abgeschossen’ – so hieß das doch im Fachjargon.
Und das konnte – nein, wollte er sich nicht antun. Er wollte auch nicht öffentlich leugnen, wer oder was er war. Er war schließlich schon so lange schwul, wie er „sexuell“ überhaupt denken könnte. Und ein Staatsgeheimnis hatte er daraus sogar noch nicht einmal gemacht. Seine Eltern wussten Bescheid. In Erfurt hatte er sogar einen richtigen Freund gehabt. Wenn auch nur für ein paar Monate. Den hatte er seinen Eltern auch tatsächlich vorgestellt. Und es war in Ordnung gewesen. Sie hatten ihn sogar an Weihnachten eingeladen. Gut, seit er Profi war, hatte er sich zurückgehalten. Hier und da mal eine Affäre. Billiger Sex. One night-stands. Nichts Festes. Wie auch? Aber er war halt auch nur ein Kerl, der ab und an mal Sex brauchte. Und wie gesagt, bislang hatte er sich dabei offenbar so geschickt verhalten, dass keiner was mitbekommen hatte.
Ja, er hatte sogar richtig lachen müssen, als die BILD-Zeitung die Single-Story beim EM-Trainingslager auf Mallorca brachte. Vier Singles spielten in der Mannschaft. Per, Christoph, Thomas – und er. Einen Augenblick hatte er sogar überlegt, ob vielleicht einer der drei auch schwul war, aber da wäre der Zufall dann doch reichlich groß gewesen. Und dann diese komische Szene nach dem Sieg gegen die Türkei, wo er erst lange mit seiner Mutter im Stadion geredet hatte und dann dabei gefilmt worden war, wie er im Kabinengang eine Frau geküsst hatte. Tja, eine gute Freundin aus Erfurt, die mit seinen Eltern das Spiel besucht hatte. Sie küssten sich schon immer auf den Mund – zur Begrüßung und zur Verabschiedung. Aber er war hinterher tatsächlich darauf angesprochen worden, ob er aus der Single-Fraktion ausgeschieden sei. Verrückt!
Clemens stand auf und schaute aus dem Küchenfenster auf die Straße. Dort war niemand zu sehen.
„Noch nicht!“ brummte er.
Das Telefon klingelte.
„Ach, geht’s los?“ fragte er sich selbst halblaut.
Zögernd nahm er das Telefon von der Ladestation und schaute auf das Display. ‚Unbekannt’. Gut, da würde er jetzt definitiv nicht drangehen. Jeder, mit dem er vielleicht hätte reden wollen, hatte seine Handy-Nummer und war hoffentlich so klug, seine Nummer nicht zu unterdrücken. Er schaltete das Telefon auf stumm. In einer halben Stunde musste er eh los.
Ihm wurde heiß und wieder kalt. Er spürte, wie seine Durchblutung sich steigerte und dann offenbar wieder verlangsamte. Wie würde die Mannschaft wohl reagieren? Niemand wusste bislang davon. Und er hatte keine Ahnung, was die Jungs so über das Thema dachten. In letzter Zeit war Homosexualität im Profi-Fußball ja irgendwie en vogue. Aber trotz aller Medienberichte hatten sie im Team nie darüber gesprochen. Er wusste sogar noch nicht mal, was jemand wie Per darüber dachte. Und mit dem war er immerhin wirklich befreundet.
„Tja, jetzt müssen sie zeigen, was sie davon halten“, dachte er grimmig.
Oder sollte er zurücktreten? Aufhören? Jetzt? Sofort? Er könnte Allofs anrufen und um eine Vertragsauflösung bitten. Und vermutlich würde der sogar einwilligen. Dann wäre Werder den ganzen Ärger los. Finanziell würde er das sogar eine ganze Weile aushalten, ohne dass er etwas ändern müsste.
„Ich kann ja meine Knete erst mal mit Talkshow-Auftritten verdienen!“
Ihm wurde fast schlecht, als er darüber nachdachte, wie sehr sich alle um ihn reißen würden. Beckmann, Kerner und wie sie alle hießen. Jeder würde ihn in seiner Sendung haben wollen. Egal, was er jetzt tat. Und jeder, der ihn bislang nicht kannte, kannte ihn spätestens seit diesem Morgen.
Sein Blick fiel auf ein paar Briefumschläge, die auf dem Küchentisch lagen. Ein Schreiben der Citi-Bank war auch dabei.
„Die werden sich freuen“, lachte er freudlos.
Seit ein paar Tagen hingen die Werbeplakate überall in Deutschland. „Wunschspieler“. Das er nicht lachte. Er zwischen zwei Frauen, die ihn auf die Wangen küssten. Er sah so scheiße auf dem Bild auf. Jeder mit Verstand konnte sehen, dass er dieses Shooting zum Kotzen gefunden hatte. Und wie geheuchelt diese Bilder waren. Aber was tat man nicht alles für den Sponsor. Tja, und nun? Der Werbe-Effekt war jetzt jedenfalls ein anderer, als geplant.
Clemens stand auf. Aufgeben? Sollte er jetzt wirklich kneifen? Den Schwanz einziehen? Er musste grinsen. Das hätte er vielleicht vorher tun sollen.
In gewisser Weise hatte er ja gar keine Entscheidung zu treffen. Der erste schwule Profi. Ja, der erste schwule Nationalspieler war er jetzt in jedem Fall. Egal, ob er aufhörte oder versuchte, es auszuhalten. Wobei er keine Vorstellung davon hatte, was es bedeuten würde, es zu versuchen. Vielleicht wurde er am Ende der Held. Er, der es auf sich genommen hatte, und die Fußball-, vielleicht die ganze Sportwelt verändert hatte.
„Pah!“
Auf derlei Ruhm konnte er auch verzichten. Aber jetzt so sang- und klanglos verschwinden. Alles hinschmeißen, wofür er nach seinem Beinbruch so lange gekämpft hatte? Wofür er erst im Winter eine Leisten-OP auf sich genommen hatte? Das passte eigentlich nicht zu ihm. Zu seinem Dickschädel.
Gut, dass es im Stadion die Hölle werden würde, war klar. Und auch aus anderen Mannschaften würde ihm so einiges blühen. Aber wie seine eigenen Leute reagieren würden, da war er sich nicht so sicher. Bestimmt waren ein paar Vollidioten dabei, die jetzt nicht mehr mit ihm gemeinsam unter die Dusche gehen würden. Sprüche wie „Nie nach der Seife bücken“ oder „Immer schön mit dem Arsch zur Wand“ würden sicher kommen. Aber würde ihn seine Mannschaft wirklich ablehnen, ausgrenzen, verbannen? Es waren schließlich eine ganze Reihe junger und kluger Typen dabei, die in Sachen Homosexualität eigentlich schon ziemlich modern aufgewachsen waren. So Leute wie Sebastian, Aaron oder Per – die hatten schon in jeder Fernsehserie den Quoten-Schwulen erlebt, die hatten über Hape Kerkeling gelacht, Elton John gehört oder sich Rupert Everett im Kino angesehen. Hatten sie dann wirklich etwas gegen Schwule?
Ja, er wusste auch, dass es einen Unterschied machte, ob es im Fernsehen oder sonst wo auftauchte oder ob es einen in der eigenen Mannschaftsdusche betraf. Aber mal ehrlich! Konnte es ihnen nicht auch eigentlich total egal sein? Bislang hatte er sich doch auch nicht an ihnen vergriffen oder mit ’nem Ständer in der Dusche gestanden. Auch wenn der ein oder andere durchaus einer war, den er nicht von der Bettkante schubsen würde.
Clemens seufzte.
Sollte er vielleicht doch vorher mit jemandem reden? Aber mit wem? Per war dummerweise noch in Bayern bei seiner Reha. Und sonst? Marco? Der konnte ihm vielleicht gut zureden, wenn er noch mit ihm reden würde, aber er war schließlich beim Training nicht dabei.
„Womit hab ich das verdient?“ murmelte Clemens und sah auf die Uhr.
Wenn er pünktlich sein wollte, dann musste er jetzt los. Und vor dem Trainingsgelände war die Journalistentruppe bestimmt in Regimentsstärke angetreten, um ihren verfickten O-Ton einzufangen.
Er zog sich seine Trainingsjacke über. Eigentlich hatte er noch ein paar Runden drehen wollen, bevor das Training richtig angefangen hätte, aber das konnte er jetzt in jedem Fall vergessen.
Vorsichtig öffnete er seine Wohnungstür. Im Treppenhaus war nichts zu hören.
„Also, los jetzt! Aufhören kann ich nachher immer noch!“ machte er sich selbst Mut.
Er kam sich beobachtet vor. Als ob jeder Nachbar hinter seinem Türspion stand und dem schwulen Clemens Fritz dabei zusah, wie er zum Training fuhr. Paranoia! Aber so würde sein Leben vielleicht in Zukunft sein. Ab sofort! Ab dem Moment, als die BILD-Zeitung sein Privatleben zur öffentlichen Angelegenheit gemacht hatte.
Es überraschte ihn wirklich, dass niemand vor dem Haus auf ihn wartete. Gut, die Privatadressen der Spieler waren nicht allgemein bekannt, aber die Presse würde doch trotzdem herausfinden können, wo er wohnte. Offenbar machten sie es sich leicht und warteten einfach bei Werder auf ihn. Aber sie würden schon früh genug bei ihm zu Hause auf der Lauer liegen. Sein Wagen stand gegenüber. Die Parkplatzsuche am Vorabend hatte ein glückliches Ende gehabt. Das war im Viertel ja gar nicht so einfach. Aber wegziehen, um in den Genuss einer Tiefgarage zu kommen, das war bislang nie für ihn in Frage gekommen. Und seit er einen Dienst-Polo fuhr, ging es auch leichter. Sein eigentliches Auto stand tatsächlich in einer angemieteten Garage.
„Auf in den Kampf!“ brummte Clemens, aber eigentlich war ihm zum Heulen zumute. Nichts würde mehr so sein, wie es bis vor ein paar Stunden gewesen war.
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Dieses Mal trau ich mich wirklich an eine Coming out-Geschichte heran. Bin mal gespannt, ob mir das gelingt. Eine rosarote alles easy-Geschichte wird es jedenfalls nicht… Bin neugierig, was ihr davon haltet… ;-)
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