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Geschichte: Freie Arbeiten
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von CmdGabriel
erstellt: 20.06.2008
letztes Update: 13.08.2009
Geschichte, Allgemein / P12
(abgebrochen, keine anonymen Reviews)
Wer sollte die Geschichte erzählen und warum genau in diesem Moment?
Die Frage der Perspektive hat Auswirkungen auf die Möglichkeiten des Erzählers auf der einen und die Möglichkeiten des Autors, Informationen zu verteilen auf der anderen. (Ihr merkt schon: Erzähler ungleich Autor)
Auch kann man überlegen, welcher Erzähler bei der objektiven Wahrheit bleiben muss und welcher vielleicht falsche oder unvollständige Informationen hat.
Die Auswahl von Perspektive und Erzählzeit erzeugt völlig unterschiedliche Möglichkeiten und Restriktionen. Es kann durchaus sein, dass man eine Geschichte in einer Perspektive anfängt und dann nach dem zweiten oder dritten Kapitel feststellt: Das klappt so nicht. Dann bleibt einem nichts übrig, als die Geschichte umzuschreiben, um sie zu retten.
Es hilft, sich im Vorfeld die Geschichte durch verschiedene Filter (Ich /Du/Er, Gegenwart/Vergangenheit) vorzustellen, um Mehrarbeit zu verhindern und gleich das „richtige Setting“ hinzubekommen.
Erste Person / Ich-Perspektive
Die Tür war nicht verschlossen, dass wusste ich, weil das altmodische „Notausgang“ noch deutlich zu lesen war. Trotzdem bewegte dich die Tür keinen Millimeter, als ich mich dagegen stemmte. Immer wieder warf ich mich gegen die Tür, bis mein ganzer Körper schmerzte. Mit dem letzten Versuch, den meine Schultern noch aushielten, hatte ich dann Erfolg. Als ich den Widerstand überwunden hatte, schlug die Tür mit einem lauten Knall gegen die Innenseite der riesigen Maschinenhalle, welche nun im Halbdunkel vor mir lag. Der Knall schien mit endlos zwischen den gigantischen Maschinen hin und her zu hallen, während ich mir der Schmerzen in meinem Körper bewusst wurde.
Die erste Person (Ich-Perspektive) erlaubt es den Leser am nahesten an die Hauptfigur zu bringen, da der Erzähler gleichzeitig diese Hauptfigur ist. Er sieht die Welt quasi mit seinen Augen.
Natürlich hat die erste Person auch Einschränkungen: Alles was die Hauptfigur nicht sieht, kann der Leser auch nicht sehen. Der Autor kann also mit der eingeschränkten Fähigkeit des Ich-Erzählers, die Wirklichkeit wahrzunehmen spielen und damit später überraschende Wendungen erzeugen
Es gibt noch weitere Eigenschaft: Der Autor kann in der Ich-Perspektive nur den Wortschatz und das Weltwissen verwenden, den auch seine Hauptfigur entspricht. Ist die Geschichte also beispielsweise aus den Augen eines Kinds, dann wird die Welt auch nur mit dem Intellekt eines Kinds interpretiert.
Wenigstens hat der Autor hier noch die Möglichkeit, die Hauptfigur Dinge zwar sehen aber nicht verstehen zu lassen. Der Leser hat dann also ggf. ein erweitertes Bild, als der Erzähler selbst. Auf diese Weise ließe sich dann beispielsweise Spannung aufbauen, weil der Leser das Unheil kommen sieht – der Erzähler jedoch nicht.
Übungsaufgabe 1: Schreibe eine kurze Szene aus Ich-Perspektive, bei dem der Leser aus den geschilderten Informationen wesentlich mehr erfährt, als der Ich-Erzähler.
Persönlich sehe ich auch immer die Gefahr, dass sich mein Ich-Erzähler zu sehr mit meiner eigenen Wahrnehmung vermischt, anstatt des der Erzähler sich charaktertreu bleibt mutiert der Autor zum Erzähler.
Zweite Person / Du-Perspektive
Dir ist klar, dass diese Tür nicht verschlossen sein kann– es ist ein Notausgang. Als du sie jedoch öffnen willst, bewegt sie sich keinen Millimeter. Mit aller Kraft stemmst du dich dagegen – ohne Ergebnis! Du weißt, dass du durch diese Tür musst, also wirfst du dich mit aller Wucht gegen sie, bis deine Schultern grün und blau sind. Du willst schon aufgeben und dich deinem Schicksal ergeben, als du dich ein letztes Mal aufbäumst und mit aller Kraft, die du noch hast, gegen die Tür wirfst. Die Tür öffnet sich und schlägt mit einem lauten Knall gegen die Innenwand der Halle. Es ist so dunkel, dass du kaum etwa sehen kannst, aber der Knall scheint sich endlos zwischen den Reihen der riesigen Maschinen fortzupflanzen. Jetzt erst bemerkst du das Ausmaß der Schmerzen und du drohst ohnmächtig zu werden.
Die Du-Perspektive ist sehr selten in Gebrauch – zumindest habe ich noch nicht viele Geschichten in „du“ gelesen. Der Autor entführt quasi den Leser und kann ihn so zum Täter machen. Wir kennen einige Beispiele aus dem Rollenspielbereich.
Der große Vorteil ist, die Nähe, die sich zum Leser herstellen lässt. Der Leser wird quasi gezwungen, sich mit der Hauptfigur zu identifizieren.
Natürlich ist das ein Spiel mit dem Feuer, da der Leser das Buch viel schneller zur Seite legen wird, wenn es ihm nicht gefällt – wir haben ihn ja quasi überrumpelt. Auch müssen Du-Texte sehr zielgerichtet auf die Leserschaft zugeschnitten sein, sonst funktionieren sie nicht.
Mir scheint außerdem, dass Du-Texte noch mehr an Nähe gewinnen, wenn sie im Präsens (Gegenwart) geschrieben sind. Ein Du-Text in der Vergangenheit mag nur bedingt Sinn ergeben?!
Übungsaufgabe 2: Schreibe eine kurze Szene aus Du-Perspektive, bei dem der Leser die Kontrolle über sich selbst verliert und etwas tut, was er sonst vermutlich nie tun würde.
Dritte Person / Er/Sie/Es-Perspektive
Er flüchtete so schnell konnte den Gang hinunter bis er am Notausgang ankam. Er rüttelte an der Tür. Aber sie bewegte sie sich keinen Millimeter. Mit aller Kraft stemmet er sich dagegen – ohne Ergebnis! Mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck warf er sich immer wieder gegen die Tür, während das unsagbare Grauen näher kam. Er sah aus, als wollte er schon aufgeben und sich seinem Schicksal ergeben, als er sich ein letztes Mal aufbäumte und mit aller Kraft gegen die Tür warf. Da öffnete sich die Tür und schlug mit einem lauten Knall gegen die Innenwand der Halle. Mysteriös lagen die Schatten wie dunklen Flecken zwischen den riesigen Maschinen. Von Schmerzen gepeinigt humpelte er los.
Die dritte Person gibt dem Autor in der Regel die meiste Freiheit. Der Erzähler kann nah an der Hauptfigur bleiben, aber sich auch entfernen und Informationen liefern, welche die Hauptfigur selbst nicht wissen kann („...während das unsagbare Grauen näher kam...“).
Vermutlich ist der große Freiheitsgrad (=Gefahrlosigkeit für den Autor) auch der Grund, weshalb diese Form am häufigsten gewählt wird.
Natürlich ist das schade, wenn sich eine der beiden oben genannten Perspektiven gut hätte anwenden lassen und der Geschichte damit einen eigenen Kick gegeben hätte.
Wenn die dritte Person Perspektive sehr nah an einem einzigen Hauptdarsteller bleibt, dann kann man damit eine Nähe erzeugen, die der Ich-Perspektive sehr nahe kommt. Harry Potter ist übrigens ein Beispiel dafür.
Es gibt bei der dritten Person eine große Gefahr von Inkonsistenz, wenn dem Autor nicht der Unterschied zwischen der „beschränkten dritten Person“ und der „unbeschränkten dritten Person“ bewusst ist.
Die unbeschränkte dritte Person betrachtet von außen:
Mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck warf er sich immer wieder gegen die Tür, während das unsagbare Grauen näher kam.
Die beschränkte dritte Person betrachtet von innen:
Verzweifelt warf er sich immer wieder gegen die Tür. Geh endlich auf, dachte er, denn er würde nur noch wenige Sekunden haben, bis das unsagbare Grauen den schmalen Vorsprung aufgeholt hätte.
Die beschränkte dritte Peson funktioniert nur, wenn man sich auf eine einzige Person konzentriert. Ich versuche in einem kurzen Beispiel zu verdeutlichen, wie die Geschichte sabotiert wird, wenn man nicht aufpasst:
Er flüchtete so schnell konnte den Gang hinunter bis er am Notausgang ankam. Geh auf! Geh endlich auf, dachte er verzweifelt. Er rüttelte an der Tür. Aber sie bewegte sie sich keinen Millimeter. Mit aller Kraft stemmet er sich dagegen – ohne Ergebnis! Verzweifelt warf er sich immer wieder gegen die Tür. Gleich habe ich dich, dachte das unsichtbare Grauen! Er wollte schon aufgeben und sich seinem Schicksal ergeben, als er sich ein letztes Mal aufbäumte und mit aller Kraft gegen die Tür warf. Da öffnete sich die Tür und schlug mit einem lauten Knall gegen die Innenwand der Halle. Mysteriös lagen die Schatten wie dunklen Flecken zwischen den riesigen Maschinen. Sein ganzer Körper schmerzte und wollte aufschreien, aber humpelte mühsam los in die Schatten der Maschienenhalle.
Durch den kurzen Einwurf der Gedanken des „unsichtbaren Grauens“ wird die Geschichte sabotiert. Der Erzähler weiß zu viel! Viele Leser werde nicht wissen, was sie gerade an dieser Geschichte stört, aber der „Gedankensprung“ stört den Spannungsbogen. Und wenn schon gesprungen wird – dann bitte nicht mitten in einem Kapitel oder Abschnitt!
Die Wahl ob eine beschränkte dritte Peson oder unbeschränkte dritte Peson genommen werden sollte hängt von der Geschichte ab. Für eine sehr kurze Geschichte ist die nähere beschränkte dritte Person sicher die bessere Wahl. Für eine längere Geschichte könnten die Einschränkungen der beschränkte dritte Person zu einschneidend sein.
Alternativ kann man eben in jedem Kapitel mit einer neuen beschränkten dritten Person (dem aktuellen „Hauptdarsteller“) arbeiten.
Keine Aufgabe – das kannst Du schon.
Perspektivwechsel
Auf zum fröhlichen Regelbruch!
Es ist unüblich, die Perspektive zu wechseln. Damit meine ich jetzt nicht, einen Ortswechsel des dritten Person Erzählers, sondern eine echte Perspektivänderung des Erzählers.
Es liegt auf der Hand, dass so etwas schnell schief gehen kann, weil man dem Autor eher einen Fehler, als Absicht unterstellt.
Je kürzer die Geschichte ist, umso schwieriger ist ein Perspektivwechsel durchzuführen, weil die Geschichte sonst schnell „dahingerotzt“ aussieht. (Also die übliche schlechte Qualität, die vom Autor dann mit „Es ist ja nur ein One-Shot!“ erklärt wird.)
Aber stellen wir uns folgendes Szenario vor:
Eine Dritte Person Geschichte über einen jungen, feschen Soldaten der in den Krieg zieht und allerlei Abenteuer erlebt. Jetzt will der Autor aber keinen Merkel-und-der-Krieg-sind-toll Roman schreiben, sondern ein Antikriegsdrama. Wie verhindert er, dass man den Krieg – trotz des toten besten Freunds des feschen Soldaten – dann doch irgendwie romantisch findet?
Er könnte gegen Ende plötzlich einen Wechsel in die Ich-Perspektive des Kindes machen, dessen Vater der fesche Soldat gerade erschossen hat.
Wenn der Autor einen Perspektivwechsel vornimmt, fragt sich der Leser unwillkürlich: „Warum hat er das getan?“ Das hat zwei Konsequenzen:
1. Wir haben die Aufmerksamkeit des Lesers. Wenn wir diese Aufmerksamkeit nicht mit einer guten Erklärung würdigen, vergraulen wir uns den Leser.
2. Die Identifikationsphase wird unterbrochen. Es wird dem Leser sehr schnell bewusst, dass er mitten in einer erfundenen Geschichte ist. Wollen wir diesen Preis wirklich bezahlen?
Der Autor muss sich sehr bewusst sein, was er da tut und welche Folgen es hat. Und er muss es vorsichtig tun. Etwa als wollte er auf der Straße abbiegen: Zuerst den Blinker setzen, dann die Spur wechseln. Wieder den Blinker setzen und zurück wechseln. Alles andere wäre dann wie ein betrunkener Fahrer im Frankfurter Berufsverkehr. Und den Eindruck wollen wir beim Leser doch nicht hervorrufen, oder?
Übungsaufgabe 3: Überlege Dir ein Szenario, bei dem du mit einem Perspektivwechsel die Aufmerksamkeit des Lesers neu steuern möchtest.
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Bitte lasst die Sternchen weg, um zu kennzeichnen dass mitten im Kapitel ein Perspektivwechsel oder Ortswechsel kommt. Schreibt Eure Kapitel einfach am Stück.
Komplexe Perspektiven
Auf komplexe Perspektiven bin ich erst vor kurzem gestoßen, als ich in England den Film „Deja vu“ mit Denzel Washington gekauft habe.
Er handelt von einem Polizisten, der mit Hilfe einer tollen SF-Apparatur genau 4 Tage 3 Stunden 52 Minuten (oder so ähnlich) in die Vergangenheit schauen kann, aber immer nur genau diesen Zeitabstand. Also kann er nicht vor- oder zurückspulen, sondern muss zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Stelle schauen, um herauszufinden, was passiert ist
Beim Versuch ein Verbrechen aufzuklären sitzt er mit der Apparatur in einem Auto und verfolgt ein anderes Auto, welches genau vor 4 Tage 3 Stunden 52 Minuten diese Strecke gefahren ist. Also eine Art zeitversetzte Verfolgungsjagd.
Eine dritte Person-Perspektive, die es schafft, beide Handlungsstränge quasi gleichzeitig zu erzählen bezeichne ich als komplexe Perspektive.
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