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von MagicSunny    erstellt: 01.06.2008    letztes Update: 29.07.2010    Geschichte, Allgemein / P16 Slash    (abgebrochen)
1. Kapitel


Glinda starrte stumm an die Decke ihres Zimmers, die mindestens fünf Meter über ihrem Kopf hing, und versuchte die aufkeimende Trauer nieder zu kämpfen, die sich ihrer bemächtigen wollte. Sie wollte am liebsten, dass es schon Morgen wäre und dieser Tag hinter ihr läge, doch es war noch nicht einmal hell und so lag der komplette Schrecken noch vor ihr. Sie seufzte und verspürte den Drang aufzustehen. Sie schälte sich aus ihren Decken, richtete sich im Bett auf und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht, bevor sie ihre nackten Sohlen auf den kalten Boden aufsetzte und letztendlich, mit einem neuerlichen, leisen Seufzer, komplett aufstand. Das seidene Nachtkleid umspielte ihre Beine, strich zart über die Haut und erweckte Gänsehaut darauf.

Die blonde Frau kniete neben ihrem Bett nieder, griff darunter und zog ein altes Buch hervor. Sie nahm es vom Boden und drückte es fest an ihre Brust. Dann erhob sie sich wieder und schlich zum Fenster. Als sie mehr als die halbe Strecke hinter sich gebracht hatte, wurde ihr bewusst, wie lächerlich es doch war, dass sie schlich. Immerhin teilte sie dieses Zimmer mit niemandem, nicht so wie es früher in der Universität Shiz gewesen war. Doch diese nächtliche Stimmung und dieser besondere Tag weckten Erinnerungen an ihre alte Zimmergenossin, mit ihrer außergewöhnlichen grünen Hautfarbe und den wunderschönen schwarzen Haaren, in ihr.

“Ach, Elphie”, seufzte sie als sie am Fenster ankam. Sie legte das Buch auf den Sims und kletterte danach auf die Fensterbank. Sie zog die Knie an, platzierte das Buch auf ihren Oberschenkeln und strich über den Einband. Es war ein altes Buch, zu groß um wirklich handlich zu sein, und dennoch verbrachte sie viele Stunden damit es zu lesen oder nur anzusehen. Sie verbarg es stets unter ihrem Bett, auch wenn selten jemand in ihr Schlafgemach kam. Es wurde lediglich an ihre Tür geklopft, wenn es Zeit war, den alltäglichen Pflichten als Herrscherin von Oz nachzugehen. Doch diese Stunden waren noch weit, dass wusste Glinda ganz genau, denn es war gerade einmal Mitternacht.

Sie sah hinaus in den Himmel. Es war eine ungewöhnlich dunkle Nacht, obwohl der Mond hinter schweren Wolkenvorhängen leicht silberig schimmerte. Der Wald, der sich ab zehn Metern hinter der Nordwand ihrer Burg erstreckte, war in fast undurchdringliche Dunkelheit getaucht und dennoch konnte sie ihn genau ausmachen, denn immerhin wohnte sie hier schon mehr als sechs Jahre und kannte das Grundstück - und dessen Bewohner - in und auswendig. Früher hätte sie das nicht gekümmert. Ihr wäre egal gewesen, was sich auf ihrem Grundstück befand, solange es schön ausgesehen hätte. Die Menschen, die für sie arbeiteten, wären ihr auch nicht wichtig gewesen, geschweige denn die einfachen Bürger von Oz. Es hätte sie nicht gekümmert, was mit ihnen geschah, doch heute war es ihr wichtig, zu wissen, wie es ihren Leuten ging, und sie wollte helfen, wo sie es nur konnte. Sie wäre nicht der Mensch, der sie heute war, hätte sie die böse Hexe des Westens nicht zur Freundin gehabt.

Elphaba, nicht böse Hexe, schalt sie sich in Gedanken selbst. Welch ein Schund, die böse Hexe des Westens! Glinda schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf.

Was war denn bitte Gut und Böse? Wer hatte sich diese Teilung einst ausgedacht? Vermutlich ein alter Bauer, oder eine vereinsamte Witwe, die ihre materiellen und familiären Besitze selbst bemitleideten und irgendwen, oder irgendetwas dafür verantwortlich machen wollten und so die Welt in Schwarz und Weiß spalteten.

Es war nicht leicht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und erst recht nicht am heutigen Tag. Am liebsten würde Glinda ihre Zimmertür verbarrikadieren und weiter auf ihrem Fenstersims sitzen und das dämliche Buch lesen, welches auf ihren Schenkeln ruhte. Dämliches Buch, fluchte sie in Gedanken und verkrampfte die zierlichen Finger um die obere Kante, doch als bald löste sie den Druck wieder und strich zart über den Einband, gleich einer Entschuldigung für die plötzlich grobe Geste. Sie nahm es in die Hände und drückte es erneut fest gegen ihre Brust. Es war eines von zwei Erinnerungsstücken an ihre Freundin Elphaba (das andere war ein kleines Fläschchen mit einer mysteriösen grünen Flüssigkeit, das einst Elphabas Mutter und vorher Elphabas leiblichem Vater, dem ehemaligen Zauberer von Oz, gehört hatte), die nun schon seit sechs Jahren tot war. Sie war geschmolzen, weil sie mit Wasser überschüttet worden war. Sie war geschmolzen! Glinda lachte einen Moment fast hysterisch auf, während sich Tränen in ihren Augenwinkeln sammelten. Sicher, Elphaba hatte eine Abneigung gegen Wasser empfunden, aber durch Wasser schmilzt man doch nicht und erst recht nicht Elphaba, die so viel in ihrem Leben hatte ertragen müssen und dennoch stets standhaft geblieben war, meistens zumindest. Ausgerechnet sie starb durch einen Schwall Wasser! Das ist vollkommen absurd, befand Glinda. Doch es war nun mal passiert und obwohl sie dafür keine Erklärung hatte, hatte sie es akzeptiert und gelernt damit zu leben, auch wenn es jedes Jahr an einem ganz bestimmten Tag immer wieder schwierig war, die allgegenwärtige Freude auszustrahlen, derer sie bekannt war.

Der Tag an dem die böse Hexe des Westens, Glindas geschätzte Freundin Elphaba, gestorben war, war zu einem nationalen Feiertag in Oz geworden. Und genau dieser Tag war heute.

Glinda saß noch eine ganze Weile auf dem Fenstersims, die Hände anmutig über dem Buch verschränkt und starrte in die Nacht hinaus. Ihre Gedanken kreisten ständig nur um Elphaba und den Tag, der ihr noch bevor stand. Sie hatte heute eine Menge zu erledigen. Erst würde sie sich nach dem Frühstück zu dem großen Kindergarten in der Smaragdstadt begeben und dort den Kindern zusehen, wie sie sich als böse Hexe oder als einen der Hexenjäger verkleideten, sie würde den Erzieherinnen mit Sicherheit auch wieder bei den Kostümen oder dem Bemalen von Gesichtern helfen und Komplimente zum Besten geben. Dann würde sie durch die Smaragdstadt gehen, Geschäfte besuchen und eine kleine Rede auf dem großen Markt - und Festplatz halten. Später am Abend würde es dann einen großen Ball geben, zur Feier des Tages.

Die Bedeutung des Feiertages war im Allgemeinen verloren gegangen. Natürlich wurde die Geschichte der bösen Hexe des Westens noch immer erzählt, doch das Fest galt eher dem Amüsement der Bürger und nicht der Andacht an den „Schrecken“, den die Hexe verbreitet hatte. Wobei Glinda über diese Tatsache froh war, denn was für einen Schrecken hatte Elphaba verbreitet? Sie hatte sich für die Rechte der TIERE eingesetzt und für sich selbst auch. Sie hatte gezaubert, ja, sie hatte  Boq in einen Blechmann verwandelt und der Löwe war zu einem Angsthasen geworden, nur weil sie ihn als Junges versteckt hatte. Doch dies hatte sie nur getan um zu helfen… und niemand wusste das zu schätzen. Aber Menschen waren stets Lebewesen die sich Dinge zurechtlegten und darüber hinaus wichtigere Sachen vergaßen oder schlichtweg ignorierten. Elphaba war eine Märtyrerin gewesen, das stand außer Frage.

Die Herrscherin von Oz seufzte und fuhr sich mit den Fingern durch die blondgelockten Haare, während sie das Buch von ihren Beinen nahm und von dem Fenstersims hinunter glitt. Es ist Zeit, sich noch einmal hinzulegen, dachte Glinda. Immerhin kann ich mich nicht mit fürchterlichen Augenringen in der Öffentlichkeit bewegen! Wär’ ja noch schöner!

Sie nahm das Buch und lies es wieder unter ihrem Bett verschwinden, bevor sie hinein krabbelte und sich hinlegte. Ein letzter Blick zum Fenster und ein letzter Gedanke an Elphaba, dann wandte sie sich ab und schloss die Augen.

*****


Die Dämmerung hatte noch nicht eingesetzt und doch spürte sie, dass sie nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Sie war froh, dass die Dunkelheit ihre Bewegungen verschleierte und sie eins mit ihrer Umgebung wurde.

Mit den Bäumen des Waldes in ihrem Rücken brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, dass jemand sie von einem der zahlreichen Burgfenster aus sehen würde, zu mal alle wahrscheinlich schon, oder immer noch, schliefen. Und wenn die Sonne aufging, wäre sie schon wieder verschwunden.

Sie trat auf die Lichtung zwischen Wald und Burg, den Stiel ihres Besens umklammernd, und blickte zu einem ganz bestimmten Fenster hinauf, von dem sie wusste, dass sich das Schlafgemach der Herrscherin von Oz, der guten Hexe, der großartigen Zauberin, dahinter befand. Dass es das Schlafgemach von Glinda, einstige Galinda, war.

Sie stieg auf den Besen, gleich wie eine feine Dame, die auf einem Pferd saß, stieß sich vom Boden ab und glitt weiter in die Höhe. Einen Moment verzog sie schmerzhaft das Gesicht, da der Besenstiel auf ihre aufgescheuerten Schenkel drückte, die sie ihm zu verdanken hatte. Der Flug in die Smaragdstadt war lang und beschwerlich gewesen und doch hatte sie in unbedingt machen müssen. Und es war unbezahlbar gewesen. Das Land hatte sich in den Jahren ihrer Abwesenheit stark verändert. Natürlich hatte sie davon schon gehört, doch sie hatte es sich nie so vorgestellt. Das Land wurde mit Wasser versorgt, bis in jeden Winkel hinein, überall standen Felder, in unglaublichen Farben, in ihrer schönsten Pracht, von der gelben Ziegelsteinstraße umschlungen und die Smaragdstadt bildete noch grüner als je zuvor den Mittelpunkt des Landes. Schnell fasste sie sich wieder und flog, mit wehendem schwarzem Umhang, weiter dem Zimmerfenster von Glinda entgegen. Als sie es erreicht hatte, sah sie in den Raum hinein, die eigene Spiegelung im Glas geflissentlich ignorierend. Das Bett von Glinda stand mitten im Raum, ihm gegenüber befand sich ein großer Kleiderschrank, oder waren es zwei, wenn nicht noch mehr? Durch ihren Blinkwinkel ins Zimmer hinein konnte sie das nicht so genau sagen. Daneben befanden sich zahlreiche Hut- und Schuhschachteln. Ansonsten war das Zimmer mit kleinen Tischchen und Dekorationsmaterialen eingerichtet. Es wirkte trotz der Kartons nicht voll gestellt, sondern irgendwie stilvoll. Wobei sie nicht wirklich behaupten konnte, dass sie selbst Stil oder je Ahnung von Stil gehabt hätte. Dennoch, ihr gefiel Glindas Zimmer.

Ihr Blick wanderte von der Einrichtung zum Bett, in dem der blondgelockte Haarschopf auf den aufgetürmten Kissen ruhte. Glinda lag seitlich, die Arme vor der Brust liegend und die Wange an den Stoff der Kissen geschmiegt, ganz so wie sie es in Erinnerung hatte. Unwillkürlich musste sie lächeln. Sie war erstaunt, wie viele Erinnerungen sie noch an ihr Leben in Oz hatte, auch wenn das schon Jahre her war. Sie erinnerte sich an Shiz, an ihre Träumereien für den Zauberer und die anschließende Enttäuschung und den Zorn auf ihn, an das Essen in der Universität - es war vornehm gewesen und ganz und gar nicht nach ihrem Geschmack - , an Kiamo Ko, an Nessarose und an ihren Tod, ihren eigenen angeblichen Tod, der von den Ozianern hoch gefeiert wurde. Und sie erinnerte sich an Glinda, an ihr glockenklares Lachen, ihre hochnäsige Art, die sich gewandelt hatte, an ihre Freundschaft und an ihren Verrat, den sie keineswegs als solchen ansah. Ihre Wege hatten sich einfach getrennt und das war okay gewesen.

Sie nahm eine Hand vom Besenstiel, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, und legte die Handfläche an das kühle Glas der Fensterschreibe, während sie den Blick von Glinda nicht löste. Bald, Glinda, bald, sagte sie in Gedanken, wandte sich dann von dem Zimmer ihrer ehemaligen Kommilitonin ab und schwebte davon.

„An meinem Todestag kehre ich wieder nach Oz zurück“, sagte sie in den Flugwind, lehnte sich dem Besenstil entgegen um schneller zu fliegen und bekam das Grinsen nicht mehr von ihren grünen Gesichtszügen - sie wollte es auch gar nicht.

TBC?
 
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