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von dunderklumpen
erstellt: 28.05.2008
letztes Update: 28.05.2008
Geschichte, Allgemein / P16 Slash
(fertiggestellt)
„Krieger“
Sie ließen ihn gehen, denn er konnte nicht entkommen. In den Bergen war bereits Schnee gefallen und er musste den ganzen Winter hier verbringen, bevor er das Dorf verlassen konnte, ohne Gefahr zu laufen zu erfrieren. Doch im Tal war es noch warm und die Wache nickte nur kurz als er im Halbdunkel der hereinbrechenden Nacht zu dem kleinen Teich ging, der als Waschplatz diente. Er wusste, dass es bereits spät war und er kaum jemand dort treffen würde. Und das war es, was er beabsichtigte.
Das tägliche Waschen war fast schon zu einem Ritual geworden, eine Tätigkeit, bei der er seine Gedanken treiben und die vergangenen Ereignisse Revue passieren lassen konnte. Er wusste nicht, ob es die ruhige Mentalität seiner „Gastgeber“ war oder die Möglichkeit an diesem Platz, fern von allen Problemen des Krieges, der zu sein, der er wirklich war.
Müde krempelte er seine Hosenbeine hoch und betrat das seichte Wasser. Es war noch immer warm von der Sonne, die heute erbarmungslos auf die Erde herab geschienen und den Menschen die Verrichtung ihrer täglichen Arbeit erschwert hatte.
Mit behutsamen Bewegungen zog er sein Hemd aus, legte es auf die Steine am Teichrand und begann sich zu waschen an diesem Platz, den, obwohl er für die Menschen nichts weiter als Mittel zum Zweck war, eine Spiritualität umgab, die er in jeder Faser seines Körpers zu spüren glaubte. Insbesondere in Zeiten wie diesen, an dem er den kleinen Wasserfall rauschen hörte, der sich vor ihm in den Teich ergoss, und die Dunkelheit spürte, die ihn gnädig umgab, fühlte er die Größe und Macht der Natur um ihn herum.
Tief in seine Gedanken versunken, hörte er nicht, wie sich jemand dem Platz näherte. Erst als Ujio in Sichtweite kam bemerkten beide, dass sie nicht so allein waren, wie sie angenommen hatten. Ujio nickte kurz und drehte sich um, doch Algren hielt ihn zurück.
„Warte“, sagte er und sein Blick traf den des Japaners, „es ist genug Platz für uns beide.“
Sein Gegenüber antwortete nicht, doch kam näher und begann seinen Gürtel zu lösen. Er trug einen zweiteiligen Kimono. Mit geübten Fingern raffte er die Beinkleider hoch, so dass sie nicht nass wurden und zog die Jacke aus, um sie neben Algrens auf die Steine zu legen. Langsam betrat er das Wasser und stand nun neben dem Amerikaner, dessen Blick auf ihn fiel. Algren sah die Narben auf dem Körper von Ujio und erkannte in ihm einmal mehr den Krieger, der mit ihm soviel mehr teilte als die bloße Erfahrung von Schmerz und Leid.
Sie beide wussten, was es bedeutete zu töten, wie es war, wenn man das Leben verrinnen sah und nichts dagegen tun konnte. Sie hatten beide genug Tod und Leid gesehen, dass es für 10 Menschenleben gereicht hätte und sie hatten beide feststellen müssen, dass man die Menschen, die man liebte, nicht retten konnte. Sie waren Krieger aus verschiedenen Welten. Und doch verband sie die unsichtbare Last, die jeder Mensch auf dieser Welt teilte, der getötet hatte. Die Narben des Körpers waren nur äußerliche Zeichen der Narben der Seele, die jeder von ihnen im Inneren verbarg.
Algren seufzte bei dem Gedanken und sah zum ersten Mal den roten Strich, der sich quer über Ujios linke Schulter zog. Wenige Sekunden war er versucht, ihn zu berühren und seine Hand zuckte unbewusst. Es war eine lange Narbe, die sich tief in die wettergegerbte Haut des Japaners eingeprägt hatte. Ujio bückte sich und schöpfte Wasser, um es über seine Schultern laufen zu lassen. Algren sah ihn an und ging um ihn herum, so dass er direkt hinter ihm in seinem Rücken stand. Der Japaner hatte sich aufgerichtet, doch rührte sich nicht. Algren spürte die Angespanntheit Ujios, die Instinkte des Kriegers, der immer mit einem Angriff aus dem Hinterhalt rechnete. Der Amerikaner betrachtete seinen Nachbarn und auch hier traf sein Blick eine Narbe, die der auf der Vorderseite der Schulter ähnelte. Ohne an irgendwas zu denken, hob er die Hand und berührte sie mit seinen Fingerspitzen. Man sah, dass sie verheilt war… und doch. Es musste eine schlimme Wunde gewesen sein. Ein Pfeil oder ein Speer, welche das Fleisch aufgerissen hatte und durch die Schulter hindurch gedrungen war.
Algren fuhr mit dem Zeige- und Mittelfinger die Narbe entlang, seine Berührung kaum fühlbar. Doch Ujio spürte den Hauch, der fast einer Liebkosung glich. Die Wunde war alt, doch Algren wusste um den Schmerz, den diese bringen konnte. Es gab Tage, da war es, als ob es sie nie gegeben hätte, und Tage, an denen sie stumpf brannte und pochte. Sie tat niemals mehr so weh, wie in dem Moment, in dem man sie empfing, aber der Schmerz ließ nie ganz nach, blieb ewige Erinnerung an diesen Tag, an diese Stunde, an diese Schlacht.
Es war mittlerweile dunkel und nur das Licht der Sterne brach sich im Wasser und machte daraus ein funkelndes Meer.
„Tut es noch weh?“, fragte Algren und berührte immer noch Ujios Schulter.
„Manchmal“, antwortete dieser leise und seine Stimme war über das Rauschen des Wassers kaum hörbar.
Algren ließ von ihm ab und bückte sich. Seine Hände zu einer Schale geformt schöpfte er Wasser. Vorsichtig führte er das Nass zu Ujios Schultern. In der Mitte, wo Nacken und Rücken sich trafen, öffnete er seine Hände und ließ das kühle Nass über Ujios Rücken laufen. Während das Wasser sich seinen Weg bahnte, presste er behutsam seine Handflächen zwischen dessen Schulterblätter, dorthin, wo er eben das Wasser frei gelassen hatte. Der Japaner fühlte Nathans Hände warm gegen seine Haut. Sie waren rau, die Hände eines Mannes, der es gewohnt war zu arbeiten, der es gewohnt war mit Waffen umzugehen, der es gewohnt war zu kämpfen.
Ujio erschauderte unmerklich als Algrens Hände über seine Schultern strichen, seine Arme entlangfuhren. Seine Finger lagen nun über den Seinen, doch er erfasste sie nicht. Er stand nur da, eine warme Präsenz in seinem Rücken. Es schienen Stunden zu vergehen und doch waren es wohl nur Minuten, in denen die beiden Männer innehielten und die Nähe des Anderen fühlten. Algren war es, der sich als erster aus der magischen Bewegungslosigkeit löste, die sie umgab. Mit wenigen Schritten lief er um Ujio herum und stand nun vor ihm. Das Wasser schwabbte leise gegen ihre Beine und der Wasserfall säuselte sein beruhigendes Lied.
Der Amerikaner stand vor ihm und schaute Ujio in die Augen. Es war nur kurz, doch dieser hatte erblickt, was ihm aus so vielen Gesichtern entgegen geschienen war, die er in seinem Leben getroffen hatte. Er hatte den Krieger gesehen, der Trauer und Wut, Hoffnung und Schmerz in sich vereinte. Für wenige Sekunden war der Vorhang, der diese Gefühle verschleierte, gelüftet worden. Ujio hatte Algren in die Seele geblickt und sich selbst erkannt. Was er dort fand war für ihn nicht neu, denn es hatte ihn oft genug aus seinen eigenen Augen im Spiegel entgegen gesehen. Ruhig blieb er stehen und nahm wahr, wie Algren begann ihn zu waschen. Seine Hände schöpften das Nass und berührten seine Brust, fuhren über die geschmeidigen Muskeln seines Oberkörpers – Ergebnis jahrelangen harten Kampfes um Leben und Tod. Algrens Finger geisterten über seine Narben und es schien, als würde er mit jeder Berührung und jedem darüber Hinwegstreichen den Körper des Mannes liebkosen, der so war, wie er selbst. Algren lächelte und eine dunkle Locke fiel ihm in die Stirn. Ujio hob die Hand und strich sie ihm aus dem Gesicht, streichelte über Algrens Wange, auf der er seine Finger ruhen ließ. Auch Algrens Hand fuhr zu seinem Gesicht, legte sich auf den Handrücken Ujios. Doch der Moment inniger Verbundenheit war genauso schnell gegangen, wie er gekommen war.
Algren sah Ujio ein letztes Mal an und schritt an ihm vorbei zu seinem Hemd. Mit schnellen Bewegungen streifte er es sich über und krempelte die Hosenbeine hinab, die nun an seinen nassen Beinen klebten.
Als er davon ging schaute er nicht zurück.
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