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von Violinchen    erstellt: 27.05.2008    letztes Update: 05.11.2008    Geschichte, Mystery / P12    (abgebrochen)
Der Auftrag


Der Comte de Morangias hatte noch am selben Tag eine Versammlung im Wirtshaus einberufen lassen. In der großen Stube herrschte aufgeregtes Stimmengewirr und der Comte konnte sich nur mühsam Gehör verschaffen.
„Ruhe, Leute, Ruhe!“, rief er immer wieder, bis schließlich auch die letzten Stimmen verstummt waren und ihn alle erwartungsvoll anblickten. Er wartete, bis er die volle Aufmerksamkeit hatte, dann fuhr er fort: „Jeanne Boulet ist das zehnte Todesopfer, das diese Bestie gefordert hat. Es muss etwas geschehen!“
„Aber was?“, rief ein Mann aus den hinteren Reihen. „Was denn, Monsieur le Comte? Was können wir schon tun?“
Zustimmendes Gemurmel wurde laut. „Genau. Wir können uns nur nach Einbruch der Dämmerung in unseren Häusern verkriechen und beten, dass die Bestie keinen von uns erwischt.“, meinte ein anderer.
„Wir können unseren Frauen und Kindern nicht einmal Geleitschutz geben, wenn sie in den Wäldern unterwegs sind, seit der König uns Bauern verboten hat, Waffen zu tragen. Wir sind der Bestie hilflos ausgeliefert!“
„Was haben denn die königlichen Treibjagden gebracht? Nichts, die Überfälle haben deswegen nicht aufgehört, auch wenn die adeligen Herren dutzende von Wölfen erlegt haben. Die Bestie ist immer noch am Leben!“
Das Stimmengewirr schwoll an.
„Sie kann auch nicht erlegt werden, nicht mit gewöhnlichen Waffen! Sie ist eine Ausgeburt der Hölle, ein höllischer Dämon! Bleikugeln richten nichts gegen sie aus!“, rief ein anderer laut.
„Genau, ein normaler Wolf wäre schon längst erlegt worden!“, pflichteten ihm mehrer andere bei.
„Was sagt denn der Herr Pfarrer dazu?“
„Genau, was meint die Kirche?“, wollten die Dörfler wissen.
Der Dorfpfarrer erhob sich und stellte sich vor die versammelte Menge. Beruhigend hob er beide Arme und deutete den Männern an, ruhig zu sein.
„Ruhig, ihr guten Männer! Ich sehe diese Bestie als Geißel Gottes und auch als Glaubensprobe! Sie ist die gerechte Strafe für die gotteslästerlichen Hugenotten, die diese Gegend unlängst unsicher machten. Gott schickt seinen Zorn nun in Gestalt dieser Bestie, um uns zur Sühne zu gemahnen und uns daran zu gemahnen, uns des rechten Glaubens bewusst zu werden, und diejenigen, die sich in Verblendung vom rechten Weg abgewandt haben, sich wieder zu besinnen und reumütig in den Schoß der Kirche zurückzukehren. Betet, meine Brüder, betet und tut Buße, denn damit können wir den Zorn Gottes besänftigen!“, sprach er leidenschaftlich.
Die Dörfler schwiegen und senkten betreten die Köpfe.
Der Comte de Morangias nützte die Stille und ergriff das Wort.
„Männer!“, rief er. „Alleine können wir gegen die Bestie nichts ausrichten! Noch heute werde ich nach Paris schreiben und um Hilfe ansuchen! Es ist nicht an uns, jetzt zu handeln, sondern am König selbst!“
Noch am selben Tag verließ ein Bote das Dorf Richtung Paris.

Einige Tage später rief Ludwig XV seine Berater zusammen und forderte von ihnen konstruktive Vorschläge, wie man der Sache in Gévaudan am besten und schnellsten Herr werden konnte.
„Messieurs, die Lage ist ernst. Die Morde in Gévaudan häufen sich und langsam wird die Sache unangenehm. Bis jetzt konnten wir dem Treiben dieser Bestie, oder was auch immer hinter den grausamen Todesfällen steckt, durch nichts Einhalt gebieten. Die Menschen fordern Handeln, schnell und effektiv. Sie geben sich nicht mehr mit ein paar läppischen Treibjagden zufrieden. Die übrigens allesamt zu keinerlei positiven Ergebnis geführt haben, außer dass es eine willkommene Abwechslung für einige Herren war. An der Sachlage in Gévaudan hat es nicht geändert. Die Überfälle hören nicht auf und es gibt weiterhin Tote zu beklagen. Erst vor kurzem wurde ein vierzehnjähriges Mädchen getötet. Die Bauern beschweren sich, dass wir nichts tun, um sie zu schützen, nachdem wir ihnen das Tragen von Hieb- und Stichwaffen untersagt haben. Uns sind Gerüchte zu Ohren geklommen, dass die Dörfler ihre Taschenmesser wohl an langen Stangen befestigten, wenn sie sich in die Wälder wagen. Die Lage ist äußerst ernst und wir erwarten von Ihnen, Messieurs, dass Sie handeln, und zwar jetzt!“, sprach der König erregt und pochte mit den Knöcheln seiner rechten Hand auf seinen Schreibtisch.
Eine Weile schwiegen seine Berater, dann räusperte sich Jean Duval.
„Majestät, wir sind ratlos. Der Meinung des Comte de Buffon müsste das Tier, wenn es sich denn tatsächlich um einen Wolf handeln sollte, längst bei einer der Treibjagden erlegt worden sein. Der Comte hat alle erlegten Tiere eingehend untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass es sich hierbei um gewöhnlich Tiere der Gattung canis lupus handelte.“, setzte er zu einer längeren Rede an.
Ungeduldig pochte Ludwig XV auf seinen Schreibtisch. „Monsieur Duval, die Meinung des hochgeschätzten Comte de Buffon zu diesem Thema ist mir eingehends bekannt. Ich will keine Dinge hören, die ich bereits weiß, ich will Handlungen sehen!“, unterbrach er den Redeschwall seines Beraters.
Jean Duval schwieg betreten.
„Wenn es sich um keinen gewöhnlichen Wolf handelt, dann eben um einen Werwolf.“, platzte Jérôme Marin unvermittelt heraus. „Damit liegt die Sache nicht mehr in unseren Händen, sondern in denen der Kirche!“
Betretenes Schweigen machte sich breit. Die Berater saßen wie erstarrt in ihren Stühlen und wagten kaum zu atmen. Der König hingegen strich sich nachdenklich mit einer Hand über das Kinn und blickte ins Leere. Nach einer schier endlos scheinenden Weile wandte er sich an seine Berater.
„Das ist eine Überlegung wert. Damit hätten wir diese unangenehme Sache für uns aus der Welt geschafft und sie an die geeignetere Stelle weitergeleitet. Monsieur Duval, könnt Ihr Euch noch an diesen unliebsamen Zwischenfall in Notre Dame erinnern? Es mag vor ein paar Jahren gewesen sein, als einer dieser Monsterjäger des Vatikans das wunderschöne Rosenfenster zerstört und auch sonst allerlei Unruhen in unsere Stadt gebracht hat.“, erwiderte der König in Gedanken versunken. „Ihr setzt sofort ein Schreiben an den Vatikan auf und unterrichtet ihn von der Sache in Gévaudan. Und sorgt dafür, dass sich heute noch ein Bote mit dem Brief auf den Weg nach Rom macht.“
Damit waren seine Berater entlassen und er hatte seine Pflicht in dieser lästigen Sache getan. Gévaudan lag nun nicht weiter in seinem Zuständigkeitsbereich.

So kam es, dass Gabriel van Helsing nur wenige Tage später zu Ottaviani Ubaldini, dem obersten des Ordens gerufen wurde. Als van Helsing eintrat, erwartete ihn sein Vorgesetzter schon ungeduldig mit einem Schreiben in der Hand.
„Da seid Ihr ja endlich, van Helsing.“, begrüßte er den Eintretenden kurz angebunden.
Der Angesprochene schwieg zu dem vorwurfsvollen Unterton, der in der Stimme Ubaldinis mitschwang und drehte betont gelangweilt seinen Hut zwischen den Händen.
„Eben erreichte mich dieses Schreiben aus Frankreich.“, fuhr der Geistliche fort und war feinen unmutsvollen Blick auf den Geisterjäger, der immer noch lässig vor ihm stand und mit seinem Hut spielte. „Van Helsing, hört Ihr mir denn überhaupt zu?“, fauchte er ihn gereizt an.
„Ja, Ihr habt eben ein Schreiben aus Paris erhalten.“, antwortete dieser gelassen, ohne jedoch seine Tätigkeit zu unterbrechen und ohne den Blick zu heben.
„Van Helsing, ich habe jetzt keine Zeit für Eure humorlosen Späße, die Lage ist ernst!“
„Das ist sie doch immer.“, brummte der Monsterjäger. „Vampire, Werwölfe, Geister, Monster, Bestien, egal, worum es sich handelt, immer zu verursachen sie unnötigen Stress.“
„Hütet Euer loses Mundwerk, van Helsing! Und Ihr habt es Euch selbst zu zuschreiben, dass Ihr in ganz Europa in Ungnade gefallen seid! Ihr müsst Eure Aufträge ja immerzu maßlos übertreiben und die Untoten mit einem riesigen Spektakel zur Strecke bringen! Wenn Ihr Euch auch nur einmal, ein einziges Mal nur, an die Vorschriften halten würdet, sähe die Sache ganz anders aus.“
Van Helsing zuckte nur betont gleichmütig die Schultern und widmete sich wieder seinem Hut.
„Und hört damit auf, Euren verdammten Hut in den Händen zu drehen, wenn ich mit Euch rede!“, riss Ubaldini der Geduldsfaden.
Van Helsing verschränkte seine Hände samt Hut hinter seinem Rücken und starrte interessiert auf seine verdreckten Stiefelspitzen.
„Ich habe eben ein Schreiben aus Frankreich erhalten.“, setzte der Geistliche seine unterbrochene Rede fort. „Vom französischen König, um genau zu sein. Die Gegend von Gévaudan wird seit geraumer Zeit von grausamen unerklärlichen Morden erschüttert. Man vermutet, dass hinter den Überfällen ein Werwolf steckt. Mit einem Wort: Ihr werdet nach Frankreich fahren und dort für Ordnung sorgen!“
Van Helsing hob zum ersten Mal in diesem Gespräch seinen Blick  und in seinen Augen blitzte versteckte Neugier auf.
„Was wisst Ihr sonst noch?“, fragte er.
Ubaldini zuckte mit den Schultern. „Nichts. Es gab zehn Todesopfer, meistens Kinder und Frauen, alle zerrissen. Der König hat mehrer Treibjagden veranlasst, aber das Tier war nicht unter den erlegten. Und Ihr werdet Euch der Sache annehmen und ich dulde keine Widerrede! Ihr brecht heute noch auf. Ich werde das Nötige veranlassen, im Arsenal werdet Ihr an Waffen bekommen, was Ihr benötigt.“
Und so machte sich Gabriel van Helsing mit dem Mönch Carl noch am selben Tag auf den Weg nach Gévaudan.
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