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von Lady of the Dungeon    erstellt: 17.05.2008    letztes Update: 30.08.2008    Geschichte, Drama / P18 Slash    (fertiggestellt)
Schattennacht


oooOOOooo


Fanfiction von Lady of the Dungeon featuring Slytherene




Eldi: Einige von Euch waren etwas schockiert über die Brutalität im letzten Kapitel. Keine Angst, in dem Stil geht es nicht weiter. Wir schalten einen Gang zurück. In "Kerkermond Evolution" habe ich zwischen Lucius und Narcissa ja die 'Große Liebe' beschrieben, zumindest, was Lucius betrifft. Diese Cissy hier ist anders, und auch ihre Beziehung zu Lucius…na, lasst euch überraschen.

Slytherene: Vielen Dank für die Reviews, an Lepra, Tindomerel, Aurora, Vollblutberlinerin, Alyssa und fro!


Kapitel 3. Szenen einer Ehe



Severus stößt Remus aus dem hohen Marmorkamin. Er sieht ihn stürzen und hört sein Stöhnen. Gnadenlos unterdrückt er jede Regung, die ihn verraten könnte, dann folgt er dem Werwolf.

„Wo warst du?“, zischt Pettigrew.

„Er hat versucht, uns zu splintern“, faucht Severus zurück.

„Schluss jetzt“, greift Lucius ein. „Severus ist da, ihr könnt alle nachhause oder schlafen gehen.“

„Was ist mit dem Gefangenen? Sollten wir ihn nicht zum Dunklen…“, fragt Fenrir Greyback und starrt begehrlich auf Lupin.

„Ist es möglich, dass dein bekannt feines Gehör dich flieht, Fenrir, oder bist du nur nicht in der Lage, Malfoys Gedanken zu folgen?“, fragt Severus gefährlich leise. „Unser Lord wünschte keine Störungen mehr bis morgen. Lucius wird Lupin mit nach Malfoy Manor nehmen und dort kann er bis morgen in einen verhörfähigen Zustand gebracht werden. So kann er auf keinen Fall vor den Dunklen Lord treten.“

Lucius hebt erstaunt eine Augenbraue, sagt jedoch nichts.

„Du willst doch dieses Vieh nicht in mein blitzsauberes Haus bringen“, protestiert Narcissa entrüstet. „Diese stinkende Wolfshaut bringt mir ja das Ungeziefer überall hin.“

„Der Hund kommt nur bis in den Keller“, sagt Lucius mit charmantem Lächeln, aber sein Blick ist hart.

Narcissa funkelt ihn böse an, aber sie widerspricht ihrem Mann nicht. Severus weiß, dass sie ihm Vorwürfe machen wird, dass es vermutlich einen Riesenkrach geben wird auf dem Manor, aber solange die anderen Todesser dabei sind, wird sie Lucius gehorchen.

„Nach euch“, sagt Lucius und nickt seiner Frau und Severus zu. Der Tränkemeister packt das Seil fester, das um Remus Handgelenke geschlungen ist, wirft eine Prise Pulver in die Flammen und tritt in den Kamin.

„Malfoy Manor, Erdgeschoß“, sagt er laut.


oooOOOooo



Sie treten hinaus in die prächtige Einganghalle. Severus bemerkt, wie Remus sich beeindruckt umsieht. Über dem hohen, glatten Marmorkamin hängen gekreuzte Lanzen und das Wappen der Malfoys. An der Wand gegenüber prangt die Flagge Slytherins.
Unter der Lichtkuppel, die in sechs Meter Höhe über der Halle schwebt, thront ein Kronleuchter, der den Mondschein mit seinen tausenden Facetten bricht und an den Wänden verstreut wie tanzende Irrlichter.

Severus zieht Remus neben sich her, an Reihen von Portraits entlang, die augenscheinlich Lucius’ Vorfahren darstellen.
Vor ihnen winden sich rechts und links zwei breite Treppen ins Oberschoß, aber Severus wählt einen schmaleren Abgang zur Linken. Sie steigen die Stufen hinunter, und anstatt auf weichem roten Perserteppich laufen sie nun auf belgischen Kacheln, und ein Stockwerk tiefer auf Stein.
Vor einer modern anmutenden Stahltür bleibt Severus stehen.

„Lucius wird gleich jemanden schicken“, sagt er ruhig. „Ich kann mich im Haus frei bewegen, aber die gesicherten Bereiche sind mir nur eingeschränkt zugänglich.“

Remus nickt und dann beginnt er bedrohlich zu schwanken. Severus packt ihn und hält ihn fest. Er spürt die Hitze, die vom Körper des Werwolfs ausgeht, der sich jetzt in seine Umarmung lehnt. Severus sieht in die bernsteinfarbenen Augen und es geschieht zum dritten Mal heute: Sie küssen sich. Und diesmal ist ihr Kuss weder scheu, noch verzweifelt, sondern von einer warmen Intensität, die Severus’ Herz schneller schlagen lässt und ein merkwürdiges Kribbeln in seinem Bauch verursacht. Sie wissen beide, ihre Zeit läuft ab.

„Master Snape, Sir“, piepst es hinter ihnen.

Severus erschrickt fast zu Tode und schiebt Remus von sich weg in eine aufrechte Stellung.

„Er ist kollabiert“, sagt er zu der Hauselfe.

Diese starrt Remus mit untertassengroßen, nussbraunen Augen an.

„Ein Werwolf“, sagt sie und ihre Unterlippe beginnt zittern. „Lilli Angst.“

„Lilli?“, fragt Remus und rappelt sich mühsam auf.

„Ziemlich geschmacklos, ich weiß“, sagt Severus kurz, der sich längst an den Namen gewöhnt hat, den Narcissa der ein Jahr nach Lilli Potters Tod gekauften Elfe gegeben hat. „Aber ein klassisches Eigentor. Der Dunkle Lord war not amused.“

„Es ist ein schöner Name“, sagt Remus zu der Elfe gewandt. „Du musst keine Angst vor mir haben. Es ist noch lange nicht Vollmond.“

„Er ist nicht wie Greyback“, informiert Severus die Elfe. „Und jetzt öffne den Keller.“

Sie nickt, legt eine Hand an die Tür, die daraufhin im Boden versinkt und trippelt voraus. Es geht durch kahle Gänge und hallende Räume, deren Ausmaß man im Licht der Fackeln kaum erahnen kann, bis sie schließlich zu einer niedrigen Holztür kommen. Lilli öffnet sie, und jetzt stehen sie in einem Zellentrakt.
Zwischen den Zellen, die aus mit armdicken Eisenstäben voneinander getrennten Käfigen bestehen, lagern alte Folterinstrumente. In einer Ecke steht neben der Streckbank eine Eiserne Jungfrau.

„Oh Merlin“, entfährt es Remus.

„Die sind alle rostig, der aktuelle Hausherr hat kein Interesse am Spielzeug seines Großvaters“, beruhigt Severus.

„Dann ist Malfoy besser als sein Ruf“, stellt Remus fest.

„Anders“, korrigiert Severus, und prallt gegen Remus’ Rücken, denn der Gryffindor ist unvermittelt stehen geblieben und presst die Hand auf den Mund.

Eine der Zellen sticht heraus, allein schon optisch. Sie ist kleiner als die anderen, und ihre Stäbe sind nicht aus Eisen oder Stahl, sondern glänzen von der Silberfarbe, mit der man sie überzogen hat. Direkt vorne am Gitter liegt eine skelettierte Mumie. Graues Fell spannt sich über hervorstehende Rippen und leere Augenhöhlen.

„Was genau ist das?“, fragt Severus angewidert.

„Der Dunkle Lord hat Anweisung gegeben, dass Mr. Pettigrew hier experimentieren darf“, piepst Lilli und lässt die Ohren hängen. „Mistress war sehr böse, aber sie hat nichts gesagt vor dem Dunklen Lord. Das hier war die arme freundliche Miss Loup. Mr. Pettigrew hat Lilli verboten, ihr Wasser bringen. Sie ist in der Vollmondnacht bei der Verwandlung gestorben.“

„Jenna Loup?“, fragt Remus und beugt sich hinunter, um mit der Hand über das Fell zu streichen. Graue Haare lösen sich aus der trockenen Haut und bleiben auf seiner verschwitzten Hand hängen. Zum ersten Mal seit Sirius’ Tod sieht Severus Tränen in Remus’ Gesicht.

„Wir nehmen eine andere Zelle“, sagt Severus und stößt eine Tür auf. Er zieht Remus hoch, denn er muss vor Lucius’ Hauselfe seine Tarnung wahren.

„Zieh dich aus“, sagt er zu Remus und seine Stimme ist plötzlich heiser. Er hat ihm die Seile abgenommen, aber jetzt ist zwischen ihnen das Gitter.

„Du brauchst saubere Kleidung morgen.“

Remus gehorcht, ohne ein Widerwort, den Kopf gesenkt.

„Besorg etwas zum Anziehen für ihn, so lange seine Robe gereinigt wird“, befielt Severus der Elfe.

Sie schnippt mit den Fingern und lässt ein paar dicke Socken, Unterwäsche, Hosen, ein Hemd und eine braune Samtrobe erscheinen.

„Lilly sucht warme Sachen aus“, sagt sie und sieht Severus bang und unsicher an.

„Sehr gut“, lobt er sie und sie strahlt über das ganze grünliche Gesicht.

„Pass auf, reinige die Sachen so, dass die Blutflecken drin bleiben, aber alles andere muss sauber und frisch werden. Kannst du das?“

„Jeder Wunsch von Master Snape ist ein Befehl“, erwidert sie. „Lili reinigt, so dass man nicht sieht, was sie getan hat.“

„Cleveres Mädchen. Und dann brauchen wir Essen“, sagt Severus.

„Lilly serviert für Master Snape oben im Manor, und soll sie später für Gefangenen auch etwas bringen?“, fragt sie.

Severus zögert, stimmt dann jedoch zu. Er kann nicht mit Remus hier unten essen, es wäre zu ungewöhnlich.

Die Elfe verschwindet  - nicht ohne die Zelle magisch zu verschließen - und Severus steht unschlüssig vor dem Gitter. Er könnte ihren Bann brechen, natürlich, aber das würde sie merken, und es gehört sicher zu den Dingen, die sie Lucius berichten müsste.

Remus sieht ihn an, von der anderen Seite der Eisenstäbe, und ihre Hände berühren sich ohne ein weiteres Wort.

Clarifico“, murmelt Severus einen Reinigungszauber. Remus muss sich entsetzlich fühlen. „Hast du Schmerzen?“

Er wartet Remus’ Antwort nicht ab – natürlich hat er höllische Schmerzen, Severus weiß genau, wie man sich nach dem ‚Cruciatus fühlt. In der Innentasche seines Umhangs findet er blind die richtige Phiole und reicht sie Remus, der den Inhalt mit zwei Schlucken und ohne Fragen trinkt, wie alles aus Severus’ Kesseln. Es war dieses Vertrauen, das Severus dazu gebracht hat, langsam auf Remus zuzugehen in den letzten Monaten. Einen Schritt vorwärts und mindestens einen dreiviertel Schritt wieder zurück, immer wieder, bis hierher.

Er kann sehen, wie Remus’ angespannte Miene sich löst, als die Wirkung eintritt.

„Danke“, sagt er schlicht.

„Hast du Verletzungen, die der ‚Sanitas’ vorhin nicht erwischt hat?“, fragt Severus nach.

„Dein Heilzauber ist nicht besonders…wirksam“, gibt Remus zu. „Ich habe zwei Rippen gebrochen, glaube ich.“

Remus steht direkt am Gitter. Er hat die Kleider noch nicht angezogen, die ihm die Elfe dagelassen hat, und Severus’ Hand gleitet vorsichtig tastend über seinen Brustkorb. Er kann die Verletzung fühlen, dort wo die Rippen von ihrer natürlichen anatomischen Lage abweichen.

„Ich bin leider nicht besonders gut darin“, sagt er und setzt seinen Stab direkt auf die verletzte Stelle. „Sanitas.“

Es knackt, Remus stöhnt auf, und irgendwie sitzen die Rippen immer noch schief. Severus wünscht sich verzweifelt, er hätte Lucius’ begnadete Hände. Der blonde Zauberer benötigt nicht mal einen Stab, um Knochenbrüche zu heilen.

„Zeig’ mal dein Gesicht“, fordert Severus Remus auf, aber der weicht zurück.

„Nein, nicht. Das fällt zu sehr auf. Lass es, wie es ist.“

„Stell dich nicht an“, herrscht Severus ihn rau an. „Ich will es nur lindern.“

Aber Remus dreht das Gesicht weg.

„Ich habe ‚Nein’ gesagt. Bitte setz’ du dich nicht auch noch über meine Entscheidung hinweg. Lass mir einen Rest Selbstbestimmung“, bittet Remus.

Severus versteht. Ab morgen wird niemand mehr danach fragen, was Remus möchte. Sie werden ihn zu einem Objekt machen, so wie heute Abend, zu einem Opfer ihrer maßlosen Gewaltausbrüche und Brutalität.
Wenn Severus es als gegeben hinnimmt, dass er seine Tarnung nicht aufgeben kann, nicht aufgeben darf, gibt es keinen Weg, Remus zu retten.

Egal, ob Pettigrew den Zuschlag bekommt oder Greyback, egal ob der Dunkle Lord Bellatrix mit einem Spielzeug belohnen wird oder einen anderen Todesser.
Severus muss nachdenken, und das kann er nicht, wenn er Remus hier vor sich stehen sieht und alles in ihm danach schreit, dieses verfluchte Siegel der vermaledeiten Elfe zu sprengen und Remus die Lippen auch noch wund zu küssen, ihn festzuhalten und einfach bis zum Morgen zu ignorieren, dass nur der Tod sein Leid beenden wird.

„Ich sehe dich…später“, presst er hervor und flieht förmlich aus dem düsteren Kellerverlies. Er sieht die Notwendigkeit und fühlt sich doch wie ein Feigling.


oooOOOooo



Als er in die erste Etage gelangt, kann er bereits im Gang den heftigen Streit hören, der in Lucius’ Arbeitszimmer tobt.
Narcissa hat die Qualitäten einer Furie, und sie kann sehr, sehr verletzend sein. Außerdem weiß sie genau, wie sie ihren Mann treffen kann. Lucius erträgt ihr Gezeter geradezu stoisch, nur ab und an kann Severus seine lauten Entgegnungen hören, die ebenfalls auf den Punkt gebracht und kaum weniger fein sind als Narcissas Vorwürfe. Die beiden schenken einander nichts.
Unschlüssig steht Severus vor der geschlossenen Tür des Zimmers, hinter der der dritte Weltkrieg tobt. Glas geht zu Bruch, man hört es scheppern.

„Dauert noch eine halbe Stunde“, piepst Lilli neben ihm, und Severus springt zur Seite, so plötzlich ist die Hauselfe aufgetaucht. „Erst schreien sie, dann werfen sie mit Geschirr, dann küssen sie sich. Hinterher räumt Lilli auf und putzt.“

Sie wackelt mit dem Kopf. „Ihr Essen ist serviert, Master Snape, Sir.“

Severus nickt und folgt ihr in das Esszimmer, wo am Ende einer meterlangen Tafel drei Gedecke aufgetragen sind.

„Master Lucius ist hinterher immer hungrig, aber Lilli weiß nie, ob die Mistress auch essen wird.“

Severus nimmt Platz und die Elfe serviert Roastbeef mit Gemüse und Salat. Wie stets im Hause Malfoy ist das Essen nicht opulent, aber vorzüglich. Narcissa lässt nur biologisch-organisch gewachsene Nahrung über die Schwelle ihrer Küche und sie hat ein scharfes Auge auf die Fleischportionen. Selbst der Rotwein von Lucius’ Weingütern in der Dordogne ist biologisch angebaut.

oooOOOooo



„Möchten Sie ein Dessert, Master Snape, Sir?“, fragt Lilly, als sie eine halbe Stunde später abgeräumt hat.

„Was hast du im Angebot?“, fragt Severus, nur um der Etikette willen.

„Fettfreies Limonensorbet, Creme caramel oder Mousse au chocolat“, sagt sie und belauert Severus förmlich.  

„Die Mousse, keine Frage“, erwiderte der Slytherin.

Sie strahlt. Elfen können nicht aus ihrer Haut, sie lieben es, Zauberer zu bekochen. Nur Augenblicke später steht eine geschliffene Glasschale vor Severus, randvoll mit köstlicher dunkler Schokoladenmousse. Eine Portion, die er unmöglich bewältigen kann.

Die Tür geht auf und Lucius und Narcissa erscheinen, Hand in Hand. Nichts deutet auf die heftige Auseinandersetzung zwischen ihnen hin, nur in Lucius’ Augen liegt ein Leuchten und Narcissas Wangen sind gerötet. Es ist eine leidenschaftliche Hassliebe, die diese beiden aneinander kettet. Narcissa kann Lucius bis auf Blut reizen, und doch versöhnen sich die beiden stets wieder – bis zum nächsten phänomenalen Krach.

„Merlin, was muss man in diesem Haus tun, um diesen Nachtisch zu bekommen?“, fragt Lucius und wirft einen sehnsüchtigen Blick auf Severus’ Schüssel.

„Severus kann sich diese Kalorienbombe auch leisten“, sagt Narcissa spitz, hebt die Silberhaube von ihrem Teller und schiebt mit angewidertem Gesichtsausdruck das Roastbeef zur Seite, um in den blanchierten Karotten herum zu stochern.

Lilly steht mit unglücklichem Blick daneben.

Lucius verschlingt sein Steak in einem Tempo, dass nur durch seine eisern antrainierten guten Manieren noch als angemessen tituliert werden kann. Natürlich bemerkt Narcissa es dennoch.

„Schling nicht so, du wirst noch daran ersticken“, mahnt sie eisig.

„Fang nicht schon wieder an“, zischt Lucius zurück.

„Ich habe euren … ,Gast’ untergebracht“, wechselt Severus das Thema. Er muss nachdenken, und das Gekeife der beiden – insbesondere von Narcissa - raubt ihm den letzten Nerv.

„Lupin hat Glück, sieht aus, als würde bei Cissy noch etwas für ihn abfallen“, sagt Lucius kühl und fixiert seine grauen Augen auf Narcissa.

„Warum führst du den ‚neuen Hund’ nicht noch ein bisschen aus, Darling“, erwiderte Narcissa zuckersüß. „Ein bisschen Bewegung würde dir sicher nicht schaden.“

„Dir würde mehr von etwas anderem nicht schaden“, gibt Lucius grob zurück, und Narcissa knallt die Gabel auf das Meißner Porzellan.

„Stimmt, aber vielleicht hole ich mir das lieber woanders“, fährt sie ihn an und rauscht dann mit wehender Robe hinaus.

Zu ihrem Glück ist die Tür bereits wieder geschlossen, als Lucius’ Rotweinglas dagegen prallt und zu tausend Scherben zerspringt.

„Langweilig, wie Bellatrix vermutete, ist eure Ehe nicht gerade“, kommentiert Severus trocken und schiebt Lucius ungefragt seine Schüssel mit der Mousse au chocolat rüber, die noch halb voll ist.

„Sie ist ein Horror“, sagt Lucius und taucht den Löffel tief in die braune, aromatische Masse.

„Das sah anders aus, als ihr vorhin hereingekommen seid“, bemerkt Severus.

„Hätte ich die Wahl, stünden Narcissas Koffer morgen vor Black Mansion“, erwidert Lucius. „Was hier nach Leidenschaft aussieht, ist nicht mehr als eine gesellschaftliche anerkannte Form des Aggressionsabbaus. Sie betrügt mich, ich betrüge sie, wir streiten und zwischendrin treiben wir’s auf dem Werwolfsfell in der Bibliothek. Ich wäre lieber allein.“

Severus starrt konsterniert auf seinen alten Freund, der seelenruhig den letzten Rest Schokoladenmousse aus der Schüssel kratzt. Eine solche Offenheit ist selbst für ihr traditionell gutes Verhältnis ungewöhnlich.

„Vergiss, was ich gesagt habe“, sagt Lucius. „Natürlich kommt eine Trennung nicht in Frage. Wie willst du Lupin retten, hast du schon einen Plan?“

„Wie bitte?“

Severus muss sich einfach verhört haben, Lucius kann das nicht gesagt haben.

„Ich bin nicht blind und meine Hauselfe auch nicht, Severus. Wenn Blicke töten könnten, wären Pettigrew und Bella jetzt mausetot. Ich habe vorhin in Blanches Garten gedacht, du verhext sie beide. Mein erster Gedanke war, dass ihr ihn in eurem Dumbledore-ist-der-Größte-Jubelverein braucht,  aber dann erzählte Lilli mir, dass du ihn geküsst hast.“

Lucius mustert ihn, beinahe amüsiert.

Severus räuspert sich. Der Frosch in seinem Hals ist von veritabler Gestalt und würde für eine ganze Armada von Kesseln voller Potenzsteigerungstrank reichen.

„Was wirst du tun, Lucius?“, fragt er, und fühlt, wie ihm das Blut aus den Wangen weicht.

„Ich weiß noch nicht“, erwidert Lucius schlangengleich und beobachtet Severus genau. „Du hast ihn hierher gebracht, das bedeutet, du bist bereit, ihn für …wofür eigentlich?...ach, ja, das ‚Große Ganze’, zu opfern.“ Seine Stimme tropft förmlich vor Sarkasmus.
„Hast du darüber nachgedacht, was sie morgen mit ihm tun werden, die Bellas und Pettigrews und Greybacks in unseren Reihen? Weißt er, was auf ihn zu kommt? Oder vertraut er dir blind? Ich habe ihn stets für intelligent gehalten, aber das scheint ein Irrtum gewesen zu sein.“

„Ich weiß, was ihm bevorsteht“, antwortet Severus. „Und was Re…Lupin angeht, nach dem, was gestern passiert ist, wird er auch eine Vorstellung von dem haben, was ihn erwartet. Sein Tod wird sinnlos, wenn du mich verrätst, Lucius.“

„Aber ein bisschen reinblütige Vorherrschaft und die Unsterblichkeit eines Despoten sind es doch nicht wert, dass wir opfern, was uns lieb und teuer ist“, wiederholt Lucius Severus’ Worte vom Vorabend, spöttisch, ironisch. Sein Blick hat etwas Lauerndes. „Jetzt sage mir, mein Freund, sind die Ideologie eines alten Mannes und das Leben eines Teenagers so viel wertvoller?“

„Es geht nicht um Dumbledore oder Harry Potter“, erwidert Severus. „Es geht darum, dass nach dem Sieg des Dunklen Lords jede andere als seine Vision der Welt untergehen wird. Dumbledore wird stets Menschlichkeit wahren, auch wenn er seine politischen Ziele natürlich erreichen möchte. Was ist so falsch daran, Menschen nach ihren Fähigkeiten und ihrem Tun zu beurteilen, anstatt nach ihrer Herkunft? Du selbst verfolgst in jeder deiner Firmen einen strikt leistungsorientierten Ansatz. Du beschäftigst jede Menge Muggel, Lucius. Du wirst nicht sterben, wenn du deine Hauselfen bezahlst oder einer wie Lupin deine Kinder unterrichtet. Draco hat übrigens eine Menge gelernt in diesem Jahr, das Remus unterrichtet hat. Von all den Todessern um dich herum hast du mich als deinen Vertrauten ausgesucht. Ich bin ein Halbblut, es hätte genügend Reinblüter mit anständiger Familie gegeben. Du hast nach Qualifikation oder vielleicht auch nach Sympathie entschieden, nicht nach Abstammung. Für die alten Familien ändert sich kaum etwas, wenn Potter gewinnt.
Oder doch, ich will ehrlich sein: Du wirst nicht mehr vor dem Dunklen Lord auf Knien herum rutschen, und dein Sohn kann jemand heiraten, der nicht zwangsläufig solche Neurotiker wie die Parkinsons oder Idioten wie die Crabbes als Eltern hat“, schloss Severus sarkastisch.

Lucius lacht. Nicht sein übliches, leises Lachen, sondern laut und fast befreiend.

„Merlin, Severus, du solltest Rennbesen verkaufen. Du gibst mir ja das Gefühl, bereits völlig in Dumbledores schöner neuer Welt assimiliert zu sein. Nur leider ist die Wahrheit, dass mich dort nicht etwa Freiheit, sondern Askaban erwartet. Nein, Severus, wenn du etwas bewegen willst, musst du es innerhalb der etablierten Institutionen tun, nicht von außen. Und das System, in dem ich mich sicher bewege – und du übrigens auch – ist das der Todesser. Wenn wir es klug anpacken, wird der Dunkle Lord selbst Lupin retten. Was wir brauchen, ist lediglich ein verdammt guter Plan.“

„Du bist…“ Severus weiß nicht, was er sagen soll. Lucius ist ein gerissener Hund, aber das grenzt an Größenwahn.

Doch Lucius beschwört ein Blatt Pergament und einen Federkiel, schiebt nachlässig sein Geschirr zur Seite und beginnt, wilde Symbole, Pfeile und Kreise aufzuzeichnen. Er dirigiert Buchstaben magisch hin und her, die mit ‚LM’, ‚SS’, DL’ und ‚RL’ gekennzeichnet sind. Nach einer Stunde schließlich hält er Severus ein völlig bekritzeltes Pergament vor die Nase.

„So könnte es funktionieren.“

„Ich verstehe dich nicht, o Meisterstratege des Dunklen Lords“, grollt Severus mit ironisch übertriebener Unterwürfigkeit.

„Dann lausche, o Giftmischer Seiner Schaurigkeit“, erwidert Lucius mit maliziösem Grinsen.
„Wenn alles so funktioniert, wie ich annehme, wird der Dunkle Lord darauf bestehen, Lupin am Leben zu lassen, er wird die Rettung von Charlie, meiner Tochter und dem Baby befürworten, du behältst deine Deckung und ich leider auch Narcissa. Aber vielleicht kann man an dem letzten Aspekt noch drehen.“

„Am Ende bleibt es bei deiner Loyalität zum Dunklen Lord?“, fragt Severus nach. „Du rettest deine Ex-Geliebte und deine Tochter, du überlässt mir einen Menschen, den du für ein komplexeres Haustier hältst, aber am Ende dient es doch nur der Dunklen Seite?“

„Du bist zu gierig“, mahnt Lucius scharf. „Noch vor einer Stunde hätte dich eine Aussicht auf Lupins Überleben beflügelt, aber jetzt, wo ich dir den kleinen Finger reiche, willst du die ganze Hand.“

„Weil für mich nicht in erster Linie die Einzelperson zählt, Lucius, sondern das Ziel. Du verschaffst ihnen Aufschub, Charlene, ihrem Baby, Remus – aber mehr auch nicht. Am Ende wird die Faust des Dunklen Lords sie zermalmen.“

„Jetzt wird’ mal nicht theatralisch, Severus“, widerspricht Lucius ärgerlich. „Du hast Recht, für den Moment ist es nur ein Aufschub. Mehr kann ich dir nicht bieten. Nimm es an oder überlass dein…komplexes Haustier morgen seinen Schlächtern.“

Severus gibt nach. Er weiß, er hat das Maximum erreicht für den Moment. Lucius wird keinen Schritt weiter gehen.

„Wie bei allen Inferi willst du den Dunklen Lord überhaupt überzeugen?“, fragte Severus schließlich.

„Vertrau’ mir“, flüstert Lucius verschwörerisch. „Ich weiß, was ich tue. Und jetzt muss ich schlafen, sonst unterlaufen mir morgen am Ende noch Flüchtigkeitsfehler, und das könnte uns alle den Kopf kosten.“

Er steht auf, unterdrückt sichtbar ein Gähnen und streckt sich.

„Am Ende ist alles nichts“, sagt Lucius.

„Du bist ein Nihilist“, gibt Severus zurück.

„Präzise. Aber vorher will ich noch ein bisschen Spaß haben“, bekennt Lucius. „Schwör deinen Wolf ein. Er muss morgen einlenken und zusagen, ein paar Informationen preis zu geben, sonst kann ich ihm nicht helfen. Überlegt euch, was ihr zu opfern bereit seid. Das Hauptquartier des Phönixordens wäre zum Beispiel ideal.“

„Was ist dein Einsatz in diesem Spiel?“, fragte Severus leise.

Lucius, schon an der Tür, dreht sich noch einmal um.

„Neben meinem Kopf - das Leben meiner Tochter. Und glaube nicht, dass mir eines davon leicht fällt.“


TBC
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