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1

Metatron, inaktiver Herrscher über Beriah, lag auf seinem Bett und starrte an die Decke. Herr Hase saß auf seinem Bauch und Metatron ließ dessen Arme ein wenig hin und her schwingen, ohne jedoch wirklich darauf zu achten, was er tat.
 „Ach, Herr Hase.“, sagte er leise und biss sich ein wenig auf der Unterlippe herum.
 „Jetzt hab ich schon Geburtstag und niemanden interessiert es.“, seufzte er und schloss die Augen. Er wollte ja nicht weinen, aber das fühlte sich verdammt mies an. Nicht einmal Jibril war gekommen, um ihm zu gratulieren. Und Sefie? Schon gar nicht. Nein, seit dem frühen Morgen saß oder lag Meta auf seinem Bett und hatte als einzigen Trostspender Herrn Hase an seiner Seite. Der jedoch war heute auch außergewöhnlich still.
 „Und keine Geschenke.“ Meta seufzte tief und schluckte dann. Sicher waren mal wieder alle mit sich selbst beschäftigt. Das wäre ja nichts Neues, nicht wahr? Und trotzdem. Sie alle wussten ganz genau, dass heute eigentlich sein Tag war. Metatron setzte sich auf und sah Herrn Hase in die schwarz funkelnden Augen. Dann krabbelte er vom Bett und lief unschlüssig durch sein Zimmer. Was hatte man zu tun, wenn man von aller Welt verlassen war und noch dazu Geburtstag hatte?
 „Das ist so gemein!“, grummelte Meta und drückte seinen Hasen an sich. Nicht einmal der wollte heute mit ihm sprechen, wie es schien. Er starrte ihn nur stumm aus seinen Knopfaugen an und tat gar nichts. Meta schüttelte ihn, doch Herr Hase blieb stumm.
 „Du hast mir auch noch nicht gratuliert!“, schnaubte Meta und starrte wütend in die schwarzen Kulleraugen. Als er wieder keine Antwort bekam, stopfte Metatron seinen Hasen in die Bauchtasche seines Pullovers und verließ sein Zimmer. Er war aufgebracht und enttäuscht und er würde jemanden finden, der ihm ein Geburtstagsgeschenk machte. Irgendjemanden!

Meta öffnete die Tür und steckte seinen Kopf hinaus. Der Gang, der vor seinem Zimmer lag, war leer. Doch das wunderte Meta ebenso wenig, wie es ihn von seinem Vorhaben abhielt. Er trat hinaus und schloss die Tür wieder.
 „Von wegen.“, brummelte er leise vor sich hin, während er sich auf den Weg machte, jemanden aufzutreiben. Wen auch immer. Er folgte dem Gang und bog um die Ecke. Und sah sich wieder nur einem leeren Gang gegenüber. Seufzend zog Meta Herrn Hase aus der Tasche.
 „Die machen bestimmt wieder Konferenz.“, erklärte er dem Hasen das bisher enttäuschende Suchergebnis und stapfte dann weiter, Herrn Hasen unter den Arm geklemmt. Das war doch zum Mäusemelken! Das war ihm in all den Jahren noch nie passiert, dass niemand, aber auch gar niemand, an seinen Geburtstag gedacht hatte. Einfach ungerecht. Wo er sich jeden Tag solch eine Mühe gab, brav zu sein. Metatron machte sich ohne Umschweife auf den Weg nach Yetzirah, um seine Suche beim einfachen Volk zu beginnen. Sicher würden sie sich freuen, wenn sie dem Seraph ein Geburtstagsgeschenk machen durften.
Als Meta dort um die nächste Ecke bog, lief er einem hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann in die Arme, der erstaunt keuchte und gemeinsam mit Metatron zu Boden ging. Metatron rappelte sich gleich wieder auf, nahm den Mann an der Hand und half ihm wieder auf die Beine.
 „Metatron-sama.“, stieß der Mann erstaunt aus und dann legte sich ein leichtes Lächeln auf seine Lippen.
 „Zaphikel-sama!“, rief Meta erfreut und reckte dem Engel seine Arme entgegen. Zaphikel hob eine Augenbraue und grinste breit. Als Metas Aufforderung zum Auf-den-Arm-genommen-werden nicht beantwortet wurde, schnaubte er kurz und sah dann zu Boden.
 „Was habt ihr denn, Metatron-sama?“, fragte Zaphikel und lächelte freundlich. Metatron schniefte leise und nahm dann Zaphikels Hand. Der drückte Metas und lächelte noch immer.
 „Ich habe - Geburtstag das hab ich. Und niemand hat mir gratuliert. Kein einzigster.“ Zaphikel hob erstaunt seine schlanken Brauen, dann kniete er sich zu Metatron hinunter und ergriff auch seine zweite Hand. Meta schluchzte und warf sich dem überraschten Zaphikel an den Hals.
 „Ihr habt wirklich heute Geburtstag?“, fragte Zaphikel und legte seine Arme um den schluchzenden, zitternden Körper. Meta nickte und wischte sich dann über die Augen.
 „Ja hab ich!“ Zaphikel schmunzelte und strich Meta durchs Haar. Der seufzte tief und drückte sich an Zaphikel, um noch ein wenig warmen Trost zu genießen.
 „Wenn das so ist, wünsche ich euch alles Gute! Wollt ihr vielleicht mit in mein Büro kommen und einen heißen Tee trinken?“, lud Zaphikel dann ein und Meta sah ihn nickend aus großen Augen an.
 „Oh ja!“, rief er erfreut und nahm Zaphikels Hand, der sich wieder aufrichtete und Meta dann in sein Büro führte. Wie immer, wenn er Zaphikel sah, war Metatron erstaunt, wie sicher er sich bewegte. Er konnte ohne zu sehen nicht einfach durch die Gegend wandeln. Wirklich toll.
 „Du, Zaphikel…“, hob Meta an, als sie das Büro des Engels erreichten und Zaphikel den Kleinen hineinbat.
 „Ja?“
 „Du sollst doch nicht immer ‚Ihr‘ zu mir sagen.“, sagte Metatron leise und setzte sich auf den Stuhl, der Zaphikels Schreibtisch gegenüber stand. Zaphikel lachte und nickte dann.
 „Richtig, das vergesse ich jedesmal. Entschuldige bitte.“, bat er und Meta nickte fröhlich. Er setzte Herrn Hase auf den Schreibtisch und sah ihn an, während Zaphikel Raziel rief, damit er ihnen einen schönen Tee kochte. Meta streichelte Herrn Hases Fell, als Zaphikel sich ihm gegenüber in seinen Sessel setzte.
 „Nun, mein lieber Metatron. Was wünschst du dir denn am allermeisten zum Geburtstag?“

Metatron dachte lange darüber nach, doch ihm fiel nichts ein. Eigentlich hatte er keine Ahnung. Aber er wusste, dass er sich etwas wünschte. In ihm drin war dieser Kloß, der ihn traurig machte, weil niemand an ihn gedachte hatte, geschweige denn, ihm etwas geschenkt hatte. Aber trotzdem wusste er nicht, was er sich eigentlich wünschen würde. Es war merkwürdig. Zaphikel räusperte sich nach einigen Augenblicken und runzelte fragend die Stirn.
 „Du weißt es gar nicht?“, fragte er dann erstaunt und sah, wie Metatron traurig den Kopf schüttelte. Zaphikel schmunzelte und rief dann Raziel herein, der mit dem fertigen Tee wartend an der Tür geklopft hatte. Meta hob den Blick und lächelte dem jungen Adepten zu. Raziel stellte das Tablett mit dem Tee auf Zaphikels Schreibtisch.
 „Kann ich sonst noch etwas für euch tun?“, fragte er den Engel, doch Zaphikel schüttelte den Kopf. Raziel ließ die beiden wieder allein und Meta nahm dankbar die Tasse, die Zaphikel ihm reichte. Zaphikel füllte Tee hinein und nickte Meta zu.
 „Dann lass es dir schmecken, Geburtstagskind.“, sagte er und Meta lächelte, schon ein wenig fröhlicher. Er trank vorsichtig einen Schluck Tee und seufzte tief. Das tat gut. Und Zaphikel war wirklich nett. Er zog Herrn Hase wieder aus der Tasche und setzte ihn auf seinen Schoß. Dann bot er ihm ein wenig Tee an, doch der Hase hatte scheinbar keinen Durst. Meta ließ ihn und trank dann selber. Zaphikel schien erleichtert, dass Metatron sich offenbar ein wenig beruhigt hatte.
 „Schmeckt es?“, fragte er lächelnd und Meta nickte zufrieden. Dann erhob Zaphikel sich und strich Meta kurz über den Kopf.
 „So leid es mir tut, ich muss dich jetzt wieder allein lassen. Ich habe noch viel Arbeit, die liegen geblieben ist.“ Metatron runzelte enttäuscht die Stirn und dachte bei sich, dass es ja nun nicht wirklich schlimm sein konnte, wenn ohnehin liegen gebliebene Arbeit noch einen Tag länger liegen blieb. Aber er sagte nichts, trank seinen Tee aus, steckte Herrn Hase zurück in die Tasche und erhob sich. Er senkte ein wenig den Kopf und reichte Zaphikel zum Abschied die Hand.
 „Vielen Dank für den Tee.“, sprach er dann artig und Zaphikel geleitete ihn wieder hinaus.


2

Da stand Metatron nun, zupfte seinen Stoffhasen wieder aus seiner Tasche und sah ihn unschlüssig an.
 „Gratuliert hat er mir immerhin.“, meinte er und lächelte zaghaft. Dann seufzte er und sah zu Boden.
 „Aber ein Geschenk hab ich noch immer nicht bekommen.“ Herr Hase schwieg und Meta drückte ihn an seine Wange. Es war schön, das weiche Fell zu spüren, das seine Tränen trocknen konnte, wenn er weinen musste. Aber Meta weinte nicht. Stattdessen machte er sich wieder auf den Weg, jemanden zu suchen, der vielleicht doch noch an seinen Geburtstag gedacht hatte. Obwohl es so schien, war die Vorstellung, das von den tausenden Engeln, die alle seinen Geburtstag kannten, niemand daran gedacht, doch etwas unwahrscheinlich. Und so hoffte Meta, einfach noch den Richtigen zu treffen.
Er verließ den Gang vor Zaphikels Büro und bog nach links in einen Korridor. Er war noch nie hier gewesen, aber ohnehin sah hier alles gleich aus. Und so tapste Meta tapfer über die Steinfliesen. Seine nackten Füße machten leise, platschende Geräusche, aber Meta ging gern barfuß. Besser, als die merkwürdigen, engen, unbequemen Schuhe, die Sefie ihn immer zwang, anzuziehen.
 „Ich glaube, ich klopf mal an diese Tür.“, murmelte der Kleine nachdenklich, als er zehn Minuten gegangen war, ohne jemandem zu begegnen. Als Herr Hase nicht reagierte, schnaubte Metatron und tat dann einfach das, worauf er Lust hatte. Schließlich war es auch sein Geburtstag.

Metatron klopfte und lauschte dann angestrengt. Er machte ein freudiges Gesicht, als von drinnen jemand ‚Herein!‘ rief. Und so trat Meta ein, hielt Herrn Hase fest an seine Brust gedrückt und sah sich einer großen, blondhaarigen Frau gegenüber, die ihn erst fragend ansah und dann offensichtlich überrascht den Blick senkte.
 „Metatron-sama! Was macht ihr denn hier?“, fragte sie verwirrt und Metatron lachte leise. Es war lustig, dass alle so erstaunt waren, ihn zu sehen, nicht wahr? Gerade wollte Metatron noch etwas sagen, nämlich, dass er Geburtstag hatte und ein Geschenk haben wollte, als eine laute Stimme rief:
 „Barbiel! Sieh zu, dass der nächste hereinkommt! Ich will heute noch fertig werden!“ Metatron hob erschrocken die Augenbrauen. Barbiel sah ihn mit einem entschuldigenden Lächeln an.
 „Er ist heute ein wenig gereizt. Er hat den ganzen Morgen schon schwer gearbeitet. Er weiß ja nicht, dass ihr es seid.“, nahm sie ihren Chef in Schutz und öffnete dann die Tür hinter sich, um Meta hinein zu lassen. Metatron ließ Barbiel zurück und betrat den Raum, der hinter der Tür lag. Er sah den schlanken, großen, blonden Engel sofort, der lässig auf seinem Schreibtisch saß und Metatron entgegenschaute. Als er ihn erkannte, hob er erstaunt die Augenbrauen, rutschte vom Schreibtisch und machte einen Schritt auf den Engelskönig zu.
 „Metatron-sama, was tut ihr denn hier?“, fragte er verwirrt und Metatron kicherte leise. Er hob Herrn Hase hoch und hielt ihn dem Anderen vors Gesicht. Dann schaute er plötzlich wieder ernst.
 „Herr Hase und ich sind wütend, weil ich heute Geburtstag habe und niemand kommt, um mir zu gratulieren!“, sagte er eindringlich und entlockte dem Engel vor ihm ein leises Keuchen. Na prima. Nicht nur, dass er heute schon über zwanzig Patientinnen geheilt hatte, jetzt musste er sich auch noch mit diesem Knirps herumschlagen, der ihn mit seinem Kuscheltier nervte.
 „Das tut mir leid für euch.“, sprach der blonde Engel und sah zu Metatron herunter.
 „Ich wünsche euch alles Gute zum Geburtstag.“, schob er hinterher und hoffte, damit wäre die Sache gegessen. Doch Metatron schnaubte unwillig, griff Herrn Hase am Ohr und schüttelte ihn vor dem Gesicht des Anderen hin und her.
 „Warum denkt niemand von allein daran?“, verlangte er zu wissen und ließ die Hand, die Herrn Hase hielt sinken. Der Stoffhase schleifte traurig über den Boden, als Meta seinen Blick wieder hob und den Engel vor ihm fordernd ansah.
 „Hast du ein Geschenk für mich, Raphael?“, verlangte er zu wissen, doch Raphael schüttelte nur den Kopf und hob abwehrend die Hände.
 „Nein, verzeiht, aber dazu habe ich nicht auch noch Zeit.“ Meta konnte es kaum glauben. Das war unerhört! Er wandte sich wortlos ab und stapfte mit Herrn Hase aus Raphaels Praxis. Der sah dem Kleinen verwirrt nach, zuckte dann die Schultern und bat Barbiel, seine nächste Patientin hereinzubringen.


3

Und wieder stand Metatron allein auf dem langen Korridor. Er hob Herr Hase vor seine Augen und sah ihn verzweifelt an. Seine Augen schimmerten vor Tränen, aber noch riss Metatron sich zusammen.
 „Jetzt hab ich schon zwei Gratulationen. Aber immer noch kein Geschenk.“, seufzte er tief und wischte sich mit Herrn Hases Ohr über die Augen. Sein Herz wurde schwer, als er den Korridor entlang tapste, weiter auf der Suche nach jemandem, der von ganz allein an ihn gedacht hatte. Es musste doch jemand zu finden sein!
Nachdem Meta seine Tränen getrocknet und Herrn Hase wieder sicher in seiner Pullitasche verstaut hatte, beschloss er, es bei der höchsten Stelle zu versuchen. Da hier alles so leer war, machte der inorganische Engel vielleicht wirklich eine Konferenz. Da ließ sich sicher jemand auftreiben, der ihm ein Geschenk machte.

Und so lief und rannte Meta schließlich verbotenerweise durch die Korridore, den Blick entschlossen nach vorn gerichtet und stieg hinauf zum heiligen Turm. Nur gut, dass er so klein war, so wurde er von niemandem bemerkt. Metatron platzte in den Thronsaal, ohne anzuklopfen, was, wie er fand, sein gutes Recht war.
 „Hallo!“, rief er in die Runde, die sich als sehr klein herausstellte.
 „Oh.“, sagte er daraufhin und schloss die Tür, etwas bedächtiger, als er sie geöffnet hatte. Dann lief Metatron durch den großen Saal zum Thron und blieb davor stehen.
 „Was willst du hier?!“, wurde er angefahren und machte vor Schreck einen Schritt zurück. Doch dann fing er sich wieder, hob Herr Hase hoch und runzelte, so böse er konnte, die Stirn.
 „Ich habe heute Geburtstag!“, sagte er, als sei das die Antwort auf alle Fragen und starrte dem schlanken Engel in die wütend verkniffenen Augen.
 „Und ganz Yetzirah hat mich vergessen.“, fuhr er fort und streckte verzweifelt die Arme zu den Seiten aus.
 „In Beriah ist niemand zu finden und alles was mir blieb, wart ihr, Rosiel-sama.“, japste er. Rosiel erhob sich von seinem Thron und trat vor Meta hin. Er streckte seine Hand nach ihm aus und Meta hielt quiekend still. Doch Rosiel griff nur nach Herrn Hase und wollte ihn an sich nehmen. Meta hielt erschrocken fest und gab ein verzweifeltes Keuchen von sich. Rosiel ließ den Hasen fahren und starrte Metatron aus undurchdringlichen Augen an.
 „Katan. Erkläre unserem Kleinsten, was zu sagen ich mir zu schade bin.“, sprach Rosiel mit klarer Stimme und Katan, der neben dem Thron gestanden hatte, trat vor Metatron und lächelte ihm kühl zu. Metatron bekam ein wenig Angst und machte einen winzigen Schritt rückwärts. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, hier nach Geschenken zu suchen. Er hatte in all seiner Wut ganz vergessen, dass er den Himmelsturm nicht betreten und Rosiel lieber aus dem Weg gehen sollte. Aber nun war es zu spät.
 „Du hast hier nichts zu suchen.“, erläuterte Katan knapp, was Rosiel ihm aufgetragen hatte und fasste Meta an der Schulter. Ohne ein weiteres Wort führte er ihn aus dem Saal heraus. Rosiel sah ihm schweigend nach und schnaubte schließlich, als Katan zurückkehrte.
 „Kinder.“, zischte er nur missmutig und Katan nickte. Obwohl er Metas Auftritt eigentlich ganz niedlich gefunden hatte.


4

Meta sah, wie die Tür sich langsam schloss und ihn wieder auf einem Korridor zurückließ.
 „Diesmal hab ich nicht einmal Glückwünsche bekommen.“, sagte er leise und drückte seinen Hasen gegen sein Gesicht. Er wollte ja nicht weinen, aber das war doch so ungerecht. Nicht einmal der große Rosiel hatte an seinen Geburtstag gedacht. Meta schluchzte, schluckte und weinte dann leise. Er setzte sich einen Augenblick lang einfach auf den Boden und drückte Herrn Hase gegen seine Augen. Dann rieb er sich die Nase und schlug mit der Faust auf den Boden.
 „Das geht nicht!“, beschloss er, stand wider auf und kehrte ohne weitere Umschweife nach Beriah zurück. Wenn Rosiel doch keine Konferenz machte, war vielleicht doch noch jemand da? Er lief zu seinem Zimmer zurück und schaute hinein. Aber nein, niemand war da. Und auch seine Medizin stand nicht neben seinem Bett, so wie sonst, wenn Sefie ihn besuchte. Dann musste er ihn eben suchen gehen.

Metatron schloss die Tür zu seinem Zimmer wieder und machte sich auf den Weg zu Sevothartes Büro. Dies war die Zeit, zu der er häufig an seinem großen Schreibtisch saß und merkwürdige Dokumente schrieb, unterzeichnete und las. Metatron eilte die Gänge entlang und als er Sefies Tür erreichte, klopfte er daran.
 „Herein!“, erklang eine rauhe Stimme und Meta schlüpfte, ohne zu Zögern in das düstre Büro. Sevotharte saß hinter seinem Schreibtisch und, wie Meta vermutet hatte, hatte einen ganzen Stapel verrückter Dokumente vor sich liegen. Als er Metatron sah, wurden seine Augen erst groß und zogen sich dann zu kleinen Schlitzen zusammen. Meta machte gleich einen Schritt rückwärts, weil er diesen Ausdruck so gut kannte, wie sonst keinen anderen in Sevothartes Gesicht. Er wollte schon sagen, dass es ihm leid tat, das er einfach sein Zimmer verlassen hatte – doch dann ritt ihn Herr Hase. Der zwickte nämlich in eben diesem Augenblick in Metas Hand und flüsterte leise ‚Sag es ihm…sag es ihm…‘. Da stemmte Meta seine Hände in die Hüfte und starrte Sevotharte mutig entgegen.
 „Ich habe heute Geburtstag-„, begann er und wollte gerade seine tapfere Schimpftirade loswerden, als Sevotharte sich erhob, um den Schreibtisch herumkam, Meta am Arm fasste und ihn aus seinem Büro zerrte.
 „Das weiß ich und ich will nichts davon hören.“ Ungläubig und zutiefst verletzt stolperte Meta mit dem gemeinen Sevotharte zurück zu seinem Zimmer. Das war nicht fair. Das war einfach nicht fair!
 „Du bist so gemein! Ihr seid alle so gemein! Alle haben mich vergessen!“, rief er, schluchzte und warf sich weinend auf sein Bett. Sovotharte blieb davon gänzlich unberührt, wandte sich um und verließ das Zimmer.
 „Bleibt jetzt hier.“, befahl er knapp und überließ den weinenden Metatron seinem Schicksal. Und das war, da war sich Metatron ganz sicher, einsam zu sterben. Sofort. Auf der Stelle. Wie konnte man nur einen solche schrecklichen Geburtstag haben?


5

Herr Hase schmiegte seine Nase gegen Metas, als dieser sich ein wenig beruhigt hatte. Davon aufgeschreckt blinzelte Meta aus verweinten Augen und schniefte kurz.
 „Jetzt hab ich schon so viele gefragt.“, sagte er traurig und sah Herrn Hase an. So viele und niemand hatte ihm ein Geschenk gegeben. Meta schluchzte wieder, doch er nahm sich zusammen und rieb sich die brennenden Augen.
 „Jetzt bleibt mir nur noch Jibril.“, stellte er traurig fest und biss sich auf die Unterlippe. Nein, Jibril war doch die allerletzte, die er fragen wollte. Sie musste einfach selbst dran denken. Sie sagte ihm doch immer, dass sie ihn liebhatte. Sie konnte unmöglich auch seinen Geburtstag vergessen haben. Unmöglich. ~Hat sie aber~, hörte Metatron plötzlich von Herrn Hase und brach daraufhin erneut in Tränen aus.
 „Hat sie nicht!“, rief er verzweifelt, schleuderte Herrn Hase in eine Ecke und vergrub seinen Kopf unter dem Kopfkissen. Er schluchzte erstickt und beruhigte sich erst nach einer Weile wieder. Sein bauch tat weh, vom Weinen. Aber als Meta die Tränen zurückdrängte, gewann seine Wut die Oberhand. Er stiefelte zu Herrn Hase, der zusammengesunken in der Ecke lag und hob ihn auf.
 „Ich frage sie jetzt.“, erklärte er sein Vorhaben und rannte dann, mit Herrn Hase an der Hand, zum Wassergarten.

Dort saß, wie Meta vermutet, aber nicht hatte glauben wollen, Jibril unter einem Baum und hielt ihre Füße in das kühle Wasser eines Teiches. Metatron verlangsamte seine Schritte, als er sie sah und hoffte noch immer, sie würde aufspringen, zu ihm eilen und ihn in den Arm nehmen. Er würde ihr sicher gleich verzeihen, dass sie noch nicht zu ihm gekommen war. Doch selbst als Meta direkt vor Jibril stand, sah sie ihn nur lächelnd an und streckte ihre Hand nach ihm aus.
 „Metatron!“, rief sie erfreut und strahlte über das ganze Gesicht. Metatron hob Herrn Hase vor seine Brust und blieb stehen.
 „Was hast du denn?“, fragte Jibril und runzelte ein wenig die Stirn, was ihr gar nicht stand. Meta schluckte und schüttelte den Kopf. Jibril ließ die Hand sinken und lächelte ein wenig. Sie wusste nicht, was mit Meta los war, da war Meta sich ganz sicher.
 „Ach Metatron, du siehst heute so traurig aus.“, sagte sie nur und da drehte Meta sich herum, damit er Jibril nicht ins Gesicht sehen musste, so weh tat es ihm, dass auch sie ihn vergessen hatte. Jibril erhob sich und trat an Meta heran, um ihm ihre Hand auf die traurig hängende Schulter zu legen.
 „Was hast du denn?“, fragte sie sanft, doch Meta machte sich los und sah sie traurig an.
 „Geburtstag hab ich.“, sagte er leise und ließ sie dann einfach stehen. Jibril starrte ihm verwirrt nach und schüttelte den Kopf. Merkwürdiges, kleines Kerlchen.


6

Schließlich blieb Meta an einem Baum stehen und setzte sich darunter. Um ihn herum plätscherte ein kleiner Bach und die Blumen blühten wunderschön. Aber er war traurig. Er rollte sich zusammen und presste Herrn Hase an seine Brust. Er streichelte ihm über den Kopf, was genau das war, was Meta sich jetzt auch für sich selbst wünschte. Niemand hatte an ihn gedacht. Kein einziger. Niemand.
Sprachlos und müde schloss Meta die Augen und steckte seinen Daumen in den Mund. Das beruhigte ihn ein wenig, ließ die schon wieder aufsteigenden Tränen versiegen und gab Metatron das Gefühl, sich wenigstens noch auf sich selbst verlassen zu können. Er schniefte ein wenig, weinte aber nicht mehr und beschloss dann, in einem Anflug von Trotz, Wut und Selbstgefälligkeit, einfach wegzulaufen. Was sollte man an einem Ort, an dem nicht ein einziges Wesen an seinen Geburtstag dachte? Hier hatte er doch wirklich nichts mehr verloren.

Zwei Bäume weiter lächelte eine männliche Gestalt beim Anblick des kleinen Engels, der todtraurig auf dem Boden lag. Dann hatte also alles reibungslos funktioniert. Er hätte ja nicht gedacht, dass es so gut klappte. Nein, wirklich nicht – er war von sich selbst überrascht. Solange, bis eine zweite Gestalt auftauchte, hinter einem Baum hervortrat und zu Meta lief. Die Gestalt hinter dem Baum hob die Augenbrauen, um sich gleich darauf wütend zusammen zu ziehen. Oh nein. Das durfte doch nicht wahr sein! Musste ihm immer alles verdorben werden?


7

Die Gestalt kniete sich zu Metatron hinunter und legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. Metatron schreckte hoch, starrte die Gestalt verwirrt und dann erschrocken an. Doch der Engel, der vor Metatron stand, lächelte nur und sagte:
 „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Metatron-sama.“ Und hielt ihm nun mit beiden Händen ein in ein seidenes Tuch gewickeltes Geschenk vor die Nase. Metatron riss die Augen auf und sein Mund klappte soweit auf, dass das eingewickelte Päckchen beinahe hineingepasst hätte. Der Engel lachte leise über Metatrons fassungsloses Gesicht, dann lächelte er und hob das Geschenk ein wenig in Metas Richtung, damit er es endlich nahm.
 „Boah.“, brachte Meta schließlich heraus, drückte Herrn Hase fest an sich und strahlte dann über das ganze Gesicht.
 „DU hast an mich gedacht?!“, rief er ungläubig und mit vor Freude zitternder Stimme.
 „Ja, hab ich.“, sagte der Engel freundlich und legte Metatron das Paket dann einfach auf den Schoß. Metatron sah es an und legte seine Hände darauf.
 „Mein Geschenk.“, sagte er und hatte vor Freude wieder Tränen in den Augen.
 „Mach es schnell auf.“, sagte der Engel und Metatron wickelte vorsichtig das seidene Tuch von dem Paket. Als er sah, was nun in seinem Schoß lag, fiel seine Kinnlade erneut hinunter und er war nicht mehr in der Lage, mehr als ein überwältigtes Keuchen von sich zu geben.

 „D-Danke…“, stotterte er schließlich, hob den Blick, um sich bei dem Engel zu bedanken, doch als er ihn ansehen wollte, war er auf einmal wieder verschwunden. Metatron japste verwirrt nach Luft, dann sah er auf sein Geschenk und seine Augen wurden groß und größer, als es sich in seinem Schoß ein wenig bewegte.
 
 
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