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von phazonshark
erstellt: 08.03.2008
letztes Update: 08.03.2008
Geschichte, Humor / P12
(fertiggestellt)
INHALT: In einem Londoner Straßencafé veranstalten Orlando B. und ein nicht weniger anonymer Ich-Erzähler ein Alkoholgelage. Immer kurz vor der Erleuchtung nähert sich das Gespräch der beiden dabei einem Krisenthema der Fanfiction ... - Vorsicht: Lest es nicht, wenn ihr die Wahrheit nicht hören wollt.
ANMERKUNG: Aus Gründen der Realitätsnähe sprechen beide Charaktere Englisch. Da sie jedoch relativ betrunken sind, ist es damit nicht weit her.
Ein Loblied auf die Kürbisfanfiction
Ein Straßencafé.
„We should eat fast.“ - Orlando B. hebt eine Braue und sieht mich skeptisch an. Er fragt nach dem Grund. — Ich suche die Wörter zusammen: „Ehm ... Tiramisú is everything but nonperishable.“ — Er lacht und beginnt, das Zeug zu löffeln. Dabei murmelt er auf Englisch etwas vor sich hin, dessen Bedeutung ich allenfalls erraten kann. Das meiste ist ausgemachter Schwachsinn.
Ich werfe die leere Plastikschale irgendwo hin. Es müssten noch Reste von Mascarpone-Creme an ihren Innenwänden kleben. Egal. Die Amaretto-Schicht auf dem Boden der Schale ist schließlich längst Geschichte und der Rest ist Beiwerk. Der Tiramisú-Berg vor uns scheint nicht zu schrumpfen, obwohl es bereits spät geworden ist: Die Sonne ist vor ein paar Minuten hinter den eleganten Gebäuden von Londons Innenstadt versunken.
Ich mustere meinen Konkurrenten kurz: Orlando B. hat gerade eine weitere Schale gelehrt und lässt sich zu einem Kommentar hinreißen. Ich höre die Halb-Metapher 'Holy Crap' heraus. Dann noch ein paar mehr als unbestimmte Artikel. Und schließlich die einem Betrunkenen eigene Menge an grobem Unfug. Ich weise ihn nicht darauf hin, dass er offenbar hinüber ist. Stattdessen schnappe ich mir eine weitere Schale mit Tiramisú und merke an, dass Tiramisú aus „multiple layers“ besteht und dass der „devil“ im untersten „Layer“ sein „Camp“ aufgeschlagen hat. Dort, wo der Alkohol steckt.
Orlando B. nickt verstehend; sieht mich so ernst an, als müssten wir einen Plan zur Rettung der Welt besprechen. „I see“, sagt er in arg codiertem Englisch. „Devil's camping down there?“ Er hält fragend eine halb leere Portion Tiramisú hoch. — „Obviously“, antworte ich. — Orlando macht sich daran, die Plastikschale zu zerquetschen. Dabei fällt Kakaopulver wie Schnee auf den Tisch des Straßencafés. „That is so weird“, erkennt er ganz richtig.
Einen Moment lang begegne ich der Frage, was um alles in der Welt hier vorgeht. Dann kehrt die Frage mir den Rücken zu und von nun an gehen ich und mein Realitätssinn getrennte Wege. Falls mein Realitätssinn irgendwann einsieht, dass der Alkoholgehalt von Tiramisú medizinisch unbedenklich ist, werden wir uns vielleicht wieder versöhnen. Bis dahin können er und seine kontraproduktiven Einwände mir gerne gestohlen bleiben.
„Shit. It's empty“, bemerke ich trocken und vollbringe das Kunststück, mich über die soeben gelehrte Portion zu beschweren, obwohl Dutzende weitere sich noch vor uns auf dem Tisch stapeln. Orlando B. gibt lautstark bekannt, dass ich sein vollstes Mitgefühl habe. Was er dann sagt, geht in Essgeräuschen unter. In Essgeräuschen, die er hin und wieder wie die Erkennungsmelodie von „Fluch der Karibik“ klingen lässt. Könnte aber auch Zufall sein. Die Stochastik lehrt uns immerhin: Wenn man einen Affen mehrere Jahrtausende lang wahllos auf eine Tastatur hämmern lässt, dann bringt er irgendwann einen Shakespeare zustande. Eine lange Zeit, aber selbst an Real-Person Fanfiction sitzt ein Affe schon ein oder zwei Stunden.
Ich lache. Orlando wertet es alarmiert als Triumphlachen und beginnt nun hastig, an zwei Tiramisú-Portionen gleichzeitig zu essen, um das Duell nicht zu verlieren. Nervös schaut er hin und her; ihm ist deutlich anzusehen, dass er nach einem Weg sucht, mich am Essen zu hindern. Ich erkenne die Gefahr und schaufle nun jedes Mal doppelt so viel Tiramisú auf meinen Löffel. Verärgert stelle ich fest, dass das Straßencafé immer heftiger schwankt und Orlandos Nautik-Erfahrung ihm nun Vorteile bringen wird. Seekrankheit war das letzte, was ich gebrauchen konnte.
„Dude.“ Orlando fordert mit erhobener Tiramisú-Schale meine Aufmerksamkeit. „We need to talk about pumpkin-fanfiction“, erklärt er warnend, nimmt dann noch einen Happen. Mit vollem Mund murmelt er irgendwas, das in „... what I'm getting at?“ endet. Ich verneine entschieden.
„Well, I'm ... I'm writing fanfictions about pumpkins“, erklärt mein betrunkener Tischnachbar. „I look at pictures and ... dunno, some youtube-clips ... many of them have pumpkins somewhere in the background.“ — „You do what?“ — Orlando steigert sich da in etwas rein, wiederholt mit heiterer Wut: „I'm making up stories about pumpkins!“
„Yeah, but why?“
„I just do, who cares?“
„But you don't know anything about those pumpkins! You only got some pictures!“ Jetzt begann es, persönlich zu werden, beschloss ich. — Orlando schüttelte heftig den Kopf, was angesichts seines Zustandes gefährlich wurde. „Dude, I'm reading magazines about them! Just ... Just ask me somethin'! Ask me anythin', what do you wanna know?! Their weight? Size? Color? I know it all!“
Der Ess- und Alkoholwettstreit ist nun in den Hintergrund getreten. Ich sitze hier einem mehr als angeheiterten Filmstar gegenüber, der felsenfest behauptet, er sehe sich Bilder und Videos von Kürbissen an und erfinde dann auf Basis von Gewicht und Aussehen seine eigenen Geschichten über sie. Ich verschränke die Armee und sehe Orlando mit einem erzieherischen, warnenden Blick an. Das Wort „disturbing“ ist das einzige, das mir gerade einfallen will.
Orlando kramt auf einmal in der Tasche seines über den Stuhl gehängten Mantels herum und zerrt ein paar zerknitterte Zettel heraus. „Here you are!“, ruft er triumphierend aus und klatscht die Zettel auf einige leere Tiramisú-Schalen, die sich vor mir auftürmen. „That's one of my best!“, preist er den hingeschlampten Papierstapel an. Die Rechtschreibfehler sind derart übel, dass ich blinzeln muss, um mich nicht zu übergeben. „It's called 'What if...?' erklärt Orlando stolz. „It's the story of pumpkin #1138 falling in love with the banana from those chiquita-TV-spots.“
„Pumpkin number 1138?“
„Exactly.“
„Why not number 1139?“
„1139 is totally different from pumpkin 1138.“
„You mean he's a different charakter-type?“
Orlando legt seine Stirn in Falten und sieht mich nun mit der gleichen Verstörtheit an, die auch ich seit zwei Minuten zum Ausdruck bringen will. „Caa...“, sagt er dann plötzlich. „Carack...“ Sein Gesicht verzerrt sich auf einmal; anscheinend hat er sich auf die Zunge gebissen.
„Character“, wiederhole ich.
„Yeah ...“, sagt Orlando verärgert. „What's up with that?“
„You don't know anything about these pumpkins' characters!“, versuche ich ihm begreiflich zu machen.
„Liar!“, flucht er und schlägt so heftig auf den Tisch, dass die Tiramisú-Schalen in die Luft geschleudert werden und eine seiner Manuskript-Seiten – Aufschrift 'Pumkin Love Story' – in der Kerze des Nachbartisches landet. Das Papier verbrennt mit einer gleißend-grünen Stichflamme. „Liar!“, zieht Orlando meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. „I know everything about their charra... cha-thing! I know their weight, their color-tone, ...!“
„That is just a bunch of horse pucky! Why don't you just make up your own pumkins? Why not imagening a pumkin number 4201 and falling in love with your own creation!?“
„BECAUSE THAT WOULD MAKE WAY TOO MUCH SENSE!“
Mit diesen Worten verabschieden wir uns und wanken in gegensätzliche Richtungen davon, jeder von uns dem Sonnenuntergang entgegen: Es hat Vorteile, betrunken zu sein. Trotzdem gibt es gibt Dinge, die ich nicht einmal unter Alkoholeinfluss tun würde.
ENDE
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