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von Sharon
erstellt: 28.02.2008
letztes Update: 28.02.2008
Geschichte, Allgemein / P12
(fertiggestellt)
Autor und Rating: Ich war's, ich hab's getan und deshalb ist das Rating von mir auf P12 gesetzt worden. }}
The future lies ahead
‘Van Helsing!’
Als Anna den großen Werwolf in einiger Entfernung vor sich sah, der unter tiefschwarzem Fell ihren Gabriel verborgen hielt und gerade mordlustig über sein Opfer Graf Dracula herfiel, wusste sie, dass es aller höchste Zeit war, den Fluch des Werwolfes zu brechen und Van Helsing wieder zu dem zu machen, was er war: ein Mensch. Die große Glocke in diesem Turm schlug zum wiederholten Male und nur wer mitgezählt hatte, wusste wie oft und wie bedrohlich weit die Zeit voran geschritten war. Jedoch spürte Anna, dass sie zum Glück wohl noch nicht ganz zu spät gekommen war und noch immer Hoffnung für ihren Geliebten bestand, wenn sie nun nur schnell genug handelte. Sie glaubte es zumindest und ihr Glaube war stark, nicht zuletzt weil es hier um den Mann ging, der ihr Herz erobert hatte.
Sie war wild entschlossen, ihn zu retten, und einen Kampfschrei ausstoßend rannte Anna los, furchtlos auf die wütende Bestie zu, den Arm mit der Phiole, in der sich das Gegenmittel für das Werwolfsblut befand, hoch erhoben. Mit aller Kraft schleuderte sie im Laufen die heilende Giftspritze wie ein Spartiat in grauer Vorzeit seinen Speer in Richtung des geliebten Werwolfs, der wieder Mensch werden sollte – keine Sekunde zu früh, denn als das spitze Glasgefäß sich aus dem festen Griff der zarten Frauenhand löste, drehte sich besagtes Untier mit vor Speichel und Blut triefenden Lefzen zu seinem menschlichen Angreifer um und setzte zum Sprung an. Doch Anna wurde durch die Wucht ihres vollen Körpereinsatzes von den Füßen gerissen und landete der Länge nach auf dem feuchten Boden – just in dem Augenblick, in dem der Werwolf über sie hinwegflog, und Anna legte schnell ihre Arme schützend um ihren Kopf und zog die Beine an, als sie den Luftzug vernahm, darauf hoffend, nicht von einer Klaue oder Ähnlichem getroffen und zerfetzt zu werden. Sie hatte Glück; das Biest kam erst einige Meter von ihr entfernt auf die Füße auf, laut aufheulend. Und das was es auch, was Anna dazu veranlasste, vorsichtig den Kopf zu heben, den Oberkörper ein Stück zu drehen und aufzurichten, um einen Blick auf die Gestalt zu werfen, um die im Moment alle Gedanken kreisten.
Was sie sah war geradezu unheimlich.
Das pechschwarze Fell pellte sich förmlich von dem massigen Körper des Untiers, während die große Gestalt sichtbar zu schrumpfen begann. Sämtliche Knochen, Muskelstränge und Sehnen rebellierten heftig unter der Rückverwandlung, knackten fürchterlich, dehnten sich unmöglich und auch die Tierhaut, dessen Haare bereits zu Boden gerieselt waren wie die Nadeln eines überreifen Tannenbaums, riss mehrmals, bis darunter die menschliche Haut Van Helsings wieder zum Vorschein kam.
Dann war es ebenso plötzlich wieder vorbei wie es angefangen hatte.
Alle schrecklichen Geräusche verstummten und nur das abklingende Hecheln Gabriels, der eisige Wind, der durch das Gemäuer pfiff, und der heiße Dampf der überhitzten Maschinen waren noch zu hören.
Van Helsing selbst sah sehr erschöpft aus und musste erst einmal seine Sinne sammeln – die Verwandlung hatte ihn viel Kraft gekostet, mehr als erwartet.
Diese Verwandlung hatte auch Anna mitgenommen – zumindest dessen Anblick - , doch so sehr sie auch von der schmerzlichen Prozedur geschockt war, die dieser bewundernswerte Mann durchlitten hatte, noch mehr war sie von dem Procedere und seinem Ergebnis fasziniert. Ob nun Werwolf oder Mensch, Anna konnte den Blick nicht von Gabriel nehmen, sie war ganz gefesselt von ihm und seinem Anblick.
Ihre dunklen Augen fixierten unaufhörlich den sichtlich gematerten und trotzdem ansehnlichen Männerkörper in all seiner fast vollkommenen Nacktheit wäre der letzte Fetzen der Hose nicht übrig geblieben. Sie wusste genau, dass diese Gedanken momentan absolut nicht hierher gehörten, aber verhindern konnte sie sie nicht.
Als dann endlich dieser Moment der Starre vorüber war, beeilte Anna sich, wieder auf die Beine zu kommen, um zu dem Held des Tages und im Grunde zu ihrem persönlichen Helden zu eilen, der ihrer ganzen Familie Frieden gebracht hatte. Mit einigen großen Schritten war sie bei ihm und mit einem erleichtertem, aber akzentschwerem „Van Helsing!“ schlang sie unvermittelt die Arme um den etwas in sich zusammengesackten Körper. Gabriels Schultern hingen in der Tat und auch seine Beine standen wegen des Kraftaufwandes nicht gerade und fest auf dem Boden, jedoch ändert sich das blitzschnell, als er Annas warmen Leib an dem seinen spürte. Er richtete sich auf, um die Arme um sie schlingen zu können und presste seine Retterin fest an sich.
„Du bist wieder du!“, sagte Anna nach einem stillen Augenblick des gegenseitigen Hin- und Herwiegens glücklich. Sie war sehr über den Umstand erfreut, ihren Geliebten nicht als letzten Ausweg von einem Silberdolch erstochen sehen zu müssen.
„Ja...“, antwortete Gabriel verzögert, als sie den Kopf hob um ihn anzuschauen.
„Du hast es geschafft, Anna. Du bist nicht zu spät gekommen – ich danke dir.“ Letzteres kam reichlich leise, doch sie hatte ihn verstanden und lächelte bestätigend; auch einer von Gabriels Mundwinkeln hob sich in die Höhe, als ihm plötzlich der Gedanke an eine mögliche gemeinsame Zukunft als Dämonenjäger kam.
Daraufhin folgte einer dieser Augenblicke, in denen die beiden ganz still und ernst wurden, das Lächeln beider langsam erlosch, sich Mann und Frau lange in die Augen blickten und sich dann auch küssen würden, wenn sie allein wären, doch das waren sie leider nicht.
Der Mönch war schließlich auch noch da. Er trat hinzu, ebenfalls völlig erleichtert darüber, seinen Freund und den Bezwinger Draculas wohlauf zu erleben, und meldete sich zu Wort.
„Ihr lebt! ... Und der Graf ist tot.“ Eine kurze Pause folgte, in der Carl seine Freude mimisch ausdrückte, dann meinte er ernster und auch immer noch ein wenig verängstigt, weil er nun einmal ein Hasenfuß war:
„Und trotzdem sollten wir diesen Ort jetzt besser ganz schnell verlassen – er ist einfach zu unheimlich.“ Der Nachsatz klang eher verlegen und kleinlaut, immerhin hielt er unter anderem das noch nicht offizielle, aber deutlich erkennbare frische Paar vom Knutschen ab, aber er hatte Recht und als die beiden besagten Verliebten ihre Köpfe zu ihm drehten und nickten, war es beschlossene Sache.
Nun würden die Bezwinger Draculas und Vertreiber der Werwölfe Rumäniens heimkehren. Raus aus dem Versteck des Bösen, weg von Wesen aus der Hölle und untoten Schreckgestalten und zurück zu den Lebenden, hinein ins vertraute Land Transsylvanien und vor allem rein in die gute Stube des Anwesens der Valerious.
Anna schuldete Gabriel schließlich noch immer einen Drink...
~*~*~*~
Doch die erste Flüssigkeit, die Gabriel im Hause der Valerious zu sehen bekam, war nicht etwa ein kühles Glas Vodka oder Ähnliches, sondern eine ganze Badewanne voll heißem Wasser. Offenbar wollte jemand Bestimmtes, dass er wieder menschlicher aussah als er das mit all dem Blut und Schweiß auf seinem gesamten Körper momentan tat. Er selbst fühlte sich auch gar nicht wohl in seiner nassen Haut und die verklebten Haare gefielen ihm schon gar nicht, doch irgendwo musste sich abgezeichnet haben, wo er an diesem überaus anstrengendem und abenteuerlichem Tag alles gewesen war: in etlichen Pfützen und kleineren Gewässern gelandet, von Erde und Dreck umgeben, mit Regentropfen, Schweißperlen und Blut bespritzt. Klar, dass das seine Spuren hinterließ. Und außerdem war ihm trotz der Anstrengungen und des Schwitzens sehr kalt – Transsylvaniens Klima war mit dem Römischen einfach nicht zu vergleichen. Das heiße Wasser würde ihn also erst einmal wieder auftauen und seinen Körper von außen wärmen, bevor der getrunkene Vodka von innen heraus das Übrige tun würde.
Van Helsing trennte sich also rasch von seinen ge- und zerrissenen Kleidungsstücken, die allesamt die unverkennbaren Zeichen eines Kampfes aufwiesen und ihren letzten Dienst eindeutig erwiesen hatten (außer dem Mantel und der Weste war nichts mehr heile), und begab sich in die wohltuende Hitze des dampfenden Wassers. Es dauerte auch nicht lange, bis die Wärme in seine kalten und müden Glieder zurückkehrte und sich erstmalig so etwas wie Entspannung in dem Dämonenjäger ausbreitete. Genießerisch die Augen schließend hatte er es sich rücklings in der Wanne bequem gemacht und war bis zum Kinn in das warme Nass abgetaucht, um das Element Neptuns auf sich wirken zu lassen.
Nachdem er sich soweit aufgewärmt hatte, dass man ihn wieder als den Heißsporn erkennen konnte, der er unter seiner langjährigen Erfahrung als Jäger und antrainierter Selbstbeherrschung im Grunde war, begann er seine Wunden notdürftig zu reinigen und seine verklebten Haare zu waschen, um einen Zustand zu erreichen, den man schon durchaus wieder als sauber bezeichnen konnte; von ‚gepflegt’ war er aber noch weit entfernt, zumal ihm nach dem Bad nichts anderes übrig blieb, als in seine alten Klamotten zu steigen oder zumindest in das, was davon übrig war. Die Haare versuchte er wenigstens mit einem Handtuch zu frottieren; seinen Körper hatte er so auch ganz gut trocken bekommen.
Zum Schluss strich er sich mit den Fingern noch ein bisschen die klammen Strähnen zurecht, bevor er das Badezimmer verließ und ins Nebenzimmer ging. Weil in diesem Schlafzimmer allerdings niemand aufzufinden war, versuchte er es eine Tür weiter.
~*~
Anna mischte grade auf dem heißen Herd aus verschiedenen Zutaten eine Tinktur nach uraltem Rezept zusammen, als Gabriel in die Küche kam und schräg hinter sie trat, automatisch eine Hand auf ihren Rücken legend. Er guckte ihr über die Schulter und rümpfte die empfindliche Nase wegen des seltsamen Geruchs, der ihm entgegenkam, und fragt dann neugierig:
„Was soll das denn werden, wenn es fertig ist?!“
Die Angesprochene ließ den hölzernen Kochlöffel, mit dem sie gerade die langsam zu kochen anfangenden Zutaten umgerührt hatte, sinken, drehte sich eine Hand in die Hüfte stemmend zu ihm um und schaute in sein schiefgelegtes und plötzlich so nahes Gesicht.
„Eine Tinktur für deine Wunde, damit sie besser heilen kann.“
Gabriel musste schmunzeln und auf ihr Augenbrauenheben hin erklärte er, warum. In einem scherzhaften und teilweise angeberischen Machoton meinte er zu ihr, während er die Hand hob, um eine ihrer dunklen Locken zu erfassen:
„Aah... Ist das nicht toll? Eine eigene Krankschwester zu haben, die sich um einen kümmert?“
Der Gesichtsausdruck der Transsylvanierin verdunkelte sich augenblicklich um eine Nuance und ihre Braue sank wieder herab, als sie ihm auf diesen blöden Spruch damit antwortete, sein Handgelenk zu packen und bestimmend zu erwidern:
„Van Helsing, ich bin nicht deine Krankenschwester.“
„Dann sag ‚Gabriel’ zu mir.“
Und schon hatte er sich soweit zu ihr vorgebeugt, dass ihr ohnehin schwacher Widerstand gegen ihn unter seiner wahrzunehmenden Körperwärme hinwegschmolz und sie ihm ebenso verlangend auf die Lippen starrte wie er ihr. Und die stumme Frage in seinen tiefbraunen Augen beantwortete sie mit dem Niederschlagen ihrer langen Wimpern. Gabriel küsste sie mit ungeahnter Zärtlichkeit und die Hand, die Anna noch kurz zuvor davon abgehalten hatte, sie zu berühren, durfte nun nur zu gern ihre eine Gesichtshälfte umspannen; ihre eigene sackte in seine Armbeuge.
„Gabriel.“, seufzte Anna wohlig gegen seine Lippen, die nur wenige Millimeter von ihren gewichen waren, und der nächste Kuss, der darauf folgte, war gleich eine Nummer stürmischer und energischer.
Es kam ihnen wie eine halbe Ewigkeit vor, seit sie sich das aller erste und vorerst letzte Mal geküsst hatten. Daher war es nicht verwunderlich, dass sie diesen ersten Moment des Alleinseins voll für ein weiteres Mal nutzten.
Aber auch sonst hätte sich zumindest Gabriel nicht mehr lange zurückhalten können.
Von ganz allein fanden Annas Hände deshalb ihren Weg zu Gabriels Brustkorb und legten sich dort, jeweils eine an jeder Seite, nieder, während ihr eigener Körper gegen die Anrichte gedrückt wurde. Als sie mit dem Kreuz gegen die harte Kante stieß und leise aufstöhnte vor Schmerz und gleichzeitiger neuen Erregung, fuhren die Männerhände ihres Gegenübers ihren schmalen Rücken hinab zu eben dieser getroffenen Stelle und strichen dort kurz entschuldigend darüber, bevor sie ihren Weg zu ihrem prallen Gesäß fortführten. Jedoch blieben auch ihre eher zierlichen Hände nicht lange untätig; sie fuhren im Augenblick unter den kaputten Rollkragenpullover, den er noch immer trug, und strichen den bloßen Rücken hinauf, um auf den deutlich fühlbaren Schulterblättern und arbeitenden Muskeln dort zu verweilen. Gabriel schnappte kurz nach Luft, bevor er Annas volle Lippen erneut in Beschlag nahm, mit der Zunge über sie leckte und auch prompt Einlass erhielt. Und während er so ihre feuchte Mundhöhle erkundete, reihenweise Zähne zu spüren bekam und auf das lauernde, freche Untier darin stieß, um einen Kampf zu entfachen, da wurde auch er an den Pobacken ergriffen und sogleich auf Kollisionskurs mit dem fraulichen Becken gebracht.
Ein beiderseitiges Aufkeuchen war das Ergebnis ihrer Attacke: Gabriels bereits im Anschwellen begriffene Männlichkeit traf unmittelbar auf Annas pochendes Geschlecht und beantwortete dessen Rufen mit einem Pulsieren wie die Transsylvanierin es nie zuvor gespürt hatte.
Und alles hätte genauso reibungslos weiterlaufen können, wäre da nicht ein bereits allzu bekannter Störenfried aufgetaucht, der das Talent besaß, immer zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, so wie jetzt: Carl, der gerade aufgeregt redend zur Tür hereinschneite.
Das frische Paar stob erschreckt auseinander und ehe der Neuankömmling sich versah, fuhren die Köpfe wie auf Kommando in seine Richtung, laut und synchron seinen Namen aussprechend.
„Ist nicht so wichtig.“, beeilte sich der Mönch zu sagen und machte auf dem Absatz kehrt. „Ich versuch’s später noch einmal.“, und war damit ebenso schnell wieder heraus wie herein.
Van Helsing ging verärgert auf die böse Tür zu, die den Nervtöter hereingelassen hatte, machte sie fest zu und schloss ab, auf das niemand sonst heute noch rein oder raus kommen möge; nicht eher, bis er es erlaubte. Sich langsam umdrehend, kehrte er zu Anna zurück, die sich schon wieder der inzwischen kochenden, zähen Flüssigkeit auf dem Herd gewidmet hatte und gerade den Topf absetzte, um ihn erkalten zu lassen.
Und noch etwas anderes war inzwischen dabei, sich abzukühlen, nämlich die deutlich erhitzten Gemüter der beiden Personen, die sich nun wieder allein in der kleinen Küche aufhielten, insofern in diesem Schloss überhaupt irgendetwas als klein bezeichnet werden konnte.
„So, die Tinktur ist... bist du etwa wieder in diese blutigen Fetzen gestiegen nach dem Bad?!“
Anna, die sich ihm so eben wieder zugewandt hatte, klang regelrecht erschüttert über diesen Umstand, den sie vorhin nur am Rande wahrgenommen hatte, und Gabriel, der musste doch prompt den Blick von ihrem anklagend schauendem Gesicht zu Boden abwenden und wie ein kleiner Lausebengel etwas zu seiner Verteidigung sagen.
„Ich hatte nichts anderes zur Hand.“
Eben jenes Verhalten stimmte die strenge Frau in seinem Gegenüber augenblicklich wieder gnädig und geradezu ein kleines Bisschen kleinlaut murmelte sie:
„Warte, ich werde nachschauen, ob etwas bei Velkans Sachen für dich dabei ist, und es dir holen.“
Während sie mit ihm sprach, langte sie in ein an der Wand hängendes Regal und holte eine Flasche Vodka daraus hervor, mit der sie auf ihn zuging.
„In der Zwischenzeit könntest du deine Wunden hiermit desinfizieren.“
Mit einem kurzen Blick in sein Gesicht drückte sie ihm das Glasgefäß in die Hand und verließ in ihrer typisch toughen Gangart das Zimmer, das mit den zwei angrenzenden Räumen eigentlich eine ganze Wohnung bildete. Er blickte ihr nach, auch nachdem sich die Tür wieder geschlossen hatte, denn wieder erhielt Gabriel seinen Drink in einer anderen Form, als er es sich gedacht hatte: als Desinfektionsmittel. Doch er tat, wie ihm geheißen, zog unter einigem schmerzlichen Ziehen den zerschlissenen Pullover wieder aus und begann, eine blutfreie Stelle davon als Lappen für den Alkohol zu benutzen.
~*~
Anna schritt in fast schon fliegender Hast den Korridor entlang und verursachte mit ihren hohen Absätzen auf dem steinernden Boden einen regelmäßigen Takt, der von dem Gemäuer laut widerhallte, doch ihre anfangs forschen Schritte wurden immer zögernder, je näher sie dem Zimmer ihres verstorbenen, nein, getöteten Bruders kam. Sie hatte nämlich, um ehrlich zu sein, an diese schreckliche Tatsache seit dem Zeitpunkt des Geschehens nicht mehr gedacht; nicht mehr denken können, weil der Kampf gegen Dracula noch weiter gegangen, aufregender und gefährlicher geworden war.
Eine oft erlebte und trotzdem erneut heftige Traurigkeit überkam sie deshalb bei dem bloßen Gedanken daran, einen weiteren Angehörigen der Familie Valerious begraben zu müssen. Nur mit dem Unterschied, dass sie diesen Leichnam erst einmal wiederfinden musste, um ihn zu Grabe tragen zu können; zu dem Familiengrab, das im Laufe der Zeit viel zu schnell gefüllt worden war.
Und auch wenn sie als Transsylvanierin immer die gute Seite des Todes sah, die eben nur schwerer zu entdecken sei, so wurde ihr unterwegs doch schmerzlich bewusst, dass sie den Verlust ihres Bruders und somit engsten Verwandten nicht so einfach verarbeiten können würde, denn sie waren die letzten der Valerious gewesen und ein eingespieltes Team in Sachen Jagd auf übernatürliche Wesen noch dazu.
Dieses Gefühl von übriggeblieben zu sein war es auch gewesen, dass sie als Geschwister so zusammengeschweißt hatte. Als Partner waren sie für den jeweils anderen immer unverzichtbar gewesen und als Geschwisterteil immer der benötigte Gegenpart. Diesen wichtigen Partner im Leben zu verlieren war also ein harter Schlag und als sie die Treppe zur oberen Etage hinaufging, die zu ihren Zimmern führte, wurde ihr klar, dass sie noch einen langen, harten Weg vor sich hatte, Velkans Tod zu verwinden.
Vielleicht würde ihr dabei besonders Gabriel helfen können; der einzige, der ihr jetzt noch nahe stand.
~*~*~
Als Anna nach einer Weile mit einem Bündel Kleidung in den Händen wieder zur Tür hereinkam, bemerkte Gabriel sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Die sonst so toughe Transsylvanierin kam geradezu schle in den Raum geschlichen und vermied es, ihn anzuschauen, doch des Dämonenjägers wachen Sinnen fiel auf, dass ihre tiefbraunen Augen verdächtig feucht glänzten.
Sie hatte geweint. Das war die Veränderung, die er gleich beim Reinkommen wahrgenommen hatte. Doch warum hatte sie geweint? ...
Eigentlich lag die Antwort auf der Hand.
Anna übergab ihm die Sachen mit einem einfachen „Hier.“ und wollte sich gleich wieder von ihm abwenden, aber Gabriel fing ihre eine Hand ein, während er mit seiner anderen die Klamotten beiseite legte.
„Anna, was hast du?“ fragte er, obwohl er sich schon denken konnte, was es war.
„Nichts.“ kam die abwehrende Antwort, doch Gabriel ließ sich nicht so schnell und einfach abwimmeln und zog sie kurzerhand neben sich auf die Bettkante.
Einer kurzer Moment des Schweigens und dann:
„Es ist nur...“
Aha, also war doch nicht nichts los.
„Wegen Velkan?“ sprach ihr Gegenüber seine Ahnung aus und Anna nickte.
„Hör zu.“ Er befeuchtete sich die Lippen, ehe er weitersprach, sichtlich nach den richtigen Worten suchend.
„Da, wo er jetzt ist...“ versuchte es Gabriel so feinfühlig wie möglich, jedoch klang er zu seinem Bedauern genau so, wie jeder andere an seiner Stelle auch. Seine Hilflosigkeit ärgerte ihn und in Ermangelung besserer Formulierungen sagte er:
„Ich bin mir sicher, dass es ihm dort gut geht und –“
„Aber mir nicht!“ fiel Anna ihm plötzlich aufgebracht ins Wort. Es klang geradezu trotzig und die Tatsache, dass sie mit den Unterarmen auf ihre Oberschenkel haute, machte es auch nicht besser. Sie war unzufrieden und traurig zugleich – und sie fing zu weinen an. Gabriel hörte ihr jetzt lieber zu; hörte ihren Kummer an und schwieg.
„Dracula hat mir alles genommen, was mir etwas bedeutet hat. Jetzt bin ich völlig allein auf der Welt... vollkommen auf mich gestellt... zurückgelassen mit all dem Schmerz...“ erklärte sie unter Tränen und nestelte mit den Fingern an ihrem einen Ärmel herum. Gabriel, der sie voll und ganz verstehen konnte, bedachte sie mit einem aufrichtig mitfühlenden Blick und legte ihr beruhigend eine Hand aufs Knie. Als Anna dann aufschaute und ihn aus nassen Augen heraus ansah, gestand sie:
„Du bist der einzige, der mir noch geblieben ist...“
Sie suchte mit diesen Worten unmissverständlich nach Halt und den wollte er ihr geben. Gabriel, der ihr aufmerksam zugehört hatte, umschlang in einer stummen Geste ihre Schultern mit einem Arm und drückte sie sachte an sich, damit sie sich in aller Ruhe und Geborgenheit, die er ihr vermitteln konnte, ausheulen konnte. Seine Wange an ihr Haar schmiegend versicherte er ihr mit beruhigender Stimme:
„Ja, ich bin da.“ Ein bedächtiger Kuss seiner warmen Lippen berührte ihr Haupt in aller Zärtlichkeit.
„Deine schmerzlichen Erinnerungen an deine Familie und mein verloren gegangenes Gedächtnis...“ begann er nachdenklich und schloss mit einem Schwur dann schließlich seine Aussage ab:
„Wir stehen das gemeinsam durch – ich verspreche es.“
Dann ließ er sie weinen, so lange sie brauchte.
~*~*~*~*~
FiN
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