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Geschichte: Fanfiktion
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von Pandora02
erstellt: 09.02.2008
letztes Update: 21.11.2008
Geschichte, Drama / P16
(abgebrochen)
Sein Bruder verriet ihm nie genau, was er tat, wenn er nicht zuhause war. Vorher sowieso nicht. Erst hinterher erzählte er Michael, er sei mit Veronica aus gewesen, oder er sei mit Leuten losgezogen. Meist sagte er schlicht „Ich war halt weg“ oder etwas in der Art. Michael fragte nicht weiter nach. Aber jedes Mal war er ein Stück mehr davon überzeugt, dass alles seine Schuld war. Er war zu klein, nicht so cool und erwachsen wie Lincs Kumpel, nicht so lustig und hübsch wie Veronica. Kein Wunder, dass sein Bruder nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.
Es dauerte ganze drei Monate, bis er Lincoln wieder sah.
Zwei Tage lang machte Michael alles wie immer. Schule, Hausaufgaben, Essen, Schlafen, auf Lincoln warten. Alles wie gewohnt. Bis auf die Tatsache, dass er zwischen den Aktionen nichts tat, als am Küchentisch zu sitzen und die Tür anzustarren. Er besuchte weder seine Mitschülerin Becky, mit der er regelmäßig lernte, noch las er Bücher für sich oder seine Mom im Himmel, und er besuchte auch nicht die alte Miss Eleanor McClintock nebenan, um sie zu fragen, ob er bei den Einkäufen helfen könne. Michael tat, was nötig war. Und er wartete.
Dann, am dritten Tag nach Lincolns Verschwinden, klopften morgens noch vor der Schule uniformierte Polizisten an die Tür. Sie wollten seine Eltern sprechen, glaubten zuerst nicht, dass die schon seit Wochen nicht da gewesen waren. Nachdem man Michael mit auf die Wache genommen und ihm, wie er fand, unendlich viele überflüssige Fragen gestellt hatte, mussten sie letztendlich wohl oder übel glauben, dass der Junge die Wahrheit sagte. Und dass er augenscheinlich momentan ganz allein in diesem Haus wohnte.
Man stellte fest, dass die Pflegeeltern der Burrows-Brüder es mit der Pflege nicht so genau genommen hatten. Michael war nicht traurig, dass er die Leute, die nie besonders liebevoll, aber eben auch nie böse zu ihm gewesen waren, nun verlassen sollte. Fest stand, dass er gar keine Chance gehabt hatte, zu ihnen eine persönliche Beziehung aufzubauen. Aber wenn er ehrlich war, tat es ihm um das Haus leid. So klein und schäbig es auch war, es war ein Zuhause. Er fühlte sich hier wohl, weil Lincoln und er machen konnten, was sie wollten. Michael versuchte, der Frau, die kam, um ihn abzuholen, zu erklären, dass er und sein Bruder sehr gut auf sich allein aufpassen konnten, aber davon wollte sie nichts hören.
„Hier ist es nicht gut für einen Jungen in deinem Alter“, sagte sie und schaute ihn von oben herab durch ihre dick umrandete Brille an. „Wir finden ein besseres Zuhause für dich.“
So musste er unter ihrem strengen Blick seine Sachen packen. Eine Reisetasche mit Klamotten, viel besaß er nicht, seine Schulsachen, ein Rucksack mit ein paar Büchern, dem Schatzkistchen und einem verfilzten Stoffhasen, der genauso alt war, wie Michael selber.
~ o ~ o ~ o ~
„Hi, ich bin Walter Deluca. Kannst mich Wally nennen. Das tun alle hier.“ Der bärtige junge Mann zwinkerte. „Bis auf den Chef.“
Michael blickte finster zu dem fremden Mann auf, sagte aber nichts. Er hielt seinen Rucksack mit beiden Armen umklammert vor seinem Bauch.
„Okay, Michael, schon klar, hier ist alles neu für dich, aber keine Sorge, wir werden uns gut um dich kümmern.“ Walter Deluca grinste breit und klopfte dem Neuankömmling im Pflegeheim auf die Schulter, bevor er sich zu der Dame umwandte, die Michael hergebracht hatte. Michael sah sich um. Mit halbem Ohr hörte er, wie Mister Deluca der Frau dankte und mit ihr einen Termin für den restlichen Papierkram abmachte, bevor er sie verabschiedete.
„Komm, ich zeige dir dein neues Reich. Lass die Sachen ruhig hier. Der Hausmeister kümmert sich darum.“
Die Räume waren in verschiedenen bunten Farben gestrichen, in manchen hingen Bilder und Basteleien an den Wänden. Es sah aus, wie in einer Schule, abgesehen vom Teppichboden. In der Schule gab es nur Linoleum. Das Haus hatte zwei Speisesäle. Eher kleine Esszimmer, wie Walter erklärte. „So ist es gemütlicher. Und nicht so laut“, fügte er hinzu. „Wir quatschen hier beim Essen unheimlich viel. Darauf kannst du dich schon freuen.“
Sie besichtigten noch den Werk- und Bastelraum, ein Computer- und Fernsehzimmer, in dem auch ein Kickertisch stand, und die Bibliothek, einen großen, hellen Raum mit Regalen voller Bücher. Zum Schluss führte Walter Michael in den zweiten Stock. Am Ende eines schmalen Flurs öffnete er eine Tür und ließ Michael vorgehen.
„Ihr seid eigentlich zu viert in diesem Zimmer, aber im Moment haben wir ein paar freie Plätze, deshalb bist du jetzt der Dritte hier. Die anderen beiden heißen Justin und Rico. Sind etwa in deinem Alter. Hey, weißt du was, Michael? Du hast Glück, du kannst dir aussuchen, wo du schlafen willst. Ich wette, du willst das obere Bett.“
Michael ging durch das Zimmer, das jetzt auch seins sein sollte, und sah aus dem Fenster. Auf dem Hof stand eine Tischtennisplatte, ein Basketballkorb an der Wand. Kein Mensch war zu sehen. Für ein Heim, in dem angeblich über dreißig Kinder plus Betreuer lebten, war es hier ziemlich ausgestorben. Er lehnte seine Stirn an die kühle Scheibe.
„Wo sind denn alle?“, fragte er. Nicht dass es ihn wirklich interessierte.
„Wo? In der Schule natürlich.“ Walter lachte. „Und da gehst du morgen auch wieder hin.“
Michael wurde rot. Er hatte nicht daran gedacht, dass es vormittags war, und die Schule war selten vor drei oder vier Uhr beendet. Die letzten paar Tage hatten ihn ziemlich durcheinander gebracht. Aber Schule war gut. Dort kannte er sich aus, hatte ein paar Freunde, und er lernte gern.
„Wann kommt Linc?“, fragte Michael dann und wandte sich vom Fenster ab.
Walter sah überrascht auf. Er öffnete den Mund, schien es sich dann aber anders zu überlegen.
„Komm, setz dich zu mir“, sagte er und klopfte mit der Hand auf den freien Platz neben sich auf der Couch. „Michael, ich muss dir etwas sagen. Es wird dir nicht gefallen, aber… Nun, irgendwann musst du es ja doch erfahren.“
Ein unbestimmtes Gefühl von Angst griff nach Michaels Eingeweiden, packte langsam zu und machte ihm das Atmen schwerer. Widerwillig ging er zur Couch und setzte sich neben den Erzieher. Verzog dann das Gesicht, als dieser einen Arm um seine Schultern legte. Was war mit Linc geschehen? Warum redete dieser Mann nicht endlich? Warum tätschelte er stattdessen seinen Arm, als müsste er ihn trösten? Michael erwartete Walters Erklärung mit einer Ungeduld, die an Verzweiflung grenzte, und hoffte gleichzeitig, er würde überhaupt nichts sagen. Nach schier endlosen Sekunden kamen die Worte aus Walters Mund.
„Hör zu, es ist so. Dein Bruder kommt nicht hierher.“
Nein. Nein! Das durfte nicht sein! Linc! „Warum nicht?“, presste er hervor. Seine Unterlippe bebte.
„Das ist kompliziert, Michael“, begann Walter zögernd, und sah sofort, dass Michael sich mit einer ausweichenden Antwort nicht zufrieden geben würde. „Okay, ich will versuchen, es dir zu erklären…“
In der nächsten Viertelstunde hörte Michael zu. Er stellte keine Zwischenfragen, sondern wartete still ab und versuchte die unsichtbaren Ketten, die sich um seinen Brustkorb zusammenzogen, zu ignorieren. Er konzentrierte sich aufs Atmen. Jetzt wusste er, was passiert war, doch er konnte nicht verstehen, warum es so lange dauern sollte, bis er Lincoln sehen durfte. Walter - er mochte ihn nicht Wally nennen - nannte es Bürokratie und Vorschriften. Michael war nicht glücklich damit, aber er nahm sich fest vor, nicht wie ein kleines Kind zu heulen, obwohl seine Augen brannten. Er würde auch diesmal tapfer bleiben, bis Lincoln zu ihm zurückkam.
tbc.
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