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Die Muse ist ein garstiges Ding, denn sie kommt nur zu denen, die sie bereits gefunden haben, niemals jedoch zu dem, der sie ruft, sie bittet, ja anfleht, sich seiner zu erbarmen und auch ihn zu bewahren, ihn zu bedecken mit dem schimmernden, schweren Schleier der Unendlichkeit und seine Sinne unter ihren süßen, zitternden Küssen zu begraben. Den Einsamen beehrt sie nur selten, so als hätte sie sich getäuscht und deshalb einem Unglücklichen, Haltlosen die zarten Worte ins Ohr geflüstert, welche die Feder rastlos über das Papier wandern lassen und jede Silbe, jeden Buchstaben auskosten, bevor sie sich tief ins Herz des Schreibers brennen und ihn die Nacht nicht schlafen lassen, ohne unruhige Gedanken zu hegen und sich seiner Träume zu bemächtigen.
Doch die Muse ist grausam und oft verweilt sie bei denen, die sich ihrer längst sicher sind und sie vergessen, weil sie sie besitzen, während derweil der Unglückliche in seiner kalten Kammer sitzt, die Finger klamm und den Duft eines zarten Öles in der Nase, versteckt vor den störenden Einflüssen seiner Umgebung und verzweifelt auf seiner Feder kauend, in der Hoffnung, die richtige Atmosphäre erschaffen zu haben. Doch allzu häufig starrt er nur auf das blanke Weiß des Blattes vor ihm, dass danach schreit, beschrieben zu werden, gefüllt zu werden mit Worten, schillernd wie die Flügel eines Schmetterlings, der zu Frühling von Rose zu Rose taumelt, wild wie das Herz der streunenden Katze oder schwer wie roter Samt, der sich auf heißer Haut räkelt und das Licht der Kerze schluckt. Es will Sätze tragen, die in die weite Freiheit der Ebene locken und den Wind der Zeit rufen, die erzittern lassen, was allzu lange unberührt geblieben ist. Denn Worte vermögen jene Gefühle zu beschwören, die jedes Herz im Inneren erregen, es aufwühlen und verwirren, doch die es wohl niemals zu spüren bekommen darf, weil sein Leib zu ewiger Gefangenschaft verbannt ist, unfähig, dergleichen Empfindungen aufzuspüren und seiner Seele zu schenken.  
Die Muse ist garstig, denn sie erkennt die Türen nicht, die der Unglückliche mit aller Macht zu öffnen versucht und die sich seiner Bemühungen widersetzen.
Er will Worte finden,
Worte, gleichmäßig wie der Atem, der ihren tiefen Schlaf behütet.
Worte, weich und zart wie die Haut, die sie umgibt.
Worte, zitternd wie ihr Leib unter seinen Händen, unter seinen Küssen, unter der Luft, die sich ihrer bemächtigt.
Worte, so betörend wie die geflüsterten Berührungen, kurzlebig für den Augenblick, der doch so zeitlos ist, dass er Unsterblichkeit erlangt.
Er will jede Faser ihres Körpers, das Licht ihrer Augen und das blasse Schimmern auf ihren Lippen zu Papier bringen, auf dass er das Glück zumindest auf diese Weise bewahren kann.  
Doch die Tinte schweigt.
Denn die Muse entzieht sich seines Rufes Flehen und lässt ihn einsam in der Nacht zurück. Und ihm bleibt nichts, was seine Sehnsüchte durch die Feder fließen lässt, auf deren Spitze die Tinte trocknet, ohne das Papier zu berühren. Nichts, außer das leere, kalte Laken, welches einer anderen gehören sollte, die allein durch des Unglücklichen Worte zum Leben erwacht. Für die Zeit, in der jemand die Silben liest und sie für seine Seele zu einer Sehnsucht schürt, die ihn zu verzweifeln droht, die heimlich den Schein mit der Einsamkeit verwebt.
Das Papier bleibt leer, wie so oft. Und er verflucht die Muse, die einen anderen küsst in dieser Nacht, weit weg von ihm, der alleine bleibt mit der Stille, die nur mit Worten hätte gefüllt werden können.

5. Januar 2008, 02:06
by Felis
 
 
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