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von Pandora02
erstellt: 24.01.2008
letztes Update: 19.02.2008
Geschichte, Drama / P16 Slash
(abgebrochen)
„Jack, wie sieht’s mit November aus?
Wir können uns am Pine Creek treffen. Ennis Del Mar.“
Ein kurzer, hoffnungsvoller Text. Wie immer auf den Postkarten. Nur diese hatte Jack nie bekommen. Keine Antwort. Nur kalte rote Großbuchstaben ohne Sinn. VERSTORBEN.
Die Karten, die Jack ihm über die Jahre geschickt hat, haben einen anderen Ton als die Briefe. Sie sind knapp gehalten, nicht direkt unpersönlich, aber doch unverfänglich. Karten, wie man sie eben seinem Angel-Kumpel schreibt. Karten, die dem Postbeamten, der sie garantiert liest, oder einer Ehefrau nicht verdächtig vorkommen. Harmlose Karten. So wie die erste, das allererste Lebenszeichen von Jack Twist im September 1967, vier Jahre nach dem Sommer auf dem Brokeback Mountain. „Mein Freund, dieser Brief ist schon lange überfällig. Bin am 24. in der Gegend. Dachte, ich geb dir ein Bier aus. Sag Bescheid ob du da bist. Jack“ Ennis dreht die Ansichtskarte herum. Ein rotbraunes Klischeepanorama vom El Capitan und Signal Peak, beide ganz in der Nähe des Brokeback. Ennis verschränkt die Finger ineinander und spreizt sie weit von sich, bis die Gelenke knacken. Ob ich da bin? Darauf kannst du wetten, Kumpel!
Er hebt sie alle zusammen mit den Briefen im Karton auf. Alle, bis auf eine. Die letzte Karte, die er Jack geschickt hat. Die, die zurückgekommen ist. Mit dem dicken, roten Stempel vom Postamt. Wahrscheinlich hat er sie in der Telefonzelle liegen gelassen, wo er mit Lureen telefoniert hat. Damals, als er es erfuhr. Damals, als er endgültig in das tiefe schwarze Loch gefallen ist, das immer schon auf ihn gelauert hat. Er ist nicht wieder heraus gekommen seitdem. Diese Karte hat er nicht mehr, aber er kann keinen einzigen Buchstaben auf ihr vergessen.
Wie immer ignoriert Ennis den Stapel Postkarten, die er auswendig kennt, und nimmt den nächsten Brief heraus. Dieser hat seinen Umschlag längst verloren, und das Papier ist arg in Mitleidenschaft gezogen, weil Ennis ihn so oft gelesen hat. Mit der linken Hand greift er, langsam und ohne hinzusehen nach seinem Emaille-Kaffeetopf, ein Weg, den er blind beherrscht, so oft am Tag nimmt sein Arm ihn. Erst als der Ausgießer über seiner Tasse schwebt, sieht er hin, um ja nichts zu verschütten. Wertvoller Kaffee. Nur ein paar Tropfen kommen noch heraus, kaum genug, um den Boden zu bedecken. Missmutig verzieht Ennis das Gesicht. Zeit, die Hansons aufzusuchen. Aber bevor er den Wohnwagen verlässt, will er sich noch für die Welt da draußen wappnen. Womit könnte er das besser, als mit dem Brief, den Jack nach ihrem ersten Wiedersehen nach vier Jahren geschrieben hat.
4. Oktober 1967, Childress, Texas
Mein liebster Freund,
Zeit ist schon etwas Merkwürdiges. Ich glaube, sie ist wie das Gras und das Wetter fest an den Ort geknüpft, an dem sie gerade stattfindet.
Die Woche hier in Texas - die eine Woche, in der ich wusste, dass ich dich wiedersehen würde - hat sich endlos hingezogen. Nichts konnte mir schnell genug gehen, keiner konnte es mir recht machen. Schätze, ich bin Lureen und Bobby ein paarmal ziemlich barsch angegangen, wegen nichts! War unfair von mir, ich weiß das, aber es ging nicht anders.
Dann bin ich zu dir rauf gefahren, und die paar Tage vergingen wie im Flug. Ich frage mich, ob es dir auch so ging. Kaum hatte ich dich, musste ich dich schon wieder loslassen. Jetzt, da ich wieder in Texas bin, scheint es mir nichts als ein kurzer Augenblick gewesen zu sein.
Aber es war ein wundervoller Augenblick! Der Moment, als ich dich wiedersah… Teufel, Ennis, zwar hatte ich auf einen freundlichen Empfang gehofft, aber diese Reaktion von dir war echt unerwartet. Ich hab’ den Truck getreten, bis meine Sohle auf dem Asphalt Funken schlug. Ich konnte es nicht erwarten. Gott, war ich nervös! Hast du bemerkt, wie zerkaut meine Unterlippe war, als ich ankam? Vor lauter Zweifeln, lauter Angst…
Als du mich ohne Zögern umarmt hast, fiel mir ein Riesenstein vom Herzen. Ich muss ehrlich gestehen, dass du mich aus den Stiefeln gehauen hast, Ennis Del Mar! Egal was ich alles phantasiert hatte, mit diesem Empfang hatte ich nicht gerechnet. Du warst anscheinend genauso froh, mich wiederzusehen, wie ich dich. Was? Gib’s schon zu! Ich hab’ es sofort gespürt. Die vier langen Jahre waren verschwunden, als du mich in diese dunkle Ecke gezerrt und geküsst hast. Wir beide Ertrinkende auf der Suche nach Sauerstoff. Wie konnten wir nur so lange ohne überleben?
Endlich… Endlich, Ennis… Ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll. Die ganzen Jahre habe ich versucht mir einzureden, dass es nicht das war, was mir fehlte, nicht du, aber das war eine Lüge.
Wie lange haben wir da in der Ecke gestanden? Minuten? Sekunden nur? Gott, war das peinlich, deiner Alma so atemlos unter die Augen zu treten. Sie scheint eine süße Frau zu sein, und erst deine Mädchen, aber in diesem Moment wollte ich nichts anderes als dich in mir spüren, Ennis Del Mar!
Ein Glück, dass es kaum eine halbe Stunde später soweit war. Meine Wangen müssen rot geleuchtet haben, als ich dem Typ an der Rezeption erklärte, ein Einzelzimmer würde reichen für mich und meinen Bruder. Endlich habe ich dich wieder! Mein Bruder! Mein Cowboy! Mein verdammter Hurensohn Del Mar! Mein!!!
Wenn ich jetzt an den Abend und die Nacht im Motel denke, wird mir noch ganz heiß. Ich bin so froh, dich wiedergefunden zu haben, auch wenn du jetzt oben in Wyoming hockst, weit weg von mir. Was war ich für ein Narr, vier Jahre zu warten.
Wenn ich die Augen schließe, bist du bei mir, Ennis. Ich spüre deine Hände, deine Hitze, deine Stoppeln unter meinen Lippen, und ich möchte am liebsten Texas den Rücken kehren und wieder zu dir fahren.
Die paar Tage danach waren die besten, die ich seit langem hatte. Ich war frei. Ich konnte atmen. Nur wir zwei, ein Zelt und die Berge. Was brauchen wir mehr! Ehrlich gesagt hätte ich fast nicht erwartet, dass du dir für mich frei nimmst, aber du hast es getan. Zum ersten Mal seit langem war ich ich selbst. Ich hatte gedacht, ich könnte nie wieder so glücklich sein wie damals auf dem Brokeback. Aber das stimmte nicht, Ennis. Es war nicht nur der alte Brokeback, du warst es!
Ich zähle die Tage bis zu unserem nächsten Trip!
Auch wenn mir die Zeit wieder unendlich lang werden wird.
Jack
Jacks Handschrift zieht sich in großen, sorgfältig gemalten Buchstaben über die Seiten. Nur selten ist ein Wort durchgestrichen oder korrigiert. Ennis lächelt. Wie er jedesmal lächeln muss, wenn er sich vorstellt, wie konzentriert Jack am Tisch sitzt, womöglich an seiner Unterlippe nagt, während er den Brief ins Reine schreibt. So muss es einfach gewesen sein, denkt Ennis und stellt sich seine eigene Sauklaue vor. Briefe wie diese kann man nicht in einem Zug so herunterschreiben, und wahrscheinlich war es Jack peinlich gewesen, seine Emotionen hastig hingekritzelt zu sehen. Jack war so ein Träumer gewesen. Immer wollte er alles perfekt machen. Ennis streicht beinahe zärtlich über die schwarzen Buchstaben. Wenn er die Augen zusammenkneift, sieht er Jacks Hand, den Stift zwischen Zeigefinger, Mittelfinger und Daumen, die unablässigen, winzigen Bewegungen aus dem Handgelenk.
Da ist sie, direkt vor ihm - Jacks Hand - zum Greifen nah… eins mit seiner eigenen… wie es sein sollte… Dann öffnet Ennis seine Augen wieder, und die Geisterhand ist verschwunden. Was bleibt sind die Worte, die sie hinterlassen hat. Er kennt die leicht nach rechts geneigte Schrift besser als seine eigene. Der schwungvolle Bogen, den Jack jedesmal bei der Unterschrift an das J hängt, die etwas schrägen T-Striche, oder das kleine S, das immer nach unten aus der Reihe tanzt. Nicht zum ersten Mal fragt Ennis sich, ob er die ganze Wahrheit in Händen hält. Er kannte Jack gut genug, um sicher zu sein, dass sein Freund beim Abschreiben der Briefe den einen oder anderen Satz für sich behalten hatte.
Der Kaffee ist alle. Ennis hat die letzten, kalten Tropfen samt Bodensatz vernichtet. Er braucht dringend Nachschub, und seine Blase ist auch schon wieder voll. Er schnaubt halb amüsiert ob dieses Gedankens. Er ist süchtig. Süchtig nach Kaffee, wie andere nach Heroin oder Pot. Einen Joint hat er sich schon lange nicht mehr leisten können, und auf den gelegentlichen Whiskey oder Schnapps könnte er locker verzichten, wenn es sein müsste. Aber ohne regelmäßige Koffeinzufuhr könnte er nicht leben. Würde es nicht wollen. Der Kaffee beruhigt ihn. Der Kaffee hält seine Erinnerungen wach. Und nichts ist schlimmer als das Vergessen…
Mit gespreizten Fingern fährt Ennis sich ein paar mal durch die ergrauten Haarsträhnen, die auch wieder einen Schnitt gebrauchen könnten. Er wirft einen Blick auf seine Fingernägel, erachtet sie als passabel, und verlässt mit seinem Topf den Wagen. Nach zwei Schritten merkt er, dass er erst seine Notdurft verrichten sollte, verschiebt das aber auf später. Er will dies hier so schnell wie möglich hinter sich bringen.
Vorsichtig klopft er an die Tür des Trailers seiner Nachbarn und räuspert sich. Eigentlich hat er keine Lust, mit den Leuten zu reden, aber da sie so nett sind, ihn mit Kaffee zu versorgen, nimmt er diesen Umstand in Kauf. Bo Hanson öffnet im Pyjama. Begrüßt ihn lautstark und erzählt, dass seine Frau Millicent beim Einkaufen ist. Kaffee? Natürlich habe er welchen. Er habe gerade eine Kanne voll gekocht. „Nimm ihn ruhig, Junge“, sagte der kaum ältere Mann, und Ennis widerspricht nicht. „Willst du nicht mit uns zu Mittag essen? Millie will nachher Nudeln machen, und vielleicht bringt sie Schinken mit.“ Ennis schüttelt mit gesenkten Augen den Kopf, räuspert sich dann, als ihm einfällt, dass er unhöflich ist, und nuschelt: „Ah, nein, danke, ich hab’ schon.“ Das ist zwar eine Lüge, aber keine schlimme, findet Ennis und nickt seinem Nachbarn zum Abschied zu.
Den dampfenden Topf in der einen Hand, pinkelt er noch schnell hinter seinem Wohnwagen, und atmet erleichtert auf, als er die Tür wieder hinter sich und vor der Welt verschließt.
tbc.
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