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von Pandora02
erstellt: 24.01.2008
letztes Update: 19.02.2008
Geschichte, Drama / P16 Slash
(abgebrochen)
23. September 1965, Childress, Texas
Hey Cowboy!
Gestern hab ich den besten Ritt meines Lebens gemacht! Der Bulle war stark und wild. Du hättest sehen sollen, wie wütend er schnaubte, noch bevor ich auf ihm saß.
Als ich endlich oben war, spürte ich seine zornige Hitze, seine Muskeln, als wir auf den Platz hinaus schossen. Er sträubte sich wie ein Berserker in dem Versuch, mich loszuwerden, bockte wieder und wieder und sprang durch den Corral, aber ich war in Topform. Ich hab mich großartig gefühlt, Ennis! Mag sein, dass ich wie ein Prahler klinge, aber der Bulle konnte einfach nichts gegen mich ausrichten. Ah, Ennis, du kannst dir nicht vorstellen, was das für ein Gefühl ist, wenn du nie selbst Rodeo geritten bist! Sollte ich erwähnen, dass es mir eine ganze Stange Geld eingebracht hat? Ich hab dir gesagt, dass es sich lohnt, hab ich das nicht? Yeah!
Da war ein Mädchen. Eine Frau. Ich hab ihren Hut aufgehoben, und später in der Bar hat sie mich angesprochen. Ihr Name ist Lureen. Sie ist süß. Ein richtiges Texas-Mädchen. Ihre Augen sind rehbraun, und ihr Haar ist lang und wellig. Und sie geht zur Sache, das kann ich dir sagen! Reitet wie der Teufel, und fährt genauso Auto.
Ennis, wir zwei haben uns seit ´63 nicht gesehen, und ich kann nur Vermutungen darüber anstellen, wie es dir seitdem ergangen ist, aber was mich betrifft - so verrückt es klingt - ich betrachte dich als meinen besten Kumpel, und darum sage ich es nur dir: Ich glaube, wenn Lureen nicht den ersten Schritt gemacht hätte, hätte ich sie nie wieder gesehen. Hätte gar nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen. Aber ich hab sie wieder gesehen. Oh Mann, was soll ich sagen? Sie hat mich im Auto überwältigt. Ehe ich’s mich versah, hatte sie ihre Bluse ausgezogen, und du kannst dir nicht vorstellen, wie geschickt sie mit ihren Händen war!
Ich glaube, ich habe mein Glück gefunden. Eine Zukunft. So wie du und deine Alma. Ich stelle mir vor, dass ihr ein kleines Haus in der Nähe einer Ranch habt, du mit deinen geliebten Pferden arbeitest, und bestimmt habt ihr längst Nachwuchs bekommen, was? Hab ich recht, du alter Hurensohn?
Wir sehn uns, mein Freund,
Jack
Ennis hält inne und sieht aus dem halbblinden Fenster auf die trockene Landschaft hinaus. Als dieser Brief geschrieben wurde, war die kleine Junior bereits ein Jahr alt gewesen. Wie gut ihn Jack doch damals schon gekannt hatte. Nach den wenigen gemeinsamen Wochen oben auf dem Brokeback kannte Jack ihn gut genug, um zu wissen, dass sein, Ennis’, Leben nach einem exakten Plan verlaufen würde. Und warum auch nicht? Pläne bedeuteten Sicherheit. Auch wenn Ennis immer auf dem Sprung war, immer bereit für den Fall, dass sein richtiges Leben vorbeikam und ihn mitnehmen wollte, so hat er Veränderung doch nie selbst initiiert.
Draußen jagt ein magerer Hund hinter einer Plastiktüte her. Hunde erinnern Ennis immer an Jack. Nicht nur wegen Jacks sanfter, blauer Augen, sondern auch weil er Hunde abgöttisch geliebt hatte. Am Lagerfeuer hatte er von den Welpen erzählt, die er als Kind aufpäppelte, nachdem die Hündin sich in einer Coyotenfalle stranguliert hatte. Zwei waren gestorben, doch die anderen beiden hatte Jack durchgebracht, und sie hatten ihn durch eine ereignislose Teenagerzeit begleitet.
Wie jeder Mann hätte Ennis gern einen Sohn gehabt, doch sie hatten nur Mädchen bekommen. Natürlich hat er sie abgöttisch geliebt, Alma Jr. und die kleine Jenny, aber manchmal hatte er einfach nichts mit ihnen anzufangen gewusst. Jetzt sieht er sie nur noch selten. Die Mädchen haben ihr eigenes Leben. Jenny ist erst vor ein paar Wochen hier gewesen, und er musste ihr versprechen, dass er zu ihr und ihrem Mann kommen würde, wenn er nach der Saison keine Bleibe hätte, doch Ennis hat nicht die Absicht, das zu tun. Nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Er hat keine Lust, darüber nachzudenken, wo er nach einem neuen Job suchen sollte, welche Farmen in Frage kämen.
Noch hat er seinen täglichen kalten aber starken Kaffee, mit dem er über die Runden kommt. Seinen Kaffee und seine Briefe.
April 1967, Childress, Texas
Ennis, mein Freund,
fast zwei Jahre sind vergangen, seit ich dir zuletzt geschrieben habe. Eine Menge ist passiert seitdem. Lureen und ich haben geheiratet, und wir haben ein Baby bekommen, einen strammen Jungen namens Bobby. Er ist jetzt sechs Monate alt. Ich hab mit dem Rodeo aufgehört und einen Job bei Lureens Vater angenommen. Der alte Newsome bezahlt mich nicht schlecht, aber er kann mich nicht leiden. Anfangs dachte ich, es wär, weil ich ihm sein Mädchen weggenommen hab, aber jetzt weiß ich, dass er mich einfach für einen Versager hält, der nichts allein hinbekommt. Lureen und auch dem Geld zuliebe halte ich meine Klappe, aber ich kann dir sagen, dass ich dem Alten mit Vergnügen eine reinhauen würde!
Aber ich schreibe dir eigentlich wieder aus einem ganz anderen Grund. Du fehlst mir in letzter Zeit, Ennis. Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen, es zu schreiben, aber du wirst es ja doch nie lesen, daher ist’s egal.
Am Anfang war alles toll, ich dachte, ich hätte mein Leben endlich im Griff, dachte, ich könnte überhaupt ein normales Leben führen. So wie alle anderen. So wie du wahrscheinlich. Netter Job, ein kleines Haus mit Garten, eine hübsche Frau, die mit dem Essen wartet, und ein Sohn, der mich vergöttert. So einfach. Das ist es doch, was ein Mann will, nicht wahr? Tja, so einfach ist es bloß leider nicht. Gut, ich habe Job, Heim, Frau und Sohn, aber es ist anders, als ich es erwartet hatte. Ich weiß nicht mehr, wann es losging, aber irgendwann lief alles schief. Vielleicht war es schon immer so.
Lureen… ich weiß nicht, sie… ach, sie ist einfach Lureen. Habe ich mich verändert, oder hat sie es? Ich weiß es nicht, Ennis. Ich hatte gedacht, dass sie mit der Zeit auch mein Freund werden könnte, verstehst du? Sie ist die Mutter meines Sohnes, sie kümmert sich um unser Heim und hält mit ihrem Dad die Geschäfte am Laufen, aber manchmal ist sie mir so schrecklich fremd. Als ob ich sie nie richtig gekannt hätte. Auch der Sex ist nicht mehr wie am Anfang.
Will ich zu viel? Verlange ich zuviel vom Leben? Teufel, ich weiß ja nicht mal, was ich verlange, nur, dass ich so nicht weitermachen kann. Mir scheint, das bin nicht mehr ich. Als ob sich ein Fremder in meinem Körper eingenistet hätte und mir vorschreibt, was richtig und was falsch ist.
Das ist kein Leben für mich. Ich habe hier eine Menge Freunde, sicher, aber mir fehlt jemand, mit dem ich reden und lachen kann. Oder schweigen. Ja, was ich sagen will, DU fehlst mir, Ennis. Ich habe versucht, dich zu vergessen, habe es weiß der Teufel versucht! Oh, was soll ich nur tun?
Ich habe mich nach dir erkundigt, habe nachgeforscht. Anscheinend lebst du immer noch in Riverton. Gutes altes Wyoming… Ennis, was wäre, wenn ich dich besuchen komme? Ich muss dich einfach wiedersehen. Ist das eine gute Idee? Ich weiß es nicht. Verdammt, ich weiß überhaupt nichts mehr! Der Alte hat recht, ich bin ein totaler Versager.
Wie jedesmal starrt Ennis die letzten Zeilen an. Starrt mit gefurchter Stirn auf das untere weiße Drittel des Briefbogens, als könne er, wenn er sich nur stark genug konzentrierte, lesen, was Jack nicht mehr aufgeschrieben hat. Der Brief hat kein Ende, keine Verabschiedung, kein „bis bald, Kumpel“. Jack ist einfach so weg. Dieser Brief ist der traurigste von allen. Ennis spürt das Brennen hinter seinen Augen. Er beißt sich auf die Lippen, kann den Blick aber nicht abwenden. Erst als zwei dicke Tropfen herunterfallen, reißt er sich los, tupft mit dem Hemdsärmel zuerst vorsichtig das Papier ab, bevor er sich schniefend über die Nase fährt.
tbc.
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