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von Lywhn    erstellt: 15.01.2008    letztes Update: 26.09.2009    Geschichte, Romanze / P16    (fertiggestellt)
2. Kapitel – Alte Freunde wieder vereint

Als Legolas und Gimli schließlich die siebente Ebene der Stadt verließen und aus dem Tunnel traten, der durch den Felsendorn hinauf zu dem Plateau führte, wo der Königspalast lag, war der Zwerg ziemlich außer Atem, während der Elb leichtfüßig (und noch immer verschlossen) dahin ging, als hätte er nicht soeben siebenhundert Höhen Fuß in kürzester Zeit überwunden. Die beiden Wachen am Ausgang des beleuchteten Tunnels ließen sie ohne Weiteres passieren, als der Thronerbe des Großen Grünwaldes sich zu erkennen gab, und so erreichten die beiden ungleichen Freunde endlich ihr Reiseziel: den Weißen Turm Ecthelions, der sich rund neunzig Meter in das Blau des Himmels erhob. Merenthod, die Festhallen des Königs, erstreckten sich mächtig und hell neben seinem Fuß und davor bewegten sich die Äste des jungen, vor einem Jahr frisch gesetzten Weißen Baumes – das Wahrzeichen Gondors – in dem kühlen ersten Frühlingswind. Der Hof des Springbrunnens erstreckte sich vor den beiden Reisenden, und sobald die letzten kalten Nächte vorbei sein würden, würde auch wieder das klare Wasser der kleinen Fontaines sprudeln, die diesen Palastvorplatz so einzigartig machten. Hinter dem Palast erhoben sich schroff die Felsen des Bergmassivs, an dem Berg der Wacht über einen schmalen Bergrücken angrenzte, auf dem die Weiße Stadt erbaut worden war. Dicke Schneereste stachen scharf von dem dunklen Untergrund ab und bedeckten die Moosfelder, die sich als einziges auf dem kargen Fels halten konnten.

Gimli schnaufte schwer, während er zu den beiden Steinfiguren aufsah, die den Ausgang des Tunnels wie zwei stumme Wächter säumten. „Endlich! Wenn ich gleich sitze, rühre ich keinen Zeh mehr!“

Legolas, der sich zwar wieder etwas beruhigt hatte, aber trotzdem noch leicht erzürnt war, warf ihm einen schrägen Blick zu. „Ich dachte, ihr Zwerge seid geborene Sprinter, wie du während der Verfolgung der Uruk-hais sagtest? Die paar Straßen hier rauf stellen nun wahrlich keine große Entfernung dar, sondern eher eine… Sprintstrecke!“

Der Naugrim schnitt eine Grimasse und sah mit gespielter Empörung zu ihm auf. „Wenn du mit deinen langen Beinen so weit ausholst, kann ich ja nicht mithalten! Aule hat uns Zwergen kurze, aber dafür starke Beine mitgegeben, um das schleppen, her aushacken und laufen zu können, was er uns in seiner unendlichen Güte geschenkt hat: die sicheren Pfade in dem Innern der Berge!“

Ein süffisantes Lächeln umspielte die Lippen des Elbs. „Ach? Und ich dachte, ein Zwerg wird niemals müde?!“ Er führte Arod weiter, während Gimli ein Auge halb zukniff und ein unwilliges Grunzen von sich gab: „Der Junge bedarf dringend einer Aufheiterung!“

Als sie sich den Königlichen Hallen näherten, an deren Mauern Wachen aufgestellt waren, kam eine schlanke, in die Rüstung Gondors gekleidete Gestalt die flachen, weit ausladenden Treppen herab und hielt auf sie zu. Während Gimli noch versuchte  zu erspähen, um wen es sich dabei handelte, ließ Legolas die Zügel des Schimmels los und machte einige lange Schritte auf den Menschen zu, den er erst so kurz kannte, aber dennoch sehr zu schätzen gelernt hatte.

Der junge Sterbliche, dessen leicht welliges hellbraunes Haar auf seine breiten Schultern fiel und dessen hellblaue Augen strahlten, stoppte unmittelbar vor dem Elbenprinzen, legte sich nach elbischer Manier die rechte Hand auf die Brust und verbeugte sich. „Ich freue mich, den Thronerben des Großen Grünwaldes wieder zu sehen!“

Legolas verharrte kurz, dann erwiderte er den offiziellen Gruß, indem er sich ebenfalls verbeugte, während Worte der wahren Wiedersehensfreude über seine Lippen kamen: „Elen sila lumenn omentilmo, mellon nîn. Oio naa elealla alasse, Faramir!” (Ein Stern leuchtet über der Stunde unserer Begegnung, mein Freund. Euer Anblick ist für mich immer eine Freude, Faramir.)

Der jüngste und einzige überlebende Sohn des ehemaligen letzten Truchsess zögerte einen Moment, dann erhellte ein strahlendes Lächeln sein Gesicht, während er einem Impuls nachgab und die Arme ausbreitete. Legolas – mit den menschlichen Gebräuchen und der Impulsivität dieses Volkes wohl vertraut – erlaubte dem jungen Mann, ihn zu umarmen und erwiderte die Geste kurz aber herzlich, bevor beide Herren wieder ein wenig Abstand wahrten.

Gimli schloss zu ihnen auf und schürzte die Lippen, was unter der Flut von Bart kaum auffiel. „Seid gegrüßt, junger Faramir!“ grummelte er freundlich.

Faramir, den Aragorn zum Verwalter und Fürst von Ithilien gemacht hatte, nachdem der junge Mann bis zur Krönung des Königs mit viel Geschick die Staatsgeschäfte für ihn erledigt hatte, und auch Legolas wandten sich Gimli grinsend zu, bevor der ehemalige Heeresführer und jetzige Fürst vor dem Zwerg sich verbeugte und ihn dann recht unzeremoniell in eine burschikose Umarmung schloss. „Ich freue mich, auch Euch wieder zu sehen, Gimli Glóinssohn!“

Gimli, von dieser Geste überrascht, versuchte schnell seine aufkommende Rührung zu verdecken und klopfte dem jungen Mann fest und kameradschaftlich auf den Rücken, so dass dieser beinahe husten musste. „Freut mich auch, Junge!“

Legolas feixte in sich hinein. Alle, die nicht über einen ellenlangen Bart und Falten um die Augen verfügten, wurden von dem Naugrim als ‚Junge’ bezeichnet, und dass der Zwerg krampfhaft darum bemüht war, mürrisch und ein wenig abweisend zu wirken, war ein offenes Geheimnis. Denn jeder, der auch nur ein paar Minuten in seiner Gesellschaft verbrachte, erkannte schnell, dass sich unter diesen rauen Schale aus Bartwunder, Rüstung und Wollhemd das schlug, was die Menschen als ‚goldenes Herz’ bezeichneten.

Faramir richtete sich wieder auf. „Ihr werdet sehnsüchtig erwartet! Unser Herr Aragorn und Frau Arwen freuen sich seit Tagen auf Euch – und auch noch ein paar andere, die Euch näher stehen!“

Die beiden ungleichen Freunde tauschten einen Blick miteinander. Dass Faramir die recht private Anrede des Königspaares benutzte zeigte einmal mehr, wie hoch Estel den jungen Mann schätzte ihm das zu erlauben und wie treu der Zweitgeborne des ehemaligen Truchsess von Minas Tirith ihm ergeben sein musste. Und das nicht von ungefähr. Immerhin war es Aragorns ungewöhnlichen Heilkünsten zu verdanken, dass der schwer verletzter Faramir, der vom Gift der dunklen Schatten Saurons bereits befallen gewesen war, geheilt wurde.

Gimli hob eine Braue bei der Erwähnung, dass auch noch ‚andere’ ihn und Legolas bereits erwarteten, denn in ihm kam der eine oder andere Verdacht auf. „Wir sind doch wohl nicht die letzten, oder?“ fragte er und Faramir grinste leicht.

„Ich würde Euch gerne etwas anderes sagen, Meister Zwerg, aber es scheint, dass Ihr und Prinz Legolas tatsächlich die letzten der Gefährten seid, die eintreffen!“

Der Elb lächelte dünn. „Faramir, darf ich Euch um einen Gefallen bitten?“ Der junge Fürst sah ihn fragend an und er fuhr fort: „Vergesst den ‚Prinzen’. Ich fühle mich nicht angesprochen. Ich habe nie Wert auf diesen Titel gelegt. Außerdem…“

„Außerdem wird er dann an seinen Herrn Vater erinnert, der immer wieder betont, dass unser junger Elbenspunt hier doch mehr zu Hause sein, sich um interne Angelegenheiten und dergleichen kümmert sollte, was so gar nicht unter seinen Hammer pas… äh, ich meine, in seinen Kram passt!“ nickte Gimli nachdrücklich im Bemühen, seinen Freund zu unterstützen, der mit stoischer Elbenruhe versuchte, keine Miene zu verziehen. Kein Elb hätte gegenüber eigentlich Fremden derartig Privates erwähnt; der Zwerg schien damit jedoch keine Probleme zu haben.

Faramir lachte leise auf und sah Legolas mitfühlend an. „Ich weiß, was Ihr meint! Auch ich war nicht das, was mein Vater von mir erhoffte. Aber Mithrandir lehrte mich schon früh, dass – um seinen wirklichen Weg gehen zu wollen – man sich selbst treu bleiben muss!“

Der Elbenprinz hob eine feine, dunkle Augenbraue, beschloss, diesen Fauxpas Gimlis zu übergehen, und lächelte dann. „Ich glaube, die Söhne nach dem eigenen Gutdünken formen zu wollen, ist eine Angewohnheit von allen Vätern – ungeachtet ob Mensch, Zwerg oder Elb!“

Der Fürst Ithiliens nickte kurz und machte dann eine einladende Handbewegung in Richtung der Eingangstore. „Darf ich die Herren bitten, näher zu treten?“ Er wandte sich an den Wachmann, der in nächster Nähe stand. „Sorg dafür, dass das Pferd des Herrn Legolas’ gut versorgt wird. Es ist ein edles Ross aus den königlichen Ställen Rohans!“

Der Wächter verneigte sich und trat zu Arod, der den Menschen misstrauisch, mit zurück gelegtem Kopf musterte. Ein paar sanfte Worte des Elben, als dieser zwei zusammen geschnürte Bündel von dem Sattel herunter holte, genügten und der Hengst schloss sich zwar gehorsam, aber dennoch widerstrebend, dem Mann an. Legolas sah ihm amüsiert hinterher. Als Éomer, damals noch Neffe des Königs von Rohan, ihm und Aragorn zwei Pferde schenkte, hätte er nicht gedacht, dass der zwar wertvolle aber eigenwillige Schimmel sich so entwickeln würde. Das Tier war praktisch zu einem übergroßen Wachhund avanciert und stand zu ihm wie eine mächtige Eiche im Sturmwind des Winters. Legolas hätte den Hengst nicht ohne Weiteres einem Fremden anvertraut, aber da Aragorn selbst lange unter dem Decknamen Thorongil in Rohan und Gondor Kriegsdienste geleistet hatte und – aufgewachsen unter Elben – Tieren wesentlich mehr Respekt und Gefühle entgegen brachte als die meisten anderen Menschen, wusste er Arod in guten Händen. Die Ställe der berittenen Boten und des Gefolges befanden sich in der fünften Ebene der Stadt; die des Königs und seiner unmittelbaren Vertrauten und Gäste waren hier, auf dem Plateau des Springbrunnens untergebracht. Und Arod würde dort eine gute Bleibe vorfinden, wahrscheinlich direkt neben Brego, Aragorns Hengst. Schließlich stammten die beiden Pferde aus ein und demselben Gestüt und kannten einander seit Jahren.

Jeweils ihr Reisegepäck schulternd, folgten Legolas und Gimli dem Fürsten von Ithilien durch das große, mit schweren Eisenbeschlägen gehaltene und mit unzähligen Schnitzereien verzierte Tor in die Festhallen des Palastes, und betraten die von Fackeln erhellte Vorhalle. Es war kühl hier, denn nur bei großen Empfängen wurden die mächtigen Kamine entzündet, von denen sich auch in diesem Teil der offiziellen Palasträumlichkeiten einer befand. Die Wände bestanden aus weißem Marmor, unterbrochen von schwarzen, kunstvollen Einlagen. Der Boden war in hellem Mosaik gehalten und mächtige Rundbögen trennten den großen Raum vom eigentlichen Thronsaal ab.

Die beiden Freunde waren seit vergangenem August nicht mehr hier gewesen, und irgendwie wirkten die alten Hallen… freundlicher, als sie sie in Erinnerung hatten. Vielleicht, weil in diesen vier Wänden nicht länger Verbitterung und Wahnsinn herrschten, sondern Liebe und Gerechtigkeit.

Die Männer der drei unterschiedlichen Völker kamen den Thronsaal, dessen gewölbte Decke sich hoch über ihnen erstreckte. Auch hier bestanden die Wände aus feinstem, weißen, in schwere Blöcke geschlagenen Marmor, durchzogen mit schwarzen Ornamenten. Kräftige Säulen, ebenfalls mit Schwarz verziert, stützten das Kuppeldach des Herzens Gondor und mächtige Statuen längst vergangener Könige blickten schweigend und gleichmütig, wie nur Steine es vermögen, auf das Geschehen zu ihren Füßen hinab. An einigen schweren Tischen vorbei führte der Weg geradewegs auf den Thron zu. Noch vor einem reichlichen Jahr, hatte ihr nur ein erhobener Platz aus dunklem Gestein den Herrschersitz dargestellt; nun befanden sich hier – nach vielen, langen Jahren – wieder zwei von ihrer Sorte. Aragorn hatte für seine Gemahlin, die eine Hochgeborene ihres eigenen Volkes war, den alten, fast schon vergessenen Thron der Königin restaurieren lassen, wo er und Arwen gemeinsam oder auch separat ihren Verpflichtungen nachgehen konnten. Im Gegensatz zu der Zeit von Denethor, waren dem Thronsaal die Kälte und die Schatten genommen worden. Teppiche, Bilder und sogar Blumengestecke (getrocknet aufgrund des Winters) befanden sich im Saal und brachten einen Hauch von Wärme und Menschlichkeit in das einst so abweisend und trüb wirkende Gebäude.

Faramir führte die beiden Freunde durch den Thronsaal und hielt auf die Treppe zu, die links in die oberen Stockwerke führte – eine Treppe, die er so oft schon als Kind gegangen war und die ihm immer nur Glück und Erleichterung gebracht hatte, wenn er sie empor steigen durfte. Das hatte nämlich bedeutet, dass er von einer weiteren Audienz mit seinem Vater sich zurückziehen durfte. Denethor hatte Faramir schon seine Enttäuschung über dessen sanftes Gemüt spüren lassen, als dieser noch ein Kind gewesen war. Jetzt war es für den jungen Fürsten von Ithilien beinahe eine Erleichterung, sich auf dieser Treppe bewegen zu können ohne darüber nachzudenken, ob er sie hinauf oder hinunter zu gehen hatte. „Die anderen Eurer Freunde befinden sich im Kaminzimmer“, sagte er an die beiden Gäste gewandt und winkte einem Diener, der soeben die Stufen herab kam. „Aghe, übernimm das Gepäck der Herren und bring es in ihre Gemächer!“ befahl er freundlich und der Mann mittleren Alters verbeugte sich leicht, bevor er Legolas und Gimli ihre Reisebündel und die Waffen abnahm. Dann setzten die drei Männer ihren Weg fort.

„Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Reise?“ erkundigte sich Faramir, und es war eindeutig, dass dies keine Höflichkeitsfloskel war, sondern ehrliches Interesse.

„Och, die Reise verlief gut nachdem Legolas und ich uns vor zehn Tagen unterhalb der Raurosfälle trafen – bis wir zum Marktplatz kamen“, brummte der Zwerg mit einem versteckten Lachen und der Elb warf ihm einen scharfen Blick zu.

Als ehemaliger Heeresführer entging dem jungen Fürsten nicht der amüsierte Unterton des Zwergenkriegers, und da er in diesem Moment auch noch über die Schulter zurück schaute, bemerkte er das leicht finstere Gesicht Legolas’. „Was geschah auf dem Marktplatz?“

Sie bogen in einen Gang ein, auf dessen Fußboden ebenfalls lange, dicke Teppiche lagen. Sie näherten sich den privaten Bereichen des Palastes.

Als der Elb nicht sofort antwortete, feixte der Gimli mit kaum verhohlener Schadenfreude. „Unser Held hier ist auf den ältesten Trick eines Taschendiebes herein gefallen!“

Faramirs Augen wurden groß. „Ihr seid bestohlen worden, Legolas?“ erkundigte er sich bestürzt, und als der Elb mit zusammen gepressten Lippen eine zustimmende Geste machte, hielt der junge Mann an, während er sich dem Thronerben des Grünwaldes zuwandte. „Wenn Ihr mir eine Beschreibung des Täters gebt, werde ich sofort nach ihm suchen lassen!“ In seinen Augen spiegelte sich die Empörung über das Geschehene wider und auch Entschlossenheit, den Täter sühnen zu lassen.

„Es war eine ‚sie’“, berichtigte Gimli ihn glucksend, während er über seinen Bart strich. „Unser Prinz hier hat sich von paar hübschen Augen in einem schmutzigen Gesicht ablenken lassen und diese Ablenkung war teuer!“

Der junge Mann sah ihn verblüfft an, während der Elb leise seufzte. Dann richtete er seinen Blick kurz auf Faramir und schüttelte dünn den Kopf, was so viel heißen sollte wie: ‚Hört nicht zu sehr auf ihn!’ Er atmete tief durch. „Das Mädchen kann praktisch überall sein – wenn es überhaupt noch in der Stadt und nicht geflohen ist!“

Faramir runzelte die Stirn. „Eine Frau hat Euch bestohlen?“ Nun schüttelte er auch seinerseits das Haupt. „Die Welt hat sich durch den Ringkrieg verändert. Und dass jetzt sogar Frauen sich des schlechten Handwerks bedienen, ist schockierend!“

„Nun, wenn sie schön mit den Wimpern klimpern, haben sie sicherlich mehr Erfolg als ihre männlichen Mitstreiter!“ kicherte der Zwerg und schubste den genervten Elb mit einem Ellenbogen an. „Komm schon, Legolas! Du musst zugeben, dass der Trick mit dem davon rollendem Obst und der schüchternen Unschuldsmasche gut war!“ Er versuchte mit mäßigem Erfolg ein neues Lachen zu unterdrücken. „Immerhin bist selbst du darauf herein gefallen und hast Kavalier gespielt!“

Legolas’ Blick glitt gen Decke – ‚Ihr Valar, erbarmt Euch meiner und stopft diesem Zwerg das vorlaute Mundwerk!’ – bevor er seine nächsten Worte an Faramir richtete: „Geschehen ist geschehen, und sich darüber aufzuregen ist genauso sinnlos wie zu versuchen, Schnee mit der flüchtigen Berührung einer Hand zum Schmelzen zu bringen. Das Mädchen war geschickt und ich war zu gutgläubig. Ende der Geschichte!“

Der Fürst Ithiliens schürzte die Lippen. „Der Stadtwache ist schon das eine oder andere von einigen Taschendieben zu Ohren gekommen, unter denen angeblich auch eine Frau sein soll. Sie hat es sich anscheinend in den Kopf gesetzt, nur die Adeligen unseres Landes zu ‚erleichtern’. Wer weiß, vielleicht hat sie auch Euch als einen davon gehalten – wenn es ein und dieselbe Person sein sollte!“

Der Elb atmete tief durch. Für einen Moment sah er wieder die großen grün-grauen Augen vor sich und den erstaunten Ausdruck auf dem zarten, schmutzigen Gesicht. Gimli hatte schon Recht. Er hatte sich von der Jugend und dem unschuldigen Augenaufschlag dieses Menschenmädchens täuschen lassen – etwas, was ihm als Elb nun wahrlich nicht passieren sollte. Aber… da war etwas in ihrem Blick gewesen, was so aufrichtig gewirkt hatte; so erschrocken, scheu und überrascht…

Legolas presste die Lippen zusammen. Nun, das Mädchen sollte Mime werden! Vielleicht könnte es so seinen eigenen Geldbeutel auffrischen, ohne Unschuldige zu bestehlen. Talent genug hatte sie dafür auf jeden Fall. Der Elb verdrängte energisch den Anblick von staubigem, rot-braunen Haar und Augen mit der Farbe von Abendnebeln in einem dichten Hain, und straffte die Schultern. „Reden wir nicht mehr davon! Ein jeder macht seine Erfahrungen – selbst einer meines Volkes!“

Gimli begann wieder zu kichern. „Der Herr Elb gesteht einen Fehler ein! Das ich das noch erleben darf!“

Faramir fühlte, trotz seiner Bestürzung, Belustigung in sich aufsteigen, als er den beinahe schon flammenden Blick Legolas’ bemerkte, der diesen dem Zwerg zuwarf, während der Naugrim mehr als nur vergnügt den Elb anstrahlte. Er hatte gehört, dass diese beiden ungleichen Männer zwar enge Freunde geworden waren, es aber dennoch nicht lassen konnten, bei jeder Gelegenheit sich zu frotzeln. Vielleicht war dies hier nur eine weitere Form der freundschaftlichen Neckerei, von der er gerüchteweise vernommen hatte. Eine erneut einladende Geste machend führte er lächelnd die beiden ehemaligen Ringgefährten weiter den Gang entlang, öffnete schließlich eine große Doppeltür und trat ein.

„Mein Herr Aragorn? Legolas Thranduilion und Gimli Glóinssohn sind soeben eingetroffen!“

Die beiden Neuankömmlinge folgten ihm auf dem Fuß und verharrten, als eine schlanke und dennoch kräftige, hoch gewachsene Gestalt, die vor dem Kaminfeuer gehockt hatte, rasch aufstand, den Schürhaken beiseite legte und sich ihnen zuwandte.

Sanft gewelltes dunkelbraunes Haar umrahmte ein klassisch geschnittenes Gesicht, in dem eines harten und kämpferischen Lebens seine ersten dünnen Spuren hinterlassen hatte. Doch die klaren, grauen Augen strahlten wie der Vollmond in einer sternenreichen Nacht, während ein, von einem gepflegten Vollbart umrahmter Mund sich zu einem breiten Grinsen verzog, welches winzige Lachfältchen um die Augen zauberte. Eine dunkelblaue Tunika aus Samt, schlichte, graue Beinkleider und weiche Stiefel bildeten seine Kleidung. Keine Krone zierte das Haupt, kein übermäßiger Prunk beherrschte das Bild der Tunika. Solche Dinge hatte der Mann auch nicht nötig. Dass er königlichen Geblüts war wusste ein jeder, der ihm gegenüber trat. Stolz und gerade war seine Haltung, klar und scharf war sein Blick, echt und herzerwärmend war sein Lächeln. Als er auf die beiden Neuankömmlinge zuging, zeugte jeder seine Bewegungen davon, dass körperliche Anstrengungen, Reiten und Kämpfen für ihn Gewohnheiten waren und dass seine Muskeln seit frühester Jugend trainiert worden waren. Aragorn, Arathorns’ Sohn, aufgewachsen in Bruchtal unter dem Elbennamen Estel, lange Zeit Waldläufer und nun König von Gondor, bekannt als König Elessar (Elbenstein), eilte mit großen Schritten auf den Elbenprinzen – der ihm wie ein Bruder war – und den Zwerg – der ihm ein teurer Freund geworden war – mit ausgebreiteten Armen zu.

Noch bevor Legolas seine Ehrerbietung gegenüber dem Herrscher Gondors und des vereinten Königreiches erbringen konnte, fand der junge Elb sich in einer festen Umarmung wieder, die ihm für einen Moment beinahe die Luft aus den Lungen getrieben hätte. Dann vergaß er jede Etikette und erwiderte die Geste voller tiefster Zuneigung – sich einmal mehr darüber wundernd, was aus dem kleinen, frechen, übermütigen Bengel geworden war, den er einst in Bruchtal das erste Mal gesehen hatte und der zu einem Teil seines Lebens geworden war. Der Mann, der ihn soeben so unzeremoniell in die Arme schloss, war in diesem Moment nicht der Erbe Isildurs und der Herrscher des Felsenlandes, sondern jener Sterblicher, der als Kind von dem Elb beschützt, als Jungendlicher im Jagen und Kämpfen von ihnen unterrichtet und als Erwachsener zeitlebens immer wieder von ihnen unterstützt und begleitet worden war. Elben banden sich nur selten an Sterbliche. Die Kurzlebigkeit der Menschen im Gegensatz zu dem Schönen Volk verursachte bei den Erstgeborenen zu viel Schmerz, wenn die Stunde kam, in der Sterblichkeit und Unsterblichkeit unbarmherzig ihren fatalen Unterschied zeigten. Wenn eine solche Verbindung dennoch zustande kam, war sie von einer solchen Innigkeit, Treue und Aufrichtigkeit, dass sie ihresgleichen für Generationen suchte.

„Cormamin lindua ele lle, gwardor nîn!” („Mein Herz singt vor Freude dich wieder zu sehen, mein Bruder“ – Anm. des Autors: Gwardor heißt lediglich im übertragenen Sinne ‚Bruder’ und betitelt die Beziehung zu jemanden, der zwar nicht im Blute, aber in Seele und Geist ein Bruder ist.) Legolas’ Stimme war nur ein sanftes Flüstern, als er sacht mit beiden Händen auf jenen Rücken klopfte, der in seinen Erinnerungen noch vor ‘kurzem’ so klein und schmal gewesen war. Ein glückliches Lächeln umspielte seinen weichen Mund, bevor er die nun glänzenden kristallblauen Augen schloss und einfach nur das Wissen genoss, wieder mit seinem Freund vereint zu sein.

„Nae saian luume, gwardor nîn!” („Es ist zu lange her, mein Bruder“) erwiderte der menschliche König mit leicht heiserer, dunkler sanfter Stimme, als er für einen langen, wundersamen Moment sein Amt und seine Verpflichtungen vergaß, während er den Mann, der für ihn neben den beiden Söhnen seines Ziehvaters Elrond – Elrohir und Elladan – eine Familie war, an sich drückte. Der ihm, von Kindesbeine an vertraute Geruch nach Wald, Wiesen und Kräutern drang in seine Nase und mit einem entspannten Lächeln schloss auch er die Augen, als die vergangenen Jahrzehnte für kurze Zeit einfach im Nichts verschwanden und er sich einen Augenblick lang wie mit fünf Jahren fühlte, als er Legolas das erste Mal begegnet war und dieser ihn in einer stürmischen Gewitternacht, die über Bruchtal getobt hatte, tröstete. Zwischen dem wissbegierigen, Streiche spielenden und fröhlichem Menschenkind und dem warmherzigen, manchmal impulsiven, ebenfalls zu Späßen aufgelegten und dennoch ausgleichendem Elbenprinz war innerhalb von ein paar Tagen eine Kameradschaft entstanden, die sich in nur kürzester Zeit in tiefe Freundschaft verwandelte. Und daran hatte sich nie etwas geändert. Im Gegenteil! Das Band, das unsichtbar aber unzerreißbar zwischen ihnen sich entwickelt hatte, war immer stärker geworden, bis bei beiden manchmal nur ein Blickkontakt genügte um einander zu sagen, was der andere dachte und beabsichtigte Und nun, nach Monaten der Trennung von seinem engsten Freund, war Aragorn überglücklich, ihn wieder an seiner Seite zu wissen.

„Hm, es liegt mir fern, diese herzzerreißende Wiedersehensfreude zu stören, aber meine Höflichkeit gebietet es mir einfach, als ein Mitglied des Hauses Durans dem König von Gondor meine Aufwartung zu machen – vorausgesetzt, der Herr Elb ist so freundlich, endlich Platz zu machen!“ erklang die brummige, wohl vertraute Stimme neben Aragorn, der sich von Legolas löste. Für einen winzigen Moment tauschten die beiden Freunde noch einen belustigten Blick, blinzelten sich fast unmerklich zu – eine Geste, die selbst Lord Elrond früher hin und wieder entgangen war und die pure Verschwörung unter zwei Freunden darstellte – und dann wandte sich Aragorn dem Zwerg zu, der leicht schmollend zu ihm aufsah.

„Gimli! Mein lieber Freund! Mein Herz ist froh, auch dich wieder zu sehen!“ Er legte dem Naugrim eine Hand auf die Schulter und grinste breit auf ihn hinab, bevor er sich bückte und den Zwerg einfach in die Arme schloss, der die Augen aufriss – was hatten die Menschen heute mit ihrem Umarmungstick eigentlich? – sichtbar rot wurde und anscheinend keine passenden mehr Worte fand.

Legolas feixte leicht. „Du hast es geschafft, Estel! Endlich hat es Gimli Glóinssohn die Sprache verschlagen!“

Der König gab den Zwerg frei, als dieser sich versteifte und schwer räusperte. Dann warf Gimli dem Elb einen empörten Blick zu und baute sich vor ihm auf. „Das glaubst auch nur du, Spitzohr! Einem Zwerg verschlägt es niemals die Sprache!“

Der Thronerbe des Großen Grünwalds seufzte theatralisch und schüttelte mit gespielter Resignation den schönen Kopf. „Und es war so herrlich ruhig!“

Eine dunkle Stimme begann leise zu lachen und der König wandte sich einem Mann im Raum zu, der sich in einer Nische in einem bequemen Sessel halb im Schatten nieder gelassen hatte, und weder von dem Elb, noch von dem Zwerg bisher bemerkt worden war. Letzteres mutet sicherlich verwunderlich an, denn den Elben entging selten etwas – besonders nicht die Anwesenheit von jemandem, egal welcher Rasse – aber bei dem, der dort saß, war es nicht wirklich erstaunlich, dass weder Legolas, noch Gimli auf ihn aufmerksam geworden waren.

„Jetzt weiß ich endlich, was ich in den vergangenen Monaten vermisst habe!“ grinste Aragorn beinahe fröhlich und legte einen Arm um Legolas’ Schulter und eine Hand wieder auf die Schulter des Zwergs, die beide jedoch zu sehr auf die vierte Person fixiert waren, um auf diese Neckerei einzugehen.

Das Lachen wurde lauter und herzhafter, während die Gestalt sich erhob und aus den Schatten trat. Schlohweißes Haar, ein längerer, gepflegter Bart – ebenfalls von der Farbe frisch gefallenen Schnees – und ein langes, weißes Gewand wurden umrahmt von dem Sonnenlicht, welches sich durch die hohen Fenster ergoss, während blaue Augen in einem alten und weisen Gesicht belustigt funkelten. „In der Tat! Unsere beiden Freunde sorgen immer für vergnügliche Unterhaltung!“

„Mithrandir!“

„Gandalf!“

Elb und Zwerg gingen mit leuchtenden Augen gleichzeitig auf den Weißen Zauberer zu, der erneut jenes sanfte und dennoch herzliche Lachen erklingen ließ, bevor er die Arme ausbreitete und die beiden Freund in eine sachte Halbumarmung schloss. „Als ich erfuhr, dass ein Elb und ein Zwerg über die alte Waldstraße des Düsterwaldes zogen und der Elb sogar Freunde seine Sippe harsche Worte gab, als sie sich an der Anwesenheit des Zwerges stießen, sagte ich mir: Gandalf, die beiden kennst du! Und siehe an: jetzt stehen sie hier vor mir und tun noch immer so, als könnten sie einander nur mit Mühe tolerieren! Dabei waren sie sogar bereit, ihre ureigenen Ängste zu überwinden, um die Welt des anderen zu sehen und zu verstehen, wie man euren gemeinsamen Besuch in den Glitzernden Grotten und dem Fangornwald betrachten muss!“ Er schüttelte das Haupt. „Wenn nur alle Zwistigkeiten auf diese Weise so ausgetragen und beendet werden könnten!“

Die drei Freunde nickten lächelnd und Faramir schlug leicht die Augen nieder. Auch nach dem Fall Sarumans und der Vernichtung Saurons, zogen Banden von Orks, Uruk-hais und andere finstere Geschöpfen durch Gondor und nicht selten war der König in den letzten Monaten gezwungen gewesen, an der Spitze von Truppen auszuziehen, um diese Wesen zurück zu schlagen. Und Faramir hatte ihn begleitete, wann immer es nötig war, obwohl die Errichtung seiner Residenz in Ithilien viel Zeit in Anspruch nahm. Doch das Wohl Gondors – und das seines Königs – standen für ihn an erster Stelle, und so hatte er des Öfteren sich Aragorn angeschlossen und mit Schwert und Speer für die Sicherheit der Bevölkerung gesorgt.

Auch herrschte innerhalb Gondors nicht nur Harmonie. Einige der alten Lehnsfürsten, die unter Denethor praktisch Narrenfreiheit gehabt hatten, solange sie ihm nur reichlich Abgaben überbrachten und ihm bedingungslose Treue bewiesen, waren im Geheimen nicht all zu glücklich über den neuen König, der zu viele Fragen stellte und grundlegende Reformen eingebracht hatte, die dem gemeinen Volk mehr Freiheiten ließ und die Fürsten einschränkten. Besonders Ferethon, Sohn des im Ringkrieg gefallenen Forlong dem Dicken, nun Lehnsverwalter und Fürst von Lossarnach, war in Faramirs Augen zu aufmüpfig, und er traute dem Mann nicht über den Weg. Er war Denethor völlig ergeben gewesen, doch König Elessar gegenüber ließ er es manchmal an dem gebührenden Respekt mangeln. Nicht, dass auch Ferethon dankbar dafür war, dass unter Aragorns Führung Sauron gestürzt worden war, doch er schien mit der politischen Richtung, die der ehemalige Waldläufer einschlug, nicht einverstanden zu sein und ihm irgendetwas zu grämen. Faramir befürchtete manchmal, dass Aragorn und Arwen mit ihm Probleme bekommen würden. Und es war sein größtes Bestreben, den Mann, der ihm das Leben rettete, und die Frau, deren Schönheit, Klugheit und Herzenswärme das Volk im Sturm erobert hatte, vor jeglichem Ungemach zu bewahren.

Aragorn bot seinen beiden Freunden einen Platz an und läutete nach Wein, von dem er wusste, dass dieser sowohl dem Elb, als auch dem Zwerg mundete. Gut, letzterer bevorzugte Ale, aber Gimli hatte auch gelernt, einen guten Wein zu schätzen – vor allem, nachdem er das Wetttrinken mit Ale gegen Legolas in Edoras verloren und am nächsten Tag mit einem üblen Kater zu kämpfen gehabt hatte. Faramir setzte sich ebenfalls, während Gandalf seine Pfeife stopfte und den jungen Elbenprinzen nicht aus den Augen ließ. „Ich fühle leichten Zorn in dir!“ sagte der Istari leise, während er sich wieder auf seinen Sessel nieder ließ. „Was brachte das Blut des Sohnes Thranduils in dunkle Wallung?“

Auch Aragorn hob eine Braue, als er das dünne Feuer bemerkte, dass in den Augen seines unsterblichen Freundes flackerte. Er kannte Legolas wie kaum ein anderer, und dass dieser über etwas erregt war, bemerkte nun auch er. Fragend schaute er den Elb an, der tief Luft holte.

„Man hat ihn beraubt“, ließ Faramir sich vernehmen und Estel sah ihn schockiert an. „WAS? Wo? HIER?“

„Drei sehr interessante Fragen!“ kommentierte Gimli und begann zu lachen. Legolas schnitt eine leichte Grimasse, während der König und Gandalf die Stirn runzelten. „Lass es gut sein, Gimli! Ich werde Aragorn nachher berichten, was…“ setzte Legolas an, doch der Naugrim war nicht mehr zu halten, hatte er sich doch darauf am meisten in der vergangenen Stunde gefreut.

„Eine hübsche, schmutzige Maid ist in ihn hinein gelaufen, und während der Herr Elb höflich und zuvorkommend ihr beim Einsammeln von ihrem Obst behilflich war, hat sie seinen Geldbeutel mitgehen lassen!“ platzte es aus ihm heraus. Dann lachte der Zwerg wieder so heftig, dass seine Stimme von den Wänden widerhallte, und Legolas verdrehte höchst unelbisch die Augen – eine Geste, die er von seinem menschlichen Freund angenommen hatte. „Geht es nicht  noch etwas lauter, Gimli? Ich bin mir sicher, dass man dich im Auenland noch nicht richtig verstanden hat!“ knurrte er sarkastisch, was dem Zwerg ein weiteres Glucksen entlockte.

„Was hat man im Auenland noch nicht richtig verstanden?“ fragte eine Stimme von der Tür her und die fünf Männer wandten sich um.

„Eben? Wir Hobbits sind schließlich nicht auf den Kopf gefallen!“

Gimli sprang auf und breitete mit einem fröhlichen Ausruf die Arme aus. Auch Legolas erhob sich – selbstverständlich wesentlich eleganter als der Zwerg – und lächelte, als er die beiden, wie immer barfüßigen, zerzausten Lockenköpfe sah, die Meriadoc Brandybock und Peregrin Tuk waren. Die beiden Halblinge stürmten auf sie zu und umarmten den Zwerg, dem sie mal gerade bis zur Schulter gingen, und dann Legolas, wobei ihre Arme gerade mal bequem seine Taille erreichten. Der Elb drückte die beiden kleinwüchsigen, lebenslustigen Geschöpfe aus dem Auenland an sich, bevor eine Bewegung an der Tür ihn ablenkte.

Ein sanftes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Elben aus, als er die beiden anderen kleinen Gestalten erkannte, die im Türrahmen standen – der eine jungendlich wirkend, braunhaarig, großäugig und schüchtern, der andere recht beleibt, rot-goldhaarig und mit einem bewundernden Blick, der Legolas galt. Der Thronerbe des Großen Grünwalds schmunzelte innerlich. Er wusste, dass Samweis Gamdschie sich von Elben wie magisch angezogen fühlte und überglücklich war, einen zum Freund zu haben. Dann richtete sich Legolas’ Augenmerk auf den anderen Hobbit, der die größte Bürde von ihnen allen getragen hatte. Pippin und Merry, die bereits mit Gimli um die Wette schnatterten, sanft beiseite schiebend trat der Elb auf Frodo Beutlin und seinen treuen Freund Sam zu, bedachte sie abwechselnd mit einem strahlenden Lächeln – und zog beide an sich.

Frodo lachte leise auf und warf beide Arme um die Hüfte des Elben, während Sam mit leuchtenden Augen zu ihm aufsah und verlegen in sich hinein lächelte, als Legolas ihm impulsiv das ohnehin zerzauste Haar zerwuselte. „Frodo, Sam! Mein Herz tanzt, meine tapferen kleinen Freunde wieder zu sehen!“

„Maheh gouvaenneahen!“ presste Sam rasch hervor und seine Ohren nahmen eine rote Farbe an, während er hoffnungsvoll zu Legolas aufsah. Dass dies eigentlich der elbische Gruß sein sollte, erahnte Legolas mehr, als dass er es verstand, denn Sam hatte die Worte so schnell und mit beinahe lustig anmutenden Schleifen ausgesprochen, dass sie klangen, als hätte er eine heiße Kartoffel im Mund. Aber das störte den Elbenprinzen nicht, denn er sah sehr wohl die gute Absicht des Halblings und die Hoffnung auf seinem Gesicht. Daher verneigte er sich leicht und erwiderte feierlich. „Mae govannen, mellon nîn! Ich freue mich, dass du mich in meiner Sprache begrüßt, Freund der Pflanzen!“

Sam, aus einer Gärtnerfamilie stammend, lief nun völlig tiefrot an und kratzte sich verlegen den Kopf. „Bei dir klingt es… anders!“

Frodo ergriff das Wort und gab ihm eines von seinen stillen Lächeln. „Sam! Natürlich klingt es bei Legolas anders! Es ist schließlich seine Muttersprache!“

Sam zuckte mit den Schultern. „An der Aussprache hapert es noch“, sagte er entschuldigend und fühlte die langen, warmen Finger des Elben, als dieser sacht seine Schulter drückte. „Samweis Gamdschie, was zählt ist die Absicht und der Versuch. Alles andere findet sich. Und Sindarin ist für nichtelbische Zungen schwer zu erlernen!“ Er legte den Kopf schief. „Wenn du möchtest, bringe ich dir etwas von meiner Sprache bei!“

Der Hobbit riss die Augen auf. „Wirklich?“ entfuhr es ihm, nicht daran denkend, dass diese Frage von einigen Elben sicherlich als Beleidigung aufgefasst worden wäre, denn die Erstgeborenen sprachen niemals die Unwahrheit. Legolas jedoch wusste die Reaktion des Halblings richtig einzuschätzen und lachte leise. „Wirklich!“ nickte er. Dann sah er wieder Frodo an. „Wie ist es dir ergangen?“

Der junge Beutlin, Neffe von Bilbo Beutlin, der einst den Einen Ring ins Auenland brachte, zuckte leicht mit den Schultern und zeichnete mit einem seiner großen, behaarten Füße auf dem Teppich ein imaginäres Muster, während jener melancholische und leicht furchtsame Ausdruck in seine tellergroßen, hellen Augen trat, der die, durch den Ring angegriffene Unschuld seines Wesens noch unterstrich, und in dem Elb regelmäßig das dringende Bedürfnis weckte, den Hobbit gegen jegliche Anfeindung zu verteidigen. Es lag nicht an der Körpergröße des Halblings, die der eines Kindes glich, sondern an dessen merkwürdigen Reinheit, die in dem Thronerben des Großen Grünwalds artverwandte Beschützerinstinkte weckte, wie es auch Estel als Kind getan hatte – und heute noch tat, auch wenn aus dem kleinen Menschenkind ein starker, weiser Herrscher geworden war.

„Es… ist schwer dort weiterzumachen, wo man aufgehört hat, nachdem so viel dazwischen lag“, sagte Frodo leise und blickte zu Legolas auf. Elben waren die ältesten und weisesten Geschöpfe Mittelerdes und ihre Sensibilität und die Empathie ihrer reinen Seelen, schreckten oftmals diejenigen, die nicht elbischen Geblüts waren, ab, da sie sich im Angesicht der Erstgeborenen ihrer eigenen Unzulänglichkeiten nur zu bewusst wurden. Andere wiederum sahen voller Demut und Hoffnung zu dem Schönen Volk auf, als würden dessen Angehörigen die Antworten aller Fragen haben und die anderen führen können. Doch nichts von alledem bewegte in diesem Moment Frodo. Er wusste nur, dass Legolas ebenfalls schon viel durchlebt hatte und sah in ihm eine artverwandte Seele, ungeachtet der Tatsache, dass sie von zwei völlig unterschiedlichen Rassen abstammten. Der Hobbit wusste, dass Legolas im Auge seines Volkes ebenfalls noch jung war und dennoch Dinge erlebt hatte, wie viele andere Elben nicht. Er spürte genau, dass der Elb ihn verstand. Er hatte es in dem Moment erkannt, als beim Rat Elronds der Prinz vor ihm in die Hocke ging, ihn erst und dennoch wild entschlossen anschaute und ihm versprach, seinen Bogen in seinen Dienst zu stellen. Von diesem Moment an hatte er dem hoch gewachsenen, schönen, so jung wirkenden Mann vertraut, und auch jetzt spürte er instinktiv, dass Legolas genau verstand, wovon er sprach.

Er sollte nicht enttäuscht werden.

Legolas beugte sich wieder zu ihm hinunter und strich ihm mit schlanken, starken Fingern sacht über eine Wange – eine Geste der Zuneigung und des Trostes. Seine feinen Sinne nahmen sehr wohl die dunklen Schatten wahr, die noch immer den jungen Hobbit quälten. „Manchmal bebt die Erde und reißt Klüfte dort, wo einst Gras, Kraut und Blume ein verwobenes Ganzes bildeten. Es dauert, bis die Erde wieder ineinander verschmilzt und jene, die getrennt wurden, wieder eins werden können. Aber Sonne, Mond, Regen und Wind streichen unablässig über sie und fügen wieder das zusammen, was so grausam getrennt wurde. Habe Mut, Frodo aus dem Auenland. Mut und Hoffnung – und dein altes und dein neues Leben werden zueinander finden, wie jene Seiten der auseinander gerissene Kluft.“

Die warme Stimme des Elben spülte über Frodo hinweg und nahm einen Teil seiner Last mit sich. Die Wunde, die der Nazgûl auf der Wetterspitze ihm beigebracht hatte, schmerzte öfter als früher und dunkle Träume bemächtigten sich seiner in unregelmäßigen Abständen, aber die Worte Legolas’ beruhigten seine aufgepeitschte Seele und als er in die kristallblauen Augen über sich sah, wusste er, dass eine ruhige und friedliche Nacht vor ihm lag. „Ich danke dir!“ flüsterte er und schloss kurz die Augen, als der Elb nun auch sein Haar durcheinander wirbelte, wie ein großer Bruder es tun würde.

Sam beobachtete die beiden und fühlte tiefe Dankbarkeit in sich aufsteigen. Er hatte die Elben schon immer bewundert – jenes sagenhafte, große, schöne Volk, von dem ihm schon sein Großvater erzählte – aber zu welchen sanften Wundern diese geheimnisvollen Wesen, welche die Magie der Natur und die Sprache der Tiere und Pflanzen sprachen, wirklich fähig war, begriff er einmal mehr. Legolas hatte mit nur ein paar Worten Frodo Kraft gegeben, wie gutes Essen, lange Gespräche und friedliche Spaziergänge es in den vergangen Wochen nicht vermocht hatten. Sam atmete durch, als er für einen Moment das Geheimnis der Elben begriff. Man wollte ihnen glauben! Was ein Erstgeborener sagte, war unumstößlich. Und dieses Wissen genügte, einen über den eigenen Schatten springen zu lassen und wieder an Dinge zu glauben, die man als verloren ansah.

Der Elb blickte abwechselnd von einem zum anderen und schmunzelte dünn. Frodo und Sam erinnerten ihn sehr an Estel und sich selbst. Auch er war immer darum bemüht gewesen, seinem menschlichen Freund vor allen Feindlichkeiten des Lebens zu beschützen und Aragorn war dennoch stets seinen Weg gegangen, so dass Legolas ihm hatte folgen müssen – genau wie es bei diesen beiden Hobbits der Fall war. Sacht führte er die beiden Halblinge zu den Sesseln.

„Wie war eure Reise?“ erkundigte er sich und Frodo lächelte. „Gut! Wir brachen von Bree aus auf und hielten und westlich des Nebelgebirges, da wir hörten, dass dieses zu tief verschneit sei und selbst die meisten Pässe unpassierbar wären.“

„Ja“, ergänzte Sam gewissenhaft. „Wir sind den Grünweg hinunter und haben uns an der Graufurt bei Tharbad mit Gandalf getroffen. Den restlichen Weg sind wir gemeinsam gereist, über die alte Südstraße durch Dunland bis zu den Pforten von Rohan, und von dort weiter westwärts, an Edoras vorbei und dann längsseits der Entwasser bis wir auf den Anduin stießen. Von dort aus immer schön nahe des Ufers entlang bis nach Minas Tirith!“

Legolas hob beide Brauen. „Da hätten wir uns beinahe getroffen. Gimli und ich kamen vom Großen Grünwald her, verließen ihn südlich von Dol Guldur und überquerten den Anduin südlich der Ebene des Celebrant. Dann sind wir quer durch das Hügelland von Rohan, überquerten die Entwasser kurz vor deren Mündungen und zogen dann durch Anórien nach Minas Tirith!“

Frodo sah ihn überrascht an. „Eine weite Reise. Seid ihr wirklich quer durch Düsterwald, vorbei an Dol Guldur?“

Der Elb nickte lächelnd. „Mae! (Ja) Mein Vater und Celeborn schlugen die nördlichen Heere Saurons letztes Jahr im März, als wir um Minas Tirith kämpften, und Dol Guldur fiel. Celeborn herrscht nun über den südlichen und mein Vater nach wie vor über den nördlichen Düsterwald, welcher jetzt wieder Großer Grünwald heißt.“ Er feixte leicht. „Ich hätte zu gerne gesehen, wie mein Vater und Celeborn darüber verhandelt haben!“

Sam schaute zu Gimli hinüber, der gestenreich etwas erzählte, während Pippin und Merry andächtig lauschten – und auch Aragorn und Gandalf hörten aufmerksam zu. „Waren du und Gimli die ganze Zeit zusammen?“ fragte er neugierig und der Elbenprinz schüttelte betrübt den Kopf. „Nein, unsere Wege trennten sich, nachdem ich Gimli über die Waldstraße bis hinauf zum Langen See begleitet hatte. Sein Weg führte weiter nördlich zum Einsamen Berg, zu seiner Sippe, und der meine verlief leicht westlich den Waldfluss entlang zu den unteririschen Hallen meines Vaters. Aber wir verabredeten uns für Anfang Februar, um rechtzeitig zu den Feierlichkeiten und Estels Geburtstag wieder in Minas Tirith einzutreffen!“ Für einen Moment erinnerte er sich zurück, als er und der Zwerg sich nach knapp fünf Monaten der Trennung wieder trafen – genau dort, wo zuvor ihre Wege unterschiedliche Richtungen genommen hatten. Thranduil hatte es sich nicht nehmen lassen, ein paar Krieger mit Legolas mitzuschicken, denn der Winter war streng und die Wölfe Isengarts noch nicht alle vertrieben. Das Gleich hatte Glóin getan und die Elben- und Zwergenkrieger hatten nicht schlecht gestaunt, als sich Prinz und Naugrim in die Arme fielen und den Anschein erweckten, sich nicht so schnell wieder loslassen zu wollen. Legolas und Gimli hatten dann ihre Begleiter nach Hause geschickt – welche widerwillig und sich gegenseitig leicht misstrauisch beäugend schließlich gehorchten – und dann waren sie gemeinsam weiter gezogen. Und Gimli hatte sogar freiwillig seinen Platz hinter Legolas auf Arod wieder eingenommen, obwohl ihm Pferde noch immer unheimlich und fremd waren.

„WAAAS?“ Pippins Aufschrei lenkte die beiden Halblinge und den Elb ab. Noch bevor Legolas sich umwandte wusste er, um was es ging. Und richtig! Gimli erzählte soeben haarklein, wie er – Legolas – der Raffinesse einer jungen Diebin zum Opfer gefallen war. Der Sohn Thranduils stöhnte lautlos auf. Dass er sich hatte von einem Menschenmädchen bestehlen lassen, würde ihm noch lange anhängen! Alleine dafür schon hatte er das dringende Bedürfnis, sie zu stellen und ihr klar zu machen, was sie angerichtet hatte! Von dem kriminellen Akt des Diebstahls mal ganz abgesehen!

Pippin sah aus großen, blauen Augen zu dem Elb auf. „Mädchen können einen ganz schön in Peinlichkeiten bringen, nicht wahr?“

Merry trat ihm auf den Fuß, während er sich ein paar mittelblonde Locken hinter die spitz zulaufenden Ohren steckte. „Pip! Legolas ist das schon unangenehm genug – auch ohne deinen Kommentar!“

Sein Vetter sah ihn erstaunt an. „Ich wollte doch nur mein Mitgefühl zeigen!“

Der Elb schnaubte leicht belustigt. Pippins unschuldige Art, wenn er praktisch mit jeder Tür ins Haus fiel, war ihm noch gut im Gedächtnis, aber er wusste auch, dass der junge Hobbit es nicht böse meinte. Er sprach eben vor dem Denken – und handelte manchmal auch in derselben Reihenfolge! „Schon gut, Pippin!“ lächelte er und der Halbling straffte stolz die Schultern. „Danke für deine guten Worte.“

„Siehst du?“ versetzte er an seinen Vetter gewandt und grinste dann breit. „Legolas weiß wovon ich … denke… spreche… was auch immer!“

Estel rieb sich die Stirn. „Und noch etwas, was ich vermisst habe: das sensible Fingerspitzengefühl von Peregrin Tuk!“

TBC…
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